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Montag, Dezember 01, 2025

Wieder nicht enttäuscht. Trippen nach herrlicher Gewalt, die gute Sterbstunde und schüchterne Nudisten.

Lebenskrimskrams im November 2025

1.11. Angerkogel

Das neue Kreisky-Album bei der Pyhrnpassüberquerung gehört und wieder nicht enttäuscht. Das letzte Licht über der Hinteregger Alm gesehen und wieder nicht enttäuscht. Der vielleicht letzte und überraschend tiefe Mittagsschlaf kurz vor dem Nazogl wieder nicht enttäuscht, auch wenn diese Aktion jetzt eher schon ein wenig in Survival-Training übergeht. Wenn der Südföhn nicht bliese, wär's T-Shirt-Wetter. Angenehm, aber leicht beunruhigend. 

 

Es sind fast nur Paare unterwegs, und immer geht der Mann voran. Ganz, wie ihr es wollt, liebe Damen.

2.11.

In der Oxytocinruhe den Nachbarn beim Streiten zugehört. Ganz, wie ihr es wollt, ihr Leute da oben.

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Kurz Arbeit. Mail an Prosser, welches Thema er sich denn wünsche. Er schreibt zurück, „Bin in den Bergen, ich überleg' mir was bis morgen!“ Ich antworte: „Gekauft!“

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Schrittbilanz gestern: ca. 26.3454. Heute: 13 <3

3.11.

Die ganzen Kästen voller Gewand, das mir nicht mehr passt, weil es nie gepasst hat, das mich zu einer anderen Person hätte machen sollen, das ich zu oft oder nie angezogen habe, das mir andere geschenkt haben und das ich zu teuer gekauft habe, oder zu billig. Aber alles kann ich jeweils nur schwer hergeben.

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Kitschigen Schluss für den Roman geschrieben, den komischen habe ich gestrichen und bin recht zufrieden damit. 

 

5.11.

Der Dermatologe sagt mir für 111 €, dass ich eine gute Haut bin.

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Bei der Fahrt nach Linz die angenehme Ahnung, dass meine vermeintliche Ambitionslosigkeit, der fehlende Biss bei der „Karriere“ (Uni, Stifterhaus, OÖN) kein Versagen, sondern die unbewusste Entscheidung für mich selbst gewesen sein könnte. Im Nachhinein gibt es sehr viel weniger zu bereuen, als mir mein dummes, sorgenfixiertes gegenwärtiges Ich andauernd vermittelt. 

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Innige Minuten mit dem eingeschmuggelten Hund auf der winzigen Couch im Landesbüro.

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Ein Vollmond, so wertvoll wie eine kleine Sonne.

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Stifterhaus. Das Vorlesen von „Mit 50“ rührt mich selbst, überraschend. Es ist doch mehr Liebe eingeflossen als gedacht.

Die 16-jährige Oana-Sofia macht mir wertvolle Komplimente (ein junger Mensch!!!), sie kenne das Szenario von Familienfeiern.

Buttinger plaudert mit Wall, ich begrüße sie mit „Na, ihr zwei Linken?“, als wären sie eine rare Spezies (sie sind eine rare Spezies).

Gregor Hofer rät mir, alle meine Emails auszudrucken, für den Vorlass. Da wird sich die Nachwelt freuen über all die Admin-Scheiße. Es habe, erzählt er auch, im Jahr 1976 einen „Riesenskandal“ gegeben, weil Reinhard Aumaier den Titel seines „Scheißgedichts“ nicht ändern wollte, zu Gertrud Fusseneggers Empörung. Sehr schön!

5.11.

Im Traum halte ich einen edlen Bildband in Händen, der Mieze Medusa zum 50. Geburtstag zugedacht wurde. „Das ist ja wohl nicht zu übertreffen!“, sage ich, und die Gewürdigte sieht mich über das Coffeetable-Ding resigniert an.

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Meine halbharte Warnung vor der KI lief gestern auf LT1, aber niemand hat's gesehen, ich auch nicht. Beim Nachsehen die Feststellung, dass früher die Kameras 10 Kilo draufgeschummelt haben, heute zaubern sie dir jedes Farbpigment aus dem Haar.

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Hundert Meter über mir hätte heute immerhin acht Stunden lang die Sonne geschienen. Egal. Dafür dann:

6.11. Bärenriedlau

 

Zum ersten Mal am tageswärmsten Ort des Landes. Das mit dem Nebel ist natürlich nicht egal, weiß ich in der Sonne. Fürs Wandern müsste es kein Grad wärmer sein. Heute bin ich mit meiner Lebensführung wieder sehr versöhnt. Beim Abstieg ein absurd schönes Licht in den glühenden Lärchen. 

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Kleine Hitzeaufwallungen, die angesichts meines sklerotischen Heizsystems im Haus eh willkommen sein werden, aber bedenklich stimmen in Zeiten der Klimaerwärmung – und des Verrinnens der eigenen Existenz. Es wird so sein, dass ich mich diffus auf Wechsel und Pension freue, gleichzeitig aber genau weiß, dass es nicht so klasse wird, weil man ja jetzt schon ein wenig alt ist und dann nur noch die finale Phase kommt. Naja, „egal“.

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Schallplattenanhören als „Erledigung“ - ein Symptom der Dingneurose. Ich soll die Sachen meiner Eltern weggeben und schaffe es nicht einmal bei meinem Glumpert (und umgekehrt). Zwar kann ich vier Südtirol-Bücher weggeben, nicht aber Dieter Deckers scherzhafte Tombola-Gabe „Lolita – liebe Kinder, ich sing' euch was!“ Ächz.

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Ein Erbe des Vaters ist es, nachts das Buch nicht rechtzeitig wegzulegen und mitten in der Nacht damit aufzuwachen.

7.11.

Das letzte Blatt am Nussbaum winkt mir im Nebel zu.

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Völlig variable Größe der Sorgen je nach Tageszeit.

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Kleine Freuden: Scarpa hat meine zertretenen Wanderschuhe verschmissen, also kriege ich um den Preis des Neubesohlens gleich neue – so wenig braucht's, um mich an so einem meteorologisch minderwertigen Tag zu erfreuen. Sonne wäre mir lieber gewesen.

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Marlies Auer fragt mich, ob ich das 40er-Fest der Kupf moderieren wolle. „Aber nur, wenn der LH aus der Torte hüpft.“

8.11. 

Ein Typ schreit vom grauen Himmel herab aus dem obersten Stockwerk des Marriott Hotels. „He! Du! Ja, du bist der Auserwählte! Tobias!“ „Ich heiße aber nicht Tobias.“ Hinter mir lacht ein Tobias, der auf leisen Sohlen gegangen ist.

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Mit den richtigen Menschen gerate ich jetzt immer gleich in deep talk, was ja gar kein Fehler ist. Immer sofort auch Gespräche über Menopause. „Ich will keine Hormone nehmen, ich will da durch und ein Mann werden, dem andere wurscht sind!“

Beim Heimfahren im Zug dann das Gegenteil zur tiefen Sinnsuche (von uns Endvierzigerinnen, aber auch der beiden allzu losten, woken 25-Jährigen beim Herfahren). Rund um mich Teenies, die alle 15 Sekunden ruckartig IRGENDWAS auf Tiktok schauen, es ist alles reine, doofe Oberfläche. Alle drei Minuten rufen sie einen Freund an, dem sie dann immer denselben Satz sagen, als sei er grenzdebil, oder ein minderbegabter Hund, „geh Parkdeck, Deniz, geh Parkdeck!“ Sie können aber nicht herausfinden, ob das der Zug nach Wels ist und müssen mich fragen. Es fühlt sich übertrieben distinguiert an, neben ihnen die ZEIT zu lesen. Irgendwie haben sie ja recht, die Jungen, es steht nur Deprimierendes drin.

Zuhause beim Buttinger penne ich dann bei „Bladerunner 2049“ ein, den kann ich also beim nächsten Mal gleich wieder anschauen.

Ich brauche unbedingt einen Filter, der sofort sämtliche Bücher und Filme ausblendet, in denen Hunde zu Schaden kommen (was sie immer tun, eigentlich). Als ich das ins Facebook schreibe, schenken mir Jana Volkmann und Katharina Seidl den Hinweis auf „doesthedogdie-com“. Merci, merci!

9.11. 

Wie gut ist Ringsgwandls „Hühnerarsch, gib' acht!“, ein herrliches Klangstück!

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Wäre ich ein redseliger, einsamer, lästiger Mensch, ich ginge auf all die Gutmenschenmessen und kaute den armen, wehrlosen Aussteller*innen ein Ohr ab. Als ich das denke, sehe ich B. bei exakt dieser Tätigkeit. Wahrscheinlich erzählt sie den Upcyclern, das sie das damals in Berlin auch schon gemacht haben etc.

 

10.11.

Die Krähen ernten den Nussbaum ab, als hätte ich sie damit beauftragt. 

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Folgende Namen haben Coala und ich einander an diesem Wochenende gefunden: Folko Balfanz, Borbala Foris und Bastian Krautwald. Man stelle sich vor, die drei unternähmen etwas miteinander! 

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Keine Deadlines, keine Arbeitstermine diese Woche, ich bin gespannt, was ich erfinde, um das Notwendige nicht zusammenzubringen. Die Mikrowelle ist schon einmal abgestaubt. Und jetzt kommt auch noch die Sonne heraus – ein mittlerweile sehr rares Naturschauspiel. Aber auch dafür, mich einfach mit einem Buch dem Phänomen auszusetzen, bin ich zu fahrig. 

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Smalltalk mit Menschen, während sich unsere Hunde an der Leine anhassen.

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„Sturm kommt auf“ kann ich wirklich nur an einem Tag wie heute schauen, mit unbehelligter Arbeit, Buttinger und Sonne, dann Kachelofen. Der Film radikalisiert mich extrem gegen Faschismus, ich möchte persönlich einem Neonazi die Nase brechen. Tod den Schmerzbefreiten! [Hader wird am 25. März erzählen, dass grad der Schauspieler, der den Obernazi gespielt habe, der Allernetteste gewesen sei.] Der Hund überlebt.

11.11.

Im Traum wird mir mit gewaltigem Aufwand gezeigt, was für eine aufregend tolle Schule Wilhering jetzt geworden sei, mit Stadionrockklassen in der Stiftskirche und dergleichen.

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Heute Ausmisten in der gerade richtigen Dosis: das alte Telefonkastl. Beim Blättern in des Vaters Kalendern der Jahre 2015, 2018 und 2019 hätte ich nur beim Schauen fast ein Burnout erlitten vor lauter Tarock, Konzerten unter Platanen und PGR-Sitzungen. In zwei Jahren kann ich dann alles restlos dem Altpapier übergeben, dann gibt es in ganz Wilhering keinen Festnetzanschluss mehr.

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Den Buttinger mit Dosenananas „verwöhnt“, die nicht einmal mir noch geschmeckt haben. „Gaunz frisch san de owa nimma“, sagt er, „Iwo“ ich. Heimlich linse ich aufs MHD: 2020. Aber niemand hat gespieben. (Ich sollte das eigentlich nicht veröffentlichen)

12.11.

Seltsamer Traum von einem großen Bierzelt irgendwo im Toten Gebirge, in dem man wie auf einem Campingplatz in kleinen Stallboxen sein Zelt aufstellen kann. Die Farce eines Basecamps.

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Der Digital-Uni-„Transform Fut“-Bildausschnitt in den OÖN unterhält uns peinlich gut. Soll man dem Weibold Absicht zutrauen?

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Die Spezies der Kurzkopfgleitbeutler klingt wie eine Satire auf den blödesten Bundeskanzler, den wir jemals hatten. 

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Die X-Blatt-Präsentation ist ein bisschen eine geschlossene Veranstaltung, was aber nicht schlimm ist. Dem Einzinger würde ich wirklich einmal gerne beim Denken und Schreiben zusehen, wie einem gläsernen Ideenwurlitzer. Erich Wimmer schenkt mir – als erahnte er die Meindl-Love-Language des Pebblings – einfach so ein Überraschungsei. 

13.11. Hochsengs 

 

Ich nenne es jetzt nicht mehr Wandern, sondern „Zeitausgleich“. Es entschädigt mich nicht nur für die Arbeit an Wochenende und Abend, sondern für das Vegetieren in der Nebelsuppe. Bis Klaus war's noch ekelhaft, dann gaben sich lüpfende Wolken Anlass zur Hoffnung, bei der Teufelskirche schon beträchtliche Vorfreude. Dani ist am wolkenlosen Bodensee, ich sitze bei 19° in der Sonne. „Eure Himmel sehen komisch aus“, schreibt Cordi aus dem grauen Wien.

Der Vulvenbaum auf der Fotzenalm. <3

Der Jäger, den ich auf der neuen Lackerbodenhütte beim Abstieg treffe, sagt, er sei schon seit sechs Jahren Nationalparkförster und kenne auch noch nicht alle Wege hier. 

14.11.

Fast alles Vorgenommene geschafft, einschließlich der Dirty-Dancing-Choreographie-Übersetzung für Tanzblinde wie mich („Birgit wild drehen“). Weil ich trotzdem den Eindruck habe, unter meinen Möglichkeiten geblieben zu sein, weiß ich nun fix, dass ich diesbezüglich nicht ernst zu nehmen bin. 

Unruhiges Herumwetzen – Heizung kontrollieren, Brunnen, Kellerfußboden, irgendwas. Im Grunde besteht mein waches Leben nur noch daraus, Wasser von A nach B bringen zu wollen (überall ist zu viel oder zu wenig davon). Alleine der Selbst- und Pflanzenhydrierungsstress! (Auch hier scheine ich nicht ernst zu nehmen sein.)

15.11. Neunkirchen

K. posiert auf der BuchWien neben meinem Buch, im Hintergrund sieht man Stermann mit dem Verleger schnattern. Ich bitte K., die Lektorin lieb zu grüßen, mit der Nachricht „280.000 Z“. „Ist das eh kein Code für Kriminelles?“, antwortet sie, und gleich darauf übermittelt sie mir die Botschaft, dass die Zeichenanzahl für den Roman eh schon reichte, wenn es nach ihr ginge.

***

E. ist so etwas wie mein Pendant im Westen, sie erkennt mich nicht nur nach 20 Jahren sofort wieder, sondern ist gleich so lieb zu mir, dass ich davon ausgehen darf, dass B. von mir genauso liebevoll spricht wie sie mir von E. erzählt. Ihre Zuneigung bestrahlt und bindet uns seit Jahrzehnten.

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Süß, dass B. beim gemeinsamen „Üben“ der Mitternachtseinlage Sachen sagt wie „Kannst du da mit dem linken Fuß beginnen?“, wenn sie erstens selbst den rechten meint, wenn sie zweitens vergisst, dass ich schon nüchtern links und rechts kaum unterscheiden kann, wenn sie drittens glaubt, dass ich ein Hirn besitze, dass in irgendeiner Weise Tanzchoreographien abrufen kann. Es wird dann auch so kommen, dass wir um Mitternacht betrunken vor einem betrunkenen Publikum irgendwas um die signature moves herum zaubern und einander dabei verknallt anschauen. Die Übung kann gar nicht misslingen, wegen all der hermeneutischen Benevolenz um uns herum – alle wollen, dass es gut ist.

Auf dem Damenklo hängen die Buben aus dem „Girl“, mit Festnetztelefonnummer, Adresse und Bildtext: „Eigentlich bin ich keiner, der Mädchen einfach abschleppt. Ich bin schüchtern!“, sagt ein nackter Thomas aus Baden bei Wien im Jahr 1993.

 

16.11.

Aufgewacht mit dem zu erwartenden Kater. Die Knie zerschunden vom Luftgitarrespielen, der Rücken von der Hexe getroffen beim Springen zu „Jump around“, die Kehle zerschlissen beim Karaoke („I did it my way“ zum Schluss): Die Ehre Oberösterreichs ist verteidigt. Ich habe alles gegeben. Verrücktestes Detail: Lob für meinen irischen Squaredance. Gerade würde ich aber auf die Frage nach meinem Alter „78“ sagen und nicht das Geburtsjahr meinen. 

17.11.

Bei strömendem Regen mit Hexenschuss in den Brunnen steigen. #besitzbesitzt Wenigstens bleibt der Kellerfußboden jetzt trocken.

18.11.

Mieze klagt an, dass der Literaturpreis der Stadt Linz meine Arbeitsmoral senke und deswegen abgeschafft werden sollte. Sie ahnt nicht, dass ich heute schon ihren Roman für den Falter rezensiert habe.

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Die 692,73 € fürs Auto zahle ich dem Mechaniker am Ende des teuersten Jahres meiner Lebensgeschichte schon fast ganz schmerzbefreit.

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Buttinger schaltet entnervt um auf Universum, weil Österreich gegen Bosnien 0:1 zurückliegt. In der Doku dann auch lauter bange Vorgänge, nur eben im Tierreich. Coala und ich machen Meindl-Yoga, der Hund ist glücklich. Später vertrocknet Coala am Kachelofen. So geht Spätherbst. 


19.11.

Wir sind peinlich früh bei der Preisverleihung, aber ich bin ja auch ein altes Talent, und wenn's wirklich wichtig ist, die Tochter meiner Mutter, die stundenlang nervös vor einem Ereignis war.

Ich nutze die Zeit und stelle dem Team der LinzKultur das soeben von Olaf Schulz gehörte Attraktivierungskonzept der Bundeswehr vor (Unterhipster, Oberbastard und Haupthurensohn). Markus Reindl möchte ab jetzt den Dienstgrad „Obermotz“ einnehmen.      

Während meiner Lesung fällt mir selbst auf, dass viermal „Scheiße“ vorkommt. Das einzig Gute, dass die Mutter das heute nicht mehr erleben kann (=muss). In der ersten Reihe sitzt Ute Klitsch und hört sich ohne Zeichen innerer Bewegtheit meine Fantasie an, wie Kickl beim Klettern umgebracht wird. 

     

Für die Laudatio war ich gebeten worden, meinen Lebenslauf einzuschicken, plus ein paar Worte zum Kunstwollen, und ich habe mich dabei so bemüht, dass mir weite Teile der Lobrede extrem bekannt vorkommen. Da sie aber der Bürgermeister spricht, freue ich mich, als hätte er sich selbst lange Gedanken über mich gemacht. Dazu werden meine eingeschickten Bilder eingeblendet, ich bin trotz aller Vorhersehbarkeit stark gerührt. Zuerst mit Goldhaube, dann die OLW mit Stelzer und als beklopptes germanisches Göttertrio. Es wird gelacht, Prammer dreht sich zur Leinwand um, „ich gehe davon aus, dass Sie wegen der Bilder lachen und nicht wegen meiner Vortragsweise!“ Beim Schlussbild, dem Selfie von mir mit Fini auf dem vorgelagerten Mitterberg, bekomme ich selbst nasse Augen.

Die Preisträgerin Marion Reisinger hält eine sehr schöne Dankesrede in unserem Namen, darin sagt sie auch, dass die Selbstzweifel am Büffet Pause machen. Ebendort komme ich so spät an, dass der Zander schon geplündert ist, schon kommen die Selbstzweifel über mein Timing, aber der Obermotz überlässt mir den letzten Fisch. Ich komme auch nicht zum Tschechern, weil ich der LinzKultur noch mein Konzept des Big-Lebowski-Cocoonings in Schönering erläutern möchte (die armen Unterhipster!).

Die Meindl- und die Reisinger-Schwestern stehen danach noch lange im Foyer, wenn uns jemand hier etwas zum Tschechern heruntergetragen hätte, stünden wir heute noch da und besprächen Vor- und Nachteile einer mehrfachen Schwesternschaft.

Stattdessen gehen wir auseinander. Damit der Fall in den Alltag nicht zu tief geht, trage ich einen Teil meines Preisgeldes ins Bergwerk und kauf' mir IRGENDWAS. 

Dann jage ich den Hund zur Donau, esse irgendwelche Reste, prahle in den sozialen Medien mit meinem Tag, höre Äffchen & Craigs, freue mich lange und gehe früh schlafen.

Versuch über den geglückten Tag.

20.11.

Der erste Schnee im Jahr würde mich mehr freuen, hätten die Winterreifen schon ihren Weg ans Auto gefunden. Man muss den Kindern das noch viel stärker verdeutlichen, dass sie sich an ihren Pipifaxsorgen erfreuen und sich nichts scheißen sollen, bis sie den ganzen Alltagsbums selbst managen müssen.

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Je näher das Lesebühnenthema am echten Leben und den echten Leidenschaften („Bis morgen überleg' ich mir was“), desto zäher die Ideenfindung.

Und dann wird eh wieder alles in einer Viertelstunde heruntergeklopft.

„Feministische Perspektiven“ im Central. Barbara Hinterleitner macht sich bei mir gleich beliebt, weil sie sich beim Hund gleich beliebt macht mit stinkenden Sprotten. 

Nach der ganzen Hermoderation ist Buttinger merkwürdig ungeduldig am Telefon, dabei könnte er ja in Ruhe mit Johnnys Festgemeinde schnattern, aber nein, ich solle weitertun. Während der Fahrt bin ich leicht genervt, aber als ich – der Bequemlichkeit halber noch im Frack – den Schl8hof betrete, rufen alle zugleich „Frau Präsidentin!“ und der Babler schaut auf. Er hat zu Recht einmal nur Augen für den Hund. Später, endlich mit einem Bier in der Hand: „I bin die Meindl.“ „Des waaß i eh.“ Er muss sich sichtlich zusammennehmen, Fini nicht zu küssen. 

 

Draußen sitzt sein Fahrer im riesigen Dienstaudi, seit vielen Stunden. Ein neuer Eintrag in der langen Liste der Jobs, die ich nicht machen möchte.

21.11.

Der Architektenfreund übergibt mir seine vollständige Pollack-Sammlung, wie ein geliebtes Haustier, um das er sich nicht mehr gut genug kümmern kann. In den Regalen stehen nur noch Bücher, die er noch nicht gelesen hat, den Rest hat er in gute Hände vermittelt oder um gar nicht schlechtes Geld auf Bookbot verklopft. „Do kriagt ma doch a Göd, voa oim, wenn Büda drin san.“ Während ich einen starken Schnupfen entwickle, den ich ihm hoffentlich nicht zum Dank dalasse, erzählt er, dass er einmal in der Altstadt fast vom Alt-LH Ratzenböck totgefahren worden sei.

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Die Lesebühne schaffe ich mit dem Reservetank, „La Montanara“ hört sich mit Schnupfen an, als ob ich weinte, was ja auch passt. Danach verliere ich mit einem Schlag meinen Geschmacksinn, lasse aber nicht nach beim Biertrinken. Unser Stammgast Hopferwimmer, ein Riese mit Patriarchenbart, erklärt nicht ohne Stolz, „i hob nu nie wem a Watschn gem!“ Gemeinsam überlegen wir eine Weile, wem wir unsere Premieren angedeihen lassen würden.

 

Foto: Decker

23.11.

Ich genehmige mir selbst Krankenstand und sage soziale Tätigkeiten im Privatbereich ab, aber weil ich ohnehin hier immer weniger trenne, fühlt es sich wie freihaben an. Eine License to Read ohne Fear of Missing out, ohne dass es fad wird.

Das Blödeste ist, dass ich nicht einmal beim Chinesen anderes schmecke als salzig und scharf, immerhin spüre ich die kalte Funktion des Bieres.

24.11.

Meine Arbeitsumgebung zwingt mich zum Micromanaging, sie fordert es richtig ein, ohne dafür zu bezahlen. Eigentlich hätte ich ja Krankenstand. 

 

25.11.

Gut aufgelegt, weil keine Termine und leichter Schneefall (obwohl ich immer noch keine Winterreifen am Auto habe, aber das ist egal, weil eben keine Termine und das Auto in der Garage). Ein kleines, billiges Glück. Der Geschmackssinn kehrt auch langsam wieder. 

 

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Im Grunde habe ich keine speziellen Wünsche und Träume mehr, nichts Abgehobenes, nur noch fortwährend Sehnsucht nach meinem eigenen Leben im Sommer – und in Wahrheit nach diesem einen Tag mit Zelt im Toten Gebirge. Dabei weiß ich ja, dass ich mich am realen Zelttag immer schon auf die Rückkehr ins Tal freue. Was immerhin jedes Jahr weniger wird – daran lohnt es sich zu arbeiten, im Sinne einer Ausdehnung meiner Komfortzone: Das Tote Gebirge in mein Wohnzimmer verwandeln (nein, das ist vermessen gedacht, es muss mir wild bleiben).

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Frauen in der katholischen Kirche – das ist schon ein bisschen so wie die Ausländer, die FPÖ wählen.

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Dem Rat des Architektenfreundes folgend schreite ich die Buchzeilen ab. Im Grunde könnte ALLES zu Bookbot. Ich muss das ausblenden beim eigenen Schreiben. „Selbe Stadt“ kriegt man übrigens um 5,63 €. Es ist ein schmaler Grat zwischen Unsentimentalität und Buch-Messieanismus. Immerhin habe ich wohl schon eine Tonne Bücher aus dem Haus getragen.

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Buttinger findet auf etsy den Bausatz des havarierten Tschernobyl inkl. Raucheffekt, um 96,50 €. Dieses System muss untergehen.

26.11.

Heute beende ich meinen kleinen Privatlockdown und fahre nach Wels, damit ich nicht komisch werde. Überhaupt – was ich nicht alles aus Furcht mache, komisch zu werden.

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Ich kann mich an der Stille im Haus nicht satthören. Ein wenig Angst ab und zu, dass mit einem lauten Knall, Krach oder Spotzen etwas kaputt geht, dessen Reparatur ich mir nicht leisten kann.

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Je mehr ich über Nepal lese, desto mehr möchte ich wieder hin. Es wird Zeit, dass ich mit dem Manuskript fertig werde.

27.11.

Wieder Übersprungs-Smalltalk mit dem Frauenarzt. Er lernt nicht mein bestes Ich kennen. 

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Mir ist eine neue Variante des Rassismus eingefallen, die viel besser an die Realität angepasst ist, denn das mit den Hautfarben ist ja wirklich bekloppt, die kann ja niemand ändern (außer Michael Jackson). Weniger oberflächlich wäre die Diskriminierung von Haltungen, die man nicht einzunehmen gezwungen ist. Ich will z.B. „Signas“ abwerten, Audifahrer, Ramstein-Fans, Rehkitzzermäher, Genderkritiker, Bodypainter, Rasenrobotermäherigelmörder, Teslafahrer und ganz besonders Tesla-Cybertruckfahrer. Für sie alle kann man ein fein abgestuftes Apartheid-System erfinden, wie es sich für echten Rassismus gehört. Auf der untersten Rassismusstufe stehen natürlich Rassisten. Und Menscheneinstufer. Ich könnte daraus eine Beschreibung der 37 Kreise meiner privaten Höllenvision anfertigen.

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Berni Wagner im Schl8hof. Vor Beginn suche ich ihn noch heim. Wenn wir ihn nerven, lässt sich der Gute nichts anmerken. Er sagt, er hätte auch schon gern graues Haar, weil ihm das Jungsein nicht liege. Ich sage, dass ich schon so lange keine Großeltern mehr habe, dass ich mit mir selbst liebevolles Mitleid bekomme, wenn ich im Spiegel sehe, wie grau ich schon geworden bin.

„Monster“ habe ich im März schon gesehen, doch es ist eine der Freuden des Alters, dass ich wieder sehr viel zu lachen habe, weil ich in der Zwischenzeit fast alles vergessen habe. „Ob mei Hirn aa üba mi so vü nochdenkt wia i üba mei Hirn?“

28.11.

Der Raureif macht auch Wels hübsch. Dann muss ich zur Mammographie, an die ich versucht hatte, nicht zu denken. Als die Sonne herauskommt und ich direkt vor der Tür einen Parkplatz finde (Spießerfreude), weiß ich schon, dass nichts droht. Ich kehre binnen Minuten mit unauffälligen Brüsten zurück. Coala: „Good adulting!“

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In der Kletterhalle brennen binnen Minuten die Pfoten. Ich habe zwar stark nachgelassen, aber Nazis sollten mir immer noch nicht in die Finger geraten.

Dann moderiere ich mich ein letztes Mal in diesem Jahr um Kopf und Kragen. Der Frauenministerin will ich einreden, bitte auch noch Bürgermeisterin von Wels zu werden, das sei auch schon wurscht. Und ich bespreche den Formenreichtum der Gewalt gegen Frauen als die einzige Artenvielfalt, die dem Klimawandel zum Opfer fallen dürfe.

Die lustige C. K. schenkt den Beteiligten kleine, selbstgemalte Bilder, mir drückt sie es in die Hand und sagt, „D'Foab gheat außen, goi!“

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Dann fahre ich mit dem seelischen Reservetank nach Wels, wo das „Schlimmste“ des Tages passiert, als der Buttinger mir udaungs ein alkoholfreies Bier bringt, mit dem ich ihn gleich wieder wegschicke.

29.11. 

Im Traum streicht mir Robert Palfrader den Keller, das mache er als zweites Standbein, er verlangt dafür von mir nichts anderes als Südtiroler Kaspressknödel und einen Ride zum Bahnhof. Leider ist aber mein Auto total voll und dreckig, ich geniere mich.

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Wien. Die Bahnfahrt wird K. und mir zu kurz, obwohl sie dank einer Bombendrohung (der allerblödeste Trend gerade!) eh verlängert wird. Wir mäandern zwischen small und deep talk.

Die Stadt ist an diesem ersten Adventwochenende übervölkert wie Bangladesh. Wir laufen eine Weile mit dem Strom, bis uns die soziale Energie ausgeht (mir zuerst). Dann essen wir ein letztes Mal im MaschuMaschu – hier habe ich ein Leben mit Falafel gelernt. 

 

Am schönsten der arme, gewaltige Bernhardiner im Weihnachtspullover, mit dem ich ein wenig schmuse. Artgerecht ist das nicht, der Halter hantiert mit seinem Akkordeon, als spielte er im Pataphysischen Orchester.

Weil ich dann noch schnell meine Buchprämienjuryvorbewertung korrigieren muss (alles eine sehr aufwändige Sache), kippt die Stimmung leicht, aber nur so lange, bis mir Coala ein 16er-Blech auf den Schreibtisch stellt, „daun geht’s schnölla“. Siehe Leistungsboykott.

Dann vertrockne ich auf der Couch wie in meiner imaginierten guten Sterbstunde – zum Plaudern der beiden anderen, ohne Zähneputzen, in dicke bunte Decken gehüllt.

30.11. Wien

Nach der Massage im Kang Mei trippe ich ein wenig – welche Meridiane wurden mir da mit herrlicher Gewalt wieder freigelegt? Welche Dämonen wurden aus meinen hölzernen Faszien exorziert? 

Dann geht der Tag gut gelaunt weiter, eins fügt sich ins andere, sodass Coala einmal zu K. den Satz des Wochenendes (nein, des Lebens) spricht: „Aber lass' dich von uns nicht ins gute Leben einetheatern!“

Schwere Erschöpfung in Gelb auf Coalas Couch.

Montag, Juli 01, 2024

Stundenwasser, abgeschminkte Nachtigallen und einvernehmlich gebumste Ryans

Lebenskrimskrams im Juni 2024

1.6.

Wieder einmal bestätigt sich, dass ich es komplett aufgeben soll, den Kindern von irgendwelchen Erfolgen zu erzählen, sie haben selbst das buntere Leben und sind noch nicht so weit, sich aufrichtig für das dröge Leben älterer Leute zu interessieren (bin ich selbst eigentlich schon so weit? Auch nicht). 

***

Vor der Haustür parkt der „Dichtungsprofi“, was schön zur nun beginnenden Dienstfahrt zum 1. Poesiefestival von Bad Hall passt. Weil es anhaltend schifft, muss das gesamte Programm in den Kursaal gestopft werden, statt synchron auf drei Open-Air-Bühnen verteilt zu werden. Es ist sehr voll und sehr schön, das Rauschen des Regens wie der Soundtrack für die Dichtung. Nur die Gastro ist auf das übliche Lyrik-Aufkommen eingestellt, es gibt keine Hoffnung auf ein Käsesemmerl, geschweige denn Bier. Ich nehme mir künftig nicht nur zum Wandern ein Jauserl mit. Zum Glück teilt die gute Marianne Jungmaier ihren Snack mit mir. Ich verliebe mich besonders in die jungen Slammerinnen Nnebedum, Wenty und Duygu. Und wieder bin ich froh, nicht mehr zu slammen, sonst hätte ich mich sehr viel mehr bemühen müssen.

2.6.

Einen Text schreiben voller Binsen, jeder Absatz endet mit „Aber darüber wagt es niemand, zu berichten!“ Das schreibe ich auf, und dann kommt im Wasserwald exakt so einer daher, ein Sonntagsprediger, der ungefragt der Welt mansplaint, voller Wut in der Stimme. Das unwillige Publikum ist schlau, um so viel Text hat niemand gebeten, wir stieben in alle Richtungen davon.

***

Wie völlig absurd alte Autos mittlerweile auf der Autobahn wirken, heute etwa ein alter Mini, man hält ihn zuerst für bemitleidenswert, dabei sind nur unsere Schüsseln so unnötig riesig geworden. Ein kurzer Schreck beim Überholen, das Steuer ist verwaist, nein, halt, es ist nur ein britischer Mini.

3.6.

Es gibt das „Eigenbrauer-Syndrom“, wodurch Erkrankte gleichsam in sich selbst Alkohol entwickeln und schwere Vergiftungen erleiden können. Die Welt ist groß und voller Gefahr.

***

Die Jahrhunderte sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren – wir haben das nächste Hochwasser. Fini ist ganz von der Rolle angesichts des wilden Meeres, das ihren Strand frisst. Die Wege, die wir gerade so gern gehen, wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben (wenn es sie denn heute noch gibt). Überhaupt scheint die Natur von der Rolle, in Schmitzis Garten steht später eine Rehmutter mit ihren zwei Kitzen. 

Es herrscht ein kleiner Katastrophentourismus auf der Staumauer, das Brodeln der durch die Schleusen jagenden Fluten hat hohen Schauwert.

4.6.

Nach Tagen zum ersten Mal kein Regen mehr. Die Donau steigt so schnell, dass man ihr dabei zusehen kann. Dani und ich stehen im Regenwald und essen Kirschen, es ist eine sehr beschauliche Apokalypse. Bei Sonnenschein ist das Toben des Wassers fast absurd. Es müsste nur etwas weniger Schlamm im Wasser sein, dann läge Wilhering am Atlantik. 

5.6.

Ausnahmsweise hätte man mich doch anrufen können, ab 7 Uhr meinetwegen, um mir mitzuteilen, dass ich das Projektstipendium bekommen habe! Ich lese spät das Mail und verliere die Kontrolle über meine Beine, die in wilder Freude auf den dicken Büroteppich stampfen, sodass der Hund ganz aufgeregt daherrennt. „Du holst aus deiner Prokrastination das Optimum heraus!“, sagt Buttinger anerkennend bzw. wahrheitsgemäß. Dann trudelt auch noch die Zusage für die "Facetten" ins Haus. Wie jedes Jahr muss ich nachsehen, was ich überhaupt eingereicht habe („Die Ameisen“). Sofort verlasse ich das Büro und schraube die schlechtesten Sesselleisten Mitteleuropas ins Baumhaus.

6.6.

Ich höre die Schritte einer Ameise auf dem Falter, die werde ich in Zukunft auch nicht mehr umbringen können.

Überfressen an den eigenen Walderdbeeren. <3

Im Garten ist es gar nicht so leicht, an die Klimakatastrophe zu glauben, auch wenn ich noch nie so früh im Jahr die ersten Himbeeren gegessen habe.

Ein Tigerschnegel.

***

Eine Frau erklärt mir im Stiftspark, „der Wechsel hat mir die ganze Freude genommen!“ Sie redet sich in Rage, dann hält sie inne und sieht sie sich um. „So, ich schwitze nicht mehr! Das hat mich jetzt erfrischt, ich danke Ihnen!“ Für eine Seligsprechung wird’s nicht reichen, aber besser das als die Heilung brasilianischer Krampfadern.

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In der Nacht träume ich davon, wie ich in Gefangenschaft der Erwerbsarbeit gerate, ausgerechnet in Coalas alter Firma. Es fühlt sich mindestens so schlimm an wie damals die ersten Tage der Ferialjobs, eine Karikatur des Meindlschen Arbeitsparadoxons – eine ennervierende Gratwanderung zwischen unterforderter Langeweile und der Angst, wegen Unfähigkeit rausgeschmissen zu werden mit Schimpf & Schande. Niemand zeigt mir, wie es geht und was überhaupt meine Aufgabe ist. Immerhin kriege ich einen Computer, aber nur mit einem Firmenprogramm drauf, mit dem ich original genau nichts anfangen kann, und das ist gar nicht mit den Augen dersehe. Als ich Coala davon erzähle, sagt sie, „so war's ja wirklich.“

Überhaupt aktuell noch viel dummes Herumgesorge mit immer weniger Anlass, ich habe einfach eine seelische Neurose, am besten ignoriere ich mich. Wenigstens habe ich schon gelernt, dass es nicht sehr viel schlimmer wird, wenn ich echte Sorgen habe.

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Haben Männer eigentlich Phantomschmerzen wegen ihrer an uns verschenkten Rippe? Ich hoffe es.

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Maturantinnen in der Linzer Bim unterhalten sich in künstlich westdeutschem Akzent: „Also ich hab Metaphern bekommen.“ „Bei uns war's hauptsächlich parataktisch und selten hypotaktisch.“

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Wien

Zwei amerikanische Touristinnen begrüßen den Kellner extrovertiert mit „We had two huge Wiener Schnitzel!“

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Mieze, Markus, Yasmo und ich gönnen uns gegenseitiges Loben und Schmeicheln, es ist eine einzige liebevolle Slamily-Aufstellung, die wir uns nach 1000 Jahren kaum bezahlter Szenearbeit wirklich verdient haben. Köhle: „Ihr Diskursmäuse!“ Und: „Humor ist ein sozialer Dienst.“ Nach der extrem schönen Lesung dieser drei Schätze dann zu viele Biere, wir reden lang recht poetologisch, beim Hotelsuchen wanke ich aber leicht.

7.6. Wien – Grundlsee

Der Frühstücksraum ist voller schlecht gehender alter Tourist*innen.

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Auf dem Lagerhausturm von St. Valentin steht in blassem Türkis „35 Jahre ÖVP sind genug“.

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Grundlsee

Rührung angesichts des ersten Blicks, aber es wird wohl noch inniger bei der Wiederkehr am 29. Juni! Es braucht die Fülle der drei Wochen für das volle Glück.

Ich schenke den Wirtsleuten meinen Roman, die Chefin freut sich, „aber es ist so klein gedruckt, da werd ich bis Ende Juni nicht fertig mit dem Lesen!“

Glück und Sekt mit den Schwestern auf dem Balkon

8.6. Grundlsee

Zu sechst auf die Zimnitz-Alm, zu zweit herunter. Dani ist die Leistungsträgerin der Gruppe. Dann allgemeines Mittagsschläfchen, als wären wir ein Rudel Murmeltiere. 

Katharina Schinko lädt uns zur „Wirtshaus-Show“, bei der Hosea Ratschiller zum Rudelbudern einlädt, andernfalls werde er sein neues Programm an uns ausprobieren. 

Beim Zuhören kommt mir die Idee der Stand-Up-Despoty, bei der sich das Publikum aussuchen darf, welches Land als nächstes erobert wird.

9.6.

Wir frühstücken neben Susi Stach und Karl Fischer, lassen uns aber nicht anmerken, dass wir Fans sind.

10.6. Wels

Seelisch verkatert. Ich bin es nicht gewohnt, so schnell wieder abzureisen.

11.6. Wilhering

Weiterhin stimmungsbehindert, immerhin bei emsiger Bürotätigkeit.

12.6.


 

Für die 15-Jahr-Feier der Lesebühne suche ich ein Foto, auf dem ich selbst 15 bin – fast vergeblich, ich habe wohl versucht, 1993 aus dem Gedächtnis zu löschen. Es gibt nur das von der Ortler-Besteigung, auf dem der Vater so alt ist wie ich jetzt (und jünger aussieht).

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Einen Text für die „schule für dichtung“ hergerichtet, in dem ich die beiden Ryans Reynold & Gosling bumse (einvernehmlich) und dann mit 12 Entenküken niederkomme, die das Evangelium nach Minki verkünden, dazu Kirschenlieder.

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„Lauter“ von Roiss: top. Der schwankt noch weiter und besser als ich zwischen Todernst und Ulk.

13.6.

Es geht voran bei der To-Do-Liste, weil ich die Frist für eine Preiseinreichung versäumt habe.

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Emails an den LH und den BGM, recht jovial, zarwos bin ich Künstlerin, wenn ich nicht zumindest vortäusche, ein wenig exzentrisch zu sein? Ich kriege sehr freundliche Absagen für das OLW-Jubiläum und bin erleichtert.

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                    Wenn Schrödinger nicht Quantenphysiker, sondern experimenteller Lyriker geworden wäre

An der Wilia-Haltestelle Rother Krebs steht einer, der aussieht wie der Architektenfreund, er ist es aber nicht, denn der echte begegnet mir erst zwei Minuten später oben in der Hofgasse. Er hat sein vierjähriges Kind schon ganz im grünversifften Sinne indoktriniert, es sagt „Autos stinken!“ Ich pflichte pädagogisch wertvoll bei, denn ich habe heute ja den Bus genommen (zum ersten Mal im Jahr). Dem Vater erzähle ich meine gesamte Lebensgebarung als Kompensation fürs Autofahren. Die Altstadt ist derweil für irgendein Radkriterium gesperrt, kolibrifarbene Männer rasen übers Kopfsteinpflaster. 

Vor mir schlängeln sich britische Touristen an den Gittern vorbei, alle sehr tätowiert, die Herren halten ihre Ellbögen von den Rippen weit ausgefahren, um zu zeigen, wie trainiert sie sind, sie sind betont bärbeißig gekleidet. In dem Moment, in dem sie aber Fini sehen, knien sie sich auf den Boden und zerfließen. Leider verstehe ich nichts, da sie so einen argen Slang sprechen.

Sehr kleine Satire: Beim Friseur auf den Hund haaren

Zwar werde ich vor dem Alex von zwei aggro Tölen ins Knie gezwickt, drinnen erhole ich mich aber flugs wegen der Frage, ob es mir was ausmache, ein paar meiner Bücher zu signieren, ich sage, dass ich nie so abgebrüht werden wolle, dass mich das nerve. Ich lasse Geld für Sachbücher da (Kraken, Wildnis, Kongo), denn Urlaub = Urlaub von der Belletristik.

Im Kroko dann abstruse Honorarverhandlungen, zum ersten Mal in meinem Leben werde ich aufgefordert, deutlich mehr zu verlangen! Die Evolution der Honorare wird mir immer rätselhafter – für Angelegenheiten, die mich siebenmal mehr Nerven und Zeit kosten, bekomme ich manchmal 250, manchmal gar nichts, und die Menschen, die mich damit behelligen, haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Martina Mara hingegen möchte, dass ich leicht sexistische Gstanzl gegen die ollen KI-Bros schreibe. Dann erzählt sie mir von lauter selbst erlebten Frechheiten über die Geschichte voller Missverständnisse bei "Frauen und IT/KI", sodass ich richtig entfacht bin.

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Heimrad-Bäcker-Preisverleihung im Stifterhaus. Nach wenigen Minuten die Einsicht, ziemlich dumm zu sein, aber so geht’s mir immer bei etwas experimentellerer Literatur. Gleichzeitig freue ich mich, dass es so vieles gibt, das klüger und radikaler ist als das, was ich schreibe & verstehe. Ilse Kilic schreibt Schönes, da ist so viel Zuneigung und Schalk dabei, mit dem fantastischen Ziel, nicht nur „für sich und ihr Fritzchen das Leben schöner zu machen.“ Ich sage es eigentlich immer, wenn die Rede auf Ilse kommt: Das ist meine Präsidentin.

Auch Chris Zintzen nimmt mich sehr für sich ein. Er arbeite aus Provokation so langsam, und wenn er für sieben Seiten sieben Monate brauche, sei das eben so. Vor 30 Jahren habe er beim Marianne-Fritz-Lesen gedacht, das müsse er sich merken, und das sei ein guter Zeitraum, um sich daran zu erinnern. Parasitäre Tätigkeiten seien alles, was nicht Dichten ist.

Zuhause schneide ich gegen Mitternacht Nacktschnecken entzwei, eine der allerparasitärsten Tätigkeiten.

14. Juni

Umkehrung des Prokrastinationsvektors: Weil so viel im Garten zu tun ist, sitze ich brav tippend im Büro.

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Zwei Postbusse blockieren die Straße bei Pasching, die Fahrer teilen irgendeine Delikatesse durch die offenen Fenster, niemand hupt, weil die Geste so schön ist.

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Unterach, Eurocamp: Festival des politischen Liedes

Ein wenig wie das Gefühl bei der Pfarrreise, nur mit Che-Guevara-Leiberl – ich bin froh, hier zu sein, fürchte aber ein wenig, wegen zu schwachen Glaubens aufzufliegen. Ein Betrunkener erkennt mich als Bundespräsidentin. „He, wieso bistn bei da EU-Woi ned autretn?!“ „1. warum EU? Ich bin die Bundespräsidentin. 2. lasse ich mich doch nicht wählen, zarwos bin ich Bundespräsidentin!?“ Er denkt nach. „Jo, in da Diktatur kriagt ma eh vü weida.“ 

Kurz nach Mitternacht werfen die Herren Monet und Buttinger die Nerven weg und machen eine Bandprobe. Niemand beschwert sich, da es draußen viel lauter ist. Eine Stunde später liegen wir betrunken im Bett, nur René spielt noch Gitarre, ich heule mit ersterbender Stimme "no alarms und no surprises" im nie endenden Fade-Out.

15.6.

Der Frack ist das stärkende Exo-Skelett meiner Seele. 

Bei den Anmoderationen dichte ich den sehr schön musizierenden Herren der Blutgruppe" laufend neue Mittelnamen an: Klaus Maria Josef Jesus Buttinger, René Ignatius Irenäus Monet. Es muss eine kleine katholische Reaktanz sein. Die lieben Menschen kriegen ganz nasse Augerl wegen unserer Tombola, sie freuen sich über die kleine Miliz-Ausstattung und Tischgespräche mit Castro. Danach ein wenig Daydrinking im Cateringzelt. Wir treten die Heimfahrt unter innerlichem Protest an.

16.6.

Nun bewege ich mich schon ganz vorsichtig durch den Alltag und frage mich etwa, ob ich vor dem Urlaub noch in die Boulderbar gehen soll, damit ich mir ja nicht mit einer Sportverletzung meine großen drei Wochen verderbe. Gleichzeitig ungläubiges und wachsendes Glück, dass wir es fast schon geschafft haben.

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Henscheid, „Die Vollidioten“ (eine liebe Gabe von Markus Lehner). Was für ein eloquenter Unsinn! Ein herrliches Zeitdokument, das mich sehr entspannt, weil darin nur getrunken, geraucht, prokrastiniert und gequatscht wird. Sex existiert nur in jämmerlicher Planform. Ein guter Kontrast zum Roiss, wo ein junger Mann sich alles gönnt und trotzdem kriselt.

17.6.

Das Stemmen gestemmt und dabei eine verborgene Begabung freigelegt. Diese Arme und Hände sind für grobe, dumme Arbeiten geschaffen, es ist schade, dass ich nur ein paar Fingerspitzen davon zum Tippseln nutze. Ich arbeite bis zur physischen Erschöpfung, die Ahnen wären stolz, dass ich heute meiner echten Arbeit nicht nachgegangen bin.

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Im Traum knöpft mir Alex Potyka die Unterzeichnung eines Vertrags ab, der das Verfassen eines Regionalkrimis vorsieht, dazu folgende Kriterien:

Leichen: 1

Stil: Heiter

Mordart: Nicht zu arg

Im Traum mache ich nach außen hin gute Miene zum blöden Spiel, weiß aber, dass das ein Fiasko wird.

18.6.

Auch beim Wandern kriege ich jedes Mal weniger hin, als ich mir vorgenommen habe, es ist aber auch teuflisch schwül. Fini „übersieht“ deswegen zwei Gämsen. Immer, wenn ich mich plage, überkommt mich die Furcht, dass es das jetzt gewesen sei mit den langen Touren – heute war ich ja der irren Annahme, dass ich noch weit in Richtung Gamsplan komme. Es ist wie mit den Sommertagen im August. Dabei weiß ich doch, dass das Schönste noch kommt. 

Vor einigen Tagen sah ich auf Facebook das Bild eines Schmetterlings, der aus der verfallenden Mayralmhütte befreit werden musste. Er burrt auch heute wieder gegen die zerbrochene Fensterscheibe, wehrt sich aber mit allen Kräften eines Flügeltiers gegen seine Freiheit. Eine sehr aufdringliche Metapher für verweigerte Aufklärung.

Zuhause merke ich erst, dass die Deppin, mit der ich in einer Körper-WG lebe, den Stecker der Tiefkühltruhe gezogen hat, darin ist alles einigermaßen aufgetaut. Trotzdem brate ich mir die im Dezember eingefrorenen Bratwürstchen, denn sonst sind Tiere endgültig umsonst gestorben. Ich teile mit der begeisterten Fini, um das Risiko zu streuen, dann höre ich den restlichen Abend besorgt in die Körper-WG hinein, ob nicht doch noch eine Fleischvergiftung eintritt.

19.6.

Rainald Götz vertreibe seine Leser*innen immer wieder „aus dem Paradies des Verstehens“, schreibt Peter Kümmel in der ZEIT, eine schöne Paraphrase für „Ihr seid zu dumm, um mein Zeug zu checken“.

20.6.

Irgendwelche Wurzeln haben mein Drainagerohr gesprengt und verstopft – eine aufdringliche Metapher dafür, dass ich in OÖ wohl schon zu sehr angewurzelt bin. Das Stemmen hätte ich mir sparen können, wie es aussieht. Danke für nichts, Rohrmax. Wenigstens hält das heimwerkende Empowerment noch ein wenig an.

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Ein sehr schönes Luxusproblem aktuell: Die Vogerl machen einen mords Radau. 

Es ist der längste Tag des Jahres und ich kriege fast folgerichtig alles geregelt. Nicht nur ich – von früh bis spät liegt das Dröhnen der Ernte- und Mähgeräte in der Luft, es ist seit je her der Soundtrack meines Sinkflugs in die Sommerferien. Wenn ich vor lauter Schlusspanik vor der Sommerfrische wirklich alles Wichtige schaffe, welches sinnlose Projekt reiße ich noch an, um mich in die augenscheinlich notwendige Erschöpfung zu bringen?

Apropos Sommersoundtrack: das ferne Donnern des Gewitters, das gerade das Traunviertel einweicht.

21.6.

Die kürzeste Nacht der Welt endet frühzeitig, weil die Vogerl es jetzt wirklich übertreiben. Fini ist ganz unruhig und will raus, aber das ist ja doof, dort sind die kleinen Dinosaurier noch lauter.

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Der Kampf gegen den Efeu ist ausgefochten (für heute), die Liste der noch zu bändigenden Flora ist lang, aber vielleicht zu schaffen. [Nachtrag Jänner 2025: NIE]

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K. erzählt ganz nebenbei, dass ihr standeswidriges Verhalten verboten sei, etwa hätte sie keine Porno-DVDs ausleihen dürfen. Eine Kollegin habe Probleme bekommen, weil sie – unverheiratet, aber fix zaum – am Bahnsteig ihren Haberer geküsst hatte. Was sind das für Leute, die sowas verschergen?!

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O.HeimArt: So möchte ich arbeiten. Im Laufe dieser zwei Tage werde ich mir zwei Kilo am famosen Büffet angefressen haben und immer einen lieben Rausch heimradeln.

Die Technik fällt kurz aus. „Dominika, kannst du IRGENDWAS sagen?“ „Ich kann NUR irgendwas sagen!“ 

22.6.

Ich gebe den Kampf für eine Blumenwiese auf. Noch nie habe ich so viel für etwas gearbeitet, das mir Arbeit sparen sollte.

Große Freude mit der „Merlin“-App. Am Nachmittag identifiziert sie den in der Edelkastanie brüllenden Vogel als Nachtigall. Auf der Fähre höre ich einen „ordinary chiffchaff“. (Hasi wird mir später raten, mir die Nachtigall abzuschminken, so ein Glück gönnt er mir nicht, ich solle mit einer Singdrossel zufrieden sein).

Am anderen Ufer erleide ich wieder die alte Eifersucht auf Ottensheim, bis mich die Einsicht erleuchtet wie ein kluger Blitz, dass mich ja nichts außer mir selbst daran hindert, mich als Teil des schönen Geschehens hier am Nordufer zu fühlen. Und heute werde ich sogar dafür bezahlt.

Sehr späte Heimkehr, sehr unruhige Nacht im Baumhaus – es knarzt im Wind, auf dem Dach springen Krähen herum, etwas klopft an die Scheibe, wahrscheinlich im Irrglauben, ich sei eine besonders fette Made hier in der Tuchent.

23.6.

Buttinger sitzt im orangen Morgenmantel auf der Terrasse, um mein Herabtaumeln über die selbstgegrabenen Erdstufen nicht zu verpassen.

Psychische und physische Ermattung ermöglichen eine gute Sonntagsruhe.

Mit Zustimmung lese ich vom „Pebbling“, der love language der Pinguine – sie schenken einander kleine Kiesel. Das ist exakt das Äquivalent zum Verschicken von Corgi-Videos unter uns Meindl-Sisters.

25.6. Kreuz, Welser Hütte

Beim Aufstieg streicheln zwei Frauen den Hund. „Iss a Mandal?“ „Naa, owa si fiat si so auf.“ „Recht hod's, daun hod's wenigstns a Lebn.“ 

Die Gämsen hier sind auf Krawall gebürstet. Fini drängt sich schutzsuchend an mich. Beim Jausnen muss ich mich schließlich wirklich erheben und die beiden sich bedrohlich heranstaksenden Leittiere laut rufend und Steine werfend (natürlich nicht gezielt) zu vertreiben.

Die Wirtin auf der Welser Hütte bestätigt mein Unbehagen. Angeblich sind in diesem Gebiet schon zwei Hunde abgängig – es ist sehr wahrscheinlich, dass sie absichtlich über die gewaltige Nordwand in den Tod gelockt worden sind. Die Chefgams sei auch schon auf den Gatten losgegangen, als der nahe der Hütte an der Wasserleitung arbeitete. Der Stoß ging knapp daneben, dabei verlor sie ein Krickerl. „Des kaun sa si bei mia wieda ohoin, waun sa si traut!“

Sie holt mich beim Abstieg später ein, sie nimmt mich mit dem Auto mit zur Almtaler Hütte. Ich frage sie, ob ich blöd sei oder ob der Bach da tatsächlich in der Früh noch nicht da gewesen sei. Das sei „Stundenwasser“, das komme oft an solchen Nachmittagen vor, sagt sie, die Ursache sei noch nicht ganz geklärt. Irgendwo am Büchsenkar gebe es einen Stein, der das Schmelzwasser staut und ab einer gewissen Menge freigibt. 

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Die Namen der italienischen Nationalmannschaft machen Appetit auf Pizza. Die österreichischen auf einen Besuch im Baumarkt (Schlager, Prass, Laimer, Querfeld, Grillitsch).

26.6.

Welser Stadt-Schreib-Jury-Sitzung. Irene Diwiak erzählt, sie sei vom Thuswaldner einmal mit „als Unterhaltung geeignet“ verrissen worden. Auch meins hat ihm mittel gefallen, es sei zugunsten des Witzes „sprachlich zuweilen überkandidelt“. Mit der Unzufriedenheit der alten Bildungsbürger können wir leben.

Sobald das Kulturbusiness erledigt ist, erzählt Hasi, dass sich Bartgeier mit rotem Sandschlamm schmücken, sie färben sich damit aus keinem notwendigen bzw. anderem erkennbaren Grund die Brustfedern. Unter den Geiern im Nationalpark herrsche eine perfekte Aufteilung, die einen brechen das Aas auf und essen alles Weiche, die anderen hacken Sehnen und Knochen frei, die Bartgeier lassen die großen Knochen auf Felsen brechen und können große Stücke davon einfach schlucken, weil ihre Magensäure so scharf ist, dass die sich zersetzen. Der perfekte Mord! Vielleicht schreib ich darüber meinen Alptraum-Regionalkrimi.

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Abends dann die nächste Nachtigall, die keine ist – Margit Mössmer liest ja in Wels, und das ist sehr gut so. Dazu der Roiss, der ein Plädoyer für die gute Sprache hält, wenn das gegeben sei, läse er auch auch 500 Seiten über einen Stein. Er selbst würde am liebsten einen Roman über nichts anderes schreiben als „über ein Mädchen, das stundenlang ein Pferd bürstet.“ #literarisches asmr (Ich könnte stundenlang über „Stundenwasser“ nachdenken.)

27.6.

Eine Casting-Agentur meldet sich per SMS, ob ich am 1.7. Statistin bei SOKO Linz sein wolle (45 € Gage), und ob ich noch kurze, graue Haare habe.

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Grafito auf der Donauländen-Schiffsschraube: „I'm a lonley and ugly potato“

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Der Blick des LH, als ich im Frack bei 34° im Stifterhaus hinter ihm Platz nehme. Ich teile ihm mimisch mit, dass man eben nicht mit vollgekackten Jeans bei Regina Pintars großer Abschiedsfeier auftanze. Dann sitze ich reglos zwei Stunden in der textilen Sauna und versuche, mich ins Innere meines Körpers zurückzuziehen, dabei an Jännerfrost denkend. In meine Schuhe rinnt Stundenwasser. 

Dreimal wird unabhängig voneinander Stifters sanftes Gesetz zitiert, meines Erachtens eine unsubtile Anspielung auf Reginas Körpergröße: „Ein jeder Mensch sei dem anderen ein Kleinod“. Wir freuen uns alle über ihre Freude, gleich bei Petra Dallingers Einleitung gibt es nasse Augen. Es wird ein großer und sehr langer Abend. Niemand mag gehen, alle warten, ob nicht doch noch die siebte Platte mit Lachsbrötchen herbeigezaubert wird, und ob die Temperaturen in dieser Tropennacht nicht doch noch ein wenig sinken wollen.

28.6.

Gerade den okaysten Text der Welt geschrieben. Große Rastlosigkeit angesichts der morgen anbrechenden drei Wochen. Ein zäher Endfight gegen die Emails (eins beantwortet, zwei neue).

Aus der Stadtwerkstatt wummern grobe Bässe am helllichten Tag, vielleicht die seltsamste Radioumgebung meiner „Karriere“, aber der Roiss ist auch schon wieder dabei und Daniela Schopf stellt schöne Fragen.

So! Letzte Lesebühne! Zehn herrliche Mußeminuten lang liege ich mit dem Hund nach dem ganzen Aufbau-Trallawatsch im Eck des DH5-Hofes. Alles nimmt kurz ohne mich meinen Lauf (eh immer, in Wahrheit), dazu zischen Schwalben über den kleinen Abendhimmelsausschnitt. Der emsige Stadler und die Seinen schauen immer wieder wohlwollend zu mir herüber, die Blutgruppe singt schön, Yasmo&Mieze plaudern leise. Dann stehe ich mit letzter Kraft wieder auf. 

 Fotos: Dieter Decker <3

Mieze und Yasmo tragen dann das Geschehen, ich muss nur noch ganz wenig selbst machen. Sie alleine belohnen uns schon für 15 Jahre Mühe. „In der Zeit habe ich drei Lesebühnen gegründet und beendet. Du zwei, Yasmo?“ „Nein, auch drei.“ 

Bei meinen Texten lacht das Volk hauptsächlich, wenn ich spontan Worte wie „udaungs“ und „wiaflat“ einbaue, diesen billigen Trick muss ich mir merken. Die guten Menschen geben uns dann IPA-Pakete und liebe Worte mit in den Urlaub. Ein neuer Gast sagt begeistert, er könne das bei der Tombola gewonnene Ordnungssystem wirklich gut gebrauchen. Was für Schatzis wir uns hier herangelockt haben!

29.9.

Es ist noch einmal ein harter Fight in Schönering, aber um 13:30 ist das Boot voll (bzw. auf den Dachträger geschraubt) und der Küchenboden gewischt (ja, dieser Mensch bin ich geworden). In Wels stopfen wir noch einmal so viel Materie in das tapfer ächzende Auto.

Gemeinsames Aufschluchzen beim ersten Blick auf den

GRUNDLSEE.

Innerliches Aufschluchzen, als uns die Chefin schon zur Begrüßung die Fischpfanne und ein Reibeisen entgegenstreckt. Das erste Bier im Rostigen Anker verdampft, bevor es unsere Lippen berührt. Wir müssen sehr an uns halten, das Servierpersonal nicht mit unserem Glück zu überfordern.

30.6.

Es kann nichts mehr schiefgehen. In glücklicher Erschöpfung sind wir auf dem Balkon versackt. Die Spatzen budern auf den Dachbalken. Der Spatzenhahn schlängelt sich plusternd durch den Taubenabwehrslalom, tritt dann hektisch die geduldig das Spiel ertragende Spatzenhenne und fliegt wieder zurück zum Start. Nach fünf Wiederholungen ist der Akt vollbracht, die Spätzin schüttelt sich und putzt ihre Schwinge.