Freitag, Juni 14, 2019

Freischaffende Beuter der sieben Weltliteraturmeere. Belletristische Produktpiraterie

Eine erfolglose Literatenpiratin ist es leid, kein eigenes Schiff zu befehligen, sie lässt sich die Heuer für ihre Jahre Schufterei auf der MS Roman auszahlen (54,74 €) und springt von Bord. Der Wortfluss trägt sie mit sich fort und spült sie ans andere Ufer. Eine Weile verdingt sie sich dort als Texterin lesbischer Pornos mit Anspruch.

[kurz im Publikum umsehen - „nein, es sind zu ordentliche Leute hier, ich lese jetzt keine Ausschnitte daraus“],

doch das befriedigt sie selbst nicht lang genug.

Sie will mehr. Herrin auf allen sieben Weltliteraturmeeren sein! Der Schrecken des Buchhandels, die Geißel der Krimiautoren, die Faust des Todes im Nacken unwilliger Verleger und erfolgreicher Konkurrenten! Eines Nachts schleicht sie sich nächtens auf die MS Kafka und kapert sie still wie ein Virus. Sie will damit ein Werk schaffen, das beißt und sticht, denn wenn ein Text seine Leser nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen sie dann überhaupt? Ihre Schöpfung soll die Axt sein für das gefrorene Meer in den anderen! Aber das Schiff ist alt und alle anderen ganz jungen Literaten wollen es auch entern. Und jemand muss die Piratin M. verleumdet haben, denn ohne noch in See gestochen zu sein oder etwas fertig geschrieben zu haben, wird die MS Kafka von strengen Kritikern beschlagnahmt. M, die sich im Zimmer des Heizers versteckt hat, gelingt die Flucht. Über knarrende Wanten hangelt sie sich von Takelage zu Takelage, bis sie bei einem Schiff neuerer Bauart landet – der MS Wolf Haas, weil pass' auf, da passiert immer was, aber nicht dass du glaubst, die Literatin wird jetzt glücklich auf der Haas, weil immer die Leser duzen und immer dieser Stil, da wirst du doch zum Säufer. Es ist nicht so, dass sie es nicht aus dem Hafen heraus geschafft hätte, die M war ja eine, die schon auch was geschafft hat, aber dann ist sie auf einmal ganz dings geworden. Das muss ich euch kurz erklären, wie das mit dem dings gemeint war: Weil neue Entdeckung. Die M hat am Horizont eine Insel gesehen, wie Inseln in Piratenbüchern eben aussehen, und da ist sie wieder kurzerhand von Bord gehüpft wie ein Spatz auf die Brösel.

Nach einer fünfzehnminütigen Odysee, so singt uns die Muse die Taten der wanderlustigen Dichterin, gelangte die Heldin an das fremde Gestade, sie singt vor Zorn, bis ein freundlich Wind ihr den Leib getrocknet. Ei, wie der Sonnengott ihr da die Haut gesenget! Und fern das Wasser, welch gewalt'ge Not.

So verfällt die Freibeuterin des Wortes wegen des mangelnden Trinkwassers in einen Schaffensrausch. Immer am Rande des Hitzetodes fließt ihr ein Roman nach dem anderen aus den Fingern, alles schreibt sie exakt auf, was ihrem siedenden Hirn einfällt, es ist der Fluch der Akribik. Der Reihe nach stopft sie die Manuskripte in dickbauchige Flaschenpostflaschen und wirft sie absichtslos in die See. Sie tragen Titel wie „Handbuch der Kriegerin gegen das Neonlicht“, „Die Homöopathin“, „Jakob auf dem Holzweg“ oder „Veronika beschließt zu erben“, dumme Gedanken eines vertrockneten Hirnes. Was die Seeräuberin der Lyrik nicht ahnt: Alle Werke werden vom Mainstream erfasst und direkt in die Hände des Publikums gespült. Die Neonlicht-Streitschrift wird zur Bibel der EU-Glühbirnenverordnungskritiker, und das Buch über das Erben inspiriert hundertausende junge Menschen, darunter den Volkskanzler der Herzen, sich rechtzeitig Eigentum zu erwerben, um vor Altersarmut geschützt zu sein. Die Kaperfahrerin der sieben Weltliteraturmeere schreibt rastlos Sätze wie "Der Mensch will immer, dass alles anders wird, und gleichzeitig will er, dass alles beim alten bleibt", lauter esoterischen Stickpolsterweisheitsscheiß wie „Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die du immer wolltest.“ Bald bekommt Paolo Coelho Wind davon, dass da jemand seine Buchhandelsfregatten kapert, er schickt eine Forschungsarmada aus; man studiert die gegenwärtigen Strömungen und kommt auf den richtigen Schluss. Doch als die Strafexpedition die Heiminsel der dem Wahn verfallenen Nachdichterin endlich findet, ist von der keine Spur mehr im Sand zu lesen. „Verdammt, wir sind zu spät!“ sagt der Befehlshaber des Geschwaders, der auf der langen Forschungsreise sehr viel dekonstruktivistische Schriften studiert hat, und erst vorgestern las er Barthes' „Der Tod des Autors“, und gestern bei Foucault, dass der Mensch bald verschwinden werde „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Er lässt die Segel setzen und Kurs halten zurück an bekannte Ufer.

Was niemand weiß: Die Autorin ist noch gar nicht tot! Auch sie hat ihre Poststrukturalisten gelesen und sich unbemerkt der Armada eingeschrieben wie ein postmoderner Hypertext. Sie labt sich als kurzsichtige Passagierin im Schiffsrumpf an den Früchten anderer Hände Arbeit, und als man endlich im Hafen der Zivilisation ankert, schleicht sie unbehelligt von Bord.

Siehe da! Hötaus! Man liegt vor Linz! In der Abwesenheit der Schiff- und Wortbrüchigen hat sich die Stadt am Strom zur „Linzeraturhauptstadt“ ernannt. Cool!, denkt die Piratin, die ihr Gewerbe nicht lassen kann, und auch das Gewebe nicht, das Zutexten ehrlicher Bürger, sodass sie – kaum hat ihr Fuß festen Boden unter sich – flugs den nächstbesten Nachen kapert.

[Jetzt ist die einzige Minute, in der es stimmiger wäre, läsen wir heute auf dem Salonschiff Fräulein Florentine, ich ersuche um geistige Mitreise dorthin!]

Es ist die MS Libido, und die Piratin erobert gleich die Crew und sie kapert Ihre Aufmerksamkeit und sie stiehlt Ihnen Ihr Gold im Austausch gegen billigen Tand und wertloses Wortgeklingel.

Und nach einer Buddel voll Inländer Rum sangen alle gemeinsam:

Wir lagen vor Magdalena und hatten die Voest vor Bord

In den Kessel da faulte das Zipfer

und täglich erklang der Linzer Wort!

Ahoi, Literaten, ahoi! Ahoi!

Dienstag, Mai 21, 2019

Fremd im eigenen Hirnland

Ein lieber Kollege spricht mich auf meinen Text im neuen Landstrich an, er arbeite grade zum gleichen Thema - da fällt mir ein, dass ich keine Ahnung mehr habe, was ich eingereicht habe. Drei Monate und keine Erinnerung. Thema war "fremd". Ich bin wirklich eine andere. Oder die Demenz greift an.
Das ist jedenfalls der Text: 

Fremdkörper

Vom rechten Weg abkommen

Akzeptable Affekte gegen das Fremde:
Über die schlecht vernarbte, geschwollene Wunde streichen und so über das metallische Kratzen der Fingerkuppe über den Splitter erschrecken, dass die linke Hand vom rechten Unterarm zurückzuckt. Oder. Aus dem Traum gerissen werden, weil einem jemand ins Gesicht gefasst hat, den Angreifer packen und wieder heillos erschrecken, weil es die eigene, eingeschlafene Hand ist, die auf der Wange lag. Auch. Die Kanonenkugel von Playmobil in der Kindernase. Und überhaupt. Viren im Leib, Viren im System. Der Hexenschuss beim Anziehen der Socken.
Unter Umständen verständliche Xenophobie:
Mit einer vor Wochen verstorbenen Maus im Mund aufwachen, den Leichnam als die eigene Zunge erfahren, dann aufstehen und sich den Magen umdrehen, der autoimmune Gram gegen den Kopf, die Scham nach vier Bieren. Oder. Die Küchenkastenkante, die schon seit Jahren an derselben Stelle auf dieselbe Stelle des Hinterkopfes trifft, und dann die Hand, deren Knöchel im Zorn auf das Holz schlagen; der Schmerz, der sich dadurch nicht teilt, sondern verdoppelt.
Sachgerecht sublimiertes Fremdeln gegenüber dem Anderen:
In vierzehn Semestern mühsam die offene Dialektik von Eigenem und Fremden verstehen lernen; Paratexte, die sich in einen Wirtstext einnisten, wie der Wikipediaeintrag im autobiographischen Versuch über den Fremdkörper, einfach so, denn ein Fremdkörper (lateinisch corpus alienum) ist ein fester, einem Organismus fremder Körper, der von außen her in die Gewebe oder Hohlorgane des menschlichen oder eines tierischen Körpers gelangt ist. Die Art der Fremdkörper ist sehr vielfältig und reicht von Staub und Haaren über Murmeln und Geldstücke bis zu vergessenen Scheren und Tüchern (Gossypibom) im Gewebe nach einer Operation. Oder. Im Urlaub mit einem Mal doppelt so viel wahrnehmen, nur weil alles um einen herum so exotisch ist. Englische Witze bevorzugen, weil man sie schlechter versteht.
Der rechte Weg:
Ein Dutzend Rösser zur Wahrung der Sicherheit. Oder. Botschaften im holpernden Endreim, Pummerin statt Muezzin. Oder. Hegel rechts auslegen, dem Recht das Folgen lehren. Werte ehren. Den rechten Arm heben, um den Linken zu winken. Den Fremden das Ersaufen schaffen.

Samstag, Mai 18, 2019

Im Westen – die neue Seidenstraße

[Der Erzähler arbeitet als Landvermesser für die neue Seidenstraßeneisenbahn, die am Lauf der Donau entlang an der Traun abbiegt und von dort ins Gebirge und die Adira führen soll. Es droht Gefahr von den Eingeborenen-Stämmen der Awaren, Slawen und Bajuwaren, die in diesem Gebiet leben und von einer Bahn nichts wissen wollen. Der junge Held ist ein Greenhorn, er freundet sich mit Deng Xiao an, dem Leiter des Security-Teams und erfahrener Westmann. Die beiden sind an einem Sonntag früh morgens auf eine Gams und steigen jetzt wieder aus dem Höllengebirge ab:]

Wir hatten uns dem Lager angenähert, als grässliches Geschrei die Gebirgsruhe durchschnitt. Den Augen bot sich Entsetzliches – rings auf den Bäumen saßen die Arbeiter und brüllten um Hilfe. Vor mir stand der Braunbär und wühlte im Unterleib des Kochs Long, der am untersten Ast einer Buche hing. Ich hob – ohne nachzudenken – einen Stein vom Boden. Der Petz hielt, am Kopfe getroffen, sogleich in seinem Wüten inne und drehte sich zu mir um, der ich ihn mit einem Schuss ins rechte Auge empfing. Der Bär sackte auf die Vorderläufe, dann tappte er stracks auf mich zu. Ich zog mein Klappmesser, sprang zwischen die Tatzen und stach zu. Viermal in das Herz hinein. Der Bär gab nach und sank in seinen Tod. Ich ging zum Stamm, an den sich Long klammerte. „Lasst los, Mann, ich helfe euch herunter!“ Der Anblick war wüst, die Eingeweide hingen ihm aus dem Bauch. Er war tot. Die Arbeiter wollten erst von den Bäumen steigen, nachdem ich ihnen die Leblosigkeit des Tieres bewiesen hatte.

Deng Xiao beugte sich über den Leichnam. „Ó! Ein Braunbär! Muss von Karantanien her kommen.“ Die Arbeiter, die gerade noch um ihr Leben gefürchtet hatten, wollten sich nun gierig daran machen, dem Bären die Krallen und den Penis abzuschneiden, um sie als Heilmittel weiterzuverkaufen. „Der Bär ist mein!“ rief ich, aber sie wichen nur kurz zurück. „Noch ein Schritt weiter und ich schlage jeden ohnmächtig, der --“

In diesem Augenblick tönte eine laute Stimme. „Meine Herren, seid ihr toll? Was für einen guten Grund könnte es geben, dass Landsleute einander den Hals brechen?“ Da trat ein buckliges Männlein hinter einem Baum hervor. Er war so hellhäutig, dass man ihn für einen Europäer halten musste. Der Kleine wandte sich an mich. „Habt Ihr Kraft in den Knochen, junger Herr!“ Er kniete sich zum Bären. „Ihr seid uns zuvorgekommen.“ Er richtete sich wieder auf. „Ihr seid Landvermesser?“ Ich nickte, ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Der Boden gehört dem Stamm der Awaren vom Salzberg.“ „Was geht euch das an?“, brüllte der besoffene Vorarbeiter Shǔ. „Ich gehöre zu den Awaren“, antwortete der Bucklige ruhig. „Ah!“ krähte Shǔ in spöttischer Bewunderung, „Huángsè-fùqīn, der Schulmeister der Langnasen!“

Der Kleine rief ein europäisches Wort in den Wald, das ich damals noch nicht verstand, worauf zwei außerordentlich interessante Gestalten auf die Lichtung traten. Es waren offensichtlich Vater und Sohn, die da würdevoll auf uns zukamen. Sie trugen ihr reiches blondes Haar wie einen helmartigen Schopf, ihre Augen strahlten blau. Sie waren in die grünen Jagdröcke der Gegend gekleidet. An den Beinen trugen sie wollene Socken, darüber fein gearbeitete und schön bestickte kurze Hosen aus Gamsleder. Der Jüngere machte einen tiefen Eindruck auf mich. „Das sind meine Freunde“, sagte Huángsè und wies auf den Älteren. „Das ist Ingenieur Tschurner, Bürgermeister der Salzberg-Awaren. Und hier steht sein Sohn Winifred, der trotz seiner Jugend schon kühne Taten verrichtet hat.“

Winifred betastete die Wundmale. „Wer hat diesen Bären mit dem Klappmesser angegriffen?“ Er sprach reines Mandarin. „Ich“, war meine Antwort. „Das junge Gelbgesicht hat großen Mut bewiesen!“ Der Bürgermeister wandte sich an Shǔ. „Mein gelber Bruder mag mir einige Fragen beantworten. Hat er im Osten ein Haus, und ein Stück Land dabei?“

Shǔ unterdrückte seinen Hohn halbherzig. „Ja.“

Wenn nun der Nachbar einen Weg durch diesen Besitz meines gelben Bruders bauen wollte, würde dies mein Bruder dulden?“

Nein.“

Die Länder jenseits des Himalayas und des Indischen Ozeans gehören den Chinesen. Was würden sie dazu sagen, wenn die Europäer kämen und dort Eisenbahnen bauen wollten?“

Sie würden sie fortjagen.“

Mein Bruder hat die Wahrheit gesprochen. Die Gelben kommen in dieses Land, schießen unsere Gämsen, rauben unsere Bodenschätze und Arbeitsplätze. Was werden wir dazu sagen?“

Shǔ schwieg.

Haben wir etwa weniger Recht als ihr?“ fuhr Ingenieur Tschurner fort. „Ihr nennt euch Kommunisten und sagt, dass alle gleich sind!“

Es ist notwendig für das Wachstum und den Standort“, sagte Shǔ kleinlaut.

Da wurde der Häuptling unwirsch. „Es ist nicht notwendig, dass ferner noch Reden gehalten werden. Ich will, dass ihr heute noch fortgeht.“ Er nickte seinen Begleitern zu, die drei wandten sich zum Gehen. Da griff Shǔ mit einer Geschwindigkeit, die ihm niemand zugetraut hätte, nach der Pistole. Ich stürzte auf ihn zu, doch schon löste sich ein Schuss. Huángsè sprang beherzt vor seinen Schützling Winifred, dem die Kugel gegolten hatte. Sie trat dicht neben dem Herz des Alten ein, er stürzte wie ein gefällter Baum. Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erscholl. Die Weißen knieten nieder, der Jüngere hob den Kopf des Getroffenen auf seinen Schoß. Blut quoll hervor. „Winifred, mei Bua!“ flüsterte er in der europäischen Mundart. Da wandte er sich zu mir, sprach mit dem letzten Atemzug auf Mandarin: „Bleiben Sie ihm treu! Führen Sie mein Werk fort... die Weißen brauchen Ihre Hilfe!“ Ich sagte es ihm ergriffen zu. Er hauchte sein Leben aus.

Winifred und sein Vater hoben stumm den Leichnam auf. „Ich will euer Freund sein! Ich gehe mit euch!“ drängte es über meine Lippen.

Da spuckte mir Tschurner ins Gesicht. „Räudiger Hund! Länderdieb!“

Die Weißen hoben ihren toten Lehrer auf ihren Traktor, banden ihn fest und fuhren von dannen. Sie hatten keinen einzigen Blick mehr für uns.


Sicherheit, auch an den stärkeren Tagen

Ach! Heutzutage ist ja nichts mehr sicher – bis auf das Gefühl der Unsicherheit. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn ich es ein bisschen übertrieben habe beim Medienkonsum. Auf allen Kanälen, auf allen Seiten schauen ältere, hellhäutige Herren grämlich Bedrohungen entgegen und kündigen Sicherheitsverschärfungen an. Schon klar, der depperte Terrorismus. Wer möchte den schon verteidigen!? Gerne möchte ich den Glossengott Max Goldt zitieren: „Kann man sich denn heute nicht mehr ohne Bomben ärgern?“ Nur: Angst habe ich davor für meinen Teil nicht. Das einzige, was bei mir explodiert, sind meine Wirtshausausgaben (laufend), ein fallender Joghurtbecher (neulich) und ich selbst nach einer Lappalie (höchstens einmal im Monat). Apropos. Wir Frauen kennen dieses Bedürfnis nach Sicherheit, auch an den stärkeren Tagen. Dieses Angegriffensein von ALLEM. Wenn die ansonsten so geliebten Menschen zu fest schauen, zu nah an uns vorbeigehen, zu sehr da sind oder zu weg. Diese Tage, an denen wir weinen wollen, wenn wir uns morgens von unseren armen Haustieren verabschieden. Wenn etwas von Nirvana oder Rage against the Machine überraschend im Radio läuft und man denkt, mei, sowas Schönes wird heutzutage gar nicht mehr gemacht. Man weiß im Moment des Geschehens, wie dumm man ist, und kann doch nicht aus. Oh, ihr Hormone!

Das Schöne an diesen gefühlsstarken Operettentagen: Sie gehen flugs wieder vorbei. Ist es für uns Damen nicht herrlich, wie uns diese regelmäßigen Stimmungseintrübungen zeigen, dass eine Laune keine objektive Wahrheit ist? Unsere aktuelle Befindlichkeit kein Schicksal? Vielen Männern scheint diese sympathische biologische Einladung, sich selbst nicht gar so wichtig zu nehmen, zu fehlen. Darum sind sie solche willigen Opfer von Grant, Unsicherheit und Angst. Sie halten ihre Gefühle für gerechtfertigt. Wie töricht!

Wir Frauen müssen da wirklich sehr handfest einschreiten, sonst wird die Welt nicht heil. Sagen wir den saudummen IS-Terroristen etwa, sie sollen nicht so hysterisch sein. Vasektomieren wir männliche Verfassungsrichter, die Abtreibungen nach einer Vergewaltigung verbieten. Befehlen wir dem Trump, dass er nicht so stutenbissig herumkreischen soll. Fragen wir Erdogan, Kickl und Strache, ob sich leicht grad ihre Regel haben, weil sie heute gar so unerträglich sind.

Behandeln wir diese Herrenrasse genauso, als wären sie die Frauen, die sie in uns immer gesehen haben! Überforderte Wesen, die in den Schutz des Heimes gehören! Dann der Umsturz und das goldene Matriarchat.

So wird alles gut.

Freitag, Mai 17, 2019

Gabbionen vor Trumps Elternhaus

Warum es keine Schande ist, aus Schönering zu stammen

Ein Auszug aus der im Oktober 2019 erscheinenden Autobiographie „Von der Poetin zur Despotin. Verantwortung übernehmen!“ Bundespräsidentin Dominika Meindl, redaktionelle Mitarbeit Armin Wolf.

Privat ist Donald Trump ganz anders als öffentlich, wo er sich so unmöglich gibt, dass ich selbst schon lange aufgehört habe, mich über seine neuesten Grillen aufzuregen, obwohl wir uns schon so lange kennen. Nämlich über unsere Väter, sie haben zusammen beim Pfarrtheater gespielt. „Die gemischte Sauna“, Trump sen. war der besoffene Pfarrer, ein großer Lacherfolg. Der junge Trump war in der B-Klasse, mit der es eigentlich keine Freundschaft geben durfte, aber weil sich die Väter eben kannten, waren es wir beide, die dem LH damals die Blumen überreichen sollten, als die Volksschule ein neues Dach bekommen hat. Der Donald hat – schon ganz Profi – das Gedicht souverän abgeliefert, fast schon ein wenig zu überzeugend, während ich sofort abhauen wollte, sobald ich alle Augen auf mir, den rutschenden Trachtensocken, dem zu engen Kleid und dem für ein kleines Kind viel zu schweren Blumenstrauß auf mir spürte. Mein Vater konnte mich gerade noch am Knoten der Dirndlschürze abfangen und in die richtige Richtung zurückdrehen. Der Ratzenböck lachte, die Direktorin sah ihn an und lachte aus Höflichkeit mit, die Lehrerin schaute betreten zu Boden. Aber der Donald legte mir seine Hand auf die Schulter, er schob mich mit, hin zum lachenden LH. Die Blumenübergabe klappte. Das werde ich dem Trump nie vergessen, auch wenn er beim Klassentreffen letzten Samstag die ganze Angelegenheit sehr zu meinen Ungunsten erzählt hat. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass er uns nicht ernst nimmt, seit er die USA hat und ich nur Österreich.

Ich habe es bis jetzt nicht publik gemacht, dass der Trump und ich miteinander in der Firmvorbereitung und in der Skigymnastik und bei der Jungschar waren. Zum einen glaubt er ja, seine Wurzeln bei uns im Zentralraum nicht erwähnen zu müssen, zum anderen führt er sich ja wirklich auf wie ein Kleinkind im Zuckerschock, sobald man eine Kamera auf ihn hält. Zudem sehe ich wesentlich jünger aus.

Wie ist es dazu gekommen, dass der Donald Schönering und uns allen so ganz den Rücken zugewandt hat? Er hat im Stiftsgymnasium Wilhering ja nur die Unterstufe geschafft, weil er sich mit dem Lateinischen so schwer getan hat, während es mir zugeflogen ist, als hätte ich es in einem früheren Leben schon einmal gesprochen. Aber gut, für die Weltherrschaft musst du heute keinen gallischen Krieg mehr übersetzen können. Ich habe mir immer vorgenommen, anderen ihre mangelnde humanistische Bildung nicht vorzuhalten, immerhin haben meine Eltern geschuftet, um mir meinen Werdegang zu ermöglichen, und es ist mir eine Freude, ihnen ihre Bemühungen durch das Erreichen des höchsten Amtes im Staate entlohnen zu können. Ich habe über die Berufe meiner Eltern – meine Mutter hat in der Streichholzfabrik Ansfelden gearbeitet, bis sie privatisiert und zugedreht worden ist (die Firma, nicht Muttern), der Vater hat in der Voest bis zur Frühpension die Viererschicht gemacht – in der Öffentlichkeit nie viel gesprochen, denn es ist mir zu en vogue geworden, mit einer proletarischen Herkunft beim Wahlvolk hausieren zu gehen, wenn man sich nach der Brandrede die getrüffelten Lärchenzungen und den Jahrgangsbarolo hineinstellt, bis die Zeche endlich fünfstellig ist.

Da ist der Trump wenigstens nicht scheinheilig. Er hat schon in der Unterstufe damit angetuscht, dass sein Vater mit dem Ziegelwerk so viel verdient, dass sie jedes Jahr wegfliegen, meistens in ein Disneyland, je nach Jahreszeit das von Paris oder Florida. Und dass die Mama es nicht not habe, arbeiten zu gehen, und dass er mit 15 nicht einfach ein notdürftig vom Papa zusammengeflicktes Puch Maxi bekommt, sondern eine Aprilia RS 125. Die erste hat er gleich nach drei Wochen in der Donau versenkt, als er mit viel zu viel Schwung auf die Ottensheimer Fähre hinuntergerast ist, aber drei Wochen später hat ihm die Oma einfach eine neue Aprilia gekauft, während wir auf unseren elenden Maxis und Derbis und Typhoons vor jedem beschissenen Hügel absteigen mussten, weil unsere Sauger zu wenig Schmalz hatten. Das Elend der Jugend, die ganze brennende Scham, das hat der Donald wohl dank des vielen Geldes zuhause einfach übersprungen.

Trotzdem mag ich auch heute nichts gegen ihn privat sagen. Das ist meine Definition von Freundschaft, dass ein jeder seinen Job macht, so wie er es für das Beste hält, und dem anderen nur dann dreinredet, wenn ihn der darum gebeten hat.

Trumps Eltern haben letzte Woche übrigens ihren Vorplatz komplett zuschottern lassen und lauter so schiache Steinkörbe drumherum aufstellen lassen, schaut unheimlich scheiße aus, jetzt erwäge ich, das wegen des Bienensterbens bundesweit zu verbieten. Ein kleiner Machtkampf unter weißen Männern, ok, aber die Bienen wollen auch leben.

Montag, April 15, 2019

Schönering. Ein Ort gibt nicht auf. Eine Schrift anlässlich des 90. Wiegenfestes von Alt-LH Josef Ratzenböck

Aus: "In der Heimat der Fußkranken"

Wir gehen vorbei an der renovierten Raika-Bank, laufen über die Bundesstraße und nehmen die Abkürzung durch den Friedhof. Auch der ist vor wenigen Jahren erneuert worden, seit das Dorf vom Bauchspeck der Kulturhauptstadt überwachsen wird. Ganz, als ob der vergrößerte Weihgrund den Greisen das Ableben schmackhaft machen soll, weil die Jung- und Akademikerfamilien Platz brauchen. Vor zehn, fünfzehn Jahren ist Schönering in die Kategorie des Vorstädtischen gekippt. Aber ich hatte als Kind noch rechtzeitig bei den benachbarten Bauern das Schlachten ihrer letzten Schweine und Stiere beobachtet, bevor sie ins Ausgedinge gingen oder auf Bauernparty-Eventmanager umstellten. Damals hatte ich nächtelang schlecht geträumt. Aber beim Studieren konnte ich später viele Bürgerskinder und BWL-Studentinnen mit meinen einschlägigen Landerlebnissen beeindrucken.
Franz ist mit seiner Familie vor wenigen Jahren ins Haus neben meinen Eltern gezogen. Er arbeitet in der Stadt und kommt vom Land; das aber richtig – nämlich aus dem Sauwald. Den Zentralraum empfindet er einerseits als ›identitätsarm‹; er spottet bei jeder Gelegenheit über die nahe PlusCity und den unmotivierten Dialekt der Menschen hier. Andererseits ist er so integrationswillig, dass er dauernd im Pfarrblatt abgebildet ist. Fledermauswandern mit den Grünen, Sonnwendfeuer mit den Schwarzen, Punschtrinken für die Feuerwehr, Mostkosten mit den Roten, Knödelsonntag in der Kirche, Filmschauen mit dem Pfarrer. Nur für den Kornblumenball ist er sich zu schade, obwohl er gerade dort noch das alte Schönering mit seiner hohen Nazi-Dichte erleben könnte. 

 Symbolbild "Franz mit kleiner Blasmusik"

Heute traben wir an der Volksschule vorbei, die an drei Seiten vom Friedhof umzingelt ist. Ich erzähle Franz, wie das Schulgebäude ausgebaut worden ist, als ich in die Vierte ging. Zur Wiedereinweihung ist dann sogar der Landeshauptmann gekommen. Aus irgendeinem Grund hat man damals ausgerechnet mich dazu ausersehen, dem Ratzenböck Blumen zu überreichen. Meine Eltern zerrten mich also aus dem kleinen Waldstreifen, in dem ich während des Sommers als Indianerhäuptling ein strenges Regiment über die anderen Nachbarkinder führte. Sie wuschen mir den Dreck aus dem Gesicht, bürsteten mir die Ritter aus dem Haar und steckten mich in ein zu enges Dirndlkleid. Ich ließ alles erschrocken und schreckensstarr über mich ergehen. Als mir die Direktorin dann einen Blumenstrauß in die Hand drückte und mich in Richtung Landesjosef plus Blasmusik schob, wallte schließlich die Angst in mir hoch. Ich schickte mich an, auf meinen kurzen Beinen das Weite zu suchen. Mein Vater fing mich nach drei Metern ab, drehte mich in die richtige Richtung und sorgte so dafür, dass der Ratzenböck doch noch zu seinen Blumen kam. Den Fluchtimpuls habe ich heute gut im Griff, aber ein Dirndl habe ich seitdem nur noch unter Protest angezogen.
Franz gluckst vor Lachen, aber auch vor Bierdurst. Die Kantine des neuen, in pilzartiger Geschwindigkeit aus dem Boden geschossenen Reha-Zentrums lassen wir rechts liegen. So wie das ›Café Regina‹ des Fleischhackers, da wir dort bei unserer letzten Exkursion in den ›Ortskern‹ unter Substanzeinfluss von der Budel gekippt sind und von den diensthabenden Zivildienern erstversorgt werden mussten.
Nur einen Steinwurf – und ich kann nicht weit werfen – entfernt schimmert an einem großen Vierkanthof fahl das Schild ›Gasthof Übleis‹. Vor dem Eingang zögern wir, ich nehme mir zuerst ein Herz und stoße mit einem etwas zu forsch geratenen »Sgood!« die Tür zum Schankraum auf. Haben wir von außen gerade noch lautes Reden sowie Fäuste und Karten auf den Tisch knallen gehört, so herrscht nun große Stille in der kleinen Gaststube. 13 Augenpaare starren, eines davon hinter dicken Brillen, die ich abnehme, da der Dunst mir die Sicht verschlägt. Ich sehe ohne Brille fast genauso schlecht wie ohne Augen, also vergeht eine peinsame Weile, bis ich mich wieder orientieren und bewegen kann. Franz ist derweil reglos hinter mir stehen geblieben.
Langsam nehmen die Gäste ihre Gespräche und Schnaps-Partien wieder auf und sehen nur noch verstohlen zu uns her, während wir uns hinsetzen. Über dem Nebentisch hängt ein riesiges Luftdruckgewehr, darunter sitzen drei Kartenspieler in Ballonseide, auf der jeweils ›Asphaltstockschützen Schönering‹ steht. Im Übrigen kenne ich keinen anderen kleinen Ort, in dem eine derart riesige Asphaltstockhalle steht. Ein imposantes Mahnmal antiquierter Leibesertüchtigung.
Der Kellner kommt. Er trägt ein T-Shirt, auf das ihm ein Kind einen Igel und in krakeliger Volksschulschülerschrift ›Sei nicht immer so stachelig‹ gemalt hat. Auf seinen Armen sind ebenso ungelenke Tätowierungen zu sehen, aber keine Igel, sondern blutende Messer und Herzen. »Wos ham’S n firan Wunsch?« Unter dem Tisch trete ich sacht gegen Franzens Schienbein, um ihn an die Wette zu erinnern. Er räuspert sich. »Wöchane Proseccosorten hobt’s denn?«
Sein Gesicht glüht vor Scham wie ein bulgarischer Reaktor, auch der Kellner wird rot. Wieder wird es still. »Zwoa Hoiwe woin ma«, erlöse ich die beiden und schließlich wird am Nebentisch wieder gekartelt.
So sitzen wir und hören zu, weil wir uns sowieso nicht auf ein eigenes Gespräch konzentrieren können – denn an den anderen Tischen schwebt die aufregende Möglichkeit einer Handgreiflichkeit in der Luft. Ein Landesbeamter verteidigt gegen vier Voestler die Anzahl seiner Arbeitsstunden und provoziert auch durch geringfügige Liberalitäten in der Ausländerpolitik. Wir sind gebannt und sprechen nur beim Bestellen. So werden aus den zwei Halben drei, vier, fünf, sechs. »Wiaso duzt mi der blede Kööna ned, glaubt der, i bin wos Bessas?«, raunzt Franz Stunden später, sobald wir aus dem Wirthaus draußen sind.
Und dann torkeln wir wieder zurück ins Einfamilienhausghetto, vorbei an Gärten voller SchwimmbeckenSchaukelnTrampolineCarportsThujen. Wir übergeben uns zum Abschied auf dem Vorplatz vor dem Volvo-SUV meines Vaters. Denn bevor man über andere spottet, soll man zuerst vor seine eigene Haustür kotzen.

Freitag, April 12, 2019

Hundert Worte zur Heimat

Die Heimat ist dem Menschen wie der Katze die viel zu enge Schachtel, in die sie sich so hineinzwängt, wie sich der Lachs zum Laichen nach Hause kämpft, um dort auch gleich zu sterben (die Wiener denken an Freud, herrlich!, Liebes- und Todestrieb!, sie sind angeheimelt vom Bild der laichenden Fischleichen). In der Schachtel geht es der Katze wie der Anthropologin auf dem Mars (der Autistin im Schlachthof); sie erholen sich in der begrenzten Enge von den Erfordernissen der Weite, die allem Lebendigen – wenn es nur einmal wirklich diese Weite ernst nähmen – ganz ungeheuerlich erschiene. So sitzt die Mieze im Karton, so zuckt der Fisch neben seinen Nachfahren, so baut sich die Frau mit Asperger eine Kuschelmaschine.

Dienstag, April 02, 2019

Persönliche Reizworte, neue Lieferung (April 2019):

Mir kommt vor, dass ihr alle mein Glück wollt, und dass die Herstellung meines Wohlgefühls gemäß dem Kantschen Imperativ ein sehr tüchtiger Schritt in Richtung Weltrettung sein wird. Nehmt euch deswegen meine Handreichung zu guter Sprache, gutem Denken und gutem Handeln zu Herzen. Lest, denkt, vermeidet!
 
Worte, Phrasen und Sachen, die mich instantan wütend machen
 Zuckerdiät – ex aequo mit Brexit
Eigentlich alles mit Hashtag, am schlimmsten sind derzeit aber: #mindfulness #enjoythemoment #neverstopexploring #grateful
Reform der Mindestsicherung“
yummy“ ist jetzt gleichauf mit „lecker“
Game Changer
Ehedrama, Ehe-Aus
Powerfrau (stabil scheiße seit 1983)
Halbfettmilch
Stöckelschuhtraining zum Frauentag (und immer), High Heels (immer)
Identitär
Yoga
Man muss sich xx als glücklichen Menschen vorstellen.“
Audi Q5 und 7
tief in ihrem Inneren
Ausreisezentrum
Trendfarben
Frauen sind von Natur aus...“
Raf Camora
Standort
Rassismuskeule
Elektroswing (wir hatten jetzt sehr viel davon)
Cutie
Frauen, die ihren Mund auf Fotos sinnlich öffnen
Beidl
Strukturbereinigung
After Eight (immer schon)
Volksrock
NLP
Am Ende des Tages (gekommen, um zu bleiben)
Arminia Czernowitz (frischer, brodelnder Hass)
Genderwahn
Sichern Sie sich jetzt xy!“
Mega
Herbert Kickl
Sein bisher persönlichstes Album“
Familienvater
In der Steinzeit gingen die Männer jagen.“
BMW X3, X5, X6 (aufsteigendes Reizpotenzial)
Allergienasenrotzhochziehen
Westring
Rosa und blaues Playmobil (ihr Ärsche!)

Dienstag, März 12, 2019

Blaue Eier, Hitlers Fehler und noch was zu Vögeln

Neues aus der Reihe "Was ich eigentlich für die Lesebühne geschrieben hätte, aber nicht vorlas, weil ich mich wieder einmal total verplaudert habe":

Die blauen Eier des Trauerschnäppers

Oder: Was Menschen mit Vögeln verbindet

Wird der Mensch sich selbst zum Rätsel, spechtle er die Tierwelt aus. Besondere Einsichten gewinnt, wer sich Vögeln widmet. Hier bietet sich der Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) aus der Familie der Schmätzer an. Der gefiederte Freund hat nämlich ein Faible für blaue Eier.
Sie in dieser Farbe zu legen ist für Mutti Schnäpper auf den ersten Blick eine kraftraubende, evolutionär sinnlose Verschwendung. Der Trauerschnappvater jedoch weiß ihre Plage zu würdigen und hilft bei der Brutpflege, je blauer desto eifriger. Der Vögelkundler schließt: Der männliche Eispender erachtet das Signal der Vogelmutter (sinngemäß: „Hilf mir mit den Kindern, du Ei!“) als vertrauenswürdig, weil sie sich für die Bläue der gemeinsamen Brut so viel angetan hat. Vergeudung ist also sinnvoll.
Diese Handicap-Theorie ist das Gegenteil zur Sackgassentheorie, nach der etwa törichte Pfauenfrauen ihre Spezies in eine evolutionäre Sackgasse getrieben haben sollen, weil sie es nur mit Artgenossen mit großen Schwanzfedern getrieben hätten. Richtig aber ist: Blaue bzw. große Dinge = großes Vertrauen. Und Vertrauen ist das Hochbeet der Liebe.
An dieser Stelle reichen einander Ornithologen und Psychologen jauchzend die Hände.
Die blauen Eier sind dem Menschen blondes Haar. Es tritt in der Regel mit mangelnder Hautpigmentierung auf. Legen sich männliche oder weibliche Blondinen in Zeiten der Klimaerwärmung trotzdem auf den Freibadgrill, signalisieren sie mit ihrer verschmorten Haut potenziellen Ei- oder SamenspenderInnen, dass sie an die große Liebe glauben. Der Erfolg gibt den blonden Bestsellern auf dem Markt der Geschlechter Recht.



Hitler irrt, Teil 3645467657

Eine liebe Passage aus „Mein Kampf“, wo Hitler versucht, Darwin zu verstehen, aber recht deutlich scheitert (am ontisch-ontologischen Fehlschluss, falls Sie es genau wissen wollen):
"Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw."
 

Vögeln an der Börse

Folgendes: Ein südkoreanischer Papagei hat in einem Experiment 2009 fast alle humanen Ko-Spekulanten aufgejausnet. Nur zwei Spekulatii waren besser, der Rest stank gegen den Federmann ab. Der schnäbelte per Zufall aus dem Portfolio, die menschenartigen Börsexperten nach Strategie.
Die Börse in Shanghai reagierte umgehend und sourcte flugs sämtliche Wertpapier-Consultings an die Geflügelabteilung des Vögelparks Schmiding out.
Das war jetzt gelogen. Aber da braust doch allerlei über den Assoziations-Highway. Könnte man zB nicht das Spiel so adaptieren, dass ein dressierter Affe gegen zehn menschliche Blogger antritt?
Diese Mitteilung wird übrigens gerade aleatorisch von einem Labrador-Hühnerhund-Mischling geschrieben. Ist bestimmt nicht schlechter als die letzten zehn.

Dienstag, Februar 19, 2019

Der dogmatische Schlummer. Neue Sextipps.

Teil 2 der bald schon belieten Reihe "Ungelesene Restln von der Lesebühne, weil ich mich beim Moderieren verquatscht habe". Heute: Aufklärung für Philosophen und Bumsnovizen.

Dies und das zur Erhellung

Die Wissenschaft weiß, dass Immanuel Kant, der größte aller Aufklärer, aller Wahrscheinlichkeit nach in seinem Leben nie eine Frau – Obacht, biblisches Wortspiel – erkannt hat. Das ist ja, als wäre der Erfinder des Penicillin an Durchfall verstorben! Aber der Geistesriese von Königsberg erklärte auch das Bier zum „langsam tötenden Gift“, wir dürfen ihm also ohnehin nicht alles glauben. Leider erschüttert das halt das ganze Aufklärungsgebäude in seinen Grundfesten. Heute möchten wir alle Kraft in die Versöhnung von Geist und Leib legen. Ein Teenstar für Erwachsene! Also: Legen wir selbst Hand an unsere Hirne, holen wir die Sexualität, aber auch das Denken aus dem dogmatischen Schlummer.

Fragen an das Dr. phil. Sommer-Team

Manfred, 41: Ich habe seit drei Jahren eine feste Freundin, wir haben auch schon Sex miteinander. Sie sagt, es taugt ihr, aber ich habe Angst, dass sie ihren Orgasmus nur vortäuscht. Wie kann ich mir sicher sein?
Dr. Sommer-Team:
Lieber Manfred! Mit deiner Sorge bist du nicht allein. Nicht umsonst ist „Was können wir wissen?“ die fundamentalste aller vier kantischen Fragen. Die Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, die epistemologische Transzendentalität ist apriorisches Prinzip jedweder Ontologie! Der weibliche Orgasmus ist kein reiner Begriff, sondern als Sensation nur a posteriori erkennbar. Die bloße ästhetische Anschauung reicht nicht, um den Verblendungszusammenhang zu durchdringen. Im Sinne der Dialektik von Theorie und Praxis muss also Cunnilinguistik zur Anwendung gebracht werden. 
 

Margit, 39: Liebes Dr. Sommer-Team! Meines Erachtens geht ja die Existenz der Essenz voraus, das Wesen des Menschen ist nicht theoretisch-rational vorbestimmt, seine Sinnbestimmung lässt sich erst im Erleben der Existenz vollziehen. Leider ist mein Freund nicht besonders gut im Bett, sodass ich befürchte, immer noch keine ausreichenden empirischen Daten in Bezug auf die Existenzialie „Sex“ zu haben.
Dr. Sommer: Liebe Margit, keine Sorge, so wie dir geht es tausenden anderen jungen Philosophiestudentinnen in deinem Alter! Vor eurem richtigen ersten Mal mach' dir bewusst, dass er genauso unsicher und aufgeregt ist wie du. Erzähl' ihm von deinen Wünschen! Auch der tollste Dekonstruktivist kann nicht hellsehen. Vielleicht hat er auch über die weibliche Anatomie noch nicht ausreichend nachgedacht. Wenn er sich hauptsächlich darauf konzentriert, dass du es schön hast, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Samstag, Februar 09, 2019

Nachtrag zur Lesebühne: Gutes Benehmen - die Algorithmen gesellschaftlichen Gelingens

Teil 1 der neuen Reihe "Was ich bei der Lesebühne nicht vorlesen konnte, weil ich mich wieder vermoderiert habe". Heute: "Gutes Benehmen leicht gemacht":

Businessidee Wertekatalog:

Angelehnt an Kastner & Öhler (vorne Gwand – also Lederhosen statt Burka, hinten Haushaltsgeräte – Mixer für sie, Kapperl mit Bierdosenhalterung für ihn, über Liederbücher, Weinheber-Lyrik-Gesamtausgaben, die Kreuzzugsreden-Anthologie, klerikale Kinderpädagogik-DVDs).
Tendenz: Ausbeutung ist ok, solange man dabei kein Kopftuch trägt. Sehr wichtig: Todesdrohungen ab jetzt bitte in besserem Deutsch! Ich setze mich übrigens auch für die Deutschpflicht ein, für alle, auch die Nazis. Da fehlt's an allen Ecken und Enden. Viele der Postings über den „linken Pöbel“ sind in mangelhafter doitscher Muttersprache verfasst. So wird dem Islam Tür und Tor geöffnet. Am Schluss dann die Umvolkung.

Fragen an uns selbst, ensembleintern:

Was ist in deinen Augen der schlimmste Verstoß gegen den Anstand?
Audifahren, öffentliches Nasenbohren, FPÖ-Wählen, Einkaufswagerl in die Kniekehlen schieben, mit offenem Mund Kaugummi kauen, die cartesianische Leb-Seele-Dichotomisierung, Kurz wählen, in Aufzüge pissen, Kompost in den Restmüll werfen, jemandem wegen einer religiösen Angelegenheit töten, Nägelkauen, jemanden wegen einer unreligiösen Sache töten, die Hand ganz lappert geben, Tieren die Beine auszupfen, immerzu über Trump reden, eine Frau fragen, ob sie leicht grad ihre Tage hat.

Was war dein eigener peinlichster Fauxpas?
Alle, bis auf Mord und türkisblau wählen

Gutes Benehmen in modernen Lebenslagen:


Frau Gudrung L. fragt: Darf man in Gegenwart von hochrangigem Staatsbesuch speiben? Wenn ja, wohin?
René: Speiben immer nur in die rechte Ecke bitte!

Herr Benjamin U.: Was mache ich, wenn neben Vladimir Putin am Pissoir stehe? Ist es unhöflich, auf seinen kleinen Kreml Chef zu schauen?
René: Eventuell bei Fr. Karin Kneissl fragen? Oder einfach direkt ans Außenministerium wenden. Falls dir das allerdings öfter passiert, würde ich mir überlegen, mit wem du Umgang hast ...

Herr Peter W.: Ich weiß nie mit welcher Gabel ich meiner Sitzpartnerin oder meinem Sitzpartner in die Hand stechen soll, wenn er/sie sich abschätzig über Flüchtlinge äußert!

Frage: Nach wütenden Protesten gegen die Kürzungen der oö. Landesregierungen im Kulturbereich (es kam zu selbstgemalten Schildern und satirischen Erwähnungen) lenkte LH Stelzer ein und erhöhte unsere Fördersumme um ein Viertel (geht halt leider wieder wegen der Indexanpassung für unsere Kinder im Ausland drauf, danke Kurz!). Wie fest dürfen wir ab jetzt die Hand, die uns füttert, noch beißen?
Antwort: Schon noch fest, auch wenn es den OLW wegen ihres verbindlichen Gemüts mehr weh tut als dem LH. Leider liegt es in der Natur der Kunst, dass echte Satire eines Feindes bedarf. Ohne demokratisch legitimierte Eiche haben die freischaffenden Schweine nichts mehr, an dem sie ihre juckende Borke kratzen können. Wir haben es ja selbst gesehen: Wenn wir uns fest am Stamm des Baumes reiben, fallen schmackhafte Früchte herunter!

Frage: Ich bin Araber und betrete Österreich. Wie kann ich mich am besten integrieren?
Antwort: Leider haben Sie durch diese Grenzüberschreitung Ihr Existenzrecht, das ohnehin schon in Ihrer Herkunftsregion ein moralisches Ärgernis bedeutet hat, verwirkt. Nun können Sie die notwendige Mühewaltung zur Bewahrung der nationalen Integrität nur noch durch Ihre selbst ausgeführte letale Entnahme hintanhalten. Apropos!

Frage: Was ist bei einem Mord, der intensivsten sozialen Interaktion, heutzutage zu beachten?
Nun: Auch in unseren schnelllebigen Zeit ist höchstes Augenmerk auf die Waidgerechtigkeit zu legen! Diese Verhaltensnorm wird immer wieder aufs das Unschönste missachtet. Zum waidgerechten Mord gehört das Ansprechen des Opfers ebenso wie die Beachtung der Schonzeiten, die beinhalten, dass keine schwangeren Frauen getötet werden, und dass einem Säugling nicht die Mutter weggeschossen werden darf; entsprechendes gilt für die Brutzeiten nach dem Abstillen. Eine erlernbare Voraussetzung für waidgerechtes Morden ist die Fähigkeit des Mörders etwa als Schütze, einen Blattschuss so anzutragen, dass das Opfer nicht leidet, sprich: dass es den Schuss gut annehmen kann. Nach dem Aufbrechen des Gemordeten ist ihm ein Latschenzweig zum Zeichen des Waidmannsdankes in den Mund zu legen. Leider ist zu beobachten, dass viele zeitgenössische Mörder billige Fichtenmonokulturzweige verwenden. Das ist ein grober Verstoß gegen die Sitte, die mit lebenslanger Haft oder gar Entzug der Jagdlizenz zu ahnden ist.

Montag, Januar 28, 2019

Potpourri aus minderen Jänner-Erlebnissen

13.1.
Am Stadtrand von Innsbruck hat sich jemand viel Mühe bei der konsumkritischen Kommentierung von Plakatwänden gemacht; auf einer Werbung für ein Schigebiet steht groß, zweifarbig, mit Buntstift "SPORT IST NICHT ALLES!", und "DU KANNST DIR ZEIT NICHT KAUFEN" auf der Swatch-Wand. 

15.1.
Installationskunst in Mösern: 



Wir können die grotesken taxidermischen Landschaften (Alligator im Blumenbett) irgendwie gar nicht richtig perzipieren, weil das Dröhnen der Schlagermusik alle anderen Empfindungen dämpft. „Der singt, als wär' jemand hinter ihm her“, sagt die Frau neben mir. Schön aber die ganz aus dem Inneren herausstrahlende Jovialität der Wirten. Er stellt auch den kleinen Braunen so hin, als sei es die ortsübliche Portionsgigantomanie, und er schlägt dabei auch mir auf die Schulter, als stünde mir eine Herausforderung bevor: „Auf geht’s!“

17. 1.
Auf der Bühne würde ich diesen Witz nie bringen – aber die beiden jungen, dunkelhaarigen Männer am Innsbrucker Bahnhof sprechen so kehlig miteinander, dass ich ganz ehrlich lange für die linguistische Einordnung „IBK“ oder „Marokko“ brauche. Ganz sicher bin ich mir bis zum Schluss nicht.

19. 1.
Eine mir nicht näher bekannte Facebook-Freundin überrascht ihre Community mit der Mitteilung, sie wolle in diesem Jahr das Töten lernen. Im Kommentarteil sammelt sich das Erstaunen, erst am Ende die Aufklärung über das überlesene L. Wobei das „Tölten“ auch ein ausgeflippter Wunsch ist, imho.

20. 1.
Als Literaturwissenschaftlerin verbitte ich es mir streng, Michel Houellebecqs zunehmend selbstmitleidige Alte-Weiße-Herren-Prosa darauf zu reduzieren, dass er halt wirklich ein schiacher Haberer ist, aber echt.

21. 1.
Latenz: Man baut Chatbots extra eine kleine Verzögerung bei der Antwortgeschwindigkeit ein, damit sie ihre menschlichen „Partner“ nicht zu verstören. Das sag' ich dem nächsten, der mich stresst.



23. 1.
Miriam Hie erzählt dem fassungslosen "Experiment Literatur"-Publikum davon, wie sie 2004 von "News" zur zweiterotischsten Frau Österreichs erklärt wurde. Platz 1 ging an Mausi Lugner. Alle stöhnen vor Pein synchron auf wie ein Mensch. Stefan Kutzenberger sekundiert mit einem kabarettistischen Scheiterbericht, dass trotz medienfreundlicher Umbenennung seines Duos in "Juhann und Jod" zB in Vöcklabruck gar niemand gekommen sei. Ein Abend mit menschlicher Größe.


24. 1.
Beim anfangs ironischen Einüben von "Fang' das Licht" plötzlich vor Rührung ganz klein aufschluchzen, ganz ohne PMS.



25. 1.
Keine Rückläufe nach der Tombola des Grauens, die guten Menschen von Linz haben den ganzen Scheiß klaglos nach Hause getragen.


26. 1.
Jemand bestellt bei einem Besäufnis im Black Horse "a Stamperl Soda", für zwischendurch

Sonntag, Januar 27, 2019

Robin Kreuzpointner

Von Daniela Doofie

In einer sturmumtosten Nacht – Robin hat im Gramastettner Pub „Nordlicht“ zu viel Sturm getrunken – will der junge Narr noch mit dem Auto zum Granitfestival in Neufelden fahren. Obendrein mit dem Brathuhnanhänger seines Vaters. Udaungs göht er in der Reib' ab, stürzt in die hochwasserführende Rodl und wird fortgespült, während das gebratene Federvieh den Weg in die Volksfestbäuche verfehlt.

Der Vater hatte Robin noch mit eindringlichen und liebevollen Worten beschworen, sich nicht in Abenteuer und Elend zu stürzen. „Waust wida bsoffn foast, hau i da's Kreiz o!“ Schon ein Jahr zuvor war der törichte Sohn durch sein ungestümes Fortdrängen zum Urfahraner Jahrmarkt in Sklaverei geraten; nur durch das Glück der Wirtschaftskrise entließ man ihn von der Hochofenfron in der Voest.

Nun aber schwemmt es ihn durch die finstere Nacht wie eine Häusltschick, bei Ottensheim in die Donau hinein, in rasendem Sog durch Linz, Wien, Bratislava – und, als er schon fast meint, sein junges, dummes Leben aushauchen zu müssen, aufs offene Meer hinaus. Stundenlang treibt er dahin, Szenen fundamentaler Verlassenheit bieten sich dem inneren Auge.

Doch schließlich: Zerfetzt und zerrissen, getauft wie eine Maus schleppt sich Robin an den Strand. Als er sich umsieht, bemerkt er, dass er auf einer Insel gelandet ist, mit nichts als drei angeschnäuzten Taschentüchern, einer Packung Extasy, sieben Marlboro und den Hühnerleichen im Anhänger.

Den zieht er mit der Kraft der Verzweiflung und der Pillen an Land. Weil er schon so im Hackeln ist, baut er sich ein schönes Einfamilienhaus drumherum, typisch Mühlviertler halt; mit Infrarotkabine und Carport. Da sitzt er und ritzt jeden Tag einen Strich an die Küchenwand. Es sind viele, leider vertut er sich immer wieder beim Umrechnen der Striche in Zeit, deswegen helfe ich, die auktoriale Erzählerin: Schon sieben Jahre sitzt er auf der Insel fest. Aber nicht untätig. Mit großem Geschick baut er den Hühnergrill in ein Landgasthaus mit Hergottswinkel und Kegelbahn um. Und weil Routine alles ist, umgibt er den Dschungel, seinen Rohstofflieferanten, mit einem Lagerhaus, in dem er wochentags von 9 bis 18 Uhr einkaufen kann.

Freilich baut er auch ein Steinmarterl an seiner Landungsstelle, dort, wo er den endgültigen Tod seiner Hühnchen festgestellt hat. Mit der Zeit baut er aus dem Marterl eine Kapelle, dann eine Kirche, schließlich schnitzt er eine Kopie des Kefermarkter Flügelaltars hinein.

Und doch ist Robin traurig und einsam. Trotz großer Mühen mit der Brauerei kriegt er kein gutes Freistädter Ratsherrenbier hin. Das schlägt ihm aufs Gemüt. Inzwischen summieren sich seine Striche in der Küche schon auf 23 Jahre. „Wa i do nua dahoam, do kinnt' i in Pfrühpension geh!“, weint er innerlich. Da! Ein Laut vom Strand, der so klingt wie Robins Seele klagen würde, wäre sie nicht in so einem knorrigen Leib drin.

Robin eilt hin, dort liegt, von der Gischt angespült, ein Wilder; Robin schüttelt und spricht ihn sachte an: „Hötaus! Wo hodsn di heagschwoabt?“ Als der wilde Rumänenbub endlich die Sprache wiederfindet (er kann relativ gut Deutsch, das können dort unten alle, weil sie ja nur darauf warten, das Werkl im Westen zu übernehmen), da erzählt Montag, so nennt ihn Robin, dass er vor seinem bösen Volk flieht, das wolle ihn zwingen, Mitglied einer Ostblockbande zu werden.

Robin nimmt Montag unter seine Fittiche, das ist die Ablenkung, auf die er so gewartet hat. Er lehrt ihn das Kegelscheiben, das Bratl mit Kruste, das Tarockieren und das Brennen des Sauhäuternen. Montag wiederum bekehrt den Ungläubigen Robin zum Atheismus. Und dann kam auch noch die Liebe dazu, es war sehr schön für die beiden; wer hätte das gedacht, dass der Robin vom anderen Ufer ist.

Und so waren sie lange fröhlich, bis es ihnen zuviel wurde und sie nach Gramastetten heimkehrten. Dort wurden sie zwar wegen der Homosexualität gehänselt, sie trösteten sich aber mit Gramastettner Krapferl, Schlägl Kristall und den Annehmlichkeiten des Sozialstaates, dank dessen sie zuerst eine neue, sauteure Keramikhüfte bekamen und schließlich friedlich im Bezirksaltersheim entschlafen durften.

Samstag, Januar 26, 2019

Gundulas Reisen

Powered by Suzuki Swift

Die Reise zu den Zwergen

Mein Vater besaß ein Landgut nahe der jakutischen Grenze, und ich war unter seinen vierzehn Töchtern die vierte. Als ich 16 war, schickte er mich in die Hauptstadt in ein Reisebüro. Ich will dem lieben Vater keine Widerworte in sein kühles Grab nachschicken, aber wie blöd war das denn in Zeiten des Internets, da hätte er mich gleich in der Videothek arbeiten oder Philosophie studieren lassen. Da ich aber die Welt, die ich vergeblich zu verkaufen suchte, mit eigenen Augen sehen wollte, machte ich mich auf in den Westen und heuerte auf der MS Bulguri an, als Kinderkreuzfahrtsanimateurin auf dem Schwarzen Meer. Ich will ich nicht unsere Dramen aufzählen, von Lactoseintoleranz bis Hochbegabung, sondern nur berichten, dass sich am 26. Jänner 2032, just in dem Moment, als wir vom Donaudelta in Richtung Goldküste ablegen wollten, eine gewaltige Naturkatastrophe zutrug: Das Magnetfeld der Erde drehte sich, Nord- und Südpol tauschten Platz, in logischer Folge wechselten auch alle Flüsse ihre Richtung.

[WHAT! Buttinger, das ist MEINE Geschichte! Fuck Naturwissenschaft!]

Obwohl die Heizer unseren Maschinen alles abverlangten, konnten wir es nicht verhindern, die Donau hinabgesaugt zu werden. Hinein in das dunkle Herz Europas! Niemand war mehr dort gewesen, seit die Balkanroute von innen geschlossen ward. Das Schiff versank in Panik. Am Donauknie zerschellte es, bis Bratislava konnte ich mich an der Hüpfburg festhalten, dann schwanden mir die Sinne.

Im Morgengrauen erwachte ich. Grundgütiger!, erschrak ich, die Havarie hat mir das Rückgrat zerschmettert!, da ich meine Extremitäten nicht zu bewegen vermochte. Es dauerte, bis ich erkannte, dass man versucht hatte, Arme und Beine mit filigranen Kabelbindern zu knebeln. Ich hörte ein verworrenes Getöse um mich, und als ich die lächerlichen Bande gesprengt und mir den Sand aus den Augen gerieben hatte, erkannte ich eine Horde kleiner, aufgebrachter Männer rund um mich toben. Bald verstand ich auch, was sie in Chören schrien: „Pro Border! Abschieben! Abschieben!“

Es war so erschreckend wie amüsant, ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Da trat einer an mich heran, ein ganz besonders zarter, grauer Mann. Sieh an, dachte ich, im Inneren dieser Wilden muss es eine verborgene Zartheit geben, machen sie doch den geringsten unter ihnen zum Anführer. Der richtete das Wort an mich. „Ich bin der Meinung, dass sich das Fremdenrecht dem Volkswillen beugen muss!“ Da wurde ein Glockenton hörbar, der Liliputaner führte seine Hand ans Ohr. „Ok, Kanzler, dann halt nicht so scharf, mir ist's wurscht“. Dann wandte der Zwerg sich wieder zu mir: „Wir prüfen deinen Fall! Bis dahin wirst du konzentriert angehalten. Fang' bloß keine Lehre an in der Zwischenzeit!“ Das Heer der winzigen Uniformierten fiel wieder in seine dumpfen Gesänge.

Es wurde Mittag, endlich labte man mich mit einem würzigen Brei, den man in Kanonen zubereitete. Meinen Durst löschte ich mit dem brackigen Donauwasser. Als ich meinen Kopf hob, stand ein etwas größerer Winzling vor mir, der – meine Annahme einer besonderen Rücksichtnahme Versehrter gegenüber bestärkend – sich auf einen Stock stützte. „Na da schau her, Besuch!“ sagte er, in weitaus milderem Ton. „Ich hab Besuch so gern!“ „Nicht so lieb sein,“ kläffte der kleinere Kleine, aber der Größere plauderte munter mit mir weiter, erzählte mir allerhand über die Sitten des Landes, dass man etwa jahrelang Raketen in die Luft geschossen habe, da die garstigen Nachbarn mittels Flugzeugen versucht hätten, das Volk der Kurzen mit Autismus und Unfruchtbarkeit zu infizieren. Dass man in der Isolation sehr glücklich sei, keine Fremden könnten ihre Messer mehr in die Leiber der Frauen stechen, freilich sei das kurze Volk nun mit dem einen Nachteil geschlagen, dass die Körpergröße der Neugeborenen zuletzt rapide abgenommen habe. Der redselige Stockträger berichtete mir auch vom Brauch, die Toten in der Erde zu vergraben, damit sie daraus wieder hervorwachsen könnte, sobald der große Zauberer das Zeichen für das Ende gibt, die Umkehr der Flussrichtung sei ein sicheres Zeichen dafür. Das alles faszinierte mich, und doch war mir nicht behaglich.

Plötzlich stand ein Männlein vor mir, in ein ganz enges Wams geschlagen, das Haar von zwei Ohren gebändigt, und es erhob eine unschöne Stimme. „Es kann nicht sein, dass hier in Wien die Fremden den ganzen Tag am Strand liegen, während wir unsere Leistung erbringen...“ „Geh waaßt wos, geh scheißn“, sagte ich, erhob mich und machte mich zurück auf meinen langen Weg in die Zivilisation.

Freitag, Januar 25, 2019

HEROIN FÜR ALLE!

Zum aufgeklärten Neo-Absolutismus

Die Bundespräsidentin empfängt im Smaragdsaal der Gugl. Wo vor ihrer Ära Nazirocker die Massen verführten, finden heute jeden Sonntag die Offenbarungsdienste der Sonnenkönigin statt, die in alle Welt ausgestrahlt werden. Meindl, gesundheitsbewusst wie immer, lässt sich einen Becher Schlägl Kristall reichen, bevor sie sich dem Interview anlässlich ihres 90. Geburtstags stellt.

Spatzenpost: Frau Präsidentin, überrascht es Sie, längstdienende Despotin der Weltgeschichte zu sein?

Nein, denn meine gemäßigte Diktatur ist getragen vom Willen des Volkes und Gottes Gnaden. Da tritt man nicht gleich wieder ab, weil die Work-Life-Balance nicht stimmt.

Ihre Amtsübernahme ist Schulstoff, aber was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an den Herbst 2018?

Nie werde ich den Anruf Matteo Salvinis vergessen, in dem er mir den Krieg canceln wollte. Er sagte, sein Berufsheer sei nicht feldtauglich, weil alle entweder auf Sabbatical oder im Burnout seien. Die ganze Frecce tricolore habe Bandscheibenvorfall. Du Stronzo, schreie ich, wie stellst du dir das vor, ich will einen Meereszugang! Dabei war ich selbst froh, mein eigenes Heer war auch in einem verheerenden Zustand: Ständig die Anrufe der Mütter, ob der Gefreite Finn Leander eh glutenfreien Zwieback im Tornister habe. Ob Yannick-Homers starke Ragweed-Allergie beim Feldzug berücksichtigt werde. Furchtbar.

Wie ist Ihnen dann der erste von vielen erfolgreichen Feldzügen gelungen?

Pass' auf, sage ich zum depperten Italiener, wir sind beide Oberhäupter unserer Streitkräfte, also ziehen wir auch selbst in den Krieg! So kam es zum Kampf am Brenner. Der Faschist war ja auf dem rechten Auge blind, weswegen ihn meine linke Grade getroffen hat wie ein Eisenbahnunglück. So ist das dann dahingegangen, Staat für Staat. Ich war damals wirklich ziemlich fit. Drum müsst ihr Jungen jetzt in Geographie keine Länder mehr lernen.

Ihre erste Amtshandlung war aber nicht beliebt.

Stimmt, weder die Prügelstrafe für das Aussprechen von „im Endeffekt“ oder „lecker“, noch die Sprengung sämtlicher BMW X6. Weiß heute keiner mehr, wie die schiachen Trümmer aussahen. Mich haben die schon vom Draufschauen aggro gemacht! Als ich dem Volk nur 30 Minuten Handyzeit pro Tag erlaubte, dachte ich, ui, jetzt werden sie mir rebellisch! Dann die Erlösung: Grundeinkommen für alle, Existenzmaximum für die Gstopften.

Was eine Kapitalflucht zur Folge hatte.

Ja, aber nur kurz. Ich bin dem Geld mit der eigenen Faust nachgelaufen. Die USA hab' ich mir absichtlich bis zum Schluss aufgehoben. Weil mir hat der Hansi Orsolics, bei dem ich das Boxen gelernt habe, gesagt: Pass' auf, der Trump nimmt in der zweiten Runde die Deckung runter. Wie dann das ganze Beutegeld sich in die USA geflüchtet hat wie Flöhe auf die Schnauze eines badenden Hundes...

Ein liebes Bild, Frau Präsidentin!

Goi? Kaum ist der Gong verhallt, senkt der Ami-Dickbär seine Fäuste und hat – zack! – meinen Jab im Guck. Wie er aufwacht, hat er reklamiert, das ist unfair! Es hat noch gar nicht gegolten! Aber der Ban-Ki-Moon, der Referee, sagt: Doch, das gilt, ich bin World-Champion. So war das.

Wieso haben Sie dann ausgerechnet Linz als Regierungssitz ausgesucht? Das war doch 2019 ein verträumtes Fischerdorf!

Gute Frage. Mir war Berlin zu hip, Paris zu gspritzt, Wien zu gebacken, Kuala Lumpur zu schwül. Linz war aber wirklich fad, so um 2020. Die Bevölkerung ist mit Lederhosen oder um den Hals geschlungenen Pastellpullis herumgelaufen. Unvorstellbar! Keine Geisteswissenschaftliche Uni, kein Boxstadion, nicht einmal eine Quantenschleuder. Aber ich habe die Herausforderung erkannt!

Nächste Woche werden Sie 90, freuen Sie sich schon?

Ohja. Endlich in den Genuss meiner liebsten Reform zu kommen – Fairtrade-Heroin für alle, die es bis zum 90er schaffen – das war mir wirklich Anreiz zur Langlebigkeit!

Wir danken für das Gespräch!

 

Samstag, Januar 19, 2019

Kanäle für die Pein. Quick Wins im neoliberalen Bullshit Bingo

Der Roman, an dem ich "schreibe", hat in meinem Leben meistens nur den Sinn, die Arbeit an allem anderen zu ermöglichen. Manchmal kann ich damit aber selbsterlebte Pein verarbeiten. Im Vorjahr etwa durfte ich einem famosen Kollegen eine Laudatio halten, allerdings erst nach Erleiden eines Motivations-Vortrages von einem "Keynote Speaker". Vergangene Woche musste der Motivator von seiner Funktion zurücktreten, weil er mit einer Zeile aus einem SS-Lied im Werbeheft zum Burschenbund auffällig worden war. 

So geht nun also die entsprechende Passage aus dem Roman:

"Routiniert bedient der Redner die PowerPoint-Präsentation. Sie zeigt ihn selbst beim Triathlon, er spricht über Motivation und Schmerz. Das nächste Bild zeigt eine Bergschlucht mit weichgezeichnetem Fluss. Als „Werte erzeugen Emotionalität“ eingeblendet wird, erkennt Johanna, dass der Alumnimann beim Versprechen, er werde sich kurz halten, denn es hätten bestimmt schon alle Appetit, einen zynischen Scherz gemacht hat. „Markenkern ist essenziel“ steht nun über einer modernen Powerpoint-Wohnlandschaft aus Sichtbeton. Immer größer wird Johannas Sorge, dass ihre innerliche Pein sichtbar werde und hat Angst, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren, sie stellt sich vor, dass er gleich von selbst aufsteht, den Tisch umwirft, den NLP-Jünger dermaßen anbrüllt, dass er sich eine Tröpfeninfektion holen könnte, und sich draußen beim Büffet mit beiden Händen Bratenschnitten ins Maul schiebt. Johanna würde gern ein wenig weinen, nur ganz still. „Die Jugend ist auf der Sinnsuche: Traditionen ist wieder cool“ blendet der Redner ein, er berichtet von der „schönen Entwicklung“, dass jetzt wieder alle Maturanten Tracht trügen. Am Gipfelpunkt des Auseinanderklaffens von Innen- und Außenleben fällt Johanna erst auf, dass ihr Nachbar dieselben mühsam unterdrückten Symptome der Empörung zeigt. Er wechselt die Sitzposition, als brenne die Haut auf seinem Hintern. Er atmet unregelmäßig. Beim Stichwort „Ich komme zur Zusammenfassung: Was sind die Quick Wins?“ neigt Johanna leicht den Kopf in seine Richtung. Er kommt ihr entgegen, hebt die Handflächen nach oben. Er flüstert ihr ins Ohr. „Haben Sie auch Angst, im Sterbebett an Momente wie diesen zu denken?“ Johannas Körper lacht grunzend, und weil ihr ohnehin schon alles peinlich ist, dreht sie sich zum und fragt den Hintermann flüstern, ob er mit ihr durchbrennen wolle, „spätere Heirat nicht ausgeschlossen.“ „Ich bin zu aufgewühlt für große Entscheidungen“, flüstert er, „aber brennen wir einmal bis zur Saftbar miteinander durch.“

Donnerstag, Januar 10, 2019

Bronchialhumor

Wenn ich das Ohr an die Brust des Menschen lege, den ich besonders gut kenne, klingt es beim Einatmen wie faule Frauen beim Geschlechtsverkehr, beim Ausatmen wie wimmernde Seelen im Fegefeuer. 
Ich denke, das ist eine gute Mitteilung, um ins neue Mitteilungsjahr zu starten. 
Gruß, Meindl

Mittwoch, Dezember 05, 2018

Die Stalin-Orgel der Geschäftsideen: Dekonstruierte Medien und Körper (+Katzen kurz vor der Detonation)

Weil das eh so schnell niemand liest, schreibe ich schnell meine neuesten Business-Start-Up-Drafts herein, damit ich unterwegs sofort Zugriff drauf habe, wenn ich einen wichtigen Risikokapitalgeber im Fahrstuhl in die Ecke treibe. 

 Abb. 1: Symbolbild "Lebewesen ohne Diät"


15.11. Die "Fünf-Elemente" All-you-can-eat-Diät
Die sich zu dick Fühlenden dürfen so viel essen, wie sie wollen, nur jedoch von fünf verschiedenen Speisen, und zwar von jenen, die sie am meisten hassen. Intellektuellen das Konzept der "Schauerjause" mittels Kafkas Hungerkünstler erklären. Ich dürfte zum Beispiel nur Mandarinen, Minzlikör/Whisky, mehlige Erdäpfel, Innereien und Marshmellows essen. Geheimplan: Den Menschen mit diesem bescheuerten Speiseregime das Diäthalten austreiben.

Abb. 2: "Die ZEIT ist zu faul, um selbst zu recherchieren"


17.11. ZEIT customized
Vom Leseüberangebot Gepeinigte können ein individuell maßgeschneidertes Abo bestellen; umfassend kompetente Zeitungslesefachkräfte (darum ist es ein sauteures Premiumangebot) suchen aus dem Informationswust das heraus, was die armen Menschen wirklich interessant finden, zB "USA und Tier-Wissenschaft + Quittenrezepte". Mir könnte man Trump, Erdogan und Kurz raussschneiden. 

Abb. 3: Kommunistisches Konzept - Konsumruin durch flächendeckend scheißes Angebot. Top!


23.11.  Antimaterie-Influencer
Menschen mit glaubwürdiger Vorbildwirkung posten unter dem Hashtag #abhiernurnochersatzanschaffungen oder #niemehrwasanderes Produkte, die sich durch enorme Langlebigkeit auszeichnen. ZB Scarpa-Kletterschuhe, meinen Mondeo, den Buttinger, die gleiche Billigbiohandcrème. Weil there is no such thing as Weltrettung durch Konsum. Bei großem Erfolg können der Kapitalismus UND Instagram zerstört werden.