Lebenskrimskrams
im August 2025
1.8.
Traum,
dass der Vater dringend Hilfe beim Telefonieren braucht. Adressbuch
hat er keines, weswegen er kurzerhand einem alten Mann am Ohr Blut
abzapft, „weil der ist mit dem verwandt, und so finde ich ihn über
die DNA.“ Meine bisherige Traum-Unfähigkeit, ein
Wählscheibentelefon zu bedienen, hat einen Sprung in ie Nullerjahre
gemacht: Jetzt kann ich kein altes Handy mehr bedienen.
***
Das
alte Leben zieht schon an mir. Statt über den Sinn des Lebens denke
ich darüber nach, ob ich es mit den zwei letzten frischen Unterhosen bis zum Urlaubsende schaffe.
4.8.
Schönering
Seelische
Verkaterung nach Wiedereintritt in die Alltagsatmosphäre, wie immer
glaube ich, dass die Erholung sofort verglüht. Wenigstens ist durch
unsere dreiwöchige Absenz wieder kein Schaden entstanden. Nur den Spatzen werde ich gefehlt haben, als die garstige
Hexe, der sie die Körner fladern. Wahrscheinlich hat sich der Garten
auch ein wenig von mir erholen können, so wie ich mich von ihm. Das
Wetter hat zumindest so viel Anstand, dass es immer noch scheiße
bleibt.
Die
Brache des ehemaligen Schwimmbeckens hat sich in eine Ruderalfläche verwandelt,
die ich ohne Genehmigung des Naturschutzbundes wohl gar nicht mit
Rollrasen zupflastern dürfte. Jugendliche werden sich am Flieder
anketten, die Grünen gehen gestärkt aus dem Protest gegen mich
hervor. Wenn
es nicht aufhört zu regnen, kann ich den Garten gleich irgendwelchen
Urvölkern überlassen. Der Rasenmäher erstickt nach drei
Laufmetern.
5.8.
Der Hund und ich fremdeln noch mit der Stadt. Dabei ist es vorerst nur Wels.
6.8.
Heute
tippe ich die Phantomereignisse vom Jänner ab. Darin schreibe ich
darüber, dass ich gerade den Lebenskrimskrams vom August 2024
abtippe. Wir sind gerade vom Grundlsee heimgekommen und seelisch
verkatert.
***
„Mein
Leben mit 300 Kilo“ geht nicht mehr, seit dort nur noch Schwarze
Frauen vorgeführt werden.
Arger
Kontrast: „Die Welt von Gestern“. Jetzt begreife ich erst den
Sinn des Zweig-Films „Morgenröte“ – Zweig meint damit den
ersten Schimmer des Weltenbrandes. Sein hoher Ton passt nicht gut für
die Gegenwart, wohl aber leider die Tatsachen. Eine geschwisterlich
geeinte Welt ist eine naive Illusion angesichts der Propaganda des
Nationalismus...
Kurios:
Zweig reist gegen 1910 nach New York und langweilt sich, weil alle so
viel arbeiten und es keine Kultur gibt.
7.8.
Aktuell
esse ich täglich so viele verschiedene Sorten von Obst und Gemüse,
dass ich eigentlich ein besserer Mensch werden müsste.
***
Ich
tippe gerade ab, dass ich am 16. Februar 2024 etwas vom 18. August
2023 abgetippt habe (was ich wiederum am 25. Februar 2026 abtippe –
the circle of life!). Es ist wie ein Gruß aus der Vergangenheit an
mich selbst.
***
Coala
kommt aus Wien, auch sie bringt Gemüse. Dazu die üblichen sinnlosen
Schokokreationen, die ihr nicht so gut geschmeckt haben. Sehr langes
Schnattern im Wintergarten, ich weiß aber schon zwei Tage später
nicht mehr, worüber (wahrscheinlich Leute, und wie sie so sind).
8.8.
Wir
ermuntern uns gegenseitig zu recht eifrigem Arbeiten, trotzdem
schaffe ich es nicht langer als bis 11 Uhr, nach dem Mittagessen
kommen noch jämmerliche 24 Minuten drauf (eine Minute brauche ich,
um das auf der Uhr zu prüfen).
Scharnstein.
Barbara Rieger moderiert mit sehr viel Fürsorge. Nach der Lesung
verstricken wir uns so innig in die Klemm-Leykam-Debatte, dass ich
ganz schön rasen muss, um Bettina Baláka rechtzeitig zum Zug zu
bringen. Sie ist nachher etwas blass um die Nase, ich tue so
landlackelmäßig, dass es eh klar war, dass wir das schaffen. Noch
ein Bier mit dem Buttinger, viel zu spät ins Bett, um am nächsten
Tag viel zu früh ins Almtal zurück zu fahren.
9.8.
Es
ist ein Kampf gegen die Schwerkraft, andererseits eine große Pracht
in der Hetzau. Und H. erzählt sehr lustige Sachen, etwa vom Besuch
beim Urologen, was besonders eifrigen Radfahrern wegen der Prostata
höchst angeraten sei. Prompt sagt der Doktor auch, „goin'S, Se san
Radlfohra!“ „Huch, sehen Sie leicht was?“ „Na, nur wegen dem
Sonnenstreifen auf der Haut.“
Auf
dem Gipfel reicht er mir den Gucker, um den todbringenden Schnabel
des Kolkrabens zu ästamieren. Die Falken fliegen tolle Manöver vor
der Kulisse des Schermbergs.
Vom
Zwilling ins Auto in den Garten. Ich werde diese
Tropennächte sehr vermissen, wider jede Vernunft.
10.8.
Es
ist draußen der schönste Tag, ich bleibe derweil drinnen und
täusche vor, krank zu sein.
„Die
Welt von Gestern“: Zweig hält sich wortreich zugute, so knapp und
reduziert zu erzählen. Sehr scheiße gealtert die Passagen über die
wilden 1920er, wo die „natürlichen“ Geschlechtergrenzen aus
Trotz gegen die im 1. Weltkrieg geraubten Jahre missachtet wurden. Da
schaut man gleich genauer, wer so etwas schreibt, und siehe da, Zweig
soll laut Gerüchten Exhibitionist gewesen sein. Immerhin zeigt man
dabei ja die natürliche Herrenausstattung her.
Ansonsten
alles natürlich sehr tragisch.
11.8.
Wir
helfen W. beim langersehnten Umzug.
Kraft meines Amtes soll ich Bücherkisten packen, lauter Ratgeber für
ein starkes Ich – trotzdem mache ich die Kisten nur halb voll,
damit sie nicht zu schwer werden. Es tröstet mich ein wenig, dass
andere auch so viel Zeug besitzen. Zum Beispiel drei Sets
Tarotkarten. Der Stapel für die Tombola wächst schnell,
bis man mir lachend unterstellt, nur deswegen zu helfen.
Später treffe ich H. an der Donau und erzähle von all dem Zeug, sie ächzt – ihre
Eltern sind Messies. Die Mutter besitzt mehr als 500 Kochbücher.
12.8.
Verwunderlich,
dass es „Rümpeln“ nur negativ gibt, das Entrümpeln ist klar,
aber es kann ja nicht aus dem Nichts schöpfen; ist der Prozess des
Berümpelns zu langsam, um ihn zu benennen?
13.
- 14.8. Eine Nacht im Toten Gebirge
Nach
der Tunnelkette Klaus fällt mir ein, dass ich mich nicht erinnern
kann, Bergschuhe in den Händen gehabt zu haben. Zu Recht. Der
Auftakt einer Kette an Fehlleistungen – was aber in Kontrast zum
Abenteuer und der Schönheit steht.
Oben
im Kar steige ich auf den Höhenrücken zwischen Kraxen- und
Mitterberg. Einen schöneren Zeltplatz habe ich wohl noch nie
gefunden! Gegen den Wind baue ich emsig eine Mauer, die ganz
offensichtlich nichts bringt, außer Beschäftigung und Wärme von
innen. Es ist nicht kalt, aber die Hitze unten im Tal ist schnell
vergessen. Ein absurd schöner Sonnenuntergang mit Blick in Richtung
Grundlsee; im Cocktail-Farbverlauf mit der Sonne als kandierte
Kirsche. Zum Glück verschicke ich noch ein paar Bilder davon, denn
das Handy besitze ich ab jetzt nicht mehr lange.
In
der Perseidennacht bringe ich alle Wünsche an und fürchte mich fast
gar nicht.
***
Der
Morgen erneuert das Farben-Spektakel im Osten. Das Summen der
Schwebfliegen ist mir der liebste Wecker. In den ersten
Sonnenstrahlen hinüber zum Hebenkas, in dessen Gipfelbuch sich seit
meinem letzten Mal hier nicht viel getan hat. Ich gehe noch bis zum
Brandleck weiter, und noch auf den Hochplanberg. Von der Zeit her
grade so ok, es wird sich mit dem Wasser wohl ausgehen, aber Fini ist
in der Zwischenzeit schon recht brav.
Just
als ich im Wassertal vor der Schlüsselstelle beschließe, jetzt
nicht mehr so oft aufs Handy zu schauen, stopfe ich es so schlampig
in seine Halterung, dass es nicht lange drin bleibt. Ab jetzt liegt
es wohl in alle Ewigkeit da und verseucht die Wildnis ein wenig. Am
meisten schmerzt mich der Verlust der schönen Bilder dieser 36
Stunden – und dass sich der Buttinger wohl bald Sorgen machen wird.
Auf
der Nickeralm finde ich einen Gamsschädel, den ich mir zum Trost
behalte. Fini will ab hier getragen werden, was nur kurz klappt, weil
ich mich im Windbruch verfranse. Eine sehr stressige halbe Stunde.
Unten
auf dem Forstweg treffe ich recht bald freundliche
Dolomitensteigwanderer, die mir ihr Handy leihen. Blöderweise kann
ich nur Coalas Nummer auswendig. Und die hebt nicht ab, weil ihre
eine unbekannte Nummer aus Deutschland im Urlaub spanisch vorkommt
(was ihr nachher sehr peinlich ist).
Zuhause
esse ich vier Tage alte Pizza, was nicht einmal bei mir ein
Food-Trend wird.
15.8.
Ohne
Handy stürzt man ein Stück weit in die Jungsteinzeit zurück. Ich
putze am Feiertag das Haus, um mein Leben zumindest hier wieder in
den Griff zu kriegen. Dabei schrotte ich den Staubsauger, weil ich
vergessen habe, einen Sack hineinzuhängen. Allmählich verliere ich
das Vertrauen in mich selbst. Beim Autofahren wie auf rohen Eiern.
Ohne
Smartphone hätte ich viel mehr Zeit, wenn ich nicht dauernd allen
Bescheid geben müsste (per Computer und Buttingers Handy), dass ich
nicht erreichbar bin.
16.8.
Nach
Linz in den Handyshop. Die gepflegten Leute sind wohl alle noch im
Urlaub. Die Menschen, die mit mir durch die Stadt wanken, sind alle
nicht so richtig gewaschen und gehen etwas unsicher daher. Es kann
aber auch sehr gut sein, dass ich mich erst wieder an „Urbanität“
gewöhnen muss.
***
Zuhause
versuche ich, den PIN in mein altes Smartphone einzugeben. Jetzt ist
auch das hin, weil ich es mangels funktionierender Home-Taste nicht
wieder in Gang kriege. Das Iphone des Vaters lässt sich ohne
Kennwort nicht mehr aktivieren. Das Nokia-Dumbphone ist endgültig
entladen, für das ganz alte finde ich kein Ladekabel mehr. Dann
verscheiße ich unfassbar viel Zeit damit, das alte TomTom zu
aktualisieren und Suunto auf den PC hochzuladen.
Irgendwann
wage ich es, ins Ungewisse loszufahren – die Freundinnen schlagen das Hochkar als Treffpunkt vor. Mein Vertrauen in
das alte Navi wird belohnt, es lotst mich auf dem besten Weg durch das
Herz der Finsternis (= das scharze NÖ).
Wir schnattern so angeregt und lange, dass es knackt in den Kiefergelenken.
17.8.
Es
schifft sich so richtig ein hier im braunen Skigebiet. Hinunter muss
ich vorausfahren, weil ich als Kind des Zentralraums mit blickdichtem
Nebel umgehen kann.
Am
Lunzer See ist es zumindest trocken, und irgendwann auch wieder warm.
B. wünscht sich von mir, unser „Dirty Dancing“ für November auch
wirklich zu üben, sie wolle sich nicht blamieren. Ich verzichte
darauf, ihr zu erklären, dass es im Wesen der Sache liegt, sich zu
blamieren.
18.8.
In
der Donau gebadet, auf der Yogaplattform übernachtet, beim
Romanschreiben sämtliche Prokrastinationsregister gezogen, die ich
in jahrzehntelanger Praxis entwickelt habe (etwa die Garage kehren).
Die
Nacht unter dem Nussbaum war wieder so schön, dass es mir leidgetan
hat, keine Handykamera zu besitzen – bis mir einfiel, dass ich ja
etliche andere Kameras im Haus habe.
19.8.
Im
Zug nach Wien. Ein in die Jahre gekommenes Boomer-Ehepaar mansplaint
einander das, was sie beim Blick aus dem Fenster sehen, immer im
Mitteilungston beträchtlicher Relevanz, wie etwa, „da sind jetzt
die neuen Wohnanlagen!“ Der jeweils andere nickt. Im selben Ton
hinterlassen sie den Kindern Sprachis: „Wir fahren über Wien
Westbahnhof an die Nordsee und essen Scampi!“
***
P. sagt, er lese grundsätzlich nicht, was in seinem Verlag erscheint,
„ich bin Kaufmann!“ Mich lobt er für meine einfühlsame
Schilderung der Nordsee, „man kann den Schlick richtig riechen!“
Thomas Sautner habe er mit dem Titel „Peter Rosegger des
Waldviertels“ ziemlich gekränkt. Ich sage, er dürfe mich „Paula
Grogger des Zentralraums“ nennen. Wenn ich Mitte Februar abgebe,
„schaffst du es ins Herbstprogramm. 2028!“ Haha. Den Titel suche
ich dann wieder auf den letzten Drücker aus der Kreisky-Songliste.
[Februar 2026: Und genauso kommt es auch.]
***
Auf
dem Heldenplatz gibt es (wie zur historischen Entlastung) eine große
Hundefreilaufzone. Fini ist geflasht und für ihre Verhältnisse
höflich, vor einem frechen, schwarzen Hund kuscht sie gleich.
Das fesche Tier kommt mir bekannt vor, dann schnalle ich erst, dass es Tereza Hossa gehört. Wir schnattern zwei Stunden lang über
Kuhkastration und toxische Männlichkeit. Wie zum Beweis kommt ein
arg danebener Typ daher, der mit seinem Husky enorm auf Stress aus
ist. Hossa faked einen Polizeianruf. Dann erzählt sie mir, dass sie
irgendwo sehr gspritzte Künstlertypen neben sich sitzen hatte, „aber
dann haben sie über dich gredet, dann konnte ich sie nimmer hassen.
Der eine sagte, die hat die Figur der Kaiserin aufgebaut.“ Ich bin
mir sicher, dass sie über jemanden anderen geredet haben, freue mich
aber freilich trotzdem.
20.8.
Prokrastination, als
würde man mich dafür bezahlen. Erdäpfel geerntet, in der Hoffnung,
dass die Geister der Eltern gerade über mir schweben.
***
In
der Nacht träumt mir, ich müsse die Kubatur von Rindenmulch
ausrechnen. Zuerst bin ich ganz zuversichtlich und sage zu mir
selbst, so bald im Schuljahr habe ich noch nie begonnen, für Maths
zu lernen. Das Unterbewusstsein ist nicht sehr subtil.
21.8.
Die
Woche ohne viel Social Media endet, UPS bringt wieder Teilhabe und
Unruhe ins Haus. Ich kann aber nicht noch mehr prokrastinieren, es
macht keinen Unterschied.
***
Fledermäuse
bilden zum Einschlafen einen „Kuschelball“ (orf.at), das
Forschungsteam sei überrascht gewesen, wie sanft und kooperativ die
kleinen Raubtiere miteinander umgehen.
***
Seit
wann lese ich eigentlich an „Middlesex“ herum? Warum zieht mich
das nicht so mit wie all die andere well
made
amerikanische Weltliteratur? Vielleicht wegen des
Sommerschluss-Erlebnishamster-Drangs. Außerdem kommt die ZEIT
wieder, und zwar mit drei Sondernummern pro Woche.
Dann
bouldern. Wenn ich jetzt nicht einsteige, kann ich es gleich lassen
und in vertikale Pension gehen. Nie wieder fände ich zu der Stärke,
meine Schwäche zu ertragen.
22.8.
Körperlicher
Zerfall, um 22 Uhr ins Bett wollen, ausgewogene Ernährung. Nur die
Handysucht verbindet mich noch mit U45-Menschen.
***
Ich
bin nur freundlich zu allen, damit sie mich nicht behelligen.
***
Ob
Besitzer*innen von Rassehunden ihre Hunde immer überall
zuverlässlich wiedererkennen, in einem Rudel gleichaltriger
Labradore etwa?
***
Marco
Wanda entwickelt sich zum André Heller seiner Generation, und damit
auch zur Zielscheibe meiner billigen Abneigung. Sein Buch behandelt
er im Falter-Interview, als habe es ihm ein fader Ghostwriter oder
eine willfährige KI geschrieben und er noch keine Zeit gefunden, es
selbst zu lesen.
Ich
stelle mir vor, wie Philipp Hochmaier, Wanda, Tobias Moretti und
Andre Heller gleichzeitig eine Veranstaltung betreten. Entweder
fangen sie sofort einen extrovertierten Raufhandel an oder es hat der
Raum ein Einsehen und explodiert von allein wegen all des Charismas.
23.8.
Mir
träumt, dass Brad Pitt mitkommt zum Skifahren – George Clooney war
schon einmal mit und hat mich empfohlen. Einerseits freue ich mich
darauf, ihm zu zeigen, wie man ganz old school schöne Bogerl macht,
andererseits wird mir bewusst, dass ich dann selbst gar nicht zum
Skifahren komme vor lauter Stemmbogengeduld. Ich bleibe auf alle
Fälle cool und verkneife mir ein gemeinsames Selfie, gleichzeitig
male ich mir aus, was das auf FB für einen Bahö machen würde.
***
Wieder
große Zufriedenheit nach Erdarbeiten (Steinplatten im Garten
vergraben). Ich habe eben keinen akademischen Körper.
24.8.
Fast
übersehen, dass heute ja Sonntag ist und ich Bier trinken kann. Es
gibt außerdem etwas zu feiern, ich habe endlich „Middlesex“
geschafft. Darum liest sich jetzt alles Deutsch Geschriebene und groß
Gedruckte zack² weg. Die Anglophonen haben offensichtlich einen zu
großen Wortschatz zur Auswahl
25.8.
Einen
Lesebühnentext angefangen, in dem ich „Standing Ovulations“
bekomme. Mehr als den Kalauer habe ich aber noch nicht. Naja.
***
Ein
Tag, an dessen Ende Buttingers zu trockenes Hendl vom Chinesen schon
die grüßte Unbill ist.
26.8.
Über
den zu Recht nicht mehr begangenen „Steig“ entlang des Riegler
Ramitsch ins Glöcklkar, über den Nordgrat aufs Warscheneck und
einen nicht mehr begangenen „Steig“ vom Toten Mann zurück zur
Dümler Hütte („Hättst mi gfrogt, i hätt' das gsogt“, sagt
Harry Höll zu meiner doofen Unternehmung, auch Linsi hatte erst kurz
zuvor wegen der App dieselbe Schnapsidee).
Das
alte Paar auf dem Warscheneck trägt Rucksäcke und Windjacken aus
der Zeit, als mich der Vater zum ersten Mal mit in die Berge genommen
hat.
„Wos
is'n des fira Rass'?“
„A
Collie-Mischung.“
Sie
beugt sich zu Fini und streichelt sie. „A Collie soisd du sei? Naa.“
Dann erzählt sie von ihrem eigenen Collie, den sie leider nicht
abgerichtet habe, weswegen er sich selbst eine Arbeit suchte. Jeden
Tag habe er streng die Kühe in den Stall getrieben – allerdings
schon um 16 Uhr, das war ihm nicht mehr auszutreiben. Sperrte sie ihn
ein, weinte er. Sperrte sie die Kühe ein, brüllten sie.
Am
Gleinkersee esse ich bei der kleinen 60er-Feier alle Speisereste auf.
I. (50 Kilo) ist melancholisch. „Wenn ich mit Leuten rede, habe
ich den Eindruck, dass sie mir nicht mehr in die Augen sehen, sondern
mein Winkfleisch anglotzen!“ Wir sprechen lange über unsere
Gelenkschmerzen (was ich eh etwas voreilig finde, immerhin habe ich hart erkämpfte 2000 Höhenmeter in den Beinen). In unseren
Schultern bilden sich große Tropfsteinhöhlen voller Kalkstalagmiten
und -titen. Eine Freundin hat sich in New Orleans beim Fotografieren durch
einen kleinen Sturz vom Randstein beide Beine gebrochen. H. habe
sich die Schulter gebrochen, in einer Mulde auf einem präparierten
Skiweg.
Ich
erzähle so ungeschickt vom seltsamen Gefühl, beim Rasenmähen
manchmal mit den Füßen des Vaters zu gehen, dass I. sagt, das
sei ja wie bei „Orlocs Hände“, wo ein Mann die übergriffigen
Arme eines Mörders transplantiert bekommt.
27.8.
Die
meisten Menschen überschätzen den Unterhaltungswert ihrer
Schnurren, viele aber wissen nicht, dass sie gerade ganz nebenbei
etwas extrem Lustiges erzählen. So wie I. gestern, oder heute im
Altstoffsammelzentrum ein alter Bergfreund: Der Malamut seines
Schwiegersohnes sei x-mal auf dem Traunstein gewesen, aber nie wusste
man, auf welchem Weg. Beim Miesweg sei er immer abgehauen und habe
irgendwo oben auf dem Moaralmsteig gewartet.
***
Chinesisches
Geschirr der Mink-Dynastie aus dem Bauschutt-Container gefladert.
***
A.,
die mittlerweile weiß, was sie mir Schönes berichtet, schickt Fotos
aus London, wo sie einen Wettbewerb besucht hat, bei dem Mensch und
Hund miteinander bewertet werden, in den Kategorien Ähnlichkeit (sie
bebildert das schelmisch mit einem Bild von Chrisi und einem Mops),
Wedel-Leistung und Gutsi-Weitwurf. Damit soll sich eine gesunde
Gesellschaft beschäftigen, nicht mit Aufrüstung!
***
„Herr
und Hund“: So kann ich mit Thomas Mann umgehen. Am besten ist es,
wenn man ihn sich mit der Stimme Loriots selbst im Kopf vorliest. Der
Hühnerhund „Bauschan“ wird von den Enten am „Narrenseil seiner
Passion“ gezogen. Die Phrase gefällt dem Buttinger
außerordentlich, schon ist sie fester Bestandteil des Narrenseils
unserer Liaison.
Auch
er scheint für seinen eine eigene Nonsense-Sprache entwickelt zu
haben, siehe Seite 8. Es ist das im Übrigen kein regelbasiertes
Kommunikationssystem, sondern eine pfingstkirchliche
Eingebungs-Glossolalie, ein hundsspezifisches Liebestourette. Eine Kette
von singulären Sprechakten mit rein emotionaler Intention. Dazu bei
Gelegenheit endlich die Dissertation schreiben (muss nur einen
Uni-Menschen finden, der auch blöd ist bzw. einen Hund besitzt).
***
Mein
privater Spätsommer-Lockdown endet bald, die nächste Woche wird
durch TERMINE versaut. Es ist schlimm, aber ich geniere mich nicht
für meine Gefühle.
29.8.
Fini
erhebt sich um 8:15 Uhr von ihrem Schlafnest, um sich auf die Couch
zu legen, ohne jede Scham.
***
Sehr
gerne hätte ich einen kreativen Mitmenschen, der mir wöchentlich
wechselnde Kappen mit Trump-Kappen-Spruch-Parodien macht. Jede Woche
werden sie höher, um mehr Schmähungen unterzukriegen. Statt dem
Original „Traum was right about everything all the time“ stünde
auf meiner „Grau ist der Hecht / die Frau hat recht. / Der Hecht
ist grau / recht hat die Frau.“ Oder: „Ich habe nicht immer
Recht. Aber immer öfter.“ „I'd rather be happy than right.“
„Ich bin mir nicht sicher, aber mich das nicht menschlich und
sympathisch?“
***
Beim
Romanschreiben denke ich ans Rasenmähen. Beim Rasenmähen denke ich
ans Romanschreiben.
Unabsichtlich
beim ersten Mähen eine Vulvenform in den neuen Rollrasens geschoren.
31.8.
Nach viel zu langer Zeit sehe ich meine Tante A. wieder. Ein wenig ist
sie in ihrer Demenz zu einer alten Königin in ihrem Exil geworden.
Wir helfen ihr aus dem Auto, sie sieht mich wohlwollend an, „an
feschn jungen Mann hamma do.“ Buttinger: „Halt dich ans jung!“ Später sieht sie mich an und sagt,
„ma wiad gaunz vergessen, es is a Sind'“. Es hat aber auch ihr
gefallen, zuhause habe sie auf die Frage ihrer Tochter, ob es
schön gewesen sei, geantwortet: „Des woa a gaunz a internationales Treffn
heit!“ Es ist eine große Erleichterung im großen Übel, dass sie
so pfiffig und wohlwollend bleibt, während der Verstand geht.
***
Je
weniger wir essen können, desto mehr kaufen wir ein.
***
Coala:
„Fesches Hemd, Buttinger, Feuerwerk oder Löwenzahn?“ Buttinger:
„Des san explodierende Schwoaze Lecha!“ Er habe etwas anziehen
wollen, das maximalen Schaden anrichte. Sehr wirksam in Kombination
mit den schwarzen Sockerl in Loafern, in Kombination mit einem
Bermudabadehoserl.