Freitag, April 30, 2021

Bis zum Tod immerhin bemüht und gut gebumst. Phantomereignisse im April

1.4.2021

Offenbar diene ich meinem Umfeld als warnendes Beispiel, Kinder nicht „irgendwas mit Medien“ machen zu lassen, weil ich zehn Jahre gebraucht hätte, um mich von meinem zweijährigen „Praktikum“ zu erholen. Aber hier irrt das Umfeld! Ich bin schon seit 15 Jahren traumatisiert – vom Angestelltsein an sich! Zwei Jahre reichen für ein Leben und bis in die Haut hinein. Und meine Störung hat das Wesen einer Amputation; so ein Fuß wächst nicht nach, genauso wenig meine Fähigkeit, Vorgesetzte und geregelte Arbeitszeiten zu tolerieren.  

2.4.

Das mit dem Roman ist sicher nicht mein best shot in Sachen Publikumsliebe, viel besser werden die Mitteilungshefte angenommen, die Coala und ich füreinander schreiben, da wir im selben Haus einander wie Gespenster sind. Die Schriften sind aber auch wirklich schön, zwischen Zeitungsausschnitten über gerettete Küken, Welpen und Kälbchen stehen Botschaften wie „Es gibt schon wieder Schupfnudeln, aber iss sie auf!“, „Wir könnten heute die Handschuhschublade miteinander ausmisten“ und „Oh Gott, ich hab mich überfressen“ sowie „Nasse Spatzen schauen grämlich aus der Futterstelle, verwöhntes Pack!“

3.4.

Die Spatzen verweigern jedwede Domestifikation, halten aber auch alle anderen, möglicherweise weniger undankbaren Vogelsorten von der Futterstelle fern, und zetern aufgebracht, wenn sie leer ist. Wahrscheinlich halten sie mich für eine dumme, dicke Katze. 

Abb. 2: "Birbs" Das Bild ist - wie das obige - sorgfältig aus dem Internet gefladert, bitte verklagt mich nicht, ich tue es mit Liebe!

4.4.

Du bist die bestgefickte Brotspinne Mitteleuropas, was willst du!?“ Der Mann schimpft mit mir, als wäre ich ein verwöhnter Spatz, der sauer schaut, weil seine Hirse nicht bio ist, dabei habe ich ein sehr wichtiges Anliegen vorgetragen, ich kann mich nur grad nicht daran erinnern.

5.4.

Ornithologierat Haslinger erläutert mir beim Weg von der Klinserscharte zu den Dietlbüheln, dass man Zwistigkeiten zwischen Vögeln so bezeichnet: „Die Saatkrähen hassen den Rotmilan.“ Kennt man vom East-Westcoast-Zwist: They see me flyin' – they hatin'. 

 
Vogelfreier Schauplatz ornithologischer Erläuterungen

6.4.

Bei Gelegenheit etwas über hilflose Egozentrik schreiben, als Folge eines mühseligen Empathiezwangs. Erholsam sind Angelegenheiten, in denen die Spiegelneuronen mangels Kompetenz völlig ins Leere blitzen (Chemie, 12-Musik, Kochen, Überlegenheitsgefühle). Am erholsamsten das Gehen durch das Tote Gebirge, wo alles grauer Fels ist und man selbst ein wenig wie tot ist, aber fröhlich dabei. #ambivertiert

Traum von einer künstlerischen Karriere, die ohne jedes Oeuvre auskommt, wahrscheinlich sind Blogeinträge schon zu viel, am besten wäre die absolute Beschränkung auf das Moderieren von Tombolas, das dann gerne im Frack, aber sonst könnte ich mich auf reines Dasein beschränken und nachher wieder ins Privatleben zurück schlüpfen.

10.4.

Auf dem Parkplatz neben dem Offensee schlüpft einer in eine olivgrüne Bomberjacke mit dem Aufnäher „Felix Baumgartner-Red-Bull-Team“ und wundert sich, dass wir gar so schnell in die Bindung hüpfen und losstapfen. Ich bin eine treue Bergkameradin, aber Fremdscham ist mir nicht fremd. Abgesehen davon erneut ein herrlicher Ausflug mit der #mütterrunde, den besten Menschen, die zufällig auch Männer sind. 

Gute Menschen dürfen schlechte Jacken tragen. 

Eine Frau, die ich sehr gut kenne, berichtet mir von einer Sehnenscheidenentzündung, weil sie so eifrig beim Malen-nach-Zahlen war; unlängst sei sie ganz bedrückt gewesen, weil sie den ganzen Abend Felder mit opakem Schlammbraun ausfüllen hatte müssen.

13.4.

Amseln „tixen und schackern“, sie sind schüchtern, können aber bei entsprechender Aufmerksamkeit recht ausflippen. Die Brutpflege erledigen sie paritätisch. #totemtier

14.4.

Schmelzende Gletscher befinden sich in einem „schlechten Ernährungszustand“. Jargons sind die Saucen der Sprache!

Tu dir kein Leid! Denn wir sind alle noch hier.“ Apostelgeschichte 16,28

15.4.

Polnische Feuerwehrleute mussten ein Croissant aus einem Baum entfernen, das eine besorgte Krakauerin (sic) für ein lauerndes Tier gehalten hatte. Ich vermerke mir das als recht zugängliche Option, weltweit in den Medien zu landen.

16.4.

In diesem Internet, von dem man neuerdings so viel hört, schreibt einer unter den Menstruationshandschuh-Shitstorm, man könne das ja einfach „den Markt“ regeln lassen. Erlaubte mir den Hinweis, dass man mit dem gleichen Argument auch Katzenbabygift „am Markt“ positionieren könne. #pinkyglove #stinkyglove

17.4.

Mir wurde gerade empfohlen, noch eine „Wut-Milf“ in meinen Roman einzubauen.

20.4.

Unterredung im Schl8hof, was auf unseren Grabsteinen stehen möge.

Ich: „Sie hat sich bemüht!“ (Die Inschrift darf ruhig auch krakelig sein)

Thomas: „Immerhin!“

Stephan Roiss (Zombiefilmfan): „Hier ruht bis auf Widerruf Stephan Roiss.“

21.4.

Offizielle Bilanz auf dem Konto bis jetzt: rein +54,19 €; raus -13,74 €. Bald kommt die Besachwalterung. Jedenfalls bin ich nicht schuld am Kapitalismus. Zwei Stiglitze in den Wipfeln des Jasminstrauchs – das muss doch reichen!

23.4.

Jirši: „Drum hob i zum Polospün aufghert, weil do scho so vü Gsindl is.“

25.4.

Ein lustiger Mensch berichtet mir von seinem verstorbenen Großvater, der sich dreimal in seinem Stressless-Sessel wundgesessen habe – aber ohne Not, aus reiner Trägheit. Das wäre ein sehr gewagtes Stressless-Testimonial, aber man könnte es versuchen.

26.4.

Es ist mir eine rechte Freude, dass immer mehr Menschen mir ihre guten Erlebnisse zur Aufbewahrung anvertrauen; ich werde zum Schließfach für kleinen Blödsinn. Heute die schöne Eisbestellung einer älteren Dame: „Eine Kugel Malaria, bitte!“

27.4.

Meine Hand nuschelt beim Schreiben.

28.4.

Ich habe mich darüber lustig gemacht, dass die Dichtung das Leben wiederholen solle. Und doch, in dem sie es mit Liebe tut, macht sie es schön.“ Musil

 
Roßleiten braucht keine Dichtung, um schön zu sein. 

In zwei Stunden 8000 Zeichen Roman geschrieben (wieder einen neuen, den mittleren kann ich nicht hernehmen, weil schon „prämiert“) und immer noch das Gefühl, herumzutrödeln. Ich beginne, die Natur meiner Probleme zu erahnen.

29.4.

Es gibt einen Pyjamahai, die Familie der „Pieper und Stelzen“, den „maskierten Strolch“ und den „sparrigen Runzelbruder“. Der Zuständige für die Division „Paket & Logistik“ heißt Umundum.

30.4.

Wohnform der Zukunft: Seniorenresistenz Schönering


Sonntag, April 18, 2021

Verwandle deine Frühjahrsmüdigkeit in negative Energie!

Rede beim Solidaritätscamp für geflüchtete Menschen, Alter Schlachthof Wels

Symboldbild "Allgemeine Müdigkeit"

Ihr guten Menschen, ich bin ein bisschen müde. Pardon, dass ich über mich rede, (ich bin ich kein türkiser Kanzler, dem das nicht peinlich wäre). Die Frage, warum es euch interessieren soll, warum ich müde bin, plagt mich deswegen.

Ich bin müde, zum einen, weil ich heute bald aufgestanden bin, um pünktlich bei euch zu sein. Vorher habe ich mich um mein Privatleben gekümmert, was einem angesichts des Anlasses unserer Kundgebung auch nicht froh macht. Die Zelte, die hier stehen, dienen doch eigentlich der Freizeitgestaltung, und doch haben sie ihre Unschuld verloren. Ihr werdet heute Nacht darin frieren, in den griechischen Elendslagern frieren die Menschen schon den ganzen Winter. Ihr wisst das, darum seid ihr da. Ob wir im kommenden Sommer ganz unbelastet in der Natur zelten können? Ziemlich sicher nicht. Und es ist unendlich ärgerlich, dass das so ist. Wir sollten uns aber dagegen wehren, uns ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, diese Zeiten haben auch die meisten KatholikInnen schon hinter sich. Lasst uns doch kurz versuchen, unsere negative Energie dort hinzubündeln, wo sie die Richtigen trifft! Gerne dürft ihr euch jetzt auf eine Fantasiereise begeben und euch vorstellen, wie ein Strahl negativer Energie aus eurem dritten Auge herausgleißt und 200 Kilometer entfernt dem Kanzler ein Loch in die Arschbacke brennt. Es ist ja nur eine Fantasie!

Ich bin also müde. Zu meiner eigenen Unzufriedenheiten liegt eine Zeit hinter mir, in der ich mich mehrerer – für mich im Übrigen extrem schmeichelhaften – Anfragen, etwas zu den Mahnwachen beizutragen, entzogen habe. Mir kam es selbst wie unsolidarische Faulheit vor, es wunderte mich. Denn ich glühe an sich in meiner Ablehnung dieser schmerzbefreiten, scheißpopulistischen Haltung unserer Regierung beziehungsweise der rechtsextremkonservativen Mehrheit in unserem so heimatfixierten Österreich. Warum wollte ich nicht sprechen? Bin ich mir etwa unter der Hand selbst rechts geworden?!

Ich war einfach müde. Ihr kennt das Bild vom Pfarrer, der zum Chor predigt, anstatt die wahren Sünder zu züchtigen. Hätte sich ein Kanzler, ein Innenminister, ein Landeshauptmann, sein Vize, ein Bürgermeister angekündigt, heute hier dabei zu sein, ich hätte mich energisch in Pose, in den Frack geworfen, damit die auch einmal etwas Anständiges zu hören bekommen.

Ich war also einfach müde. Dann dachte ich nach. Wollen nicht auch die schmerzbefreiten, scheißpopulistischen Kinderabschieber und Balkanroutenschließer und Dünne-Deckerl-nach-Moria-Schicker einmal müde werden? Woher kommt die Energie dieser Grenzendichter und Asylrechtsverschärfer? Warum werden wir Gedichtdichter und AsylrechtsverschärfungskritikerInnen und Schriftstellerinnen so müde? Und das im depperten Kulturlockdown, wo wir doch eigentlich eh Zeit zum Brotbacken und Ausschlafen hätten? Es muss doch Kraft kosten, so offenkundig schlecht gegen Mitmenschen zu sein!

Eine besonders ermüdende, schmerzhafte Frage: Warum werden die Menschen, unsere Brüder und Schwestern, nicht müde, eine solche Politik zu wählen!? Man kann ja SUVs an sich laufend anprangern, aber die scheiß Teile werden halt gekauft wie warme Semmeln, das ist das Problem. Ich würde das so wahnsinnig gern verstehen, warum alle so überzeugt gegen ihre eigenen Interessen wählen. Was ist der Lustgewinn, wenn tatsächlich hart arbeitende Menschen ein korruptes Gschwerl wählen? Warum wählen die Arbeiter die FPÖ, und bitte, warum wählen Menschen mit Migrationshintergrund die Ausländervolksbegehrer? Warum wählen verwöhnte Ärztekinder mit steuerfrei geerbtem Einfamilienhaus eigentlich links und nicht türkis? Ok, das ist – zumindest aus meiner Sicht – das geringste Problem.

Ich bin einfach müde, aber das soll keine Ausrede sein. Folgender Vorschlag! 1. Matriarchat. 2. Konkrete, gemäßigte Diktatur, meinetwegen als Kunstprojekt: Der Bundeskanzler setzt sich in mein Büro, dort kriegt er nichts bezahlt, darf dafür aber wegen des Kulturlockdowns den ganzen Tag lesen und schreiben und Kaffee trinken und den Spatzen beim Streiten zuschauen, am Nachmittag kann er mir den Kompost auf die Beete schaufeln, das gehört schon längst gemacht, und er soll mir Notizen für die nächste Kundgebung schreiben. Ich übernehme einen Tag lang seine Geschäfte und schau mir an, woher diese Energie kommt, mit der er uns mit Message Control und Grenzfetischismus und Mindestsicherungskürzen so brutal auf die Nerven geht.

Ich will das verstehen!

Das ist natürlich alles müde Satire. Was ich euch ernsthaft sagen will: Danke, dass ihr nicht müde werdet! Danke an euch guten Menschen, allen voran dem zivilgesellschaftlichen Kollektiv ZiGe! Wir haben Platz!

Mittwoch, März 31, 2021

Im No-Fight-Club: Mannigfaltiges Versagen. Phantomereignisse 3

1.3.2021

Der Adler verfehlt die Murmeltiermutter um Haaresbreite – Erleichterung in der Murmelhöhle, die Kleinen müssen nicht hungern. Schnitt zu den nun hungernden Adlerbabies. Tierdokus – ich bin zu alt für den Scheiß!

2.3.

Es gibt keinen Klappentext, der den Inhalt nicht demütigt.

3.3.

Ich kann die Wohnstätten älterer Menschen nicht mehr ohne die mir selbst peinliche Zwangsneurosenfrage betreten, wer denn das einmal alles ausräumen solle. Mir erscheint die Erzählung über vier Wilheringer, die sich nach dem Tod ihres Vaters wegen eines Bauernkastens(wtf!?) dermaßen zerstritten haben, dass sie bis heute kein Wort miteinander sprechen, immer bizarrer. Man lege mir das bitte nicht als Undankbarkeit aus, ich weiß um meine unverdienten Privilegien. Aber es ist einfach sehr, sehr viel Materie um uns herum angeschafft worden, die uns mit ihrem Aufforderungscharakter (Waldenfels 2000, S. 374) um die seelische Ruhe bringen. 

4.3.

Was ich immer besser kann:

  • Orientierung im weglosen Berggelände

  • Verluste einordnen

  • Spitze Bemerkungen über das Ergrauen meines Haare passiv-aggressiv weglächeln

Was ich immer schlechter kann:

  • Das Patriarchat ertragen

  • Latein

  • Sockenpaare miteinander waschen

5.3.

Die Blaumeise ist das Zipfer-Bier unter den Gartenvögeln.

Herrliche Funde im Welser Lagerhaus: 

Auf Facebook träumt einer davon, mit sieben Dosen "No Fight"-Anti-Aggressionsspray die nächste Fight-Night in der Leondinger Kürnberghalle zu crashen.

6.3.

Eine sehr gepflegte, intellektuelle Freundin: „I stink ned, weil ois, wos aus mia kummt, für mi wie Heimat riacht!“

12.3.

Männer sind mein kink.

Ein kleiner Schwarm Stare landet im Nussbaum und knört, trötet und pfipst so betörend, dass die ganze Umgebung akustisch aufgemischt wird.

Wenn ich beim Einkommenssteuererklären nicht weine, kommt das dicke Ende noch.

Nachtrag zwei Stunden später: Wie prophetisch die Steuerbefürchtung! Beim Flexen schnalzt ein Metallflankerl durch das Visier des Helms, geht ins Auge und lässt daraus so viele Tränen laufen, dass ich mehrere Gläser Wasser trinken muss, um nicht zu dehydrieren. Das Heulen hilft heilen, nach einer Stunde im Reich der Schmerzen schwemmen meine heißen Zähren den Splitter wieder aus dem Augapfel.

13.3.

Dass ich ein bisschen Geld habe, ist mir ungefähr so entgangen wie die Tatsache, dass ich ein bisschen blad geworden bin.

16.3.

Gut gelaunt ruft mich der Vater aus Ried an, um mir von den Innviertler Passionsspielen zu erzählen, die man einst verbieten musste, weil die Bevölkerung zu gut mitgegangen sei. Viele kippten so in ihre Rollen, dass es nicht nur regelmäßig zu Aufständen im Spiel gekommen, sondern einmal auch der Jesus nach drei Tagen nicht wiederauferstanden, sondern gestorben sei.

17.3.

Das linke Auge wird kurz-, das rechte weitsichtig. Gleichzeitig gleitsichtig. Wenn ich nächtens im Bett lesen will, muss ich das Buch in einem ganz speziellen Winkel halten. Das Leben ist ein Hit. 

18.3.

Die nächsten zwei Wochen sind für meinen Roman entscheidend!

19.3.

Die Männer, die Deutsch für ein Kriterium zum Eingehen eines Mietverhältnisses halten, und bei Gendersternchen hysterische Anfälle bekommen sowie „Verhunzung der Sprache“ durch den Schaum vorm Herrenmund röcheln, verehren – eigentlich ein sehr spannender Irrtum! – ein Pseudo-Deutsch, das in Wirklichkeit nichts anderes ist als ein Konstrukt, das vorläufige Ergebnis von fortwährender Lautverschiebung, ein- und auswandernden Völkern, permanenter, nie stillstehender Veränderung durch Gebrauch. Warum sitzen in den Talkshows nie Linguistinnen den falschen Freunden des Deutschen gegenüber? Das wäre alles eigentlich schnell erledigt.

21.3.

Es gibt drei Mal mehr EnergetikerInnen als niedergelassene AllgemeinmedizinerInnen in Österreich.  

Heute Alkohol mit der Nachbarschaft, der seine schönste Wirkung entfaltete, als der Waltenberger bei der Erzählung, wie sich unsere alte Hündin einmal gegen ihren Willen in die Hose kacken musste, in aufrichtige, helle Tränen ausbrach. Wir hatten ihr ein "Monatshöschen" aus einer alten Feinrippunterflack gebastelt, aber dabei nicht gut in die Zukunft gedacht. Schon bei der Schilderung, wie wir ihr ein Loch für den Schwanz in die Gatte schnitten, stand dem Nachbarn das Wasser am Unterlid.

22.3.

Im Prokrastes-Bett

Coala schickt ein Bild von einem Mandarinenten-Paar, das – etwas grantig wegen der Seichtheit – eine ganze Weile auf der Plane unseres Pools herumgewatschelt ist:

Hervorragender Recherchefund: das Peter-Prinzip, und das Paula-Prinzip, sein Gegenstück (jede Frau arbeitet unterhalb ihres Kompetenzniveaus).

25.3.

Ein Muskelkater in den Brustmuskeln und ein sehr guter Fitnessgrad in den Oberschenkeln vom Bücherzusammendrücken und Stiegensteigen – mehr kann ich zum Themenkreis „Lockdown und Neobiedermeier“ eigentlich nicht sagen. 

Erfolgreichste literarische Veröffentlichung 2021: Siehe oben, ein Bild von meinem Backversagen. Es kommt beim Volk gut an, weil es zeigt, dass ich die Unfähigste unter ihnen bin. 

Sonntag, Februar 28, 2021

Koks, Despoten, Buserl, Lulu. Phantomereignisse 2

3.2.2021

Nach ein paar Tagen engagierten Bemühens muss ich Savianos an sich hervorragendes „Zero Zero Zero“ über diese schiache, durchkokste Welt wieder zur Seite legen. Mein Spatzenhirn will sich südamerikanische Drogenkartelle genauso wenig merken wie europäische Adelsdynastien.

4.2.

Wir sollten die „Proud Girls“ gründen, um zu zeigen, dass das Matriarchat gekommen ist, um zu bleiben.

5.2.

Jedes einzelne Mal, wenn ich vom Toten Gebirge heimfahre, dauern mich die armen Reh-Herden, die da in Thalheim neben der B138 eingepfercht werden wie in einem schlammigen Kriegsgefangenenlager. Heute sehe ich zum ersten Mal ein Tier, das es hinausgeschafft hat. Aber nur für Sekunden, denn es liegt tot im Graben, daneben zwei junge Soldaten und ihr Auto, mit dem sie den Ausbrecher in seinem Sprung in Freiheit erwischt haben.

7.2.

Wie ich an das 35-jährige Playboyhefterl geraten bin, verrate ich in diesem indiskreten Internet nicht, wohl aber, dass es seither vielen Menschen viel Freude bereitet hat. Und das nicht nur wegen der naturbelassenen Buserl, den kleinen Bauchansätzen der „Mannequins“ und ihrem im Wind wehenden Schamhaar, sondern wegen der lustigen Werbung für 244er-Volvos, hochmoderne Videorekorder, würzig-milde Zigaretten und die höchsten Audiotürme Mitteleuropas. Historisch reizvoll auch eine Bildstrecke über Alessandra Mussolini, die Despotenenkelin im Negligée. Dazu prophetische Aussagen über die Zukunft: „Im Internet wird man sich irgendwann unter einem Decknamen heiße Flirts ausmachen können!“

8.2.

Bücher mit religiösen Inhalten kann ich besonders schlecht ausmisten. Ich lagere sie im Vorraum wie im Fegefeuer, bevor sie, von ihrem Irdendasein erlöst, im Altpapier ruhen können.

Im Altstoffsammelzentrum gibt es bereits einen eigenen Container für Flachbildfernseher (wahrscheinlich eh schon seit Jahren). 

9.2.

Fürderhin gehe ich nicht mehr allein auf Skitour. Erster Begleiter ist der Nachbar, der vor Abmarsch freudig bekundet, mir mit der Kraft des kindlichen Urvertrauens nachzudackeln. Nach sicherer Wiederkehr bekundet er mit der Freude der Zufriedenheit, dass er meinen „Altherrenschritt“ als sehr meditativ empfunden habe und wohl keinen Muskelkater zu befürchten habe.

10.2.

Coalas Schlagobersgesicht, nachdem sie in ihre Malakofftorte einfach mitten hineingebissen hat, ist noch schöner anzusehen als ein Hund, der sich in einer Blumenwiese wälzt.

13.2.

Krise in der wilden Ehe, nachdem ich feststellen muss, dass die Dinkelmilch für meinen Kaffee ernst gemeint ist. „Ich will dich moralisch weiterbringen, so geht das nicht weiter“, sagt er und beißt in sein Camembertbrot. Wäre ich eine Katze, ich würde wortlos aufstehen und ihm in die neuen Maßschuhe ludeln, auf die er monatelang gespart hat. 

Symbolbild "Sehr, sehr unzufriedene Katze"

Eine weitere Einsicht im Genre „Allmähliche Verbürgerlichung“: Champagner ist das Koks der Klugen.

15.2.

Nach Tagen der Ereignislosigkeit türmt sich heute ein Abenteuer auf das andere – Sonne, Sturm, Bruchharsch, brüllende Schönheit, die längste (und unnötigste Abfahrt) der Nation! Das alles und noch viel mehr passiert, wenn man mit der Mütterrunde bei Niederschnee die Rumplerrunde geht. 

16.2.

Beim Berger, der besten Bäckerei von Linz-Land: „Vier Krapfen, bitte.“ „Ich geb' ihnen sechs, weil das die kleinen sind, da kann man gleich zwei essen.“

Der malaiische Diener beobachtete den Stirnkuss mit verdrehten Tieraugen, sodass das Weiße darin sichtbar war.“ Kein Klassiker altert ohne Schaden, auch der „Zauberberg“ nicht. Überhaupt kann man als Frau sehr, sehr vieles von der To-Read-List streichen. Sobald im literarischen Kanon das Wort „Frau“ vorkommt, kann man den Jahrhundertroman eigentlich gleich wieder weglegen.

17.2.

In der Nacht erschrocken aufgewacht, weil ein Kind „Mama, Mama“ rief, leise und regelmäßig. Lange bange Sekunden verstreichen, bis ich gneiße, dass es die Lungen im Nebenbett sind, die klagen.

18.2.

Die Tätigkeiten im Jahreskreis des Hauses ziehen mich immer tiefer in das Leben meiner Eltern. Wenn ich jetzt nicht aufpasse, gibt es demnächst einen Skandal, weil ich den Nachbarskindern die Mandeln operiere. 

Symbolbild "Erschöpfende Tätigkeiten im Jahreskreis / Der Krieg gegen den oasch Kirschlorbeer" 

21.2.

Mit der Mütterrunde von den Schafferteichen hinüber zur Wurzeralm. Ein Kollateralschaden der Seuche ist die Après-Ski-Fehlentwicklung im bislang distinguierten Tourenskisektor: rauchende, johlende Holländer mit nacktem, pickeligem Oberkörper in der Zwischenwändscharte. Wir halten dagegen, indem wir von der schattigen Seite gegen den Mainstream heraufstapfen und einen Ornithologen im Team haben, der Sätze sagt wie „Das ist schwer zu erkennen, weil der Fichtenkreuzschnabel sein Prachtkleid noch nicht trägt.“ 

22.2.

Wir wollen in der Schöneringer Nachbarschaft auch den Vögeln mehr Beachtung schenken, scheitern aber schon im Ansatz. "Das ist wahrscheinlich einmal nur ein Spatz." "Ja, aber warum piepst er so regelmäßig?" "Hm." "Ah, das ist meine Tiefkühltruhe!" 

Coala hat die despektierliche Beschreibung meiner Haarfarbe durch den Buttinger („Butter und Mohn“ statt des korrekten „Salt and Pepper“) Appetit gemacht, sodass sie mir Mohnnudeln kocht. Ich trage eben mein Prachtkleid auch noch nicht. (Graues Haar = Altersmauser)

24.2.

Beim Autowaschen an der Tanke groove ich mich in den Lebensrhythmus der Wilheringer Pensionisten ein.

Für Zoom-Meetings richte ich mir den Bildschirm so aus, dass ich in Wahrheit die Spatzen beobachten kann. Das nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil ich mich nicht stundenlang selbst anschauen möchte – bei aller Liebe.

Dass mir die Tage zwischen den Fingern zerrinnen, ist ein Mirakel. Wahrscheinlich treibt mich die Flucht vor dem Romanschreiben durch die Woche. Hilfreich ist nur die Alkoholkarenz von Montag bis Donnerstag. Die ungeduldige Vorfreude auf das erste Bier dämpft dieses lodernde Feuer, in dem wir verbrennen.

26.2.

Hier eine verruchte Drogeneskapade aus meinem Künstlerleben! Während der Fahrt nach Wels ein Seiterl Bier getrunken. (Es ist nämlich Freitag, s.o.).

28.2.

Am Ende landen wir immer öfter bei den „Golden Girls“, und es ist mir nicht einmal mehr peinlich. Ich verfalle immer stärker in ein unironisches Betty-White-Fangirling.

Sonntag, Januar 31, 2021

Kackende Spatzen, Wasserklotzkatzen, hauchende Glasaugen und Multipla-Orgasmen. Neues aus der Reihe „Phantomereignisse“

1.1.2021

Das System ist nicht mehr relevant (alternativ statt „System“ z.B. einfügen: Patriarchat, Kapitalismus oder After 8: „The After-8ful-Hate!“)

5.1.

Der Buttinger wird immer tiefer in den Strudel seines neuen Hobbywahnsinns gezogen; er sieht keine Welt mehr, sondern nur noch Fliegenbindematerial. Er rupft Filzengel, seinen Schnurrbart, das Haupthaar der Tochter, die Wamme des Hundes, um daraus Insektenattrappen zu basteln, um damit Forellen in den Tod zu locken. 

Medienfund des Tages: Kaiserschnurrbarttamarinendrillingein Schönbrunn geboren. orf.at

6.1.

Wäre der grundliederlichen Gesellschaft nicht gedient, nach Yakuza-Art zu entsühnen, sich also zB ein Fingerglied abzuhacken, wenn man beim Fremdgehen erwischt worden ist?

12.1.

"Haha, der Gaisch muss sich jetzt um Flüchtlinge kümmern!"

"Whoever that is."

"Na, der sich so aufgepudelt hat, dass man ihn nicht kennt!"

Medienfund des Tages: „Erst Glasaugen hauchen Präparaten Leben ein.“ Oö. Kulturbericht

13.1.

Den letzten Weihnachtsschoko vom Baum grasen = Osternestsuchen für Arme

Profi-Tipp für schwächelnde Egos: alte Appläuse umjubelter Symphonien auf Youtube anhören, aus der Ferne klingt das auch angenehm nach warmem Regen.

15.1.

Hohe Schimpfbereitschaft in der Bevölkerung.

Die Spatzen hassen es offensichtlich, wenn ich ihnen beim Esse zusehe. Sobald ich wegsehe, stürzen sie sich auf meine teure Bio-Hirse, sie setzen sich in spätrömischer Dekadenz mitten ins Futter, manchmal gacken sie auch aus Protest hinein, wenn ich zu offensichtlich spechtle.

Medienfund des Tages: „Das Leben bietet so viel mehr als Brüste!“ „Body Shockers“, Sixx

Der Wahnsinn des Fliegenbindens greift auf andere Bereiche über. Buttinger zeigt mir die scheußlichsten Tuning-Varianten des Fiat Multipla, des ab Werk schon inakzeptabelsten Autodesigns der Welt. „Schau, das gediegene Plastik-Interieur!“ Grundgütiger. Ob es diese Woche noch zum Beischlaf kommen kann? Mit dieser Einstellung nicht. 


16.1.

Sehr viele Träume zuletzt, alle dumm: In der Nacht kommen wir zufällig bei einem chinesischen Skigebiet vorbei. Ich möchte gern auf die Piste, kann aber nicht, weil alles vollautomatisiert ist. Buttinger fordert mich auf, bei der Suche nach dem Liftkartenverkaufspersonal die Leute auch gleich darauf hinzuweisen, dass ich einen Roman hätte, der auch in China verlegt werden sollte. Meine schwächlichen Einwände, dass es hier mit dem Urheberrecht nicht weit her sei, machen ihn ungehalten.

Im echten Leben macht er mir aber milde gelaunt Frühstück und dreht dazu Ö1 auf. Das Gesprochene kommt mir im Halbschlaf bekannt vor. Es spricht nicht für Zugewandtheit zu den eigenen Hervorbringungen, wenn man erst googeln muss, um draufzukommen, dass man das selbst geschrieben hat. 

Rationalrat

17.1.

Der Manufactum-Katalog und „Die moderne Hausfrau“ kommen gleichzeitig mit der Post, und ich bin jetzt so weit, dass mir die offene Biederkeit der Hausfrau beim Arsch lieber ist als der versnobbte Nachhaltigkeitselitarismus samt selbstbetörter Anpreisungsprosa. Produktvorschlag: ein Vibrator aus malayischem Bio-Kautschuk mit verzinkter Handkurbel. 

Medienfund des Tages: „Der Biber ist nicht umsonst als der Helmut Berger des Tierreichs bekannt.“ Martin Fritz, „Die Vorbereitung der Tiere“

18.1.

Heute per Videokonferenz Aerobic unter Anleitung Martin Fritzens getanzt – wenn ein Ereignis aus diesem Text für die Germanistik der Zukunft erhalten bleiben soll, dann schlage ich dieses vor.

19.1.

Im Traum war ich heute mit Clint Eastwood zusammen, dem ich beim Kampf gegen seinen Erzfeind helfen soll, aber keine große Hilfe bin, weil ich davon abgelenkt bin, dass ich mir immer vorstelle, was für ein Hallo die Neuigkeit auf Facebook geben wird: „He, die Meindl Mink ist jetzt mitm Eastwood Clint zaum!“ 

Medienfundstück des Tages, Thema "Gerechte Strafe", OÖN

20.1.

Der Siphon leckt. Die unbeschreiblichen Reste der einst schmackhaften Speisen, derer man beim Reparaturversuch ansichtig wird, stimmen nachdenklich (Vanitasgedanken für Doofe). Das Dichten misslingt mir heute nicht bloß literarisch.

21.1.

Mit PMS ausmisten ist noch schwerer, da schauen einen die Dinge so traurig an, wenn sie in die Mistmulde fallen. Dennoch darf ich nicht lockerlassen. In einem Kastenwinkel ist heute eine Mappe mit handgeschriebenen Maths-Matura-Aufgaben aufgetaucht. ES IST NOCH GAR NICHTS GESCHAFFT UND ICH BIN SO SCHWACH!!!!! Mit knapper Not konnten mich die ASZ-Damen davon abhalten, ein braunes Eierhälftenservierkeramikteller mit nach Hause zu nehmen. 

Symbolbild für den sinnlosen Kampf gegen die Materie im Eigenheim

22.1.

Mit dem Nachbarn (Jg. 1972) heute besprochen, dass wir beide eben Spätzünder seien und unsere große Zeit noch komme. Sobald ich einmal weiß, was ich beruflich mache, geht’s los.

Ich verkehre übrigens jetzt in extrem klugen Kreisen, in denen man mich fragt, „aber du bist schon auch zumindest einmal sitzen geblieben?“ und dann ehrlich entsetzt ist, wenn ich verneine.

23.1.

Allem Anschein nach gibt es den Trend, Hausmüll zu tragen. Ist das Upcycling oder ein zynischer Scherz? Im Internet gibt es hunderte Bastelanleitungen für Ohrringe aus Nespressokapseln, Gummiringerlhalsketten (als Kinder hätte man uns dafür ausgeschimpft!), Sukkulenten in ollen Schuhen. Was kommt als nächstes? Plastiksackerl über dem Kopf, Barockperücken aus Klopapierrollen, Lampenschirme aus Joghurtbechern? Ist das ein Symptom einer volkstümlichen Wohlstandsverblödung? Steht ein Salzteig-Revival bevor?!

24.1.

Medienfund des Tages: „In Kyoto bin ich, doch beim Schrei des Kuckucks sehn ich mich nach Kyoto.“ Gstrein, aber eigentlich Bashô, eigentlich Matsuo Munefusa. Wer auch immer: Er hat genau erfasst, wie es mir im Toten Gebirge geht. 

 
Hier bin ich an einem der Orte, an denen ich mich danach sehne, an Orten wie diesen zu sein

28.1.

Heute zum ersten Mal in meinem Leben den IBAN auswendig richtig hingeschrieben. Kommt jetzt schon die große Zeit?!

31.1.

Hyperactive Wear

Sollte ich wirklich eine Fortsetzung der „Heimat der Fußkranken“ schreiben, muss ein quotenträchtiges Kapitel über das rote Katzerl am Hengstpass hinein. Es steigt nicht nur bereitwillig auf die Schultern der Wandernden, sondern legt sich in den frisch ausgeschaufelten Schneeschichtabstich der Lawinenprüfer oder stakst auch selbst ab und zu auf den Wasserklotz, dann lässt es sich schnurrend wieder heruntertragen wie eine Madame in der bestellten Sänfte.