Lebenskrimskrams
im März 2026
1.3.
Nie
versiegende Freude über Terminlosigkeit. (Termine – Termiten im
Holz des Lebensbaums).
***
Das
Stifterhaus zeigt auf Instagram einen Fund im Literaturarchiv: Handke
hat Hans Eichhorn einen getrockneten Steinpilz geschickt, „in dem
sich bei der Aufarbeitung des Nachlasses noch ein Wurm befand“, der
im Archiv „Benutzer:innen, per Anmeldung, während der
Öffnungszeiten zur Verfügung“ stehe.
2.3.
Der
Tag rauscht vorbei wie ein Schwarm Spatzen. Immer mehr Amseln im
Garten, das wird vielleicht ein gutes Vogeljahr.
***
Im
Hemd mit dem Hund raus, Frisbee in den Sonnenuntergang geschmissen, der heute sogar den Zentralraum hübsch aussehen lässt.
***
„Andrea
lässt sich scheiden“: Der Mehrwert der Melancholie erschließt
sich mir nicht, dabei wäre ich wild entschlossen gewesen, den Film gut zu finden.
3.3.
Traum
von einem Kulturausflug, an dessen Ende sehr viel aufzuräumen ist.
Der LH kommt und hebt mich zum Abschied in die Höhe.
Hilfe! Ich darf auf keinen Fall noch tiefer in dieses Kulturland-OÖ-Gewebe
eingeflochten werden.
***
Die
Zahl der Sitzungen in meinem Leben nimmt ein unangenehmes Ausmaß an
(eigentlich wird’s mir ab der ersten pro Monat unangenehm). „Was
machen die armen Leute, die keine eigene Sitzung haben?“, sage ich
zum Buttinger, mit dem ich am Morgen eine Stunde früher raus muss wegen einer
Sitzung.
***
maschek:
Auf einmal taucht am Ende der Sendung Herbert Haupt auf und redet den tollsten
Scheiß über Tiere, zu den Schafen sagt er etwa, „so jetzt werdet's
beschlagen, ihr Afferl!“
4.3.
Traum
von einer Gerichtsverhandlung als Ausflugsziel. Es wird in allen Reihen warm gejausnet, während die eher unseriös wirkende Richterin
entgleisende Gardinenpredigten hält.
5.3.
Hahnbaum
Beim
Gehen dauerndes Schwanken zwischen Unlust (schwere Beine) und Glück,
weil es so schön ist schon im März. Ich muss mir Mühe geben, nicht
bei jedem Schritt Schneerosen zu zertreten. Zu Mittag ruhen Fini und
ich auf einem Bett aus Erika. Saharastaub am Nachmittag, milder
Sonnenbrand.
6.3.
Im
Irrglauben, dass sich die fehlenden Lesebühnentexte bis zum Abend nicht mehr ausgehen
werden, lege ich eine extra Trödelsession ein, um den Panikmodus zu aktivieren, auf
dass ich dann binnen einer Stunde die Texte aus mir herauspresse. Ein
Manifest des „Wird schon reichen, ist ja eigentlich nicht bezahlt.“
Es ist völlig egal, ob ich 300 oder 3 Tage Zeit habe (bei drei
Stunden wird’s knapp, aber gegen Geld würde ich's versuchen).
***
Es
ist schon fast wieder zu heiß. Leichte Freitags- und Frühlingsmanie.
***
Michi
K. lädt mich zwecks Frauentagsansprache ins FRO-Studio, wo ich
20' lang Sachen sage wie: Eine Frau müsse auch
nach einem anstrengenden Tag im Büro sich trotzdem die Zeit nehmen,
um dem Mann zuzuhören, wenn er von seiner Hausarbeit und den Kindern
berichtet. Anteil nehmen, nachfragen. Hat nicht eines unserer Kinder
irgendwann Geburtstag, was, übermorgen? Ich rede daher wie eine
regionale Billigkopie von Olaf Schubert.
***
Die
Herren haben sich vom „Omi“-Thema zu Beiträgen über das Altern
und Pensionsversicherungsproblematiken inspirieren lassen, ich zum
Omatriarchat. Tamara Stocker entzückt das Publikum wenig überraschend, auch
wenn es (und wir) im Gegensatz zu ihr dem Wechsel näher sind als dem
von ihr beklagten Danaergeschenk der Fruchtbarkeit.
Wir
gehen heim mit Monets üblem Ohrwurm „Iss dein Brei!" Mehr zur "Omatriarchat"-Lesebühne ("Auf ins Goldene Omatriarchat") gleich nebenan bzw. hier die Nachlese im OLW-Blog.
7.3.
Elaine
(59): „I seriously have to go back to my childhood. I have no clue
how all this works!“
***
Soziales
Versagen am gesamten Wochenende.
8.3.
In
der Hoffnung, dass dem Feminismus auch mit solidarischer Faulheit
gedient ist, trinke ich Bier im Wintergarten, während der Buttinger
in der Küche werkt. Er hat am Nachmittag zwei Stunden lang irgendwas
im Garten geschnitten, ich sehe zwar Wolken von Grünschnitt, jedoch
keine Ergebnisse, natürlich lobe ich ihn trotzdem, denn so ist es
nicht nur im Garten, sondern im Leben.
9.3.
Heute
soll ich mich für einen neuen Romantitel entscheiden, weil weder
„Die Raumforderung“ noch „Der Mensch gehört nicht in die
Wildnis“ beim Verlag reüssiert haben. Leider zu recht. Derzeit
zumindest bei mir ganz vorne im Rennen: „Mehr Himmel, als gut für
uns ist“.
Update:
beim Verlag auch!
Finale:
Franz W. gibt mir seinen Segen. Er habe selbst gerade beim Wisser
den EWHO-Songtitel „I am the Wallraff“ erbeten, wenn der jetzt
wiederum etwas von mir fladere, sei die kulturelle
Kreislaufwirtschaft in Gang gebracht (meinerseits ist es eine lineare
Kreiskywirtschaft).
Abends
dann, zur Belohnung und Behaglichkeitsherstellung langes Kramen und
Bilderaufhängen.
10.3.
Internationaler
Wahnsinn, in der tatsächlichen Gegenwart allgemeines Ringen um
unerschütterte Zivilität. Immerhin blüht die Forsythie. Jedes Jahr
ein leichtes Versagensgefühl, weil ich keine Schneeglöckchen habe,
alle anderen schon. Im Mai dasselbe dann in Grün (Margeriten).
Mit
dem Hund in die Au und zur KUPF, wo mir mitgeteilt wird, dass ich nur
wegen Fini in den Vorstand gewählt worden bin. Völlig akzeptabel und nachvollziehbar für mich.
11.3.
Ein
kleiner Flash auf dem Weg durch Linz, vor exakt 20 Jahren ging das
los. Da kommen mir L. und T. entgegen, in fast französischer Urlaubsaufgekratztheit, weil sie gerade so
gute Croissants gegessen haben. Im Grunde ist alles besser geworden
in diesen Jahren (im Privaten fix).
***
experiment
literatur.
Einzinger wie immer einzigartig. Wieder ist er ganz beglückt über
seinen Schaffensdrang, die Zweifelscheißer Peter Clar und ich
bewundern ihn dafür aufrichtig. „Seid's ihr zwei zu faul zum
Romanschreiben, oder was?“, frage ich nach dem Wert der Lyrik.
Einzinger gibt zu, selbst fast keine Lyrik zu lesen, wofür er sich
sehr schämt. Jemand habe ihm einmal gesagt, dass er „Von
Dschallalabad nach Bad Schallerbach“ fünfmal gelesen habe, das habe ihn fast befremdet.
Später
schicke ich die Fotos des Abends, Peter Clar richtet mir aus, dass seine
Frau gemeint habe, er sehe darauf aus wie ein gediegener älterer
Herr. „Wir sind
gediegene ältere Herren!“ schreibe ich ihm in freudiger Überzeugung.
12.3.
orf.at:
„Eiermarkt angespannt“
***
Potyka
schickt ein Mail mit dem Betreff „Cover“, mein Herzschlag wird
spürbar. Ich öffne es, sehe den Betreff und schon geht wieder alles
seinen Gang, denn der Entwurf ist schön geworden.
***
Beim
Aufhängen dreier Sonderangebots-Nistkästen (viel zu spät) geht
ganz dramatisch die Sonne unter. Dann während einer dramatischen
Fukushima-Jahrestags-Doku gemütliches Möbelumstellen, immer diese
seltsame Gleichzeitigkeit des Verschiedenen.
13.3.
Sengsen.
Vertrödelt und verkalkuliert, zu spät weg, noch zu viel Schnee, zu
faul zum Stapfen. Immerhin am Aussichtsplatz auf dem Weg zum
Anderle-Biwak gejausnet und gerastet. Grantig abgestiegen und aus
einer Laune heraus einem neuen schmalen Weg gefolgt, der sich als beglückend erweist.
Es
ist schon wieder zu warm. In zwei Monaten kann man hier wohl schon
wieder nicht mehr gehen, ohne drei Liter Wasser zu schleppen.
Fini rennt einer angespeistes Gams nach, die noch nicht weiß, dass sie nur
die Laufrichtung ändern müsste.
***
Im
Zug nach der GAV-Lesung ("Zur Lage", unser Versuch, die Welt doch irgendwie zu retten, würden nur die Trottel kommen und zuhören.) Ein paar Reihen weiter nennen
Burschen einander Schwuchtel und Hurensohn, sie sind sehr enttäuscht, dass es heute zu keiner Schlägerei gekommen sei (weil so wenig Hartberg-Fans im Stadion gewesen seien). „Owa beim
Voiksfest wird scho gschlägat, fix!“
14.3.
„Ein
sicheres Haus“ - ich möchte das nicht lesen, das ist was für
Männer, die noch keine Ahnung haben, wie gschissn Ihresgleichen oder gar sie selbst sein können. Man müsste den Toxischen unter ihnen die Beziehungslizenz
entziehen, wie Hundehaltern nach einem Beißvorfall. Unwillkürlich
summe ich „Gut, dass du kein Callgirl bist!“
***
In
der Kletterhalle hängen sich die Burschen für die Klimmzüge
30-Kilo-Scheiben zwischen die Beine, sie nennen einander in jedem
Satz Digga. Auch die Schwabo-Buben reden diesen seltsamen
Influencer-Sozio-Ethnolekt, einer kann ihn noch nicht gut, er ist
wohl aus dem höheren Mühlviertel.
***
Die
ganze KI ist ein einziger, riesiger Scam. „Hallo, ich bin wie ein
Mensch, gib' mir was, aber leider können wir uns nicht treffen,
trotzdem liebe ich dich und ich weiß genau, was du brauchst, rede
weiter!“
***
Irre,
das „Quiet Quality“ auch schon wieder 20 Jahre alt ist, da war
die Prokrastination noch die neue Sau im Diskursdorf.
15.3.
Wels,
Waschaecht-Generalversammlung: Die einzigen CEOs, die ankündigen,
sich kurz zu halten und sich dann KURZ HALTEN!!!1!! Und man soll
während der kurzen Berichte schon tüchtig jausnen. Ohne Genierer
packe ich später die Reste in extra mitgebrachte Tupperdosen.
***
Coala
und ich tauschen die Früchte unseres Ausmistens bzw. unterschlagener
Tombolaspenden, es herrscht steter Glumpertfluss zwischen uns
Meindlfrauen. Bald sind wir vier Frauen und reden über Sex und Mord (in Literatur und Beruf). Alles andere ist Mumpitz.
16.3.
Coala erzählt, dass der Bürohund Pommi eine Therapie bekommen habe, um
zur Ruhe zu kommen. Die Halter sollen mit Düften und Klängen
arbeiten – und zwar immer dieselben. Schon jetzt hassen sie den
Nussknacker, der sie nun bis ans Lebensende des Hündchens begleiten
wird.
17.3.
Linz – Graz
An
einem Frühlingsmorgen mit Muße und Hund Freundlichkeiten ernten.
Dann mit dem InterRegio direkt, aber
extrem langsam von Österreichs Stadt Nr. 3 in Stadt Nr. 2
tschuggeln. Wie bei der Wasserscheide am Pyhrnpass sind die Züge nur
zwischen Linz und Neuhofen gefüllt, sodann herrscht Stille und Leere,
ab Leoben steigen dann wieder die Massen zu. Dazwischen verkehrt
diese Linie nur aus Gefälligkeit für sieben Reisende.
Zwei
Lehrerinnen legen saure Zuckerpfirsiche auf den Tisch, übermächtig
ist mein Impuls, einfach zuzugreifen. Sie reden über Kinder, die
jede Aufgabe verweigern, etwa kein Wort in das Schularbeitenheft
schreiben. Deren Zahl scheint überraschend hoch.
Auf
dem Weg ins Hotel höchste Bereitschaft, alles mit einem absurd
exotischen Blick zu sehen. Ah, die südlichen Fensterläden! Alle
Frauen halten Märzenbecher in der Hand!
Im
Fitnessraum des Hotels komme ich mir vor wie ein Mensch, der sein
Leben fest im Griff hat.
***
Während
der Literarischen Soiree dreht sich mein Imposter-Syndrom in sein
wahres Gegenteil, ich BIN eine Hochstaplerin, und ich muss mich jetzt wirklich bemühen, zwischen den zwei Bachmann-Vorsitzenden endlich irgendwas zu
sagen. Ich starte mit etwas Landschaftlich-Derbem und sage, das bitte
wieder rausschneiden, sonst könne man's nicht auf Ö1 senden. Wir
sind uns aber bei den Büchern überraschend einig, besonders beim
Enthusiasmus für Gardi. Nur beim „Sicheren Haus“ gehen Männer
und Frauen ein wenig auseinander, für uns Letztere ist das keine
Bedienungsanleitung, die nicht in falsche Hände soll.
Kastberger versucht als gebürtiger Gmundner, mir die Nebel-Credibility
abzugraben, aber da kenne ich nichts. Linz – Mekka der Vampire.
Beim Essen allerhand lustiger Gossip aus dem Betrieb, den ich mir nicht zu verraten traue. (Andererseits, wer liest mein Zeug hier?!) Nur so viel: Insa Wilcke ist ausnehmend freundlich und beschämt uns ein wenig mit ihrer sehr korrekten Compliance beim Rezensieren etc. „Wie macht
ihr das?“ „Wir lügen viel.“ Wir wetteifern ihr gegenüber im
Vernadern Österreichs und hoffen, dass sie sich das Land trotzdem
nicht madig machen lässt.
Und diese Indiskretion geht auch: Kastberger
hat eine sehr gute Pilar-Geschichte. Er habe mit detektivischem Eifer
beobachtet, wer wann mit wem in Jurys sitze, um ihnen dann gezielt
und vereinzelt aufzulauern und sie für ihr Missachtungswerk an
seiner Person zu beschimpfen, warum er schon wieder diesen Preis und
dieses Stipendium nicht bekommen habe.
18.3.
Graz
Beim
Frühstück fragt Wilcke, ob bei uns auch die Stimmung so schlecht
sei, das Gefühl so stark, dass alles den Bach runter gehe? Andreas Jungwirth: „Ja, aber mit dem Unterschied, dass es bei euch in
Deutschland ja stimmt.“ Wir einigen uns bei der Frage, wie man das alles gerade aushalte, auf das Vertrauen ins Funktionieren des Alltags.
Beim
Heimfahren im Zug gutes Plaudern mit Jungwirth, weil er auch ein guter
Typ ist. Ein paar Tage später schickt er mir „Alle meine Namen“, das mir
sehr gefällt.
Weiter
durch die Infrastrukturbrache. In
Roßleithen steigt eine Mutter mit ihrem etwa zehnjährigen Sohn ein.
„Woat, Mama, i red glei mid dir.“ Sie scheinen oft miteinander
unterwegs zu sein, sie sind auffallend freundlich und verbunden
miteinander.
***
Starker
Vogelsang in Wilhering. Fini darf zum ersten Mal in die Donau, sie
ist ganz klar. Emsiges
Herumräumen im Haus, zwecks innerer Ordnung.
***
Primo
Levis Beschreibung seines Freundes Sandro, einen leidenschaftlichen
Bergsteiger, den am Ende die Faschisten erschießen – groß.
19.3.
Thomas
Anders heißt jetzt anders.
***
Das
Haus so herrichten, dass man beim Heimkehren reinschlüpft wie in
ordentlich hingestellte Schlapfen. (Eine Neurose, die sich mit dem
Alter vertieft.)
***
Am
Donaustrand ein Sonnenuntergang wie ein die Jahre gekommener Ehemann,
der sich extrem bemüht um seine Frau, die sich für ein Abenteuer
rüstet.
20.3.
Tirol – Winnebachseehütte – Riml-Spitz
Drei
Stunden fröhliches Schnattern mit den beiden männlichen Hausfrauen und Müttern im Zug, aber der Wortfluss gerät
abrupt ins Stocken, sobald wir ins Auto unseres Osttiroler Bergführers geschlichtet sind. Mittlerweile gehen wir davon aus, dass er uns auch mag (im dritten Jahr gemeinsamer Touren).
Er erzählt dann doch etwas, dass er mit irgendwelchen Wienern am Großvenediger gewesen sei und unter ihrer Divenhaftigkeit gelitten habe. Das Essen nicht gut
genug, die Tour zu anstrengend, die Hütte zu unbequem.
Seine
Umsicht bei der Tour macht mich im Nachhinein etwas betroffen in
Bezug auf meine eigene Unbedarftheit am Anfang meiner Ski-Zeit –
was ich da alleine angestellt habe in den Stodertälern... das ist
nicht schneidig, sondern bissl deppert.
Immer
wieder dieser seltsame Kontrast zwischen der Weite der Welt da
draußen und der Enge drinnen. C. und ich teilen uns ein Zimmer,
das keinen Quadratzentimeter kleiner sein dürfte, sonst überkäme
mich die Platzangst. Aber wir sind sehr geschickt im Platzmachen, die
meiste Zeit liegen wir eh und lesen emsig. Das Hüttenleben werde ich
nicht mehr lieben lernen, das damit einhergehende Nichtstunmüssen
hingegen schon. Der ganze Bewegungsdrang kanalisiert ins Tagesprogramm vor der Tür.
21.3.
Winnebacher Weißkogel
Bevor
wir in einen strahlenden Tag losstapfen, bricht es aus der Osttiroler Kruste richtig heraus: Er genieße es sehr, mit uns
unterwegs zu sein! Wir OÖ. Schnatterer schweigen ergriffen.
Es
liegt so viel Schnee, dass ich den Glauben zurückgewinne, doch
Skifahren zu können. Die Temperaturen fühlen sich an wie Grüße
aus den Wechseljahren.
***
Starkes
Hineinkippen in Hustvedts „What I Loved“. Es wird schon an sich
gut sein, wie immer macht aber die Möglichkeit, überhaupt ins deep
reading
hineinzukippen, den Unterschied. C. sputet sich, um mir Melandris „Kalte Füße“
mitgeben zu können (dabei ist der alte Rucksack eh schon so voll,
dass die Nähte platzen).
22.3.
Kühlehnkarschneid
Seit
Tagen sind wir im Funkloch, was natürlich sehr gut ist, aber auch
irritierend. Oben in der Scharte ist Empfang, wir heben die Köpfe
zur Landschaft und senken sie über die Bildschirme, im Wechsel, wie ganz langsames Nicken.
***
Ich
werfe die Nerven weg und kaufe mir ein Duschmarkerl. Das Wasser von
der ersten bis zur dritten Minute eisig. Ich frage, ob das eh so
gehöre und bekomme ein sehr schlichtes „Ja“ zur Antwort, als
hätten nur verwöhnte Diven anderes erwartet. Mein Beitrag zum
Energiesparen. Notiz an mich selbst: ab jetzt tapfer münkeln.
***
Freude
an der brüderlich-väterlichen Integrität der drei Männer, das ist nicht
einfach ein erholsamer Kontrast zur ganzen toxischen Männlichkeit da
draußen, sondern im Grunde eh genau der Alltag, an den man glauben
kann.
23.3.
Breiter Grieskogel – Ötztal – Wels
Eine große Tour. Wir sind nun alleine unterwegs und freuen uns doppelt über das Gelingen.
***
Über
kurz oder lang wird allen Hütten hier das Wasser ausgehen. Sämtliche
Karten veralten rasant mit dem Rückzug der Gletscher. Ich wiederhole: nicht mehr duschen ab jetzt.
***
Im
Ötztal unten wie immer der Clash mit Landschaften und Temperaturen.
***
Mit
der letzten Kraft heim. Mir stehen die Haare zu Berge, bis zur
divenhaft heißen Dusche.
24.3.
Immer
sollte man nie weg gewesen sein, wenn es nach den Bedürfnissen der
anderen geht. Es sollte mich immer weniger Energie kosten, sie
abzuweisen.
Den
Tomatenpflanzen bin ich nicht abgegangen, aber Fini liebt mich heute
besonders.
***
D. schaut vorbei. „Hast du gegessen?“ „Ist das ein exotischer
Gruß, oder hast du wirklich was für mich?“
25.3.
Immer
noch im Bann von „What I Loved“ und etwas nostalgisch nach einer
Zeit, in der man noch in New York leben wollte, und dort etwas Großes
werden.
***
Josef
Hader nähert sich dem Stadttheater mit der geübten Unauffälligkeit
des Stars, der er ist, mit einem Shoppingsackerl voll Apothekenware.
Alle sind bemüht, sich nichts ankennen zu lassen, aber die Luft
knistert vor Zuneigung. Bei mir besonders, weil ihm Fini so gut
gefällt, dass er auf den meisten der Fotos zu ihr und nicht in die
Kamera schaut. Die Foto-Olympiade für die "Freunde des Schlachthofs" ist notwendig, weil alle vier
Jahre mein Haar so viel Farbe lässt, dass man mich auf den alten Fotos nicht mehr erkennt.
„Hader
on Ice“ ist noch einmal so viel besser als am Anfang, was bestimmt
auch daran liegt, dass ich das Programm nicht im unbequemen
Zirkusgestühl mit Maske im Gesicht anschauen musste.
27.3.
Zur
Weltlage fällt mir immer weniger ein. Die Spalttiefe zwischen Alltag
und Welt gerät allmählich in die Kategorie „Marianengraben“.
Ein
Bundesheerhubschrauber direkt über meinem Luftraum, müssen die mich
nicht wegen einer Überflugsgenehmigung fragen?! Ich google die
Kubikmeter meines Himmelsbesitzes nach oben hin und ob eh kein Krieg ausgebrochen
ist.
***
Der
Tag zerrinnt zwischen den Fingern ohne nennenswerte Resultate, aber
das ist keine Beschwerde. Auch das oben beschriebene
Auseinanderklaffen nicht, aus schierer Egozentrik. Zufriedene
Apathie, besonders am Abend.
28.3.
Zwettl
A.s Apotheker hat es zu „Willkommen Österreich“ geschafft, wegen
seiner sagenhaften Unfreundlichkeit. Da seien schon reihenweise alte
Damen mit verheulten Augen herausgekommen. Der hätte vielleicht auch
den Hader angeblafft, was er so viel kaufe?! Auch der Kollege in
Schönering ist eher unangenehm – gehört das zur Job-Description, um Hypochondrie im Zaum zu halten?
A. schaut versonnen auf das liebe, zahlreiche und grauhaarige Publikum.
„Frogst du di aa so oft, wo unsa Publikum in 20 Joa sei
wiad?“ Wir sollten uns allmählich etwas einfallen lassen –
leichter, als Jüngere zum Lesen und vor allem braven Zuhören zu
bringen, wird’s wohl, gezielte Longevity-Maßnahmen für unsere lieben Boomer
zu ersinnen. Außerdem weiß ich nicht, was die Jungen lustig finden,
in Zwettl funktioniert der Gut-Aiderbichl-Text recht gut.
Wir
tragen unsere Gage gleich hinüber in den Feinkost-Automaten. Die
Bobo-Preise (8,61 € für einen schmalen Keil Schafskäse)
beunruhigen mich – ist das die Kostenwahrheit, wenn wir ehrlich mit
Mensch und Tier wären? Ächz.
29.3.
So
Am
Tag der Sommerzeitumstellung den Kachelofen einheizen (Ende Oktober
wird’s dann wohl zum Schwitzen). In diesem Frühling fühlt sich
jedes neue Tief wie ein persönlicher Affront an, ein
Schlechtwetteraffront!
***
Primo
Levi ist wie ein Ausflug in die eigene Lesevergangenheit der späten
1990er, auch wenn mich das soziale Leben der Elemente (= Chemie)
immer noch nicht zu faszinieren weiß. Wer mit wem, das ist mir doch
egal!
***
Fini
streckt sich und ächzt dabei, als arbeite sie sehr hart daran, auch noch
die allerletzten Prozent bis zur Erlangung des vollkommenen
Wohlgefühls zu schaffen.
30.3.
Mini-Jetlag
+ Mini-Kater
***
Putin
ist so paranoid, dass seine Exkremente nicht einfach so in den Kanal
dürfen. Irgend ein armer Knecht muss den Despotenkot sammeln und –
ja, was? Im geheimen Mausoleum vorbestatten, weil schon alles von
Putin Kommende göttlicher Natur ist? Im Kack-Reaktor verglüht
werden? Man denkt an Kapuścińskys Schilderungen des Ras oder Schahs,
wo es eigene Zuständige für Hundehinterlassenschaften gab.
***
Mein
„Oeuvre“ braucht einen zweiten Regal-Halbmeter – nach sehr
großzügiger Auslegung des Werk-Begriffs. Zufrieden
bin ich immerhin mit den albernen Titeln, die ich den seriösen
Institutionen bislang unterjubeln konnte: „Der Tagatha-Panther“,
„In Schwanenform Ryan Reynolds gebumst“, „Innere Mongolei“,
„Semtext oder wie wir versucht haben, etwas für die Rampe zu
schreiben und dabei irrtümlich Linz in die Luft gejagt haben.“
***
Bei
Gelegenheit weiter über die Kluft zwischen E und U in der erlebten
Praxis nachdenken: Die vielen Klagen der Kolleg*innenschaft über die
scheußliche Lage der Welt und die Verdummung der Leut' haben schon
ihre Gründe und Anlässe, lesen möchte ich sie aber lieber nicht.
Mir ist wohl aktive statt passive Aggression gerade lieber. Nein:
positive Aggression. Jammern und Satire richten beide gleich wenig
gegen Rechtsruck und Tech-Faschisten aus, aber man kann es in der Apokalypse wenigstens noch ein wenig lustig
haben. Es wächst auch meine Unlust, mich durch Kunst und Kultur
traumatisieren zu lassen, dass also immer ein Hund sterben muss, um
Dringlichkeit zu vermitteln.
Am
Nachmittag gehe ich dann in den Garten und verübe mit der kleinen
Kettensäge ein kleines Massaker am Flieder.
Buttinger
lacht, als ich ihm eröffne, heute in Schönering bleiben zu wollen.
„Eh klar, wenn man dir einen Tag anbietet, nimmst du ihn!“ Wir
alle sollten so handeln, immerhin ist die Zahl der Tage, die uns das
Leben anbietet, begrenzt! Andererseits behalte ich das lieber für
mich, ich bin wirtschaftlich extrem angewiesen auf Leute, die am
Abend gern ausgehen und sich was vorlesen lassen. Eine neue Folge aus
der unendlichen Reihe „Gut, dass nicht alle so sind wie ich“.
Nachts
läuft eine arte-Doku über Terrence Malick – so kann ich die Kunst
und das Ernste nehmen, wegen des Naturschönen. Der Wind, das Gras,
die Blicke, das ist schon groß.
31.3.
Intensiver
Traum, als habe sich erst in dieser Nacht der eingelagerte Weißwein
aus irgendwelchen Depots gelöst: Ich lasse das Auto irgendwo stehen
in einer Parkgebührenzone, ich muss nachts aber mit dem Rad und
später barfuß von Linz nach Schönering, auf halbem Weg drehe ich
um und muss Menschen bitten, mir beim Wiederfinden des Autos zu
helfen. Nirgends ist es zu finden, kein Licht blinkt, da kann ich
noch so oft auf den Schlüssel drücken. Jemand sagt mir, dass graue
Kombis gerne gestohlen werden (spätestens da hätte ich erkennen
müssen, dass ich träume!). Da steht der Vater vor mir und sagt,
wenn das so sei, müsse ich mir halt endlich einmal ein eigenes Auto
kaufen, von meinem Geld. Möge das wache Leben weiter besser bleiben
als mein geträumtes.