Donnerstag, Januar 29, 2026

Die neun Leben des Dr. Josef Ratzenböck

Drehbuch für einen Smash Hit im Land der MOÖglichkeiten

Deadlines inspirieren mich, vielleicht geht sich ja noch was für den Oscar aus. Beim Prokrastinieren für diesen Lesebühnen-Text bin ich auf die Idee verfallen, alte Familiendias zu sichten – derzeit posten ja alle Fotos aus dem Jahr 2016, wo noch alles gut gewesen sein soll. Ihr Narren! 1986 hätten wir richtig abbiegen können! Die Sowjets wegen Tschernobyl aus dem Buch der Geschichte streichen, die USA wegen Endes des Kalten Krieges auf ihr Staatsgebiet einhegen, die Erfindung des Internets in klügere Hände legen, das Matriarchat den Völkern mit liebevoller Mütterlichkeit oktroyieren.

Ein Dia, ein buenas dias, siehe oben, zeigt eine humoristisch wertvoll gewordene Szene, die ich auf Facebook dergestalt beschrieb: „Vor 40 Jahren sollte ich dem LH Ratzenböck einen Blumenstrauß überreichen, weil er uns ein Dach auf die Volksschule Schönering gesetzt hatte. Ich geriet aber in Panik und paschte ab. Der Bürgermeister fing mich und leitete mich sanft zum Landesvater, der gütig das Gebinde aus meinen schweißnassen Händen wand. Was sind eure besten Ratzenböck-Nachrufe? Die schönste LH-Schnurre gewinnt!“

Darauf schrieb Frau Karin H., geschätzte OLW-Stammgästin: „Der Cousin meiner Mutter ist der Überzeugung, dass der Ratzenböck schon vor 20 Jahren gestorben ist, aber erst jetzt begraben wurde.“ Ich wollte daraufhin eine arge Geschichte über Balsamierungspraktiken schreiben (den Mao zum Beispiel haben sie mit Formaldehyd ja historisch belegt aufgepumpt wie einen Weinschlauch), dass das auch in OÖ in der Pathologie der Barmherzigen Schwestern versucht wurde, um den Kulturstandort neben dem luftgeselchten Pfarrer von St. Thomas am Blasenstein mit einer weiteren sehenswürdigen Mumie aufzuwerten.

Aber das Thema waren am 23. Jänner ja Katzen, und die haben neun Leben. Bester Stoff für einen actiongeladenen Episodenfilm, in dem der Ratzenböck immer wiedergeboren wird: Er stellt seine Bonusleben der guten Sache zur Verfügung. Im zweiten Leben kauft er aus einem bulgarischen Schrottzoo einen Tiger frei und macht ihn scharf, sodass er den bei Woronesch fischenden Putin anfällt und endlich aus dem Bestand der Menschheit entnimmt. Der Tiger frisst dann leider auch den Ratzenböck, sodass er schon im dritten Leben angelangt ist. Es zeigt sich, dass er mit jeder Reinkarnation ein bisschen weniger lebendig ist, womit gleich auch das Zombie- bzw. Vampir-Genre mit abgefrühstückt werden kann.

Nun schickt die NATO den Alt-LH nach Amerika, wo er den Trump und den JD Vance auch gleich mit Glykolwein final unter den Tisch säuft, unter Aufopferung seines eigenen Lebens, aber erfolgreich.

So geht es dahin, peace keeping durch robuste Einzelkämpfer-Attacken – im Nahen Osten, Iran, Sudan, Kongo, Weißrussland, Nordkorea & China: Überall werden die führenden Kriegstreiber waidgerecht vergrämt (aus dem Leben). Das müsst ihr euch jetzt selbst ausmalen, gern mit den Requisiten der 1980er als Waffen, enthauptet mit Modern Talking LPs, verätzt mit saurem Most, überdosierte Schilddrüsentabletten, stranguliert mit selbstgestrickten Zopfstirnbändern, erschlagen mit Acrylmalerei, vom Opel Kadett überfahren, vom umfallenden Wurlitzer getroffen.

Am Ende seines letzten Lebens ist von der Vitalität des LHs nicht mehr viel übrig, er lenkt seine letzten Schritte zurück an den Ausgangspunkt der Geschichte. Dort klopft er an die Tür eines Einfamilienhauses mit baubehördlich vorgeschriebenem Atomschutzbunker (jetzt voller Hofer-Wein und alter Ribiselmarmelade). „Meindl Mink“, knarzt es aus seinem zerfaserndem Kehlkopf, „i hob mein Beitrog gleist, jetzt sad's es Jungan drau.“ Er sinkt zu Boden, endlich ewige Ruhe, und die neue Herrscherin im Land der Moöglichkeiten lässt dem verdienstvollen Landesvater ein großes Requiem im Linzer Dom ausrichten. Danke, LH Ratzenböck! 

Freitag, Dezember 12, 2025

Wunschliste ans Christkindi für 2026: Ich bitte um eine gute Sterbstunde

Liebes Weihnachtswesen, hier ist wieder deine Minki! Sorry, dass ich mich immer nur zu deinem Geburtstag bei dir melde, es ist allerweil so ein Wirbel, aber ich glaube das ganze Jahr über fest an dich. Da sind wir ja Kolleginnen, denn was wäre das Kind Gottes, und was wäre eine Bundespräsidentin, wenn niemand glaubt, dass es uns gibt?! Du darfst dir auch gern was von mir wünschen, sag' einfach Bescheid, wenn ich was tun kann für dich, zum Beispiel einen Pflegeplatz für den Papa.

Auch heuer formuliere ich meine Wünsche eingedenk der Frohbotschaft des Erzengels Michael: „You can't always get what you want. But if you try sometime you'll find you get what you need!“ In der berühmten Vulgata-Übersetzung von Joki Kirschner: „Geschenke sind nicht wichtig, wenn man rechtzeitig drauf schaut, dass man sie hat, wenn man sie braucht.“ In diesem Sinne! Folgendes wünsche ich mir heuer sehnlich:

  • Eine Zeitreisemaschine, eh keine arge, sie kann aussehen wie eine Saunakabine im endlich trockenen Keller (Vergelt's Gott dafür!), und sie muss nur sechs Monate in die Vergangenheit zurückgehen, und auch nur im Winter – ich möchte einfach nur jederzeit oben im Hochsommer in meiner geliebten Wildnis des Toten Gebirges sein, und beim Hinüberschauen auf den Dachstein nasse Augerl kriegen. Ein Sommertag in meiner selbstgebauten Vergangenheit und ich wär' leistungswillig wie ein feuchter neoliberaler Traum.

  • Ich bitte innig um die Wiederschenkung meines Grundvertrauens in meine humane Mitschöpfung. Man muss ja nicht so einen Stiefel zusammenwählen. Bitte lass' die Leute wieder mehr Bücher lesen, müssen eh nicht nur die unseren hier sein. Gerne hätte ich weniger Satire in der Politik, es ist derzeit sauschwer, selbst eine zu schreiben.

  • Dann brauche ich neue Turnschuhe, ich bin zu blöd dafür, oder zu unentschlossen, vielleicht wär's gscheiter, wenn es eine leicht kommunistische Konsumwarenverknappung gäbe, also nur noch sagen wir zehn verschiedene Sorten, dann tu ich mir leichter.

  • Abschließend wünsche ich mir, dass die Wissenschaft endlich ihre Prioritäten geregelt kriegt, was soll diese oasch Rüstungsforschung, setzt euch auf eure Hosenböden und arbeitet emsigst an lebensverlängernden Maßnahmen, keinesfalls aber an der longevity durchgeknallter Nabobs wie Musk, Bezos und Zuckerberg, da vielleicht sogar bitte in die Gegenrichtung, mein Wunsch betrifft die Lebenserwartung von Hunden, die bitte exakt an jene ihrer Halterinnen angekoppelt werden möge, so schwer kann das ja nicht sein.

Das war's schon für mich! Weihnachten ist ein Fest der Liebe, da soll man nicht nur an sich selbst denken, sondern einmal an andere. Auf nationaler Ebene:

  • Unserem Bundeskanzler Stocker wünsche ich ein bissi mehr Eier, nicht im männlichen Sinne, das sind ja maximal zwei weiche, sondern Millionen taffe Fraueneier, damit er endlich in die Puschen kommt. Ich wünsch dem Buddha von Wiener Neustadt einen Neustart! Und dem Vizekanzler, dem Babler Andi, wünsch ich alles Gute, er hätt ja unlängst fast meinen Hund geküsst, drum samma Hawara, ich wünsch ihm Milliarden für ein ordentliches Kulturbudget.

  • Dem österreichischen Wahlvolk wünsche ich 2026 viele Momente der reflektierenden Einkehr, es sind nämlich keine Wahlen weit und breit, da müsst ihr euch nicht deppert aufganserln lassen.

  • Harald Mahrer wünsche ich einen guten Übergang in seinen nächsten Karriereabschnitt. Möge ihm Potpourri an neuen Aufgabenfeldern blühen, eine AMS-Abteilung nur für ihn. Er kann sich eine Stelle aussuchen oder gleich alle übernehmen, also: Liftwart in Kirchschlag, Behindertenbetreuer in Hartheim, Tierheimputzmann, Image-Restaurator der SOS-Kinderdörfer, Bardienst im Strandgut, der Bundespräsidentin den Keller ausweißigen, Koordinator des Science-Hubs für Zeitreisebüros und Dog Longevity – halt einfach einmal eine echte, ehrliche Arbeit, die Gutes bewirkt!

  • Den Verantwortlichen der Rodung des Bergschlössl- und der Ziegeleistraßenparks zugunsten des Westrings wünsche ich, dass sie postmortem in einem ewigen Kreislauf an Autobahnzubringerkreisverkehren sich verheddern und erst wieder herausfinden, wenn die Hölle sich mit Eis bedeckt.

  • Allen Herren, die im Gendern eine Verhunzung der Deutschen Sprache sehen, wünsche ich per sofort den Paygap ihrer eigenen Gattinnen an den Hals. Plus eine verpflichtende Nachschulung im Fach angewandte Diachrone Linguistik im Ausmaß von vier Semestern.

  • Allen Herren, die mir mit ihren blöden Premiumfahrzeugen den Vorrang nehmen, obwohl hinter mir kein anderes Auto ist und die mich dann ausbremsen, weil sie drei Meter weiter abbiegen, diesen Linksabbiegenazis wünsche ich einen erweiterten Sachkundenachweis, weil sie ein Listenauto fahren und insgesamt dass sie sich 2026 viele Papierschnitte und Fieberblasen holen.

Damit sind wir schon auf der globalen Ebene:

  • Allen Despoten, Tyrannen, Faschisten, Demokratiefeinden wünsche ich herzlich eine gute Sterbstunde. Davor viele Papierschnitte und Fieberblasen. Ich wünsche Trump, dass er viel in Hundekot steigt und erst draufkommt, wenn er schon quer über den sauteuren Seidenteppich im Ballroom gelatscht ist, und ich wünsche ihm 2026 die Rache der Journalistik, #epsteinfiles. Ich wünsche Putin, dass ihm kein Hund mehr zugeht, kein liebes Tier lässt sich jemals wieder von ihm streicheln, nie mehr wieder ein warmer Blick aus treuen Augen, und ich wünsche ihm einen nächtlichen Schlaganfall, seine Adlaten fragen sich in der Früh, nanu, wo bleibt der Chef denn, sonst ist er um 5 schon in der Höh, aber ich trau mich nicht nachschauen, sonst ist er ement grantig und schickt uns an die Front! 72 Tage später folgt Putin seinem großen Vorbild Stalin, Tod wegen unterlassener Hilfeleistung.

  • Ich wünsche allen Patriarchen dieser Welt ein Jahr als Frau, den Taliban zuhause, Trump in Somalia; alle haben Cellulite und Endometriose, dazu eine super-übergriffige Chefin und einen Mann, der viel fremdgeht und bei jeder Gelegenheit erklärt, dass Gendern die deutsche Sprache verhunze.

  • Der Hamas, den aggressiven Siedlern, den „Konfliktparteien im Sudan“ etc. wünsche ich, dass es sie beim Niesen in tausend Fetzerl zerreißt und sie keine Hände mehr haben, um sich aufzuheben.

  • Hier noch der Vorjahreswitz, der ist noch pfenninggut: Viktor Orban wünsche ich, dass er weiter so rasant verbladet, dass ihn sein sinnloser Populismus weiter so aufdunsen lässt wie ein totes Pferd am Ufer des Balatonsees (Bladatonsee, haha).

Jetzt aber Schluss und Liebe! Ich wünsche euch allen drei Kilo Gewichtstsunami, viel Liebe, auch körperlicher Art, und brave Christkindl! Ausschließlich hier bin ich Befürworterin der Kinderarbeit.

Ab 1. Jänner 2026 gilt dann die neue digitale Autobahnvignette, in Trafiken gibt’s noch die zum Picken, wer's nicht anders haben mag, sie ist feuerrot, und weiterhin gilt das Matriarchat, auch das lodert feuerrot und insgesamt ist es golden.

Montag, November 24, 2025

Die neue oberösterreichische Hausordnung

Das kleine 1x1 des Zusammenlebens

Vergangene Woche hat die oö. Landesregierung eine „Hausordnung“ präsentiert. Jetzt bin ich nicht die hellste Kerze auf der Torte der Arithmetik – aber ist 1x1 nicht trotzdem nur eins, und ist das nicht die niedrigste einstellige Zahl? Also irgendwie der klitzekleinste gemeinsame Nenner, sprich: sehr wenig? Egal. Wichtiger ist, dass sich das nur Männer ausgedacht haben, also gilt das für die auch. Für alle anderen gelten WEITERHIN die unsere gemeinsamen Regeln und Werte, die ich mit Liebe und Sorgfalt hier aufnotiert habe. 

1. Jeder Mensch hat Würde und verdient Respekt, auch wenn er oder sie beschließt, darauf keinen Wert zu legen und bei Kulturveranstaltungen z.B. „La Montanara“ zu singen, ohne es zu können und mit Schnupfen, oder wenn die Person schiache Ballkleider aus den 80ern anziehen mag. Oder selbstironische Witze macht, was trotzdem streng verbietet, der Person gegenüber auch frech zu werden.

2. Bitte schnäuzt euch! Das Geräusch ist einfach nicht auszuhalten!!!!

3. Wir sprechen hier Deutsch! (Bzw. „Deutsch“) Schnäuzen also bitte mit Ä schreiben, denn es leitet sich von der Schnauze ab. Wir in OÖ gendern, das ist gelebter Brauch, es heißt nicht umsonst Muttersprache. Männer sind zwecks besserer Verständlichkeit mitgemeint.

4. Hunde sind respektvoll zu behandeln und dürfen gerne vor deren Halter*innen begrüßt werden. Wir lieben die Hunde so wia a Kindal sei Muata.

5. Das arschlingse Buserieren im Straßenverkehr ist verboten, insbesondere für SUVs bzw. Audi-, BMW-Fahrer etc. Listenautolenker müssen generell eine erweiterte Alltagstauchlichkeitsprüfung zusätzlich zum Sachkundenachweis ablegen, wenn ihr Kraftfahrzeug die Schulterhöhe von 1m übersteigt.

6. Das Laufen auf den Gängen ist verboten, im Gebäude sind Hausschuhe zu tragen.

7. Männer sind nach Kräften den anderen Geschlechtern gleichzustellen, das Matriarchat ist für alle da!

8. OÖ hat Platz für alle Religionen, wenn sie still im Ausmaß eines privaten Hobbys betrieben werden und nicht nerven, also ca. wie Modelleisenbahnbau, Goldhaubenstickerei oder Hinterglasmalerei.

9. Beim Tarock werden nur Spatz und Uhu angesagt, alles andere ist gottloser Unfug. Kommt die Trui gemeinsam zum Liegen, sticht der Pagat, eh klar.

10. Fleischereifacherzeugnisse dürfen nicht mehr irreführend als Bradl oder Wiaschtl bezeichnet werden, sondern als „Der Sau aus dem toten Nacken gefletschtes Fleisch“ bzw. „in seine eigenen Eingeweide gestopfte Kadaverreste“.

11. Respektspersonen wie etwa die Bundespräsidentin sind in OÖ Schulen mit einem schmeichelhaften Bild in den Klassenzimmern zu repräsentieren und höflich zu grüßen, gerne auch Nackenmassagen anbieten und ihren Hund sowie ihren Regierungsstil loben, das ist nicht cheesy, gutes Bier kredenzen – hier ist Regionalsnobismus angezeigt, da unsere heimischen Brauereiprodukte wahrhaft die besseren sind; Zipfer aber höchstens frisch gezapft.

12. Es gibt in OÖ immer noch diese Probleme mit dem Stadtbild, also Menschen, die extrem gschissn aus der Wäsche schauen, etwa nur um ein Beispiel zu nennen Herrn G. aus Wels, Schillerstraße 1/3, der mich zu Fleiß immer so grämlich anschaut, dass seine Mundwinkel über den Unterkiefer herunterhängen, keine Ahnung, was der gegen mich hat!

13. Bitte passt's besser beim Mülltrennen auf, das ist doch echt nicht schwer, jetzt darf man sowieso fast alles in den Gelben Sack schmeißen, Gmundner Keramik im Großgebinde zum Bauschutt, Lederhosen zur Carla, VOEST-Stahl zum Altmetall, die Handflächen zueinander, noch einmal, schneller, ja, so wird ein Applaus draus! (Letzteres schriftlich bissi doof, aber man kann ja auch einmal privat alleine klatschen).


Mittwoch, Oktober 29, 2025

Bird Watchlist 2026

 

On the wrong side of the 40ies wetteifern mehrere Torheiten um die Freizeit des Menschen bzw. Mannes. Gravelbikefahren, Vintagerennradrestauration, Craftbierbrauen, Baristakaffeesnobismus, Tenkara-Fliegenfischen. Sie eint der Drang, unfassbar viel Geld auszugeben und unfassbar viel darüber erzählen zu wollen. Noch am sympathischsten ist das Birdwatching, also das Vogel-Spechteln. „Schau, ein Wintergoldhähnchen im Prachtkleid!“ „Oh, die Birkhenne kirrt den Hahn in ihre Huderpfanne!“ Diese gefiederten Freunde möchte ich 2026 watchen:

1. Dodo, Greif, Roch oder Phönix (das wär' ein Hallo am Birder-Stammtisch!)

2. Den zahmen Spatzen, der täglich zur gleichen Zeit auf die Hand meines Wahl-Großvaters flog und sich füttern ließ

3. Die Rückkehr der Feldlerchenpopulation vor dem Beginn der industriellen Landwirtschaft

4. Den Sturzflug des PatriArchaeopterix

5. Die Gans Martin aus Nils Holgersson, skandinavischer Sympathieträger

6. Jürgen Vogel, ist vielleicht ein guter Typ

7. Dschungelzwergfischer (auf "Iratebirds" als weltschönster Vogel gerankt)

8. Haubenmeise (ein Vogel wie ich, mit Mittagsschlaffrisur)

9. Der Steinadler auf dem Gipfel des Bruderkogels am Grundlsee

4. Papageno und Papagena bzw. sämtliche Vogelfänger des Salzkammergutes, denen ich in einem amtlichen Normverdeutlichungsgespräch darlege, dass man die armen Vogerl bitte nicht mit einer Leimrute fesselt und sie dann den ganzen Winter in sein Stinkestübchen sperrt, während man selbst in Thailand überwintert, nur zur Gaudi, wenn die Vögel frei über die Wälder des Toten Gebirges fliegen könnten, wenn sie schon bei uns bleiben, weil das ist eine Standorttreue, die ihnen wir garstigen Menschen einmal nachmachen sollten, scheiß auf dein deppertes Brauchtum, aber echt.

Dienstag, Oktober 07, 2025

Der Pilznarr. Gerechtigkeit für Schönering

Als mich der Sprecher der Akademie an diesem Oktoberdonnerstag anrief, um mir den Nobelpreis für Literatur zuzusprechen, ließ ich den Hammer fallen. Nun sind sie völlig verrückt geworden, dachte ich, damit ist der Preis endgültig ruiniert. Ich brachte nur ein wortloses Gurgeln heraus, das man in Stockholm für ein Zeichen der Rührung hielt.

Ich stieg benommen vom Dach meines Baumhauses, das in seinem siebten Jahr wieder angefangen hatte, mein Bett zu nässen; ein schwerer Landregen hatte die größte Leistung meiner Dichtkunst zunichte gemacht. Alles ließ ich nun liegen und stehen, die Planen, die Dachpappe, die Dichtmasse. Vor dem Gartentor hatte sich bereits eine gewaltige Pressetraube gebildet, die Fotografen hielten eifrig auf meinen Hund, der schon wieder in den Vorgarten schiss, obwohl ich doch in der Früh mit ihm äußerln gewesen war. Ich hielt inne, dachte über das kostbare Wort „äußerln“ nach, ist nicht alles Sprechen ein Versuch, das Innere zu äußerln, da schrien mich die Journalisten gierig an, sie forderten Reaktionen und Reaktionen von mir, keiner von ihnen rief mir entgegen, dass er schon ein Buch von mir gelesen habe. Gut, beide sind vergriffen, aber dafür hatte das Dach drei Jahre lang dicht gehalten.

Ich bin nicht hier für des Hundes Scheißdreck!“ rief ich. Im Zustand äußerster Entfremdung lief ich ins Haus, sperrte die Tür zu und wählte mit zitternden Fingern die Nummer des einzigen Menschen, der wusste, wie es mir jetzt ging. Doch Peter Handke hob nicht ab, typisch für diesen Bewohner des Elfenbeinturms in der Niemandsbucht! Er genoss das Exil, das ich ihm damals empfohlen hatte, zwecks Reparatur seines Images. „Zieh auch nach Schönering!“, sagte ich ihm nach seinem Auftritt als Gast bei der Lesebühne, „zieh in mein Dorf, keine Sau interessiert sich dort für seine Dichter! Einmal im Jahr, Peter, lese ich im Pfarrheim für die Senioren, alle fünf Jahre zum Frauentag für die SPÖ-Damen, das war's! Eine heilige Ruhe!“ Tatsächlich konnte sich Handke der Öffentlichkeit hier, am Ostrand des Eferdinger Beckens, in unsere Oase der Poesielosigkeit retten. Ja, es war eine Rettung, seit zwei Jahren lebt er wunschlos glücklich in einem Vierkanter und sucht den lieben langen Tag Vogelfedern und Tintenröhrlinge im Kürnbergerwald. Will dem scheinbar verwirrten Großliteraten ein freundlicher Jogger den Weg zurück durch die Borkenkäferschneisen zeigen, sagt Handke „Ich komme Edramsberg her, von Schönering, von Wilhering“, und alles ist gut. 

 

Verlassen wie ein Kind im Grenzland lief ich durchs Haus, und leider, leider verfiel ich auf die Idee, ins Internet zu schauen. Keine Stunde war mein Nobelpreis alt, schon wurde meine gesamte Vita an die Öffentlichkeit gezerrt wie eine Picknickdecke, an der ein Rudel Paviane reißt. Mein Deutschlehrer erzählte lachend von meinem Faible für Guns N' Roses samt Fransenlederjacke, und dass meine Aufsätze damals eher lieb als gut gewesen seien; meine Schwester gab bei Barbara Stöckl preis, dass ich mir als Kind über Nacht ein Plastikdraculagebiss um 5 Schilling in den Mund gesteckt habe, um meinen Überbiss zu korrigieren. Auf ORF 3 machten sich Daniela Strigl und Klaus Nüchtern über die Rechtschreibfehler in der „Sau“ lustig, Nüchtern erzählte, dass ich zur Not auch Stiegl trinke. Und in der Mittags-ZiB plauderte Christian Wehrschütz über meine Freundschaft mit Kim Jong Un, Fotos von einem Begräbnis wurden eingeblendet. Ich geriet in Zorn, die Verwandtschaft kann man sich halt nicht aussuchen!

Da läutete es Sturm an der Tür, ich riss sie auf und sah Landeshauptmann Stelzer auf der Dacke, neben ihm strahlte Bürgermeister Mario Mühlböck. Sie klopften mir links und rechts auf die Schulter, der „Ortskaiser“ überreichte mir ein Bild vom Stift Wilhering, der „Landesvater“ eine Pfeffermühle aus Leondinger Fichtenholz. Da senkte sich mein Blutdruck, und ich richtete das Wort an die beiden. „Ich fühle mich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich!“ Wir umarmten einander.

So sah ich nicht, wie die Pressetraube heranwanzte. Jemand tippte mir auf die Schulter. Armin Wolf! „Frau Meindl, Peter Handke sagt über Sie, dass zwar ihre Literatur großartig sei, aber Ihre Dichtkunst nicht, denn es regne schon wieder in Ihr Baumhaus!“ Ich war wie vom Blitz getroffen. „Verschwinden Sie!“, schrie ich, „und stellen Sie mir nicht solche Fragen! Ich stamme von Handwerkern ab, von Wegmachern, von Schneidern her! Von keinem Menschen hör' ich, dass er sagt, der Rasen ist aber schön geschnitten, und wie der Zuckerhut in Ihrem Hochbeet gedeiht, alle fragen nur wie Sie!“

Ich schlug, das muss ich zugeben, dem frechen Wolf mit der Pfeffermühle ein bisschen auf den Kopf, dann zog ich Stelzer und Mühlböck in mein Haus und sperrte die Weltpresse aus. Um unsere Stimmung zu reparieren, bot ich den Gästen selbstgebackene Hanfkekse an. Bald lagen wir kichernd auf der Soff, der Hund eingerollt und furzend zu unseren Füßen, und am Ende wurde es doch noch ein gemütlicher Nachmittag. Dem Handke, diesem geschwätzigen Arschloch, habe ich seither nie mehr beim Winterreifenwechseln geholfen.

Dienstag, September 23, 2025

Jenseits von Aussee. Pfiat eng God schee, liabe Almen, pfiat di God schee, Redford Bert!

Um ein kathartisches Tränenerlebnis zu ermöglichen, empfiehlt es sich, dazu Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 abzuspielen, das Adagio

Der Schauplatz <3

Er hatte eine Alm am Fuße des Toten Gebirges. Ein paar hundert Meter vom Dreibrüdersee entfernt. Die Sommer sind kurz hier im Karst. Es war an einem prachtvollen Julitag, da ich vom Bruderkogel abstieg, reich an Beute, denn meine Augen hatten auf dem kaum bestiegenen Gipfel einen Adler gesammelt, der mich wiederum anblickte, bevor er sich über das Widderkar in die Lüfte sinken ließ, als sei es das Meer, das ihn trug. Und auf Meeresboden stand ich, Millionen Jahre alt, in diesem jungen Sommer. (Also der Meeresboden war so alt, ich nur seelisch.)

Ich kam also an der Gössler Alm vorbei, gelöst und gebadet, als ich einen Reflex im Augenwinkel sah. So einen Farbton hatten meine jagenden Augen hier noch nie gesehen, ich hieß den Hund über das hohe Gras fliegen, um das Wild zu stellen. Zu meinem höchsten Erstaunen erklang eine menschliche Stimme, im Grundton wohl tief, aber ich vernahm ein hohes Frohlocken: „Jo Puppi, jo wer bist denn du?!“ Im Näherkommen sah ich ihn zum ersten Mal.

Robert Redford.

Jo, wo bist denn du?“ „I bin do, Robert!“ „Ned du, du Lustige, da Hund, wos isn des fira Rass, des is owa a gaunz a gschickte!“ Niemand würde mir glauben, dass ich hier stand, und dem berühmtesten Schauspieler der Welt erklärte, dass ich den Hund aus dem Heim gerettet hatte, „ma!“, dass sie meine treue Begleiterin sei, „geh liab!“, und wir soeben einen Steinadler erspäht hatten für meine Birding-Liste, „wos d' ned sogst!“ Er hieß mich Platz auf der lärchenen Bank nehmen, dann langte er in den Grander hinter der kleinen, schiefen Hütte und öffnete uns zwei Flaschen Freistädter Ratsherrn. Es lag nicht an meiner einfühlsamen Zurückhaltung, dass ich ihn um kein Selfie bat, sondern daran, dass ich gerade mein Handy im Geröll verloren hatte.

Naja, was soll ich sagen, wie es weiterging. Ich stieg Stunden später im Licht der Sterne ab, mit schlechtem Gewissen, und natürlich hat mich der Buttinger unten in Gössl sehr geschimpft, dass ich so spät daherkräule, wieso ich nicht abgehoben habe, um ein Haar hätte er schon die Bergrettung geholt! Als ich ihm vom Handyverlust berichtete und vom Schmusen mit Robert Redford, der sich hier einen einsamen Almsommer lang vom Leben eines internationalen Superstars erhole, sagte er, ok, Meindl, besorg dir ein neues Handy, und wie schmust der Redford Bertl, ist er so nett, wie er ausschaut? Ja, sagte ich, und er mag Hunde. Da war der Buttinger ein bissl eifersüchtig, aber der Hund und ich, wir schmiegten uns innig an ihn und ich sagte, du bleibst mein Redford von Wels! Mein Herz ist groß genug für euch beide! 

 

So kam es, dass ich auch am nächsten auf die Gössler Alm aufstieg. Es war sehr schön. Am vierten Tag ging ich aber ins Widderkar, denn es ist kein Urlaub, wenn ich nicht im Widderkar war. Tags darauf war der Bertl bedrückt. Er ahnte, dass ich eine wilde, unzähmbare Strawanzerin hier im Toten Gebirge sei. „Schau“, sagte ich zu ihm, „ich habe hier noch lange nicht alles gesehen, und der Urlaub dauert nur noch zehn Tage.“ Ich trocknete seine Tränen mit dem Ärmel meines nicht mehr ganz frischen Merinoleiberls. Am nächsten Tag nahm ich ihn mit auf den Jägersteig ins Widderkar hinüber, wir sahen den Adler wieder. Der Hund sprang fröhlich der Gams nach. Der Eisenhut blühte. Der Wind wuschelte Roberts güldenes und mein ofarbenes Haar. Wir machten Rast in der Wiese, wieder tranken wir Freistädter. Dann sah er mir in die Augen:

Du hast es mir verdorben.“

Was?“

Das Alleinsein.“

Du hast gewusst, dass ich mit dem Buttinger fix zusammen bin.“

Ja“, sagte er.

Da stieß der Adler seinen scharfen Schrei aus, wie um uns vom Abschiedsschmerz abzulenken. Der Hund legte sich zu uns auf die Decke und knibberte an den Pfoten.

Bertl, wieso kannst du eigentlich so gut Deutsch, mit Dialekt sogar?“

Weil mei Muada a Dosige woa. Und mei Voda vo Gramastettn.“

Da gab es mir einen Stich ins zerwanderte Herz. Es brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass er mein Großonkel war. Irgendwann würde ich darüber einen verwickelten Familienroman schreiben (sehr praktisch in Originalbesetzung zu verfilmen), aber heute waren wir melancholisch wegen dieses Inzests. „Naja, egal“, sagte ich, „des hod uns do no nia gschodt.“

Robert sah hinüber zum Bruderkogel, jetzt sprach er im Tonfall Meryl Streeps:

Ich weiß ein Lied vom Toten Gebirge, von den Gämsen und vom Abendrot, das die Felsen erglühen lässt, von den Almen und den Gräsern, die sich im Wind neigen. Weiß das Tote Gebirge auch ein Lied von mir? Zittert die Luft über den Gipfeln jemals in einer Farbe, die ich an mir hatte, spielen die jungen Murmeltiere ein Spiel, in dem mein Name vorkommt, wirft der Vollmond einen Schatten auf die Gössler Alm, der dem meinen gleicht? Hält der Adler vom Bruderkogel nach mir Ausschau?“

Wir strichen einander wieder die Tränen von den Backen.

Im nächsten Sommer führte mich mein erster Weg auf die Gössler Alm. Die Hütte war vom Winter zerwirkt und verschlossen. Der Hund sah mich an und winselte. Mit schwerem Schritt zog ich hinüber ins Widderkar.

Von fern sah ich den Lagerplatz des vorigen Sommers. Darauf lagen (jetzt wird’s schön, aber unwahrscheinlich) im Licht des Sonnenuntergangs eine Löwin und ein Löwe, die eine längere Zeit auf unserem Almboden blieben. Es gehört und ziemte sich, dass die Löwen diesen Ort aufsuchten und ein Denkmal für uns waren.

Ich war guter Dinge und stieg ab, ohne die unwahrscheinlichen Gäste zu stören. Das wird dem Buttinger gut gefallen.

Dienstag, August 05, 2025

Do I am?

Das hier ist keine Homepage, das oberste Posting stammt quasi aus dem Mesozoikum. Neues erscheint nur im Verborgenen, irgendwo weiter unten. Aber lasst euch nicht stören, das hier ist nichts weiter als eine Text-Verschenkungs-Plattform. 



Montag, Mai 26, 2025

Botanische Besachwalterung: Die 11 schlechtesten Garten-Tipps der westlichen Welt

Hier zu sehen der Versuch, eine Wildschweinsuhle im naturnahen Garten anzulegen. 

Als unlängst die Autorin Barbara Frischmuth verstarb, sah man die „passionierte Gärtnerin“ in ihrem Altausseer Blütenmeer liebevoll an Blümchen zuppeln, mit reinweißen Fingerkuppen und sterilen Nägeln. Schon alleine deswegen möchte ich in den kommenden 40 Jahren noch nicht sterben, um derlei Peinlichkeit zu vermeiden. Wenn die Gemeinde Wilhering auf die Schnapsidee kommt, mein Grundstück als „Dichtergarten“ zu vermarkten, wird mich die Scham noch Jahrzehnte überleben. Ich muss in meinem „Garten“ aufpassen, nicht von Löwenzahnsamen befruchtet zu werden, vom Kirschlorbeer deprimiert, vom Giersch verhöhnt, vom Efeu umschlungen. Antiautoritäres Gärtnern. Die Pflanzen dürfen selbst entscheiden, wo sie sich hinentwickeln wollen, und deswegen wachsen sie mir über den Kopf. 

Trotzdem hier meine Gartentipps! Es lehrt ja auch das schlechte Beispiel. 

1. Sämtliche Ausgaben bei Bellaflora und Lagerhaus von der Steuer absetzen, als Sonderheilmittel „Ergotherapie“. Bei Kontrollen des Finanzamts angeben, dass man im Dreck wühlen müsse, um Totschläge zu vermeiden. #mentalhealth #meindlhealth

Apropos: 2. Wenn es doch passiert, dass man zufällig Donald Trump oder Vladimir Putin Radieschen naschen sieht, Augen zu und durch, und zwar in der Mitte, die spüren das eh nicht, wenn man es mit einer scharfen Gartenschere macht. Und es ist ja der eigene Grund und Boden, da kann man tun, was man will. Aber kein Schneckenkorn verwenden, das tötet Despoten nicht zuverlässig, wohl jedoch Nützlinge wie Tigerschnegel und Weinbergschnecken.

Tipp 3: Die Leichname von Erzfeinde gehören an sich in die Tierkörperverwertung, weil so ein menschlicher Leib voller toxischer Schadstoffe ist. Ich rate dennoch zur Entsorgung im eigenen Garten, z.B. als Füllmaterial im neuen Hochbeet (Wühlmausgitter drunter nicht vergessen), denn eine lebenslängliche Haftstrafe schadet dem Garten noch mehr, wer gießt dann 25 Jahre lang die Hortensien?

3a. Toten Trump eingraben, geschützte Pflanzenarten draufsetzen, dann können die Behörden wegen Naturschutz nicht mehr ermitteln. 3b. Garten als Friedhof anmelden, um Grundsteuer zu sparen.

4. Sich im eigenen Garten bestatten lassen, entweder im Mausoleum oder im Hügelgrab mit individuell abgestimmten Grabbeigaben, das ergibt ein Hallo bei den Archäolog*innen der Zukunft! „Whoa schau, des muass a mächtige Frau gwesn sei, des is a rot-weiß-rote Schärpn!“

5. Wenn man einen Putsch plant, zur Übung das Erdbeerland annektieren und eine Teilnahme am Songcontest verlangen, diplomatische Vertretungen in aller Welt, EU-Antrag stellen, Fußball-Großevents an Land ziehen. Über die Normalisierung der Verhältnisse Fakten schaffen.

6. Bohnen nur zwei Zentimeter tief in den Boden legen, dazu Kukuruz als Rankhilfe, Kürbis ist ein Starkzehrer.

6a. Wer keinen eigenen Garten hat, bitte das Matriarchat unter meiner Herrschaft unterstützen, um die reichsten 5% zu enteignen und deren Liegenschaften fürs Volk zu parzellieren.

7. Wenn der Garten scheiße aussieht, so tun, als wäre man Andre Heller und wolle der Region einen Zaubergarten der Magie schenken, damit die Menschen in sozial erkalteten Westen das Staunen wieder lernen können. Die erhaltenen 34 Millionen Kulturförderung zum Maschinenring tragen, da geht sich evtl. der Vorgarten aus

8. Freunde mit Rasenmäherroboter regelmäßig ächten bzw. Bilder von zerhäckselten Igeln schicken. Laubbläser NICHT kaufen. Einfach nicht.

9. Vorgarten unter Schotter und Kies ersticken, wenn man nicht mehr so viel Arbeit haben will und keine Angst davor hat, für deppert gehalten zu werden. Mit alten Bergschuhen dekorieren, aus denen lustige Sukkulenten wuchern. Damit hält man auch verlässlich genäschige Lebewesen vom Anwesen fern, mich z.B.

10. Bei der OÖN-Gartenwahl teilnehmen und nach verdienter Niederlage in einem weinerlichen Facebook-Post darüber klagen, dass dieses Scheiß Land seine Kunstschaffenden erst ehrt, wenn sie einmal tot sind!!!!

11. Apropos: Einfach aufgeben und eins mit dem Erdboden werden, sich von Rosenkäferengerlingen fressen lassen, so wird aus dem schlaff gewordenen Leib wieder was Schönes. #upcycling

Donnerstag, Mai 01, 2025

Rassemerkmale, Erdarbeiten und Weißweinträume

 

Lebenskrimskrams im April 2025


2.4.

Ein Corgi stürzt sich mit dem „rassetypischen“ Selbstbewusstsein auf Fini, der es sogleich den Kamm aufstellt, aber sie traut sich nicht zu knurren. „Bodo, geh her do!“ schreit die Erziehungsberechtigte. Es ist mir peinlich, dass ich nicht anders kann, als in diesem Moment daran zu denken, in welcher Doline unser lieber Bodo Hell liegen mag.

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Beim experiment literatur liest Anna die Geschichte vor, in der eine Künstlerin ihre Residency nicht aufgeben will (da denke ich natürlich an den Grundlsee). Der Hund darin heißt Bobo, der Gatte der Vermieterin Bodo.

Fini liegt zu Füßen Robert Schindels, obwohl er sich davor in Bezug auf Hunde als „indolent“ bezeichnet hat. Anna hingegen ist ganz geknickt, weil ihr der Bub unlängst mitgeteilt hat, er wolle keinen Hund. „Das ist der erste Akt der Rebellion!“ 

 

Schindel schlägt vor, ich solle ihn als „Robert Menasse“ ankündigen, ich dürfe überhaupt sagen, was ich wolle, auch da sei er indolent – außer, dass er schiach sei. Einmal habe man ihn bei einer Lesung tatsächlich gefragt, ob seine Nase ein „Rassemerkmal“ sei. Er ist bei der Selbstveralterung noch radikaler als ich („ich bin im 47. Lebensjahr“), weil er kurz vor seinem 80er sagt, er sei schon 90.

Während der Lesung zeigt es sich, dass Wels eine neue Närrin hat. Auf meine Frage, warum Anna und Robert so gerne und beherzt Schreibwerkstätten abhielten, doch wohl nicht des Geldes wegen, kräht sie aus dem Publikum heraus „in unserem Alter braucht man eh kein Geld mehr!“ Roberts Lesung begleitet sie dann mit emphatischen Bewunderungsbekundungen (positiver ageism, was an sich nachvollziehbar ist, wir lieben den Schindel alle).

Nach der Lesung kommt sie an unseren Suppentisch und fragt mich barsch, ob ich vom Magistrat sei. „Nein, freischaffend.“ „Aha! Welche Ausbildung braucht man dafür?“ „Na, keine.“ „Das ist gut, ich bin ausgebildete Kürschnerin, aber jetzt möchte ich Kritiker werden!“ Sie sei jetzt 71 und habe wieder ein Leben, das sie ganz offensichtlich der Behelligung der Öffentlichkeit widmet. Später erfahre ich, dass sie im Programmkino während des Films eine Art Audiokommentar für Blöde eingesprochen habe. Im Schl8hf textet sie alle mit wenig brauchbarem Lob und Tadel zu. Noch nie in meinem Leben habe ich die gute Sonja mit den Augen rollen sehen. Einem Antifa-Freund sagt sie „Ha! Jetzt waaß i, von wo i di kenn, vom Brunch midm Bürgermeister!“ „Des glaub i ned.“

3.4.

Ein geglückter Tag. Es ist erwiesen, dass mich Erdarbeiten äh „erden“.

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Die Stunde vor der Deadline ist der Urknall für ADHSler.


4.4.

Kirschblüte!!!

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Der übliche Trallawatsch vor der Lesebühne. Eigentlich hätte ich das Frackhemd bügeln müssen, aber vorher habe ich einen zu schönen Hund getroffen und zu lange gestreichelt. Es wird eh niemandem auffallen.

Max Höfler ist fast schon zu lustig für uns! Ich bin Fan von der ersten Sekunde an. Er hat sich anlässlich der Verleihung des Peter-Rosegger-Preises im Internet einen hautengen alten Skirennanzug um 15 € besorgt, „weil Gewinner in Österreich eben so aussehen.“ Er trägt seinen rant gegen Pinguine vor, nach dem ich ihm vorwerfe, seinen schnellen Hartberger Charakter auf andere zu projizieren, dabei stehe ich auf, um ihm im ungebügelten Frack meine Outfit-Mimikry vor Augen zu halten. „Dubist es, die projiziert!“, schreit er vergnügt. Es passiert an diesem Abend nur Schönes rund um ihn, am besten gefällt mir fast, wie er unser scheußliches „All for Love“ mit Bildern des ungeliebt gewordenen Amerika-Riesenbildbandes „Alle 50 Staaten“ illustriert. Foto Decker, eh klar: 

5.4.

Vom Glück des Bastelns windschiefen Zeugs (ein schiefes „Regal“ im schiefen Gewächshaus).

6.4.

Eh nicht allzu tiefe Krise beim Bouldern bei der Nebenerkenntnis, dass der in der Halle laufende Grunge-Soundtrack älter ist als alle rund um mich sich hier ertüchtigenden Trendsportler*innen. Alle sind sie auch besser als ich. Hier kann ich vor allem trainieren, mich wehrlos ins Altern zu fügen.

7.4.

Wieder in einer Stunde fünf Seiten Projekt hingeschnalzt: „(Don't) Panic“, gewidmet der Frage, warum wir nicht alle immer ausflippen. Der Ausschreibungstext hatte mich etwas irritiert, bis ich draufkam, dass den ja ich selbst in der letzten Stunde vor der Deadline hingeschnalzt hatte. Wie viele Stunden mehr müsste ich an einem Text arbeiten, um ihn signifikant zu verbessern?

[Nachtrag Juni: Dieses Mal wurde der Antrag nicht angenommen, was nicht nur angesichts der Mühewaltung sehr ok ist.]

Zum Thema "Integrationsgrad":  

 

9.4.

Man soll beim Aufschreiben von Erlebnissen nichts erzwingen, wenn sich nichts tut.

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Waschküche. T.: „Nimmst da eh wos mid?“ „Na danke, i geh moang a Skitour.“ T. zu G.: „Jetzt lossd's noch.“

Beim Kulturplanen stellt sich heraus, dass die Kürschnerin ihr Ziel, stadtbekannt zu werden, binnen Wochenfrist erreicht hat. Sie meint es ernst mit Wels. Sie nimmt überall ihr eigenes Bier mit, um Geld zu sparen, weswegen sie auch keinen Eintritt bezahlt (sie wartet immer so lange, bis niemand mehr an der Kassa sitzt). Wo sie aufschlägt, ist ihr egal. Vor wenigen Tagen wurde sie von einem Heavy-Metal-Konzert hinausgeschmissen. Draußen rief sie dann die Polizei, wegen Altersdiskriminierung, und weil es so kalt sei. Die Beamten begleiteten sie wieder hinein und trugen den Zuständigen tadelnd auf, lieb zur Dame zu sein. Später fuhr sie dann stark betrunken mit dem eigenen Auto heim. 

10.4.

Im Triebental mit L. Oben mobben uns gemeine Böen. Bei der Abfahrt checkt Fini endlich, dass sie nicht in unsere Geräte beißen darf. Eine gute Abschlusstour in dem Sinn, dass man danach sechs Monate lang keine Lust mehr hat. Aber immhin gute Gesellschaft und man ist weg von der Straße. 

Hier sieht's so aus, als wolle mich die unsichtbare Hand des Marktes nachdenklich machen. Oder besser: Ich beiße in die Hand, die mich füttert.  

 

11.4.

Klo- und Fensterputzen als Indiz meiner Flucht vor dem Roman. „Die Raumforderung“ ist ja irgendwie schon fertig erzählt, außerdem hat mir noch niemand eine Deadline gegeben. Ich schreibe dort und da etwas dran, nur damit beim nächsten Öffnen des Dokuments ein paar Zeichen mehr dastehen. Flucht in windschiefe Bastelei.


12. April

Restlose Integration bedeutet, am Samstag mit einem grauen Kombi Hasengitter im Lagerhaus kaufen.

Es gibt kein Eck im Garten, in dem nichts zu tun wäre. 

 

Ch. sagt, er wage sich nicht mehr so weit ins Tote Gebirge hinein, dafür habe er zu viel Respekt, das sei ja eine Mondlandschaft, wenn er da drüberfliege. Ich weise ihn der Wahrheit wegen darauf hin, dass Gleitschirmfliegen recht eigentlich die beängstigendere Freizeitbeschäftigung sei. 

13.4.

Zwei tüchtige Stunden in der Kletterhalle ermöglichen einen Resttag im Liegen. Im Übrigen gibt es in Wels Griffe in Sokratesform. Wenn ich mich recht erinnere eine lustige Pointe des Denkers, der Ideen (=Formen) für wichtiger als die physische Welt hielt.

 

14.4.

ALLES ist besser, wenn man wieder kurze Hosen tragen kann dabei (nur der Look nicht).

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Überraschende Schreibattacke, wahrscheinlich hat es der Körper in der Kletterhalle begriffen, dass er sich die Geistesruhe erarbeiten muss. Ich brauche also eine Idee + dass mich die Realität nicht behelligt, durch Termine etwa + einen Tag mit brauchbarem Selbstwertgefühl, um überhaupt etwas stehen lassen zu können. Derzeit stirbt Arthur am Cho Oyu oder Everest, Johanna revanchiert sich postum.

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Insgesamt kein schlechter Tag. Mit Pintars zum Donaustrand. Das geschenkte stählerne Hochbeet von uns braven Pferden + Azesbergerdamen-Support flugs an die richtige Stelle getragen, wo es fast zu schick für den verwucherten Restgarten aussieht. 

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Ich löse mich nur schwer, aber heute wird Carolas Film über Bodo Hell gezeigt. Es gibt eigentlich nichts von ihm, das es nicht wert wäre, gelesen, gehört und zitiert zu werden. „Dem ganz normalen Alltagswahnsinn zur Sprache zu verhelfen.“ „Dinge, die ich als Autor gar nicht alle verstehe.“ Als Carola ihn fragt, warum er seit 1979 jeden Sommer auf die Grafenbergalm geht: „Weil ich noch lange nicht alles gesehen habe.“

15.4.

Ein besonders hübscher dunkelbrauner Welpe mit dem in österreichischen Ohren nicht gut gewählten Namen „Rafiki“ tollt über den Strand, die Besitzer müssen ihn andauernd rufen.

Der Garten explodiert, der Trockenheit zum Trotz. Die Apfelbäume haben mir meinen groben Schnitt verziehen und blühen eifrig. Wenn man ein Hochbeet zu befüllen hat, verwandelt der suchende Blick den gesamten Garten in Grünschnitt.

Flussregenpfeifer an der Donau, ein Buntspecht auf dem doch noch nicht ganz toten Marillenbaum.

16.4.

In einer erschöpften Gartenarbeitespause reden J. und ich ein wenig über unsere lebensbejahenden Partner*innen, die so sanieren und bauen wollen, als hätten sie noch viel länger als die erwartbaren 30 Jahre zu leben (und gottverdammich, das sollen sie!). Wir Freunde des Provisoriums hoffen darauf, dass der Krempel grad noch so lange zusammenhält wie der eigene Leib. Wenigstens ist uns die Arbeit lustig.

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Badende Hunde <3

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Buttinger sieht sich in der Nacht zur Erholung von der Büroarbeit Dokus über die schädlichen Einflüsse TikToks oder den Cum-Ex-Skandal an, „weil ich das einmal verstehen will!“So verschieden können Liebesleut' sein. 


17.4.

Wenn man im Obi eine Schaufel kauf, schaut man schnell einmal so aus, als plane man einen Mord. Derzeit könnte ich die Leiche wirklich sehr leicht im neuen Hochbeet versenken, aber mir fällt niemand ein, den ich wirklich entleiben würde. Wollen schon, aber zum Tun reicht mir die Skrupellosigkeit. Und fände ich die Leichen Trumps, Musks oder Putins, würde ich ja wollen, dass die Welt davon erfährt. 

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Vergangene Nacht wieder der Alptraum, ich hätte aufgegeben und mich in eine Anstellung gefügt. Zwar lag das Büro vage am Grundlsee, aber ich musste mir braun-beige Kleidung kaufen und ein Halstuch. Was meine Aufgabe war, würde ich herausfinden, ab jetzt eilte nichts mehr, weil ich ja mein restliches Leben hier absitzen muss. Durchs Fenster sah ich einen Berg, ich dachte, wenn es an einem der kommenden Wochenenden schön ist, kann ich da ja rauf. Ich tröstete mich mit Ausblick auf das Geld, als Preis meines Lebens. Das kommt vom Weißweintrinken!!!!

18.4.

Aufgeweckt durch ein ungewöhnliches Geräusch: Regen. Die Bergfex-App hat ihre Prognose unter Eindruck der Gegenwart von „0%“ auf „9l“ korrigiert.

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100 Jahre F. & A. – es ist eine große Freude, ein Abend wie damals im Rothen Krebsen! Ich rede dem anwesenden Volk als Festrednerin ein, dass A. bei einer Nilkreuzfahrt zur Welt gekommen sei, die Mutter habe zuerst eine Magenverstimmung befürchtet und sich dann recht gefreut. Da erst sehe ich, dass die Eltern alle da sind (und zum Glück lachen). 

Kurz vor dem sehr anrührenden Karaoke-Schluss erzählt mir der Al, dass einst KP Liessmann ein sehr empörtes Email an den Czernin-Verlag geschickt habe, als er sah, dass der Prolet Austrofred auch hier verlegt werde. Definiere „Snob“.

19.4.

Nach der Erschöpfung durch das Fortgehen Erschöpfung durch Einbetonieren der Vorplatz-Platten. Ich gebe mein Bestes. Alles für die Würschte, die ersten lösen sich noch am selben Tag. Wie zum Trost sitzen dann der Hirschl und Chris im Black Horse. Weil ja: Gastgarten <3

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Traum, dass Mama einen ziemlich großen Bus durch eine italienische Stadt chauffieren muss und die Aufgabe achselzuckend schafft, während ich es nicht einmal hinkriege, meine Schuhe zu finden.

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Prosa in der Kronenzeitung: „Sie entdeckten eine tote Person, die offenbar einer Lawine zum Verhängnis geworden war.“ Dazu passt (28.4.): „Mann von Klettersteig gerettet.“


20.4. Ostersonntag

Frizzante zum Frühstück, ein Gruß an Harald Juhnke.

Einziger Termin: Coala mit einem leider extrem schlecht ausgeführten Mentaltrick ergötzen. Sie und Buttinger durchschauen mich sofort. Dann verbrennen wir alte Patientenakten, was ich hier nicht hinschreiben sollte, aber irgendwie reizt mich der Test, ob das IRGENDWER liest und mich bei der Ärztekammer verschergt (sind eh verjährt, und wir lesen sie nicht, bin ja kein Tech-Bro). 

 

21.4. Ostermontag

H. durchschaut den Trick nicht, ich freue mich, bis mir etwas später einfällt, dass H. auch die Person ist, die ihre Enkel immerzu beim Rummy-Cub gewinnen lässt. Sehr schlechte Agility-Vorführungen vor einer sehr guten Gesellschaft. Selig sind die leicht zu Unterhaltenden.

22.4.

Erdarbeiten, bis es knirscht in den Lendenwirbeln. 

Die Freude des E-Werk-Arbeiters, als er Fini auf dem Beifahrersitz mitsamt der Komposterde abwiegt.

23.4.

Lesung im Stiftsgymnasium. Alle sind sehr lieb und sehr höflich – ich bin immer zu pessimistisch, wenn ich mit jungen Menschen zu tun bekomme! Um sie ganz für mich einzunehmen, stelle ich meine Mathe-Dummheit aus, der Hund kriege Arithmetik besser hin (es ist vielleicht nicht einmal gelogen, denn sie sieht niedlicher aus und käme damit wohl durch). 

Ich frage Chr., ob sie noch arbeiten müsse. „Ich unterrichte wie ein Tier!“ 

In der Boulderhalle nimmt der Hund dann lieber am Kindergeburtstag teil, als bei mir zu bleiben, obwohl die Kinder viel kreischen vor Freude über den Hund.

Vogelbeobachtungen im Himmel über dem Egon-Hoffmann-Haus als Teil der Kunstsichtung. 

25.4.

 

Heid hosd zaubert“, sagt der Buttinger, nachdem ich ihm am Abend auf die Couch gestürzt bin und vom Tag berichtet habe: Die Heizung fällt aus, an einem sehr unangenehmen Kälterückfallstag. Die Info für die Landesgartenschau-Eröffnung bekomme ich nach mehrfacher Urgenz zwei Stunden vor meiner Abfahrt, es sind nur ein paar grobe Stichworte. Es wird immer nässer und kälter, kaum Menschen auf dem Gelände, geschweige denn Besucher*innen. Die waren alle am noch recht freundlichen Vortag da, dem Soft-Opening für den LH, weil der heute keine Zeit hat. Ich muss sehr lange Umbauphasen quatschend überbrücken, vor recht schütter besetzten Stuhlreihen. Alles muss ich in letzter Sekunde erfragen, dann stimmt's wieder nicht, ein Jakob heißt auf einmal Matthias, „der hod gheirat!“ sagt die Band lachend. Da stehtauf einmal der Bürgermeister auf der Bühne, ich habe keine Ahnung, wie er heißt. Dann der Landschaftsarchitekt und die Geschäftsführerin, schnell irgendwas fragen. Die Stadtkapelle spielt dreimal so lang wie ausgemacht, 50 Menschen auf der Bühne, und sobald ich sie wieder betrete, sitzt NIEMAND mehr im Publikum. Die drei sympathischen Akrobaten, die schon vor einer Stunde auftreten sollten, sind schon ganz erschöpft vom Warmhalten. Die vorletzte Band bittet alle im Gelände verbleibenden Menschen zu sich auf die Bühne, was recht gemütlich ist. Weil das „Latin Duo“ sowieso nicht zum Soundcheck erschienen ist, wird es gecancelt, es könne gleich im Hotel bleiben (dabei wollten ausgerechnet das drei Menschen sehen, die um 20:15 doch noch an der Kassa stehen). Es ist so kalt, dass mir nicht einmal das Bier schmeckt. Das ist ein großer Unterschied zur Lokalbevölkerung. Sogar die ganz Jungen können eine Bierflasche mit der anderen öffnen, es ist wie mit den Fingern schnippsen für sie. Der Tanzgruppenleiter hat eine ordentliche Fahne am frühen Nachmittag, alle schaffen dann aber die kompliziertesten Schrittfolgen, die mir nüchtern nicht in die Birne gingen (Tanzen = Arithmetik). Eine der ganz wenigen Besucherinnen sagt „ich habe ja übermorgen meine Filztage“, da habe sie vorher noch vorbeischauen können.

Immerhin darf ich zwei Stunden früher als befürchtet heim. Ich vertraue dem Navi blind, es lotst mich durch das unbekannte westliche OÖ. Grieskirchen ist ein einziges, riesiges Maschinenbaugewerbegebiet.

Zuhause schmeckt mir das Bier dann doch wieder. Ein Tag wie ein Weißweintraum.

26.4. Samstag

Literaturfrühstück im Jägermayrhof, die Sonne scheint auch wieder. Alle sind sehr lieb und sehr gut aufgelegt. Nach der Lesung erzählt mir eine sehr lustige Ex-Partnerin eines namhaften heimischen Literaten Schnurren aus dem Literaturbetrieb vor meiner Zeit. Weil ein Südtiroler Lyriker einmal unmittelbar vor einer Lesung aus dem Fenster gestiegen und abgehauen sei, habe man seine Linzer Lesung ebenerdig im Traxlmayer abgehalten. Bei der Ehrung von Heimrad Bäcker habe ein anderer Literat so unmäßig lange gelesen, dass der Jubilar schon ganz wiaflat geworden sei, und die Erzählerin beherzt zur Tür schreiten musste, sie fest zuknallte und so den Egozentriker aus seinem Leserausch reißen konnte. Am unerhaltsamsten aber die Erzählung über Walter Pilar (DIE Gegenfigur zu Bodo Hell, stellen wir fest). Bei einer Gruppenlesung waren in der Alten Welt als Honorar 1xSpeis und Trank ausgemacht. Etliche Wochen später verlangte er vom Kellner, zechfrei zu bleiben, weil er ja an jenem Abend nichts konsumiert habe.

27.4.

 

Auf verlassenen Almen im Sengsengebirge. Ab jetzt dürfen diese Steige vollends verwandeln. Wer stellt so etwas auf Suunto? Wer geht dem nach? Ich, die Wanderdeppin. Trotzdem ein guter Start in die Unterholz-Saison.

Ist das schön, oder ist das schön? Siehe:  

28.4.

Eine unleserliche Handschrift ist eine Geheimschrift nur für sich selbst (wenn man das Gekrakel noch entziffern kann).

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Die Massage-Pistole, die ich mir kaufe, wird vom Warentest so gelobt, dass man von ihr eigentlich auch die Lockerung des Nahost-Konflikts erwarten darf.

29.4.

Bis morgen sollte ich die Einkommenssteuer erledigt UND einen Text für die 50er-Nummer der "Rampe" geschrieben haben. Ich wette gegen mich.

Nachtrag eine Stunde später: Der Text ist fertig. Auch wenn er scheiße wird, freue ich mich. Das kann man frühestens nach einem Monat feststellen, es ist beim Schreiben wie mit dem Liköransetzen. 

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Die lang ersehnten Arbeiter sind hier und zeigen mir, was echte Arbeit ist. Worüber ich wochenlang gegrübelt habe, schaufeln sie in einer halben Stunde weg. Radu und sein Bruder Michal stammen aus Timisoara. Sie trinken keinen Alkohol (passt gut zur Szene in der „Raumforderung“). Sie werken acht Stunden, ich muss ihnen das Essen nachtragen und Radu anhalten, um ihm eine Wunde zu verbinden. 

 

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J. entschuldigt sich dafür, dass eine KI auf Insta einen seltsam begeisterten Text über meine Lesung in Wilhering zusammenklabüsert hat, bei der ich behauptet hatte, keine Sorge zu haben, dass KI meine Arbeit ersetze.

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Vor einer Woche sind die Schwalben zurückgekommen. Der Nachbar hat acht Nester in der Werkstatt, „i waaß aa ned, wos eana do so gfoid.“ Die schönsten Flugmanöver. Dann die ersten Grillen.


30.4.

Während ich Mini-Beträge in die Einkommensliste addiere und mir der Rücken vom Sitzen wehtut, tschinäullen unten die Muresan-Brüder, als wäre es ihre eigene Baustelle. 

Th. legt der verängstigten Fini kleine Käsestücke auf die Bierbank, die sie so heimlich nimmt, als solle sie es selbst nicht merken. H. ist ganz von Vorfreude auf den Gesang des Pirols erfüllt, der 1. Mai ist der Jubeltag der Arbeiter und der Birder. Frau M. und T. können terzeln, also singen wir „In die Berg bin i gern“ dreistimmig, und als L. dazukommt, auch noch den "Wildschütz". Wir sollten den Arbeiter- und Pirolsgesangsverein „waschaecht“ gründen, mit dem Ziel, das heimatliche Liedgut den Patrioten aus den dummen Kehlkköpfen zu winden.

Beim Heimgehen mäandert der Buttinger wie ein renaturierter Flusslauf.