Montag, November 01, 2021

Über das wahre Leben schreibe ich hier nicht

Phantomereignisse im Oktober 2021

1.10.

Um 10:06 auf dem Bahnsteig, um den Zug um 10:16 rechtzeitig zu erwischen. Allmählich ähnle ich meiner Mutter, die stundenlang vor jedem Aufbruch nervös wurde, ganz egal, ob es ein Zahnarzttermin oder etwas Besseres war. Die Aufbruchsunruhe, und die Hände, und das recht gern Zuhausebleiben.

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Wegen der verreckten message control reden die Politiker schon so uneigentlich, dass man bald Auguren braucht, die aus ihren Handbewegungen und Slimfit-Nuancen Orakelsprüche herauslesen wie aus dem Vogelflug. Wenn das so weitergeht, muss man den Ministern den Bauch aufschneiden, um aus ihren Eingeweiden zu erkennen, was sie mit uns und der Zukunft vorhaben.

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Wien ist überall Stadt, egal wo man aus der Straßenbahn aussteigt. Ich will Urlaub in der Quellenstraße machen.

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Vielleicht gründe ich die GAV Schönering, aber bei der Vorstandssitzung hat man mir ohnehin schon gesagt, dass ich in OÖ eine „unbegrenzte Obmannschaft“ innehielte, das stillt meine despotischen Bedürfnisse im Keim, denn es klingt wie „gemäßigte Diktatur“.

2.10.

Von der Arzlochscharte hinüber zur Kirtagsmauer, eine Bergtour wie in einem Franzobel-Roman. Gegen meinen Willen treibe ich die armen Gämsen vor mir her wie eine durchgeknallte Hirtin, vergebens schlage ich eine andere Richtung ein, sobald ich sie siehe, nach der nächsten Geländekante stehen sie wieder da und schauen mich böse an. Beim Abstieg überrasche ich eine beim Pinkeln, ihr Blick gleicht dem des Steinadlers, den ich unabsichtlich vom Gipfel des Bruderkogels vergrämt habe.

3.10.

SUVs verstopfen die Grazer Innenstadt, in den Gunstlagen der Repräsentationsbauten Raiffeisenfilialen, Red-Bull-Stores, Salewa-Outlets. Die Steiermark liebt die Privatwirtschaft wirklich. Da könnte die kommunistische Kaar dreinfahren wie Jesus unter die Tempelhändler.

Warum Graz der Seehunde gedenkt, erschließt sich auf den ersten Blick nicht, aber es ist eine liebe Geste gegenüber der Fauna.

4.10.

Alex hat einen Bekannten, der sich im Zoo zu fürwitzig über das Vogelgehege gebeugt hat und von einem Pelikan ins Gesicht gebissen wurde, es passte ganz in den gezähnten Schnabel. Der bemerkenswerte Unfall kam wegen der feingezackten, langen Bissspur auf.

8.10.

Es ist ein Irrglaube, dass ich hier über die wahren Dinge des Lebens schreibe.

14.10.

Bei den ersten zaghaften Versuchen, den Nachlass zu ordnen, tauchen unter einem Wust an Rechnungen, Befunden, Urlaubsgrüßen, Priestermangel-Zeitungsartikeln vier Fotos von einem offensichtlich toten Menschen auf, es dauert, bis ich meinen Großvater darin erkenne.

15.10.

Der Pfarrer nach dem Begräbnis: „Ich hätte eigentlich ein Mädchen werden sollen, nach lauter Brüdern, aber leider war es mir nicht vergönnt, diese höhere Daseinsform im Anthropozän zu erreichen.“

16.10.

In Gugging lebte ein Künstler, der eine der besten Wahnvorstellungen hatte, nämlich jene, unfassbar reich zu sein.

17.10.

Das kaltherzige Frankreich unterteilte den Tschad glatt in der Mitte, in „tchad utile“ und „tchad inutile“. Falls noch jemand Wut-Gründe gegen die Kolonialzeit braucht.

18.10.

Goldene Wandertage. An Schönheit nicht zu überbieten, man möchte zur Naturlyrikerin werden.

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Aichinger-Ausstellung im Stifterhaus. Es gibt einen Teppich, der mit einem ihrer Texte bedruckt ist. Irgendwann möchte ich etwas schreiben, das so etwas wert ist.

Idee einer Ausstellungs-Lotterie, analog zur Impf-Lotterie: Per Los wird einem Zufallsmensch aus der Bevölkerung eine wunderbare, persönliche Lebensausstellung gestaltet, mit Textteppich und Exponaten aus der Jugend. Mir die meine vorzustellen wird meine happy-place-Fantasie bei den nächsten faden Sitzungen.

Rudi Habringer liest eine Passage aus seinem Roman vor, in dem das Wort „minkeln“ abgehandelt wird, beim Schlussapplaus schaut er provokant grinsend in meine Richtung.

In der Pause erzählt mir Pauli von ihrer Zeit bei Radio Arabella, in der sie sämtliche B- und C-Promis durchinterviewen musste, an deren „Spitze“ Albano Carisi. Sie beleidigte ihn schwer, als er sich über ihre Fragen nach den großen Erfolgszeiten beschwerte, er wolle über „my new work!“ sprechen. Pauli musste ihm vermitteln, dass sich keine Sau dafür interessiere, was er ohne Romina anstelle.

19.10.

Andere Leute haben schwerere Erbschaften zu bewältigen – eine Bekannte fand im Nachlass der Mutter einen Elefantenstoßzahn. Mehr verrate ich dazu nicht, lediglich, dass sich am Ende die weltweit notleidenden Tiere über eine schöne Spendensumme aus dem illegalen Verkauf freuen durften.

20.10.

Coala und ich schildern Alex, wie unzufrieden wir damit seien, wie die jeweils andere die Zeitung in der Früh lese. Er: „Ob der großen Liebe entbrennen Scheingefechte.“

22.10.

Es war Lesebühne, darin hatte ein erfundener Mensch Geschlechtsverkehr mit Celine Dion, in einem Piratenschiff auf dem Hallstätter See, aber das schreibe ich hier jetzt nicht noch einmal, es steht ja eh schon an anderer Stelle.

25.10.

Meindl, was würdest du ohne mich machen?!“

Irgendwas anderes.“


26.10.

Die neugierigste aller neugierigen Nachbarinnen dieser Welt rät mir, die Sträucher zur Straße hin radikal umzuschneiden, dann käme viel mehr Licht in den Garten (und darauf säßen ihre Blicke wie optische Milben). Dann erzählt sie mir, wie leicht ihr die Lockdowns fallen, nur manchmal gehe es ihr ab, durch eine nächtlich beleuchtete Stadt zu gehen, so wie damals als Kind nach der Klavierstunde. Das habe sie immer genossen und seither nie wieder gemacht.

Es sind im Grunde diese mysteriösen Existenzen, die auf völlig andere Weise 20 Meter neben deiner eigenen geschehen. Das ist radikale Diversität. Über solche Lebensentscheidungen müsste sich die Literatur doch den Kopf zerbrechen, nicht immer nur Krieg und Hallodrisachen. Diese Frau ist 20 Minuten Busfahrt von ihrem Ziel entfernt. Dass einen Menschen nicht mehr als 100 Meter bis zur Wilia-Bushaltestelle, 1,20 € Fahrtgeld, ein mauliger Mann (der sich das Abendessen erstmals in diesem Jahrtausend selbst auf den Tisch stellen müsste) von der Erfüllung seiner Träume abhält – so wenig und zugleich ALLES – , das fasziniert und gruselt mich, und ich meine das ohne jeden Zynismus.

27.10.

Bei der Lesung für die Grünen Frauen behaupte ich, dass ich mit Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer auf den Schock hinauf, dass ich den Literaturnobelpreis bekomme, Hanfkekse genascht hätte. Der Applaus des türkisen Gemeindekulturreferenten gefällt mir sehr gut.

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Es ist ein steter Quell der sprachlichen Freude, mit einer Staatsanwältin befreundet zu sein. Deswegen weiß ich jetzt, dass Juristinnen Querulanten als „Menschen mit verdichtetem Rechtsbewusstsein“ bezeichnen. 

29.10. 

Vor der Lesung in Eferding kommt es sehr schnell zum branchenüblichen, extrem freundlichen Negativ-Battle, wer jemals die wenigsten Menschen bei einer Lesung gehabt habe. Es gewinnt Gertraud Klemm (quasi "keiner, und der ist mittendrin gegangen"). Es ist sehr, sehr schön im Gastzimmer, so überhaupt kein Abend für literarisches Understatement. Marianne Jungmaier fragt mich nach Kulturpolitik, und ich sage, man möge mich erschlagen, wenn ich behaupte, es ginge mir nicht sehr gut dank meiner ganzen Privilegien. Talking of which: Nach der Lesung in Eferding bewirtet uns Karin Peschka mit Crémant, den sie von der befreundeten Feinkosthändlerin gegenüber kaufe. Außerdem ist der neue Bürgermeister freundlich, schwul und geht zu Lesungen. Vielleicht ist Eferding das neue Hipsterhausen von Oberösterreich geworden, ohne dass wir es bemerkt hätten. 

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 Über das wahre Leben schreibe ich hier nicht, außer ich tue mir einen Hund ins Haus: 

Freitag, Oktober 01, 2021

Bad Habits, Bad Gastein, Bad eschluss

Phantomereignisse im September 2021

1.9. Grundlsee

Ich darf nie sterben. Wer kümmert sich denn um mein ganzes Zeug, wenn ich einmal tot bin?

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35 Kilometer gegangen. Das nächste Mal nehme ich das Auto.

Ein Reh bellt im dampfenden Wald, als würde es sich über kleine, dicke Hunde lustig machen. Gämsen poltern in das Bärental hinauf, aber vielleicht mache ich noch Steinböcke draus. Die nützlichste Tiersichtung des Tages ist aber die tote Fliege im abendlichen Beilagensalat, sie ist zwei Marillenschnäpse wert.

2.9.

Die letzten Schritte auf den Gipfel des vorderen Bruderkogels. Bevor ich ihn sehe, höre ich ihn: Die Beschwerdepiffe des Steinadlers wegen Störung seiner Privatsphäre hören sich an wie das Schreien einer sehr großen, sehr angepissten Möwe. Für seine Grämung wie für die Schimpfbeschreibung verdiene ich einen ornithologischen Shitstorm. Der Adler selbst schwankt auch zwischen fight or flight, Aus einer Mischung aus Überraschung und Ehrfurcht warte ich wehr- und reglos auf seine Entscheidung. Sein Flug über das Widderkar wird einer der großen Momente 2021 bleiben. Weitere Tiersichtungen an diesem gleißenden Tag: ein Birkhuhn (tun wir halt so); Kühe auf einer geheimen Weide am Fuß der drei Brüderkogel; ein Reh, das mit einem Bein in den Wald steigt und mein Näherkommen lange und relativ provokant betrachtet.

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Bei der Gleichstellung der Geschlechter plädiere ich dafür, die Merowinger, Habsburger und Wittelsbacher weiter zu diskriminieren.

3.9. Grundlsee

Deutsche Wanderer haben die Dame im Tourismusbüro einmal aufgefordert, etwas gegen die ungestüm balzenden Auerhähne im Henarwald zu tun.

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Bad Gastein

Unser Mikro-Ausflug fühlt sich sofort an wie eine Reise ins Ausland, weil die wenigen Bankomaten im „Zentrum“ nur gegen Gebühr arbeiten, und natürlich, weil lauter wirklich Auswärtige um uns herum sind.

Die hiesigen Wandernadeln kann man auch per App erlangen. 

"Na, habt's schon Mittag gegessen, liebe Gasteiner?" Der Heiland i.R. im Kurbad

Am besten gefällt uns die Ecke zwischen dem todteuren Kettenhotel (samt Standort-Shirts) und der Passage des verfallenden Kurpark-Geländes. Dass Beton vergehen kann! Wir drücken uns an der schwächlichen Absperrung vorbei. Das Gebäude soll erst seit 2007 leer stehen (googeln wir später), sieht aber aus wie seit 1986. Ein klassischer Lost Place, wie sie gerade in dystopographischer Mode sind. Überall träufelt Wasser herunter. Biologen hätten am Pionier-Ruderalbewuchs noch mehr Freude als wir. Von oben billige Musik aus billigen Boxen, die verstummt, sobald wir den Fuß auf die Treppe setzen. Ein Angestellter aus den wenigen geöffneten Hotels hat sich auf dem Dach offenbar einen Happy Place gebaut, mit altem Liegestuhl und etlichen slowakischen Bierdosen. Sobald wir wieder hinuntersteigen, geht geisterhaft die Musik wieder an. 

Sehr ansprechend auch das bizarrste Naturdenkmal Österreichs, das man nur schwer findet, am ehesten, wenn man aufs Klo muss und den Hinweistafeln in das Erdgeschoß des riesigen APCOA-Parkhauses folgt. Auch hier rieselt und tropft es, mit voller Blase muss man sich jetzt wirklich ranhalten. Erst nach der Erleichterung mag man einen Blick für die hohe, moosige Bergwand haben. An deren Fuß eine bessere Quelle, tiefgrün. Mit leichtem Schrecken erkennt die Nähertretende darin dicht aneinandergeschmiegte Forellen. Sie sind grotesk groß, weil man sie füttern kann, mit 20 Cent für den Automaten ist man dabei – das billigste Vergnügen in Bad Gastein. Es werden wohl doch viele vor uns die „Gletschermühle“ im Hinterhinterhof des Betonklotzes entdeckt haben, steht ja auch ein Erklärschild daneben, vor allem sind die Fische grotesk ihrer gewohnten Dimension entwachsen. Zu keiner Jahreszeit fällt ein Lichtstrahl hier herein.

 

Arm auch das feuchte, tote, gelbe Haus, das abgetrennt vom Leben oberhalb des Wasserfalles steht wie ein kariöser Zahn, der auf sein Ausgerissenwerden wartet.

Abends trinken wir Dosenstieglbier auf dem Balkon, um der bürgerlichen Prachtvergangenheit, die uns am Nachmittag bedrückt und unterhalten hat, etwas Vitales entgegenzusetzen. Erst nach einer Weile wird uns klar, dass hier – recht ungewohnt nach der großen Stille am Grundlsee – kein Verkehr das Hintergrundrauschen verursacht, sondern der Wasserfall. Anders als im Toten Gebirge hat man in den Tauern das Gefühl, im System großer, alter Ströme zu stehen, nicht mehr im touristischen Kehrwasser. Dabei war ja im Salzkammergut in den beiden Seuchensommern alles ausgebucht, während man im Gasteiner Tal aus Gästemangel mit den Zähnen knirscht.

Etwas Neues oder gar Cooles über Bad Gastein zu schreiben hat man eigentlich schon 2014 verpasst, aber trotzdem fotografieren wir die ganze Zeit, überall findet sich etwas Skurriles, während im Salzkammergut alles aus gediegenem Guss ist. Die Pseudo-Exotik speist sich aus einer anderen Quelle als die uncanny Hallstätter Un-Heimlichkeit. Abends lese ich zufällig den Katalog zu „The Big Sleep“, der Ausstellung über Tierpräparate. Erst nach einer halben Stunde gneiße ich, wie gut das passt. Und wie gut es uns hier gefällt – schaut, wie viel ich notiert habe!

4.9. Bad Gastein – Korntauern

Der echte, ganzjährig benutzbare Ort beginnt erst 300 Höhenmeter über dem Kurhotel-Hongkong, samt Billa, sozialem Wohnbau und „Café Gitti“ - wie ein kleines, alpines Altiplano einen Kilometer oberhalb von La Paz.

Der Nationalpark Hohe Tauern kann nicht sehr groß sein, denn ich treffe eine Bekannte, die zuhause nur die Donau und zwei, drei Kilometer Luftlinie von mir trennen. Wir finden es wunderschön hier, nur das viele Geröll erachten wir beide als etwas unordentlich, im Karst ist es viel aufgeräumter. 

Waren wir beim Aufstieg noch die einzigen Wanderinnen, geraten wir südseitig, oberhalb der Scharte wieder in ein Zugsystem. Die Leute mögen Kärnten halt, es gibt ein bisschen Gletscher und eine Bahn. Gerne wäre ich auf einen Gipfel gestiegen, im markierten Bereich ist aber keiner zu haben, und ich kenne die geheimen Wege der Tauern nicht. So kehre ich am Nachmittag zurück in das Sackgastein; auch nordseitig sind die Berge elektrifiziert, hoch oben stehen noch Strommasten. Ein Segen für Snobs wie mich, dass das Tote Gebirge für den brutalen Tourismus in den 1970ern nicht interessant genug war.

Ein Tourismusmann erzählt uns beim Abendessen, dass die Appartments nach der Vermietung an Skandinavier am schlimmsten aussähen, und dass es eine Art Darknet für Gratis-Tourismus gäbe, dank dessen Mittellose in Leerständen schlafen und an schlecht kontrollierten Büffets frühstücken können.

5.9. Bad Gastein – Sportgastein – Wels

Erst am dritten Tag im Tal begreife ich, warum ich ständig ludeln muss, mindestens alle halben Stunden: Es liegt an all den Bächen, Flüssen, Quellen. Immer plätschert, gurgelt und wischerlt es irgendwo. 

Die Schafe unterhalb des Niedersachenhauses hören sich an, als seien sie zu dumm, um mehr als „Möh!“ herauszubekommen, obwohl sie es besser könnten. Sie klingen wie eine vielstimmige Horde erstaunter Proleten, die Fremde mit „He! He! He!“ anschreien.

Immer wieder verbieten Schilder „bergpolizeilich“ das Betreten der historischen Stollenanlagen, sodass man große Lust bekommt, endlich eine zu betreten, fände man endlich eine.

75 Höhenmeter oberhalb des Parkplatzes, von dem ich am Morgen gestartet bin, fragt mich in der Nachmittagshitze ein oben ohne Wandernder keuchend, ob es noch weit sei hinauf, und ich weiß nicht, wie ich ihm seine bevorstehende Aufgabe schonend beibringen soll. 

 

7.9. Linz, Wels, Schönering, Irgendwo dazwischen

Die Sitzungen sind zurück in meinem Leben, ächz.

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Vogel der Woche: die „Allerweltsralle“ (K. Nüchtern)

8.9.

Zum Geburtstag bekomme ich von einer alten Schulfreundin Schnurren geschenkt. So habe etwa im vorhergehenden Jahrtausend ein Handelsreisender mit seinem Tripper eine erstaunliche Anzahl an NachbarInnen in angesteckt. Zweitens habe eine ihrer Schülerin damit geprahlt, dass ihr Vater so gerne Karl Marx lese, zur Entspannung, am liebsten im Urlaub. Vorsichtiges Nachfragen ergab, dass „Karl May“ gemeint war. Die Lehrerin hatte laut aufgelacht, war allerdings verstummt, als sie in eine Klasse voller junger, verwirrter Menschen sah, denen der Proletenvereiniger genauso unbekannt war wie der Indianerschwindler, nämlich völlig. Drittens habe die amtierende Partei in unserer Gemeinde einen Tag lang mit „Ehrfahrung kann man wählen“ plakatiert. Ich bin die Letzte, die darüber lacht, denn ich habe damals 435 Exemplare der „Sau“ persönlich korrigiert (Gewidmet meinen Vorhfahren“, das verzeihe ich den Verantwortlichen in diesem Leben nicht mehr).

***

Mama, sind die Minki und ich verwandt?“

Nein.“

Ah, aber sie ist meine Taufpartnerin!“

9.9.

Die oasch Taliban haben ein Amt eingeführt, das sich anhört, als hätten wir es für die Lesebühne erfunden: das Ministerium für „Einladung, Führung, Laster und Tugend“. Da wär's wirklich schon wurscht, wenn man gleich auch noch eins für „Gottgefällige IslamischeGangarten“ einrichtete.

10.9.

Kostbarer Fund im News-Strudel: Ein spanischer Bischof gibt sein Amt auf, weil er sich in eine Autorin satanistisch-erotischer Bücher verliebt hat. Xavier Novell Goma war Spezialist für Teufelsaustreibung und wegen seines Widerstandes gegen Homosexualität bekannt. Jetzt will das Paar in die Landwirtschaft gehen. Nur falls mich wieder jemand fragt, warum ich keine Fiktion schreibe.

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Im Grunde meines Herzens will ich immer nur auf der Couch liegen und lesen, außer „Kreisky“ ist in der Stadt. Weil ich nun ein erwachsener Mensch bin, tue ich nicht lang herum und kaufe mir vor dem Konzert gleich den 25€-Bier-Block. Sieben Stunden später wird davon auch nichts übrig bleiben, denn es sind liebe junge Menschen da, die ich einlade wie eine cheesy Sugar Mummy. Irgendwann ab Mitternacht werde ich vom beschickerten Star-Autor Elias Hirschl erpresst; er droht, eine flapsig formulierte Korrespondenz zu veröffentlichen – mein #metoo-Moment, ich fühle mich geschmeichelt! Gern gebe ich den Zehner her. Der Hirschl freut sich närrisch und läuft davon, um allen meine flapsig formulierte Korrespondenz zu zeigen, z.B. den lieben Kreisky-Herren. Der Mitter Klaus gießt mir, noch bevor wir uns begrüßt haben, ein Backstage-Bier in mein Becherlein, aus dem ich an sich nicht noch mehr trinken sollte, aber das Zipfer hat er aus dem Tocotronic-Kühlschrank gefladert. Alle sagen, dass Dirk von Lotzow aussieht wie der ältere Bruder von Boris Schuld, der plötzlich wirklich dasteht und aussieht wie der jüngere Bruder von Dirk von Lotzow. Wir haben das Gefühl, mit einem Promi zu trinken.

Hirschl taucht wieder auf, jetzt kann auch er nichts mehr trinken, aber er sagt, das sei der beste Zeitpunkt, um mich seiner Agentin zu empfehlen. Tags darauf muss ich erkennen, dass er es ernst gemeint hat.

Das Kreisky-Konzert war mir übrigens Stunden zu kurz, aber das wird man sich schon gedacht haben. Es ist übrigens sehr schön, von den Menschen der Lieblingsband persönlich gekannt zu werden, in besonders euphorischen Momenten muss man sich als Fan dann aber auch zusammenreißen, um der Band nicht persönlich peinlich zu werden. 

Dabei müssen einen die Dinge, die man von allen am meisten liebt, gar nicht immer zurückkennen, das Ratsherrenbier, der Sonnenschein und das Tote Gebirge wissen gar nicht, dass es mich überhaupt gibt. Der Große Priel wird nie einen Schatten werfen, der meiner Silhouette gleicht, und so muss das auch sein.

12.9.

Eine neue Fieberblase neben der alten. Das Leben ist ein Hit!

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An den verschiedensten Stellen hinterlasse ich jetzt kleine Notizen, damit sie in ein paar Jahren zu Grüßen aus der Vergangenheit werden, ein freundlicher diy-Spuk irgendwann gedachter Sachen.

13.9.

Meine Wanderbegleitung trägt als Wanderbekleidung wechselweise drei gachgelbe Jungschar-Schönering-Leiberl, was ich als Statement gegen den Skinfit-Ausrüstungsfetischismus lobe. Auf dem Gipfel des Sumperecks (übrigens eine magische halbe Stunde) knurrt trotz Brettljause ein Magen, halt!, nein, es ist ein röhrender Hirsch. Die beiden Herren glauben, ich hielte sie zum Besten. Es stimmt, ein röhrender Hirsch klingt wirklich so, als parodierte er einen röhrenden Hirschen.

14.9.

Beim gar nicht coronaadäquaten Umarmen Regina Pintars entdecke ich Franzobel, Ramona Schnekenburger (guter Name!) und Günter Kaindlstorfer im nächtlichen Efeu vor der Alten Welt. Letzterer macht sich u.a. mit der Erzählung bei mir beliebt, dass er bei einem Blind Date nachhaltig mit einer Dame verkuppelt worden sei, die eh schon Kaindlstorfer geheißen habe, also hat wohl gar nichts mehr gegen eine Hochzeit gesprochen.

15.9.

Ein Specht klopft mich morgens aus dem Baumhausschlaf, er wirkt wütend, dass er nicht an die fette Made im Inneren gelangen kann.

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Kein Schöpfungsdrang quält mich. Auch das selbstgemachte Gemüse ist mir zu viel. Den ganzen Tag emsiges, uneigentliches Arbeiten. Badeschluss. Der Herbst will sich anscheinend für sein Zufrühkommen im August entschuldigen. Bei der nächtlichen Mordrunde an den Nacktschnecken verschone ich die eierlegenden Paare und werfe sie intakt in den Kompostkübel. Sentimental.

16.9.

Der Zirkowitsch hat mir so viele lustige Sachen erzählt, aber ich habe sie mir nicht gemerkt – wie eine Verrückte, die lauter Hunderter auf der Straße liegen lässt.

Eine Frau wartet vor dem Kepler-Salon-Klo, in dem ich mich umziehe. Ich öffne ihr die Tür im Frack, sie sieht mich dementsprechend an. Keine Ahnung, warum ich den großen, schwarzen Kleidersack hebe und „Ich habe nur noch schnell eine Leiche beseitigt“ sage, wirklich keine Ahnung. Die Dame sieht mich dementsprechend an. Auf der Bühne übersehe ich, dass der Mann, den ich auf die Bühne bitten soll, schon drauf sitzt. Das Publikum sieht mich dementsprechend an.

Nachts radle ich im Frack durch den Regen, erhobenen Hauptes, das bin ich der Montur schuldig. Das Volk sieht mir dementsprechend nach.

17.9.

Mit gerunzelter Stirn kommt der junge Altenstrasser aus der Werkstatt und drückt mir eine Stachelschweinborste in die Hand, die er gerade aus meinem Kühler gezogen hat. Er hat Fragen, ich keine Antworten.

18.9.

Die drei Birkhühner, die ich auf dem Weg vom Toten Mann herunter beunruhige, wenden ihren Blick von mir, damit ich sie nicht entdecke. Ich spiele mit.

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Buttinger erzählt, dass er in der zurückliegenden Segelwoche angesichts seiner Freunde, die das von ihm liebevoll gekochte Mahl stets binnen Minuten verschlangen, dreimal täglich meine Mutter zitierte. „Man sieht einem Narren gleich!“

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Kutzenberger behauptet bei der Ansprache zu seinem 50er tatsachenwidrig, Buttinger und ich hätten uns in seinen neuen Roman reklamiert, und nun käme ich tatsächlich vor, aber nicht wie versprochen als ermordete argentinische Touristin, sondern als handlungsfernes Zentrum eines bizarren Kultes. Wie zum Beweis erklärt sich am Ende der sehr schönen Feier seine Tochter zu meiner Vizepräsidentin, SOFORT, sagt sie. Ich willfahre natürlich.

19.9.

Es gibt graue Katzenpfötchen-Federmotten und vierfleckige Storchschnabelzünsler (auf die Liste in Frage kommender Wiedergeburtskörper?).

20.9.

Zoombie = Mensch nach drei Stunden Online-Meeting

21.9.

Bob-Ross, ASMR-Held

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Es sieht so aus, als klappe Hirschls skurrile Agentur-Empfehlung, Anna Jung und ich schreiben einander sehr liebe Mails – aber etwas anderes als Chilisaucen und auf den letzten Drücker hingefetzte Lesebühnentexte kann ich ihr produktmäßig nicht anbieten. 

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Seit längerer Zeit muss ich mich sehr dazu anhalten, zeitgenössische Literatur zu lesen, wahrscheinlich weil ich immer vor Neid erglühe, wenn sie gut ist. Am liebsten läse ich nur Völkerwander-Führer, oder wie man einen Turmschädel macht. Gibt es interessantere Informationen als jene, dass das in der Jungsteinzeit weltweit Mode war? In Europa erreichte dieser Trend erst im 5. und 6. Jahrhundert seinen Höhepunkt, wahrscheinlich ein Import der Hunnen.

24.9.

Heute hat mich das Gefühl der Ausgesetztheit etwas stärker angefasst als sonst; vor genau einem Jahr bin ich von hier aus weit hinüber zum Hochweiß gekommen. Heute schaffe ich das nicht, bei jedem Schritt muss ich einen winzigen Widerstand überwinden, der nichts mit Schwerkraft und Kondition zu tun hat. Zeitlich wäre sich die Wiederholung des wilden Marschs ausgegangen, seelisch nicht. Gleichzeitig möchte ich vor Glück aus der Haut fahren, wie immer hier heroben.

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Die schnelle Veränderung des Sonnenstandes fällt mir heuer erstmals wirklich auf, wahrscheinlich weil ich das erste Jahr allein für alles hier verantwortlich war. Vielleicht aber auch, weil ich beginne, das Rasen der Zeit zu sehen. Die perfekte Droge für mich wäre Anti-THC. Etwas, das mir die extra air time verschafft, die man in den 1990ern an Michael Jordans Flügen zum Korb beobachten konnte.

25.9.

Kater + PMS = Befindlichkeit from hell

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Die Weihbischöfe von Köln heißen Ansgar Puff und Dominikus Schwaderlapp. Der Kater lässt nach.

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Ich ziehe euch mit meinen Blicken warm an.

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Eine möglicherweise schmerzhafte Frage in der Ära unserer ganzen Bullshit-Jobs: Welche Früchte deiner Arbeit würdest du bei einer Erntedank-Prozession auf einem Wägelchen durchs Dorf ziehen? Ich: ein paar Zettel und 23 Gläser Chilisauce.

26.9.

Ich darf mit einer Literatur-Akkreditierung durch das Wahlabendgewimmel im u/hof strolchen. Die ÖVP braucht irre viel Platz, weil sie sich nicht ohne Entourage bewegt, junge Jubelperser in türkisen Pololeiberl begleiten enthusiastisch jeden Schritt des neu-alten LH. Das Machtgehabe inspiriert mich, ich schüttle dem Stelzer die Hand „im Namen der Literatur“, nur ist mir das in derselben Sekunde peinlich, während kein Gran Zweifel die anhänglichen Gemüter der Bauernbundjugend trübt. Neid! 

Vor der Damentoilette eine Delegation roter Damen, ich mache einen Witz, ob sie der Frau Landesrätin das Klo-Spalier machten, da kommt sie heraus und alle setzen sich mit ihr in Bewegung. Müde drängt sich der grüne Landesrat an mit vorbei und legt mir eine Sekunde die Hand auf die Schulter, das darf der Buttinger nicht lesen. 

Die FPÖ hat in der Zwischenzeit die Kantine leergetrunken, ich hamstere die letzten drei Seiterl. Während ich das erste allein in einer Ecke öffne, kommen zwei Neu-Abgeordnete der MFG in meine Richtung, ich wende in Fremdscham den Kopf wie die drei Birkhühner am Toten Mann. Der Trick gelingt, die zwei Impflumpis stellen sich neben mich und beginnen keine Stunde nach ihrem Einzug in den Landtag einen festen Disput, bei dem Pöttler den Jüngeren dafür schilt, dass er bei der aufgelegten ORF-Frage, wie man angesichts so vieler Menschen auf den Intensivstationen so deppert tun könne (sinngemäß), nicht die von der MFG zurechtklabüserten Intensiv-Zahlen genannt habe, sondern die richtigen. 

In einer Mischung aus Besorgnis und Amüsement über diese doofen Landsleute schlendere ich in den großen Mediensaal, renne aber gleich wieder hinaus, weil darin plötzlich der Kurz vor mir steht, Grundgütiger, muss das sein! Rüber in den Gang – aus dem Klo kommt Werner Kogler. Ich verlasse das Geschehen und gebe einem jungen Menschen meine Akkreditierung. Er kommt - 50 Kilo leicht, zwei Meter groß, augenscheinlich Mann – locker als „Dominika Meindl“ wieder hinein zur Elite, aber wozu? Die FPÖ hat wirklich alles leergetrunken.

28.9.

Es woa sicha a Ratte, es woa nämlich a richtig dicke Maus.“ Coala

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Meine“ Agentin Anna Jung sagt, ein wirklich gutes Lektorat müsste bei meinem Bergroman selbst da rauf ins Tote Gebirge, um nachzuschauen, ob das auch alles stimmt.


29.9.

Trotz fortwährenden Aufräumens stoße ich im Haus immer noch auf Nester der Entropie, heute etwa im medizinischen Bereich. Über vier Zimmer verteilt liegt, wonach sich ein Tropenspital im Kongo sehnt.

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Gestern und heute unabsichtlich Paläo-Diät, weil ich die Tür des Tiefkühlschranks über Nacht offen gelassen habe. Wir hatten wirklich viele Würste auf Vorrat.

30.9.

Die Schlussmeldung im Ö1-Abendjournal: Ein Mitarbeiter des Weißen Hauses sei extra dafür abgestellt gewesen, Trump bei Wutanfällen mit seiner Lieblingsmusik zu besänftigen, etwa „Memories“ aus „Cats“.

Mittwoch, September 29, 2021

Fremddeckungen, Leuchtschleim und Spinnenpfoten. Phantomereignisse im August 2021

1.8.

Die Nachbarn ziehen ein ziemliches Sexbusiness auf, nach rassischen Kriterien. „Snowmass Diamond Mountain ist schon voll im Einsatz und hat ander Beschäftigung so richtig Spaß! Verständlich, er bekommt auch die heißesten 'Eisen' in der europäischen Alpacawelt! ACHTUNG: Es stehen nur mehr 2 Fremddeckungen für 2021 zur Verfügung. […] Jetzt reservieren und in der eigenen Zucht einen Quantensprung in der Feinheit, Dichte und Gleichmäßigkeit vornehmen!“

3.8.

Die ganzen christlichen Accessoires im Haus beginnen wie vergessene Weihnachtsdeko auszusehen.

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Ein selten gewordener Ausflug nach Linz. Alle schauen mich an. Entweder habe ich eine Modeverschiebung verschlafen oder ich bin berühmt. Vielleicht aber auch paranoid. Später, in der Kletterhalle, schaut eine Frau, der ich sehr schwungvoll aus der Toilette entgegenkomme, irritiert an der Tür nach, ob das eh das Damenklo ist. Dabei war ich seit Monaten nicht beim Friseur und trage eine lavendle Hose.

4.8.

Weil er es so doof findet, dass der deutsche Naturbund bei den Störchen gendert, flüchtet der Schriftsteller Politycki ins „Exil“ nach Wien. Ich kaufe dem seine Sorgen für 500 €.

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Bei Gelegenheit etwas über die allgemeine Übermüdung schreiben, die Frauen nur akzeptieren können, wenn es nichts mit einer Versagensmöglichkeit zu tun hat. Dir wird alles zu viel in der rush hour? Muss Long Covid sein. Dein Kind erschöpft dich, obwohl der Mann eh zweimal in der Woche mithilft beim Zubettbringen? Vielleicht ist es das Amalgam in den Plomben! Du willst deine Familie an die Organmafia verkaufen, weil du die einzige bist, die anderer Leute Stundenpläne, Arzttermine, Sockenaufenthaltsorte weiß? Hm, ist vielleicht Eisenmangel, geh' mal zum Energetiker, da ist wo eine Blockade im Chakrahaus, wegen der Mondphase. Die erschöpften Mütter versagen aber nur in einer Sache, dass sie nämlich nichts anzünden vor Wut, und dass sie glauben, sich selbst ändern zu müssen statt das System.

5.8.

Bin heute selbst erschöpft, aber ohne Versagen, nur wegen der Impfung.

6.8.

Die Beute lenkt den Feind mit leuchtendem Schleim ab.“ Die ZEIT

7.8.


Nach der Wanderung aufs Brandleck über das Prentnerkar ziehe ich schnell Leiberl und BH aus, woraufhin ein alter VW-Bulli wendet und auf mich zukommt. Ich schwanke zwischen Abwehr und „Schau, wie mein süßer Body wirkt“, da kommt aus dem Bus schon eine herausgestiegen, die mich erkannt hat und die ich mag.

Dann sehr schnell durch den kleinen Orkan nach Wels, ich bin viel zu spät für den „Großartigen Leseklub“, der seinen Namen zu Recht trägt, schon alleine, weil sich Frau KMT mit fordernder Sexualität auf ihr Keyboard legt. Ich habe eine Kapperlfrisur und miachtle ein wenig, trotzdem siezt mich Barbara Zeman. 

8.8.

Mittlerweile machen mich Lesungen, zu denen die Menschen ordentlich gekleidet zu früh erscheinen, sehr nervös, noch dazu, wenn ich Ernstes lesen muss. Gelesen wird im lavendel getünchten ehemaligen Gmundner Klomuseum. Später wird man mich loben, dass ich die Sachs-Gedichte so „straight“ gelesen habe, dabei konnte ich es einfach nicht besser. Eine Besucherin droht mir, als ich sage, ich sei aus dem Zentralraum: „Ned frech wern!“

9.8.

Zu viel Raum, zu wenig Zeit.

10.8.

Ich habe keinen guten Geschmack, dafür einen guten Appetit.

11.8.

In der Perseidennacht allein auf dem Gipfel des Großen Brieglersbergs. Noch vor Mitternacht gehen mir die Wünsche für all die Sternschnuppen aus. Bald treiben mich immer tiefer fliegende Fledermäuse ins Zelt hinein. Frühmorgens trudelt ein Birkhuhn neben mir herab. 

12.8.

Die Augen trinken diese Schönheit wie kaltes Bier. Das Gipfelbuch auf dem Hebenkas stammt aus dem Jahr 1981, jemand hat neben einen der ersten Namen „+1983 Pyhrner Kampl“ geschrieben. Vorne steht in Kalligraphie: „Du sollst nicht danach streben, dass es dir gut geht, sondern dass durch dich Gutes geschieht.“ 2021 ist immer noch ein Drittel unbeschrieben.

Nach 30 Stunden steige ich ab, wie immer mit dem Gefühl, hier nur einen Bruchteil der Landschaft gesehen zu haben. Nach 1000 Höhenmetern frage ich mich wie immer, wer das alles heraufgegangen sein soll, und wozu.


13.8.

Setz' „Die Bienen und das Unsichtbare“ ist ein ganz ausgezeichnetes Buch („auf Spinnenpfoten“), obwohl ich trotzdem weder Volapük noch Esperanto lernen möchte.

17.8.

Homer soll eine Gedichtparodie namens „Der Froschmäusekrieg“ geschrieben haben (gefunden bei Kierkegaard, gleich daneben das Wort „Schnurrpfeifereien“).

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Wenn ich wirklich einmal alles lese, was ich mir in den Urlaub mitnehme, komme ich als anderer Mensch zurück.

18.8.

Ich will nicht prahlen, aber ich habe gerade das beste Kompliment des Quartals bekommen: „Fia des, dass'd recht liab bist, bist aa gaunz gescheid.“ Es war aber auch notwendig, denn die junge Friseurin hatte mich eine Stunde vorher gefragt, was denn meine ursprüngliche Haarfarbe einmal gewesen sei. Die Scham angesichts meiner „Frisur“ im Spiegel war übrigens nach einer halben Stunde intensiver Wildwuchsbändigung in papageienhafte Selbstverliebtheit umgeschlagen, ich hatte mich zusammenreißen müssen, nicht eitel zu krähen.

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Am Beispiel der „Wand“: Immer wenn die Rührung den Buttinger zu übermannen droht, lenkt er sich selbst mit extranervigen random Fragen zum Gesehenen ab („Wer ist jetzt der Luchs?“ „Der Hund, der gerade erschlagen wird.“ „Ha?“ „Bitte!!!!!“ „Wem ghert der Hund?“ „Dem Jäger.“ „Welchem Jäger?“ „Den man am Anfang gesehen hat...“ „Da hab ich nicht geschaut.“ aaaargh!!!!). Am Ende haben wir aber beide nicht geweint bei der Einstellung, in der Luchs retrospektiv über die Alm läuft.

19.8.

Armselig ist das Haus, in dem es nicht auch viele überflüssige Dinge gibt.“ Horaz war noch nie bei mir daheim.

20.8.

Ich binge „Binge Living“, es ist durchgehend lustig! „Shit, ich hab total vergessen, dass man arbeiten muss, wenn man einen Job hat.“ Oder: „Nach fünf Stunden habe ich mich ernsthaft gefragt, wozu man ganze Kontinente versklavt, wenn denn erst gebildete, mitteleuropäische Kunststudentinnen Stunden ihres kostbaren Lebens vergeuden müssen.“

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Ein Neuroleptikum für Kinder heißt „Pipamperon“.

"Analgentechnik" - nein, danke!

21.8.

Heute überhole ich beim Wandern so viele Männer, dass ich selbst schon an die Überlegenheit der weiblichen Rasse zu glauben beginne.

22.8.

Ein Falke stürzt so jäh vom Himmel auf seine Beute herab, dass es so wirkt, als sei er kaputtgegangen und 100 Kilo schwer.

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Bei Gelegenheit etwas über die rasante Beschleunigung beim subjektiven Sommerzeitempfinden. Der Juli und der August sind mir durch die Finger geronnen wie Euromünzen auf dem Urfahraner Jahrmarkt. 2042 wird mein innerer Sommer trotz Klimawandelns nur noch drei Tage lang dauern.

23.8. Grundlsee

Ob sich der Grundlsee einen Fisch ausgedacht hat, der meinem Schatten gleicht? Ob die Kinder von Gössl sich ein Spiel ausdenken werden, dass meinen Namen trägt? Ich habe ein Appartment am Fuße des Toten Gebirges. Meine alpinistischen Erwartungen sind mittel, ich bin schon in der Minute der Anreise glücklich, und es wird noch besser, als sie diesmal beim Staudnwirt leise „Easy“ von Faith No More spielen. 


24.8.

Das Wetter ist ein wenig scheiße. Hier die schönsten Eindrücke aus dem Ausseer Kammerhofmuseum (unvollständige Aufzählung ohne Ranking):

  • Steigeisen für Kühe

  • Die Löffelkrokodile vom Fuß der Plankermira

  • Die Eiszeitmodelle von der Gegend – schneesichere Skitouren mit wenigen Höhenmetern

  • Der interaktive Pasch-Lehrgang, bei dem man von einem Einheimischen virtuell extrem ausgeschimpft wird, er spuckt sich vor Empörung über so viel rhythmische Dummheit das Kinn nass.

  • Die Kollektion der Höhlenbärenpenisknochen

  • Die Völkertafel voller verrückter ethnischer Vorurteile über die zwölf Hauptrassen Europas, samt deren jeweils bevorzugter Laster und Todesartenprognose:


Später gehen wir mit Lutz Maurer, dem Erfinder von „Land der Berge“, etwas trinken, er erzählt uns lustige Schnurren, etwa über den eitlen Klettergecken Thomas Bubendorfer* (er musste einmal vor den Augen seiner Kronenzeitungsentourage aus einem Einkaufswagen herausklettern, die vollständige Geschichte erzähle ich auf persönliche Anfrage).

25.8.

Die beiden schneeweißen Geißen auf der Pühringerhütte ersuchen dringlich um streichelnde Hände. Wenn man innehält, hakt die größere sanft ihre Hörner in den Unterarm und zieht ihn zurück auf ihre Kruppe, und wenn die Pause gar zu lang wird, treten sie so sanft mit ihren Hufen, als wären es Spinnenpfoten.

26.8.

Das Wetter ist ein bisschen scheiße, also eher lesen und Kuchen essen (wenn man den vom Vortag zum halben Preis kauft, hat man gleich die Illusion, eine gute Tat vollbracht zu haben). Lesefrüchte: Meine Branche heißt „Bewusstseinsindustrie“. Und bis weit nach 1960 wurde diskutiert, ob Frauen in Foto- und Röntgenlaboren arbeiten dürfen, da sie während ihrer Tage durch Menotoxine die Bilder beschädigen könnten. Eigentlich ist es fast schade, dass dieser bizarre Irrglaube nicht stimmt, wir könnten das gut in ein Drohszenario einbauen. Lutz Maurer hat mir ein Buch mit Kaiserin Sisis Berggedichten zukommen lassen, ich könnte es kaum besser, aber schlechter schon gar nicht: „Mein Berg, mein Felsgemahl“. Bin keine Historikerin, aber mich dünkt, ihr ist ihre Mischpoche auf den Arsch gegangen:

Doch die größte aller Wonnen,

könnte ich der Dachstein sein

Den Verwandten wär entronnen

Ich samt ihrer ganzen Pein.

Es ist ein sehr informatives Buch, sie reicht etwa in einem sehr langen Poem einem ihrer Bergführer eine Schale Milch, „die macht mir jedesmal Durchgang, Ich mag's auf keinem Falle.“ Und sie möchte ihr Leben den eigenen Haaren vererben, „an meinen Haaren möcht' ich sterben“. Crazy!


29.8.

Das Wetter ist seit drei Tagen manifest scheiße. Wir sehen aus Trotz keine Sekunde Tageslicht, liegen nur beim Essen nicht, fangen um 14:30 mit Chips und eine Stunde später mit Bier im Bett an, das volle Dekadenzprogramm für gelangweilte Proleten. Die frisch gekaufte 50er-Premium-Sonnencrème steht im Bad wie ein Mahnmal dafür, dass man das Leben nicht planen soll.

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Kein Mensch kann zu viel Realität ertragen. Wir brauchen unsere Bücher, unsere Bastelprojekte, unsere Hunde und das Strickzeug, die Filme, Gärten und kleinen Aufgaben.“ Helen Macdonald, „Abendflüge“ (ein sehr großes Buch). Wir brauchen unsere Chips und unser Bier und unser Bettzeug und unsere Hoffnung darauf, dass dieses oasch Wetter vorbeigeht.

31.8.

Es regnet. Wichtig für die Bauern. Unabsichtlich werden wir zu Restauranttestern im Inneren Salzkammergut. Wenn meine Literatur irgendeinen Sinn gehabt haben soll, dann geht nicht in die „Blaue Traube“ in Bad Aussee.

Wohl empfehlenswert ist das Salzbergwerk in Altaussee. Der Guide erklärt, es werde so lange betrieben, wie die Menschen es sich leisten wollten, denn das überall verscherbelte Himalaya-Salz sei chemisch ident, aber konkurrenzlos billig, weil „der Mensch dort nichts wert ist“. Im Shop möchte ich dann, noch ergriffen von diesen Worten, das gute heimische Steinsalz kaufen, aber es ist wirklich ein bissi teuer (Museumsshoppreise eben). Schon will ich zum Bad Ischler „Pink Yeti“ greifen, da sehe ich erst, dass es aus Pakistan kommt. Später im Ausseer Unimarkt liegen billige Halbkilosalzsäcke herum, mit einer Importadresse auf Malta, dem Einfallstor für alle doofen Ideen der globalen Schifffahrtsmafia.


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* Zuhause lese ich in Bubendorfers herrlicher Autobiographie nach, um sicher zu gehen, ob er eh wirklich eitel ist. Ich werde nicht enttäuscht: „Ich zweifle selten; Ursula jedoch, mit einem Mann wie mir, kommen klarerweise öfter Zweifel.“