Lebenskrimskrams
im November 2025
1.11.
Angerkogel
Das
neue Kreisky-Album bei der Pyhrnpassüberquerung gehört und wieder nicht
enttäuscht. Das letzte Licht über der Hinteregger Alm gesehen und wieder
nicht enttäuscht. Der vielleicht letzte und überraschend tiefe
Mittagsschlaf kurz vor dem Nazogl wieder nicht enttäuscht, auch wenn
diese Aktion jetzt eher schon ein wenig in Survival-Training
übergeht. Wenn der Südföhn nicht bliese, wär's T-Shirt-Wetter.
Angenehm, aber leicht beunruhigend.
Es
sind fast nur Paare unterwegs, und immer geht der Mann voran. Ganz,
wie ihr es wollt, liebe Damen.
2.11.
In
der Oxytocinruhe den Nachbarn beim Streiten zugehört. Ganz, wie ihr
es wollt, ihr Leute da oben.
***
Kurz
Arbeit. Mail an Prosser, welches Thema er sich denn wünsche. Er
schreibt zurück, „Bin in den Bergen, ich überleg' mir was bis
morgen!“ Ich antworte: „Gekauft!“
***
Schrittbilanz gestern: ca. 26.3454. Heute:
13 <3
3.11.
Die
ganzen Kästen voller Gewand, das mir nicht mehr passt, weil es nie
gepasst hat, das mich zu einer anderen Person hätte machen sollen,
das ich zu oft oder nie angezogen habe, das mir andere geschenkt
haben und das ich zu teuer gekauft habe, oder zu billig. Aber alles
kann ich jeweils nur schwer hergeben.
***
Kitschigen
Schluss für den Roman geschrieben, den komischen habe ich gestrichen
und bin recht zufrieden damit.
5.11.
Der
Dermatologe sagt mir für 111 €, dass ich eine gute Haut bin.
***
Bei
der Fahrt nach Linz die angenehme Ahnung, dass meine vermeintliche
Ambitionslosigkeit, der fehlende Biss bei der „Karriere“ (Uni,
Stifterhaus, OÖN) kein Versagen, sondern die unbewusste Entscheidung
für mich selbst gewesen sein könnte. Im Nachhinein gibt es sehr viel
weniger zu bereuen, als mir mein dummes, sorgenfixiertes
gegenwärtiges Ich andauernd vermittelt.
***
Innige
Minuten mit dem eingeschmuggelten Hund auf der winzigen Couch im
Landesbüro.
***
Ein
Vollmond, so wertvoll wie eine kleine Sonne.
***
Stifterhaus.
Das Vorlesen von „Mit 50“ rührt mich selbst, überraschend. Es
ist doch mehr Liebe eingeflossen als gedacht.
Die
16-jährige Oana-Sofia macht mir wertvolle Komplimente (ein junger
Mensch!!!), sie kenne das Szenario von Familienfeiern.
Buttinger
plaudert mit Wall, ich begrüße sie mit „Na, ihr zwei Linken?“,
als wären sie eine rare Spezies (sie sind eine rare Spezies).
Gregor
Hofer rät mir, alle meine Emails auszudrucken, für den Vorlass. Da
wird sich die Nachwelt freuen über all die Admin-Scheiße. Es
habe, erzählt er auch, im Jahr 1976 einen „Riesenskandal“ gegeben, weil Reinhard
Aumaier den Titel seines „Scheißgedichts“ nicht ändern wollte,
zu Gertrud Fusseneggers Empörung. Sehr schön!
5.11.
Im
Traum halte ich einen edlen Bildband in Händen, der Mieze Medusa zum
50. Geburtstag zugedacht wurde. „Das ist ja wohl nicht zu
übertreffen!“, sage ich, und die Gewürdigte sieht mich über das
Coffeetable-Ding resigniert an.
***
Meine
halbharte Warnung vor der KI lief gestern auf LT1, aber niemand hat's
gesehen, ich auch nicht. Beim Nachsehen die Feststellung, dass früher
die Kameras 10 Kilo draufgeschummelt haben, heute zaubern sie dir
jedes Farbpigment aus dem Haar.
***
Hundert
Meter über mir hätte heute immerhin acht Stunden lang die Sonne
geschienen. Egal. Dafür dann:
6.11.
Bärenriedlau
Zum
ersten Mal am tageswärmsten Ort des Landes. Das mit dem Nebel ist
natürlich nicht egal, weiß ich in der Sonne. Fürs Wandern müsste
es kein Grad wärmer sein. Heute bin ich mit meiner Lebensführung
wieder sehr versöhnt. Beim Abstieg ein absurd schönes Licht in den
glühenden Lärchen.
***
Kleine
Hitzeaufwallungen, die angesichts meines sklerotischen Heizsystems im
Haus eh willkommen sein werden, aber bedenklich stimmen in Zeiten der
Klimaerwärmung – und des Verrinnens der eigenen Existenz. Es wird
so sein, dass ich mich diffus auf Wechsel und Pension freue,
gleichzeitig aber genau weiß, dass es nicht so klasse wird, weil man
ja jetzt schon ein wenig alt ist und dann nur noch die finale Phase
kommt. Naja, „egal“.
***
Schallplattenanhören
als „Erledigung“ - ein Symptom der Dingneurose. Ich soll die
Sachen meiner Eltern weggeben und schaffe es nicht einmal bei meinem
Glumpert (und umgekehrt). Zwar kann ich vier Südtirol-Bücher
weggeben, nicht aber Dieter Deckers scherzhafte Tombola-Gabe „Lolita – liebe Kinder,
ich sing' euch was!“ Ächz.
***
Ein
Erbe des Vaters ist es, nachts das Buch nicht rechtzeitig wegzulegen
und mitten in der Nacht damit aufzuwachen.
7.11.
Das
letzte Blatt am Nussbaum winkt mir im Nebel zu.
***
Völlig
variable Größe der Sorgen je nach Tageszeit.
***
Kleine
Freuden: Scarpa hat meine zertretenen Wanderschuhe verschmissen, also
kriege ich um den Preis des Neubesohlens gleich neue – so wenig
braucht's, um mich an so einem meteorologisch minderwertigen Tag zu
erfreuen. Sonne wäre mir lieber gewesen.
***
Marlies
Auer fragt mich, ob ich das 40er-Fest der Kupf moderieren wolle.
„Aber nur, wenn der LH aus der Torte hüpft.“
8.11.
Ein
Typ schreit vom grauen Himmel herab aus dem obersten Stockwerk des
Marriott Hotels. „He! Du! Ja, du bist der Auserwählte! Tobias!“ „Ich
heiße aber nicht Tobias.“ Hinter mir lacht ein Tobias, der auf
leisen Sohlen gegangen ist.
***
Mit
den richtigen Menschen gerate ich jetzt immer gleich in deep
talk,
was ja gar kein Fehler ist. Immer sofort auch Gespräche über
Menopause. „Ich will keine Hormone nehmen, ich will da durch und
ein Mann werden, dem andere wurscht sind!“
Beim
Heimfahren im Zug dann das Gegenteil zur tiefen Sinnsuche (von uns
Endvierzigerinnen, aber auch der beiden allzu losten, woken
25-Jährigen beim Herfahren). Rund um mich Teenies, die alle 15
Sekunden ruckartig IRGENDWAS auf Tiktok schauen, es ist alles reine,
doofe Oberfläche. Alle drei Minuten rufen sie einen Freund an, dem
sie dann immer denselben Satz sagen, als sei er grenzdebil, oder ein
minderbegabter Hund, „geh Parkdeck, Deniz, geh Parkdeck!“ Sie
können aber nicht herausfinden, ob das der Zug nach Wels ist und
müssen mich fragen. Es fühlt sich übertrieben distinguiert an,
neben ihnen die ZEIT zu lesen. Irgendwie haben sie ja recht, die
Jungen, es steht nur Deprimierendes drin.
Zuhause
beim Buttinger penne ich dann bei „Bladerunner 2049“ ein, den
kann ich also beim nächsten Mal gleich wieder anschauen.
Ich
brauche unbedingt einen Filter, der sofort sämtliche Bücher und
Filme ausblendet, in denen Hunde zu Schaden kommen (was sie immer
tun, eigentlich). Als ich das ins Facebook schreibe, schenken mir
Jana Volkmann und Katharina Seidl den Hinweis auf
„doesthedogdie-com“. Merci, merci!
9.11.
Wie
gut ist Ringsgwandls „Hühnerarsch, gib' acht!“, ein herrliches
Klangstück!
***
Wäre
ich ein redseliger, einsamer, lästiger Mensch, ich ginge auf all die
Gutmenschenmessen und kaute den armen, wehrlosen Aussteller*innen ein
Ohr ab. Als ich das denke, sehe ich B. bei exakt dieser
Tätigkeit. Wahrscheinlich erzählt sie den Upcyclern, das sie das
damals in Berlin auch schon gemacht haben etc.
10.11.
Die Krähen ernten den Nussbaum ab, als hätte ich sie damit
beauftragt.
***
Folgende
Namen haben Coala und ich einander an diesem Wochenende gefunden:
Folko Balfanz, Borbala Foris und Bastian Krautwald. Man stelle sich
vor, die drei unternähmen etwas miteinander!
***
Keine
Deadlines, keine Arbeitstermine diese Woche, ich bin gespannt, was
ich erfinde, um das Notwendige nicht zusammenzubringen. Die
Mikrowelle ist schon einmal abgestaubt. Und jetzt kommt auch noch die
Sonne heraus – ein mittlerweile sehr rares Naturschauspiel. Aber
auch dafür, mich einfach mit einem Buch dem Phänomen auszusetzen,
bin ich zu fahrig.
***
Smalltalk mit Menschen,
während sich unsere Hunde an der Leine anhassen.
***
„Sturm
kommt auf“ kann ich wirklich nur an einem Tag wie heute schauen,
mit unbehelligter Arbeit, Buttinger und Sonne, dann Kachelofen. Der
Film radikalisiert mich extrem gegen Faschismus, ich möchte
persönlich einem Neonazi die Nase brechen. Tod den
Schmerzbefreiten! [Hader wird am 25. März erzählen, dass grad der
Schauspieler, der den Obernazi gespielt habe, der Allernetteste
gewesen sei.] Der Hund überlebt.
11.11.
Im
Traum wird mir mit gewaltigem Aufwand gezeigt, was für eine
aufregend tolle Schule Wilhering jetzt geworden sei, mit
Stadionrockklassen in der Stiftskirche und dergleichen.
***
Heute
Ausmisten in der gerade richtigen Dosis: das alte Telefonkastl. Beim
Blättern in des Vaters Kalendern der Jahre 2015, 2018 und 2019 hätte
ich nur beim Schauen fast ein Burnout erlitten vor lauter Tarock,
Konzerten unter Platanen und PGR-Sitzungen. In zwei Jahren kann ich
dann alles restlos dem Altpapier übergeben, dann gibt es in ganz
Wilhering keinen Festnetzanschluss mehr.
***
Den
Buttinger mit Dosenananas „verwöhnt“, die nicht einmal mir noch
geschmeckt haben. „Gaunz frisch san de owa nimma“, sagt er, „Iwo“
ich. Heimlich linse ich aufs MHD: 2020. Aber niemand hat gespieben. (Ich sollte das eigentlich nicht veröffentlichen)
12.11.
Seltsamer
Traum von einem großen Bierzelt irgendwo im Toten Gebirge, in dem
man wie auf einem Campingplatz in kleinen Stallboxen sein Zelt
aufstellen kann. Die Farce eines Basecamps.
***
Der
Digital-Uni-„Transform Fut“-Bildausschnitt in den OÖN unterhält
uns peinlich gut. Soll man dem Weibold Absicht zutrauen?
***
Die Spezies der Kurzkopfgleitbeutler klingt wie eine Satire auf den blödesten
Bundeskanzler, den wir jemals hatten.
***
Die
X-Blatt-Präsentation ist ein bisschen eine geschlossene
Veranstaltung, was aber nicht schlimm ist. Dem Einzinger würde ich
wirklich einmal gerne beim Denken und Schreiben zusehen, wie einem
gläsernen Ideenwurlitzer. Erich Wimmer schenkt mir – als erahnte
er die Meindl-Love-Language des Pebblings – einfach so ein
Überraschungsei.
13.11.
Hochsengs
Ich
nenne es jetzt nicht mehr Wandern, sondern „Zeitausgleich“. Es
entschädigt mich nicht nur für die Arbeit an Wochenende und Abend,
sondern für das Vegetieren in der Nebelsuppe. Bis Klaus war's noch
ekelhaft, dann gaben sich lüpfende Wolken Anlass zur Hoffnung, bei
der Teufelskirche schon beträchtliche Vorfreude. Dani ist am
wolkenlosen Bodensee, ich sitze bei 19° in der Sonne. „Eure Himmel
sehen komisch aus“, schreibt Cordi aus dem grauen Wien.
Der
Vulvenbaum auf der Fotzenalm. <3
Der
Jäger, den ich auf der neuen Lackerbodenhütte beim Abstieg treffe,
sagt, er sei schon seit sechs Jahren Nationalparkförster und kenne
auch noch nicht alle Wege hier.
14.11.
Fast
alles Vorgenommene geschafft, einschließlich der
Dirty-Dancing-Choreographie-Übersetzung für Tanzblinde wie mich
(„Birgit wild drehen“). Weil ich trotzdem den Eindruck habe,
unter meinen Möglichkeiten geblieben zu sein, weiß ich nun fix,
dass ich diesbezüglich nicht ernst zu nehmen bin.
Unruhiges
Herumwetzen – Heizung kontrollieren, Brunnen, Kellerfußboden,
irgendwas. Im Grunde besteht mein waches Leben nur noch daraus,
Wasser von A nach B bringen zu wollen (überall ist zu viel oder zu
wenig davon). Alleine der Selbst- und Pflanzenhydrierungsstress!
(Auch hier scheine ich nicht ernst zu nehmen sein.)
15.11.
Neunkirchen
K. posiert auf der BuchWien neben meinem Buch, im Hintergrund sieht man
Stermann mit dem Verleger schnattern. Ich bitte K., die Lektorin lieb zu
grüßen, mit der Nachricht „280.000 Z“. „Ist das eh kein Code
für Kriminelles?“, antwortet sie, und gleich darauf übermittelt
sie mir die Botschaft, dass die Zeichenanzahl für den
Roman eh schon reichte, wenn es nach ihr ginge.
***
E. ist so etwas wie mein Pendant im Westen, sie erkennt mich nicht nur
nach 20 Jahren sofort wieder, sondern ist gleich so lieb zu mir, dass
ich davon ausgehen darf, dass B. von mir genauso liebevoll
spricht wie sie mir von E. erzählt. Ihre Zuneigung bestrahlt und
bindet uns seit Jahrzehnten.
***
Süß,
dass B. beim gemeinsamen „Üben“ der Mitternachtseinlage
Sachen sagt wie „Kannst du da mit dem linken Fuß beginnen?“,
wenn sie erstens selbst den rechten meint, wenn sie zweitens
vergisst, dass ich schon nüchtern links und rechts kaum
unterscheiden kann, wenn sie drittens glaubt, dass ich ein Hirn
besitze, dass in irgendeiner Weise Tanzchoreographien abrufen kann. Es wird dann auch so kommen, dass wir um Mitternacht betrunken
vor einem betrunkenen Publikum irgendwas um die signature
moves
herum zaubern und einander dabei verknallt anschauen. Die Übung kann
gar nicht misslingen, wegen all der hermeneutischen Benevolenz um uns
herum – alle wollen, dass es gut ist.
Auf
dem Damenklo hängen die Buben aus dem „Girl“, mit
Festnetztelefonnummer, Adresse und Bildtext: „Eigentlich bin ich
keiner, der Mädchen einfach abschleppt. Ich bin schüchtern!“,
sagt ein nackter Thomas aus Baden bei Wien im Jahr 1993.
16.11.
Aufgewacht
mit dem zu erwartenden Kater. Die Knie zerschunden vom
Luftgitarrespielen, der Rücken von der Hexe getroffen beim Springen
zu „Jump around“, die Kehle zerschlissen beim Karaoke („I did
it my way“ zum Schluss): Die Ehre Oberösterreichs ist verteidigt.
Ich habe alles gegeben. Verrücktestes Detail: Lob für meinen
irischen Squaredance. Gerade würde ich aber auf die Frage nach meinem Alter „78“ sagen und nicht das Geburtsjahr meinen.
17.11.
Bei
strömendem Regen mit Hexenschuss in den Brunnen steigen.
#besitzbesitzt Wenigstens bleibt der Kellerfußboden jetzt trocken.
18.11.
Mieze klagt an, dass der
Literaturpreis der Stadt Linz meine Arbeitsmoral senke und deswegen
abgeschafft werden sollte. Sie ahnt nicht, dass ich heute schon ihren
Roman für den Falter rezensiert habe.
***
Die 692,73 € fürs Auto
zahle ich dem Mechaniker am Ende des teuersten Jahres meiner
Lebensgeschichte schon fast ganz schmerzbefreit.
***
Buttinger schaltet
entnervt um auf Universum, weil Österreich gegen Bosnien 0:1
zurückliegt. In der Doku dann auch lauter bange Vorgänge, nur eben
im Tierreich. Coala und ich machen Meindl-Yoga, der Hund ist
glücklich. Später vertrocknet Coala am Kachelofen. So geht
Spätherbst.
19.11.
Wir
sind peinlich früh bei der Preisverleihung, aber ich bin ja auch ein
altes Talent, und wenn's wirklich wichtig ist, die Tochter meiner
Mutter, die stundenlang nervös vor einem Ereignis war.
Ich
nutze die Zeit und stelle dem Team der LinzKultur das soeben von Olaf
Schulz gehörte Attraktivierungskonzept der Bundeswehr vor
(Unterhipster, Oberbastard und Haupthurensohn). Markus Reindl möchte
ab jetzt den Dienstgrad „Obermotz“ einnehmen.
Während
meiner Lesung fällt mir selbst auf, dass viermal „Scheiße“
vorkommt. Das einzig Gute, dass die Mutter das heute nicht mehr
erleben kann (=muss). In der ersten Reihe sitzt Ute Klitsch und hört
sich ohne Zeichen innerer Bewegtheit meine Fantasie an, wie Kickl
beim Klettern umgebracht wird.
Für
die Laudatio war ich gebeten worden, meinen Lebenslauf einzuschicken,
plus ein paar Worte zum Kunstwollen, und ich habe mich dabei so
bemüht, dass mir weite Teile der Lobrede extrem bekannt vorkommen.
Da sie aber der Bürgermeister spricht, freue ich mich, als hätte er
sich selbst lange Gedanken über mich gemacht. Dazu werden meine
eingeschickten Bilder eingeblendet, ich bin trotz aller
Vorhersehbarkeit stark gerührt. Zuerst mit Goldhaube, dann die
OLW mit Stelzer und als beklopptes germanisches Göttertrio. Es wird
gelacht, Prammer dreht sich zur Leinwand um, „ich gehe davon aus,
dass Sie wegen der Bilder lachen und nicht wegen meiner
Vortragsweise!“ Beim Schlussbild, dem Selfie von mir mit Fini auf
dem vorgelagerten Mitterberg, bekomme ich selbst nasse Augen.
Die
Preisträgerin Marion Reisinger hält eine sehr schöne Dankesrede in
unserem Namen, darin sagt sie auch, dass die Selbstzweifel am Büffet
Pause machen. Ebendort komme ich so spät an, dass der Zander schon
geplündert ist, schon kommen die Selbstzweifel über mein Timing,
aber der Obermotz überlässt mir den letzten Fisch. Ich komme auch
nicht zum Tschechern, weil ich der LinzKultur noch mein Konzept des
Big-Lebowski-Cocoonings in Schönering erläutern möchte (die armen
Unterhipster!).
Die
Meindl- und die Reisinger-Schwestern stehen danach noch lange im
Foyer, wenn uns jemand hier etwas zum Tschechern heruntergetragen
hätte, stünden wir heute noch da und besprächen Vor- und Nachteile
einer mehrfachen Schwesternschaft.
Stattdessen
gehen wir auseinander. Damit der Fall in den Alltag nicht zu tief
geht, trage ich einen Teil meines Preisgeldes ins Bergwerk und kauf' mir IRGENDWAS.
Dann
jage ich den Hund zur Donau, esse irgendwelche Reste, prahle in den
sozialen Medien mit meinem Tag, höre Äffchen & Craigs, freue
mich lange und gehe früh schlafen.
Versuch
über den geglückten Tag.
20.11.
Der
erste Schnee im Jahr würde mich mehr freuen, hätten die
Winterreifen schon ihren Weg ans Auto gefunden. Man muss den Kindern
das noch viel stärker verdeutlichen, dass sie sich an ihren
Pipifaxsorgen erfreuen und sich nichts scheißen sollen, bis sie den
ganzen Alltagsbums selbst managen müssen.
***
Je
näher das Lesebühnenthema am echten Leben und den echten
Leidenschaften („Bis morgen überleg' ich mir was“), desto zäher
die Ideenfindung.
Und
dann wird eh wieder alles in einer Viertelstunde heruntergeklopft.
21.11.
„Feministische
Perspektiven“ im Central. Barbara Hinterleitner macht sich bei mir
gleich beliebt, weil sie sich beim Hund gleich beliebt macht mit
stinkenden Sprotten.
Nach
der ganzen Hermoderation ist Buttinger merkwürdig ungeduldig am Telefon, dabei
könnte er ja in Ruhe mit Johnnys Festgemeinde schnattern, aber nein,
ich solle weitertun. Während der Fahrt bin ich leicht genervt, aber als ich – der Bequemlichkeit halber
noch im Frack – den Schl8hof betrete, rufen alle zugleich „Frau
Präsidentin!“ und der Babler schaut auf. Er hat zu Recht einmal
nur Augen für den Hund. Später, endlich mit einem Bier in der Hand:
„I bin die Meindl.“ „Des waaß i eh.“ Er muss sich sichtlich
zusammennehmen, Fini nicht zu küssen.
Draußen
sitzt sein Fahrer im riesigen Dienstaudi, seit vielen Stunden. Ein
neuer Eintrag in der langen Liste der Jobs, die ich nicht machen
möchte.
22.11.
Der
Architektenfreund übergibt mir seine vollständige Pollack-Sammlung,
wie ein geliebtes Haustier, um das er sich nicht mehr gut genug
kümmern kann. In den Regalen stehen nur noch Bücher, die er noch nicht gelesen
hat, den Rest hat er in gute Hände vermittelt oder um gar nicht
schlechtes Geld auf Bookbot verklopft. „Do kriagt ma doch a Göd,
voa oim, wenn Büda drin san.“ Während
ich einen starken Schnupfen entwickle, den ich ihm hoffentlich nicht
zum Dank dalasse, erzählt er, dass er einmal in der Altstadt fast
vom Alt-LH Ratzenböck totgefahren worden sei.
***
Die
Lesebühne schaffe ich mit dem Reservetank, „La Montanara“ hört
sich mit Schnupfen an, als ob ich weinte, was ja auch passt. Danach
verliere ich mit einem Schlag meinen Geschmacksinn, lasse aber nicht
nach beim Biertrinken. Unser Stammgast Hopferwimmer, ein Riese mit
Patriarchenbart, erklärt nicht ohne Stolz, „i hob nu nie wem a
Watschn gem!“ Gemeinsam überlegen wir eine Weile, wem wir unsere
Premieren angedeihen lassen würden.
23.11.
Ich
genehmige mir selbst Krankenstand und sage soziale Tätigkeiten im
Privatbereich ab, aber weil ich ohnehin hier immer weniger trenne,
fühlt es sich wie freihaben an. Eine License to Read ohne Fear of
Missing out, ohne dass es fad wird.
Das
Blödeste ist, dass ich nicht einmal beim Chinesen anderes schmecke
als salzig und scharf, immerhin spüre ich die kalte Funktion des
Bieres.
24.11.
Meine
Arbeitsumgebung zwingt mich zum Micromanaging, sie fordert es richtig
ein, ohne dafür zu bezahlen. Eigentlich hätte ich ja Krankenstand.
25.11.
Gut
aufgelegt, weil keine Termine und leichter Schneefall (obwohl ich
immer noch keine Winterreifen am Auto habe, aber das ist egal, weil
eben keine Termine und das Auto in der Garage). Ein kleines, billiges
Glück. Der Geschmackssinn kehrt auch langsam wieder.
***
Im
Grunde habe ich keine speziellen Wünsche und Träume mehr, nichts
Abgehobenes, nur noch fortwährend Sehnsucht nach meinem eigenen
Leben im Sommer – und in Wahrheit nach diesem einen Tag mit Zelt im
Toten Gebirge. Dabei weiß ich ja, dass ich mich am realen Zelttag
immer schon auf die Rückkehr ins Tal freue. Was immerhin jedes Jahr
weniger wird – daran lohnt es sich zu arbeiten, im Sinne einer
Ausdehnung meiner Komfortzone: Das Tote Gebirge in mein Wohnzimmer
verwandeln (nein, das ist vermessen gedacht, es muss mir wild
bleiben).
***
Frauen
in der katholischen Kirche – das ist schon ein bisschen so wie die
Ausländer, die FPÖ wählen.
***
Dem
Rat des Architektenfreundes folgend schreite ich die Buchzeilen ab.
Im Grunde könnte ALLES zu Bookbot. Ich muss das ausblenden beim
eigenen Schreiben. „Selbe Stadt“ kriegt man übrigens um 5,63 €.
Es ist ein schmaler Grat zwischen Unsentimentalität und
Buch-Messieanismus. Immerhin habe ich wohl schon eine Tonne Bücher
aus dem Haus getragen.
***
Buttinger
findet auf etsy den Bausatz des havarierten Tschernobyl inkl.
Raucheffekt, um 96,50 €. Dieses System muss untergehen.
26.11.
Heute
beende ich meinen kleinen Privatlockdown und fahre nach Wels, damit
ich nicht komisch werde. Überhaupt – was ich nicht alles aus
Furcht mache, komisch zu werden.
***
Ich
kann mich an der Stille im Haus nicht satthören. Ein wenig Angst ab
und zu, dass mit einem lauten Knall, Krach oder Spotzen etwas kaputt
geht, dessen Reparatur ich mir nicht leisten kann.
***
Je
mehr ich über Nepal lese, desto mehr möchte ich wieder hin. Es wird
Zeit, dass ich mit dem Manuskript fertig werde.
27.11.
Wieder
Übersprungs-Smalltalk mit dem Frauenarzt. Er lernt nicht mein bestes
Ich kennen.
***
Mir ist eine neue Variante des Rassismus eingefallen, die
viel besser an die Realität angepasst ist, denn das mit den
Hautfarben ist ja wirklich bekloppt, die kann ja niemand
ändern (außer Michael Jackson). Weniger oberflächlich wäre die
Diskriminierung von Haltungen, die man nicht einzunehmen gezwungen
ist. Ich will z.B. „Signas“ abwerten, Audifahrer, Ramstein-Fans,
Rehkitzzermäher, Genderkritiker, Bodypainter,
Rasenrobotermäherigelmörder, Teslafahrer und ganz besonders
Tesla-Cybertruckfahrer. Für sie alle kann man ein fein abgestuftes
Apartheid-System erfinden, wie es sich für echten Rassismus gehört.
Auf der untersten Rassismusstufe stehen natürlich Rassisten. Und Menscheneinstufer. Ich
könnte daraus eine Beschreibung der 37 Kreise meiner privaten
Höllenvision anfertigen.
***
Berni
Wagner im Schl8hof. Vor Beginn suche ich ihn noch heim. Wenn wir ihn nerven, lässt sich der Gute nichts
anmerken. Er sagt, er hätte auch schon gern graues Haar, weil ihm
das Jungsein nicht liege. Ich sage, dass ich schon so lange keine
Großeltern mehr habe, dass ich mit mir selbst liebevolles Mitleid
bekomme, wenn ich im Spiegel sehe, wie grau ich schon geworden bin.
„Monster“
habe ich im März schon gesehen, doch es ist eine der Freuden des
Alters, dass ich wieder sehr viel zu lachen habe, weil ich in der
Zwischenzeit fast alles vergessen habe. „Ob mei Hirn aa üba mi so
vü nochdenkt wia i üba mei Hirn?“
28.11.
Der Raureif
macht auch Wels hübsch. Dann muss ich zur Mammographie, an die ich
versucht hatte, nicht zu denken. Als die Sonne herauskommt und ich
direkt vor der Tür einen Parkplatz finde (Spießerfreude), weiß ich
schon, dass nichts droht. Ich kehre binnen Minuten mit unauffälligen
Brüsten zurück. Coala: „Good adulting!“
***
In
der Kletterhalle brennen binnen Minuten die Pfoten. Ich habe zwar
stark nachgelassen, aber Nazis sollten mir immer noch nicht in die
Finger geraten.
Dann moderiere ich mich ein letztes Mal in diesem Jahr um Kopf und Kragen. Der
Frauenministerin will ich einreden, bitte auch noch Bürgermeisterin
von Wels zu werden, das sei auch schon wurscht. Und ich bespreche den
Formenreichtum der Gewalt gegen Frauen als die einzige Artenvielfalt,
die dem Klimawandel zum Opfer fallen dürfe.
Die lustige C. K. schenkt den Beteiligten kleine, selbstgemalte Bilder, mir drückt
sie es in die Hand und sagt, „D'Foab gheat außen, goi!“
***
Dann
fahre ich mit dem seelischen Reservetank nach Wels, wo das
„Schlimmste“ des Tages passiert, als der Buttinger mir udaungs
ein alkoholfreies Bier bringt, mit dem ich ihn gleich wieder
wegschicke.
29.11.
Im
Traum streicht mir Robert Palfrader den Keller, das mache er als
zweites Standbein, er verlangt dafür von mir nichts anderes als
Südtiroler Kaspressknödel und einen Ride zum Bahnhof. Leider ist
aber mein Auto total voll und dreckig, ich geniere mich.
***
Wien.
Die Bahnfahrt wird K. und mir zu kurz, obwohl sie dank einer
Bombendrohung (der allerblödeste Trend gerade!) eh verlängert wird.
Wir mäandern zwischen small und deep talk.
Die
Stadt ist an diesem ersten Adventwochenende übervölkert wie
Bangladesh. Wir laufen eine Weile mit dem Strom, bis uns die soziale
Energie ausgeht (mir zuerst). Dann essen wir ein letztes Mal im
MaschuMaschu – hier habe ich ein Leben mit Falafel gelernt.
Am
schönsten der arme, gewaltige Bernhardiner im Weihnachtspullover,
mit dem ich ein wenig schmuse. Artgerecht ist das nicht, der Halter
hantiert mit seinem Akkordeon, als spielte er im Pataphysischen
Orchester.
Weil
ich dann noch schnell meine Buchprämienjuryvorbewertung korrigieren
muss (alles eine sehr aufwändige Sache), kippt die Stimmung leicht,
aber nur so lange, bis mir Coala ein 16er-Blech auf den Schreibtisch
stellt, „daun geht’s schnölla“. Siehe Leistungsboykott.
Dann
vertrockne ich auf der Couch wie in meiner imaginierten guten
Sterbstunde – zum Plaudern der beiden anderen, ohne Zähneputzen,
in dicke bunte Decken gehüllt.
30.11.
Wien
Nach
der Massage im Kang Mei trippe ich ein wenig – welche Meridiane
wurden mir da mit herrlicher Gewalt wieder freigelegt? Welche Dämonen
wurden aus meinen hölzernen Faszien exorziert?
Dann geht der Tag gut gelaunt weiter, eins fügt sich ins andere, sodass Coala einmal zu K. den Satz des
Wochenendes (nein, des Lebens) spricht: „Aber lass' dich von uns nicht ins
gute Leben einetheatern!“
Schwere
Erschöpfung in Gelb auf Coalas Couch.