Mittwoch, Februar 14, 2024

Die gute alte Zeit. Unvollständige Liste aller Zumutungen, die es im Mesozoikum noch nicht gab

Im Gedenken an das Erdmittelalter (Dino-Perchtenlauf durch Linz, 12.2.2024)

Eine Liste for the Wind of Change + kleine Gedankenreise zur Erholung von den clusterfucking Polykrisen der Gegenwart + eine sehr ungeordnete Auflistung aller Dinge, die das Erdmittelalter zu meinem Sehnsuchtsort machen, weil folgende Zumutungen noch nicht erfunden waren:

  • Pest und Kreuzzüge (ERDmittelalter, nicht Rittermittelalter!)
  • Kreuzweh, Winkfleisch, Fieberblasen, PMS, scharfe Messer wegen der Fingerkuppen, Cellulite (die Haut der Dinos zu dick), Krebs (gut für Fans der Royals)
  • Rollsplit im Schuhprofil → Eingangsbereich, wo es dann schiach knirscht, wenn man draufsteigt bzw. High Heels, in denen sich kein Rollsplit verfängt, aber dieses Schuhwerk zieht Menschen an, die sagen, damit hat man einfach einen schöneren Hintern, man muss halt damit laufen können, aber es ist ja das individuelle Recht, dass die Mädels anziehen, was sie wollen, das ist bitte auch Feminismus!
  • Mandarinen (no offense, aber imho wird winters zu viel Aufhebens drum gemacht)
  • Existenzielle Krisen angesichts der Nichtigkeit der Existenz
  • String Tangas und String Theorie (man hasst, was man nicht begreift)
  • Die Deutsche Bahn (billiger Punkt)
  • Schusswaffen (unangenehme Dynamisierung in fiktionalen Narrativen, vgl. Tolstoi und Lethal Weapon 1 bis 456)
  • Tennis (sorry, ich find's überbewertet) und die Autotune-Tyrannei in der Popmusik (vgl. Cher „Do You Believe in Love“)
  • Drogenmissbrauch, VR-Brillen und Tesla Trucks
  • Inflation und neoliberale High Performance Mindset Mentalcoaches
  • das Warenüberangebot, dabei ist eh alles nur ein Klumpert, im Mesozoikum gab's eine große Auswahl an Dinos, aber darüber will ich mich nicht beschweren, so sind wenigstens die kleinen Buben mit Auswendiglernen der Saurii beschäftigt
  • Taschentücher, deren Flankerl die ganze Trommel voll dunkler Wäsche versauen
  • Bauernproteste wegen Pestizidreduktion und Dieselsubventionskürzung
  • Kein Donald Trump, Herbert Kickl, Benjamin Netanyahu, Viktor Orban, Schärdinand, Ferdinand Wegscheider, Stalin, Putin und Putinversteher, HP Doskozil (die Reihung ist ein wenig ungeordnet, was die Argheit betrifft), Richard Lugner, Hitler, der Welser Nachbar Glück vom ersten Stock, der mich immer so deppert anschaut, Felix Baumgartner, der Rennradfahrer, der mir einmal „du depperte Sau!“ nachgerufen hat, weil ich ihn bat, nicht gar so schnell auf der schmalen Fahrbahn für alle zu rasen, Dieter Bohlen, Idi Amin, Elon Musk und jetzt neu im Ranking Heinz Sichrovsky wegen seiner törichten ZiB-2-Ausführungen gegen das Gendern
  • Mikroplastik, Dauerwelle, Cancel Culture (keine Ahnung, ob Dinos einander wegen jeweils dummer Ansichten bzw. Frisuren von den jeweiligen Veranstaltungen wieder ausgeladen haben, eher nicht)
  • Dass man für 30 FreundInnen 34 verschiedene Kommunikationsapps braucht
  • Australien, Büros und Spaltbodenverbotskritiker
  • Anhaftender Plastikverschluss bei den Milchpackerln (lästig beim Kaffeerichten)
  • Die Hamas und die rechtsextreme Siedlungspolitik und Antisemitismus und Postkolonialismus auf dem falschen Pfad und Rassismus, Bomben und Raketen

Im Mesozoikum gab's keinen Himmel, keine Hölle, keine Nationen, nichts, wofür es sich zu töten lohnt, and no religion, too, imagine all the people, livin' life as mice, Imagine no

  • possessions
  • I wonder if you can
  • No need for greed or hunger
  • A brotherhood of little mice Imagine all the creatures – Sharing pangea

 
 


Ein paar Punkte, die immerhin eindeutig für das Anthropozän sprechen: 

  • Lustige Plastikmasken 
  • Domestifikation des Wolfes
  • Bequeme Ohrensessel
  • Dynastisierung von familialen Strukturen, sodass man weiß, wer die Geschwister sind
  • Bibliotheken
     

Montag, Januar 22, 2024

Wir können euch die Freiheit nehmen, aber nicht das Leben (sagen die woken Eliten zur schweigenden Mehrheit der Normalen)

Auch diese Lebewesen möchten am Freitag freihaben, müssen sich aber u.a. diesen Text anhören, weil sie in einer Diktatur leben.

Hier ein "sehr guter" Textbeitrag für die Lesebühne "Hilfe, Diktatur!" am 12. Jänner 2024

Vorbemerkung für alle, die zwischen den Jahren Besseres zu tun hatten, als ausgeblichene US-Blockbuster aus den 1990ern zu schauen: „Braveheart“ erzählt die Geschichte von William Wallace (Gibson), einem schottischen Freiheitskämpfer gegen die britische Despotie. Es geht schlecht für den Mann, aber gut für die Freiheit aus! Meine Kurzkritik: Hier kämpfen Männer darum, im kalten Schlamm leben zu dürfen. Der SPÖ-Nationalratsabgeordnete Andreas Kollross hatte (so wie die Autorin) offensichtlich auch nichts Besseres zu tun als besoffen fernzuschauen. Was nicht verwerflicher ist als Nasenbohren, man soll dabei nur die Finger von den „sozialen Medien“ lassen und nicht davon fantasieren, das ius primae noctis (=Frauenvergewaltigung) wieder einzuführen. Denn so kann es passieren, dass Herbert Kickl ein Drehbuch für eine zeitgenössische Adaption des Films in Auftrag gibt, und ich es schreiben muss, weil so ein Haus heizt sich nicht von alleine, aber es sind eh nur zwei Seiten, also bringen wir es hinter uns. 

Kurz nach der Jahrtausenwende wird der Westrand Osteuropas von einer gigantischen Völkerwanderung getroffen. Scharen von Erd- und Höhlenmenschen überfluten das Land zwischen Neusiedler- und Bodensee, das seit urdenklichen Zeiten von den Clans der edlen Alpenvölker zur Blüte gebracht. Die stolzen und freien Menschen werden aber nicht nur von fremdgläubigen Horden bedroht, denen hätten sie dank urwüchsiger Kraft leicht vor den Toren Wiens Einhalt geboten, sondern hinterrücks von den eigenen Clanführern! Sie bilden in den effeminierten Städten einen abgehobenen Machtklüngel, ein westliches Mega-(ich hab MEGA gesagt!!!)Konglomerat, das die Umvolkung der eigenen Bevölkerung plant.  

Willibald Wallner ist Sohn eines hart arbeitenden Kleinunternehmers (Jagdzubehör und Ölkessel), der sich als Vizebezirksobmann im Zweifrontenkrieg gegen die vaterlandsvergessenen Globalisten und die sarazenische Menschenflut opfert. Willibald muss dabei zusehen, wie er aufgerieben wird, der Vater fällt der Trunksucht anheim und sieht sich zur Flucht gezwungen, weil ihn die Vertreter der Propaganda-Journaille aus dem Amt zwingen, nur wegen einer andersdenkenden Zeile in einem alten Liederbuch. Wallner sen. ward nie mehr gesehen, ab und zu berichtete ein Kreuzschifffahrer, ihn in einer Strandbar in Phuket gesehen zu haben, aber das blieben Gerüchte.  

Willibald Wallner trauert, aber er will nichts anderes, als ein gutes Leben, berufliche Erfüllung, ein schönes Heim, eine liebe Frau und Kinder, die es einmal besser haben sollen als er, der sich nach den langen Ausbildungstagen in der Freiheitlichen Akademie nächtens noch stundenlang selbst online weiterbildet. Wallner kehrt in sein Heimatdorf Trumau heim, wo die Jugendliebe Herta treu auf ihn gewartet hat. Ihre Eltern sind gegen die Liaison, weil sie ÖVP-Wähler und für den Impfzwang sind, aber die jungen Leute lassen ihrer Romanze in der herrlichen Landschaft der Thermenregion freien Lauf. [Hier Sexszenen einbauen bei Bedarf!] Bis zu dem Tag, an dem der zynische SP-Bürgermeister in einer kalten Nacht besoffen twittert, er wünsche sich die Wiedereinführung des ius primae noctis, dass er also alle jungen Bräute in ihrer Hochzeitsnacht entjungfern dürfe. 

Da platzt dem heißblütigen Willi der Kragen! Er spricht auf Telegram eine Fatwah gegen den roten Despoten aus, wie ein Mann strömen die Aufrechten aus ihren Häusern, mit Traktoren und PickUps blockieren sie die A3 beim Knoten Ebreichsdorf und die E59 bei Tribuswinkel. Mit der Wucht des Unrechts schlägt das System zurück. In der Untersuchungshaft wird Willi gefoltert. Die Kost ist vegan, aber Willis Wille bleibt ungebrochen, er wird trotz Avocado-Bowls und Kichererbsenaufläufen nach Rezepten des Sadisten Ottolenghi (Israeli!!) nicht schwach. [Hier raffen wir die Handlung, ist ja nur ein Draft!] 

Es kommt landesweit zu Bauernaufständen gegen den oktroyierten Ethnopluralismus, aber vor allem gegen die woke Elite da oben. Willi wird zum heroischen Anführer im Kampf gegen ideologische Missgeburten, queere Genderdiktaturen und unordentliche Beschäftigungspolitiken. Er trotzt der wortbrüchigen Landeshauptvogtin Wiedergutmachungspensionen für die in der Coronazeit tyrannisierte schweigende Mehrheit ab (45% des Landesbudgets). Willi führt die Revolte auch tapfer weiter, als ihm gekaufte „Wissenschaftler“ unterstellen, dank der Traktorblockaden werde unabsichtlich mehr CO2 eingespart, als die Grünen in Jahren in der Regierung geschafft haben. Willi schreibt sich in den sozialen Netzwerken die Finger blutig, „auch die Hamas hat es verdient, ihre Argumente vorbringen zu können!“, er wirft Hundekot in die Briefkästen feministischer Hackerspaces in ehemaligen Branntweinstuben, er schenkt seiner Gattin sieben Söhne. 

Es kommt, wie es kommen muss in einer Diktatur – nur durch Verrat wird das Unrechtsregime Wallners habhaft (Anzeige der Nachbarin, Wiederbetätigung, bloß wegen ein paar geteilter Memes in der Elternvereins-Telegram-Gruppe). Willi wird verhaftet und einem Tribunal vorgeworfen. Nach Verkündigung des Schandurteils (6 Monate bedingt) erhebt sich der stolze Märtyrer und brüllt aus voller Kehle: 

MeinungsFREIIIIIIIIHEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 

Wer jetzt nicht weint, ist links!

Donnerstag, November 23, 2023

Autofiktionale Selbstausschreibung

  Verloren ist, wer seine Haut zu Markte tragen muss

SIE BRINGEN MIT: Erwartet wird hoher Idealismus im Bereich der Alpenpflege, die eine qualifizierte Unflexibilität verlangt, zwecks Abwehr von sozialen und beruflichen Anfragen bei Bergwetter. Hier ist Bereitschaft zur Mehrleistung bei entsprechender Überstundennichtabgeltung gefragt, denn die Bewanderung des Toten Gebirges ist in der Hauptsaison eine Halbtagsstelle (und der hat 24 Stunden).

Altenpflegekompetenz ist Grundvoraussetzung: Professor Klaus Buttinger ist durch steten Zuspruch zu loben und mindestens einmal pro Kalenderwoche in Bereich Sexarbeit zu betreuen.

Bei entsprechender Witterung wird erwartet, sämtliche Ruheplätze im Garten mit entsprechender Lektüre einer Amortisierung nahezubringen. Die binnen Wochenfrist zu erbringende Leseleistung bei ZEIT und Falter ist Teil der beruflichen Anforderung. Zu Arbeitsbeginn sind die OÖN zu überfliegen und per teaminterner Blattkritik zu bearbeiten. Am Nachmittag und vor dem Dienstende (=Bewusstseinsende) ist Zeit für Belletristik zu erübrigen.

Tägliche Tierpflege, mindestens vier Stunden. Der Hund muss täglich zwischen 8 und 24 Stunden per Bereitschaftsdienst auf sein Verlangen hin gestreichelt werden. Entsprechende Qualifikations-Zertifikate sind vorzulegen. Tägliche Anbringung von Bio-Meisenknödeln an den drei internen Abgabestellen. Spanische Wegschnecken- und Holzbock-Vergrämungsmaßnahmen von März bis Oktober.

Zahlung: Zehnmal jährlich Tombolaspenden, Einmalzahlung in Form eines verfallenden Einfamilienhauses und Jahres“gehalt“ im untersten fünfstelligen Bereich (kalte Progression und Einkommenssteuer werden nicht schlagend).

Deutsch verhandlungssicher (Dienstort ist unter anderem Wels), Französisch in ausreichenden Spurenelementen, um diese affektierte Sprache satirisch anwenden zu können. Bullshit-Englisch (um learnings zu generieren)

ABC-Abwehr und Sportklettern auf gutem Hobbyniveau

 


Mittwoch, Oktober 25, 2023

Leise singen die Borkenkäfer

Weil ich aus bodenloser Verpeiltheit seit MONATEN hier nichts mehr gepostet habe, ist es eh gleich schon wurscht, wenn ich dann recht antusche mit der Beachtung meines Kunstwollens von der Wiener schule für dichtung. Weil: Na, ist das was? 

Symbolbild "Borkenkäfer"

Der sehr stark von mir geschätzte Peter Waldeck lud zu Folgendem: 

"der wilhelmsschrei aus deinem mund – wenn autofiktion & horror zusammentreffen! / schule für dichtung

experimentelle online-übung über die gelungene fusion von alltagsbeschreibungen mit horrorsituationen mit autor peter waldeck

Es geht um das verfassen merkwürdiger texte (kurzprosa), die autofiktion mit klassischen horrorszenarien vermischen. introspektion trifft splatterorgie: lade deine alltagsbeobachtungen mit einer explosion von b-movie-klischees auf.

bonuspunkte gibt’s für: borkenkäfer-perspektive, traurige grundstimmung, hochliterarische sprache für niedrigsten splatter!"


Und das schrieb ich ihm (synchron verlesen am 20.10. sowohl im Schauspielhaus Wien als auch im Strandgut Linz)

Leise singen die Borkenkäfer. Drehbuch

Doug Burndale, Abkömmling norwegischer Einwanderer, die durch harte Waldarbeit im Forst nördlich von Baltimore zu Wohlstand gelangt und zu hartherzigen Menschen geworden waren, ist durch harte Arbeit als Psychiater zu wissenschaftlicher Anerkennung gekommen und zu einem kannibalistischen Serienkiller geworden.

Auf tritt die angehende FBI-Agentin Therese Bark-Beetle, die von ihren skrupellosen Ausbildnern auf den im Hochsicherheitsgefängnis sitzenden Burndale angesetzt wird, um herauszufinden, was da in den Wäldern nördlich von Baltimore sein Unwesen treibt. Holzfäller werden tot aufgefunden, hunderttausende Morgen Fichten vertrocknen. Burndale ist sofort von der hochbegabten jungen Kriminalbeamtin fasziniert. Schnell findet er Bark-Beetles wunden Punkt – sie entstammt einer Sippe derber Holzknechte, die seit dem Waldsterben in vollgemüllten Mobile Homes saufen.

Hier Handlung einfügen, in der sie durch den Wald hetzt, Schusswechsel etc. Dann die Schlüsselszene, wie der Psychopath hemmungslos in Bark-Beetles Seele wühlt. „Was war mit den Fichten, Agent?“ „Sie waren... von Borkenkäfern ganz zerfressen...“ „Und was haben sie gemacht, Therese? Sagen Sie es mir!“

Sie haben leise gesungen, Dr. Burndale!“

 

Review Peter Waldeck:

Perfekt! Dieser Text erfüllt nun wirklich alle Träume dieses Kurses. Er bedient sich unbekümmert einer großen Vorlage, bleibt dabei immer angenehm schlampig und faul („hier Handlung einfügen“) und erzählt so auf einer Meta-Ebene viel Autofiktionales über den Arbeitseifer des Erzählenden. Nebenbei räumt der Text mit den Borkenkäfern alle Extrapunkte mühelos ab.


Und trotz allem Ready-Gemachten jagt mir das Schlussbild der singenden Käfer einen eiskalten Schauer über den Rücken. Seit Tagen muss ich daran denken, und es kommt mir vor, als könnte ich in meiner alten Villa, in der es an Holzvertäfelungen nicht mangelt, das feine Gewinsel an vielen Stellen hören. Wenn ich nächtens aus dem Fenster blicke, sehe ich unter dem Kirschenbaum eine dunkle Borkenkäfer-Gestalt stehen. Schwer zu sagen, ob es sich um einen Menschen in einem Borkenkäfer-Kostüm handelt oder um einen Borkenkäfer in Menschengröße. Nachsehen mag ich nicht, ich habe Angst vor einer Falle. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, und die Borkenkäfer übernehmen mein Zuhause, genau wie es dem irischen Naturdichter Butler Keegan im Jahr 1917 passiert ist.

Montag, Juli 03, 2023

Literarische Fischstäbchen

Ein wenig Beifang von der letzten Lesebühne zum Thema "Fisch" zur freundlichen Kenntnisnahme seitens der lesenden Bevölkerung: 

 

Fischgerichte 1:

Verstöße gegen das Oö. Fischereigesetz betreffend die Zuweisung von Fischereirechten, die Arten der Fischwässer, die Eintragung in das öffentliche Fischereibuch, fischereiwirtschaftliche Maßnahmen wie Bewirtschaftung, Besatz, Aussetzen von nicht heimischen Wassertieren und die Fischereiordnungen werden straf- oder zivilrechtlich geahndet.

Fischgerichte 2:

Forelle Müllerin, Forelle Bäckerin, Forelle Postlerin, Forelle Zerspanungstechnikerin, Forelle Hort- und Freizeitpädagogin, Forelle Bundespräsidentin.

Letzteres geht so: Einen Fliegenfischer auftreiben, sexuell binden und bitten, seinen Fang möglichst schmackhaft zuzubereiten. Dazu passen Petersilerdapferl und ein Sauvignon Blanc.

 ***

Frage an die Generation Schneeflocke in Wokistan (mit lieben Grüßen): Captain Iglo – geht der überhaupt noch? Und was will er? Ein alter weißer Mann allein mit lauter unbegleiteten Minderjährigen auf einem Schiff mit unbekannter Mission – eine Werbung, die uns die Enkerl einmal nicht mehr glauben werden. 

Ich könnte eine Meuterei beschreiben, eine Abenteuergeschichte, in der sich die Waisen gegen den Tyrannen auflehnen, ihn kielholen, weil er sie zur Kinderarbeit im Schiffsbauch zwingt, oder ihn auf einer einsamen Insel aussetzen, wo er sich in jahrelanger Arbeit eine tropische Kopie seiner Heimat erbaut, also einen Bungalow mit Carport und gemauertem Grill. Oder die Kinder betäuben den bärtigen Schinder mit Liquid Ecstasy, färben ihm den Bart schwarz, setzen ihn in einem Schlauchboot vor Lampedusa aus und rufen Frontex an, die versenken ihn dann vor der Festung Europa. Wenn's ambivalenter in der Figurenzeichnung sein darf, zwingen die armen Kinder Captain Iglo irgendwie, sich als deutscher Side-Kick vom gemeinen Grissemann allwöchentlich sekkieren zu lassen.

Übrigens sagt man nicht mehr Iglo, sondern Inuit.




Donnerstag, Juni 01, 2023

Schnitzelzwang, Daydrinking und Pudelbabys

Lebenskrimskrams im Mai 2023

1.5.

Kindheitsflashback: Am Feiertagvormittag mit der Fähre ins Mühlviertel. Wir rasen auf dem Hochwasser dahin, was zur immer stärker werdenden Wahrnehmung der Lebensverraschung passt. Dem Hund das Fährenfahren zeigen wie einem Kind. Der Fährmann bringt den winzigen Ticketstreifen zurück, den ich übereifrig für das Tierkind gelöst habe.

Der Onkel geht über Stunden immer wieder in den Garten, um nachzuschauen, ob der Maibaum drüben in Gramastetten schon steht. So kann man wohl eine Staustufe im Verrinnen der Zeit einbauen.

Der Hund wutzelt mit Absicht und Ausdauer eine stummelbeinige Mini-Ausgabe ihrer selbst die Ottensheimer Dammböschung herunter. An der ordentlich verbreiterten Mündung des Bleicherbaches sitzen vier junge Männer mit Dosenbier und spielen Schach, sie grüßen mich höflichst, als sei ich einmal ihre Volksschuldirektorin gewesen. 

Wenn man selbst keine Kinder hat, ist es vielleicht etwas einfacher, sich einzureden, dass man eh noch nicht so alt sei, ein wenig so wie man glaubt, die Umwelt zu retten, wenn man sich noch nie ein eigenes oder ein neues Auto gekauft hat.

2.5.

Stimmungsabfall aufgrund von Erwerbsarbeit (ohne Erwerb) + Regen. #banal

***

Wegen massiver Verplauschung begehe ich den Tatbestand der Parkzeitüberschreitung. In meiner Hilflosigkeit entfährt mir der existenziell depperte Klagsruf an die Parkraumbewirtschafterin „I bin eh do!“ „I hob's scho eigem!“ sagt sie fast so klagend wie ich. „Fini, fass die Frau!“ sage ich, der Hund schmiegt sich herzlich an deren Unterschenkel. Ich gebe sinnlose Heullaute von mir, die Frau sagt „mei“, ich heule, sie sagt "mei!", so geht es weiter, bis sie sagt, es tue ihr leid, „grad bei wem so Liabn!“ Ich sage irgendwas Einsichtiges, schließlich verabschiedet sie sich mit „Gsund bleibn!“ 

4.5.

Entspannungsmusik wirkt bei mir paradox.

5.5.

Den Decker an seiner Arbeitsstelle abgeholt, die er sich hauptsächlich wegen eines Wortwitzes im Slogan ausgesucht habe, wie er behauptet. Er arbeitet wirklich mit Schweißgeräten, nun ist es kein Mythos mehr.

Auf den Straßen von Wien werden wir trotz LL-Kennzeichens kein einziges Mal angehupt oder geschnitten. Das ist nicht mehr mein Wien. Decker steigt in Ottakring aus dem Auto und ist sofort entfacht, mit dem Fotoapparat verwandelt er einen Stapel Sommerreifen und einen Turm Bettzeug in poetische Frühlingsillustrationen.

GAV-Vollversammlung. In der Kulturtankstelle geht es um einen „antihegemonial erweiterten Literaturbegriff“, „Präsenztauglichkeit“, dicke Gegenwartsromane und die Verrücktheit, unsere Branche auszuüben (Ilse Kilic, meine Präsidentin <3). „was man nicht sagen kann, muss man sich selber holen“ steht auf einer Karte von Herbert J. Wimmer („wittgenstein im haushalt“). Piringer über soziale Medien und ihren Stromhunger: TikTok hat einen norwegischen Rüstungskonzern beim Bieten um eine Stromzuteilung ausgestochen. Es fällt der gute, leider sehr treffende Begriff „Rezensionsrezession“. Martin Fritz hört zu, dabei kritzelt er sehr hübsche Pläne mittelalterlicher Städte auf seine Unterlagen. Ich kritzle diese Notizen hier; wie erwartet kann ich sie später kaum noch entziffern (irgendwas mit „Bei Gelegenheit KI mit der schlechten Unendlichkeit von Hegel assoziieren“).

Martin Wimmer referiert: „Bummeln, träumen, leben, lieben“ – und sein kulturpolitisches Programm: Jeder Mensch soll in der Lage sein, ein Buch zu verfassen. In der schiachen Realität wäre man schon froh, wenn jeder eins lesen könnte. Im schönen Teil der Realität gibt es die GAV. 

***

Eine junge Frau flaniert durch den 7. Bezirk und erkennt sich selbst auf einem Porträt in einer kleinen Galerie – diese Geschichte glaube ich mir selbst fast nicht, obwohl ich dabei war; ich hatte es für übertrieben gehalten, dass Markus Lehner gar nicht mehr weiß, wessen Gesichter er da aus Filmen und Serien herauslöse. Ich kenne nicht einmal die Sendung, mit der die Frau bekannt geworden ist („Dark“), aber ich würde wohl nicht einmal mein eigenes Gesicht auf einem Bild wiedererkennen. 

Foto: Decker oder Minniberger? 

Eine sehr schöne Vernissage. Die Bescheidenheit der beiden Herren Lehner und Decker steht in sehr sympathischem Kontrast zum Ego einiger VernissagenbesucherInnen. Eine Frau erzählt mir, sie habe den Kurzhaarschnitt erfunden, vom Gatten einen Keller für eine Galerie geschenkt bekommen und dort schon so manchen jungen Literaten bei Lesungen vor bis zu 20 handverlesenen Gästen groß herausgebracht. Ein Typ, der nackte Damen mit Bodypainting fotografiert, gibt dem Decker „wertvolle Tipps“ für den Erfolg am Kunstmarkt. Andererseits ist auch ein wirklich sehr lieber ehemaliger Palliativsachbuchautor anwesend. Er habe einige Jahre lang als „Senior Content Manager“ eines internationalen Konzerns extrem gut verdient, aber doch wieder gekündigt, weil er sein Hochstapler-Syndrom nicht in den Griff gekriegt habe. So, wie mir der Decker am nächsten Tag erzählen wird, dass er täglich mit der Sorge zur Arbeit fahre, ob er das Aufgetragene eh hinkriege. Wir müssen wirklich bald so etwas wie den „Empower-Hof“ gründen, in dem wir den unnötig von Selbstzweifeln blockierten guten Menschen gut zureden (also wir einander). 

Mitteilung in der Wiener Parkraumbewirtschaftungszone

6.5.

Coala erzählt mir von einer Deutschen, deren Nachbarn über Jahrzehnte zweimal jährlich den Maschendrahtzaun mit Seife und Bürsten gewaschen hatten (und einmal im Jahr das Dach). Als sie zu alt für diesen Unsinn wurden, überkam sie große Unruhe, bis ihnen der Sohn den Zaun kurzerhand entfernte, da er glaubhaft vermittelte, nicht mehr unachtsam aus dem Garten auf die Straße zu rennen.

7.5.

Der Garten explodiert. <3

8.5.

Die Pool-Wärmepumpe erweist sich als Willhaben-Hüter – aber nicht wegen der Vernunft der Leute, sondern weil ich den sinnlosen Stromfresser noch nicht billig genug verramsche für die gierige Konsumbrut.

9.5.

Top-Tag: Auto gesaugt + 50 Jahre GAV im Stifterhaus halbwegs hingekriegt. Am schönsten vielleicht, dass Anna Weidenholzer sich über meine frisch gemachten Pudelbabyfotos mehr freut als über ihr Honorar (war auch nicht hoch).

Alle sollt ihr euch freuen, gratis

10.5.

Peinliche, aber beträchtliche Freude über die elektrische Fensterputz-Ente in gelber Enterprise-Form: mein Drecksproblem ist gelöst! Jetzt brauche ich nur noch eine Admin-KI („Wie hoch ist das Honorar?“) und einen Außentermin-Feminoiden.

***

In der Kletterhalle spiegelt sich mein ganzes Leben. Kraft der Routine nudle ich das Meiste ganz ok herunter, aber stellt mich bitte nicht in einen Überhang.

11.5.

Ein älterer Kollege mailt gesammelte Klagen (Frauenüberhang auf den Bühnen, von den Institutsleiterinnen wurde er nicht ordentlich gegrüßt, er sei auf weniger Fotos zu sehen als andere). Boomer und die Generation Y + Z sind offensichtlich Konkurrenten auf dem Aufmerksamkeitsmarkt.

 ***

Das Tosen des Wassers, das über die Schleusenwand donnert. Die Welt könnte ertrinken, der Hund würde immer noch Stöckchen aus der Donau holen wollen. 

***

Kaktus-Award im Schloss. Großer Zuspruch für das Matriarchat von den anwesenden Damen, bei den Herren muss immer noch Vermittlungsarbeit geleistet werden („Wäre es nicht schön, mehr Freizeit zu haben?“). Ein Immobiliensachverständiger sagt nach der Preisverleihung, seine Frau sei stur, ich sage, sie hat einfach recht, er solle seinen Widerstand zu seinen eigenen Gunsten aufgeben, dann werde alles gut. Unnötig hinzuzufügen, dass mein Ego sich aus Frack und Junghopfenpilsrausch speist. 

Insgesamt ein prächtiges Ereignis, etwa weil Haderer sen. gleich seine Kooperationspartner mit einem ordentlichen Anwaltswitz begrüßt: „Olle Aunwälte san Oarschlecha!“ „Tschuldigen, das ist eine totale Verallgemeinerung, außerdem ist das eine Beleidigung für die Oaschlecha.“ Bei der Preisverleihung werde ich zum glühenden Til-Mette-Fan. Später lege ich dem sehr freundlichen Hauptpreisträger meine rassetheoretischen Überlegungen ("genetisches Medley") dar, während er versucht, aufgrund der Junghopfenpilse nicht im Stehen zu stolpern.

12.5.

Dani bringt Süßkram aus dem Ostblock-Markt, der in Öd dem Billa nachgefolgt ist. Das usbekische Karakum-Stollwerk ist ok, rechtfertigt seinen Import über die Seidenstraße aber kaum. Das kalmückische Wafferl überzeugt mehr durch Exotik als durch Geschmack. Sobald die Menschen aus dem Osten z.B. ein Mignon-Wafferl zu kosten bekommen, kollabiert die russische Schokoindustrie und sie können nur noch Gas am Markt positionieren.

***

Lesebühne im Ottensheimer Bauhof. Das Publikum kommt eher vom Jazz, also viel zu spät, weil sonst nie was vor Mitternacht anfängt. Deswegen bin ich von Beginn an nicht mehr nüchtern im engeren Sinn, aber auch das scheint zum subkulturellen Zugang zu passen. Das Prinzip „Tombola des Grauens“ wurde von den Einheimischen insofern missverstanden, als recht viel Brauchbares gespendet wurde (Wachsmalmäuse, Storm-Novellen, Saatgut, geschnitzte Fische), sodass ich wegen Unterschlagung fast mehr mit nach Hause genommen habe, als ich hergeschafft hatte. Bester Witz des Abends: Renés „Polka-Geister“. Noch mehr zum guten Ereignis für Lese-Junkies und Wort-Messies hier im Lesebühnenblog.

13.5.

Heute war nichts los <3

***

Selbst wenn Böhmermann & Schulz den Songcontest moderieren, zündet nichts. Jede Ironie prallt am bunten Rausch der Belanglosigkeit an. Von nun an wieder ohne mich. Bzw. glaube ich allmählich, dass Böhmermann doch nicht lustig ist.

14.5.

Die eigene Leistungsfähigkeit tiefer zu stapeln ist der Gruß der in die Jahre gekommenen Boulderin. Übrigens gehe ich seit 2001 bouldern und schreibe seit 2004 Blog – reicht das nicht allmählich für den Status „Pionierin/Urgestein“ oder zumindest eine Landeskulturmedaille in Weißblech?

***

Finis empörter Blick, immer wenn ich sie wieder aus der Fressnapfbudel hervorzerre, weg von den bereitwillig fütternden Händen der Kassadamen, denen ich dann ein Vermögen für das Insektenhundemüsli zahle. 

***

Margaritenneid. Bei mir wächst nur, was eh schon immer gewachsen ist (Giersch und Löwenzahn).

Symbolbild "Der Neid ist schiach"

16.5.

Die vor drei Tagen verstorbene Sibylle Lewitscharoff hat zwischen 12 und 16 immer wieder LSD probiert. Ihr inniglicher Wunsch fürs jetzt hoffentlich eintretende Paradies war, sich mit Tieren unterhalten zu können.

17.5.

Mein Leben wird mir als ziemlich ok vorkommen, wenn ich mich später wirklich nur noch an das erinnere, was ich fotografiert und aufgeschrieben habe: Eigenzensur im Sinne einer geglückten Schlussbilanz. Alle müssen wir hoffen, dass uns die Demenz am Ende nicht bloß den Schas übrig lässt, wie auf dem Grabbeltisch nach dem Schlussverkauf im Nicht-so-Supermarkt.

Eine schöne Erinnerung wäre etwa, dass Ljuba Arnautovic und ich einmal gleichzeitig das Aufenthaltsstipendium in der Villa Bielka am Grundlsee bekommen haben und erst am Ende der vierzehn Tage eine halbe Stunde miteinander geplaudert haben (ich für meinen Teil habe meine Leutscheu dabei ab Minute 1 bereut). Beim Bericht, dass ich wegen guter Führung dann noch zweimal hindurfte (wahrscheinlich weil ich die Bibliothek sortiert hatte), rede ich mir selbst die Augerl nass. So wie ich zehn Jahre nach diesem Experiment-Literatur-Abend nasse Augerl bekommen möchte, wenn ich an Arnautovic und Peschka denke. Nur noch Leute einzuladen, bei denen ich nicht zwischen Werk und Autorin unterscheiden muss, ist eine meiner besseren Lebensentscheidungen. 

Meine Leutscheu wurde zum einen natürlich durch die Hundehaltung überwunden, zum anderen aber, weil ich mich heute dem Mitmenschen zwischendurch so vollständig entziehen darf.

18.5

Putzen am Feiertag – aber was soll ich tun, die Putzente ist voll der Bringer (und ich werde verbrieft grad schrullig)

***

Spektakuläres Scheitern beim Ausmisten, weil ich gleich beim ersten ollen Tierbildband über den Geranienwagerl-Neufundländer in Verzückung gerate:

***

In jedem Berg suche ich auf den ersten Blick einen Gipfel des Toten Gebirges. Ich muss dringend wieder wandern, mir träumt schon wieder recht bedrängend.

19.5.

Ausnehmend ereignisarmer Tag, ausuferndes Rasenmähen. Mein Mitleid ufert jetzt allmählich auf Pflanzen aus, nur die wirklich expansiven Beikräuter hasse ich.

20.5.

Hoch im Norden bei einer 80er-Feier. Der Jubilar ist ein dezenter und hervorragender Entertainer. Er begrüßt den Abt als „Emeritus, i sog des, weil's Lateinisch ist, und weil i's woaß.“ Einer sei nicht gekommen, weil er „haudi“ sei, was man als „temporär gebrechlich“ übersetzen kann. Etliche der Anwesenden fragen mich, ob ich noch bei „die Nochrichtn“ oder beim „Laund, bam Kuituabericht“ sei, denn im Mühlviertel steht die Zeit still.

Katholiken fällt es leicht, sich mit 80 glücklich auf der Zielgeraden zu sehen. Der Abt entschuldigt sich, er käme am Nachmittag nicht mit, „weil ma wer gstoam is.“ Das Geburtstagskind erzählt von seinem Großvater, dem gleich drei Ehefrauen gestorben sind. Er habe sich eine Fotomontage anfertigen lassen, die ihn inmitten der drei zeigt, darüber stand: „Die ewig Fromme, die ewig Tüchtige, die ewig Fröhliche“. (Siehe dazu das vorige Posting über die Phänomenologie des rustikalen Totenbildes.)

Es ist sehr, sehr schön im Oberen Mühlviertel, aber die Hügel verstellen die Sicht auf die Berge.

21.5.

Endlich wieder zuhause oben im Toten Gebirge. Es war bis heute keine große Skitourensaison, aber nach dem gemeinsamen Mittagsschläfchen auf der Sigistalhöhe auch menschlich ein schöner Abschluss. 

Die ungläubigen Blicke der leicht Bekleideten unten in der frühsommerlichen Baumschlagerreith, als wir das Skizeug in den Kofferraum schlichten.

23.5.

Fund in der ZEIT: Totenkopfäffchen mögen Menschen nicht besonders und lassen sich nie ganz zähmen. Während der Dreharbeiten zu Pippi Langstrumpf wurden die Darstellerinnen von Herrn Nilsson laufend gebissen, angepinkelt und angeschissen. Viele Menschen gehen mit dieser Attitüde in die Arbeit und sollten eigentlich allein im Wald leben dürfen.

***

Die SPÖ sollte in drei gleich große Teile zerfallen wie ein mürber Keks. In der Nacht träumte mir, ich hätte was mit dem Babler, war aber auch erleichtert, dass der nun wohl sehr viel unterwegs sein werde, sodass ich einfach gemütlich mit dem Buttinger zusammenbleiben kann.

***

Gestern nach monatelangem Herumgefröstel gleich wieder zu heiß – sowie ich das feststelle, wird mir bewusst, dass ich das in meiner Jugend als sicheres Symptom für „ab jetzt alt“ festgelegt habe.

***

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich auch ohne Arbeit genug zu tun.

24.5.

Porzellan kommt vom Italienischen „porcella“, also „kleines Schweinchenartiges“. Und das englische „ferret“ stammt vom Lateinischen „fur / furritus“ ab, also der „kleine Dieb“. Eine Gruppe englischer Frettchen wird „business“ genannt. Zwei Krähen als "conspiracy", eine Gruppe als "murder". 

***

Der neue junge Mann aus der Gen Z am Anfang seiner Berufslaufbahn heißt „Valentin“ oder „Tassilo“. (Eine Gruppe der jungen Männer heißt „bubble“).

25.5.

Pfingsten ist die Oberösterreichische Verballhornung von „die Fingisten“, vom Lateinischen „fingis“, also „du erfindest“. Heute ist somit der Gedenktag für Literatur und Staatsanwaltschaft.

26.5.

Es gibt das Stück „Ein musikalischer Witz“ von Mozart, in dem er sich über schlechte Komponisten lustig macht. Meinen dummen Ohren fallen nur die derfäulten Waldhörner auf. Bei Gelegenheit auch die „Spatzenmesse“ anhören.

***

In der „Standard“-Berichterstattung über die Weigerung der WKO & Gastro, vegane Kochlehren zu erlauben, kommt das Wort „Schnitzelzwang“ vor. Willkommen Österreich.

27.5. KRUMAU

Der Grenzstreifen ist schon ziemlich durchgentrifiziert, jetzt müssen sogar schon die billigen Casinos und Outletcenter renoviert werden. Die Gartenzwerg-Vietnamesen sind in andere Branchen migriert (High End Crystal Meth?) oder verkaufen hölzerne Windmühlen in Gartendeko-Shops. Nur die Roma von Vetrinj hausen nach wie vor in vernachlässigten „Sozial“-Bauten. In der overtouristischen Altstadt werden Chinesen derzeit von Koreanern vertreten (erkennbar an den Wimpeln ihrer Reiseführerinnen). Eine Dame fragt, ob sie Daeny streicheln dürfe, weil sie ihren Hund zuhause in Kalifornien so vermisse. 

Geglückte Stunden beim Daydrinking mit dem guten Krumlov-Bier in einem Hipster-Gartenbüdchen. Bene geht Zahnpasta-Shoppen. Dani erzählt, dass ein automatisches Übersetzungsprogramm unlängst die Genderkategorie „divers“ mit „Taucher“ übersetzt habe.

Die Braunbären im Burggraben werden immer noch nicht artgerecht gehalten, fressen aber immerhin vom veganen Büffet, dazu gibt’s zum Spielen ein Bierfass (Lokalkolorit).

Wir stellen eine gemeinsame Abneigung gegen barocke Gartengestaltung und Poltergruppen fest. Es ist angenehm, dass wir alle schon oft in Krumau gewesen sind, so können wir auf das Sightseeing völlig verzichten und uns aufs Trinken und Lästern konzentrieren: Die Menschen in den Schlauchbooten müssen jetzt Helm und Schwimmweste tragen, oder sie sitzen statisch auf einem Pensionistenfloß, das langsamer als die Moldau dahindümpelt, während ihnen von hinten und vorne von Männern in pseudobäuerlichen Leinenhemden die Landeskunde gemansplaint wird.

Auf der Heimfahrt halten wir beim jüdischen Friedhof nahe Rožmberk. Mittlerweile stehen etliche philanthropische Sponsoren auf dem Schild an der Mauer, aber das Gras steht so hoch wie in den frühen 1990ern. Wir klauben kleine Kiesel aus den riesigen Maulwurfshügeln zwischen den Gräbern und legen sie auf die Grabsteine.

Langsame Heimfahrt über Langzwettl, es wird ein Freiwilliges Feuersportwehrfest gefeiert, alle haben rote Backen von Bier und Sonnenbrand. Weiter nach Wels, es wird das Schl8hof-Voixfest gefeiert, alle haben rote Backen von Bier und Sonnenbrand. 

 

28.5.

Die Eröffnung der Sommersaison im Sengsengebirge artet ziemlich aus, aber der Drang ist stärker als die Vernunft. Ich treffe mindestens sechs falsche Entscheidungen und sieben richtige. Gerade in der anstrengendsten Stunde des Herumkofferns auf der Koppenalm dackelt mir der Hund am ergebensten nach. Wieder neue Wege und verlassene Almen gefunden. Wie es hier vor hundert Jahren ausgesehen haben mag? Der Nationalpark verwandelt den Bergstock außerhalb der markierten Wege in einen Lost Place. Auf dem Weg zum Rohrauer Größtenberg ein Paar, das sich auch verkoffert hat, ich kann nicht einmal mit meiner Karte auf dem Handy behilflich sein, weil der Mann (natürlich der Wegfinder) seine Lesebrille nicht mitgenommen hat. Stunden später Verwünschungen gegen mich selbst, aber ich weiß da schon, dass ich gleich wieder hinauf will, sobald der Muskelkater abgeklungen ist.

29.5.

Enttäuschendste Hunderasse: der Disappointer

***

Schlagzeile des Tages: „Mutmaßlicher Spionagewal verlässt Norwegen in Richtung Süden“. Vor vier Jahren war der zahme und neugierige Belugawal vor der Küste Finnmarks gefunden worden; er trug einen Gurt mit Kamerahalterung. Drei Jahre trödelte „Hvaldimir“ nahe Norwegen herum, jetzt schwimmt er davon, aus Einsamkeit oder wegen der Hormone, glauben Meeresbiologen.

***

Statt „sick kids“ lese ich „side kicks“. Die Lesebrille wird wohl auch mir bald zuteil werden.

***

Eigentlich ein Traum, der es nicht in die Zukunft schaffen muss, aber es war einer der wenigen, in denen mir der Vater erschienen ist. Es war seine Aufgabe, mich mit Barbituraten zu euthanasieren, da ein Tumor schon meine Schädeldecke absorbiert hat. Im Traum ermahne ich mich, bloß nicht hinzugreifen, wäh. Ob das wirklich sein müsse, die Sterbehilfe?, frage ich den Vater traurig, er sagt traurig ja, es gehe sonst sehr schlimm aus, es sei besser, wir brächten das gleich hinter uns. Daraufhin ordne ich Spar- und Notizbücher, lege Dokumente heraus und gerate in Unmut, weil es mich gerade überhaupt nicht sterben freut. Ich lasse meinen Ärger am Vater aus, der sich in meiner Sterbstunde mit irgend einem zufällig getroffenen Bekannten vertratscht.

30.5.

Irgendwo in den USA ist die kaum verweste Leiche einer Nonne exhumiert worden. Unter der schützenden Schimmelschicht schaut sie tatsächlich ganz propper aus (das gönne ich auch Tina Turner). Fassungslos Gläubige pilgern herbei, um ihre Hände auf die Schimmelschicht zu legen. Es handle sich im Übrigen um die erste Mumie einer afroamerikanischen Frau.

***

Interview mit einem 97-jährigen Komponisten in der ZEIT.

Wie geht es Ihnen?“

Es geht mir irgendwie.“

***

Ein Herr „Walzer“ (=Walter) entschuldigt sich in einer Willhaben-Nachricht für seine Rechtschreibung: „händitastatur dicke finger“

***

Mit solidarischem Wohlwollen schaue ich der Nachbarin dabei zu, wie sie mit großer Geschwindigkeit Cola und Wurstsemmi inhaliert, bevor sie ins Haus geht und für vier Kinder + Gatten etwas Gescheites kocht.

***

Das jämmerliche Heulen einer Alarmanlage irgendeiner Firma irgendwo.


31.5.

Auf orf.at: Ein Skriptum aus dem 15. Jahrhundert ist „entdeckt“ worden, in dem sich ein Stand-Up-Comedian seine drei besten Nummern aufgeschrieben hat, zum Beispiel die satirische Hasenjagd, bei der die Killerkarnickel den Jägern die Kehlköpfe herausreißen.