Dienstag, April 28, 2026

Geisterscheiße

Für die "Geistergeschichten"-Lesebühne war ich sechs Wochen lang zu eifrig und zu faul gleichzeitig, um mich auf drei Ideen zu konzentrieren und daraus etwas Ordentliches zu machen. Hier also der Inhalt der Geisterfallen, die ich im Hirn ausgelegt habe (ein Pandämonium der Prokrastination): 

 Phänomenologie der Entgeisterung (jetzt nicht an Hegel denken!)


Treffen sich ein Geist und ein Lama in einer Bar und jammern darüber, dass die Leute immer dümmer werden und nimmer rechtschreiben können, weswegen all die sekundären Analphabeten die Berufe des Gespenstes und des Kamelartigen durcheinanderbringen: Das Lama spukt durch die Pampa und der Todesgeist spuckt im Schloss. „Wobei es mich ja auch extrem nervt,“ klagt die übersinnliche Erscheinung, „dass die Menschen sich gar keine Mühe machen, mich von der Gesamttätigkeit mentaler Vorgänge zu unterscheiden, aber ein Gespenst ist kein Geist!“ „I'm feeling you!“ sagt das Tier, „deppert san de Leit, die glauben, dass ein Lama ein Alpaka ist! Und dann erst der Dalai Lama!“ „Boah ja,“ ächzt die Gruselfigur, „dieser oberste Geistesführer, was der für einen Stiefel zusammenspricht!“ (Anm. der Autorin: Ist ein Stiefel ein Schaß? Beides kann stinken! Ist ein Schaß ein Geist, beides hat den Körper verlassen?) 
Geist und Lama regen sich sehr auf und trinken so viel, dass sich ihre Geist-Materie-Dualität in eine offene Dialektik verwandelt. Sie werden so ein inniges Liebespaar, dass sie einander ganz durchdringen und zusammen in ein schottisches Schloss ziehen, wo sie die Dreharbeiten von „James Bond – Skyfall“ in arge Turbulenzen bringen, weil Daniel Craig permanent aus dem Nichts bespuckt wird und das Set täglich zweimal von Geisterscheiße in Rossapfelstärke gereinigt werden muss. 

Spiritpreisbremse
In einem Kammerl im Institut für Geographie und Wirtschaftskunde beugen sich zauselige Wissenschaftler (sind nur Männer, die Kolleginnen fanden die Séance doof) über ein Ouija-Bord, um dem Wirtschaftsminister eine große Frage zu beantworten. Der Zeremonienmeister erhebt seine Stimme: „Großer Weltengeist, wann wird die Straße von Hormus wieder befahrbar?“ „Frog nan aa nu wengam Benzinpreis“, befiehlt Hatmannstorfer. Die Geister lassen sich nicht lange bitten, ein ganzes Pandämonium manifestiert sich! Zuerst Erwin Schrödinger, der hilflos versucht, sein Katzenkisten-Gedankenspiel zu erklären. Polternd fährt der Dschinn des iranischen Revolutionsführers drein, der eine Fatwah gegen Otto Waalkes in den Raum brüllt, für seinen 1980er-Spottreim „Ach was soll's, sagt Frau Khomeini, mein Ayatollah steht ja eh nie!“ „Nanana, Niveau meine Herren“, spricht der Geist Hugo Portischs, der den Anwesenden erklärt, dass die Geschichte der Zweiten Republik eine komplexe geopolitische Gemengelage darstelle und man jetzt bitte aber  SOFORT raus aus den fossilen Brennstoffen solle. Da wird die Tür aufgerissen, die Geister fliehen, die Institutsleiterin schimpft „Ja sakra, ihr sollt forschen, nicht beschwören! Alle raus hier, auch der Hatmannsdorfer Wolfi! Wenn ich euch noch einmal bei okkulten Praktiken erwische!!!“ 
„Wie woa des jetzan“, sagt der Minister später nach dem vierten Bier in der Institutskantine, „mit dera hoibhinign Kotz, i hob's scho wieda ned checkt.“ 


Beim Konzil von Triest 2027 legt die Glaubenskongregation unter Leitung ihres Geistigen Oberhauptes Papst Leo fest, dass der Heilige Geist auch in Form eines Brathuhnes verehrt werden darf. Der Film „Das Fest des Huhnes“ wird vom vatikanischen Index gestrichen und darf ab 2028 auch an katholischen Privatgymnasien in der letzten Woche vor den Ferien gezeigt werden. 

Als der arme Bruce Willis stirbt, freut sich die Gemeinschaft der Geister zuerst sehr, ein echter Star! Und er hat seine schweren Jahre hinter sich, in denen er dement war (der Geist schon vorgeprescht ins Jenseits). Dann aber holt ihn die Vergangenheit ein. Wenn er nachts allein ist, überkommt ihn ein Grauen, es fröstelt ihn... da huscht eine Gestalt durch den Raum! AAAh! Willis dreht sich um, da steht sie vor ihm!!! „Gib mir ein Autogramm, Schweinebacke!“ Schreck! Die Geister der anderen Toten glauben ihm nicht, es ist schlimm. Dauernd wird er von Menschen heimgesucht, bis er all seinen Mut zusammennimmt und mit ihnen zu reden beginnt. Pssst, sagt ihm eine der Erscheinungen, wir sind jetzt bereit, unser Geheimnis mit dir zu teilen: Du kannst lebende Menschen sehen! Und du bist selbst noch gar nicht tot! 

Ein Riesenskandal: Das insbesondere auf Datingplattformen massenhaft auftauchende Phänomen des Ghostings hat eine schreckliche Ursache! Glaubten hunderttausende Frauen noch, es handle sich dabei um eine äußerst unreife Verhaltensweise der männlichen TinderBumbleGrinder-Kontakte, sich nämlich kommunikativ in Luft aufzulösen, stellt sich das Verschwinden der Ghoster als sehr dunkle Seite des Matriarchats heraus: Über eine Spionagesoftware verschafft sich die Zentrale Intelligenzabteilung Zugang zu den Chats und gibt der Exekutive den Auftrag, sich toxisch verhaltende Individuen aus dem Bestand zu nehmen. Die jungen Männer wurden zwar weder in Luft noch in Säure aufgelöst, wurden aber zwangsweise in Charakterschulen geschickt. Bei allem Verständnis: So geht’s auch nicht, lieber Radikalfeminismus!

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus, und überall gründet es Geisterkommunen. Doch die Sache erweist sich bald als total lebensfremd, es wird unheimlich in der WG, denn es scheiden sich die Geister. Das kleine Gespenst wird wegen Verbots der Kinderarbeit beschäftigungslos. Die Inklusion der Geisterspezies ist extrem heikel, die Dschinns und die Dibbuks zoffen, der Golem hat gleich gar keinen Geist und haut die Einrichtung in Splitter. Und wer putzt die Geisterscheiße weg, ha? Das kommunistische Gespenst hat einfach nichts von der Psychologie begriffen. Bald ergreifen die Kobolde die Macht, und der Rädelsführer Pumuckl leitet die spiritistische Konterrevolution ein. 

Ansgar Krautwaschl, Vorstand der vatikanischen Exorzistenvereinigung der Diözese Linz-Land wird im Jahr des Herrn 2078 in einen der letzten katholischen Haushalte nach Dörnbach gerufen, die dort pubertierende Tochter sei seit einer Woche von einem Dämon besessen. Der Geisterbeschwörer beginnt sein Brimborium, die junge Frau rollt mit den Augen und badamm! ist der Geist der vor sieben Tagen bei einer Wanderung auf den Großen Priel verunglückten Schriftstellerin Demonika Mindle wieder aus ihrer jugendlichen Bleibe draußen. Der Pfarrer will sie in eine Schweineherde einfahren lassen, die sich in der Donau ersäuft, aber der Geist sagt, ich bin ja nicht deppert! Sie fährt in den Körper des Exorzisten, doch der taugt ihr nicht, igitt, wie unpraktisch und überempfindlich ist so ein Membrum maskulinum! Sie fährt in diverse Körper wie mit einem ganzen Körperfuhrpark, bis sie im Tierheim Linz eine schwarzweiße Bordercolliemischung entdeckt, in und mit der sie noch einige schöne Jahre lang im Toten Gebirge herumgeistert. 


Aus der Geisteswirtschaft:
Am Institut für Geistes- und Humanwissenschaften (NIG, 6. Stock) soll der olle Wettkampf zwischen Geist und Materie endgültig ausgetragen werden. Doch die Sache wird ein Schaß. Beim Schattenboxen macht der Körper eine lächerliche Figur, die Schachpartie wirkt wie ein langweiliger Telepathieversuch. Die Übung wird abgeblasen und weiter können verwöhnte und verpeilte Primarstöchter sinnlose Diplomarbeiten über die Dekonstruktion des cartesianischen Leibseeledualismus schreiben. 

Ein Traum: Sich selbst in Geist und Materie trennen können. In der ersten Tageshälfte darf ein Teil lesen und träumen, der andere muss wie ein Golem im Büro sitzen und den Chef grüßen. Nach dem Mittagessen wird getauscht (immer wieder Streit, wer mit dem Essendürfen dran ist). 

Die AMS-Einsatztruppe Ghost Busters vertreibt junge Menschen aus dem Institut für Human- und Geisteswissenschaften, um die Arbeitslosenrate unter Akademikern zu senken. 

Dienstag, März 10, 2026

Auf ins Goldene OMAtriarchat

Man wächst ja mit seinen Aufgaben, darum werden wichtige Leistungsträger*innen auch blad mit dem Alter. Aber die Ämter müssen auch mit ihren Trägerinnen mitwachsen! In diesem Sinne möchte ich hiermit das Goldene Omatriarchat ausrufen, mit mir, der Präsidentin der Ominikanischen Republik. 

 

Was sind Gründe und Vorteile der Großmuttherrschaft?

Ein Trend geht durch das Internet (das sich mehr und mehr durchzusetzen scheint): #grannystyle. Stricken und Sticken, beige Sachen tragen, Kleiderschürzen bei MiuMiu, Weltkriegsgefahr und die Rückkehr leicht ausrottbarer Krankheiten wie Masern. So weit, so bekloppt. Und doch! Wir alle bräuchten grad eine total unterstützende Omi, die keine Ahnung hat, was man da beruflich macht, „aber du machst das schon, mei liabs Mesch, groß bisd woan, guad mochsd du des, tüchtig!“, und die einem Kuchen mit 18 Eigelb bäckt und kleine Geldscheine zusteckt.

Im mittleren Alter aber sind Omis rarer als seltene Erden. Alles muss man sich im Sinne von Selfcare selbst machen! Wie wir lernen, uns selbst die eigene Großmutter zu sein: 

  • Sich die Tränen im linken Auge mit der rechten Hand zärtlich abwischen

  • Hans-Moser-Filme anschauen, Peter-Alexander-Shows und Harald Juhnke. Sisi-Motto-Partys (eine Freundin von mir ist als Spanisches Hofzeremoniell gegangen)

  • Nachts zappen bis in die Puppen, denn Zappen ist das TikTok unserer Generation (und man wird nicht islamistisch radikalisiert, nur bissl blöd)

  • Trotzdem um 22 Uhr ins Bett gehen, ohne Genierer

  • Gabelbissen essen, Zwieback in Weißwein tränken, Graupen und Erbstwurst

  • Sich die Haare eindrehen lassen bei einer Friseurin, die man Paula nennt

  • Bei zu viel Stress mit der Pinzette Barthaare ausrupfen (das Ritzen des Alters)

  • Wenn man es nicht so gut erwischt hat wie ich: den Mann überleben (aktiv oder passiv) und nach seinem Begräbnis bei jedem Seniorenausflug Henne im Korb sein

  • Sachen sagen wie „Mia ham jo nix ghobt hintam Kriag!“ Immerhin stammt man ja wirklich aus dem vorhergehenden Jahrtausend. Wenn man in mein Geburtsjahr einen Zirkel steckt und drumherum einen Kreis von 33 Jahren zieht, umfasst er das Ende des Zweiten Weltkriegs einerseits und andererseits: Sieg der Vierschanzentournee von Christian Morgenstern und der Tod Amy Winehouse. Oder Kate & Prinz William-Hochzeit, wer sich leichter so was vorstellen kann. Harry Potter & die Heiligtümer des Todes – I sing a Liad füa di

  • Überhaupt, der Muttermund: Ab einem bestimmten Alter öffnet man den Mund und es purzeln die Sätze der Mutter zwischen den Zähnen heraus. Dagegen ist nichts zu machen, man kann ein komplett anderes Leben führen, trotzdem sagt man: „Stundenlang bin ich in der Küche gestanden, und du frisst ois in dein bledn Schädl eini. Ma siacht am Noan gleich!“ Man sagt's vielleicht nur zu sich selbst, was ziemlich bescheuert ist. Oder zum Hund, dem man selbst den Stecken drölfzig mal in die kalte Donau geschmissen hat: „So, jetzt kummst außa, du hosd jo scho gaunz blaue Lippen!“


Was bringt das Omatriarchat konkret?

  • Männer der Jahrgänge 2013 und Älter müssen sich weltweit per sofort für ihre Regierungsagenden neu bewerben. Bei mir, der persongewordenen internationalen Personalobjektivierungsstelle, weil ich mich schon am besten in die Materie eingearbeitet habe. Die dadurch frei werdenden Ämter werden fair unter den bestqualifizierten Bewerberinnen verteilt.

  • Da mit einer rein weiblichen Weltregierung selbstverständlich jedwede Kriegshandlung zum Erliegen kommt (was so eine Bombe Mist macht! Was ein Flugzeugträger kostet, bittigoaschee!), ist endlich die Zeit gekommen, sich um die echten Probleme kümmern: Artensterben, Bodenversiegelung, Einführung eines Existenszmaximums von 1 Million €, darüber wird alles enteignet und in Sozial-, Bildungs- und Literaturförderung eingespeist.

  • Männer dürfen mit Stichtag 31. März nur noch Autos lenken, die bei 99 km/h abriegeln und automatisch Sicherheitsabstände einhalten. (Braucht man nur bei Audi, BMW, Mercedes machen, was anderes mögen die Herren ja nicht fahren).

  • Männern ist ein sehr, sehr glückliches und erfüllendes Privatleben zu ermöglichen, denn sie sind Stolz und Schönheit unserer Spezies! Viele gute Worte, Streicheln, frisches Wasser, vollwertiges Futter, ausgedehnte Spaziergänge und bis zu 20 Stunden Schlaf. Einmal in der Woche bürsten.

  • Das Pronomen jedes Wesens, das als FLINTA-Person gelesen werden möchte, ist „omi“.

  • Es ist zwecks spiritueller Unterhaltung ein ganz Neues Testament zu schreiben, in denen die vier Apostolinnen Blanche, Rose, Dorothy und Sophia die lustigsten Schnurren über die neue Welt erzählen.

  • Es ist eine neue Hymne zu verfassen, sie geht ungefähr so:

Is this my whole life? Was this just fantasy?

Caught in a LinzLand, no escape from reality

Open your eyes, put on the Lesebrill and see

I am a woman, I need your sympathy

Because my knees are bad, knorpel gone 

Little high, little beer

Anything the Mink says it does really matter to me, to all


Oma, just ate your cake

Put Schlagobers on the Plate, pulled my fork in, guad hods ma gschmeckt

Oma! Life has just begun!

Bad guys are gone and war is thrown away

Oma! Oh! All the mean guys you made cry

the won't be back again this time tomorrow 

Carry on, carry on cause Granny really matters


Donnerstag, Januar 29, 2026

Die neun Leben des Dr. Josef Ratzenböck

Drehbuch für einen Smash Hit im Land der MOÖglichkeiten

Deadlines inspirieren mich, vielleicht geht sich ja noch was für den Oscar aus. Beim Prokrastinieren für diesen Lesebühnen-Text bin ich auf die Idee verfallen, alte Familiendias zu sichten – derzeit posten ja alle Fotos aus dem Jahr 2016, wo noch alles gut gewesen sein soll. Ihr Narren! 1986 hätten wir richtig abbiegen können! Die Sowjets wegen Tschernobyl aus dem Buch der Geschichte streichen, die USA wegen Endes des Kalten Krieges auf ihr Staatsgebiet einhegen, die Erfindung des Internets in klügere Hände legen, das Matriarchat den Völkern mit liebevoller Mütterlichkeit oktroyieren.

Ein Dia, ein buenas dias, siehe oben, zeigt eine humoristisch wertvoll gewordene Szene, die ich auf Facebook dergestalt beschrieb: „Vor 40 Jahren sollte ich dem LH Ratzenböck einen Blumenstrauß überreichen, weil er uns ein Dach auf die Volksschule Schönering gesetzt hatte. Ich geriet aber in Panik und paschte ab. Der Bürgermeister fing mich und leitete mich sanft zum Landesvater, der gütig das Gebinde aus meinen schweißnassen Händen wand. Was sind eure besten Ratzenböck-Nachrufe? Die schönste LH-Schnurre gewinnt!“

Darauf schrieb Frau Karin H., geschätzte OLW-Stammgästin: „Der Cousin meiner Mutter ist der Überzeugung, dass der Ratzenböck schon vor 20 Jahren gestorben ist, aber erst jetzt begraben wurde.“ Ich wollte daraufhin eine arge Geschichte über Balsamierungspraktiken schreiben (den Mao zum Beispiel haben sie mit Formaldehyd ja historisch belegt aufgepumpt wie einen Weinschlauch), dass das auch in OÖ in der Pathologie der Barmherzigen Schwestern versucht wurde, um den Kulturstandort neben dem luftgeselchten Pfarrer von St. Thomas am Blasenstein mit einer weiteren sehenswürdigen Mumie aufzuwerten.

Aber das Thema waren am 23. Jänner ja Katzen, und die haben neun Leben. Bester Stoff für einen actiongeladenen Episodenfilm, in dem der Ratzenböck immer wiedergeboren wird: Er stellt seine Bonusleben der guten Sache zur Verfügung. Im zweiten Leben kauft er aus einem bulgarischen Schrottzoo einen Tiger frei und macht ihn scharf, sodass er den bei Woronesch fischenden Putin anfällt und endlich aus dem Bestand der Menschheit entnimmt. Der Tiger frisst dann leider auch den Ratzenböck, sodass er schon im dritten Leben angelangt ist. Es zeigt sich, dass er mit jeder Reinkarnation ein bisschen weniger lebendig ist, womit gleich auch das Zombie- bzw. Vampir-Genre mit abgefrühstückt werden kann.

Nun schickt die NATO den Alt-LH nach Amerika, wo er den Trump und den JD Vance auch gleich mit Glykolwein final unter den Tisch säuft, unter Aufopferung seines eigenen Lebens, aber erfolgreich.

So geht es dahin, peace keeping durch robuste Einzelkämpfer-Attacken – im Nahen Osten, Iran, Sudan, Kongo, Weißrussland, Nordkorea & China: Überall werden die führenden Kriegstreiber waidgerecht vergrämt (aus dem Leben). Das müsst ihr euch jetzt selbst ausmalen, gern mit den Requisiten der 1980er als Waffen, enthauptet mit Modern Talking LPs, verätzt mit saurem Most, überdosierte Schilddrüsentabletten, stranguliert mit selbstgestrickten Zopfstirnbändern, erschlagen mit Acrylmalerei, vom Opel Kadett überfahren, vom umfallenden Wurlitzer getroffen.

Am Ende seines letzten Lebens ist von der Vitalität des LHs nicht mehr viel übrig, er lenkt seine letzten Schritte zurück an den Ausgangspunkt der Geschichte. Dort klopft er an die Tür eines Einfamilienhauses mit baubehördlich vorgeschriebenem Atomschutzbunker (jetzt voller Hofer-Wein und alter Ribiselmarmelade). „Meindl Mink“, knarzt es aus seinem zerfaserndem Kehlkopf, „i hob mein Beitrog gleist, jetzt sad's es Jungan drau.“ Er sinkt zu Boden, endlich ewige Ruhe, und die neue Herrscherin im Land der Moöglichkeiten lässt dem verdienstvollen Landesvater ein großes Requiem im Linzer Dom ausrichten. Danke, LH Ratzenböck! 

Freitag, Dezember 12, 2025

Wunschliste ans Christkindi für 2026: Ich bitte um eine gute Sterbstunde

Liebes Weihnachtswesen, hier ist wieder deine Minki! Sorry, dass ich mich immer nur zu deinem Geburtstag bei dir melde, es ist allerweil so ein Wirbel, aber ich glaube das ganze Jahr über fest an dich. Da sind wir ja Kolleginnen, denn was wäre das Kind Gottes, und was wäre eine Bundespräsidentin, wenn niemand glaubt, dass es uns gibt?! Du darfst dir auch gern was von mir wünschen, sag' einfach Bescheid, wenn ich was tun kann für dich, zum Beispiel einen Pflegeplatz für den Papa.

Auch heuer formuliere ich meine Wünsche eingedenk der Frohbotschaft des Erzengels Michael: „You can't always get what you want. But if you try sometime you'll find you get what you need!“ In der berühmten Vulgata-Übersetzung von Joki Kirschner: „Geschenke sind nicht wichtig, wenn man rechtzeitig drauf schaut, dass man sie hat, wenn man sie braucht.“ In diesem Sinne! Folgendes wünsche ich mir heuer sehnlich:

  • Eine Zeitreisemaschine, eh keine arge, sie kann aussehen wie eine Saunakabine im endlich trockenen Keller (Vergelt's Gott dafür!), und sie muss nur sechs Monate in die Vergangenheit zurückgehen, und auch nur im Winter – ich möchte einfach nur jederzeit oben im Hochsommer in meiner geliebten Wildnis des Toten Gebirges sein, und beim Hinüberschauen auf den Dachstein nasse Augerl kriegen. Ein Sommertag in meiner selbstgebauten Vergangenheit und ich wär' leistungswillig wie ein feuchter neoliberaler Traum.

  • Ich bitte innig um die Wiederschenkung meines Grundvertrauens in meine humane Mitschöpfung. Man muss ja nicht so einen Stiefel zusammenwählen. Bitte lass' die Leute wieder mehr Bücher lesen, müssen eh nicht nur die unseren hier sein. Gerne hätte ich weniger Satire in der Politik, es ist derzeit sauschwer, selbst eine zu schreiben.

  • Dann brauche ich neue Turnschuhe, ich bin zu blöd dafür, oder zu unentschlossen, vielleicht wär's gscheiter, wenn es eine leicht kommunistische Konsumwarenverknappung gäbe, also nur noch sagen wir zehn verschiedene Sorten, dann tu ich mir leichter.

  • Abschließend wünsche ich mir, dass die Wissenschaft endlich ihre Prioritäten geregelt kriegt, was soll diese oasch Rüstungsforschung, setzt euch auf eure Hosenböden und arbeitet emsigst an lebensverlängernden Maßnahmen, keinesfalls aber an der longevity durchgeknallter Nabobs wie Musk, Bezos und Zuckerberg, da vielleicht sogar bitte in die Gegenrichtung, mein Wunsch betrifft die Lebenserwartung von Hunden, die bitte exakt an jene ihrer Halterinnen angekoppelt werden möge, so schwer kann das ja nicht sein.

Das war's schon für mich! Weihnachten ist ein Fest der Liebe, da soll man nicht nur an sich selbst denken, sondern einmal an andere. Auf nationaler Ebene:

  • Unserem Bundeskanzler Stocker wünsche ich ein bissi mehr Eier, nicht im männlichen Sinne, das sind ja maximal zwei weiche, sondern Millionen taffe Fraueneier, damit er endlich in die Puschen kommt. Ich wünsch dem Buddha von Wiener Neustadt einen Neustart! Und dem Vizekanzler, dem Babler Andi, wünsch ich alles Gute, er hätt ja unlängst fast meinen Hund geküsst, drum samma Hawara, ich wünsch ihm Milliarden für ein ordentliches Kulturbudget.

  • Dem österreichischen Wahlvolk wünsche ich 2026 viele Momente der reflektierenden Einkehr, es sind nämlich keine Wahlen weit und breit, da müsst ihr euch nicht deppert aufganserln lassen.

  • Harald Mahrer wünsche ich einen guten Übergang in seinen nächsten Karriereabschnitt. Möge ihm Potpourri an neuen Aufgabenfeldern blühen, eine AMS-Abteilung nur für ihn. Er kann sich eine Stelle aussuchen oder gleich alle übernehmen, also: Liftwart in Kirchschlag, Behindertenbetreuer in Hartheim, Tierheimputzmann, Image-Restaurator der SOS-Kinderdörfer, Bardienst im Strandgut, der Bundespräsidentin den Keller ausweißigen, Koordinator des Science-Hubs für Zeitreisebüros und Dog Longevity – halt einfach einmal eine echte, ehrliche Arbeit, die Gutes bewirkt!

  • Den Verantwortlichen der Rodung des Bergschlössl- und der Ziegeleistraßenparks zugunsten des Westrings wünsche ich, dass sie postmortem in einem ewigen Kreislauf an Autobahnzubringerkreisverkehren sich verheddern und erst wieder herausfinden, wenn die Hölle sich mit Eis bedeckt.

  • Allen Herren, die im Gendern eine Verhunzung der Deutschen Sprache sehen, wünsche ich per sofort den Paygap ihrer eigenen Gattinnen an den Hals. Plus eine verpflichtende Nachschulung im Fach angewandte Diachrone Linguistik im Ausmaß von vier Semestern.

  • Allen Herren, die mir mit ihren blöden Premiumfahrzeugen den Vorrang nehmen, obwohl hinter mir kein anderes Auto ist und die mich dann ausbremsen, weil sie drei Meter weiter abbiegen, diesen Linksabbiegenazis wünsche ich einen erweiterten Sachkundenachweis, weil sie ein Listenauto fahren und insgesamt dass sie sich 2026 viele Papierschnitte und Fieberblasen holen.

Damit sind wir schon auf der globalen Ebene:

  • Allen Despoten, Tyrannen, Faschisten, Demokratiefeinden wünsche ich herzlich eine gute Sterbstunde. Davor viele Papierschnitte und Fieberblasen. Ich wünsche Trump, dass er viel in Hundekot steigt und erst draufkommt, wenn er schon quer über den sauteuren Seidenteppich im Ballroom gelatscht ist, und ich wünsche ihm 2026 die Rache der Journalistik, #epsteinfiles. Ich wünsche Putin, dass ihm kein Hund mehr zugeht, kein liebes Tier lässt sich jemals wieder von ihm streicheln, nie mehr wieder ein warmer Blick aus treuen Augen, und ich wünsche ihm einen nächtlichen Schlaganfall, seine Adlaten fragen sich in der Früh, nanu, wo bleibt der Chef denn, sonst ist er um 5 schon in der Höh, aber ich trau mich nicht nachschauen, sonst ist er ement grantig und schickt uns an die Front! 72 Tage später folgt Putin seinem großen Vorbild Stalin, Tod wegen unterlassener Hilfeleistung.

  • Ich wünsche allen Patriarchen dieser Welt ein Jahr als Frau, den Taliban zuhause, Trump in Somalia; alle haben Cellulite und Endometriose, dazu eine super-übergriffige Chefin und einen Mann, der viel fremdgeht und bei jeder Gelegenheit erklärt, dass Gendern die deutsche Sprache verhunze.

  • Der Hamas, den aggressiven Siedlern, den „Konfliktparteien im Sudan“ etc. wünsche ich, dass es sie beim Niesen in tausend Fetzerl zerreißt und sie keine Hände mehr haben, um sich aufzuheben.

  • Hier noch der Vorjahreswitz, der ist noch pfenninggut: Viktor Orban wünsche ich, dass er weiter so rasant verbladet, dass ihn sein sinnloser Populismus weiter so aufdunsen lässt wie ein totes Pferd am Ufer des Balatonsees (Bladatonsee, haha).

Jetzt aber Schluss und Liebe! Ich wünsche euch allen drei Kilo Gewichtstsunami, viel Liebe, auch körperlicher Art, und brave Christkindl! Ausschließlich hier bin ich Befürworterin der Kinderarbeit.

Ab 1. Jänner 2026 gilt dann die neue digitale Autobahnvignette, in Trafiken gibt’s noch die zum Picken, wer's nicht anders haben mag, sie ist feuerrot, und weiterhin gilt das Matriarchat, auch das lodert feuerrot und insgesamt ist es golden.

Montag, November 24, 2025

Die neue oberösterreichische Hausordnung

Das kleine 1x1 des Zusammenlebens

Vergangene Woche hat die oö. Landesregierung eine „Hausordnung“ präsentiert. Jetzt bin ich nicht die hellste Kerze auf der Torte der Arithmetik – aber ist 1x1 nicht trotzdem nur eins, und ist das nicht die niedrigste einstellige Zahl? Also irgendwie der klitzekleinste gemeinsame Nenner, sprich: sehr wenig? Egal. Wichtiger ist, dass sich das nur Männer ausgedacht haben, also gilt das für die auch. Für alle anderen gelten WEITERHIN die unsere gemeinsamen Regeln und Werte, die ich mit Liebe und Sorgfalt hier aufnotiert habe. 

1. Jeder Mensch hat Würde und verdient Respekt, auch wenn er oder sie beschließt, darauf keinen Wert zu legen und bei Kulturveranstaltungen z.B. „La Montanara“ zu singen, ohne es zu können und mit Schnupfen, oder wenn die Person schiache Ballkleider aus den 80ern anziehen mag. Oder selbstironische Witze macht, was trotzdem streng verbietet, der Person gegenüber auch frech zu werden.

2. Bitte schnäuzt euch! Das Geräusch ist einfach nicht auszuhalten!!!!

3. Wir sprechen hier Deutsch! (Bzw. „Deutsch“) Schnäuzen also bitte mit Ä schreiben, denn es leitet sich von der Schnauze ab. Wir in OÖ gendern, das ist gelebter Brauch, es heißt nicht umsonst Muttersprache. Männer sind zwecks besserer Verständlichkeit mitgemeint.

4. Hunde sind respektvoll zu behandeln und dürfen gerne vor deren Halter*innen begrüßt werden. Wir lieben die Hunde so wia a Kindal sei Muata.

5. Das arschlingse Buserieren im Straßenverkehr ist verboten, insbesondere für SUVs bzw. Audi-, BMW-Fahrer etc. Listenautolenker müssen generell eine erweiterte Alltagstauchlichkeitsprüfung zusätzlich zum Sachkundenachweis ablegen, wenn ihr Kraftfahrzeug die Schulterhöhe von 1m übersteigt.

6. Das Laufen auf den Gängen ist verboten, im Gebäude sind Hausschuhe zu tragen.

7. Männer sind nach Kräften den anderen Geschlechtern gleichzustellen, das Matriarchat ist für alle da!

8. OÖ hat Platz für alle Religionen, wenn sie still im Ausmaß eines privaten Hobbys betrieben werden und nicht nerven, also ca. wie Modelleisenbahnbau, Goldhaubenstickerei oder Hinterglasmalerei.

9. Beim Tarock werden nur Spatz und Uhu angesagt, alles andere ist gottloser Unfug. Kommt die Trui gemeinsam zum Liegen, sticht der Pagat, eh klar.

10. Fleischereifacherzeugnisse dürfen nicht mehr irreführend als Bradl oder Wiaschtl bezeichnet werden, sondern als „Der Sau aus dem toten Nacken gefletschtes Fleisch“ bzw. „in seine eigenen Eingeweide gestopfte Kadaverreste“.

11. Respektspersonen wie etwa die Bundespräsidentin sind in OÖ Schulen mit einem schmeichelhaften Bild in den Klassenzimmern zu repräsentieren und höflich zu grüßen, gerne auch Nackenmassagen anbieten und ihren Hund sowie ihren Regierungsstil loben, das ist nicht cheesy, gutes Bier kredenzen – hier ist Regionalsnobismus angezeigt, da unsere heimischen Brauereiprodukte wahrhaft die besseren sind; Zipfer aber höchstens frisch gezapft.

12. Es gibt in OÖ immer noch diese Probleme mit dem Stadtbild, also Menschen, die extrem gschissn aus der Wäsche schauen, etwa nur um ein Beispiel zu nennen Herrn G. aus Wels, Schillerstraße 1/3, der mich zu Fleiß immer so grämlich anschaut, dass seine Mundwinkel über den Unterkiefer herunterhängen, keine Ahnung, was der gegen mich hat!

13. Bitte passt's besser beim Mülltrennen auf, das ist doch echt nicht schwer, jetzt darf man sowieso fast alles in den Gelben Sack schmeißen, Gmundner Keramik im Großgebinde zum Bauschutt, Lederhosen zur Carla, VOEST-Stahl zum Altmetall, die Handflächen zueinander, noch einmal, schneller, ja, so wird ein Applaus draus! (Letzteres schriftlich bissi doof, aber man kann ja auch einmal privat alleine klatschen).


Mittwoch, Oktober 29, 2025

Bird Watchlist 2026

 

On the wrong side of the 40ies wetteifern mehrere Torheiten um die Freizeit des Menschen bzw. Mannes. Gravelbikefahren, Vintagerennradrestauration, Craftbierbrauen, Baristakaffeesnobismus, Tenkara-Fliegenfischen. Sie eint der Drang, unfassbar viel Geld auszugeben und unfassbar viel darüber erzählen zu wollen. Noch am sympathischsten ist das Birdwatching, also das Vogel-Spechteln. „Schau, ein Wintergoldhähnchen im Prachtkleid!“ „Oh, die Birkhenne kirrt den Hahn in ihre Huderpfanne!“ Diese gefiederten Freunde möchte ich 2026 watchen:

1. Dodo, Greif, Roch oder Phönix (das wär' ein Hallo am Birder-Stammtisch!)

2. Den zahmen Spatzen, der täglich zur gleichen Zeit auf die Hand meines Wahl-Großvaters flog und sich füttern ließ

3. Die Rückkehr der Feldlerchenpopulation vor dem Beginn der industriellen Landwirtschaft

4. Den Sturzflug des PatriArchaeopterix

5. Die Gans Martin aus Nils Holgersson, skandinavischer Sympathieträger

6. Jürgen Vogel, ist vielleicht ein guter Typ

7. Dschungelzwergfischer (auf "Iratebirds" als weltschönster Vogel gerankt)

8. Haubenmeise (ein Vogel wie ich, mit Mittagsschlaffrisur)

9. Der Steinadler auf dem Gipfel des Bruderkogels am Grundlsee

4. Papageno und Papagena bzw. sämtliche Vogelfänger des Salzkammergutes, denen ich in einem amtlichen Normverdeutlichungsgespräch darlege, dass man die armen Vogerl bitte nicht mit einer Leimrute fesselt und sie dann den ganzen Winter in sein Stinkestübchen sperrt, während man selbst in Thailand überwintert, nur zur Gaudi, wenn die Vögel frei über die Wälder des Toten Gebirges fliegen könnten, wenn sie schon bei uns bleiben, weil das ist eine Standorttreue, die ihnen wir garstigen Menschen einmal nachmachen sollten, scheiß auf dein deppertes Brauchtum, aber echt.

Dienstag, Oktober 07, 2025

Der Pilznarr. Gerechtigkeit für Schönering

Als mich der Sprecher der Akademie an diesem Oktoberdonnerstag anrief, um mir den Nobelpreis für Literatur zuzusprechen, ließ ich den Hammer fallen. Nun sind sie völlig verrückt geworden, dachte ich, damit ist der Preis endgültig ruiniert. Ich brachte nur ein wortloses Gurgeln heraus, das man in Stockholm für ein Zeichen der Rührung hielt.

Ich stieg benommen vom Dach meines Baumhauses, das in seinem siebten Jahr wieder angefangen hatte, mein Bett zu nässen; ein schwerer Landregen hatte die größte Leistung meiner Dichtkunst zunichte gemacht. Alles ließ ich nun liegen und stehen, die Planen, die Dachpappe, die Dichtmasse. Vor dem Gartentor hatte sich bereits eine gewaltige Pressetraube gebildet, die Fotografen hielten eifrig auf meinen Hund, der schon wieder in den Vorgarten schiss, obwohl ich doch in der Früh mit ihm äußerln gewesen war. Ich hielt inne, dachte über das kostbare Wort „äußerln“ nach, ist nicht alles Sprechen ein Versuch, das Innere zu äußerln, da schrien mich die Journalisten gierig an, sie forderten Reaktionen und Reaktionen von mir, keiner von ihnen rief mir entgegen, dass er schon ein Buch von mir gelesen habe. Gut, beide sind vergriffen, aber dafür hatte das Dach drei Jahre lang dicht gehalten.

Ich bin nicht hier für des Hundes Scheißdreck!“ rief ich. Im Zustand äußerster Entfremdung lief ich ins Haus, sperrte die Tür zu und wählte mit zitternden Fingern die Nummer des einzigen Menschen, der wusste, wie es mir jetzt ging. Doch Peter Handke hob nicht ab, typisch für diesen Bewohner des Elfenbeinturms in der Niemandsbucht! Er genoss das Exil, das ich ihm damals empfohlen hatte, zwecks Reparatur seines Images. „Zieh auch nach Schönering!“, sagte ich ihm nach seinem Auftritt als Gast bei der Lesebühne, „zieh in mein Dorf, keine Sau interessiert sich dort für seine Dichter! Einmal im Jahr, Peter, lese ich im Pfarrheim für die Senioren, alle fünf Jahre zum Frauentag für die SPÖ-Damen, das war's! Eine heilige Ruhe!“ Tatsächlich konnte sich Handke der Öffentlichkeit hier, am Ostrand des Eferdinger Beckens, in unsere Oase der Poesielosigkeit retten. Ja, es war eine Rettung, seit zwei Jahren lebt er wunschlos glücklich in einem Vierkanter und sucht den lieben langen Tag Vogelfedern und Tintenröhrlinge im Kürnbergerwald. Will dem scheinbar verwirrten Großliteraten ein freundlicher Jogger den Weg zurück durch die Borkenkäferschneisen zeigen, sagt Handke „Ich komme Edramsberg her, von Schönering, von Wilhering“, und alles ist gut. 

 

Verlassen wie ein Kind im Grenzland lief ich durchs Haus, und leider, leider verfiel ich auf die Idee, ins Internet zu schauen. Keine Stunde war mein Nobelpreis alt, schon wurde meine gesamte Vita an die Öffentlichkeit gezerrt wie eine Picknickdecke, an der ein Rudel Paviane reißt. Mein Deutschlehrer erzählte lachend von meinem Faible für Guns N' Roses samt Fransenlederjacke, und dass meine Aufsätze damals eher lieb als gut gewesen seien; meine Schwester gab bei Barbara Stöckl preis, dass ich mir als Kind über Nacht ein Plastikdraculagebiss um 5 Schilling in den Mund gesteckt habe, um meinen Überbiss zu korrigieren. Auf ORF 3 machten sich Daniela Strigl und Klaus Nüchtern über die Rechtschreibfehler in der „Sau“ lustig, Nüchtern erzählte, dass ich zur Not auch Stiegl trinke. Und in der Mittags-ZiB plauderte Christian Wehrschütz über meine Freundschaft mit Kim Jong Un, Fotos von einem Begräbnis wurden eingeblendet. Ich geriet in Zorn, die Verwandtschaft kann man sich halt nicht aussuchen!

Da läutete es Sturm an der Tür, ich riss sie auf und sah Landeshauptmann Stelzer auf der Dacke, neben ihm strahlte Bürgermeister Mario Mühlböck. Sie klopften mir links und rechts auf die Schulter, der „Ortskaiser“ überreichte mir ein Bild vom Stift Wilhering, der „Landesvater“ eine Pfeffermühle aus Leondinger Fichtenholz. Da senkte sich mein Blutdruck, und ich richtete das Wort an die beiden. „Ich fühle mich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich!“ Wir umarmten einander.

So sah ich nicht, wie die Pressetraube heranwanzte. Jemand tippte mir auf die Schulter. Armin Wolf! „Frau Meindl, Peter Handke sagt über Sie, dass zwar ihre Literatur großartig sei, aber Ihre Dichtkunst nicht, denn es regne schon wieder in Ihr Baumhaus!“ Ich war wie vom Blitz getroffen. „Verschwinden Sie!“, schrie ich, „und stellen Sie mir nicht solche Fragen! Ich stamme von Handwerkern ab, von Wegmachern, von Schneidern her! Von keinem Menschen hör' ich, dass er sagt, der Rasen ist aber schön geschnitten, und wie der Zuckerhut in Ihrem Hochbeet gedeiht, alle fragen nur wie Sie!“

Ich schlug, das muss ich zugeben, dem frechen Wolf mit der Pfeffermühle ein bisschen auf den Kopf, dann zog ich Stelzer und Mühlböck in mein Haus und sperrte die Weltpresse aus. Um unsere Stimmung zu reparieren, bot ich den Gästen selbstgebackene Hanfkekse an. Bald lagen wir kichernd auf der Soff, der Hund eingerollt und furzend zu unseren Füßen, und am Ende wurde es doch noch ein gemütlicher Nachmittag. Dem Handke, diesem geschwätzigen Arschloch, habe ich seither nie mehr beim Winterreifenwechseln geholfen.

Mittwoch, Oktober 01, 2025

Widerliches Wissen, Freiheit in Deutschlandsberg und seltsame Haustierrassen. Das Leben in der Gruppe 47

Lebenskrimskrams im September 2025

1.9. 

 

Ein Vorteil des Alterns ist die aus Erfahrung gekelterte Vernunft, dass am Ende des Sommers erst eigentlich die schönste Wanderzeit beginnt und ich noch nicht traurig sein muss, dafür ist dann im November Zeit genug. (Zwischen Mitte August und 1. September die übliche Anpassungsstörung, so wie das Kindergartenkind in der Volksschule) Die Badesaison wird heuer aber als die schlechteste in meine Annalen eingehen.

Diesen Tag habe ich mir selbst gerettet, indem ich statt eines Meetings über das Sigistal auf den Grubstein gestiegen bin.

Wie lieb mich der Hund jetzt immer lobt, wenn ich an einer Stelle länger brauche.

You do have a pleasant life“, lobt mich Elaine, als wir uns abends an der Stiege treffen.

2.9.

Hadern mit der Wiederkehr der Termine (igitt!). Alle wollen alles persönlich besprechen. Immerhin pausiert in diesen Zeiten die Neurose, ob mich die Leute eh mögen.

Und wenigstens ist es draußen schiach, und der Installateur hat gar nicht gebohrt (es ist eh so auch teuer genug). Während er werkt, schimpft er „auf de Leit“. „Waun auf d'Nochd fünfe zaumsitzn, is's ma scho zvü!“ Dann geht es mit mir durch und ich teile ihm mit, dass ich soeben den KUNSTFÖRDERPREIS der Stadt Linz gewonnen habe. „Ma, do bin i a Banause, i hob nua mehr s'Fischn im Schel, ois aundare intrisiert mi nimma.“

3.9.

Katrin ohne H, die extra wegen der Ars und eines Ö-Slam-Filmchens zu mir nach OÖ kommen möchte, wird auch ganz wunderlich, als wir uns am Telefon ausmalen, wie schön es wäre, so richtig, richtig viel Geld zu verteilen. „Und die Leute kriegen Honoraaaaaare!!“ „Irre“, sage ich. 

***

In Schnarrenberg steht angeblich eine Skulptur namens „Steinerne Vagina“, in der ein dicker amerikanischer Tourist steckengeblieben sein soll. Vielleicht wollte er ein intensives Rebirthing inszenieren. Während ich das lese, gibt die Lidl-Baustelle in Wels beeindruckende Industrial-Noise-Schnarr-Klänge von sich. Wenn man das zusammenschneidet mit der Errichtung der Steinvulva und einer Betonmauer, hat man einen zeitbasierten Arthouse-Hit.

4.9.

Beim Romanschreiben bin ich halbwegs im Plan (ich war sehr moderat, weniger als 2000 Zeichen pro Tag bis Weihnachten), aber es fühlt sich an wie eine prekär dahinpritschelnde Ölquelle lang nach dem Peak Oil. Immerhin ist mir bewusst geworden, dass ich zwecks Recherche ja alle meine 8000er-Bücher wieder lesen darf, nein: muss.

***

Linz ist wie jedes Jahr während des Ars Electronica Festival nicht wiederzuerkennen - im Guten. Dass Menschen aus der Ferne und aus der Zukunft zu uns kommen wollen, rührt mich alljährlich.

Heuer bin ich als „President of Austria“ involviert, ich soll die Tech-Bros rauswerfen. Es ist alles recht improvisiert, was mir recht ist. Aber ob's der Kunst und der Gesellschaft dient? (Das Foto hat der gute Andreas Kolb gemacht, größter AEC-Enthusiast der Stadt:)

 

Vorher werde ich für das Projekt „Digital Shadows“ aus dem Schwarm der Teilnehmenden gefischt. Meine Knie werden vermessen, dann sitze ich mir selbst gegenüber, quasi als perfect match, was aber nur befremdlich ist. Mit sich selbst als Avatar direkt ins Uncanny Valley! 

***

Max Goldt immer toll, auch wenn er sich dieses Mal ein wenig zu viel und mit zu wenig Mehrwert am Zeitgeist abarbeiten will. Er hat nicht unrecht, aber gibt’s nicht viel ergiebigere Kolumnenthemen? Grasen das nicht der Liessman und der Hallervorden ab wie gierige Ziegen?

Gelernt: „Pasquillant“, eine Unterart der Satire, die sich an einer prominenten Person abarbeitet. Bei mir also André Heller, die Landeshauptleute und Luis de Funès.

5.9.

Köglberger, den ich in einer ganz anderen Sache anrufen muss, dementiert, dass ich das Kunstförderstip nur bekommen habe, weil ich so nett sei („Auch, aber nicht nur“).

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Mein Drang nach öffentlicher Meinungskundgabe als Privatperson schwindet wie die Gletscher. Vielleicht liegt's an der gesellschaftlichen Klimaerhitzung. Ich kriege ja schon für meine selbstironischen Alltagspostings so viele törichte Ratschläge und Belehrungen. Als Präsidentin geht’s dann wieder, da profitiere ich von der österreichischen Hofknicks-Mentalität.

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Ich muss mehr mit den richtigen Menschen abhängen. Katrin ohne H etwa, die ganz begeistert angesichts der Skiberge im eigenen Garten ist, und später über Finis Schnaufen in meinem Ö-Slam-Regelerklärvideo. 

 

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Dass sich dann an diesem Tag alles ausgeht und ich um 18:30 Uhr im Zug sitze, ist ein gnädiges Kleinwunder. Ich sitze da, regennass, nach Luft ringend – und im Frack. Die Leute im Abteil nehmen mich gar nicht wahr. Daheim wartet Buttinger mit Bier und Brot.

6.9.

W8-Klausur am Stoßbach. Im Waldhaus hängt ein Gewehr an der Wand, daneben auf dem Regel steht der „Ulysses“. 

Auch dieser Tag verdient das Label "Mit den richtigen Leuten abhängen". 

 

7.9.

Sämtliche Nachbarinnen sagen S., wie tüchtig sie sei, weil sie an einem Sonntag den Kirschlorbeer schneidet. Ich natürlich auch, so will's der Brauch hier. Würde ich die Beteiligten nicht kennen, ich dächte mir meinen pseudo-urbanen Teil über dieses Speckgürtelverhalten.

***

In der Boulderhalle verbringe ich jetzt mehr Zeit mit den Gewichten als an den Wänden (beides insgesamt auch immer kürzer). Bald reicht mir der Haushalt als Fitnessgerät.

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W. zeigt uns, wie man auf das Flachdach kommt. Vor lauter Aufregung übersehen wir die Mondfinsternis, die in Wels aber ohnehin nicht spektakulär ist. 

8.9.

Nun bin ich also Mitglied in der Gruppe 47 [Beim Abtippen im Februar freue ich mich richtig über diese Erkenntnis, ich habe mir selbst erfolgreich eingeredet, schon im 48. zu sein].

Mit mir feiern heute zehntausende Eltern in der Osthälfte Österreichs den Schulanfang. 

 

Man schenkt mir viel Ess- und Trinkbares, aber auch: 10 Legami-Stifte, 1 Grundlseebild, 1 Schafspelz für frierende Wölfe, 1 Gutschein fürs Restlsaufen, 1 Einhornseifenblasengerät. Fini kriegt 1 Flohhalsband, dessen Gestank sie völlig aus der Bahn wirft. 

 

Nächstes Jahr gehe ich am Geburtstag trotzdem wandern, alle wundern sich im Internet, dass ich das nicht getan habe.

9.9.

Im Traum mit einer Gruppe auf einem höheren Berg, Martin Pollack war auch dabei, in einer väterlich-beruhigenden Rolle. Heute fände ein Abend zu seinen Ehren statt, den ich spritze, weil ich geistig am Everest bin und deswegen für meine Verhältnisse wild dahinschreibe. Aber sogar der literarische Besteigungsversuch fühlt sich an wie Hybris.

***

Wachsende Blödheit, eine Schwäche für alles – heute beim Sammeln an der Donau einen zweiten, weniger ansehnlichen Stein mitgenommen, weil es mir so vorkam, als gehörten die beiden Kiesel zusammen, als seien sie schon den gesamten Weg vom Tessin hierher... ach, es ist zu dumm.

Sonst aber alles ok. Das Ausmisten wird immer mühsamer, auch wenn ich objektiv weiß, dass das Haus noch bummvoll ist. Aktuell miste ich den Stoß der Publikationen des „Österreichischen Buchklubs der Jugend" aus (der im April 2026 übrigens vor dem Aus steht, Schande über die Verantwortlichen!). „Heimat und die weite Welt“, ein Reader's Digest für die heranwachsende Nachkriegsgeneration. Auch darin viele Tierschicksale.

11.9.

Ich schreibe den Roman wie eine old school Everest-Besteigung, im Belagerungsstil. Wieder geht es an einen Ort, an dem ich nie war und wohl auch nie hinkomme. Zu Fleiß, ich wäre dann ja Teil des Overtourisms. Ziel ist, dass man sich nach dem Lesen ein bisschen schämt, wenn man noch nach Hallstatt oder ins Basecamp reist. Das ist aber auch ein wenig gelogen, ich war ja nach Erscheinen des Buches selbst wieder in Hallstatt. Immerhin kann ich meine Neigung zum Abenteuerbuch für das eigene Schreiben nutzen.

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Es gibt das Amt des „Grasherrn“.

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Im Black Horse Mieze und Markus angetroffen. Nur mit sehr viel Mühe das zu vielte Bier nicht getrunken, weil's noch schön gewesen wäre.  

12.9.

Neusiedl

So lange schon war ich nicht mehr im Burgenland. Es ist mir ganz recht, die ollen Erinnerungen zu überschreiben. Der See scheint aber immer noch eine gigantische Froschlacke zu sein. 

Die Burgenländer an sich sind schon liebenswert. Mir ist es fast peinlich, aus einem Bundesland ohne so etwas wie „Volksgruppen“ zu kommen. Brettl spricht über rassistische Inszenierung der Roma und Sinti, Invancsics über ihren rassistischen kroatischen Onkel.

Der liebe und sehr lustige Perschy erzählt sehr lieb und lustig über allerlei Namen. Er kennt eine, die sich in den 70ern vom damals faden „Katharina“ in das angesagte „Karin“ umbenennen ließ, in den 80ern eine, die sich von „Karin“ auf „Katharina“ umentschied. Es war aber nicht dieselbe Person.

Sein Onkel hatte einen Ged, der sich für ihn – abgeleitet vom polnischen Nationalheiligen – den Namen „Hyazinth“ wünschte. Da der Säugling einen eher schwächlichen Eindruck machte und die Eltern befürchteten, dass er nicht sehr alt werde, gaben sie dem kuriosen Wunsch nach, um dem Onkel eine Freude zu machen. Diese währte dann recht lange. „Zintl“ wurde Leiter der Wasserwerke, und als der zuständige Bezirksvorsteher anlässlich seiner Pensionierung den Namen verlesen sollte, stockte er: „Perschy... HEINRICH!“

13.9.

Wieder weiß ich in der Nacht sehr lange nicht, wo ich bin.

***

Zur Tabor-Ruine. Höhenmeter machen fühlt sich im Burgenland an wie Mokka trinken in Tirol. In der Ferne glänzt die Froschlacke silbern im Schilfpelz. Ich beschließe, hinzugehen, so weit kann das ja nicht sein. 12.000 Schritte später stehe ich vor einem Gitter, das zumindest einen kleinen Blick auf den See gewährt. Kein Zentimeter Ufer ist gratis zu betreten. Leicht adriatische Ferienanmutung, dort kommt man auch nirgends einfach so an den Strand. Immerhin ist der Vogelreichtum des Háncsag zu erahnen. 

 

***

Sanja Abramović nimmt mich sehr für sich ein, am liebsten möchte ich nur noch von ihr bei Lesungen begleitet werden. Sie habe sich beim Vorbereiten im Blog festgelesen, wobei sie beim Lesen über meine Prokrastination selbst prokrastinierte. Wie lieb ist das denn, alles erreicht!

Welchen chinesischen Ort würdest du in Oberösterreich kopieren wollen?“ „Chengdu, das ist eh die Partnerstadt von Linz, die passt flächenmäßig exakt auf OÖ drauf.“

Sehr, sehr einnehmend auch Ana Marwan, ich verliebe mich in ihr „Sei Erich“, das absurderweise kein Bestseller ist, sondern in einer vergriffenen Mini-Auflage erschienen ist. Erich heißt in der Realität Ivo und hat honigfarbene Pfoten. Es geht in den Gedichten u.a. um das Ende einer bedingungslosen Liebe, weil der besungene Hund sich in einem verwesenden Feldhasen gewälzt hat. Später plaudere ich mit ihrem Mann, nach drei Sätzen frage ich ihn, warum er genauso klinge wie ich – weil er aus Ottensheim stammt, fast mein Jahrgang ist und alle meine Ottensheimer kennt. Wie er denn heiße? „Marwan.“ „Ja, aber dein Mädchenname.“ „Eh! Ana heißt Flay.“ Ich entwickle immer stärker einen Jugo-Akzent-Fimmel, für den ich mich nicht sehr schäme (ein bisschen schon, es ist vielleicht positiver Rassismus).

Clemens Berger hat sich in den ziemlich genau 10 Jahren, in denen ich ihn nicht gesehen habe, keinen Deut verändert, als habe er in einer Kryokammer überwintert.

Sofort möchte man von Ljuba Arnautović adoptiert werden. Sie hat soeben einen Enkelsohn bekommen, dessen Vater Italiener ist. Das Kind heißt „Rio Boschi“. Wie soll aus dem nichts werden!

14.9. 

 

Wieder nur durch härteste Disziplin nicht ertrunken, was in Anbetracht all der offenen Weißweinflaschen wirklich eine Leistung war (für die ich eh kein Lob erwarte, ich danke es mir heute Morgen ja selbst).

Mit den extrem überfüllten ÖBB heimfahren ist ein arger Kontrast, aber egal, es kann ja nicht immer so schön weitergehen.

***

Zum Vollständigen Niedergang schauen wir „John Wick 4“ - ein Gemetzel, über das man schon nur noch lachen kann (wenn ich nicht die Hälfte verschlafen würde). Als sehr schönen Kontrast zum Morden streichelt mich der Buttinger, wahrscheinlich freut er sich, mich wieder da zu haben (same here). Die Dialoge im Film sind in ihrer Pathetik nur noch doof.

15.9.

Im Irrglauben eines Formtiefs 12 Stunden übers Kolmkar zum Grieskar. Wahrscheinlich wäre es über die schwach verzeichnete Abkürzung hinüber zum Rabenstein kürzer gewesen, aber heute hat mich der Mut verlassen. Das Auf- und Ab in den Latschengassen verlangt mir eine Zuversicht ab, die ich nicht immer schaffe, auch wenn genug Kraft in den Beinen ist. Es kostet geistige Spannkraft, sich auf die Markierungen der Vorgänger und die eigene Orientierungsfähigkeit zu verlassen. 

 

Fini lobt mich heute wieder oft. Nur beim Urban-Band ins Tal hinunter mag sie nicht in meine Arme hüpfen, lieber überspringt sie es mit einem gewaltigen Satz in den prekären Schotter. Dieses Tier zeigt mir, wie man sich in den Bergen bewegen kann.

Das gellende Pfeifen der Murmeltiere, die herabschauende Gams, die Brunft der Hirsche in der Dämmerung. Es ist mulmig und schön zugleich in der Finsternis.

Ein großer und sehr langer Tag.

16.9.

Würde es die Immobilienkrise nicht lindern, wenn man all die musealen Dichterwohnungen an arme, sehr ordentliche Literat*innen vermietete?

***

Eine Krähe hoppst so nahe an das Auto heran, dass es suizidal wirkt, dann erst gneiße ich, dass der schlaue Kollege eine Nuss exakt so platziert hat, dass ich sie ihr mit dem Reifen knacken kann.

17.9.

Bei der kommenden Lesebühne lege ich es darauf an, einmal öffentlich hemmungslos zu heulen, also „Da Summa is ummi“ mehrstimmig, ein Nachruf auf Robert Redford am Dreibrüdersee etc. Die Ideen sind eh schon lange da, schreiben tu' ich alles natürlich schnell am letzten Vormittag. (Dabei trotzdem das Gefühl, nicht genug gearbeitet zu haben).

***

Verstärkter Bartwuchs. Will der Körper ein Mann werden oder einfach nur keine Frau mehr sein?

***

Nach meinen Beobachtungen öffnet die Nachbarin täglich zur selben Stunde ihre Haustür, um performativ zu saugen.

***

Auf meine Anfrage, ob Kreisky nicht im Schl8hof spielen wollen, hängt Franz das PS an, dass sie jetzt extra wegen mir „Selbe Stadt, anderer Planet“ wieder auf die Setlist genommen haben. Das freut mich mindestens so wie die guten Menschen nach der Waschküche mir ungefragt die liebvoll eingepackten Restln auf den Tisch stellen.

18.9.

Heute wäre sehr viel zu schreiben und zu arbeiten und zu tun und zu besuchen, aber man ahnt schon: stattdessen Rasenmähen, Wäschewaschen, Laubrechen, Tändeln.

19.9.

Stress wegen gestern. Aber der Fasthuber schreibt aus Wien, dass er heute drei Interviews mit Leuten geführt habe, von denen zwei mich grüßen lassen (Kreisky, Waldeck – nur Mabo kennt mich noch nicht).

***

Fünfviertelstunden Fahrt nach Schärding, um vor sieben Menschen zu lesen, dann fünfviertel Stunden wieder heim, um vor 50 Leuten zu lesen. Insgesamt also gar nicht schlecht.

Während der Fahrt möchte ich mir all die schönen Ortsnamen aufschreiben, was ich hier unvollständig nachhole: Ort neben der Straß, Parz an der Ölstampf, Guselhub.

In Schärding erzähle ich ein wenig von den globalen Verwerfungen, die ein erstarkendes China mit sich bringt, gibt’s Fragen? Ja, meine Kinder waren noch so viel in der Natur, das kennen die Jungen heutzutage gar nimmer! (Kurzfassung der Ausführung).

Lesebühne mit dem fantastischen jopa jotakin: 

 

Der Decker hat Geburtstag, schenkt uns aber was, nämlich seine Fotos und etwas für die Verlosung: „Lolita singt Kinderlieder“, ich nehme es mit nach Hause, weil ich dumm bin. Die Tombola des Grauens – das Temu von Linz! (Im Ö1-Mittagsjournal bezeichnet eine Handelsexpertin die Exportwut Chinas übrigens inhaltlich als „Gewölle“). Es ist ein absurder Anblick, wenn ich das Publikum bitte, alle Gewinne in die Höhe zu halten. Fast zu viele sind gekommen, aber die Kategorie gibt’s in der Literatur eigentlich nicht.

Wir haben alle sehr große Gefühle, ich zumindest. Immerhin ging es ja auch um Melancholie, der zwei Drittel des Ensembles viel abgewinnen können. Buttinger hingegen weint bereitwillig, wenn es sein muss, kann aber unsere gepflegte Trübsal nicht nachvollziehen. Bei mir ist's eigentlich umgekehrt.

Sehr arge Ohrwürmer in der Nacht.

20.9.

Eine Hochzeit auf dem Lande. Nach dem Gehetze gestern ist es eh nicht unangenehm, sich ein wenig zu langweilen. (Nie vergeht die Zeit langsamer als bei großen Familienfesten).

Buttinger arbeitet daran, der weirde Onkel der Sippe zu werden. Wir sitzen in einer ehemaligen Kalkmühle und kommentieren die Trauung wie Waldorf & Stettler.

Bei „Time of my Life“ zwei Damen in die Höhe gestemmt. Es wird aber nicht leichter. „Tante Minki, jetzt hob i dei Hebebühne ned gseng!“ klagt Ch.

Rund um die finale Feierlocation leben seltene und seltsame Haustierrassen.

 

Rainer erzählt, dass sie in Berlin vor einiger Zeit um kein Geld ein paar Schienen Dias gekauft haben und mit fremden Bildern einen Projektionsabend veranstaltet haben. „Bissl hat mir eine Rauferei unter Freunden gefehlt“, sagt er am Ende, leicht beschwipst.

21.9.

In der Früh tut der Hund so, als habe sie getrunken, gerauft und getanzt, ich muss sie fast aus der Wohnung tragen. Auf der Straße lahmt sie richtig, also drehe ich um und bringe das arme Tier zurück in de Wohnung, in der die Buttingerbrüder noch büseln, weil sie getrunken und getanzt haben. 

 

Dann ins Almtal und ins Nesseltal, dort – weil ohne Hund – durch die Hundsheb. Kurz vor dem Ausstieg im Kar kommen mir Wanderer entgegen, die sagen, sie haben im Hotel übernachtet. „Hä?“ sagt mein Gesicht, und sie erklären, dass man einen schönen Lagerplatz an der Ostseite des Rosskopfs so nenne. Ich steige in die andere Richtung, hinauf zum Kleinen Woising. Es ist ziemlich sicher, dass ich das nicht mehr wiederhole, es ist aber auch deutlich, dass ich nicht die erste bin, die den sehr steilen Hang hinaufsteigt. Oben dann endlich leichteres Gelände, aber viel zu viel davon!

Auf dem Gipfel des Großen Woisings rufe ich den Buttinger an, ob sich der Hund halbwegs erholt habe. Der lacht, das Tier rase gerade in der üblichen Wildheit der Frisbee nach. Er hingegen hinke, denn er habe sich wohl beim Rock N' Roll-Tanzen einen Muskel eingerissen.

Ohne die trickreiche Tachiniererin artet mir die Tour ziemlich aus, sodass am nächsten Tag auch ich leicht hinke. Ganz allein haben die Ohrwürmer auch mehr Macht über mich. Und immer wieder schaue ich unwillkürlich, wo denn der Hund gerade sei. 

 

Sehr späte Ankunft am Einstieg zum Grieskar, tiefe Dunkelheit am Beginn der Forstwege.

22.9.

Wegen tiefer körperlicher Müdigkeit wähle ich den Mittelweg „Admin-Scheiße“, was sich bis zum

23.9.

ziehen wird. Wieder im Irrglauben, dass ich danach ja ganz befreit in Wies zum Schreiben komme.

Immerhin ein guter Lauf bei den im Juni ausgeschickten Texten – bis auf den Willemerpreis ist alles was geworden. Bezahlt wird allerdings kaum etwas davon (Die Rampe, sfd, Kunstförderstip, OÖ-Anthologie). Der eine Text für die Rampe, an dem ich lange gearbeitet habe, ist nicht genommen worden, den „Mit 50“, in einer Stunde hingetippt, wollen sie sogar vorgelesen bekommen. Genauso hatte ich mir das in Wahrheit erhofft.

Heilige Mutter des Wortes, bitte für uns Armen in der Stunde unserer Deadline.

***

Mieze Medusa stellt sich als Stadtschreiberin ein, was alljährlich ein etwas anderes, „breiteres“ Publikum ins Boutiquehotel lockt. Markus Köhle sitzt darin, in Hörweite der rechten Kutzenberger-Adorantinnen, die verärgert aufschnattern, als wir den Bürgermeister leicht dissen. 

24.9. WIES

Je weiter ich in den Süden fahre, desto schlechter wird das Wetter. In weniger als Stunden Fahrt ist man schon an der Grenze zu Slowenien (ein großer Vorteil von Wels – man ist schnell wo anders).

Eine Kette an Durchfahrtsdörfern. 

 

Meine Unterkunft wird von einem riesigen Maremmenschutzhund bewacht, den ich nur unter Aufsicht des Halters kennenlernen darf, damit der weiße Bär meine Harmlosigkeit in seiner Schutzsoftware abspeichern kann. Übers Tor hätte ich nicht klettern dürfen, so aber wird es zur großen Liebe auf den ersten Blick. 

Der gute Pollanz vertut sich mit dem Literaturstammtisch in Deutschlandsberg um eine Stunde (sehr sympathisch, das klingt eigentlich mehr nach mir), ich biete ihm an, das Wirtshaus mit der Entschuldigung zu betreten, ich sei mit der Deutschen Bahn gekommen. Und wirklich lachen die guten Menschen. Später plaudern wir über die ganzen Gegenden. Den Südsteirern ist das Salzkammergut wurscht, wir können es haben. 

25.9.

Luna liegt am Morgen vor der Tür, es ist also wirklich Gegenseitigkeit in der Zuneigung. Oder sie erkennt meine fehlende innere Wehrhaftigkeit.

Im Dorfkern prangt vor der Fleischhauerei eine riesige blaue Freiheitsstatue, auf deren Tafel „Die Jugend ist unsere Zukunft! LH Waltraud Klasnic“ steht: 

 

Früher, so Pollanz, habe es hier zwei große Diskos gegeben, im Metropol soll einmal Herbert Grönemeyer aufgetreten sein, sagt der Pollanz, und die Lüge sei so lange hartnäckig wiederholt worden, bis er schließlich wirklich gekommen sei. Und dann auch noch Roy Black und natürlich Udo Huber.

Als er noch Lehrer gewesen sei, so Pollanz, habe sich einmal eine Mutter beschwert, „dass er immer so schlecht über den Hitler rede.“ Er wisse bis heute nicht, was er darauf hätte sagen können.

Werner Herzog habe einen Film über Zwillingsbrüder drehen wollen, die IMMER synchron sprechen.

Zwischen Stainz und Preding kursiert im Sommer der „Flascherlzug“, benannt nach den Urin-Behältnissen der Opfer des Wunderdoktors Höllerhansl, der ihnen weisgemacht hatte, aus dem Lulu Krankheiten erkennen zu können.

Zu Mittag befördern mich Pollanzens ins Fresskoma. Nach einem ausgearteten Mittagschlaf noch schnell ins Auto, zur Soboth hinauf. Es ist alles leicht mystisch hier im Grenzland. 

 

Der ebenfalls sehr freundliche Unterkunftsgeber Posch sagt, es sei hier in der Gegend alles ganz Kleine fast zu lange gefördert worden, weil der LH Krainer meinte, eine bewohnte Grenze sei eine sichere Grenze. Für unkundige Augen ist nicht erkennbar, anhand welcher Linien man sie in die Hügel geschnitten hat. 

26.9.

Weitere Babysteps in Richtung spätes Erwachsenenalter: um 7 Uhr ausgeschlafen sein (Luna hat wieder gewartet). Erleichterung über das Erreichen der Zahl an Aufträgen, die das Jahr finanzieren. In der freien Zeit nach Deutschlandsberg. Beim ÖAMTC jopa jotakin lesen (maximaler Verfremdungseffekt). Für 16 € leuchtet jetzt alles, was soll, und nicht mehr, was nicht soll. Am Tresen eine Frau, die sich selbst als „Vöcklabrucker“ bezeichnet.

Lesung, super Musik, wieder die Neurose, dass doch das viel besser sei als mein bissl aus einem Buch Vorlesen. Ich werde für ein slowenisches Radio interviewt, das wird mir auch nie mehr wieder passieren.

[Während ich das am 9.4. tippe, kommt vom Pollanz die Nachricht, dass das Buch „Schwalbenkönig und Blutgrätsche“ erschienen ist, mit dem Text, den ich bei ihm noch schnell fertig heruntergeklopft habe.]

27.9.

Als ich bald in der Früh zum Auto gehe, bin ich fast erleichtert, dass Luna noch schläft, sonst wäre mir der Abschied noch mehr ans Herz gegangen.

***

Auf Ö1 erzählt Milena Michiko Flašar von den verschwundenen Menschen in Japan, den „Hakagun“, was „von Gott versteckt“ bedeutet. Erst irgendwann fällt mir ein, dass sie ja vor zwei Jahren in Wels mit Bodo Hell hätte lesen sollen.

***

Blitzbesuch bei der geliebten B., und auch eine Alterserscheinung: „Hilfe, bei mir ist nicht zusammengeräumt!“

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Absurd, mitten Auto mitten nach Wien hineinfahren zu können, es am Stadtpark einfach stehen zu lassen, noch dazu gratis. Fast noch absurder, spätnachts damit unbehelligt querdurch heimzufahren. Bei Tag würde ich es vielleicht noch ganz gut ohne Navi schaffen, in der Nacht ein seltsames Gefühl, sich der Technologie auszuliefern.

***

Die GAV-Generalversammlung wartet mit einem historischen Entscheid auf – das PEN-Mitgliedsverbot ist abgewählt worden. Die Veteranen sind erschüttert. Bissl hätte ich erwartet, dass Josef Haslinger uns „Jungen“ nachher ein Bier zahlt, aber er verschwindet sofort nach seinem Coup.

Nach der Mittagspause frage ich alle, in welchen Abständen Regionalwahlen abzuhalten seien, worauf ich erkennen muss, seit 2021 unabsichtlich zu herrschen wie der Kim Jong Un von Linz Land.

Nach dem Abendessen gibt Christa Nebenführ mir und der sehr netten Susanne Toth Bussis, als wir ihr beide verraten, dass wir uns am Anfang ein wenig vor ihr gefürchtet haben und jetzt ihre Meinungsstärke aufrichtig schätzen. 

Wohlgestimmt nach Hause – was gut ist, denn das Autofahren hängt mir schon zum Hals heraus.

Ganz spät noch erschöpftes und glückliches Biaschtln light mit dem Buttinger. „Loss' aussa, Meindl“, sagt er nach meinem Plädoyer gegen Vokuhila-Kinderschänderfrisuren. 

28.9.

Schwere Defizite beim Klettern, was aber auch sehr egal ist. Gut ist ja, dass ich mich noch aufgerafft habe in die Vertikale. Nach zwei Wochen in der Horizontalen kann es leicht passieren, dass man es gleich gut sein lässt (mir kommt vor, ich hätte das gerade erst schon einmal geschrieben). Noch möchte ich nicht Zeugin meines Verfalls sein (also nicht so augenfällig).

***

Der dem Buttinger als teures Souvenir mitgebrachte Schilcher schmeckt, als sei er gesund, ich muss ihn allein austrinken (was ich auch tue, weil er ja gar nicht billig war). 

29.9.

Wieder im Auto. Ö1, „Vom Leben der Natur“: Fliegen erschaffen sich komplett neu aus den Stammzellen ihrer Larven, die zu einem Brei zerfallen sind. Imposant, aber auch widerlich.

In der ZEIT: Aale können beim Warten auf die Geschlechtsreife angeblich 150 Jahre alt werden (in einem schwedischen Brunnenschacht). Die Sargasso-See hat keine Küste, seine Grenzen werden durch Strömungen gebildet. Das alles habe ich eigentlich schon vor Jahren im „Evangelium der Aale“ gelesen, aber mir nichts davon gemerkt, außer dass Freud erfolglos nach den Geschlechtsteilen der Aale gesucht hat.

***

Vor lauter Freude, beim Roman den Zeitplan eingehalten zu haben, gehe ich gleich in den Garten und stutze alles. Wenn es das nächste Mal beim Schreiben hakt (UND DAS WIRD PASSIEREN), einfach mir selbst einreden, dass die Gartenarbeit jetzt absolute Priorität habe, dann treibt es mich eh automatisch wieder ins Büro, weil ich mir selbst gegenüber pubertiere. Siehe auch: Beim Rasenmähen an den Roman denken und umgekehrt.

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Der Hund der Hundetrainerin springt mich mit schlickigen Pfoten an, ich mache aufrichtig kein Aufhebens, weil mich diese Disziplinlosigkeit entlastet. 

30.9. 

 

Dank produktiv kanalisierter Prokrastination stehen auf meiner To-Do-Liste nur noch Arzttermine, und unter den Emails schauen leere Zeilen hervor. Morgen bleibt also keine Ausrede beim Schreiben (außer Meteoriteneinschlag). Der Himmel schaut heute eh schon vielversprechend in dieser Sache aus. 

***

Willkommen Österreich informiert uns über die Existenz eines Herrn Heinz Scheißerle. Coala schreibt tags darauf, dass einer ihrer Flugbegleiter den Namen „Orschi“ führt.