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Dienstag, Oktober 07, 2025

Der Pilznarr. Gerechtigkeit für Schönering

Als mich der Sprecher der Akademie an diesem Oktoberdonnerstag anrief, um mir den Nobelpreis für Literatur zuzusprechen, ließ ich den Hammer fallen. Nun sind sie völlig verrückt geworden, dachte ich, damit ist der Preis endgültig ruiniert. Ich brachte nur ein wortloses Gurgeln heraus, das man in Stockholm für ein Zeichen der Rührung hielt.

Ich stieg benommen vom Dach meines Baumhauses, das in seinem siebten Jahr wieder angefangen hatte, mein Bett zu nässen; ein schwerer Landregen hatte die größte Leistung meiner Dichtkunst zunichte gemacht. Alles ließ ich nun liegen und stehen, die Planen, die Dachpappe, die Dichtmasse. Vor dem Gartentor hatte sich bereits eine gewaltige Pressetraube gebildet, die Fotografen hielten eifrig auf meinen Hund, der schon wieder in den Vorgarten schiss, obwohl ich doch in der Früh mit ihm äußerln gewesen war. Ich hielt inne, dachte über das kostbare Wort „äußerln“ nach, ist nicht alles Sprechen ein Versuch, das Innere zu äußerln, da schrien mich die Journalisten gierig an, sie forderten Reaktionen und Reaktionen von mir, keiner von ihnen rief mir entgegen, dass er schon ein Buch von mir gelesen habe. Gut, beide sind vergriffen, aber dafür hatte das Dach drei Jahre lang dicht gehalten.

Ich bin nicht hier für des Hundes Scheißdreck!“ rief ich. Im Zustand äußerster Entfremdung lief ich ins Haus, sperrte die Tür zu und wählte mit zitternden Fingern die Nummer des einzigen Menschen, der wusste, wie es mir jetzt ging. Doch Peter Handke hob nicht ab, typisch für diesen Bewohner des Elfenbeinturms in der Niemandsbucht! Er genoss das Exil, das ich ihm damals empfohlen hatte, zwecks Reparatur seines Images. „Zieh auch nach Schönering!“, sagte ich ihm nach seinem Auftritt als Gast bei der Lesebühne, „zieh in mein Dorf, keine Sau interessiert sich dort für seine Dichter! Einmal im Jahr, Peter, lese ich im Pfarrheim für die Senioren, alle fünf Jahre zum Frauentag für die SPÖ-Damen, das war's! Eine heilige Ruhe!“ Tatsächlich konnte sich Handke der Öffentlichkeit hier, am Ostrand des Eferdinger Beckens, in unsere Oase der Poesielosigkeit retten. Ja, es war eine Rettung, seit zwei Jahren lebt er wunschlos glücklich in einem Vierkanter und sucht den lieben langen Tag Vogelfedern und Tintenröhrlinge im Kürnbergerwald. Will dem scheinbar verwirrten Großliteraten ein freundlicher Jogger den Weg zurück durch die Borkenkäferschneisen zeigen, sagt Handke „Ich komme Edramsberg her, von Schönering, von Wilhering“, und alles ist gut. 

 

Verlassen wie ein Kind im Grenzland lief ich durchs Haus, und leider, leider verfiel ich auf die Idee, ins Internet zu schauen. Keine Stunde war mein Nobelpreis alt, schon wurde meine gesamte Vita an die Öffentlichkeit gezerrt wie eine Picknickdecke, an der ein Rudel Paviane reißt. Mein Deutschlehrer erzählte lachend von meinem Faible für Guns N' Roses samt Fransenlederjacke, und dass meine Aufsätze damals eher lieb als gut gewesen seien; meine Schwester gab bei Barbara Stöckl preis, dass ich mir als Kind über Nacht ein Plastikdraculagebiss um 5 Schilling in den Mund gesteckt habe, um meinen Überbiss zu korrigieren. Auf ORF 3 machten sich Daniela Strigl und Klaus Nüchtern über die Rechtschreibfehler in der „Sau“ lustig, Nüchtern erzählte, dass ich zur Not auch Stiegl trinke. Und in der Mittags-ZiB plauderte Christian Wehrschütz über meine Freundschaft mit Kim Jong Un, Fotos von einem Begräbnis wurden eingeblendet. Ich geriet in Zorn, die Verwandtschaft kann man sich halt nicht aussuchen!

Da läutete es Sturm an der Tür, ich riss sie auf und sah Landeshauptmann Stelzer auf der Dacke, neben ihm strahlte Bürgermeister Mario Mühlböck. Sie klopften mir links und rechts auf die Schulter, der „Ortskaiser“ überreichte mir ein Bild vom Stift Wilhering, der „Landesvater“ eine Pfeffermühle aus Leondinger Fichtenholz. Da senkte sich mein Blutdruck, und ich richtete das Wort an die beiden. „Ich fühle mich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich!“ Wir umarmten einander.

So sah ich nicht, wie die Pressetraube heranwanzte. Jemand tippte mir auf die Schulter. Armin Wolf! „Frau Meindl, Peter Handke sagt über Sie, dass zwar ihre Literatur großartig sei, aber Ihre Dichtkunst nicht, denn es regne schon wieder in Ihr Baumhaus!“ Ich war wie vom Blitz getroffen. „Verschwinden Sie!“, schrie ich, „und stellen Sie mir nicht solche Fragen! Ich stamme von Handwerkern ab, von Wegmachern, von Schneidern her! Von keinem Menschen hör' ich, dass er sagt, der Rasen ist aber schön geschnitten, und wie der Zuckerhut in Ihrem Hochbeet gedeiht, alle fragen nur wie Sie!“

Ich schlug, das muss ich zugeben, dem frechen Wolf mit der Pfeffermühle ein bisschen auf den Kopf, dann zog ich Stelzer und Mühlböck in mein Haus und sperrte die Weltpresse aus. Um unsere Stimmung zu reparieren, bot ich den Gästen selbstgebackene Hanfkekse an. Bald lagen wir kichernd auf der Soff, der Hund eingerollt und furzend zu unseren Füßen, und am Ende wurde es doch noch ein gemütlicher Nachmittag. Dem Handke, diesem geschwätzigen Arschloch, habe ich seither nie mehr beim Winterreifenwechseln geholfen.

Mittwoch, Oktober 01, 2025

Widerliches Wissen, Freiheit in Deutschlandsberg und seltsame Haustierrassen. Das Leben in der Gruppe 47

Lebenskrimskrams im September 2025

1.9. 

 

Ein Vorteil des Alterns ist die aus Erfahrung gekelterte Vernunft, dass am Ende des Sommers erst eigentlich die schönste Wanderzeit beginnt und ich noch nicht traurig sein muss, dafür ist dann im November Zeit genug. (Zwischen Mitte August und 1. September die übliche Anpassungsstörung, so wie das Kindergartenkind in der Volksschule) Die Badesaison wird heuer aber als die schlechteste in meine Annalen eingehen.

Diesen Tag habe ich mir selbst gerettet, indem ich statt eines Meetings über das Sigistal auf den Grubstein gestiegen bin.

Wie lieb mich der Hund jetzt immer lobt, wenn ich an einer Stelle länger brauche.

You do have a pleasant life“, lobt mich Elaine, als wir uns abends an der Stiege treffen.

2.9.

Hadern mit der Wiederkehr der Termine (igitt!). Alle wollen alles persönlich besprechen. Immerhin pausiert in diesen Zeiten die Neurose, ob mich die Leute eh mögen.

Und wenigstens ist es draußen schiach, und der Installateur hat gar nicht gebohrt (es ist eh so auch teuer genug). Während er werkt, schimpft er „auf de Leit“. „Waun auf d'Nochd fünfe zaumsitzn, is's ma scho zvü!“ Dann geht es mit mir durch und ich teile ihm mit, dass ich soeben den KUNSTFÖRDERPREIS der Stadt Linz gewonnen habe. „Ma, do bin i a Banause, i hob nua mehr s'Fischn im Schel, ois aundare intrisiert mi nimma.“

3.9.

Katrin ohne H, die extra wegen der Ars und eines Ö-Slam-Filmchens zu mir nach OÖ kommen möchte, wird auch ganz wunderlich, als wir uns am Telefon ausmalen, wie schön es wäre, so richtig, richtig viel Geld zu verteilen. „Und die Leute kriegen Honoraaaaaare!!“ „Irre“, sage ich. 

***

In Schnarrenberg steht angeblich eine Skulptur namens „Steinerne Vagina“, in der ein dicker amerikanischer Tourist steckengeblieben sein soll. Vielleicht wollte er ein intensives Rebirthing inszenieren. Während ich das lese, gibt die Lidl-Baustelle in Wels beeindruckende Industrial-Noise-Schnarr-Klänge von sich. Wenn man das zusammenschneidet mit der Errichtung der Steinvulva und einer Betonmauer, hat man einen zeitbasierten Arthouse-Hit.

4.9.

Beim Romanschreiben bin ich halbwegs im Plan (ich war sehr moderat, weniger als 2000 Zeichen pro Tag bis Weihnachten), aber es fühlt sich an wie eine prekär dahinpritschelnde Ölquelle lang nach dem Peak Oil. Immerhin ist mir bewusst geworden, dass ich zwecks Recherche ja alle meine 8000er-Bücher wieder lesen darf, nein: muss.

***

Linz ist wie jedes Jahr während des Ars Electronica Festival nicht wiederzuerkennen - im Guten. Dass Menschen aus der Ferne und aus der Zukunft zu uns kommen wollen, rührt mich alljährlich.

Heuer bin ich als „President of Austria“ involviert, ich soll die Tech-Bros rauswerfen. Es ist alles recht improvisiert, was mir recht ist. Aber ob's der Kunst und der Gesellschaft dient? (Das Foto hat der gute Andreas Kolb gemacht, größter AEC-Enthusiast der Stadt:)

 

Vorher werde ich für das Projekt „Digital Shadows“ aus dem Schwarm der Teilnehmenden gefischt. Meine Knie werden vermessen, dann sitze ich mir selbst gegenüber, quasi als perfect match, was aber nur befremdlich ist. Mit sich selbst als Avatar direkt ins Uncanny Valley! 

***

Max Goldt immer toll, auch wenn er sich dieses Mal ein wenig zu viel und mit zu wenig Mehrwert am Zeitgeist abarbeiten will. Er hat nicht unrecht, aber gibt’s nicht viel ergiebigere Kolumnenthemen? Grasen das nicht der Liessman und der Hallervorden ab wie gierige Ziegen?

Gelernt: „Pasquillant“, eine Unterart der Satire, die sich an einer prominenten Person abarbeitet. Bei mir also André Heller, die Landeshauptleute und Luis de Funès.

5.9.

Köglberger, den ich in einer ganz anderen Sache anrufen muss, dementiert, dass ich das Kunstförderstip nur bekommen habe, weil ich so nett sei („Auch, aber nicht nur“).

***

Mein Drang nach öffentlicher Meinungskundgabe als Privatperson schwindet wie die Gletscher. Vielleicht liegt's an der gesellschaftlichen Klimaerhitzung. Ich kriege ja schon für meine selbstironischen Alltagspostings so viele törichte Ratschläge und Belehrungen. Als Präsidentin geht’s dann wieder, da profitiere ich von der österreichischen Hofknicks-Mentalität.

***

Ich muss mehr mit den richtigen Menschen abhängen. Katrin ohne H etwa, die ganz begeistert angesichts der Skiberge im eigenen Garten ist, und später über Finis Schnaufen in meinem Ö-Slam-Regelerklärvideo. 

 

***

Dass sich dann an diesem Tag alles ausgeht und ich um 18:30 Uhr im Zug sitze, ist ein gnädiges Kleinwunder. Ich sitze da, regennass, nach Luft ringend – und im Frack. Die Leute im Abteil nehmen mich gar nicht wahr. Daheim wartet Buttinger mit Bier und Brot.

6.9.

W8-Klausur am Stoßbach. Im Waldhaus hängt ein Gewehr an der Wand, daneben auf dem Regel steht der „Ulysses“. 

Auch dieser Tag verdient das Label "Mit den richtigen Leuten abhängen". 

 

7.9.

Sämtliche Nachbarinnen sagen S., wie tüchtig sie sei, weil sie an einem Sonntag den Kirschlorbeer schneidet. Ich natürlich auch, so will's der Brauch hier. Würde ich die Beteiligten nicht kennen, ich dächte mir meinen pseudo-urbanen Teil über dieses Speckgürtelverhalten.

***

In der Boulderhalle verbringe ich jetzt mehr Zeit mit den Gewichten als an den Wänden (beides insgesamt auch immer kürzer). Bald reicht mir der Haushalt als Fitnessgerät.

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W. zeigt uns, wie man auf das Flachdach kommt. Vor lauter Aufregung übersehen wir die Mondfinsternis, die in Wels aber ohnehin nicht spektakulär ist. 

8.9.

Nun bin ich also Mitglied in der Gruppe 47 [Beim Abtippen im Februar freue ich mich richtig über diese Erkenntnis, ich habe mir selbst erfolgreich eingeredet, schon im 48. zu sein].

Mit mir feiern heute zehntausende Eltern in der Osthälfte Österreichs den Schulanfang. 

 

Man schenkt mir viel Ess- und Trinkbares, aber auch: 10 Legami-Stifte, 1 Grundlseebild, 1 Schafspelz für frierende Wölfe, 1 Gutschein fürs Restlsaufen, 1 Einhornseifenblasengerät. Fini kriegt 1 Flohhalsband, dessen Gestank sie völlig aus der Bahn wirft. 

 

Nächstes Jahr gehe ich am Geburtstag trotzdem wandern, alle wundern sich im Internet, dass ich das nicht getan habe.

9.9.

Im Traum mit einer Gruppe auf einem höheren Berg, Martin Pollack war auch dabei, in einer väterlich-beruhigenden Rolle. Heute fände ein Abend zu seinen Ehren statt, den ich spritze, weil ich geistig am Everest bin und deswegen für meine Verhältnisse wild dahinschreibe. Aber sogar der literarische Besteigungsversuch fühlt sich an wie Hybris.

***

Wachsende Blödheit, eine Schwäche für alles – heute beim Sammeln an der Donau einen zweiten, weniger ansehnlichen Stein mitgenommen, weil es mir so vorkam, als gehörten die beiden Kiesel zusammen, als seien sie schon den gesamten Weg vom Tessin hierher... ach, es ist zu dumm.

Sonst aber alles ok. Das Ausmisten wird immer mühsamer, auch wenn ich objektiv weiß, dass das Haus noch bummvoll ist. Aktuell miste ich den Stoß der Publikationen des „Österreichischen Buchklubs der Jugend" aus (der im April 2026 übrigens vor dem Aus steht, Schande über die Verantwortlichen!). „Heimat und die weite Welt“, ein Reader's Digest für die heranwachsende Nachkriegsgeneration. Auch darin viele Tierschicksale.

11.9.

Ich schreibe den Roman wie eine old school Everest-Besteigung, im Belagerungsstil. Wieder geht es an einen Ort, an dem ich nie war und wohl auch nie hinkomme. Zu Fleiß, ich wäre dann ja Teil des Overtourisms. Ziel ist, dass man sich nach dem Lesen ein bisschen schämt, wenn man noch nach Hallstatt oder ins Basecamp reist. Das ist aber auch ein wenig gelogen, ich war ja nach Erscheinen des Buches selbst wieder in Hallstatt. Immerhin kann ich meine Neigung zum Abenteuerbuch für das eigene Schreiben nutzen.

***

Es gibt das Amt des „Grasherrn“.

 ***

Im Black Horse Mieze und Markus angetroffen. Nur mit sehr viel Mühe das zu vielte Bier nicht getrunken, weil's noch schön gewesen wäre.  

12.9.

Neusiedl

So lange schon war ich nicht mehr im Burgenland. Es ist mir ganz recht, die ollen Erinnerungen zu überschreiben. Der See scheint aber immer noch eine gigantische Froschlacke zu sein. 

Die Burgenländer an sich sind schon liebenswert. Mir ist es fast peinlich, aus einem Bundesland ohne so etwas wie „Volksgruppen“ zu kommen. Brettl spricht über rassistische Inszenierung der Roma und Sinti, Invancsics über ihren rassistischen kroatischen Onkel.

Der liebe und sehr lustige Perschy erzählt sehr lieb und lustig über allerlei Namen. Er kennt eine, die sich in den 70ern vom damals faden „Katharina“ in das angesagte „Karin“ umbenennen ließ, in den 80ern eine, die sich von „Karin“ auf „Katharina“ umentschied. Es war aber nicht dieselbe Person.

Sein Onkel hatte einen Ged, der sich für ihn – abgeleitet vom polnischen Nationalheiligen – den Namen „Hyazinth“ wünschte. Da der Säugling einen eher schwächlichen Eindruck machte und die Eltern befürchteten, dass er nicht sehr alt werde, gaben sie dem kuriosen Wunsch nach, um dem Onkel eine Freude zu machen. Diese währte dann recht lange. „Zintl“ wurde Leiter der Wasserwerke, und als der zuständige Bezirksvorsteher anlässlich seiner Pensionierung den Namen verlesen sollte, stockte er: „Perschy... HEINRICH!“

13.9.

Wieder weiß ich in der Nacht sehr lange nicht, wo ich bin.

***

Zur Tabor-Ruine. Höhenmeter machen fühlt sich im Burgenland an wie Mokka trinken in Tirol. In der Ferne glänzt die Froschlacke silbern im Schilfpelz. Ich beschließe, hinzugehen, so weit kann das ja nicht sein. 12.000 Schritte später stehe ich vor einem Gitter, das zumindest einen kleinen Blick auf den See gewährt. Kein Zentimeter Ufer ist gratis zu betreten. Leicht adriatische Ferienanmutung, dort kommt man auch nirgends einfach so an den Strand. Immerhin ist der Vogelreichtum des Háncsag zu erahnen. 

 

***

Sanja Abramović nimmt mich sehr für sich ein, am liebsten möchte ich nur noch von ihr bei Lesungen begleitet werden. Sie habe sich beim Vorbereiten im Blog festgelesen, wobei sie beim Lesen über meine Prokrastination selbst prokrastinierte. Wie lieb ist das denn, alles erreicht!

Welchen chinesischen Ort würdest du in Oberösterreich kopieren wollen?“ „Chengdu, das ist eh die Partnerstadt von Linz, die passt flächenmäßig exakt auf OÖ drauf.“

Sehr, sehr einnehmend auch Ana Marwan, ich verliebe mich in ihr „Sei Erich“, das absurderweise kein Bestseller ist, sondern in einer vergriffenen Mini-Auflage erschienen ist. Erich heißt in der Realität Ivo und hat honigfarbene Pfoten. Es geht in den Gedichten u.a. um das Ende einer bedingungslosen Liebe, weil der besungene Hund sich in einem verwesenden Feldhasen gewälzt hat. Später plaudere ich mit ihrem Mann, nach drei Sätzen frage ich ihn, warum er genauso klinge wie ich – weil er aus Ottensheim stammt, fast mein Jahrgang ist und alle meine Ottensheimer kennt. Wie er denn heiße? „Marwan.“ „Ja, aber dein Mädchenname.“ „Eh! Ana heißt Flay.“ Ich entwickle immer stärker einen Jugo-Akzent-Fimmel, für den ich mich nicht sehr schäme (ein bisschen schon, es ist vielleicht positiver Rassismus).

Clemens Berger hat sich in den ziemlich genau 10 Jahren, in denen ich ihn nicht gesehen habe, keinen Deut verändert, als habe er in einer Kryokammer überwintert.

Sofort möchte man von Ljuba Arnautović adoptiert werden. Sie hat soeben einen Enkelsohn bekommen, dessen Vater Italiener ist. Das Kind heißt „Rio Boschi“. Wie soll aus dem nichts werden!

14.9. 

 

Wieder nur durch härteste Disziplin nicht ertrunken, was in Anbetracht all der offenen Weißweinflaschen wirklich eine Leistung war (für die ich eh kein Lob erwarte, ich danke es mir heute Morgen ja selbst).

Mit den extrem überfüllten ÖBB heimfahren ist ein arger Kontrast, aber egal, es kann ja nicht immer so schön weitergehen.

***

Zum Vollständigen Niedergang schauen wir „John Wick 4“ - ein Gemetzel, über das man schon nur noch lachen kann (wenn ich nicht die Hälfte verschlafen würde). Als sehr schönen Kontrast zum Morden streichelt mich der Buttinger, wahrscheinlich freut er sich, mich wieder da zu haben (same here). Die Dialoge im Film sind in ihrer Pathetik nur noch doof.

15.9.

Im Irrglauben eines Formtiefs 12 Stunden übers Kolmkar zum Grieskar. Wahrscheinlich wäre es über die schwach verzeichnete Abkürzung hinüber zum Rabenstein kürzer gewesen, aber heute hat mich der Mut verlassen. Das Auf- und Ab in den Latschengassen verlangt mir eine Zuversicht ab, die ich nicht immer schaffe, auch wenn genug Kraft in den Beinen ist. Es kostet geistige Spannkraft, sich auf die Markierungen der Vorgänger und die eigene Orientierungsfähigkeit zu verlassen. 

 

Fini lobt mich heute wieder oft. Nur beim Urban-Band ins Tal hinunter mag sie nicht in meine Arme hüpfen, lieber überspringt sie es mit einem gewaltigen Satz in den prekären Schotter. Dieses Tier zeigt mir, wie man sich in den Bergen bewegen kann.

Das gellende Pfeifen der Murmeltiere, die herabschauende Gams, die Brunft der Hirsche in der Dämmerung. Es ist mulmig und schön zugleich in der Finsternis.

Ein großer und sehr langer Tag.

16.9.

Würde es die Immobilienkrise nicht lindern, wenn man all die musealen Dichterwohnungen an arme, sehr ordentliche Literat*innen vermietete?

***

Eine Krähe hoppst so nahe an das Auto heran, dass es suizidal wirkt, dann erst gneiße ich, dass der schlaue Kollege eine Nuss exakt so platziert hat, dass ich sie ihr mit dem Reifen knacken kann.

17.9.

Bei der kommenden Lesebühne lege ich es darauf an, einmal öffentlich hemmungslos zu heulen, also „Da Summa is ummi“ mehrstimmig, ein Nachruf auf Robert Redford am Dreibrüdersee etc. Die Ideen sind eh schon lange da, schreiben tu' ich alles natürlich schnell am letzten Vormittag. (Dabei trotzdem das Gefühl, nicht genug gearbeitet zu haben).

***

Verstärkter Bartwuchs. Will der Körper ein Mann werden oder einfach nur keine Frau mehr sein?

***

Nach meinen Beobachtungen öffnet die Nachbarin täglich zur selben Stunde ihre Haustür, um performativ zu saugen.

***

Auf meine Anfrage, ob Kreisky nicht im Schl8hof spielen wollen, hängt Franz das PS an, dass sie jetzt extra wegen mir „Selbe Stadt, anderer Planet“ wieder auf die Setlist genommen haben. Das freut mich mindestens so wie die guten Menschen nach der Waschküche mir ungefragt die liebvoll eingepackten Restln auf den Tisch stellen.

18.9.

Heute wäre sehr viel zu schreiben und zu arbeiten und zu tun und zu besuchen, aber man ahnt schon: stattdessen Rasenmähen, Wäschewaschen, Laubrechen, Tändeln.

19.9.

Stress wegen gestern. Aber der Fasthuber schreibt aus Wien, dass er heute drei Interviews mit Leuten geführt habe, von denen zwei mich grüßen lassen (Kreisky, Waldeck – nur Mabo kennt mich noch nicht).

***

Fünfviertelstunden Fahrt nach Schärding, um vor sieben Menschen zu lesen, dann fünfviertel Stunden wieder heim, um vor 50 Leuten zu lesen. Insgesamt also gar nicht schlecht.

Während der Fahrt möchte ich mir all die schönen Ortsnamen aufschreiben, was ich hier unvollständig nachhole: Ort neben der Straß, Parz an der Ölstampf, Guselhub.

In Schärding erzähle ich ein wenig von den globalen Verwerfungen, die ein erstarkendes China mit sich bringt, gibt’s Fragen? Ja, meine Kinder waren noch so viel in der Natur, das kennen die Jungen heutzutage gar nimmer! (Kurzfassung der Ausführung).

Lesebühne mit dem fantastischen jopa jotakin: 

 

Der Decker hat Geburtstag, schenkt uns aber was, nämlich seine Fotos und etwas für die Verlosung: „Lolita singt Kinderlieder“, ich nehme es mit nach Hause, weil ich dumm bin. Die Tombola des Grauens – das Temu von Linz! (Im Ö1-Mittagsjournal bezeichnet eine Handelsexpertin die Exportwut Chinas übrigens inhaltlich als „Gewölle“). Es ist ein absurder Anblick, wenn ich das Publikum bitte, alle Gewinne in die Höhe zu halten. Fast zu viele sind gekommen, aber die Kategorie gibt’s in der Literatur eigentlich nicht.

Wir haben alle sehr große Gefühle, ich zumindest. Immerhin ging es ja auch um Melancholie, der zwei Drittel des Ensembles viel abgewinnen können. Buttinger hingegen weint bereitwillig, wenn es sein muss, kann aber unsere gepflegte Trübsal nicht nachvollziehen. Bei mir ist's eigentlich umgekehrt.

Sehr arge Ohrwürmer in der Nacht.

20.9.

Eine Hochzeit auf dem Lande. Nach dem Gehetze gestern ist es eh nicht unangenehm, sich ein wenig zu langweilen. (Nie vergeht die Zeit langsamer als bei großen Familienfesten).

Buttinger arbeitet daran, der weirde Onkel der Sippe zu werden. Wir sitzen in einer ehemaligen Kalkmühle und kommentieren die Trauung wie Waldorf & Stettler.

Bei „Time of my Life“ zwei Damen in die Höhe gestemmt. Es wird aber nicht leichter. „Tante Minki, jetzt hob i dei Hebebühne ned gseng!“ klagt Ch.

Rund um die finale Feierlocation leben seltene und seltsame Haustierrassen.

 

Rainer erzählt, dass sie in Berlin vor einiger Zeit um kein Geld ein paar Schienen Dias gekauft haben und mit fremden Bildern einen Projektionsabend veranstaltet haben. „Bissl hat mir eine Rauferei unter Freunden gefehlt“, sagt er am Ende, leicht beschwipst.

21.9.

In der Früh tut der Hund so, als habe sie getrunken, gerauft und getanzt, ich muss sie fast aus der Wohnung tragen. Auf der Straße lahmt sie richtig, also drehe ich um und bringe das arme Tier zurück in de Wohnung, in der die Buttingerbrüder noch büseln, weil sie getrunken und getanzt haben. 

 

Dann ins Almtal und ins Nesseltal, dort – weil ohne Hund – durch die Hundsheb. Kurz vor dem Ausstieg im Kar kommen mir Wanderer entgegen, die sagen, sie haben im Hotel übernachtet. „Hä?“ sagt mein Gesicht, und sie erklären, dass man einen schönen Lagerplatz an der Ostseite des Rosskopfs so nenne. Ich steige in die andere Richtung, hinauf zum Kleinen Woising. Es ist ziemlich sicher, dass ich das nicht mehr wiederhole, es ist aber auch deutlich, dass ich nicht die erste bin, die den sehr steilen Hang hinaufsteigt. Oben dann endlich leichteres Gelände, aber viel zu viel davon!

Auf dem Gipfel des Großen Woisings rufe ich den Buttinger an, ob sich der Hund halbwegs erholt habe. Der lacht, das Tier rase gerade in der üblichen Wildheit der Frisbee nach. Er hingegen hinke, denn er habe sich wohl beim Rock N' Roll-Tanzen einen Muskel eingerissen.

Ohne die trickreiche Tachiniererin artet mir die Tour ziemlich aus, sodass am nächsten Tag auch ich leicht hinke. Ganz allein haben die Ohrwürmer auch mehr Macht über mich. Und immer wieder schaue ich unwillkürlich, wo denn der Hund gerade sei. 

 

Sehr späte Ankunft am Einstieg zum Grieskar, tiefe Dunkelheit am Beginn der Forstwege.

22.9.

Wegen tiefer körperlicher Müdigkeit wähle ich den Mittelweg „Admin-Scheiße“, was sich bis zum

23.9.

ziehen wird. Wieder im Irrglauben, dass ich danach ja ganz befreit in Wies zum Schreiben komme.

Immerhin ein guter Lauf bei den im Juni ausgeschickten Texten – bis auf den Willemerpreis ist alles was geworden. Bezahlt wird allerdings kaum etwas davon (Die Rampe, sfd, Kunstförderstip, OÖ-Anthologie). Der eine Text für die Rampe, an dem ich lange gearbeitet habe, ist nicht genommen worden, den „Mit 50“, in einer Stunde hingetippt, wollen sie sogar vorgelesen bekommen. Genauso hatte ich mir das in Wahrheit erhofft.

Heilige Mutter des Wortes, bitte für uns Armen in der Stunde unserer Deadline.

***

Mieze Medusa stellt sich als Stadtschreiberin ein, was alljährlich ein etwas anderes, „breiteres“ Publikum ins Boutiquehotel lockt. Markus Köhle sitzt darin, in Hörweite der rechten Kutzenberger-Adorantinnen, die verärgert aufschnattern, als wir den Bürgermeister leicht dissen. 

24.9. WIES

Je weiter ich in den Süden fahre, desto schlechter wird das Wetter. In weniger als Stunden Fahrt ist man schon an der Grenze zu Slowenien (ein großer Vorteil von Wels – man ist schnell wo anders).

Eine Kette an Durchfahrtsdörfern. 

 

Meine Unterkunft wird von einem riesigen Maremmenschutzhund bewacht, den ich nur unter Aufsicht des Halters kennenlernen darf, damit der weiße Bär meine Harmlosigkeit in seiner Schutzsoftware abspeichern kann. Übers Tor hätte ich nicht klettern dürfen, so aber wird es zur großen Liebe auf den ersten Blick. 

Der gute Pollanz vertut sich mit dem Literaturstammtisch in Deutschlandsberg um eine Stunde (sehr sympathisch, das klingt eigentlich mehr nach mir), ich biete ihm an, das Wirtshaus mit der Entschuldigung zu betreten, ich sei mit der Deutschen Bahn gekommen. Und wirklich lachen die guten Menschen. Später plaudern wir über die ganzen Gegenden. Den Südsteirern ist das Salzkammergut wurscht, wir können es haben. 

25.9.

Luna liegt am Morgen vor der Tür, es ist also wirklich Gegenseitigkeit in der Zuneigung. Oder sie erkennt meine fehlende innere Wehrhaftigkeit.

Im Dorfkern prangt vor der Fleischhauerei eine riesige blaue Freiheitsstatue, auf deren Tafel „Die Jugend ist unsere Zukunft! LH Waltraud Klasnic“ steht: 

 

Früher, so Pollanz, habe es hier zwei große Diskos gegeben, im Metropol soll einmal Herbert Grönemeyer aufgetreten sein, sagt der Pollanz, und die Lüge sei so lange hartnäckig wiederholt worden, bis er schließlich wirklich gekommen sei. Und dann auch noch Roy Black und natürlich Udo Huber.

Als er noch Lehrer gewesen sei, so Pollanz, habe sich einmal eine Mutter beschwert, „dass er immer so schlecht über den Hitler rede.“ Er wisse bis heute nicht, was er darauf hätte sagen können.

Werner Herzog habe einen Film über Zwillingsbrüder drehen wollen, die IMMER synchron sprechen.

Zwischen Stainz und Preding kursiert im Sommer der „Flascherlzug“, benannt nach den Urin-Behältnissen der Opfer des Wunderdoktors Höllerhansl, der ihnen weisgemacht hatte, aus dem Lulu Krankheiten erkennen zu können.

Zu Mittag befördern mich Pollanzens ins Fresskoma. Nach einem ausgearteten Mittagschlaf noch schnell ins Auto, zur Soboth hinauf. Es ist alles leicht mystisch hier im Grenzland. 

 

Der ebenfalls sehr freundliche Unterkunftsgeber Posch sagt, es sei hier in der Gegend alles ganz Kleine fast zu lange gefördert worden, weil der LH Krainer meinte, eine bewohnte Grenze sei eine sichere Grenze. Für unkundige Augen ist nicht erkennbar, anhand welcher Linien man sie in die Hügel geschnitten hat. 

26.9.

Weitere Babysteps in Richtung spätes Erwachsenenalter: um 7 Uhr ausgeschlafen sein (Luna hat wieder gewartet). Erleichterung über das Erreichen der Zahl an Aufträgen, die das Jahr finanzieren. In der freien Zeit nach Deutschlandsberg. Beim ÖAMTC jopa jotakin lesen (maximaler Verfremdungseffekt). Für 16 € leuchtet jetzt alles, was soll, und nicht mehr, was nicht soll. Am Tresen eine Frau, die sich selbst als „Vöcklabrucker“ bezeichnet.

Lesung, super Musik, wieder die Neurose, dass doch das viel besser sei als mein bissl aus einem Buch Vorlesen. Ich werde für ein slowenisches Radio interviewt, das wird mir auch nie mehr wieder passieren.

[Während ich das am 9.4. tippe, kommt vom Pollanz die Nachricht, dass das Buch „Schwalbenkönig und Blutgrätsche“ erschienen ist, mit dem Text, den ich bei ihm noch schnell fertig heruntergeklopft habe.]

27.9.

Als ich bald in der Früh zum Auto gehe, bin ich fast erleichtert, dass Luna noch schläft, sonst wäre mir der Abschied noch mehr ans Herz gegangen.

***

Auf Ö1 erzählt Milena Michiko Flašar von den verschwundenen Menschen in Japan, den „Hakagun“, was „von Gott versteckt“ bedeutet. Erst irgendwann fällt mir ein, dass sie ja vor zwei Jahren in Wels mit Bodo Hell hätte lesen sollen.

***

Blitzbesuch bei der geliebten B., und auch eine Alterserscheinung: „Hilfe, bei mir ist nicht zusammengeräumt!“

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Absurd, mitten Auto mitten nach Wien hineinfahren zu können, es am Stadtpark einfach stehen zu lassen, noch dazu gratis. Fast noch absurder, spätnachts damit unbehelligt querdurch heimzufahren. Bei Tag würde ich es vielleicht noch ganz gut ohne Navi schaffen, in der Nacht ein seltsames Gefühl, sich der Technologie auszuliefern.

***

Die GAV-Generalversammlung wartet mit einem historischen Entscheid auf – das PEN-Mitgliedsverbot ist abgewählt worden. Die Veteranen sind erschüttert. Bissl hätte ich erwartet, dass Josef Haslinger uns „Jungen“ nachher ein Bier zahlt, aber er verschwindet sofort nach seinem Coup.

Nach der Mittagspause frage ich alle, in welchen Abständen Regionalwahlen abzuhalten seien, worauf ich erkennen muss, seit 2021 unabsichtlich zu herrschen wie der Kim Jong Un von Linz Land.

Nach dem Abendessen gibt Christa Nebenführ mir und der sehr netten Susanne Toth Bussis, als wir ihr beide verraten, dass wir uns am Anfang ein wenig vor ihr gefürchtet haben und jetzt ihre Meinungsstärke aufrichtig schätzen. 

Wohlgestimmt nach Hause – was gut ist, denn das Autofahren hängt mir schon zum Hals heraus.

Ganz spät noch erschöpftes und glückliches Biaschtln light mit dem Buttinger. „Loss' aussa, Meindl“, sagt er nach meinem Plädoyer gegen Vokuhila-Kinderschänderfrisuren. 

28.9.

Schwere Defizite beim Klettern, was aber auch sehr egal ist. Gut ist ja, dass ich mich noch aufgerafft habe in die Vertikale. Nach zwei Wochen in der Horizontalen kann es leicht passieren, dass man es gleich gut sein lässt (mir kommt vor, ich hätte das gerade erst schon einmal geschrieben). Noch möchte ich nicht Zeugin meines Verfalls sein (also nicht so augenfällig).

***

Der dem Buttinger als teures Souvenir mitgebrachte Schilcher schmeckt, als sei er gesund, ich muss ihn allein austrinken (was ich auch tue, weil er ja gar nicht billig war). 

29.9.

Wieder im Auto. Ö1, „Vom Leben der Natur“: Fliegen erschaffen sich komplett neu aus den Stammzellen ihrer Larven, die zu einem Brei zerfallen sind. Imposant, aber auch widerlich.

In der ZEIT: Aale können beim Warten auf die Geschlechtsreife angeblich 150 Jahre alt werden (in einem schwedischen Brunnenschacht). Die Sargasso-See hat keine Küste, seine Grenzen werden durch Strömungen gebildet. Das alles habe ich eigentlich schon vor Jahren im „Evangelium der Aale“ gelesen, aber mir nichts davon gemerkt, außer dass Freud erfolglos nach den Geschlechtsteilen der Aale gesucht hat.

***

Vor lauter Freude, beim Roman den Zeitplan eingehalten zu haben, gehe ich gleich in den Garten und stutze alles. Wenn es das nächste Mal beim Schreiben hakt (UND DAS WIRD PASSIEREN), einfach mir selbst einreden, dass die Gartenarbeit jetzt absolute Priorität habe, dann treibt es mich eh automatisch wieder ins Büro, weil ich mir selbst gegenüber pubertiere. Siehe auch: Beim Rasenmähen an den Roman denken und umgekehrt.

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Der Hund der Hundetrainerin springt mich mit schlickigen Pfoten an, ich mache aufrichtig kein Aufhebens, weil mich diese Disziplinlosigkeit entlastet. 

30.9. 

 

Dank produktiv kanalisierter Prokrastination stehen auf meiner To-Do-Liste nur noch Arzttermine, und unter den Emails schauen leere Zeilen hervor. Morgen bleibt also keine Ausrede beim Schreiben (außer Meteoriteneinschlag). Der Himmel schaut heute eh schon vielversprechend in dieser Sache aus. 

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Willkommen Österreich informiert uns über die Existenz eines Herrn Heinz Scheißerle. Coala schreibt tags darauf, dass einer ihrer Flugbegleiter den Namen „Orschi“ führt.

Montag, September 01, 2025

Am Ende des Sommers immer derselbe Erlebnis-Gierschlund

Lebenskrimskrams im August 2025

1.8.

Traum, dass der Vater dringend Hilfe beim Telefonieren braucht. Adressbuch hat er keines, weswegen er kurzerhand einem alten Mann am Ohr Blut abzapft, „weil der ist mit dem verwandt, und so finde ich ihn über die DNA.“ Meine bisherige Traum-Unfähigkeit, ein Wählscheibentelefon zu bedienen, hat einen Sprung in ie Nullerjahre gemacht: Jetzt kann ich kein altes Handy mehr bedienen.

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Das alte Leben zieht schon an mir. Statt über den Sinn des Lebens denke ich darüber nach, ob ich es mit den zwei letzten frischen Unterhosen bis zum Urlaubsende schaffe. 

4.8. Schönering

Seelische Verkaterung nach Wiedereintritt in die Alltagsatmosphäre, wie immer glaube ich, dass die Erholung sofort verglüht. Wenigstens ist durch unsere dreiwöchige Absenz wieder kein Schaden entstanden. Nur den Spatzen werde ich gefehlt haben, als die garstige Hexe, der sie die Körner fladern. Wahrscheinlich hat sich der Garten auch ein wenig von mir erholen können, so wie ich mich von ihm. Das Wetter hat zumindest so viel Anstand, dass es immer noch scheiße bleibt. 

 

Die Brache des ehemaligen Schwimmbeckens hat sich in eine Ruderalfläche verwandelt, die ich ohne Genehmigung des Naturschutzbundes wohl gar nicht mit Rollrasen zupflastern dürfte. Jugendliche werden sich am Flieder anketten, die Grünen gehen gestärkt aus dem Protest gegen mich hervor. Wenn es nicht aufhört zu regnen, kann ich den Garten gleich irgendwelchen Urvölkern überlassen. Der Rasenmäher erstickt nach drei Laufmetern.

5.8.

Der Hund und ich fremdeln noch mit der Stadt. Dabei ist es vorerst nur Wels.

6.8.

Heute tippe ich die Phantomereignisse vom Jänner ab. Darin schreibe ich darüber, dass ich gerade den Lebenskrimskrams vom August 2024 abtippe. Wir sind gerade vom Grundlsee heimgekommen und seelisch verkatert.

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Mein Leben mit 300 Kilo“ geht nicht mehr, seit dort nur noch Schwarze Frauen vorgeführt werden.

Arger Kontrast: „Die Welt von Gestern“. Jetzt begreife ich erst den Sinn des Zweig-Films „Morgenröte“ – Zweig meint damit den ersten Schimmer des Weltenbrandes. Sein hoher Ton passt nicht gut für die Gegenwart, wohl aber leider die Tatsachen. Eine geschwisterlich geeinte Welt ist eine naive Illusion angesichts der Propaganda des Nationalismus...

Kurios: Zweig reist gegen 1910 nach New York und langweilt sich, weil alle so viel arbeiten und es keine Kultur gibt.

 

7.8.

Aktuell esse ich täglich so viele verschiedene Sorten von Obst und Gemüse, dass ich eigentlich ein besserer Mensch werden müsste.

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Ich tippe gerade ab, dass ich am 16. Februar 2024 etwas vom 18. August 2023 abgetippt habe (was ich wiederum am 25. Februar 2026 abtippe – the circle of life!). Es ist wie ein Gruß aus der Vergangenheit an mich selbst.

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Coala kommt aus Wien, auch sie bringt Gemüse. Dazu die üblichen sinnlosen Schokokreationen, die ihr nicht so gut geschmeckt haben. Sehr langes Schnattern im Wintergarten, ich weiß aber schon zwei Tage später nicht mehr, worüber (wahrscheinlich Leute, und wie sie so sind).

8.8.

Wir ermuntern uns gegenseitig zu recht eifrigem Arbeiten, trotzdem schaffe ich es nicht langer als bis 11 Uhr, nach dem Mittagessen kommen noch jämmerliche 24 Minuten drauf (eine Minute brauche ich, um das auf der Uhr zu prüfen).

Scharnstein. Barbara Rieger moderiert mit sehr viel Fürsorge. Nach der Lesung verstricken wir uns so innig in die Klemm-Leykam-Debatte, dass ich ganz schön rasen muss, um Bettina Baláka rechtzeitig zum Zug zu bringen. Sie ist nachher etwas blass um die Nase, ich tue so landlackelmäßig, dass es eh klar war, dass wir das schaffen. Noch ein Bier mit dem Buttinger, viel zu spät ins Bett, um am nächsten Tag viel zu früh ins Almtal zurück zu fahren.

9.8.

Es ist ein Kampf gegen die Schwerkraft, andererseits eine große Pracht in der Hetzau. Und H. erzählt sehr lustige Sachen, etwa vom Besuch beim Urologen, was besonders eifrigen Radfahrern wegen der Prostata höchst angeraten sei. Prompt sagt der Doktor auch, „goin'S, Se san Radlfohra!“ „Huch, sehen Sie leicht was?“ „Na, nur wegen dem Sonnenstreifen auf der Haut.“

Auf dem Gipfel reicht er mir den Gucker, um den todbringenden Schnabel des Kolkrabens zu ästamieren. Die Falken fliegen tolle Manöver vor der Kulisse des Schermbergs.

Vom Zwilling ins Auto in den Garten. Ich werde diese Tropennächte sehr vermissen, wider jede Vernunft.

10.8.

Es ist draußen der schönste Tag, ich bleibe derweil drinnen und täusche vor, krank zu sein.

Die Welt von Gestern“: Zweig hält sich wortreich zugute, so knapp und reduziert zu erzählen. Sehr scheiße gealtert die Passagen über die wilden 1920er, wo die „natürlichen“ Geschlechtergrenzen aus Trotz gegen die im 1. Weltkrieg geraubten Jahre missachtet wurden. Da schaut man gleich genauer, wer so etwas schreibt, und siehe da, Zweig soll laut Gerüchten Exhibitionist gewesen sein. Immerhin zeigt man dabei ja die natürliche Herrenausstattung her.

Ansonsten alles natürlich sehr tragisch.

11.8.

Wir helfen L. beim langersehnten Umzug. Kraft meines Amtes soll ich Bücherkisten packen, lauter Ratgeber für ein starkes Ich – trotzdem mache ich die Kisten nur halb voll, damit sie nicht zu schwer werden. Es tröstet mich ein wenig, dass andere auch so viel Zeug besitzen. Zum Beispiel drei Sets Tarotkarten. Der Stapel für die Tombola wächst schnell, bis man mir lachend unterstellt, nur deswegen zu helfen. 

Später treffe ich H. an der Donau und erzähle von all dem Zeug, sie ächzt – ihre Eltern sind Messies. Die Mutter besitzt mehr als 500 Kochbücher.

12.8. 

Verwunderlich, dass es „Rümpeln“ nur negativ gibt, das Entrümpeln ist klar, aber es kann ja nicht aus dem Nichts schöpfen; ist der Prozess des Berümpelns zu langsam, um ihn zu benennen?

13. - 14.8. Eine Nacht im Toten Gebirge

Nach der Tunnelkette Klaus fällt mir ein, dass ich mich nicht erinnern kann, Bergschuhe in den Händen gehabt zu haben. Zu Recht. Der Auftakt einer Kette an Fehlleistungen – was aber in Kontrast zum Abenteuer und der Schönheit steht.

Oben im Kar steige ich auf den Höhenrücken zwischen Kraxen- und Mitterberg. Einen schöneren Zeltplatz habe ich wohl noch nie gefunden! Gegen den Wind baue ich emsig eine Mauer, die ganz offensichtlich nichts bringt, außer Beschäftigung und Wärme von innen. Es ist nicht kalt, aber die Hitze unten im Tal ist schnell vergessen. Ein absurd schöner Sonnenuntergang mit Blick in Richtung Grundlsee; im Cocktail-Farbverlauf mit der Sonne als kandierte Kirsche. Zum Glück verschicke ich noch ein paar Bilder davon, denn das Handy besitze ich ab jetzt nicht mehr lange. 

 

In der Perseidennacht bringe ich alle Wünsche an und fürchte mich fast gar nicht.

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Der Morgen erneuert das Farben-Spektakel im Osten. Das Summen der Schwebfliegen ist mir der liebste Wecker. In den ersten Sonnenstrahlen hinüber zum Hebenkas, in dessen Gipfelbuch sich seit meinem letzten Mal hier nicht viel getan hat. Ich gehe noch bis zum Brandleck weiter, und noch auf den Hochplanberg. Von der Zeit her grade so ok, es wird sich mit dem Wasser wohl ausgehen, aber Fini ist in der Zwischenzeit schon recht brav. 

 

Just als ich im Wassertal vor der Schlüsselstelle beschließe, jetzt nicht mehr so oft aufs Handy zu schauen, stopfe ich es so schlampig in seine Halterung, dass es nicht lange drin bleibt. Ab jetzt liegt es wohl in alle Ewigkeit da und verseucht die Wildnis ein wenig. Am meisten schmerzt mich der Verlust der schönen Bilder dieser 36 Stunden – und dass sich der Buttinger wohl bald Sorgen machen wird.

Auf der Nickeralm finde ich einen Gamsschädel, den ich mir zum Trost behalte. Fini will ab hier getragen werden, was nur kurz klappt, weil ich mich im Windbruch verfranse. Eine sehr stressige halbe Stunde.

Unten auf dem Forstweg treffe ich recht bald freundliche Dolomitensteigwanderer, die mir ihr Handy leihen. Blöderweise kann ich nur Coalas Nummer auswendig. Und die hebt nicht ab, weil ihre eine unbekannte Nummer aus Deutschland im Urlaub spanisch vorkommt (was ihr nachher sehr peinlich ist).

Zuhause esse ich vier Tage alte Pizza, was nicht einmal bei mir ein Food-Trend wird.

15.8.

Ohne Handy stürzt man ein Stück weit in die Jungsteinzeit zurück. Ich putze am Feiertag das Haus, um mein Leben zumindest hier wieder in den Griff zu kriegen. Dabei schrotte ich den Staubsauger, weil ich vergessen habe, einen Sack hineinzuhängen. Allmählich verliere ich das Vertrauen in mich selbst. Beim Autofahren wie auf rohen Eiern.

Ohne Smartphone hätte ich viel mehr Zeit, wenn ich nicht dauernd allen Bescheid geben müsste (per Computer und Buttingers Handy), dass ich nicht erreichbar bin.

16.8.

Nach Linz in den Handyshop. Die gepflegten Leute sind wohl alle noch im Urlaub. Die Menschen, die mit mir durch die Stadt wanken, sind alle nicht so richtig gewaschen und gehen etwas unsicher daher. Es kann aber auch sehr gut sein, dass ich mich erst wieder an „Urbanität“ gewöhnen muss.

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Zuhause versuche ich, den PIN in mein altes Smartphone einzugeben. Jetzt ist auch das hin, weil ich es mangels funktionierender Home-Taste nicht wieder in Gang kriege. Das Iphone des Vaters lässt sich ohne Kennwort nicht mehr aktivieren. Das Nokia-Dumbphone ist endgültig entladen, für das ganz alte finde ich kein Ladekabel mehr. Dann verscheiße ich unfassbar viel Zeit damit, das alte TomTom zu aktualisieren und Suunto auf den PC hochzuladen.

Irgendwann wage ich es, ins Ungewisse loszufahren – die Freundinnen schlagen das Hochkar als Treffpunkt vor. Mein Vertrauen in das alte Navi wird belohnt, es lotst mich auf dem besten Weg durch das Herz der Finsternis (= das scharze NÖ). 

Wir schnattern so angeregt und lange, dass es knackt in den Kiefergelenken. 

17.8.

Es schifft sich so richtig ein hier im braunen Skigebiet. Hinunter muss ich vorausfahren, weil ich als Kind des Zentralraums mit blickdichtem Nebel umgehen kann. 

 

Am Lunzer See ist es zumindest trocken, und irgendwann auch wieder warm.

B. wünscht sich von mir, unser „Dirty Dancing“ für November auch wirklich zu üben, sie wolle sich nicht blamieren. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, dass es im Wesen der Sache liegt, sich zu blamieren. 

18.8.

In der Donau gebadet, auf der Yogaplattform übernachtet, beim Romanschreiben sämtliche Prokrastinationsregister gezogen, die ich in jahrzehntelanger Praxis entwickelt habe (etwa die Garage kehren).

Die Nacht unter dem Nussbaum war wieder so schön, dass es mir leidgetan hat, keine Handykamera zu besitzen – bis mir einfiel, dass ich ja etliche andere Kameras im Haus habe.



19.8.

Im Zug nach Wien. Ein in die Jahre gekommenes Boomer-Ehepaar mansplaint einander das, was sie beim Blick aus dem Fenster sehen, immer im Mitteilungston beträchtlicher Relevanz, wie etwa, „da sind jetzt die neuen Wohnanlagen!“ Der jeweils andere nickt. Im selben Ton hinterlassen sie den Kindern Sprachis: „Wir fahren über Wien Westbahnhof an die Nordsee und essen Scampi!“

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P. sagt, er lese grundsätzlich nicht, was in seinem Verlag erscheint, „ich bin Kaufmann!“ Mich lobt er für meine einfühlsame Schilderung der Nordsee, „man kann den Schlick richtig riechen!“ Thomas Sautner habe er mit dem Titel „Peter Rosegger des Waldviertels“ ziemlich gekränkt. Ich sage, er dürfe mich „Paula Grogger des Zentralraums“ nennen. Wenn ich Mitte Februar abgebe, „schaffst du es ins Herbstprogramm. 2028!“ Haha. Den Titel suche ich dann wieder auf den letzten Drücker aus der Kreisky-Songliste. [Februar 2026: Und genauso kommt es auch.]

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Auf dem Heldenplatz gibt es (wie zur historischen Entlastung) eine große Hundefreilaufzone. Fini ist geflasht und für ihre Verhältnisse höflich, vor einem frechen, schwarzen Hund kuscht sie gleich. Das fesche Tier kommt mir bekannt vor, dann schnalle ich erst, dass es Tereza Hossa gehört. Wir schnattern zwei Stunden lang über Kuhkastration und toxische Männlichkeit. Wie zum Beweis kommt ein arg danebener Typ daher, der mit seinem Husky enorm auf Stress aus ist. Hossa faked einen Polizeianruf. Dann erzählt sie mir, dass sie irgendwo sehr gspritzte Künstlertypen neben sich sitzen hatte, „aber dann haben sie über dich gredet, dann konnte ich sie nimmer hassen. Der eine sagte, die hat die Figur der Kaiserin aufgebaut.“ Ich bin mir sicher, dass sie über jemanden anderen geredet haben, freue mich aber freilich trotzdem.

20.8.

Prokrastination, als würde man mich dafür bezahlen. Erdäpfel geerntet, in der Hoffnung, dass die Geister der Eltern gerade über mir schweben. 

 

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In der Nacht träumt mir, ich müsse die Kubatur von Rindenmulch ausrechnen. Zuerst bin ich ganz zuversichtlich und sage zu mir selbst, so bald im Schuljahr habe ich noch nie begonnen, für Maths zu lernen. Das Unterbewusstsein ist nicht sehr subtil.

21.8.

Die Woche ohne viel Social Media endet, UPS bringt wieder Teilhabe und Unruhe ins Haus. Ich kann aber nicht noch mehr prokrastinieren, es macht keinen Unterschied.

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Fledermäuse bilden zum Einschlafen einen „Kuschelball“ (orf.at), das Forschungsteam sei überrascht gewesen, wie sanft und kooperativ die kleinen Raubtiere miteinander umgehen.

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Seit wann lese ich eigentlich an „Middlesex“ herum? Warum zieht mich das nicht so mit wie all die andere well made amerikanische Weltliteratur? Vielleicht wegen des Sommerschluss-Erlebnishamster-Drangs. Außerdem kommt die ZEIT wieder, und zwar mit drei Sondernummern pro Woche.

Dann bouldern. Wenn ich jetzt nicht einsteige, kann ich es gleich lassen und in vertikale Pension gehen. Nie wieder fände ich zu der Stärke, meine Schwäche zu ertragen. 

22.8.

Körperlicher Zerfall, um 22 Uhr ins Bett wollen, ausgewogene Ernährung. Nur die Handysucht verbindet mich noch mit U45-Menschen.

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Ich bin nur freundlich zu allen, damit sie mich nicht behelligen.

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Ob Besitzer*innen von Rassehunden ihre Hunde immer überall zuverlässlich wiedererkennen, in einem Rudel gleichaltriger Labradore etwa?

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Marco Wanda entwickelt sich zum André Heller seiner Generation, und damit auch zur Zielscheibe meiner billigen Abneigung. Sein Buch behandelt er im Falter-Interview, als habe es ihm ein fader Ghostwriter oder eine willfährige KI geschrieben und er noch keine Zeit gefunden, es selbst zu lesen.

Ich stelle mir vor, wie Philipp Hochmaier, Wanda, Tobias Moretti und Andre Heller gleichzeitig eine Veranstaltung betreten. Entweder fangen sie sofort einen extrovertierten Raufhandel an oder es hat der Raum ein Einsehen und explodiert von allein wegen all des Charismas.

23.8.

Mir träumt, dass Brad Pitt mitkommt zum Skifahren – George Clooney war schon einmal mit und hat mich empfohlen. Einerseits freue ich mich darauf, ihm zu zeigen, wie man ganz old school schöne Bogerl macht, andererseits wird mir bewusst, dass ich dann selbst gar nicht zum Skifahren komme vor lauter Stemmbogengeduld. Ich bleibe auf alle Fälle cool und verkneife mir ein gemeinsames Selfie, gleichzeitig male ich mir aus, was das auf FB für einen Bahö machen würde.

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Wieder große Zufriedenheit nach Erdarbeiten (Steinplatten im Garten vergraben). Ich habe eben keinen akademischen Körper. 

 

24.8.

Fast übersehen, dass heute ja Sonntag ist und ich Bier trinken kann. Es gibt außerdem etwas zu feiern, ich habe endlich „Middlesex“ geschafft. Darum liest sich jetzt alles Deutsch Geschriebene und groß Gedruckte zack² weg. Die Anglophonen haben offensichtlich einen zu großen Wortschatz zur Auswahl. 

Fund in meiner Kinderbuchbibliothek:  



25.8.

Einen Lesebühnentext angefangen, in dem ich „Standing Ovulations“ bekomme. Mehr als den Kalauer habe ich aber noch nicht. Naja.

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Ein Tag, an dessen Ende Buttingers zu trockenes Hendl vom Chinesen schon die grüßte Unbill ist.

26.8.

Über den zu Recht nicht mehr begangenen „Steig“ entlang des Riegler Ramitsch ins Glöcklkar, über den Nordgrat aufs Warscheneck und einen nicht mehr begangenen „Steig“ vom Toten Mann zurück zur Dümler Hütte („Hättst mi gfrogt, i hätt' das gsogt“, sagt Harry Höll zu meiner doofen Unternehmung, auch LM hatte erst kurz zuvor wegen der irreführenden App dieselbe Schnapsidee). 

 

Das alte Paar auf dem Warscheneck trägt Rucksäcke und Windjacken aus der Zeit, als mich der Vater zum ersten Mal mit in die Berge genommen hat.

Wos is'n des fira Rass'?“

A Collie-Mischung.“

Sie beugt sich zu Fini und streichelt sie. „A Collie soisd du sei? Naa.“ Dann erzählt sie von ihrem eigenen Collie, den sie leider nicht abgerichtet habe, weswegen er sich selbst eine Arbeit suchte. Jeden Tag habe er streng die Kühe in den Stall getrieben – allerdings schon um 16 Uhr, das war ihm nicht mehr auszutreiben. Sperrte sie ihn ein, weinte er. Sperrte sie die Kühe ein, brüllten sie. 

 

Am Gleinkersee esse ich bei der kleinen 60er-Feier alle Speisereste auf. I. (50 Kilo) ist melancholisch. „Wenn ich mit Leuten rede, habe ich den Eindruck, dass sie mir nicht mehr in die Augen sehen, sondern mein Winkfleisch anglotzen!“ Wir sprechen lange über unsere Gelenkschmerzen (was ich eh etwas voreilig finde, immerhin habe ich hart erkämpfte 2000 Höhenmeter in den Beinen). In unseren Schultern bilden sich große Tropfsteinhöhlen voller Kalkstalagmiten und -titen. Eine Freundin hat sich in New Orleans beim Fotografieren durch einen kleinen Sturz vom Randstein beide Beine gebrochen. H. habe sich die Schulter gebrochen, in einer Mulde auf einem präparierten Skiweg.

Ich erzähle so ungeschickt vom seltsamen Gefühl, beim Rasenmähen manchmal mit den Füßen des Vaters zu gehen, dass I. sagt, das sei ja wie bei „Orlocs Hände“, wo ein Mann die übergriffigen Arme eines Mörders transplantiert bekommt.

27.8.

Die meisten Menschen überschätzen den Unterhaltungswert ihrer Schnurren, viele aber wissen nicht, dass sie gerade ganz nebenbei etwas extrem Lustiges erzählen. So wie I. gestern, oder heute im Altstoffsammelzentrum ein alter Bergfreund: Der Malamut seines Schwiegersohnes sei x-mal auf dem Traunstein gewesen, aber nie wusste man, auf welchem Weg. Beim Miesweg sei er immer abgehauen und habe irgendwo oben auf dem Moaralmsteig gewartet.

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Chinesisches Geschirr der Mink-Dynastie aus dem Bauschutt-Container gefladert.

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A., die mittlerweile weiß, was sie mir Schönes berichtet, schickt Fotos aus London, wo sie einen Wettbewerb besucht hat, bei dem Mensch und Hund miteinander bewertet werden, in den Kategorien Ähnlichkeit (sie bebildert das schelmisch mit einem Bild von Chrisi und einem Mops), Wedel-Leistung und Gutsi-Weitwurf. Damit soll sich eine gesunde Gesellschaft beschäftigen, nicht mit Aufrüstung!

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Herr und Hund“: So kann ich mit Thomas Mann umgehen. Am besten ist es, wenn man ihn sich mit der Stimme Loriots selbst im Kopf vorliest. Der Hühnerhund „Bauschan“ wird von den Enten am „Narrenseil seiner Passion“ gezogen. Die Phrase gefällt dem Buttinger außerordentlich, schon ist sie fester Bestandteil des Narrenseils unserer Liaison.

Auch er scheint für seinen eine eigene Nonsense-Sprache entwickelt zu haben, siehe Seite 8. Es ist das im Übrigen kein regelbasiertes Kommunikationssystem, sondern eine pfingstkirchliche Eingebungs-Glossolalie, ein hundsspezifisches Liebestourette. Eine Kette von singulären Sprechakten mit rein emotionaler Intention. Dazu bei Gelegenheit endlich die Dissertation schreiben (muss nur einen Uni-Menschen finden, der auch blöd ist bzw. einen Hund besitzt).

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Mein privater Spätsommer-Lockdown endet bald, die nächste Woche wird durch TERMINE versaut. Es ist schlimm, aber ich geniere mich nicht für meine Gefühle.


29.8.

Fini erhebt sich um 8:15 Uhr von ihrem Schlafnest, um sich auf die Couch zu legen, ohne jede Scham.

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Sehr gerne hätte ich einen kreativen Mitmenschen, der mir wöchentlich wechselnde Kappen mit Trump-Kappen-Spruch-Parodien macht. Jede Woche werden sie höher, um mehr Schmähungen unterzukriegen. Statt dem Original „Trump was right about everything all the time“ stünde auf meiner „Grau ist der Hecht / die Frau hat recht. / Der Hecht ist grau / recht hat die Frau.“ Oder: „Ich habe nicht immer Recht. Aber immer öfter.“ „I'd rather be happy than right.“ „Ich bin mir nicht sicher, aber mich das nicht menschlich und sympathisch?“ 

 

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Beim Romanschreiben denke ich ans Rasenmähen. Beim Rasenmähen denke ich ans Romanschreiben.

Unabsichtlich beim ersten Mähen eine Vulvenform in den neuen Rollrasen geschoren.



31.8.

Nach viel zu langer Zeit sehe ich meine Tante A. wieder. Ein wenig ist sie in ihrer Demenz zu einer alten Königin in ihrem Exil geworden. Wir helfen ihr aus dem Auto, sie sieht mich wohlwollend an, „an feschn jungen Mann hamma do.“ Buttinger: „Halt dich ans jung!“ Später sieht sie mich an und sagt, „ma wiad gaunz vergessen, es is a Sind'“. Es hat aber auch ihr gefallen, zuhause habe sie auf die Frage ihrer Tochter, ob es schön gewesen sei, geantwortet: „Des woa a gaunz a internationales Treffn heit!“ Es ist eine große Erleichterung im großen Übel, dass sie so pfiffig und wohlwollend bleibt, während der Verstand geht.

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Je weniger wir essen können, desto mehr kaufen wir ein.

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Coala: „Fesches Hemd, Buttinger, Feuerwerk oder Löwenzahn?“ Buttinger: „Des san explodierende Schwoaze Lecha!“ Er habe etwas anziehen wollen, das maximalen Schaden anrichte. Sehr wirksam in Kombination mit den schwarzen Sockerl in Loafern, in Kombination mit einem Bermudabadehoserl.