Sonntag, August 28, 2022

Im wilden Westen Mitteleuropas. Bei den Awaren

Junge Awarin in Alltagstracht

 

Winifred I

Ein Lǜ Jiǎo ist ein Mensch, der in fremde Wohnungen geht und Fotos vom Klo macht; der den Hund seines Gastgebers mit Füßen tritt; der die Pistole beim Schießen quer hält wie in billigen Actionfilmen; der seinen Namen in die Mauer eines Tempels ritzt und Knochen aus einem Beinhaus stiehlt. Ein Lǜ Jiǎo isst den Schweinsbraten mit Stäbchen. Er ist, was den Westen betrifft, noch grün hinter den Ohren, daher sein Name: „grünes Horn“. Ein Lǜ Jiǎo verwechselt die Langnasen miteinander, weil er sich nicht die Mühe macht, sie unterscheiden zu lernen. Er macht einen Aufstand, wenn keine Kanne Tee in seinem Zimmer steht, er verkauft im europäischen März seinen Nerzmantel und wundert sich, wenn ihn die Erkältung niederstreckt. Ein Lǜ Jiǎo nimmt den Klappfeitel so in die Hand, dass er sich selbst die Finger abschneidet, wenn er damit kämpft. Ein Lǜ Jiǎo steigt in die Berge, weiß die Wolken nicht zu deuten und wundert sich, wenn er erfroren in der Gletscherspalte liegt, dass ihn die Einheimischen nicht herausgezogen haben. Ein Lǜ Jiǎo ist eben ein Lǜ Jiǎo – und ein solches war damals auch ich.

Enge, karge Verhältnisse in der Heimat, der Wunsch, meine Kenntnisse zu erweitern und ein angeborener Tatendrang hatten mich über den Indischen Ozean getrieben. In Doha führte mich das Glück in eine Familie von Landsleuten, wo ich eine Tätigkeit als Hauslehrer fand. Doch eines Abends nahm mich ein Freund der Familie, ein alter Waffenschmied, der meine physische Stärke und meinen Unternehmergeist auf den ersten Blick erkannt und auch sonst Gefallen an mir gefunden haben mochte, zur Seite. „Du bist ein Lǜ Jiǎo!“ Er schnitt mir mit einer Bewegung den Protest ab, „ein großes Lǜ Jiǎo! Und doch will's mir scheinen, dass du für Größeres geschaffen bist!“ Ich wollte die Familie nicht so schnell wieder verlassen, aber der Waffenschmied blieb beharrlich und machte mich mit Geschäftsleuten bekannt, denen er vertraute. Nach einigen Tagen der Verhandlung, in denen er immer wieder mein Geschick beim Rechnen und Schattenboxen gepriesen hatte, war man sich über meinen Kopf hinweg handelseins. Ich sollte Surveyor werden. Die Bahnstrecke, die schon von Changsha über Bischkek nach Teheran führte, die neue Seidenstraße, sollte künftig bis an den Atlantik reichen. Meine Abteilung war für die Vermessung der Strecke durch die Alpen zuständig.

Der Büchsenmacher lud mich zum Abschied in eine der Hafenspelunken, und als wir uns am Ende schnapstrunken voreinander verbeugten, stand ihm das Wasser in den Augen.


Anfang September waren wir bereits drei Monate in Dienst, hatten aber unsere Aufgabe noch nicht gelöst, während die Strecken durch den Balkan sowie durch die Niederungen bis Rotterdam schon vermessen und die anderen Trupps längst wieder zuhause waren. Für unsere Verzögerung gab es gute Gründe. Wir hatten ein sehr schwieriges Terrain zu bearbeiten. Die Bahn sollte dem Lauf der Donau folgen, dann aber in das Voralpenland hin zum Mittelmeer abgehen, durch Täler und über Pässe; wir mussten die geeignete Richtung erst finden und legten uns nach anstrengenden Geländefahrten und Wanderungen spät darauf fest, dem Lauf eines Gebirgsflusses, der in Linz in den Strom mündete, südwärts zu folgen. Erschwert wurde das alles noch dadurch, dass wir uns in einer gefährlichen Gegend befanden, denn es trieben sich Awaren, Slawen und Bajuwaren umher, die von einer Bahn durch das Gebiet nichts wissen wollten. Wir mussten stets auf der Hut sein, wodurch unsere Tätigkeit erst recht verlangsamt wurde. Zudem lagen meine Mitarbeiter halbe Tage völlig betrunken auf der Erde. Es gab immer wieder Streit, insbesondere der trunksüchtige Vorarbeiter Shǔ neidete mir alles. Keiner nahm es genau mit der gewissenhaften Erfüllung seiner Pflicht, sodass die schwierigen Aufgaben allesamt an mir hängen blieben. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn ich bin stets der Ansicht gewesen, dass man umso stärker wird, je mehr man leisten muss.

Nur mit Gǔ, einem unserer Securities, hatte ich es gut getroffen, er wurde mir in dieser Anfangszeit zum Lehrer in allen Fragen, was den Westen betraf. So unterwies der kauzige Kerl mich in der kargen freien Zeit im Gebrauch des Klappmessers und im Fingerhakeln. Und bald erlangte ich in der Kletterkunst und Seiltechnik größte Fertigkeit und kam mit Leichtigkeit jede Wand hoch. „Schön so, junger Freund! So ist's recht!“, rief lachend, „aber bildet euch ja nichts ein, ihr seid immer noch ein Lǜ Jiǎo!“

Langsam kamen wir voran. Seit Tagen hatten wir schon einen mächtigen Berg ausnehmen können, und als wir schließlich auf dem ersten vorgelagerten Hügel standen, tat sich vor uns ein herrliches Panorama auf; ein tiefgrüner See füllte die Ebene zwischen den karstigen Türmen. Des Abends schlugen wir unser Lager an einer kleinen Halbinsel am Westufer auf. Gǔ lud mich an sein Feuer. „Lasst morgen die Arbeit einmal ruhen. Wollen auf die Jagd gehen, die Wälder sind so dicht, es muss ganze Herden an Rotwild geben, und wenn Ihr halbwegs rüstig zu Fuß seid, zeigt sich uns vielleicht die eine oder andere Gämse, wenn ich nicht irre.“

Und wirklich war uns das Jagdglück am nächsten Tag hold, allerdings nicht so, wie sich der erfahrene Westmann das vorgestellt hatte. Wir waren zwei Stunden in den Bannwald hinaufgestiegen und erreichten am Vormittag die Baumgrenze. Auf dem Altschneefeld unterhalb eines Kars tummelten sich die Gämsen, von denen ich bis dato nur gelesen hatte. Gǔ bedeutete mir, still sitzen zu bleiben, er selbst schlich sich zu den Bergziegen hinüber. Doch noch ehe er seine Büchse anlegen konnte, gab der Fels unter ihm nach und er fiel wenig geschickt einen Abhang hinab. Den Jäger wittern und auf ihn losstürzen waren dem Leitbock eins. Sogleich legte ich meinen schweren Vorderlader an – ein Schuss krachte und Gǔ war aus seiner misslichen Lage errettet. „Tut mir einen Gefallen, erwähnt mein Missgeschick nicht!“, bat er mich, nachdem wir die Keulen der Gämse ausgelöst und in die Rucksäcke geladen hatten. Ich sicherte ihm das lachend zu und wir machten uns an den Abstieg.

Wir hatten uns auf zwei Li dem Lager angenähert, als grässliches Geschrei die Gebirgsruhe durchschnitt. Ich lief in langen Schritten und hatte bald den Ort des Geschehens erreicht. Den Augen bot sich Entsetzliches – rings auf den Bäumen saßen die Arbeiter und brüllten um Hilfe. Direkt vor mir stand der Braunbär und wühlte im Unterleib des Kochs Long, der es nur auf den ersten Ast einer Buche geschafft hatte. Ich hob – ohne nachzudenken – einen Stein vom Boden. Der Petz hielt, am Kopfe getroffen, sogleich in seinem Wüten inne und drehte sich zu mir um, der ich ihn mit einem Schuss ins rechte Auge empfing. Der Bär sackte auf die Vorderläufe, dann tappte er stracks auf mich zu, wo er sich wieder erhob. Ich zog mein Klappmesser, sprang zwischen die Tatzen und stach zu. Viermal in das Herz hinein. Der Bär gab nach und sank in seinen Tod. Ich ging zum Stamm, an den sich Long klammerte. „Lasst los, Mann, ich helfe euch herunter!“ Der Anblick war wüst, die Eingeweide hingen ihm aus dem Bauch. Er war tot. Die Arbeiter wollten erst von den Bäumen steigen, nachdem ich ihnen die Leblosigkeit des Tieres bewiesen hatte.

Gǔ hatte alles gesehen, er beugte sich über den Leichnam. „Ó! Ein Braunbär, hier? Dachte, die wären samt und sonders ausgerottet! Muss von Karantanien her kommen.“ Die Arbeiter, die gerade noch um ihr Leben gefürchtet hatten, wollten sich nun gierig daran machen, dem Bären die Krallen und den Penis abzuschneiden, um sie als Heilmittel weiterzuverkaufen. „Der Bär ist mein!“ rief ich, aber sie wichen nur kurz zurück. „Noch ein Schritt weiter und ich schlage jeden ohnmächtig, der --“

In diesem Augenblick tönte eine laute Stimme. „Meine Herren, seid ihr toll? Was für einen guten Grund könnte es geben, dass Landsleute einander den Hals brechen?“ Alle drehten sich um. Da trat ein buckliges Männlein hinter einem Baum hervor. Er war so hellhäutig, dass man ihn für einen Europäer halten musste. Die Arbeiter verzogen höhnisch die Gesichter. Der Kleine beachtete sie nicht, sondern wandte sich an mich. „Habt Ihr Kraft in den Knochen, junger Herr!“ Er kniete sich zum Bären. „Ihr seid uns zuvorgekommen. Da liegt er, der Braune. Hat angefangen, unser Vieh zu reißen. Drei Tage sind wir seiner Fährte gefolgt.“ Er richtete sich wieder auf. „Ihr seid Landvermesser?“ Ich nickte und erzählte ihm von der Bahn. Ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Der Boden, auf dem Ihr euch befindet, gehört dem Stamm der Awaren vom Salzberg.“ „Was geht euch das an?“, brüllte da Shǔ. „Ich gehöre zu den Awaren“, antwortete der Bucklige ruhig. „Ah!“ krähte Shǔ in spöttischer Bewunderung, „Huángsè-fùqīn, der Schulmeister der Langnasen!“

Der Kleine rief ein europäisches Wort in den Wald, das ich damals noch nicht verstand, worauf zwei außerordentlich interessante Gestalten auf die Lichtung traten. Es waren offensichtlich Vater und Sohn, die da würdevoll auf uns zukamen. Sie trugen ihr reiches blondes Haar wie einen helmartigen Schopf, ihre Augen strahlten blau. Sie waren von etwas mehr als mittlerer Gestalt und in die grünen Jagdröcke der Gegend gekleidet. An den Beinen trugen sie wollene Socken, darüber fein gearbeitete und schön bestickte kurze Hosen aus Gamsleder. Der Jüngere war ungefähr in meinem Alter und machte schon heute, da ich ihn zum ersten Mal erblickte, einen tiefen Eindruck auf mich. „Das sind meine Freunde“, sagte Huángsè und wies auf den Älteren. „Das ist Ingenieur Tschurner, Bürgermeister der Salzberg-Awaren, der auch von den anderen Stämmen als Bezirksobmann anerkannt wird. Und hier steht sein Sohn Winifred, der trotz seiner Jugend schon mehr kühne Taten verrichtet hat als fünf alte Jäger.“ Das klang überschwänglich, war jedoch, wie ich später erfuhr, nicht zu viel gesagt. Shǔ aber lachte wieder höhnisch auf.

Winifred bückte sich zum Bären hinunter und betastete die Wundmale. „Wer hat diesen Bären mit dem Klappmesser angegriffen?“ Er sprach reines Mandarin. „Ich“, war meine Antwort. „Das junge Gelbgesicht hat großen Mut bewiesen!“ Der Bürgermeister der Awaren wandte sich an Shǔ. „Mein gelber Bruder mag mir einige Fragen beantworten und dabei die Wahrheit sagen. Hat er im Osten ein Haus, und ein Stück Land dabei?“

Shǔ unterdrückte seinen Hohn halbherzig. „Ja.“

Wenn nun der Nachbar einen Weg durch diesen Besitz meines gelben Bruders bauen wollte, würde dies mein Bruder dulden?“

Nein.“

Die Länder jenseits des Himalayas und des Indischen Ozeans gehören den Chinesen. Was würden sie dazu sagen, wenn die Europäer kämen und dort Eisenbahnen bauen wollten?“

Sie würden sie fortjagen.“

Mein Bruder hat die Wahrheit gesprochen. Die Gelben kommen in dieses Land, schießen unsere Gämsen, füllen unsere Dörfer, verkaufen uns ihren elektrischen Plunder. Sie rauben unsere Bodenschätze und Arbeitsplätze. Was werden wir dazu sagen?“

Shǔ schwieg.

Haben wir etwa weniger Recht als ihr?“ fuhr Ingenieur Tschurner fort. „Ihr nennt euch Kommunisten und sagt, dass alle gleich sind. Ihr rafft alles an euch und werft es auf den Weltmarkt. Ist das gerechtes Wirtschaften? Jeder von euch möchte einen ganzen Staat besitzen!“

Es ist notwendig für das Wachstum“, sagte Shǔ kleinlaut.

Da wurde der Häuptling unwirsch. „Es ist nicht notwendig, dass ferner noch Reden gehalten werden. Ich, Tschurner, will, dass ihr heute noch fortgeht. Alsdann!“ Er nickte seinen Begleitern zu, die drei wandten sich zum Gehen. Da griff Shǔ mit einer Geschwindigkeit, die ihm niemand zugetraut hätte, nach der Pistole. Ich stürzte auf ihn zu, doch schon löste sich ein Schuss. Huángsè sprang beherzt vor seinen Schützling Winifred, dem die Kugel gegolten hatte. Sie trat dicht neben dem Herz des Alten ein, er stürzte wie ein gefällter Baum. Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erscholl. Die beiden Weißen knieten nieder, der Jüngere hob den Kopf des Getroffenen auf seinen Schoß. Das Blut quoll hervor. „Winifred, mei Bua!“ flüsterte er in der europäischen Mundart. Da wandte er sich zu mir, sprach mit dem letzten Atemzug auf Mandarin: „Bleiben Sie ihm treu! Führen Sie mein Werk fort... die Weißen brauchen Ihre Hilfe!“ Ich sagte es ihm ergriffen zu. Er hauchte sein Leben aus.

Winifred und sein Vater hoben stumm den Leichnam auf. „Ich will euer Freund sein! Ich gehe mit euch!“ drängte es über meine Lippen.

Da spuckte mir Tschurner ins Gesicht. „Räudiger Hund! Länderdieb!“

Die Weißen hoben ihren toten Lehrer auf ihren Traktor, banden ihn fest und fuhren von dannen. Sie hatten keinen einzigen Blick mehr für uns.

Am nächsten Tag, noch vor Sonnenaufgang, bestiegen Gǔ und ich unsere Motorräder, um den Spuren des Bürgermeisters und seines Sohnes zu folgen. Sie waren im Uferschlamm des Sees zunächst noch weithin zu sehen, was uns verwunderte. Am Südufer des Sees führten sie zu einem Forstweg, und mich deuchte, der Traktor habe hier gehalten. Und wirklich entdeckte ich in scharfer Beobachtung eine Fußspur in den Wald. Sie endete am Fuße einer Felswand, und von hier ging eine Motorradspur weg. „Hāu, das Lǜ Jiǎo hat einen scharfen Blick!“, lobte mich Gǔ. Wir fuhren weiter in den Süden.

Zu Mittag sahen wir Staub vor uns aufsteigen. „Werden Gesellschaft kriegen“, sagte Gǔ, und fuhr zu meiner Überraschung den Weißen entgegen. „Es sind Bajuwaren, ihr Führer ist Franz, ein unternehmender Waldmann. Keine Bange, sind Verbündete. Die Awaren hassen sie, weil sie ihnen das Salz wegnehmen und am Markt verschleudern. Unsere Rettung, wenn ich nicht irre.“ Kurz darauf stand der Spähtrupp vor uns. Franz, ein junger Mann mit zurückgelegtem Haar, gewandet in einen engen Anzug, grüßte uns. Wir boten ihm und seinen Leuten unsere Lotus-Zigaretten, und bald saßen wir schmauchend da und verhandelten. Uns fehlte für die Bahn nur noch die Strecke bis zum Gebiet der Styrer. Den Bajuwaren versprachen wir für unseren Schutz 24 neue Smartphones. Nach einigem künstlichen Zieren sagten zu.

Am nächsten Tag machte ich mich wieder an die Arbeit. Die Bajuwaren lagerten abseits und warfen, wie wir feststellen mussten, begehrliche Blicke auf unseren LKW. Meinen Kollegen war unwohl, und auch ich fühlte in mir angesichts der zu erwartenden Ereignisse eine innere Unruhe – kein Kanonenfieber um meiner selbst willen, sondern um den Ingenieur und seinen Sohn! Ich dachte so fortwährend an ihn, dass er mir innerlich immer näher trat. Und sonderbar, ich habe später von ihm erfahren, dass er sich damals ebenso oft mit meiner Person beschäftigt hat wie ich mit ihm.

Wir schlugen an diesem Abend unser Lager neben einem aus dem Felsen gehauenen Löwen auf, der die Grenze zwischen den Reservaten der Bajuwaren und jenen der Salzberg-Awaren markiert. Keiner von uns tat in dieser Nacht ein Auge zu – und trotzdem fuhr uns der Schrecken in alle Knochen, als das Kriegsgeheul der Weißen die Stille zerriss! Wir sprangen auf unsere Beine, da drangen die Angreifer schon aus dem Unterholz. Mit erhobener Mistgabel rannte der Ingenieur an der Spitze; als ich seiner gewahr wurde, lief ich mit ein paar Sprüngen auf ihn zu, um ihn daran zu hindern, im Kampf gegen die verfeindeten Bajuwaren ein Leids zu erfahren. Der Anführer hieb auf mich ein, nur mit knapper Not entging ich seinen Angriffen. Das Gefecht wogte um uns herum. Eine Sekunde reichte mir, da er seine Deckung vernachlässigte, dass ihn meine Handkante an der Schläfe traf und er scheinbar tödlich getroffenen fiel. Da! Ein derber Schlag mit einem Baseballschläger auf meine Schulter – Winifred! Meine Linke hing wie gelähmt von der Schulter, mit der Rechten wehrte ich das Messer ab, mit dem er auf mich losging. Vergebens suchte ich das Gespräch – er glaubte seinen Vater von mir getötet und drang wütend gegen mich vor. Meine Lage war äußerst schlimm. Er holte zum Stoß gegen meine Brust aus, der mir die ganze Klinge in die Brust treiben musste. Ich brachte nur eine geringe Bewegung zur Seite fertig. Das Messer traf meine linke Brusttasche, traf dort das Huawei und drang oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge. Dann zog Winifred es wieder heraus und holte zum zweiten Mal aus. Die Todesangst verdoppelte meine Kräfte. Ich packte seine rechte Hand und drückte sie so, dass er das Messer vor Schmerz fallen ließ. Sprechen konnte ich nicht mehr, das Blut floss in einem dicken Strahl aus Hals und Mund. So drehte ich mich um meine Achse und konnte mit letzter Kraft einen Roundhouse-Kick an Winifreds Schläfe platzieren. Er sank neben seinen Vater hin. Tief holte ich Atem, wobei ich darauf achten musste, das Blut nicht zu verschlucken. Da hörte ich einen zornigen Ruf eines Awaren hinter mir und bekam einen Kolbenhieb, der mir die Besinnung nahm.

Als ich wieder zu mir kam, war es Tag. Ich fühlte, dass ich mich in Bewegung befand, wohl auf der Schaufel eines Traktors. Schulter, Kopf und vor allem der Mund schmerzten entsetzlich. Ich verlor erneut die Besinnung. Lange kämpfte ich mit Gämsen, Braunbären, Awaren. Schnee fiel mir ins Genick, Nebel blendete meine Sinne. Zuweilen sah ich zwei strahlende blaue Augen vor mir. Dann starb ich, wurde in der Erde vergraben, ganz nach Brauch der Weißen. Es war der Wundbrand, in dem ich gegen den Tod kämpfte.

Einmal beugte sich ein vertrautes Gesicht über mich – Gǔ, der Westmann! Er strahlte. Ich versuchte zurückzulächeln. „Drei volle Wochen!“, rief er, so lange habe ich dagelegen, während mich die Einheimischen mit Homöopathie und der TCM, die sie Huángsè gelehrt hatte, zu retten versuchten. 

 ***

So fügte es sich im Folgenden, dass ich nicht nur überlebte, sondern bald Mitglied des Stammes werden sollte. Wie ich den Kampf um mein Leben gegen Winifred gewann, wie ich sein Bruder wurde, wie ich den Weißen half, die Neue Seidenstraße zu verhindern, wie es meinen Landsleuten dennoch gelang, das ganze Lager der Awaren am Fuße des Salzberges zu rauben und zuhause in Südchina als Schau-Dorf im Vergnügungspark aufzustellen – – das und noch vieles mehr bleibt im zweiten Teil meiner gesammelten Reiseerlebnisse zu berichten. 

 


Veröffentlicht (gekürzt) unter dem Titel "Im Westen" in: Facetten. Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, 2018

Donnerstag, August 11, 2022

Das Menschenbestimmbuch (ein Text, der euch vielleicht vor dem Tod bewahrt)

Den Sommer möchte ich nutzen, um mich schon ein wenig darauf vorzubereiten, meinen Job angesichts voranschreitender Automatisierung zu verlieren. In den Ferien kann man es sich ja besonders leicht vorstellen, ersetzt zu werden! Ich freu mich drauf. Da es aber auch sein kann, dass uns die Maschinen wegen Nutzlosigkeit umbringen, kommt es mir gescheit vor, den zukünftigen Herrscherinnen (gen. Femininum) etwas anbieten zu können, das meine weitere Existenz rechtfertigt. Wer das hier liest, ist wert, mit mir weiterzuleben, also verrate ich euch meine Überlegungen. 
 
Symbolbild "Mensch", Rasse: "Frau", Subkategorie "Dosenbiertrinkerin im ÖBB Railjet aus der Perspektive von einem Menschen, der Dieter Decker heißt"

 
Es geht um naturkundliche Vermittlungstätigkeiten - so wie ich das Unkraut meiner Heimat kennen möchte, sollen die Androiden mit Bestimmbüchern für Leute ausgestattet werden. Hier die Menschen-Rassen:

Menschen, die ihren Rotz in Tüchern mit sich herumführen

Menschen, die ausgeborgte Sachen zurückgeben

Menschen, die dem Kaiser gehören

Menschen, die gern mit ihren Fingerknochen knacken

Menschen, die unter 10 Sekunden für 100 Meter brauchen

Menschen, die gern bügeln

Menschen, die nur in englischen viktorianischen Romanen vorkommen

Menschen, die After Eight mögen

Menschen, die andere Menschen töten

Menschen, die „zum Bleistift“ sagen

Menschen, die Menschenbestimmbücher schreiben

Menschen, die 1,65 sind und 65 Kilo wiegen

Menschen, die römisch-katholisch sind

Menschen, die leicht neurotisch sind und sich neben Luftballonen nicht entspannen können, weil sie jederzeit mit deren Platzen rechnen

Menschen, die Tiroler sind

Menschen, die keine Menschen sind, weil sie keine Tiroler sind

Menschen, die Ludwig Wittgenstein verstehen

Menschen, die Ludwig Wittgenstein waren

Menschen, denen so eine depperte Auflistung gefällt

Freitag, April 01, 2022

Gabalier im Saharastaub, Fischmord in der Arktis und Kastrationsgedanken in Schönering

Phantomereignisse im März 2022


1.3.

Wir schauen partnerschaftlich maschek, die ein Hörgerät vorstellen, mit dem man Männerstimmen stummschalten kann, um Mansplaining zu vermeiden.

Des gfoit da wieda!“

Ha?"


2.3.

Die unterhaltsamsten Mikro-Ereignisse kann ich leider nicht veröffentlichen, weil ich zwar Spaß liebe, aber auch um mein Ansehen fürchte.

Aber es gibt auch kleine Nöte! Es ist wieder die Zeit im Jahr, in der alle schreibenden Menschen in meiner Filterblase ihre neuen Superromane in den angesagten Superverlagen ankündigen, und ich – leider kein Witz – den ganzen Tag nur einen Halbsatz korrigiert habe. Es braucht ein starkes Seelenleben, um nicht in die Krise zu stürzen. Oder so wenig Ambition. Oder ein angenehmes Leben.


3.3.

Die gleißende Sonne zeigt mit spitzen Strahlenfingern auf meine winterlichen Putzversäumnisse.

***

Auflösung“ liest sich überraschend milde dahin, aber Houellebecq hat extrem wenig Ahnung vom Leidensdruck am Ende eines Zungengrundkarzinoms – obwohl ich diese Kenntnis als HNO-Arztenstochter auch nicht haben wollte. Was schwerer wiegt und verstört: Frauen sind ihm Black Boxes, er ist bei der Beschreibung von Sex so phallozentrisch wie das christliche Abendland. Öd. 

4.3.

Welcher Mensch muss ich werden, um endlich die 34 Ordner modernder Philosophie aus dem vorhergehenden Jahrtausend (= meinem Studium) wegzuschmeißen? Kommt die Dekonstruktion wieder einmal in Mode wie meine Latzhose aus den 90ern?

***

Hier ein nicht besonders sachlicher Beitrag zur brandenden Ukraine-Debatte: Diese ganzen Putin-Versteher, diese sentimentalen Möchtegern-Bolschewisten, sind – nur meine Meinung! - verkappte Sextouristen, die Cuba ihre zweite Heimat nennen und drüben Frauen „haben“, die 30 Jahre jünger sind, aber die Zähne zusammenbeißen, weil in ihrer verdammten Armut sogar die antikapitalistischen älteren weißen Herren sich ein junges Puppi „drüben“ leisten können – für Thailand sind sie sich politisch zu gut.

***

Ausgedehnte Wutgefühle, weil es im Eurospar an der Salzburger Straße keine Falafel mehr gibt („Wos is des? Wos Ausländisches eher, goi?") und ich schon zu tief im Unterzucker bin, um mir etwas anderes als Abendmahl ausdenken zu können. Und nichts ist dort, wo es hingehört! Zum Glück erscheint mir das überaus liebe Ehepaar Pintar, sodass es mir gelingt, mich nicht wie eine Zweijährige tobend auf den elenden Supermarktboden zu werfen. 

6.3.

Bei der impulsiven, extrem deppert angelegten Abfahrt von der Südflanke des Kraxenberges erkenne ich (im Alter von 43), dass mangelnder Mut nicht mein Problem ist, eher im Gegenteil.

Wenn es um das unwillige Verlassen des Hauses geht, komme ich frühzeitig der Mutter nach – bei aller Liebe, aber das ist zu früh. Die entgleisenden Wanderungen (s.o.) sind wahrscheinlich nichts als eine übertriebene Gegenmaßnahme.

***

The Irishman“ ist jetzt wirklich der allerletzte Mafia-Film, den ich in diesem Leben noch sehen möchte. Ich bin in Bezug auf dieses Genre und diese Bevölkerungsschicht endgültig durchinformiert. Und so viel Aufwand für die wechselnden Jahreszeiten der weißen Männer!


7.3.

Putin zerbombt die Ukraine, um sie zu „entnazifizieren“. Das macht nachdenklich. Zwar kann man leicht erkennen, wann Putin gerade nicht Scheiße redet (sein Mund bleibt geschlossen), aber wenn er das selbst glaubt, sollten wir uns hier in Oberösterreich (Spitzenreiter bei rechtsextremer Hasskriminalität seit Jahrzehnten) schon einmal gut überlegen, womit wir in die (von rechts immer eingeforderten) „Verhandlungen“ mit dem kleinen sowjetischen Völkerkiller gehen wollen.

Beim Putinverstehen sind sich übrigens rechts- und linksradikale Männer einig. Man kann sie dennoch leicht unterscheiden durch die Antwort auf die Frage, ob sie die Puppis von Thailand oder Kuba fescher finden.

***

Mittelextremer Themenwechsel: Die Materie rund um mich erfordert so viel Wartung, dass ich im Grunde gleich aufgeben und Hausfrau werden könnte. Aber ich habe mir durch radikale Predigten den Weg in die Gemütlichkeit verbaut. Schas.

Andererseits ist auch ein Erfolg eingetreten (auf niedrigstem Niveau), denn ich glaube, endlich zumindest in alle Schachteln, Laden, Truhen, Kästen einmal hineingeschaut zu haben. Hin und wieder überkommt mich ein sehr arges Gefühl, wenn mir jetzt immer mehr Leute von ihren alternden Eltern und deren überquellenden Haushalten erzählen; „wenigstens das habe ich hinter mir“, denke ich dann, und würde gleichzeitig sofort wieder ein Haus voller Glumpert, aber auch Eltern zurückhaben wollen.

Extrem heikler Fund in den dunklen Kapiteln der Geschichte meines Elternhauses. Diskutiere!

8.3.

Sobald andere Menschen ins Spiel kommen, wird mein Lebenstempo hinfällig. Alle sind zu schnell und zu langsam gleichzeitig (Schrödingers Katzentrott). Die junge, sehr freundliche Dame im renommierten Frisiersalon schneidet mir 75 Minuten das Haar und wird trotzdem nicht rechtzeitig fertig, weswegen ich mit rechtsseitig skurril ausgebuchtetem Hinterkopf in die Bundeshauptstadt reisen muss. Leider bin ich weder jung noch schön, sodass mein Verschnitt eventuell noch als neuer Trend durchginge. Beim Bühnengespräch mit Mieze Medusa versuche ich einfach, dem Publikum nicht den Rücken zuzuwenden. 

Mein Frack ist mein Las Vegas.

Übrigens sind alle Menschen auch entweder besser oder schlechter als ich; viel besser die nie faule Mieze oder die liebe, gute Freundin im Publikum, die ihren Konzernsjob aufgegeben hat, um schlecht bezahlt gegen weibliche Genitalverstümmelung zu kämpfen.

Schöne Sätze in Miezes Texten: „Ja, denkt denn niemand an die Pilze?!“ „Die Welt mag es nicht, wenn dicke Frauen glücklich sind.“ Der Satz ist leider autobiographisch inspiriert, sie erzählt, sie habe nach einer Lesung tatsächlich schon einmal Diätrezepte zugesteckt bekommen. Eine „Freundin“ habe ihr beschieden, sie halte sie für die Bühne einfach für zu fett, sorry, aber sie komme damit einfach nicht klar. Das sind die Leute, die sagen „ich bin nur ehrlich!“ Wenn ich einmal etwas zu sagen habe, steht auf dieses Delikt gegen das gute Auskommen zwischen den Menschen eine Verwaltungsstrafe von bis zu 35.000 €. So viel muss euch die Ehrlichkeit und die Freiheit, andere Menschen zu verletzen, schon wert sein!

Nachtrag Juli: Übrigens hat mir die reuige Hair-Stylistin beim Bezahlen einen Rabatt gegeben und angeboten, dass ich gleich morgen zur Vollendung wiederkommen dürfe, aber dafür war ich zu faul, sodass ich noch bis Mitte Juni mit der Haarbeule herumgelaufen bin.


9.3.

Der kleine Fritz Weidenholzer ruft mich unabsichtlich aus London an, die arme Anna ist schon munter (7:30 GMT). „So ist das jetzt“, sagt sie leicht erschüttert, aber grundsätzlich froh. In ähnlicher Gemütsverfassung erzähle ich von der belastenden Suche nach einer Brautmode, weil man dafür seinen Körper anderen überlassen muss. („Aber nicht in Schwarz!“ „Schau, ein grünes Leinenkleid.“ „Vintage ist nicht deins, oder?“ „Gehen wir miteinander zu Hänsel und Gretel!“ „Der Stöcker in Eferding hat vielleicht was für dich.“) Anna tröstet mich damit, dass mir mein Körper doch immerhin ein paar Jahre gehört habe.

***

Auf orf.on hat es der Diebstahl eines Innviertler Dackels von den Regionalmeldungen wegen guten Zugriffs in die Headlines geschafft.

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Ich kaufe eine lange Unterhose für 99,95 €. Jedem anderen hätte ich dafür den Vogel gezeigt.

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Abends wieder Lesung mit Mieze. Es wird so feministisch, dass mir die Männer fast schon wieder leid tun. Nach außen hin lasse ich mir nichts anmerken und plädiere für Tyrannenmord. Aber nur zur Hege! Und wenn die Despoten weidgerecht den Blattschuss annehmen und so aus dem Bestand letal entnommen werden können.

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Tages-Highlight eines sehr, sehr leicht zu unterhaltenden Menschen: Der Hund furzt so laut, dass sie selbst erschrickt und aufgeregt bellt.


10.3.

Seit Wochen höre ich beim Arbeiten Barockmusik. Das kann doch nicht ohne Spuren bleiben! Vielleicht bin ich bald für degressives Arbeitslosengeld und gegen die Erbschaftssteuer. Vielleicht erhöht sich meine Milchleistung (oder geht das nur bei Mozart?).

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Vielleicht schreibe ich erst wirklich gute Texte, wenn ich die echten inneren Nöte und Bedrängnisse hergeben kann.

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Seit heute bin ich offiziell Mitglied der Pataphysischen Gesellschaft in Österreich, obwohl ich nicht genau sagen könnte, was Pataphysik ist, aber man hat mir gesagt, dass es eh genau darum geht. 

 

11. bis 19.3. LYNGEN, NORWEGEN

Kein Wort geschrieben, aber 6000 Höhenmeter gegangen – ein hervorragender Tausch! Welche Anstrengungen ich auf mich nehme, um der Arbeit zu entgehen. Viel ist nicht passiert, und zugleich sehr viel.

Als das erste Nordlicht erlosch, senkten wir die Köpfe vom Himmel und wünschten einander ein gutes Neues Jahr. Wir waren euphorisch, weil uns gleich am ersten Abend das widerfuhr, was das heimliche und gemeinsame Ziel der Reise war. Mehr wollte ich fast nicht verlangen, aber ist war natürlich nicht ganz ernst gemeint. Ohne sehr viel Schnee und sehr viel Meer und sehr viele Abfahrten wäre meine Flugscham noch viel größer gewesen. 

Die Landschaft von Troms og Finnmark, die wir beim Anflug sehen, ist schon so berückend, dass ich nach der Landung am liebsten applaudiert hätte.

Unüblich war es nur, dass wir so wenig mit den Norwegern an sich zu tun hatten. Kann an unserer Selbstgenügsamkeit liegen, oder am Naturell, wir unterstellen dem Menschenschlag der Arktis distanzierte Freundlichkeit und reduziertes Lebenstempo. Die Evidenz ist aber dünn; ganze Sätze (drei) habe ich nur mit dem Outdoor-Ladenhüter gewechselt, der mir erfolgreich eingeredet hat, das angesagte Schlechtwetter, das sich am Tag der Abreise einstellen werde, sei ein Ausläufer eines karibischen Sturms. So wie überhaupt das ungewöhnlich warme Wetter – es hat durchgehend Plusgrade, dabei liegt Lyngseidet wirklich sehr weit im Norden (ganz Island und fast ganz Kanada liegen südlich, das Nordkap ist 450 Autokilometer entfernt). Regnen, so der Mann, solle es zu dieser Jahreszeit noch lange nicht. Schon bei der Landung war es mehr als mild, im Flugzeug dachte ich noch, dass der Pullover zu dünn für die paar Meter zur Ankunftshalle sein würde, da umfing mich milder Sonnenschein. Die Menschen in der provisorischen Halle empfingen uns entspannt wie Südseemenschen. „Die Maske könnten wir jetzt abnehmen, sagt eine strickende Deutsche, die mit unserem Flieger zurück nach München fliegen wird. Die Pandemie ist in Tromsø abgeschafft.

In einem Kiosk an der 3201 Kilometer von Schönering entfernt, und es ist so warm wie zuhause. Privat freut uns der freundliche meteorologische Empfang, als Spezies macht er uns Sorgen. Mit Pulverschnee wird’s auch nicht viel diese Woche, aber der Firn macht alles wett. 

Noch wichtiger als der Schnee ist das Licht. Natürlich, die Nordlichter. Mitte März ist Verlass auf sie. Aber was sich hier über die Landschaft legt, strahlt klar und großzügig. Um diese Zeit im Jahr richtet sich die Sonne ein, um zu bleiben. Sie steht tief, der ganze Tag ist in die Milde eines ewigen Sonnenuntergangs gebettet. Auf der Fahrt vom Flughafen nach Lyngseidet müssen wir eine Stunde auf die Fähre warten, aber das ist keine im Transit verlorene Zeit, wir hätten es alle noch viel länger an diesem Strand ausgehalten. 

Immer wieder nehmen wir Fähren, um zum Ausgangspunkt der Touren zu kommen, und manchmal fahren wir so lange, dass die Körper noch an Land den Seegang spüren.

Unerwartet das Aufbranden der Jagdlust beim Kabeljaufischen. Ich war nur zur Abwechslung mitgekommen. Wir fahren ein paar hundert Meter in den Lyngen-Fjord hinaus. Dann drückt er uns Angeln in die unkundigen Hände. Eine halbe Stunde später liegt der Dorsch am Boden und sieht mich traurig an. Ich wende beschämt den gerade noch so jagdlüsternen Blick und überlasse den Männern das Handwerk des Tötens. So ein Mensch bin ich also.

Dies und das to remember:

Die Abfahrten über „edles Skigelände“ mit direktem Blick auf den Fjord, die letzten paar hundert Höhenmeter bis zur Meereshöhe stets im Erlen-Slalom.

Die Elchfänger an den Kühlhauben der Müll-LKW. Der Rentier- und Elchverbiss an den Erlen und Birken, ihre kumquatförmigen Losungen.

Alkoholismus ist in Norwegen Privileg der Oberklasse. Mit Bargeld zahlen ist wie mit einem Bakelittelefon hantieren. 

Das Paradies ist natürlich auch keines. Den Klimawandel spüren wir (wenn er uns auch angenehm ist). Was stärker bedrückt: Am ersten Tag sehen wir uns glücklich vom Gipfel um, als einer das U-Boot unten im Fjord entdeckt. Offensichtlich mobilisiert das NATO-Mitglied seinen Marine-Fuhrpark. Von hier sind es acht Autostunden bis Kirkenes an der russischen Grenze; wir hatten ganz vergessen, dass Norwegen 200 Kilometer mit dem „Feind“ teilt.

Tiefe, dumme Träume in der Nacht, leichtes Aufwachen. So wenig gelesen und geschrieben habe ich schon lange nicht mehr.

Beim Check-In der Skiausrüstung legt man mein Zeug offensichtlich in einen Shrimps-Container, sodass sich der Hund beim Wiedersehen nicht entscheiden kann, ob sie lieber mein Gesicht oder das fischelnde Gepäck abschlecken soll.


20.3.

Im Traum schaffe ich es nicht, den dementen Hitler zu töten, ich habe ich nur ein wenig gewürgt. Und sogar dafür Scham empfunden. 

 

21.3.

Zum Zahnarzt gehe ich nur noch zum Smalltalken, so eine dermaßen gute Arbeit hat er an meinem Gebiss vollzogen. Wir machen keinen Bogen um schwere Themen, etwa die Seuche. „Mich hat es heuer gar nicht gefreut, Fasching zu feiern. Dabei wäre ich so ein Lustiger!“ Und wir stimmen überein, dass der Putin weg gehört, zur Not letal.

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Einer älteren Spaziergängerin drücke ich Gutsis für den Hund in die Hand, aber auch als Belohnung für sie selbst, weil sie mit einem SPÖ-Sackerl über der Schulter durch den Gegenwind stapft.


22.3.

Das allgemeine Schmusen in der Früh dauert immer länger.

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Zwei Rotkehlchen im Garten. Sehnsucht nach dem allerersten Lockdown.

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Spam-Anrufe aus Lesotho. Jetzt schlägt's 13 mit der Globalisierung!

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Wolf Haas spricht dasselbe umständliche, leicht eckige „Hochdeutsch“ seines Erzählers, man wünscht, er spräche schneller. Aber nur, damit er mehr sagen kann, bevor er unterbrochen wird, denn gerade im ganz Profanen findet er Witz. „Was trägt Wolf Haas im Bett?“ „Tagesreste.“

Müll“ ist ein sehr gutes Buch, und es gibt mir das Gefühl, Partikel eines literarischen Trends zu sein, denn bei mir fahren auch die Leute allerweil ins Altstoffsammelzentrum und freuen sich über die Entsorgung – so bemerkt man das große Versprechen, das in dem Wort anklingt.


23.3.

Im Traum mache ich eine kleine Reise mit Papa und freue mich, dass er wieder so fit ist.

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Wahrscheinlich ist heute der erste Tag, an dem Post nur für mich kommt. Der Herr Holzleitner sendet gar sein Buch mit der Anschrift „Frau Hofrat“, dazu die sehr, sehr skurrile MC „Rock und Pop aus OÖ“, auf der das historische Klangstück „Niemand gibt mir eine Chance“ von Buttingers Punkband zu finden ist. Wie andernorts mit großer Freude festgehalten, spricht hier niemand Geringerer als LH Ratzenböck die Zwischenmoderationen. „Uns geht’s gut in Oberösterreich. Leider sehen das nicht alle so!“ 

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Beim Platzgumer-Abend das kostbare Gefühl, zu dessen großen Zeiten zu jung gewesen zu sein (da hab ich wahrscheinlich gerade die Top-40 mit Udo Huber rezipiert).


24.3.

Ein etwas schmerzvoller Zeitvertreib für privilegierte Frauen Mitte 40: eine Liste aller bisherigen Reisen erstellen und alle Destinationen streichen, die man heute nicht mehr so einfach als unbesorgte Individualtouristin besuchen könnte. Es bleiben Thailand, Belize und Norwegen.


25.3.

Ein guter Mensch schlägt Coala und mir vor, einen Podcast aus dem Boden zu stampfen das mache heutzutage jeder. Sogleich beweisen wir der Vorschlägerin die Sinnlosigkeit des Unterfangens, indem wir eine lange Sprachnachricht aufnehmen, in der wir einander interviewen. Da wir praktisch dieselbe Stimme haben, entsteht ein Schnatter-Brei, der nach der Langversion von „Two talking cats“ klingt.

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Extrem viel weitergebracht auf der To-Do-Liste, weil ich ergoogelt habe, dass die Einkommenssteuererklärung eh erst Ende April abzugeben ist. 

Nachtrag Ende April: Auf den allerletzen Drücker erledigt. So ein Mensch bin ich also.


26.3.

Ich bin für die Einführung einer Geburtenkontrolle für Reiche sowie Investitionen in Bildungsmaßnahmen, um ihren Lebensstandard zu senken. 

 

30.3.

Gestern noch auf dem Gipfel des Dachsteins, heute schon wieder auf der Showbühne des Haushalts. Muss mich mitten im Staubsaugen kurz hinlegen.

Der Dachstein wird mich immer beeindrucken. Er ist aber auch ein jedes Mal arg, ein richtiges Mahnmal für menschliche Machtfantasien gegenüber dem Berg. Klettersteige wie Zahnspangen, Bagger auf dem Gletscher, in den Fels gesprengte Tunnel. Es ist eine ganze brummende, dröhnende, fiepende Infrastruktur dort oben – denke ich und nehme doch gern die Gondel hinauf.

Nach bestandenem Abenteuer umarmen wir einander auf dem Parkplatz der Gletscherbahn, da nehmen wir in den Augenwinkeln etwas wahr, das wir viszeral ablehnen, obwohl wir erst nach und nach erkennen, was sich da vorbereitet. Eine Medienszene, mit ekelhaft foliertem Mercedes G, mit ekelhafter Drohne, mit ekelhaften Leuten in ekelhaft polierten Schuhen und pomadigen Wehrmachtshaarschnitten. Einer steht besonders bescheuert und hölzern da, wir kommen näher und erkennen schließlich den Gabalier. Ein Freund erklärt mir später, dass er jedes Jahr um diese Zeit sein Weihnachtsvideo vorproduziere, heute bei 20° im sahara-bestäubten Firn.

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Das Patriarchat zieht sich natürlich bis in die Haustierwelt hinein: Ich muss Fini einsperren, weil die Nachbarn ihren Rüden nicht kastrieren lassen wollen, ihn aber auch nicht auf dem eigenen Grundstück halten können. Jeden Tag zerre ich das liebestolle Kalb durch die Siedlung zurück in sein Revier. "Ja, Dominika, dass du so gegen die freie Liebe bist!" sagt der Nachbar. Ich drohe mit Alimenten. 

Montag, Februar 28, 2022

Tod in der Raika-Bank, blasphemische Dackel und verhinderte Schöneringer Theaterskandale

Phantomereignisse im Februar 2022


1.2.

Neues im Neurosengarten: das zwanghafte Antworten auf Spammail-Fragen. „Lust auf 'ne geile Nummer?“ „Nope“. Schlimmer noch als der Antwortdrang bei Navi-Anweisungen („Nehmen Sie die nächste Ausfahrt.“ „Mach' ich, danke!“). Ist das ein Symptom für hypertrophe Empathie?

2.2.

Bei zeitgenössischer Musik weiß man nie, ob sich die KünstlerInnen nicht auch ein wenig verspielen.

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Seit ich täglich den Hund eine Stunde entäußern muss, kriege ich Stress, mein Trödelpensum zu schaffen. 


3.2.

Traum davon, einen Tümmler geerbt zu haben, der in einem an die Hauswand geschraubten Kinderplanschbecken dahinfristet wie eine vernachlässigte Geranie.

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Das dumme Glück über Insider-Witze, wenn etwa die Schwestern sich auskennen, wenn ich „Frau Frauke“ greine. Niemals, niemals darf man Außenstehenden erklären, worum es geht, es droht instantane Langweile. In dieselbe Kategorie fallen Handlungsnacherzählungen von „dieser neuen Serie, die wir gerade schauen, auf Nepflix, oder war das Apple?, jedenfalls ist da dieser Typ, und dem seine Frau...“ Man möchte sich da gleich in einem Tümmlerbecken ersäufen.

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Unspektakuläre Erbschaftsangelegenheiten. Die arme Stiefmutter macht den schlechtesten Handel in der Geschichte menschlicher Tauschhandlungen: Torte, Champagner und Goldmünzen gegen 13 Häkeldeckchen und drei Barockmusik-CDs. Bless her!

4.2.

Der Buttinger hat mir Ja gesagt zu unserer eingetragenen Brüderschaft! Jetzt können wir einem gemeinsamen Lebensnachmittag entgegenblicken (zum Wirten gehen, „heute-Show“ anschauen, leicht besoffen auf der Soff einbüseln. Pure bliss!). Und das alles nur, weil ich überhaupt nicht mehr gewusst habe, was ich dem verwöhnten Biest zum Geburtstag noch schenken soll. Aber was kriegt er dann 2023? Europa?!

Weiterführend möchte ich über die Frage nachdenken, warum man sich dem Nachtleben noch unterwinden soll. Es ist doch gottgewollt, dass uns die Jugend für halbtot hält, weil wir abends lieber zuhause bleiben und Erdnüsse fressen.


5.2.

Deswegen implementiere ich meine Überlegung gleich auf der heutigen Party bei Brudi René, indem ich auf demselben Couchplatz verharre, weil die Menschen neben mir eh von alleine wechseln und das Büffet in Griffweite steht. Erst Stunden später, als die Magenwand schon in den Wanten knarrt, entdecke ich das zweite Büffet mit ganz anderen Sachen im Erdgeschoß. René, du Hund! Ich esse zu Fleiß weiter.


7.2.

Das Nichtzuhausesein wird immer anstrengender.

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Aber es zahlt sich aus: Eine Freundin erzählt vom Elternhaus gegenüber der Kirche. Der Vater besaß einen schwarzen Dackel namens „Satan“, den er zu Messzeiten sehr gerne und laut herbeirief.

Zuhause bemerke ich, dass „Entropia“ der bessere Hundename gewesen wäre. „Fini“ liebt ihre Stofftiere eine Woche lang, dann siegt die Mordlust und ich hab' überall Plastikgewölle aus den Eingeweiden.

9.2.

Irgendwann wird die Raika Selbstschussanlagen in ihren Filialen installieren, um den Kostenfaktor „Kundenbetreuung“ positiv zu saldieren. Es wird wohl Unmut geben, aber Anzeigen können nur in den Landeshauptstädten aufgegeben werden, in Polizeiwachstuben mit Parteienverkehr von Dienstag 8 bis 8:15. Der Postbus fährt um 7:59 ab und um 15:38 zurück. Telefonisch kann man 24/7 anzeigen, unter einer kostenpflichtigen 0900-Nummer, die in ein Callcenter in Bangalore führt. 34 Minuten sind fix programmiert, bis das Tonband „Derzeit sind alle Leitungen besetzt" sagt, "die nächste freie Leitung ist für Sie reserviert.“ Nach weiteren 13 Minuten sagt das Tonband „Wollen Sie eine Vignette online bestellen, drücken Sie die 1. Wollen Sie ein Leumundszeugnis für einen Heimkredit beantragen, drücken Sie die 2. Wollen Sie eine Personenstandsänderung im Zuge einer Bankfilialenbetretung melden, warten Sie auf die nächste freie Leitung.“ Die Warteschleife entspricht subjektiv dem Sonnenjahr des Uranus. Um der allgemeinen Politikverdrossenheit entgegenzuwirken, finden Wahlen gebündelt einmal im Jahr statt (s. Uranus), denn der Kunde will es so, es san jo eh ollas Vabrecha do obn.


11.2.

Viererlei Senfe mit Ablaufdaten in den Jahren 2012, 2015, 2017 und 2020 entsorgt, verdorben war davon noch keiner. Vom Senf lernen heißt resilient werden! #prokrastinationsgedanken

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Die versteinerte Dynamik des Gebirges, die schlafende Wucht. 

Angesichts des gesamten Toten Gebirges vom Gipfel des Rosskogels ein kurzer Stich, dass ich hier bald alles gesehen haben werde. Daheim angesichts meiner Tourenwunschliste das Gegengefühl, in diesem Leben nicht die Hälfte davon zu mehr zu sehen.

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Most endangered species: Breitmaulnashorn, Schneeleopard und meine Aufmerksamkeit.


12.2.

Weltschmerz = Sonne + ehrenamtliche Zoom-Sitzung. (Währenddessen heimlich alle Emails geschrieben und immer noch unzufrieden)

Stolz = nicht schon am Nachmittag mit dem Saufen anfangen

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In der Nacht mache ich mir einen Zahnarzttermin eine Stunde vor dem Zahnarzttermin aus. Langes, quälendes Scheitern beim Eingeben der Adresse auf Google Maps, nicht einmal den Namen des Zahnarztes habe ich mir gemerkt. Das Nicht-tippen-Können ist der technologische Fortschritt des früher oft wiederkehrenden Traumes vom Nichtbedienenkönnen eines Wählscheibentelefons. Die Modernisierung meines Unterbewusstseins schreitet nur langsam voran. 

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Champagner + Malakofftorte = bliss.

Überfressen, beschickert und mit wachsender Dysphorie schauen wir das Hader-Interview an, man sieht nur ihn, und man hört André Hellers Fragen gar nicht, aber er ist so eitel, dass sogar seine Abwesenheit brüllt. Hader bemüht sich, schön zu sprechen, es ist eine Qual. Dabei haben wir gerade wieder „Wilde Maus“ gesehen; am schönsten fast die Szene, in der er seiner armen Frau vorjeiert, es seien ihm die anderen Menschen so wie Außerirdische, und sie ihm sagt, dass er einfach ein Arschloch sei.

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Derzeit komme ich zu nichts, außer mir einzubilden, dass ich zu nichts komme.

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Ohrwürmer von den geerbten CDs mit klassischer Musik, durch die ich mich gerade höre, gleichzeitig völlige E-Musik-Demenz, keine Ahnung, wer was komponiert hat. Das Mittelalter sortiere ich wahrscheinlich aus, hier wird zu viel getrötet.

 

15.2.

L. Hartinger über Hans Eichhorn: „Diese allegría des Scheiterns!“ Der Abend für ihn ist so schön, dass man sich eine Weile keinen größeren Wunsch vorstellen mag, als dass einer selbst einmal so innig gedacht werde (aber zu Lebzeiten, man schaut sich das heimlich an). Hier mein bisher größter literarischer Niederschlag, in "Kilometer Null": 


16.2.

Worte! „Heischebrauch“ Sternsingen und der Lawinenwarndienst: „Hier könnten Schwachschichten angesprochen werden.“

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Mercedes Spannagel ist super. Beim Essen vor ihrer Lesung verplauschen wir uns, weil sie von ihrer Maschinenbau-Masterarbeit erzählt: Wann reißen Pferdesehnen? Verrückt! Und so literaturfern! Wir unterschlagen Tombolapreise, ich flauche einen Glitzerbecher, sie den völlig unbrauchbaren Nussknacker, dessen Steinkugel aussieht wie ein Penis-Quetsch-Folterinstrument.

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In der Nacht traf ich Paul Pizzera, der ein Konzert in der U-Bahn-Anlage Niederhofgasse gab und traurig war, dass nur so wenige Leute gekommen sind. Dabei liegt ein Nilpferd neben ihm, das sich bereitwillig kraulen und ein lustiges T-Shirt anziehen lässt. Elias Hirschl kommt vorbei und sagt „Verrückt!“


17.2.

Der Drang, der Apothekerin zu vermitteln, dass man die bei ihr bestellte Hundeentwurmungstablette eh nicht selbst gegen Corona nehmen will. „Danke“, MfG!

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Aus den Nachrichten:

1. Als Lise Meitner ihre Doktorarbeit über etwas KOSMISCHES einreicht, korrigiert ihr Doktorvater KOSMETISCH. Sofia Kowalewskaja, die erste Mathematik-Dozentin weltweit, hat gleich fünf Dissertationen eingereicht, damit es was wird.

2. Ein US-amerikanischer Pfarrer hat jahrzehntelang „Wir taufen dich“ statt „ ich taufe dich“ gesagt, weswegen die Aufregung jetzt groß ist, denn das Sakrament ist somit nicht vollzogen. Ein schöner Beitrag zur Searle-Derrida-Debatte! Wie genau, muss ich mir in einer konzentrierten Stunde einmal überlegen, irgendwas mit Sprechakten, „in streng durchfiktionalisierten, religiösen, essenzialistischen, phallozentristischen Ordnungen negiert die gewaltsame Codierung der Signifikanten deren freies Flottieren“, oder so ähnlich.

3. Peter Waldeck fragt das Internet, ob die Entdeckung, dass die Kreuzritter ihre dummen Unternehmungen nicht auf Pferden, sondern auf PONYS unternommen haben, nicht die beste Nachricht der vergangenen Tage gewesen sei, ich sage: Ja.

Regionales Rickrolling

18.2.

Mein Vorschlag bei der Geburtstagsfeier, eine Runde Strip-Autoquartett zu spielen, verhallt unangenommen.

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Im Traum verfolgt von einem aggressiven Unterwasser-Tapir.


21.2.

In meiner Siedlung stehen drei Ford Focus Kombis in egalen Farben.


22.2.

Die Stare sind wieder da! Einer spöttelt den Schrei des Rotmilans. Vogelfreund Hasi erzählt, dass sie die Vorhut für die nachbummelnden Damen bilden.

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Die Habe wird einfach Zeug.“ Edmund de Waal

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Anruf des Leiters der Schöneringer Theatergruppe. Der Regisseur sei jetzt 80 und nicht mehr ganz fit, ob ich nicht übernehmen wolle? Ich erzähle dem Buttinger und Coala vom Ruf der Heimat, sie überschlagen sich mit Regieeinfällen für eine radikale Reform, durch die das Theaterwesen in Linz-Land noch lange erbebe.

  • Poststrukturalistische Genderbefindlichkeiten diverser Geschlechter, zumindest sämtliche Rollen exakt tauschen

  • schiefe Ebene

  • Spiegel im Hintergrund, in dem sich das Publikum erschaudernd beim Schauen des Spektakels erblicken kann

  • Alle tragen grau, auch im Gesicht

  • Eine regionale Adaption des scheußlichen Films „Eine Taube sitzt auf dem Dach und denkt über das Leben nach“

  • In der Mitte des Bühnenbildes ein Sperrmüllhaufen, voller Zeug, das einmal Habe war

  • Dauer: 13 Stunden

  • Das Pfarrheim wird dergestalt eingehaust, dass es von außen wie die KTM-Motohall aussieht. Mit den durch diese Mimesis dem Land OÖ aus der Hüfte geschwindelten 1,8 Millionen Steuer-Euros wird ein Vorwort von Ai Weiwei für das Begleitheft bestellt

  • Hauptrolle: Tobias Moretti und Lars Eidinger (nackt)

Nachtrag: Der Theaterleiter, mit dem ich ein Treffen nach den Semesterferien vereinbart habe, hat sich dann nie wieder gemeldet, er hat mich gleichsam geghostet. Was schade ist, denn die Nachbarn erzählen, dass hier das Publikum aus dem ganzen Land in Bus-Konvois zum Pfarrheim gebracht wird. Das war sie, meine Chance auf impact.


23. bis 25.2.

Entspannende Ereignisarmut mit Freunden auf der Planneralm. Trotzdem extreme Gewaltfantasien gegen Vladimir Putin (oder ist es nur PMS?).


27.2.

Beim Zappen die Szene, in der Liam Neeson kraft seines Leibes zwei Zugwaggons bei rasender Fahrt zusammenhalten muss. „Der Neeson hoid oiwei an Stress.“ „Der hod an Schas beinaund.“

Nächster Halt arte. Der Hund kläfft während des Porträts über Robert Mitchum immer wieder wütend die Ärsche der Pferde an.

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Es ist seltsam anstrengend, die Korrespondenz der Eltern zu sichten, obwohl kaum Schlimmes zum Vorschein kommt, es liegt eher daran, dass man anderer Leute kumulierte gute Wünsche relativ gnadenlos ins Altpapier werfen muss. Andererseits haben die guten Alten aber auch ALLES aufgehoben, auch die Weihnachtskarten aus der Raika-Filiale (das war noch was, heute: Selbstschussanlagen!).


28.2.

Faschings-Lesebühne im Kepler Salon: Monet spielt mit einem Seiterl Freistädter Blues-Slide-Guitar (ist das kulturelle Appropriation? Und wenn ja, von wem? Südstaaten oder Mühlviertel?). Am vehementesten lacht das bürgerlich-urbane Publikum über Buttingers gereimte Auslassungen über die Alkoholgebarung des Bauernbundes. „An der Urfahr-Küste“ von Klaus & Klaus holt noch einmal alles heraus. Ich glaube, alle sind glücklich, so unter Niveau unterhalten zu werden.