Montag, November 24, 2025

Die neue oberösterreichische Hausordnung

Das kleine 1x1 des Zusammenlebens

Vergangene Woche hat die oö. Landesregierung eine „Hausordnung“ präsentiert. Jetzt bin ich nicht die hellste Kerze auf der Torte der Arithmetik – aber ist 1x1 nicht trotzdem nur eins, und ist das nicht die niedrigste einstellige Zahl? Also irgendwie der klitzekleinste gemeinsame Nenner, sprich: sehr wenig? Egal. Wichtiger ist, dass sich das nur Männer ausgedacht haben, also gilt das für die auch. Für alle anderen gelten WEITERHIN die unsere gemeinsamen Regeln und Werte, die ich mit Liebe und Sorgfalt hier aufnotiert habe. 

1. Jeder Mensch hat Würde und verdient Respekt, auch wenn er oder sie beschließt, darauf keinen Wert zu legen und bei Kulturveranstaltungen z.B. „La Montanara“ zu singen, ohne es zu können und mit Schnupfen, oder wenn die Person schiache Ballkleider aus den 80ern anziehen mag. Oder selbstironische Witze macht, was trotzdem streng verbietet, der Person gegenüber auch frech zu werden.

2. Bitte schnäuzt euch! Das Geräusch ist einfach nicht auszuhalten!!!!

3. Wir sprechen hier Deutsch! (Bzw. „Deutsch“) Schnäuzen also bitte mit Ä schreiben, denn es leitet sich von der Schnauze ab. Wir in OÖ gendern, das ist gelebter Brauch, es heißt nicht umsonst Muttersprache. Männer sind zwecks besserer Verständlichkeit mitgemeint.

4. Hunde sind respektvoll zu behandeln und dürfen gerne vor deren Halter*innen begrüßt werden. Wir lieben die Hunde so wia a Kindal sei Muata.

5. Das arschlingse Buserieren im Straßenverkehr ist verboten, insbesondere für SUVs bzw. Audi-, BMW-Fahrer etc. Listenautolenker müssen generell eine erweiterte Alltagstauchlichkeitsprüfung zusätzlich zum Sachkundenachweis ablegen, wenn ihr Kraftfahrzeug die Schulterhöhe von 1m übersteigt.

6. Das Laufen auf den Gängen ist verboten, im Gebäude sind Hausschuhe zu tragen.

7. Männer sind nach Kräften den anderen Geschlechtern gleichzustellen, das Matriarchat ist für alle da!

8. OÖ hat Platz für alle Religionen, wenn sie still im Ausmaß eines privaten Hobbys betrieben werden und nicht nerven, also ca. wie Modelleisenbahnbau, Goldhaubenstickerei oder Hinterglasmalerei.

9. Beim Tarock werden nur Spatz und Uhu angesagt, alles andere ist gottloser Unfug. Kommt die Trui gemeinsam zum Liegen, sticht der Pagat, eh klar.

10. Fleischereifacherzeugnisse dürfen nicht mehr irreführend als Bradl oder Wiaschtl bezeichnet werden, sondern als „Der Sau aus dem toten Nacken gefletschtes Fleisch“ bzw. „in seine eigenen Eingeweide gestopfte Kadaverreste“.

11. Respektspersonen wie etwa die Bundespräsidentin sind in OÖ Schulen mit einem schmeichelhaften Bild in den Klassenzimmern zu repräsentieren und höflich zu grüßen, gerne auch Nackenmassagen anbieten und ihren Hund sowie ihren Regierungsstil loben, das ist nicht cheesy, gutes Bier kredenzen – hier ist Regionalsnobismus angezeigt, da unsere heimischen Brauereiprodukte wahrhaft die besseren sind; Zipfer aber höchstens frisch gezapft.

12. Es gibt in OÖ immer noch diese Probleme mit dem Stadtbild, also Menschen, die extrem gschissn aus der Wäsche schauen, etwa nur um ein Beispiel zu nennen Herrn G. aus Wels, Schillerstraße 1/3, der mich zu Fleiß immer so grämlich anschaut, dass seine Mundwinkel über den Unterkiefer herunterhängen, keine Ahnung, was der gegen mich hat!

13. Bitte passt's besser beim Mülltrennen auf, das ist doch echt nicht schwer, jetzt darf man sowieso fast alles in den Gelben Sack schmeißen, Gmundner Keramik im Großgebinde zum Bauschutt, Lederhosen zur Carla, VOEST-Stahl zum Altmetall, die Handflächen zueinander, noch einmal, schneller, ja, so wird ein Applaus draus! (Letzteres schriftlich bissi doof, aber man kann ja auch einmal privat alleine klatschen).


Samstag, November 01, 2025

Im Oktoberösterreich ist die Welt nicht sehr groß. Lebenskrimskrams im Oktober

2.10.

Musste dem Welser Bürgermeister gestern im MKH die Hand geben, aber dank der guten Aura der anderen Beteiligten fühlte ich mich wie von einem Schutzfilm umhüllt. Besonders gut Sebastian Brauneis, der eigentlich den perfekten Namen hat, um Bürgermeister in einem freiheitlichen Bergdorf zu werden, dabei ist er aber ganz links. 

Silvia B. sieht mir zu, wie ich verliebt das Büffet und das Rotschöpfchen ansehe, „ah drum woast so schnö fertig mim Moderiern!“ Sie kennt mich nun also auch. Ich lobe das Bier über den grünen Klee, bis mir der Schodermayr sagt, er sei der Vize-Bürgermeister von Steyr, nicht Freistadt.

Volker Atteneder, der von Anglophonen stets als „Vodka Attender“ ausgesprochen wird, erzählt zur Freude aller Umstehenden davon, wie er zu einem leistbaren Mietshaus im Linzer „Maserati-Viertel“ kam. Er wohnt mit seiner Familie im „Rath“-Haus, dessen politische Überzeugung an den Nazi-Devotionalien am Dachboden abzulesen war. Die Tochter war darüber zur überzeugten Anarchistin geworden, die das Elternhaus gleichsam durch Überlassung an den Geschäftsführer der Flüchtlingsberatung exorzieren lässt. Bei den „Mietverhandlungen“ klingelten die Handys von Mieter und Vermieterin gleichzeitig – die „Internationale“ synchron. Die Kinder des maseratifahrenden Nachbarbanker schauen vom erhöhten Garten den Volkshilfekindern beim Leben zu, als wäre es RTL live. Der Banker sei aber ganz hilfsbereit, er habe den Kindern Englisch-Nachhilfe gegeben. Mit dem Beispielsatz „Every morning the banker goes into his bank.“

Dann noch finale Weltrettung im Black Horse.

3.10.

Die Fürsorge, mit der mir Mariam die Haare schneidet, ist mit 75 € fast noch unterbezahlt.

***

Heute schon die nächste gute Atteneder-Erfahrung beim Schuhmacher, dem ich meine malträtierten Wanderschuhe bringe. Sofort wird mir klar, dass das eine längerfristige Geschäftsbeziehung ist, ich stelle mich vor als „professionelle Schuhzerwirkerin.“ „Aha, kriegt man dafür gezahlt?“ „Eher im Gegenteil, apropos“, sage ich und stelle die im schicken Laden auf einmal peinlich zertretenen Schuhe auf die Budel, er lässt sich nichts anmerken und beginnt eine Fachsimpelei über die Qualität von La Sportiva und Scarpa. Ein Wohlfühltermin.

***

Wie dann auch Lesung und Workshop im Makart. Ich lese den Teilnehmenden die Passage aus dem Notizbuch vor, in dem Heinz Scheißerle und Herr Orschi vermerkt sind, mit dem „strengen“ Hinweis auf das Verbot von Namenswitzen. Da freuen sich Verena und Franz, weil sie eine wirklich extrem gute Namensgeschichte erlebt haben, die sie auch mit all ihrer Kunst erzählen: Wegen einer Reklamation (das Bett bewegt sich durch den Raum, fast ohne Zutun!) suchen sie im Möbelhaus nach dem Zuständigen, der ausgerufen werden muss. Die beiden kennen dessen Namen schon und versuchen das zu verhindern, aber der Kollege schreit schon ins Hausmikrophon: „Herr Ficker bitte in die Bettenabteilung, Herr Ficker bitte!“ Im Grunde möchte ich nicht mit Menschen zu tun haben, die sowas nicht lustig finden.

Nach all den Schnurren und Possen bleiben nur noch 20 Minuten fürs Schreiben (im Angebot: König Anti-Midas, der durch seine Berührungen alles in Lebendiges verwandelt). Während alle emsig kritzeln, berichtet mir Norbert Artner, wie es wirklich im falschen Hallstatt ist. Statt dann selbst zu lesen, interviewe ich ihn, er wird ergänzt von einer Gästin, die in Hallstatt in die Schule gegangen ist. „Super!“, sage ich ganz aufrichtig, weil ich selbst was gelernt habe, „aber Honorar kriegt ihr nüscht!“

Dann gibt mir Adelheid Picher ihre Telefonnummer, weil ich den Text mit Robert Redford auf der Gössler Alm mit sehr viel Liebe vorgelesen habe. Sie tadelt mich ernstlich, weil ich mich noch nie in der Villa Gabion habe anschauen lassen, flapsig sage ich, „weil ich einmal drei Wochen Ruhe vor der depperten Kultur brauche!“, aber natürlich komme ich 2026. 

Die Welt hier in Oberösterreich ist überhaupt nicht groß. Es sitzt auch eine schauspielernde junge Altwilheringerin im Publikum (eigentlich bin ich das Publikum all dieser guten Leute), die Pater Christian als „Influencer“ bezeichnet.

Dann lasse ich dieses Büchlein im Makart liegen, Verena möchte es mir gleich noch nachbringen, „aber es ist ja das Notizbuch einer Schriftstellerin!“ Ich erinnere sie beruhigend an den Inhalt (Scheißerle-Orschi + „heute freut mich das Schreiben nicht“).

4.10.

Welttierschmutztag (ächz, auf den Kalauer bin ich 2024 auch schon gekommen!)

Eine ganz gelungene Wanderung auf die Große und Kleine Scheibe, ich fühle mich aber noch um den goldenen Herbst betrogen, weil es so mittel ist (und weil ich seit Juni Sommerschlusspanik habe, eh bekannt).

Beim Abstieg hole ich Pensionist*innen ein, die hundert Touren im Jahr gehen. #lebensziel

Die Wirtin im „Singapur“ lobt meinen Teint, dabei hat sie selbst nicht EINE Falte im Gesicht.

Vom Gelingen des Versuchs über einen gelungenen Tag. 

5.10.

Spezialaffekte 

Im Flößerhaus. Sybille umsorgt uns wie eine Mutter. Erich Wimmer hilft beim freundlichen Leuteausrichten, Judith verspricht, mich in Sachen „Luftgsöchter Pfarrer“ auf dem Laufenden zu halten.

Keine weiteren Ereignisse, ganz nach Plan.

6.10.

Mit Cornelia L. nach dem Kepler Salon ein Weilchen freundlich Leute ausgerichtet. Am

7.10.

fährt sie hinaus nach Wien, um Willhaben-Geschirr zu kaufen, das sie in die aktuelle OÖN wickelt (darauf Buttingers Fischerkolumne). „Ah, nach Linz, kennst du die Minki?“ Cornelia verneint, bis die Verkäuferin ihr meinen amtlichen Vornamen sagt. Die Welt ist auch nicht groß rund um Wien. H. glaubt jetzt bestimmt, dass im Zentralraum nur ca. 150 Menschen leben.

***

Heute ist ein leicht manischer Tag. Kurz glaube ich, ALLES erledigt zu haben (Heizungsreparatur und Kellersanierung beauftragt, einen Admin-Misthaufen abgetragen), aber sofort ziehen die vielen Emails Kreise, die Antworten fallen mir auf den Kopf.

Bin oversocialized und out-ideaed, aber wenn ich die Sitzung ohne AWM-Kernschmelze hinkriege, liegen etliche Tage ohne äußere Termine vor mir. 

8.10.

Ein Kollateralschaden des globalen Krisengekröses ist, dass man nicht mehr ohne schlechtes Gewissen über private Befindlichkeitsstörungen im Spätkapitalismus jammern kann. Andererseits ist es mir auch extrem recht, dass ich schon lange nicht mehr mit Amour-fou-Schmafu behelligt bin (ich klopfe dabei auf Holz).


9.10.

Ob ich diesen frei vor mir liegenden Donnerstag unbehelligt über die Bühne bekomme? Fini will in ihrer armen Brunst meinen Arm beschlafen, sonst läuft's ganz gut bis jetzt.

***

Fazit vom Ende her: Es gelang! Die schönste „Behelligung“ war der Besuch des Freundes, der mir meine von ihm sorgsam raffinierte Chili-Ernte mit dem Oldtimer vorbeibringt, als sei ich wirklich die Präsidentin. Ich will auf die Straße laufen und alle Nachbarn ausrufen, damit sie meinen Besuch ästamieren.

Fini verliebt sich unglücklich (amour fou du chienne!) in den schönsten Labrador von Linz-Land. Der Jäger schaut versonnen auf die leidenden Hunde. Auch hier kommen gemeinsame Bekannte auf. „Der WK, der is daun gaunz links woan, drum hod a grauchd und so.“

***

Die Lektorin sagt, 330.000 Zeichen seien super, „bitte keinen allzu langen Roman!“ Ob sie weiß, dass ich keinen anderen Wunsch leichter erfüllen kann? Der Titel wird nicht halten, die „Raumforderung“ ist nicht sexy genug. Mein Vorschlag „Der zweite Teil einer Reihe ist immer der schwächste“ löst auch keine Begeisterung aus, „Ein Depp des 20. Jahrhunderts“ schon eher.

***

10:0 im Männerfußball gegen San Marino, das ist wie ein Sprintbewerb gegen Fini. Ein 16-Jähriger Sanmariner heißt übrigens Sammaritano mit Nachnamen. Daneben Dekorationsgetändel. 

10.10. Fr

In Einsicht, dass aus den meisten meiner Romananfänge eh nichts mehr wird, weide ich die Grundidee von „Die Bilder der Toten“ aus und montiere kleine Stränge davon in den Roman, als wäre ich ein Hobbymechaniker. Vielleicht schreibe ich danach etwas ganz Anderes, oder zumindest lange keinen Roman mehr, weil mir die Organspendetexte ausgehen. Jetzt aber brauche ich noch von irgendwo 90.000 Zeichen her. Die Geschichte von den gestohlenen Partenbildern macht das Kraut nicht fett. Dann lese ich noch einmal alles durch und schreib' dort und da was dazu, was doppelt so lange dauert, als mich einfach zu konzentrieren und mir was Neues auszudenken.

***

Im Black Horse brüllen die Junggesellen. Man kann genauso gut 6-Jährige zur Ruhe mahnen. „Wir sind nur ein Bier von eh wurscht entfernt“, sagt Buttinger und winkt in Richtung Bar.

11.10. Sa

Dafür, dass ich so selten bouldere, bin ich noch nicht schlecht genug, um es ganz zu lassen.

12.10. So

geht der Oktober: a day well spent im Lärchenwald.

13.10.

I. erzählt, wie sie in Wien ihre sechs Söhne in den Park bugsierte, zwei im Doppelkinderwagen, einen auf dem Podestlein, den größten an der Hand und den Rest an der Leine, „sonst wäre ich nicht über die Straße gekommen!“ Dann schimpft sie ein wenig über den Tiroler Dornauer, „ich habe mein Gewehr immer angemeldet, wenn ich über die Grenze gefahren bin!“

***

Ich verpenne den Ratschiller beim Kulturmontag, obwohl er zum Beispiel sagt, Nettsein sei eine Waffe.

14.10.

Ganz ohne Alkohol träumt mir vom Warten auf einen Termin beim LH. Es wird so spät, dass der Bericht von der Lage der Literatur im Land zu einem absurden (ganz unerotischen) Bed-In wird, wie eine Pyjamaparty mit anderen Bittstellern in einer raumfüllenden Bettstatt, mit zerschlafenen Frisuren. Im Traum referiere ich erstaunlich real meine Vision, die Landesmusikschulen für andere Sparten zu öffnen. Nach dem Plädoyer für das System der Landeskunstschule bleiben wir alle einfach liegen und schlafen ein.

***

Die Trockenmaschinen im Keller tosen wie Tschinäuller, mir fehlt trotzdem der Glaube, dass sie etwas bewirken. Beim Entleeren der Wassertanks muss ich selbst schuften.

***

Es geht kein Fernsehen ab 22:30 mehr ohne Einschlafen. Älter kann ich eigentlich nicht mehr werden.

***

(Sonst hab ich an diesem Tag nichts weitergebracht.

15.10.

Diesenreiter ruft an, man wünscht mein Einziehen in den KUPF-Vorstand, weil ich so nett sei. Um meinen Ruf nicht zu schädigen, sage ich zu, obwohl ich wirklich weniger Abendtermine haben möchte (Termine insgesamt). Das Nettsein hat seinen Preis. Ich schildere dem Diesenreiter meinen Bed-In-Traum, wie um ihn davor zu warnen, dass sowas dann eben Teil der Vorstandssitzungen werde.

Dann ruft LT1 an, auf Empfehlung vom Diesenreiter, ich solle irgendwas zu KI sagen.

Eine Kollegin schaut vorbei, ich verwerfe jede Ambition, heute noch das Roman-Dokument aufzumachen. Es schmerzt mich aber auch nicht. Wir führen unser übliches Entlastungsgespräch über den Betrieb. Sie erzählt von einem Verlagskollegen(!), der auf Amazon(!!) ihr Buch verrissen habe. Ihm und seinen Freunden habe das Buch überhaupt nicht gefallen. ÄCHZ. Nach einer Lesung in Deutschland sei eine ältere Frau zu ihr gekommen, sie erwartete eine literarische Frage. Aber: „Warum zeigt ihr jungen Frauen alle eure Haare so her?!“ ÄCHZ².

Dann schnell duschen, um im Fernsehen die Haare herzeigen zu können und irgendwas zu KI zu sagen. Später sehe ich, wie es schon ganz und gar silbern im milden Herbstlich glänzt.

***

Am Nachmittag 11(!!!) Seiten GAV-OÖ-Protokoll geschrieben. ÄCHZ³. Wehe, ich kriege dafür einmal kein Landesverdienstkreuz! Meinetwegen in Bronze, meinetwegen im Pyjama.

***

Danach noch meine Leistung beim Büchereinräumen erbracht. Wie sie über den Sommer gewuchert sind! Später ein Kaktusstachel in der Zunge. Muss man nicht wiederholen. [Getippt an einem Maitag, mit drei verschiedenen Stacheln in den Händen, wegen Wintergartenausräumens – eine erstaunliche Koinzidenz, die leider für andere Menschen zu fad sein wird.]

16.10.

Im Zentralraum im Oktober die Fenster putzen. Reine Prokrastination. Was soll das bringen? Damit man den Nebel besser sehen kann?

Trotzdem entfaltet sich eine halbwegs rege Erledigungstätigkeit, als habe der Kaktusstachel gestern den Prokrastinationsmeridian gelähmt.

***

Peinlich große Freude, dass ich heute Abend frei habe, weil ich dummer Mensch mir eine Moderation einmal im falschen und einmal im richtigen Monat eingetragen habe. Das sagt mir alles über meine Geschäftstüchtigkeit.

***

Alle, die mich in diesen Tagen herunten im Tal brauchen, sollten unaufgefordert mehrfach Danke sagen, weil ich wegen ihr/ihm nicht wandern bin.

***

INNSBRUCK: Ö-SLAM 2025

Die vier Damen neben mir im Zug beraten seit einer Viertelstunde, wie sie die Schwiegertochter am besten vom Bahnhof abholen könne, und wann der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um die Koffer vor den Ausstieg zu stellen.

***

Das absurde Türkis des Inns.

Das ganze Hotel ist mit der Slamily gefüllt, Sevi, Mohi, Lukas Hofbauer an der Rezeption, da kommt Yasmo daher und sucht Mieze.

Wie angenehm, dass fast alle meine Aufgaben schon lange erledigt sind, von mir wird nichts anderes erwartet, als Teil zu sein. Auf das Namensschildchen schreibe ich „Deine Präsidentin“, bei den Pronomen „Omi“. Köhle sagt, solche Scherze solle ich mit den Jungen nicht treiben, die nehmen das ernst (recht wird er behalten).

Navarro erzählt, er sei mit Hirschl im Sommer nach unserem Ausflug in Hallstatt auf Schreiburlaub gewesen. Ich ächze zuerst, da hätte ich ja auch zum Overtourism beigetragen!, bin aber auch über mehrere Ecken geschmeichelt, das ausgelöst zu haben. Und es bleibt immerhin Wertschöpfung in der Region.

Wieder großer Neid angesichts des Bäckerei-Publikums, seine Größe und seine Bewegtheit. Und wie groß meine Erleichterung, nie, nie wieder Teil des Wettbewerbs sein zu müssen! Sevi sagt, dass die Jungen das jetzt wieder so wollen. Dann geht er auf die Bühne und kommt mit weniger Punkten zurück als erhofft. #qed 

So eitel bin ich schon, dass ich das Abspielen des Regelerklärvideos vor all diesen Menschen genieße, die SpoT-Leute haben es aber auch sehr kundig zusammengeschnitten, und den Hund sehen alle gern.

Also der Anfang ist schon mal hochpolitisch“, flüstert der Köhle nach dem Vortrag einer Ode auf Haferprodukte. Es geht weiter mit dem Schwerpunkt auf die eigenen Defizite oder Plagen: Ode an die Periode, ADHS, MS. Mohi bringt den ersten Text, der das Label „deep“ verdient, als er über die Flucht seiner Eltern spricht. Ein super Text über die Qualitätspresse von Lukas Hofbauer und ein sehr lustiger über schwule Kinderwünsche vom sehr lustigen Samhaber: „I waaß aa ned, wia prowian's schau so laung, i wead afoch ned schwaunga!“ „Wir arbeiten an einem kleinen Wunder... oiso füa mi woa Oabeit bis jetz imma Formulare ausfüllen und so.“

Super auch der „Geist des Frühlings“ (den ich vorher für einen übermotivierten Fan gehalten hatte, weil er sich sein Leiberl von uns allen signieren hat lassen, sogar von mir). „Wenn du sagst, du seist mehr Mann als andere, gibst du damit nicht zu, dass Gender ein Spektrum ist?“

Es ist alles sehr schön, alle sind da! (Gut auch, dass erst so wenige aus der Szene tot sind.) Wir Alten feiern, dass es uns schon seit 20 Jahren gibt. Hossa stellt sehr richtig fest, dass die Slamily den Wettbewerb total externalisiert habe, „da ist halt die Jury an allem schuld.“ Schön auch, wie sie Janeas Lob des U20-Slams mit einem „Also die Streber. Wir lieben Streber. Dein Kardiologe war ein Streber“ quittiert. Hier übernimmt sie die Rolle des Judge Dredd.

Auf dem Weg zur Aftershow verursachen wir ein Missverständnis und einen löblichen Akt von Zivilcourage: Katrin, die Bacher, Fritz und ich entdecken Mieze, Markus und Kühn in der Auslage eines Bierlokals. Aufgedreht tippen wir auf die Scheibe und sagen Blödsinn wie „Schau dir das gestreifte Ehepaar an, haha!“ Da empört sich eine uns unbekannte Raucherin: „Ihr seid's aber gemein!“ Wir lachen sehr und loben sie.

Danach finden wir uns in hoher Ausgelassenheit im „Begegnungsbogen“ wieder. Es wird Karaoke gesungen. Das Alter kann man den sich Begegnenden auch am Alkoholgehalt der Bierflaschen in ihren Händen ablesen. Ein junger Mann weist mich nach meiner flapsigen Bemerkung, dass ich eine toxische Beziehung mit dem Bier führe, ernst darauf hin, dass „toxisch“ doch eher was Zwischenmenschliches bedeute, sodass ich kurz überlege, ihm mit chemischen Terminologie zu kommen, als wäre ich ein alter weißer Mann.

Endlich bin ich intoxifiziert genug, um ins Karaokegeschehen einzugreifen. Christine Teichmann kennt „Creep“ nicht, es ist also ein schmaler Pfad, den die Generation X beschreitet. Aber „Bohemian Rhapsody“ eint uns dann doch wieder alle. Katrin ohne H warnt mich kurz bevor's losgeht, das Lied könne sie wirklich. Und ich sage, ich bitte um heißes Bemühen! Dann bemühen wir uns heiß, Katrin hat noch untertrieben, und ich lege meine Würde drauf. Es wird ein großer Abgang (wenn sich die Generation X so in den Ruhestand verabschieden wird, kann sich niemand beklagen).

17.10.

Aufgewacht durch das intensive und sehr befremdliche Gefühl, jemand liege neben mir im Bett. Wie kann man so etwas im echten Leben nur in Kauf nehmen!? (Meine moralische Integrität speist sich auch sehr aus meiner Neurotizität.)

Dann gehe ich spazieren, weil ich nur bei solchen Gelegenheiten die Nerven habe, mir selbst etwas zum Anziehen zu kaufen. Ich hole den Ausstieg aus den Skinny Jeans nach. Im Sportgeschäft verliebe ich mich in einen wartenden Hund, ich frage einen Angestellten, ob den noch wer brauche, sonst nähme ich ihn. Da hebt der Halter den Kopf, was ich denn zahle? „400 €“, sage ich. Wir kommen nicht ins Geschäft, aber ins Gespräch.

Vom kleinen Glück, sich irgendwas im Supermarkt zu kaufen und allein im Hotelzimmer in sich hineinzuschlingen. Mittagsschlaf <3

***

Das Fazit aus dem zweiten Halbfinale im Theater: Die Slammer*innen sind bereit, sehr viel von sich selbst ins Rennen zu schicken. Geburten, wieder Periode, Brustamputationen. An sich soll's ja so sein, ich schreibe selbst immer nur von mir selbst, aber es gibt diesen Unterschied zwischen „Persönliches“ und „Intimes“, der mir persönlich über alle Maßen wichtig ist.

Lustig ist es natürlich schon auch wieder. Ein gutes Souvenir – beim klassischen Gendern muss man dann halt auch konsequent sein, wenn man keine Binnenbuchstaben oder Sterndis mag, dann müsse es auch korrekt heißen „Die Polizei – deine Freundin und Helferin“. Neben mir sitzt Henrike und häkelt irgendwas – einen Handschmeichler mit Murmel drin, den sie mir dann wortlos schenkt. Du sollst gut in mich investiert haben, Schlenderike! [Das kleine Ding ist in der Tasche meines guten Mantels, bei jedem Tragen denke ich an sie in der Mantelsaison.]

Der Team-Slam ist mehr als ein Geheimtipp, eigentlich das Beste überhaupt! Irre ist es, im Großraumkino sich selbst zu sehen und dabei Popcorn zu essen. Eitelkeitseskalation. Neben mir sitzt Carmen, das erdet mich im besten Sinn.

Dann moderiere ich die Talente-Show im Irish-Pub. Janea präsentiert ihr Möwengeschrei (es gibt bei den Fischköpfen tatsächlich Wettbewerbe damit, sie wäre eine Favoritin). Vali Georgiev schenkt mir ihre queeren Hosenträger. Der Wittrich besingt Parkplätze, die immer mehr unter die Räder kommen. Der Geist des Frühlings singt „Peter geh hoam!“, was wir alle als Ohrwurm nach Hause mitnehmen. Auf dem spätnächtlichen Weg dahin unterhalten sich das liebe gestreifte Ehepaar und ich so angeregt, dass es mich sehr traurig macht, das ganze um halb drei in der Früh beenden zu müssen, weil ich so dringend aufs Klo muss (das war jetzt eigentlich zu intim). 

18.10.

Im Zug heim. Übernachtigkeit als Mitbringsel.

Wenn ich einmal etwas zu sagen habe, verbiete ich das Rotzeln im öffentlichen Raum, es wird so streng geahndet wie das Rauchen.

Ein Kind will immerzu aus einem ollen Witzebuch vorlesen, leider findet die proseccogetränkte Oma das süß.

***

Am Nachmittag dann intensiv betriebene Erholung, vollendet im Singapur.

***

An sich wäre es ein guter Zeitpunkt, mich als Geheimtipp zu entdecken, wie Nirvana vor der Kapu, nur dass von mir keine künstlerischen Großtaten mehr zu erwarten sind, also ist es zu spät, mich als Geheimtipp zu entdecken. 

19.10.

Auf dem Parkplatz gleichzeitig mit F. angekommen. Ich lade ihn aus Höflichkeit ein, mit mir auf die Giereralm hinaufzusteigen, ich schildere ihm meine Pläne so, dass er nach anfänglichem Interesse doch den Normalweg wählt. Ästhetisch schlägt der mittlere Oktober alles. Das Wissen um den nahen Winter legt einen Filter auf die Augen [Obwohl dann ja noch lange kein Schnee fallen wird und ich das auch wissen könnte allmählich.] In einer Kuhle auf dem Gamsplan gelingt ein herrlicher Mittagsschlaf. Beim Abstieg treffe ich dann ein Paar, sie kennt DD, weil er ihren Balkon geschweißt hat. Klein ist die Welt am Fuße eines beliebten OÖ. Wanderzieles. [Im Jänner kommt das Paar dann zur Lesebühne, er ist auf dem schönen Hemdenquartettbild verewigt.]


20.10.

Ein recht anderer Tag von Beginn an. Ein Kollege schickt mir drei gereimte, aber erboste Emails, in denen er sich aufregt, dass sein Nachnahme schon wieder falsch geschrieben worden sei! Zuerst glaube ich mich selbst angeklagt, ich ersuche schriftlich um Nachsicht. Da erst stellt sich heraus, dass es um eine Ankündigung eines anderen Kollegen geht, für März 2027. Bless you, wenn das deine größte Empörung ist, lieber AWM. 

Der solcherart entflammte Grant erlischt in der Sekunde, in der A. an der Tür klingelt. Es ist jeder Satz lustig, den sie sagt, und meine werden lustig, wenn sie sie mir zuhört. Ich muss das Gespräch das nächste Mal heimlich mitschneiden. Immerhin habe ich mir gemerkt, wie sie über die Pubertät ihrer Tochter klagt. „Es ist, als wär' jetzt auch das zweite Kind gestorben!“ Beide haben wir die ekelhafte Fliegensendung auf Ö1 gehört, in der wir erfahren mussten, wie sich die Made in ihrem Kokon in einem Zellbrei auflöst, um in Fliegenform wieder aufzuerstehen. „Ja genau, auch das Kind macht jetzt immer die Vorhänge in ihrem Zimmer zu!“ Die ältere Tochter habe ihr unlängst erzählt, sie könne nicht langer als fünf Monate mit jemandem zusammen sein. Als sie ihr jedoch nicht erlaubte, mit einem love interest zum Urfix zu gehen, „da wollte sie mich umbringen. Stell' dir vor, sie hätte es getan, ein paar Wochen später trennt sie sich dann und ich bin völlig umsonst gestorben!“ Mit dem letzten Boyfriend habe sie per Telefon Schluss gemacht, aber nur per Nachricht (ok, verständlich). Dabei sei der arme Bursche gerade nach Texas geschickt worden, wo er in die Fänge eines Navy-Patriarchen geraten sei und immer in die Kirche habe gehen müssen. Eine ganze Weile nach dem Weisel sei eine Postkarte angekommen, mit dem Cover "To my Wife and best Friend." Eigentlich müsste A. jede Woche zu mir kommen, zur Supervision. 

***

LKB-Sitzung. Wäre ich ein AWM, fände ich im Landesliteraturschulwerk meine große Mission, allen fiele ich immer auf die Nerven mit meiner großen Vision, wie der komische Typ mit dem Hitlerhaus der Verantwortung. Ich müsste irgendwas mit „Monopol der Musik als Instrument der Gegenreformation“ schwafeln.

21.10.

Zur Zeit sammle ich Sätze, um unerwünschte Debatten im Keim zu ersticken, wie etwa die Polizei als Freundin, oder das Spektrum des Mannseins. Bisherige Ideen: „Meine Internistin hat mir verboten, über den Nahostkonflikt zu sprechen.“ „Dazu habe ich keine eigene Meinung.“

***

Keine Ahnung, ob das Romanschreiben gerade mein Leben stört oder umgekehrt. Ab jetzt immer maximale Melancholie, wenn es noch sonnig und warm ist, ich aber weder im Garten noch in den Bergen.

***

DD möchte sich entweder eine Waschmaschine oder eine Flex tätowieren lassen. Ich empfehle ihm die Augenlider dafür, damit er die Geräte rollen lassen könne. 

22.10.

Beim weiteren Plündern alter Geschichten (ich suche die Schilderung von Coalas Nottaufen-Schnurre) komme ich drauf, dass man sich an vier Jahre alte, selbstgeschriebene Texte überhaupt nicht erinnern kann.

***

H. erzählt von den bangen Stunden, nachdem ihnen der soeben 18 gewordene Bua ein Geständnis angekündigt hatte. Vater und Mutter rätselten besorgt, auf seiner Pinterestwand fanden sie Aurora-Gartenstühle als Tattoo, Hilfe! Erleichtertes Gelächter, als es dann nur ein kleines Flinserl war.

23.10.

Es ist eine große Herausforderung des Erwachsenenlebens, dass man für die Herstellung von Behaglichkeit selbst zuständig ist.

Beim Kauf der neuen Kreisky-CD überweise ich dem coolen Rockstar Wenzl 21,50 € von meinem Schöneringer Sumsikonto auf sein Sierninger Sumsikonto.

***

Gar nicht so leichte Trennung von Gewand, in das ich das nächste Mal erst wieder zwei Wochen nach meinem Tod passen würde. Übrigens hat mir in der Nacht wieder einmal sehr intensiv und detailreich von meinem assistierten Sterben geträumt.

***

Eine neue, zeitgemäße Sorge: Dein Haustier entwickelt eine sehr unterhaltsame Marotte, die sich im Internet extrem gut bewirtschaften lässt, etwa so wie Merve, die dämonisch grollende Siamkatze. Du verdienst zwar gut damit, bist aber bald nicht mehr ein Mensch mit Begabung und Seelenleben, sondern der Sidekick des Tiers, der Typ, der Untertitel erstellt und Espressomaschinen promotet.

***

Wie egal dem Hund der Sturmregen ist, wenn's zum Spazieren ist. „Du musst das nicht machen“, sage ich zu Fini im Auto, dann öffne ich die Tür und sie schießt hinaus wie vom Wind erfasst.

***

Ich betrete das Stifterhaus so spät und händeschüttelnd, als sei ich der LH, der schon drinsitzt. Der Stelzer muss sich dann den ganzen „Kalkstein“ anhören, es wird ihm schon nicht schaden, dabei ein wenig herunterzukrachen. Gerhard Liebmann liest auch sehr gut. „Ich war wie in Trance!“, sagt eine Dame neben mir. Ich sage, dass mir so eine Lesung damals beim Stifterhausbewerbungsverfahren (vor genau 20 Jahren) sehr geholfen hätte. Die Frau sieht mich an und sagt meinen Namen, weil sie es war, die damals das Assessment Center geleitet hat. Während ich noch staune, schiebt sich der Stieber in unseren Blick, der ja auch damals Teil der strengen Jury war. Sie sieht mich wieder an. „Der Landesdienst wär' eh nichts für Sie gewesen, wenn Sie schreiben wollen.“ Wie gut alles gekommen ist! Hier hätte ich den Buttinger nie getroffen.

Der Versuch, mich dem Herrn Schauspieler als milde interessanten Menschen vorzustellen, gelingt – aber eher nur durch Marlene Gölz' liebenswürdigen Hinweis, dass ich auch klettere und die Präsidentin sei. Mein Fantum in Bezug auf den Liebmann tieft sich ein. Ich sage ihm, dass ich gerade in meinem Notizbuch den Satz gelesen habe „Wenn du wüsstest, wie schön „Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist“ ist“. 

Er sei mittlerweile etwas angegriffen, weil er so viele Morde begangen habe und selbst so oft ermordet worden sei. Jemand muss ihm wieder einmal eine schöne Rolle schreiben.

Alles in allem ein ganzer Abend als Argument gegen meine Leutscheu.

24.10.

Ein melodramatischer Sonnenuntergang über dem Kraftwerk, dazu ein halbes Dutzend nervöser Einsatzfahrzeuge in der Ferne.

***

Lesebühne. Mir fehlt heute etwas die Spannkraft, was weder auffällt noch groß stört. Vielleicht hatte ich nach all dem übersteuerten Slamgeschehen die Erwartungen an mich selbst zu hoch eingestellt. Immerhin sagen mir nachher zwei etwas zu begeisterte Typen namens Andreas & Günther, ich hätte „a gaunz a sauwas Gsichtl!“ Ich bedanke mich artig, denn Letzterer arbeitet beim Finanzamt.

Katharina Wenty ist unglaublich nett. Sie lässt sich nichts anmerken, dass sie hier nicht vor 800 atemlos Staunenden, sondern 40 Gutmütigen performt. 

26.10. So

Ausgedehnte Ereignislosigkeit.

***

Endlich wieder ein Stiefeljahr!“ steht in den OÖN, illustriert mit Schuhen um 1990 €, die man online kauft. Besser kann man „einen Stiefel schreiben“ nicht erfüllen.

***

Die Hände verweigern oben in der langen Route ihren Dienst. Die Technik wird mich noch eine Weile im 7. Grad halten, aber nicht mehr lange. Egal, klettere ich halt die kurzen 6er schön.

27.10.

Beim Schreiben habe ich immer öfter ein Dèja-Vu-Gefühl, oft zu Recht, weil ich dieselbe Idee zwei- bis dreimal habe, bis sie sich in meinem Gedächtnis verankert.

Derzeit arbeite ich daran, dass es im Roman nicht gar zu melancholisch zugeht.

***

Am Abend holt der Kotrschal seinen im Juni verschwitzten Kepler-Salon-Termin nach. Es ist angenehm, dass wir dabei jeden ins Tierreich gezerrten Kulturkampf vermeiden können, kein Wort über Listenhunde und Wolfsentnahmen. Es bleiben nur Rassedünkel: Er mag meine Bordercollies nicht, C. seine Eurasier nicht, dafür lobt er sie nicht für die Wahl ihres Hundes. Ich finde Chows doof. Die anwesende Hundetrainerin tadelt die im aktuellen Programm abgebildete Qualzucht und Finis zu enges Halfter. 

29.10.

Ich öffne dem Paketzusteller das Gartentor, er umarmt Fini und flötet leise „ich liebe dich!“ in ihren herbstsonnenwarmen Pelz.

***

Das Leben besteht derzeit zu stark darin, Wasser von einem Ort zum anderen zu bringen. Im Keller ist zu viel, in der Heizung zu wenig, die Blumen dürsten immer noch.

Emsige Sinnlosigkeit und sinnlose Emsigkeit.

Am Nachmittag geht der sinnlose Kampf gegen die Entropie dann bei der Verteilung des Nussbaumlaubs weiter. Immerhin kann ich schon 73 Prozent meiner Geräte bedienen, jetzt auch den Fadenmäher.

30.10.

Deswegen heute Kreuzweh.

***

Allerhand Fragliches“ von Musil. „Aphorismen“. Möchte man so erfolgreich sein, das ALLES gedruckt wird? Noch schlimmer die zufällig gezeigte FB-Erinnerung, dass Vea Kaiser wegen zweier ranziger Raststättenwurstsemmeln einen „Durchmarsch“ erlitten habe. Natürlich eine weitere Sorge, die ich mir nicht machen müsste.

Ein weiterer Beweis meiner Neigung zu unnötiger Existenzerschwernis ist die Wahl des anstrengendsten und unlukrativsten „Talents“ als Hauptstrang der Erwerbsarbeit.

Viel Mühe in Haus und Garten, aber bald kommt eh das große Sitzen und Bücherabstauben. Und es gibt ein schönes Licht in diesen letzten Oktobertagen.


31.10.

Mais- und Bohnenpulen machen es mir immer besonders deutlich, dass die Gartenarbeit nichts anderes als eine große Ergotherapie ist.

***

Weiter beim Roman-Frankensteinen. Die Leichenteile von 17 Romananfängen zu einem Monster zusammengeflickt. Heute sind die Diagnosehunde immigriert. Ich bin 5000 Zeichen hinter Plan, was quasi super ist.

***

Die Neuen“ hat mich vorher überhaupt nicht gefreut, dann wird’s aber natürlich wieder extrem nett. Lucia Leidenfrost ist eine wirklich Gute, der Kutzenberger ist der Kutzenberger, außerdem schauen Ilse & Fritz vorbei, „zarwos hamma denn es Klimaticket.“

Einmal noch falsche Sorgen: Kutzenberger sorgt sich um seine Zugehörigkeit zu OÖ, weil in seiner Familie niemand mehr einen passenden Meldezettel besitze. Ich ächze theatralisch und sage, da könne er gleich wieder mit dem Präsidentschaftspaar nach Wien abrauschen.

Beim Heimfahren schwärmen Lucia und ich ab dem Strandgut bis zum KJ (sie war der irrigen Meinung, die Lesung finde in Wels statt) vom Ausseer Land, und wir hätten damit nicht aufhören wollen, bis wir im Ausseer Land angekommen wären.