Freitag, Januar 29, 2021

Reiseführer in meine Innere Mongolei

  Symbolbild "Reisen 2020/2021 - Disappointment Island"


Im siebten Lockdown im Jänner 2023 trat das Ereignis ein, vor dem mich meine Schwestern immer gewarnt hatten, und zwar nur oberflächlich scherzhaft, dass ich nämlich in ein schwarzes Loch stürze, sobald ich unser Elternhaus einmal vollends entrümpelt und zusammengeräumt hätte. Wir hatten gelacht, zu gewaltig schien die Aufgabe, eine reine Beschäftigungstherapie für mich, das geliebte, dumme Sorgenkind, die intellektuelle Hausdeppin, als hätte man mir erfolgreich eingeredet, das Schwarze Meer mit einem Kokslöffelchen leer zu schöpfen.

Als ich aber an diesem nasstrüben Wintertag durch die Räume ging, und mir kein einziges Zimmer einen kleinen Auftrag zuflüstern wollte, überkam mich die Einsicht, dass ich nun also wirklich den scheiß Roman schreiben müsse, wie ein Abschiebebefehl Nehammers. Ich hatte ALLES erledigt, die Doktorate in Meeresbiologie an der Uni Bratislava, den Master in akademischem Qualitätsmanagement an der FH Wiener Neustadt. Alle Klimmzüge waren gemacht, die Bücher nach dem Sternzeichen ihres Erscheinungsdatums sortiert (samt Aszendent). Alles Bisherige war ja nur eine einzige gigantische Ablenkleistung von der Literatur gewesen, mein Leben, ein einziger Verschubverband, stand auf Grund gelaufen vor mir.

Aus meiner Panik flüchtete ich in ein Mittagsschläfchen, das leider recht ausartete, weil es mir geträumte, dass ich im Keller noch eine heimliche Tür finde, hinter der sich Folgendes verbarg: das ganze Playmobil, das ich verloren glaubte + die Ritterburg, sämtliche Jahrgänge der Spazenpost und das Bernsteinzimmer. Zernepft und dehydriert erwachte ich, torkelte in mein altes Kinderzimmer, das jetzt ein Meditationsraum sein sollte. Ich sank auf die Andachtscouch und – tatsächlich! – ein Wunder! Zum ersten Mal in meinem Leben durfte ich erfahren, wie es sich anfühlt, sich zu konzentrieren!

Zuerst war es herrlich. Es fühlte sich an, als ob mein Körper durch die Augen sich langsam in sein Inneres stülpe, ich schien keine Oberfläche mehr zu haben. Diese Phase mutete wie das Eintreten über einen Windfang an, mein Blick fiel auf etwas unmodische Bilder von Katzen und Hunden: das Erdgeschoß meiner selbst. Auf den ersten Blick war alles an seinem Platz. Ich war aufgeräumt. Nicht besonders geschmackvoll eingerichtet, aber die Turnschuhe meiner Seele standen in Reih und Glied, in der Küche nur drei leere Bierflaschen, auf ihre Verpfändung wartend. Der Kühlschrank leer, bis auf ein halbes Glas Chilisauce, die andere Hälfte des Biertragerls – ja, das war ich! Den seltsamen Körperverlust auslotend strich ich durch die Räume, ich hatte sie noch nie gesehen, fühlte mich aber angeheimelt. Ich schaute ins Schlafzimmer, an der Wand ein sehr liebes Bildnis des Buttingers, und als kleines Zugeständnis an die Wildheit meiner Restsexualität, mit Tixo im Eck ein Zeitungsausschnitt von diesem süßen Landesrat, hihi, meditierte ich, wenn das der Buttinger wüsste! Insgesamt also hui, so eine Reise in sich selbst hinein, das erleichtert den Lockdown schon!

Nun wandte ich mich zum Arbeitszimmer – und es riss mich sehr, als ich erkannte, dass es ein exaktes Ebenbild meines real existierenden Büros war! Sogar der Computer lief, und auf dem geöffneten Dokument stand „Im siebten Lockdown im Jänner 2023 trat das Ereignis ein, vor dem mich meine Schwestern immer gewarnt hatten“! Whoa, Inception! Gibt es denn kein Entfliehen!? Ich versuchte, den Ausflug in meine Seelenlandschaft abzubrechen, jetzt ärgerte ich mich auch, dass da keine Berge drin standen, ich sah aus mir selbst heraus aus den gleichen blinden, ungeputzten Fenstern wie draußen. Ich rannte die Treppe hinab, auf der Suche nach der Haustür, landete aber im Keller. Da stand die modrige Freud-Gesamtausgabe, ungelesen, ach, was für ein überdeutliches Zeichen, billig! An den Wänden Plakate von Roxette, Kevin Costner und David Hasselhoff, es rumorte in meinem Unterleib huijuijui, das war ein anderes Begehren als das legitime nach meinem Buttinger, ich würde die Herren Costner und Hasselhoff an Ort und Stelle schänden, das fühlte ich jetzt! Ich taumelte gegen eine Tür, darin lagen die Leichen meiner politischen Gegner, sehrsehr peinlich, ich möchte nicht darüber reden, lauter Kinderabschieber und Pussygrabber, naja.

Wie eine Katze aus dem Ofenloch stob ich die Treppe empor, ins Erdgeschoß, noch weiter hinauf ins Juchée, uff! Da stand ein Vintage-Ohresessel, darein ich mich bettete. Hier waren nur Bücher, meine Augen wanderten zuerst rastlos, dann ratlos ihre Reihen ab. Auch hier eine Freud-Ausgabe, die mit historisch-kritischen Anmerkungen. Dazu ein Regal voll Geistlichem, ein Katechismus aus dem Jahr 1933, eine Ratzinger-Biographie, eine Luther-Inkunabel, Wow!, die nahm ich in die Hand, und es offenbarte sich mir Gottes Wort: Mose 20, 6-18 „Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt, und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden.“ Oh Gott, lauter Altes-Weißes-Männerzeug, die einzige Frau war ich in meinem Über-Ich, und ein Porträt meiner Oma, darauf eine Sprechblase „Das Geschlechtliche hebt's euch auf bis ganz z'letzt!“ Daneben die Bildergalerie sämtlicher Bundespräsidenten, Kanzler und Landeshauptmänner aus der Legislaturperiode meines Lebens, sie sahen so begütigend tadelnd auf mich herab wie während der 100.000 Jahre meiner Schulzeit.

Ich schrie! Hooooooaaaarrrrrrr! Aaaaaargh! Wie im Traum stürzte ich aus meiner Oberstube, ins Erdgeschoß, und von da quoll ich mir endlich wieder selbst aus Stirn und Augen, zurück in dieses seltsame Gleichgewicht zwischen Innen- und Außengefühl, das wir im Idealfall gar nicht spüren, und das ich in meinem Leben nie wieder verlieren möchte. Den Lockdown saß ich auf einer Backe ab, den Roman hab ich noch einmal von durchkorrigiert, weil ich mittlerweile erkannt habe, dass nur im Windschatten seines Aufschubs mein Leben halbwegs gelingen kann.


Donnerstag, Januar 28, 2021

Vom Ende des Skinationalismus

 


Betrifft Geschichte:

Die Geschichtswissenschaft soll, wenn sich der Staub der Revolte auf Akten und Glatzen und Tweedsakkos der Historiker legt, darüber richten, ob es klug war, als einen der ersten Kraftakte nach der Machtergreifung die Skilifte stillzulegen. Es war ohnehin schon eine gewisse Unruhe entstanden, nachdem die War-Lady Dominika „Dschinghis“ Meindl, Abkömmlin einer Mühlviertlerin und einer Mongolin, mit ihrer goldenen Damenhorde das Parlament gestürmt hatte.

Unvergessen die Bilder, wie die Freiheitskämpferinnen in die Kameras juchzen, angetan in bequeme Bio-Hoodies, ungeschminkt und mit schlampig geschnittenen grauen Haaren, jeden heteronormativen Patriarchen in Mark und Bein erschreckend! Der Heermeisterin ist es vorbehalten, dem „Gegner“ Kurz die Insignien seiner Macht zu nehmen, sie fährt ihm mit starkem Arm in die dumme Frisur und verwurschtelt sie so, dass es echt deppert aussieht, Meindl zieht ihm auch noch den Hosenbund hoch, höhnisches Gelächter lässt das Hohe Haus erbeben! Der Gesundheitsminister entkommt rustikaler Strafmaßnahmen, da er sich gleich entschuldigt und seinen niedlichen Retriever als Schutzschild missbraucht. „Geh hoam, goi!“ schreit die große Tierfreundin Meindl, und Anschober willfährt. Da alle unfähigen Verantwortungsträger verjagt sind, hebt ein großes Plündern an, hauptsächlich in der Parlamentskantine. Schnell richtet sich das Amazonenheer in den Büros ein, Raiffeisenkalender, Slimfitanzüge, Attersee-Porträts fliegen auf die Straße.

Mag sein, dass die Historiker von den Wirren einer Völkerwanderung sprechen werden, da Meindl ziemliche Schlitzaugen hat und aus dem Westen gegen Wien rannte, man darf allerdings die Vorgänge nicht nur als ethnologische Migrationsbewegungen deuten, sondern vielmehr als Genderwanderung, als Sturm auf die Bastille des Patriarchats. So erklärt sich klar, warum der geschasste Männerbündler Kurz ausgerechnet den Stamm der ÖSVauler um Entsatz gegen die ungepflegten Emanzen in der Bundeshauptstadt bittet. Der Inntaler War-Lord Peter Schröcksnadel I. ließ denn auch sofort zur Reconquista der Machtzentrale rüsten, freilich mit dem Hintergedanken, den Sitz der Macht nach Ischgl zu verlegen. Der alternde Pistentyrann musste selbst um sein Lebenswerk fürchten, Meindl war als vehemente Hasserin des Après-Ski-Unwesens bekannt, Zitat „das einzige, was ich noch mehr hasse als After-Eight und Nazis“.

So werfen die Tiroler Heimatschützer ihre Ski in die Ratracs. Schröcksnadels Strategie sieht vor, die Wiener Innenstadt mit Schneekanonen einzukesseln und das Wasser der Donau in einen gewaltigen Eisberg über dem gottlosen Treiben der Weiber aufzutürmen. Auf dem Marsch gegen Wien treibt die Propaganda-Abteilung die Skilehrer mit Parolen an, aus ihren Megophonen brüllt es „Denen ghert aane aufglegt!“ „A Frau mit am Dopplnaumen werd von uns nit quöt!“ „Des isch a widerwärtiges Luader!“

Doch die gewiefte Taktikerin Meindl lässt den gegenreformatorischen Angriff der Ski-Funktionäre ruhig heranziehen. Sie sieht dem bunten Treiben der Männer in mit Werbebannern beklebten Funktionsjacken so gelassen zu, dass das eben befreit aufatmende Stadtvolk murrt. „Na heast, ich kann ur nicht schifahren, die soll was machen!“ so ein Tondokument André Hellers auf Radio Wien.

Schließlich steht die Tiroler Front geschlossen da, alles wartet auf Schröcksnadels Kommando. „Mir sein a Skination auf ewig! Ski Heil! Ski Heil!“ schreit er, dann gibt er das Zeichen, die Schneehaubitzen springen an. Doch was ist das?! Es wischerlt nur trüber Nebel aus ihnen heraus! Was der alpine Patriarch nicht bedacht hat: Der Winter ist in Wien ein Lärcherlschas. Und da öffnen sich die Tore des Parlaments, die Horde des goldenen Matriarchats burrt heraus – panisch fliehen die Verbände, die Skispringer, die Technikspezialisten, die Speed-Herren, die Nordischen Kombinierer. Die Biathleten versuchen, die wütenden Damen mit ihren Luftdruckgewehren aufzuhalten, treffen aber nicht und laufen, fatale Gewohnheit, zwei Strafrunden um das Regierungsgebäude. Die geschlagenen Gotteskrieger suchen ihr Heil in ungeordneter Flucht, aber sobald sie in ihre Skibindungen steigen wollen, müssen sie erkennen, dass man die Beläge ihrer Latten mit Seepocken besetzt hat, das Werk der listenreichen Meindl! Sie kommen auf ihrem Rückzug kaum von der Stelle. Und bei Purkersdorf setzt der Frühling mit aller Macht ein, die Wintersportler sind mangelhaft ausgerüstet, die Anoraks und Hauben können sie wegen der Sponsorverträge nicht ausziehen. Eine humanitäre Katastrophe droht.

Da zeigt sich, dass die Matriarchin gekommen ist, um die Nation zu heilen. Sie lässt sich den Fliehenden hinterherchauffieren. Schröcksnadel muss kapitulieren, er wird in die Hungerburg verbannt, Meindl spricht ihm eine Pension von 500 € zu. Damit beginnt der große Rückbau, die Fläche der liftbetriebenen Skigebiete wird – denken wir an den Vertrag von Versailles! – auf einen Schrumpfstaat reduziert. Der ORF überträgt nur noch Damenbewerbe. DJ darf nur noch in seinem Hobbykeller auftreten. Die Stadt „Imst“ wird in „Impfst“ umbenannt.

Demokratiepolitisch kann die Machtübernahme Meindls nicht als lupenrein beurteilt werden, aber die extrem strengen Umverteilungsreformen, Umweltschutzmaßnahmen, die Ausrottung des Coronavirus binnen dreier Tage und! die Ächtung von After Eight sind die Säulen einer Republik, die heute als Ausgangspunkt einer umfassenden Weltrettung gilt.

Montag, Januar 11, 2021

Die Raumforderung. Auszug

Als ich vor einigen Jahren den Körper meines Bruders abholen musste, kümmerte sich sein Bruder mehr als drei Jahre lang um mich. Ich erkannte die Zeitungsarchive, die seine vielen Bände sortiert hatten. Ein Buch mit ein paar Kilogramm in Dekorpapier eingewickelten Bildern, ein Schrank voller Heiligtümer aus der Römerzeit, Barockalben oder zwei Gartenbücher und ein verblassendes Magazin "My Beautiful Garden" spiegeln das Leben in der Realität wider. Noch vor dem Tod seines Bruders schluckte er vergeblich alle Steinblumen, Unkräuter, Beete, Himbeeren und jungen Bäume.

Vielleicht, daher“, dachte ich, „ist es seltsam, dass, wenn es irgendeine Phase, die garantiert wird, um mich auf den Weg, es ist, wenn jemand zu mir sagt: 'Okay, fein. Du bist der Chef!", so kam es mir vor. Und dann: "Was mich ärgert ist, dass in 90 Prozent der Fälle, wie, was diese Person wirklich sagen will, ist: 'Okay, dann glaube ich nicht mit Ihnen einverstanden, aber ich werde rollen und tun es weil sie sagen mir zu. Aber wenn es nicht klappt werde ich der Erste sein, der daran erinnert, dass es nicht meine Idee!" 

 

Dominika Meindl, "Die Raumforderung". Auszug aus ihrem mit dem Adalbert-Stifter-Stipendium des Landes Oberösterreich prämierten Roman. Derzeit wird das Manuskript an der Uni Bratislava für den Druck vorbereitet. 

Dienstag, November 24, 2020

Affenbisse, Schlupflider und Spatzenwolken. Neue, schmerzensreich autobiographische Mitteilungen über den Spätherbst eines Lebens.

2. Oktober bis 18. November 2020

Auf Instagram ein Bergfoto, es sticht mich – das Tote Gebirge! Welche Fremde geht denn da auf meinen Pfaden? Dann erst erkannt, dass es mein eigenes Bild für #turmblau ist.

Kletterhalle Wels. „Warst du schon einmal bei uns?“

Schon oft.“

Kennst dich aus?“

Ja, ich war schon hier.“

Die Herrenumkleide sind die fünfte Tür rechts.“ 

"Ich geh aber trotzdem lieber zu den Damen."

"Aha."


Auf dem Weg nach Wien. Alle sind so leise und angenehm, dass das Gefühl sehr stark wird, im falschen Zug zu sitzen.

Eine sehr schöne „Erfolgsgeschichte“ des Ersten Wiener Heimorgelorchesters wird im Literaturhaus zur Kenntnis gebracht: Ihr Hit „Vaduz“ läuft auf Radio Liechtensteiner so lange auf Powerplay, bis sich eine eigene Protestgruppe auf Facebook formiert. Ab heute bin ich Fangirl: „Du bist wie ein Vergleich, denn du hinkst.“ 

 

Präsentation der Freisprechanlage, Linz, Hauptplatz. Eine freundliche Dame stutzt.

Sie sind die Bundespräsidentin?!“

Von Österreich, ja!“

Aber ist das nicht dieser ältere Herr...?“

Vorher, ja. Jetzt bin ich das, weil die Frauen dran sind.“

Aha. Und was ist das da?“

Ein digitaler Beichtstuhl, sehr innovativ! Probieren Sie's aus!“

Oh, das darf ich nicht, ich bin evangelisch.“


Wir schauen den Giraffen im Tierpark lange schweigend beim Blattfraß zu, bis einer von uns seufzt: „Dass es so ein Tier überhaupt gibt!“ Später beißen uns die Makis in die Finger, was uns nicht davon abhält, sie auch in das Gehege des „Gauklers“ daneben zu stecken; der Greifvogel stakst rasch auf uns zu, stoppt aber vor dem Gitter und klagt mehrmals deutlich „Noooo!“ 

 


Ambivalentes Familienerbe: Einfamilienhaus + Schlupflid  

 

Der beste Satz in 11 Jahren Lesebühne kommt von Puneh Ansari, die Entspannungstipps für Manager im Urlaub gibt: Stechschritt am Strand, „und wenn es sein will, ruhig bellen!“

 

Jemand hat sich das Schulterblatt während eines Telefonats mit mir gebrochen. Das stimmt wirklich.

 

Man berichtet mir aus Wien: An einem Montag um 8 in der Früh seien zwei Männer an der Reling des Würschtlingers gestanden und hätten sich synchron ein erstes oder letztes Dosenbier geöffnet, getrunken, und einer habe dann geächzt: „Ma, de Wochn zaht se scho wieda!“


Eine Frau schlägt klagend ihre Hände über dem Kopf mit einer ihres Erachtens misslungenen Frisur zusammen. „Es ist mir nicht gelungen, dem Friseur meine Visionen zu vermitteln!“

 

In der Nacht des 2. November fahre ich trotz ausgefallenen Scheinwerfers mit 145 km/h aus Wien heraus, zurück in die Peripherie, dann steige ich noch für eine Nacht ins Baumhaus, denn ich brauche ein überbordendes Sicherheitsgefühl. Nicht einmal der Nussbaum knarzt in dieser totenstillen Nacht.


Am nächsten Tag Ausflug in den „Süden“ (Phyrn-Priel). Es beginnt zu regnen, wir parken das Auto am Ufer des Elisabethsees, essen Doughnuts und kommen uns generell vor wie zwei Cops in einem billigen amerikanischen Kriminalfilm, die jemanden überwachen, aber dann sprengt tatsächlich ein gewaltiger Wels von unten die Wasseroberfläche, um sich die Kiemen zu putzen.


Die Frau mit der Frisurenunbill, die mich seit 40 Jahren kennt, betrachtet ein Bild von mir: „Dei Gsicht schaut aus wia aus zwoa Höftn zaumbastlt.“ 

 

Beim hektischen Entsorgen der Nussbaumlaubmeere die Erkenntnis, dass man Mitte 40 für alles außer Verantwortung und Karriere entweder zu alt oder zu jung ist (Playmobil bzw. Kreuzfahrt). Darum schreibt die Generation X gerade melancholische Romane, in denen Nirvana gehört wird, oder sie kauft sich weinrote Vintage-Volvos (was ich alles begrüße).


Gibt es eigentlich eine Heteroszene?


Ein Turmfalke spitzt unterm Giebel des Nachbarhauses auf einen der Spatzen, die so zahlreich und emsig im herbstnackten Schneeballbusch herumhüpfen, dass sie wie sein Laub aussehen. Ich merke gerade, dass meine Lockdown-Birding-Manie („Viraler Vogelvogel“) wieder akut wird.


Shocking Mall (XXXLutz)


Das allerletzte Licht gleißt noch eine Minute so mystisch über die Hinteregger Alm, dass die zuvor in sich gekehrten allerletzten Wanderer auf einmal so freundlich miteinander zu plaudern beginnen, als könne sie ab jetzt nichts mehr trennen, dann steigen die Fremden in die Autos und fahren heim nach Liezen, Wels und Marchtrenk. 


 

Freitag, Oktober 23, 2020

Der Kampf gegen das Stahlbad des Entspannungszwangs

Proömium: Don Quijote reinkarniert in unsere Zeit, im Fleischwerdungsprozess läuft jedoch etwas schief, und der verrückte, schon aus der eigenen Zeit gefallene Ritter wird in den Geist Luis de Funes' hineingeboren, der wiederum fährt im Zuge eines umfangreichen Gewitters über dem Toten Gebirge in den in der Bergeinsamkeit Erholung suchenden Leib von Bundespräsidentin Dominika Meindl ein. Hier beginnt die Geschichte, die man durchaus sehr schön im Eventcenter eines Kreuzfahrtsschiffes inszenieren könnte. Bitte auf mein Zeichen gemeinsam Folgendes im Chor zu sprechen: Wenn ich sage: NEIN! antworten Sie gemeinsam mit DOCH!, woraufhin ich schließe: OH! So wird es uns möglich, die Dringlichkeit des Erzählten ganz zu erleben.

Dies ist das Buch, das vom eitlen Kampf einer Junkerin handelt, die alle Stunden, wo sie müßig war – und es waren dies die meisten des Jahres der Herrin 2021 –, sich dem Lesen von Revolutionsbüchern hingab, mit so viel törichter Leidenschaft, dass sie darob ihren Verstand verlor und auf den seltsamsten Gedanken kam, auf den jemals in der Welt ein Narr verfallen ist; nämlich es deuchte sie angemessen, zur Mehrung der Ehre ihres Amtes Abenteuer zu suchen und das Volk aus den Klauen des Kapitalismus zu befreien. Dieses hochmögende Ansinnen brachte die solcherart Entbrannte aber nicht dazu, einfach alle großen Banken und Konzerne zu verstaatlichen, sondern gegen die Windmühlen der Wellnessindustrie loszugehen.

Nein! Doch! Oh!

Eiderdaus, wie trug sich diese Verwirrung in der Zielfindung zu? Nun, als man die vom Blitz getroffene Präsidentin mit knapper Not in der Karstwildnis der oberösterreichischen Mancha entdeckte, hielt man sie zunächst als vom Schlagfluss hingestreckt, und brachte die Besinnungslose in das Kurzentrum Bad Schallerbach. Der Bader sah in einem Moorbad die angezeigte Kur und ließ sie in ein heilendes Moorbad legen. Und fürwahr erwachte sie alsbald und sprang – nur mit dem dunklen Schlamm bekleidet – aus der Wanne. Wie sie sich in einem der Spiegel erblickte, entrang sich ihr der Schrei NEIN!

Zu Hülf, dachte sie, ein Schlingel hat mich geblackfaced, das geht 2020 ja gar nicht! Panisch entwich sie dem Anwendungsbereich und rannte von dannen, blind vor Heilkot, sodass sie schließlich im Erlebnisbad Aquapulco auf den algigen Fliesen ausrutschte und, beschmutzt wie sie war, ins Tropenbecken stürzte. Die träge darin flottierenden Dicken nahmen kaum Notiz von ihr, so beschäftigt waren sie mit ihrem Müßiggang. Donna Mink aber ekelte sich vor der menschlichen Frittatensuppe, darin auch viele Haargummis und Heftpflaster waren, von den Flankerl der von den mit Hautbresthaftigkeit Geschlagenen ganz zu schweigen. Dank überfraulicher Körperbeherrschung gelang es ihr, nicht auch noch hineinzuwischeln, wie es hier offenbar guter Brauch war. Die Ritterin im Kampf gegen die Spa-Gesellschaft entstieg dem Becken und hüllte ihren – übrigens sehr süßen – Body in ein herumliegendes großes Linnen. Damit notdürftig angetan suchte sie den nun sichtbar werdenden Security-Knechten zu entrinnen. Sie riss eine Tür auf – und da! Die Hölle!

NEIN! DOCH! OH!

Feucht war es in der Hölle, und heiß! Arme Teufel waren nackt in Regalen gestapelt und sahen die Gendarmin der sinnvoll verbrachten Freizeit aus gepeinigten, toten Augen an. Mon Dieu, welch Leid! schrie sie und entfloh. Dicht auf den Fersen die Knappen der Therme. Don Mink sprengt nun in den Spa-Bereich, dort sieht sie verlorene Seelen, die von Folterknechten auf einer Streckbank geplagt werden, fest rammen sie ihnen die Fäuste ins Genick. Ah!

NEIN! DOCH! OH!

Auf ihren kurzen Luis-de-Funes Beinen wieselt die Meindl nun vor den Häschern davon, und schließlich landet sie an den Gestaden des Piratenbeckens, mit Anlauf sprengt sie die Wasseroberfläche mit der Mutter aller Arschbomben, die Schreie der Kinder zerfetzen ihr die Trommelfelle. Behände wie ein geölter Affe erklimmt sie die Wanten des Plastikpiratenschiffes, von wo sie Badeschlapfen und Schmähworte auf die Schergen der Erholungsindustrie wirft. „Kommt nur her, ihr Söhne der Chlorkloake! Ihr könnt meinen Körper kriegen, NEIN!

DOCH! Schreit das Thermengesinde, OH! die sich Entziehende. „Aber niemals bekommt ihr meine Seele und niemals meinen Respekt für eure neoliberale Scheißidee, sich seine ganze Zeit mit einer so depperten Arbeit zu verscheißen, dass man sich am Wochenende mit so viel Eifer erholen muss!“ Immer näher rücken die Badewascheln, und immer lauter übertönt sie das Fluchen der Präsidentin: „Wellness ist oasch!!!! Wellige Fingerkuppen sind total deppert!!!!“ Da fasst schon der erste nach ihrem Knöchel, „ihr tut's ja nur saunieren, um eure Wehrkraft zu erhalten, um dann von Montag bis Freitag weiter die Welt im Dienste der internationalen Scheißkonzerne auszubeuten!“ NEIN!

DOCH! schreien die nun schon sehr genervten Thermenbesucher.

OH! klagt die Präsidentin, sie ist im Würgegriff der Beckenrandexistenzen, sie macht sich noch einmal Luft: „aber nie sollt ihr vergessen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Ihr müsst rebellieren, nicht saunieren!“

Derbe Arme fesseln die Klagende und setzen sie vor die Tür, man wirft ihr noch einen blöden weißen Bademantel nach, damit sie sich nicht den Tod holt. Das ist der Beginn des verzweifelten Kampfes gegen die Unterhaltungs- und Entspannungsindustrie, aber das ist auch das Ende dieser Geschichte.

NEIN! DOCH! OH.

Donnerstag, Oktober 22, 2020

Satirische Hirsche, Bananen + queerer Hundehass. Schmerzensreich autobiographische Mitteilungen über meinen Herbst des Lebens.

Während des Wanderns Sehnsucht nach Wandern bekommen = gesteigerte Blödheit. 

Annäherung an einen Hund, an dessen Hals zwei kleine Mädchen hängen. Von hinten Geschrei, als ich mich umdrehe, Entschuldigungen: "Ma, i woit song, dass a kaane Männer mog, entschuldigung, entschuldigung!" Der Hund beißt mich dann aber eh. 


Futterneid angesichts der Info-Tafel vor der Gorilla-Junggesellen-WG im Tiergarten Schmiding (s.o.).

Das Brunftröhren der Hirsche hört sich an wie eine Karikatur seiner selbst.

Interessant, dass es immer automatisch nach Satire aussieht, wenn drei Menschen gleichzeitig Bananen essen. 

Wenn einen die Eltern anrufen, dass sie eh gut nach Hause gekommen seien, ist man 40+. 

"Du bist ned queer Meindl, du bist seltsam!", sagt der Mann, der es wissen muss.


Schnurre aus der Nachbarschaft. Eine Italienreise, an der Rezeption: 

    What is your name? 

    Sigrid. 

    Why is it a secret?!

    It's Sigrid. 

    Yes! But why? Tell me!!!!

 

Ich weigere mich, ein neues Smartphone zu kaufen, weil das alte (2013) die Sachen schlechter fotografiert, als ich sie sehe. Umgekehrt würde es mich traurig machen, und mit Neid auf mein eigenes Leben erfüllen. 

Der ehemalige Leibwächter von Elvis Presley heißt Dick Grob.

Freitag, September 25, 2020

Meinungsfreiheit. Oder: Mink und ihre korrekten Politessen

Damit dem sperrigen Thema „Freiheit“ ein wenig Schwung und Ulk zukommt, wollen wir uns ihm im Stil von „Die lustigen Polizisten von St. Tropez“ vorzustellen, ich darf die Rolle des energetischen Luis de Funes übernehmen.

Plot: Präsidentin Mink de Funes beschließt, ihre geistige Bergidylle zu verlassen, um zu sehen, wo ihrem Volk der Schuh drückt. Sie hat gehört, dass es immer noch Hunger auf der Welt gibt, dass Frauen nur 42% der Pension von Männern bekommen, aber die ganze Hackn mit Haushalt und Pflege gratis mitreißen. Die leicht cholerische Exekutiv-Chefin ist empört über die Gerüchte, dass in Zeiten des Klimakollaps' Autobahnen in Städte hineingesprengt werden, dass in Moria Menschen in allergeschisstensten Verhältnissen gehalten werden, damit sich Populistenarschlöcher damit die Stimmen von Menschen einwamsen, die sich das Nachdenken vielleicht für die Pension aufheben. Am meisten erzürnt sie aber, dass dieser Satirebundeskanzler immer noch auf ihre Kosten so tut, als wäre er am Ruder.

Früh am Morgen beginnt die Audienz, die Meinungspolizeiwachstube von St. Tropez, so muss die Despotin feststellen, ist angesichts der Bedrängnisse erstaunlich leer, lediglich ein Geschwader männlicher Mitbürger, Jahrgang 1960 und älter, springt gleich auf. Sie tragen eine Art Uniform, beige Hosen, von den Gattinnen gut gebügelte Premiumhemden und besorgte Mienen.

Buttinger: „Oh, Madame le Presidente, es ist schröcklisch!“

Monet: „Oui, wir werdön üntördrückt!“

Buttinger: „Wir dürfön nüscht möhr sagen, was wir denkön!“

Monet:„Wir sind in die Fönge oiner Gewaltörschafte geratön!“

Buttinger: „Es ist wie in Stalinisme ou schlimmör wie itlör!“

Meindl: „Nein!“

Beide: „Doch!“

Meindl: „Unmöglich! Das ist mit den Werten einer freien Diktatur nicht vereinbar! Meine Herren, ich unternehme etwas dagegen!“

Die Bürger juchzen: „Liberté! Fraternité!“

Meindl: „Fraternisieren tumma nicht im Matriarchat, aber egal!“

Freilich, sie wundert sich ein wenig, dass die Unterdrückung des freien Wortes durch zuviel Rücksichtnahme auf die Gefühle der Mehrheitsbevölkerung (Frauen, Juden, Moslems, Flüchtlinge, Roma, Sinti, Homosexuell Liebende, sich dem binären Geschlechterdiktat Entziehende) das Hauptproblem dieser doch reichlich verwöhnten älteren männlichen Untertanen sein soll, und wo die alleinerziehenden Mütter, die mit Vergewaltigung bedrohten Politikerinnen oder die von Polizisten verdroschenen Schwarzen bleiben. Aber gut, es ist ein schöner Tag, die Inspektorin wird der Zensursache nachgehen! Sie ruft ihren treuesten Mitarbeiterstab herbei.

Meindl: „Herr Ingenieur, Herr Professor, hören Sie auf, sich alte Citroëns auf Willhaben anzuschauen, es gibt etwas zu tun!“

Buttinger: „Aber man sollte jetzt einen CX kaufen, die hauen's dir nach, Hydropneumatik...“

Meindl: „Ack!“ [Lautmalerische Funes-Interjektion]

Monet: „Aber ich muss aus einem Plattenspieler eine Crêpemaschine basteln...“

Meindl: „Crap!“ [Lautmalerische Funes-Interjektion]

Die aufgebrachte Gendarmin der Philosophie beauftragt die Herren, den Opfern der politischen Korrektheit zwecks Stimmungsausgleich ein Medium zu schaffen, ihretwegen in diesem Internet, von dem man in letzter Zeit so viel hört, also einen Kanal zu öffnen, über den sich die Babyboomermänner erleichtern können. Die beiden Filous nicken artig, dann gehen sie zurück in ihre Bastelwerkstätten, pflegen die Fauteuils ihrer Oldtimer mit Lederöl und malen die Kinderzimmer aus. Eine Woche später müssen sie zum Rapport zur kleinwüchsigen Despotin.

Meindl: „Na?!“

Buttinger: „Äh.“

Monet: „Hm.“

Meindl: „Was!!!“

Zusammen: „Ups. Also es ist so...“

Meindl: „Nun sprechen Sie schon, Sie Kanaillen!“

Monet: „Also wir sind draufgekommen, dass es so ein Medium für die Männer, die weiterhin Neger sagen wollen, schon gibt...“

Meindl: „Hä!“

Buttinger: „Also, in den Zeitungen geht’s eigentlich um nichts anderes als dass die Linken die neuen Nazis sind wegen der Zensur.“

Meindl: „Aber das gibt’s doch nicht!“

Monet: „Und dieses Internet ist eigentlich eh dafür da, dass man alles sagen kann, was man will, dass man die Asylanten erschießt.“

Meindl: „Verdammich!“

Buttinger: „Und dass Sie gar keine echte Präsidentin sind, das kann man eigentlich ungestraft den ganzen Tag sagen!“

Meindl: „Nein!“

Beide: „Doch!“

Meindl: „Oh!!!“

Sie gibt sich ganz einem südfranzöischen Wutanfall hin, treibt die Herren zum Wagen, nun hebt eine klamaukige Verfolgungsjagd an, die wir hier nur noch ganz überblicksmäßig wiedergeben können, weil mir schon die Sendezeit ausgeht. Das dynamische Trio jagt jedenfalls über die wunderschönen Gassen St. Tropez', Peugeots, Renaults und Citroens taumeln in Kurven, Hühner fliegen gackernd auf. Am Ende nimmt unsere Szene die Kurve in ein Bud-Spencer-Movie, als die Präsidentin die alten jammernden Wohlstandswahrer mit Stereowatschen dafür züchtigt, den wahren Problemen den Sendeplatz zu nehmen, weil sie halt immer noch so gerne „Neger“ sagen möchten.

Der Vorhang fällt, die Kinogästinnen verlassen begeistert den Saal. Bravo! Bravo! Bravo!


Samstag, August 15, 2020

Roundup, Freiheit und zerbissene Hundeohren. Die neue Normalität

Erst in meinem 42. Lebensjahr ging mir die Kraft im Ringen um Individualität aus. Eine mittlere Befindlichkeitskrise, eine über Tage anhaltende Stimmungseintrübung führten mir vor Augen, dass ich nichts Besonderes war und auch nicht mehr werden wollte. Vielleicht hatte die Wetterberichterstattung Anfang August den Keim gelegt, von einem „außergewöhnlich durchschnittlichen Sommer“ sprach, und ich las das mit dem mich selbst überraschenden Gefühl einer grundlegenden Zustimmung. Das müsste doch reichen, dachte ich, und dass ich wahrscheinlich ohnehin nie das Zeug für einen Platz an der Spitze gehabt hatte, in keiner Sparte – abgesehen von den Genres „Selbstboykott“ und „Mittelmäßigkeit“.

Als der Nussbaum also begann, mir mit seinen fallenden Blättern den Pool zu versauen, erlosch in mir das Bedürfnis, mich von anderen abzugrenzen, vor allem nicht durch Exzellenz. Von der Scham befreit, etwas Besseres zu sein, legte ich mich hin wie müdes Laub. Ich fühlte mich nach diesem Distinktionsinfarkt wie Bobby McGee in Baton Rouge, es war ok, dass es nur ok war. Es war wie in die Hose machen im eisigen Ozean, es war wie das Entzünden des letzten Zündhölzchens vor dem Erfrierungstod. Ich hatte nicht einmal das Gefühl, dass das ein gutes Statement gegen die neoliberale Leistungsgesellschaft sei. Ich war einfach gegenüber meinem ständigen Meinen und Interpretieren und Sondieren und Kategorisieren ertaubt, als sei ein alter Tinnitus verklungen. Wie eine Depression, die sich selbst egal ist: Freiheit auf niedrigstem Niveau, als Freiheit von jedem Wollen.

Tagelang blieb ich zuhause, entmooste den Rasen, entfernte das Unkraut in der Einfahrt mit Roundup und bestellte bei Bellaflora 37 Kirschlorbeerstauden. Abends informierte ich mich auf RTL 2, was ich in den vergangenen Jahren alles verpasst hatte und was ich mir fürs Wohnzimmer und für die Herbstkollektion auf Amazon bestellen könnte. Auf Ö3 erkannte ich den Segen iterativer Rhythmen und verstand gar nicht mehr, warum ich noch vor kurzem Auto-Tune-Effekte mit Leidenschaft gehasst, und umgekehrt mich um Verständnis für Jazz bemüht hatte, bei dem ich ohnehin nie begreifen würde, an welcher Stelle man hätte klatschen sollen. Die ZEIT bestellte ich ab, auch den Falter und den Standard – ich war ein Lektüre-Sisyphos gewesen, dem ein neuer Papierberg erwuchs, sobald er den alten weggelesen hatte!

An einem dieser Tage mit erstem Frühnebel und klarer Mittagssonne ging ich, ohne irgendetwas zu planen, milde euphorisiert von meiner Kapitulation, auf die Straße, ich nahm den Bus nach Linz und stieg an der Donaulände aus, am Ufer unseres lieben österreichischen Mainstreams. Als hätte sie auf mich gewartet, strömte eine Menge dem Hauptplatz zu, und in stumpfem Glück ließ ich mich sanft mitziehen wie ein alter Lachs vom Schmelzwasser, gegen das er nicht mehr ankommt. Alles rund um mich verschwomm zu einer Masse, aber nicht als etwas mir Fremdes. Ein junger Mann zog mir sanft die Gesichtsmaske von der Nase, eine ältere Dame lächelte mich an und reichte mir einen schwarz-weiß-roten Wimpel, ich schwenkte ihn wie ein Kind auf dem Urfahraner Jahrmarkt. „Freiheit! Freiheit!“ skandierten meine Mitmenschen, und ich fiel ein, „Freiheit! Freiheit!“ Es war so schön. Im Arkadenhof des Landhauses ballten wir uns noch enger zusammen, um kein Wort von den Ansprachen zu überhören, die gleich beginnen würden.

Ich sah mich um, so gleichförmig war sie gar nicht, diese breite Masse, in der unterzugehen mir meinesgleichen nie verziehen hätte, in meiner Blase wollten ja alle nie so sein wie alle anderen!, aber hier erkannte ich echte Diversität – Impfgegnerinnen in Bio-Linnen, toxische junge Männer mit kahlrasierten Schädeln, grauhaarige Freikirchler, Bodybuilder mit „Fridays for Hubraum“-Shirts, irgendwo stand Gottfried Küssel, mein Gott, im Zweiten Weltkrieg gab es Extremismus von beiden Seiten, wer sind wir, über damalige Zeiten zu urteilen! Alle meine Mitmenschen trugen ihre Stammestracht mit Stolz, und ich fühlte mich wie Karl May, der hier nun zum Bruder Scharlih der Apachen werden durfte.

Aus einer Kehle erklangen unsere Buh-Rufe, als wir einen Redakteur der oberösterreichischen Systemmedien erkannten, der uns ganz augenscheinlich aushorchen und in seinen verlogenen Artikeln ins rechte Eck drängen würde. Es wurde erst wieder ruhig, als er sich trollte. Wir jubelten, die Meinungsfreiheit war gerettet durch unsere Zivilcourage! Nun huben die Reden an. Mit wachsender Zustimmung lauschte ich; ich erwachte und wurde ruhig zugleich. Das Walten zuvor verborgener Kräfte, die uns zu entzweien versucht hatten, trat klar zu Tage, wer da im Hintergrund die Zügel in der Faust hielt, um uns unters Joch zu spannen! Na klar darf man Israel kritisieren, wie jeden anderen Staat auch! Und die Banken sind ja wirklich Dreckschweinderl, wer würde widersprechen!?!?!

Schließlich hatten wir als Masse einen Punkt erreicht, an dem unsere Macht auszufahren begehrte. Wir verdichteten uns vor dem Aufgang zu den Sälen, in dem die Landesregierung unsere Freiheit beschneidet, das Plexiglas der Sicherheitsschleuse wankte schon. Die Befehle aus den Megaphonen der Polizei machten uns nur umso wütender. „Freiheit! Freiheit!“ brüllten wir wieder, und ich schrie, bis es mir dann schwarz vor Augen wurde.


Am nächsten Morgen brachte mich der Buttinger zur Ärztin, die mir sagte, ich müsse besser auf die Dosierung meiner Antidepressiva achten. Sie frischte meine Tetanus-Impfung auf, ich ließ es über mich ergehen, weil ich offenbar einen Polizeihund ins Ohr gebissen hatte, und zwar so fest, dass ich mir an seinem Chip das Zahnfleisch aufgerissen hatte.

Nach einem recht trüben Herbst in sozialer Distanz habe ich im Jänner wieder begonnen, an meinem Roman herumzuschreiben und an meiner Unverwechselbarkeit zu arbeiten. Es geht mir ganz gut, aber manchmal fehlt mir das Wir-Gefühl wie in einem Heroin-Flashback.

Mittwoch, Juli 15, 2020

Liebe im Beinhaus. Ein Leuchtturmprojekt mit Schattenseiten

 Den Beginn seiner Sommerferien hat sich der LH anders vorgestellt. Just in dem Moment, als er das Sunkist-Packerl, die Mannerschnitten und das Vogerlbestimmbuch im Rucksack verstaut, ereilt ihn der Anruf seines Büroleiters. Der Vogelpark Schmiding wird warten müssen, das Land braucht ihn.

Der Alt-LH hebt erst beim dritten Anruf ab, da ist der Nachfolger schon fast wieder in Linz. Pühringer ist grantig, vor ihm dampfen die Schöttbullar, ihm gegenüber die Gattin, die sich schon so auf den gemeinsamen Ikea-Ausflug gefreut hat. „Wos is, Thomas, a neicha Cluster, bei mia in Ansfön?“ „Na, Sepp. Wos hosd du do in Schönering augstöht!?!?!?!“ Pühringer erblasst, sagt „I kum eina“, schiebt sich vier Fleischbommel in den Mund und küsst die Gattin, die später wütend und zfleiß den Einkaufswagen mit Teelichtern, Servietten und Deko-Objekten füllen wird.

Im LH Büro auf der Promenade. „Die Nachrichten werden uns dögeln!“, jammert der LH, der Altspatz sieht fassungslos auf die Fotos, die ihm Rechnungshofpräsident Gsengteis über den Tisch schiebt und fragt „Herr Alt-LH, wie konnten sie denn so einen Schmarrn fördern?!“ Pühringer stampft wütend auf: „Eine Förderung in dieser Größenordnung mache ich doch nicht ohne Zustimmung der anderen Parteien. Für wie blöd hält man mich?“ Stelzer flüstert, „Josef, 1,8 Millionen für...“, Pühringer unterbricht ihn polternd, „der Sozi-Bürgermeister von Wilhering wollt's haben! Und das kommt vom Balkan herein!“ Der Nachfolger birgt seinen Kopf in den Händen und weint ein bisschen, „ausgerechnet über das Kulturbudget, wenn das aufkommt, kann ich wieder nicht kürzen, weil sie sich alle solidarisieren! Und ich muss es wieder ausbaden!“ „Es is halt Digitalisierung und Leuchtturmprojekt im Förderantrag gstanden“, mault Pühringer. Gsengteis schaut in seine Unterlagen. „Ok, stimmt, und do steht Standortentwicklung durch Regionalmanagment aa nu, glei neben Impulse für Tourismus.“ Stelzer zeigt auf eine Passage: „Arbeitsplätze und Glasfaserausbau hat sie auch noch reingeschrieben. Das ist so gemein! Die weiß genau, dass wir bei den Zauberworten hilflos sind wie die Katzerl im Minzrausch!“ Pühringer schaut trotzig auf die Promenade hinaus. Er ist in die Falle getappt wie ein Labrador zum Fressnapf.

Dort unten verlässt soeben ein junger Praktikant das Redaktionsgebäude, heute ist Leander Katzenschlägers dritter Tag im Linz-Land-Ressort – und er muss jetzt raus, zu den Leuten. Schwer hängen die Kameras um seinen blassen Hals, er muss gleich alle Kanäle bedienen, so crossmedial geht’s heute zu bei die Medien. Knapp erreicht er den Wiliabus, knapp bekommt er noch einen Platz. Unterwegs versucht er, den Touristen O-Ton über ihre Beweggründe abzuzapfen, damit die Geschichte menschlich wird, aber keiner spricht eine brauchbare Sprache. Inmitten des Besucherstromes wird er an sein Ziel getrieben: Hallstatt. Das hat sich Leander immer anders vorgestellt, größer und erhabener. Dieses hier sieht aus wie ein Speckgürtel-Einfamilienhaus aus den späten 70ern. Die Asiaten besteigen nun frohlockend die Feuerwehrzille, die in einem billigen Schwimmbecken treibt. Katzenschläger hat kein Reisebudget, er wählt die billige Variante und geht zu Fuß direkt auf den „Ortseingang“ zu, vorbei an einem Dixie-Klo, vor dem sich eine lange Schlange geduldig wartender Hongkonger äh... schlängelt. Der geborene Österreicher hat Berge und einen tiefgrünen See in Erinnerung, aber das hier sieht eher aus wie eine Garage mit Alpen-Fototapete, ein wenig so wie die Klos im Railjet, riecht hier auch so, nur ist alles voller Souvenirshops. Katzenschläger sichtet das Sortiment. Leih-Dirndl, aus Papier ausgeschnitten, die man auf aus der Hüfte geschossene Polaroids von einem selbst kleben kann, für zehn Euro. Daneben ein Regal voller Joghurtbecher. In einem Anfall von Investigationsjournalismus lüpft Katzenschläger einen Vorhang, dahinter ertappt er Kinder, die Salz aus Straßenmeisterei-Großgebinden in schlecht ausgewaschene PET-Behältnisse füllen und billig kopierte Sisi-Bilder draufpicken. Als er ein Beweis-Foto schießen will, spürt er eine stählerne Faust in seinem Jungmännergenicklein. „Wos is, Puppi!“ dröhnt eine Stimme, und langsam dreht er sich um. Da steht eine seltsame Frau in zu enger Lederhose vor ihm, mit unentschiedener Haarfarbe und entschlossenem Business-Blick, sie sieht mongolisch aus, aber er möchte nicht rassistisch sein. „Bist du vo da Zeitung?“ sagt die Mongoloide, er nickt schüchtern und sie schlägt ihm auf die zarte Schulter. „I hob nix zum vabergn, kum mit, i bin de Bürgermeisterin von Hallstatt™!“

Die komische Frau zieht den Praktikanten ins Innere des Hauses, das ganz und gar vor Gästen wimmelt, es ist eng wie in einer Pfingstfreikirche. „Jo, vü san's scho, owa weng da Kurtaxe samma jetzt koa Obgangsgemeinde mehr!“, sagt sie, während sie sich durch die Menge drängt. „Am Omd san's eh olle wieda weg und wir Menschen im Salzkammergut haben die herrliche Natur wieder für uns!“ Katzenschläger schaut aus einem der schlechtgeputzten Fenster hinaus auf Erdhollerwolken und Efeumetastasen. „Endlich Oarbeitsplätze in der Region!“ sagt sie, und zeigt zur Küche, in der Frauen in ärmellosen Kleiderschürzen Faschiertes und Toastbrot in Mixer stopfen, eine gießt Ansatzkorn darüber. „Des is a Schmankerl aus der Region, der Hallstatt-Smoothie! Mogst wos? Oda a vegane Bowl, gaunz gsund?“ Die Bürgermeisterin zeigt auf die Gierschplantage hinaus, „brock ma da gaunz frisch!“ Der Jungjournalist verneint, er darf sich nicht anfüttern lassen, das haben ihm die Altspatzen in der Redaktion noch eingeschärft. Er nimmt seinen Mut zusammen. „Ah, Frau...“ „Meindl!“ sagt die Komische. „Frau Meindl, das … ah … ist doch nicht das echte Hallstatt“,

Junger Mann! Die Rede von Realität, Eigentlichkeit und Authentizität ist ein phallozentristischer cisheteronormativer Essenzialismus, der angesichts der komplexen Stabilisierungen postmoderner Identitätskonstruktionen...“ Ein Wimmern. „Sonst noch Fragen?“ Nein, dem Katzenschläger rinnen schon die Tränen über die kaum beflaumten Backen. „Gut, dann zeige ich dir jetzt unsere unique selling proposition, Welterbe! Das BEINHAUS!!!“ Willenlos lässt sich der junge Mann durch die Massen des Overtourism ziehen, hinab, hinab, hinab, eine Stiege nach der anderen, vorbei an leeren Bierkisten, verstaubten Fitnessgeräten, billigen Pressspankindermöbeln. Vor einem Bunker bleiben sie stehen, der Wächter nickt der Bürgermeisterin zu und tut den beiden auf. Im modrigen Dämmer und im Funzelschein einer fettigen Lavalampe kann Katzenschläger zuerst nichts ausmachen außer einem scheißlichen Geruch, und erst als sich seine nun tränenlosen Augen an das bisschen Licht gewöhnt haben, sieht er die vielen, vielen Hundekauknochen, die sich neben Ribiselmarmeladegläsern (Jahrgang 2001, Katzenschlägers Geburtsdatum) auf den Kellerregalen türmen.

Das Beinhaus. Angesichts der Endlichkeit menschlicher Existenz überkommt hier sogar einen Tatmenschen wie mich der Vanitasgedanke“, sagt Meindl, dann schnalzt sie mit der Zunge. „Wos is jetzt mid uns zwaa?“, Katzenschläger löst die Kameras von seinem Hals, lässt sie fallen, er legt seine schlanken Finger in die ausgestreckte schwielige Rechte der Bürgermeisterin. Seiner Bürgermeisterin.

Mittwoch, Juni 10, 2020

Sudernde Sudeten

Da sich das Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen Europas zum 75. mal jährt und in den OÖN der "Stunde null" gedacht wird, budeln sich auch die organisierten Sudetenvertreter wieder auf. Ich denke, das ist ein passender Anlass dafür, ein Kapitel aus "In der Heimat der Fußkranken" hier hereinzukopieren.

Sudernde Sudeten

Viele ältere Mühlviertler sind auf ihre Nachbarn im Norden gar nicht gut zu sprechen. »Die Tschechen tun ja grad so, als ob ihnen Gott dieses Land geschenkt hätte!«, ereiferte sich jüngst ein älterer Arnreiter, der als Sudetendeutscher nach 1945 vertrieben worden war. Als hätte Gott den Sudeten oder irgendjemand anderem Wald und Wiesen geschenkt. Als hätte Hitler nicht Krumau und Kaplitz 1939 gewaltsam an „Oberdonau“ angegliedert.
Die Sudeten – eigentlich der Name jenes Gebirgszuges, der Deutschland, Tschechien und Polen verbindet – haben aus ihrer Sicht Grund, mit den Tschechen über Kreuz zu sein. Die ersten von ihnen hatten ab dem 12. Jahrhundert die Grenzregionen Böhmen und Mährens kolonialisiert. Pest und Kriege entvölkerten das Land und lockten weitere Siedler an. Unter den Habsburgern gab bei der Volkszählung von 1910 ein Drittel der böhmischen Bevölkerung Deutsch als Umgangssprache an (2,2 von insgesamt 6,6 Millionen Menschen).
Am 1. Oktober 1938 wurden die Sudetengebiete mit ihren insgesamt 2,9 Millionen deutschsprachigen und 700.000 tschechischsprachigen Bewohnern „heim ins Reich“ geholt. Heute beraten Historikerinnen darüber, ob nicht genau hier ein guter Zeitpunkt für den Rest Europas gewesen wäre, Hitler militärisch auf die Finger zu klopfen, zumal die mit dem Sudetenland annektierten Grenzbefestigungen später von der Wehrmacht als uneinnehmbar erachtet wurden und die tschechoslowakische Armee zu diesem Zeitpunkt eine der bestausgerüsteten Mitteleuropas war.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft kamen die von der tschechoslowakischen Exilregierung in London ausgearbeiteten 143 „Dekrete des Präsidenten der Republik“ zum Tragen, nach denen 2,9 Millionen Menschen als „staatlich unzuverlässig“, ergo Staatsfeinde eingestuft wurden. In Österreich, Deutschland und Ungarn werden sie gerne „Beneš-Dekrete“ genannt, vielleicht weil die Reduzierung auf eine Person noch dämonischer wirkt. Die Dekrete betrafen auch die 2000 bis 3000 überlebenden Juden (von ursprünglich 40.000), die sich bei der Volkszählung als ›deutsch‹ deklariert hatten. Ihr zuvor „arisiertes“ Vermögen wurde nach dem Krieg als deutscher Besitz konfisziert. Trotz eines späteren Erlasses zugunsten der solcherart erneut Beraubten sahen diese ihren Besitz nie wieder – die kommunistische Partei verfolgte bekanntlich die Strategie der Verstaatlichung privaten Eigentums.
Die Tschechen waren jedenfalls durchaus gründlich bei der revanchistischen und von den Alliierten geduldeten „Ausbürgerung“, obwohl die Dekrete an sich eine derart systematische Vertreibung nicht rechtfertigten. Nach einigen öffentlichen Ansprachen von Präsident Edvard Beneš kam es im Mai 1945 zu „wilden Vertreibungen“, sprich: brutalen Massakern. Die Zahlen der Todesopfer schwanken zwischen 18.816 und 270.000.
Es verschwanden nicht nur die Menschen, sondern auch deren Häuser. Ganze Dörfer wurden bis auf den letzten Stein abgetragen. Vor einigen Jahren besuchte ich das malerische Ktiš nahe Prachatice. Dort liegen auf dem Friedhof der 1310 erbauten Kirche noch die Ahnen der Sudeten. Ansonsten ist außerhalb des Dorfes kein Stein ihrer Höfe mehr zu sehen; alte Fotos wirken angesichts der heutigen Leere wie eine Fata Morgana.
In das entvölkerte Sudetenland zogen nach dem Krieg Tschechinnen aus dem Landesinneren und dem Ausland. Viele der Vertriebenen flüchteten nach Oberösterreich. Etliche meiner Freunde haben sudetendeutsche Großeltern. Laut Erzählungen waren die Großeltern naturgemäß traumatisiert durch das erlittene Unrecht, gleichzeitig aber froh, nun auf der „richtigen“ Seite des Eisernen Vorhangs zu leben. Ihren Enkeln haben sie keine Ressentiments vererbt. Ganz im Gegenteil zu den organisierten Sudeten.
Die Vertriebenenorganisationen der Sudetendeutschen Landsmannschaften sind ein Erbe, das aus der NS-Zeit über uns gekommen ist. Nicht umsonst wird bei ihnen vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) eine Nähe zum Rechtsextremismus erkannt; politisch sind sie wie alle anderen organisierten vertriebenen „Volksdeutschen“ fest in der Hand des Dritten Lagers – auch in Oberösterreich. „Sie leben in der Vorstellung, sie seien die vergessenen Opfer, dabei wurde besonders auch in Oberösterreich jahrzehntelang ausschließlich über sie geredet, wenn es um die Opfer des Krieges ging, und nicht über 'Zigeuner' oder Juden“, sagt Josef Goldberger vom oberösterreichischen Landesarchiv. „Die Vorgeschichte der Vertreibungen und Übergriffe – die NS-Verbrechen in den jeweiligen Ländern und die Beteiligung von Volksdeutschen daran – wird weitestgehend ausgeblendet“, heißt es auch in der Stellungnahme des DÖW aus dem Jahr 2004.
Vor einigen Jahren plante der Nationalratsabgeordnete Norbert Kapeller, Wehr- und Vertriebenensprecher der ÖVP, ein Museum der deutsch-tschechischen Völkerverständigung in seinem Bauernhof in Leopoldschlag. Das Land Oberösterreich hatte dies zunächst fördern wollen. Im Jahr 2010 zog es aber auf dringliches Anraten verschiedenster Institutionen die Zusage aus politischen Gründen“ zurück, wie Kapeller sagt. Expertinnen weisen darauf hin, dass er als Vertriebenensprecher im Lauf der Jahre mehrmals durch diplomatische Grobheiten die österreichisch-tschechische Verständigung gefährdet habe. Im März 2011 trat Kapeller von all seinen politischen Ämtern zurück, nachdem sein Auto in der Kurzparkzone vor dem Linzer Bahnhof abgestellt worden war – mit dem Behindertenausweis seines vor zehn Jahren verstorbenen Schwiegervaters hinter der Windschutzscheibe.
Eine Episode zum Abschluss. Ein Freund aus Wels ist Kind von vertriebenen Banatlern, die seit Ende des 17. Jahrhunderts von den Habsburgern in den nach den Türkenkriegen verwüsteten, entvölkerten Gebieten angesiedelt worden waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie brutal aus ihrer Heimat vertrieben. Viele fanden Aufnahme rund um Wels, insbesondere in Gunskirchen oder Marchtrenk. Ihnen verdankt die Gegend kulinarische Errungenschaften wie Tomaten, Paprika und Knoblauch. In den Gärten der Exilantinnen soll es keinen Flecken gegeben haben, der nicht der Ernährung diente. Mit den alten Menschen stirbt allmählich das ganz spezielle Banater Deutsch aus. Mein Freund erzählt, dass es – nach Jahrzehnten unauffälligen Zusammenlebens – sofort nach dem Aufstieg Jörg Haiders auf dem Welser Wochenmarkt zu sehr hässlichen Szenen kam. Etliche heimatbesoffene Männer hörten Banatler sprechen und pöbelten die vermeintlichen Ausländer an, sie mögen sich aus Österreich schleichen.

Freitag, April 03, 2020

#Geköpfte Hühner #ausgewilderte Möbel #desillusionierte Frauen #Pommes mit Mao #müder Metapherngerm

Der höchstgeschätzte Kollege Herbert Christian Stöger macht drüben auf Instagram derzeit ein schönes Projekt namens #turmblau, für das er AutorInnen nach ihren Alltagsirritationen befragt. Zwecks crossmedialer Schaffensverbreitung hier bitteschön meine gesammelten Mikrotraumata. Es ist alles nicht sehr schlimm, aber ein bisschen schon. Sich die eigenen kalten Füßchen am Funzelfeuer anderer Menschen Verstimmung zu wärmen, ist "in Zeiten wie diesen" extrem legitim. In diesem Sinne: go for it.

Hühnerschlachten

Die Freunde, die zu besuchen man nach viel zu langer Zeit endlich schafft, beschließen, noch bevor man den Kaffee ausgetrunken hat, die beiden ältesten Hühner zu schlachten, damit die Gästin einmal eine „existenzielle Erfahrung“ machen könne, das sei wichtig für die Literatur. Die Tiere laufen dann auch so kopflos und vergeblich um ihr Leben, wie man sich die existenzielle Erfahrung ausgemalt hat. Notiz: Beim nächsten Schlachterlebnis mehr Abstand halten, Hühnerblut geht nur noch schwer aus den Hosenbeinen. 


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Dark Tourism
 
Das tiefe Kanaltal wirkt im diffusen Licht des Novembernachmittags noch viel weiter vom Zentralraum entfernt als die 464 Kilometer, die wir gerade gefahren sind. Der altersschwache Motor ächzt schon, als wir nach der 17. Kehre die beiden Fauteuilsessel sehen, die es sich in Ermangelung von Besitzern selbst gemütlich machen im verlassenen friulanischen Bergwald. 

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Ten Years Challenge

 
Am Ende ist man ohnehin selbst schuld, wenn man zum Beispiel zum selben Fotografen wie vor exakt zehn Jahren geht, der an diesem Morgen 2019 aber noch zu grantig für eine angenehme Ablichtungssituation ist und einem dann eben ungeschönt die Desillusionierung zeigt, die sich seit 2009 in Schichten auf das Gesicht gelegt hat.


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Keine Pommes mit Mao



Die Pommes frites schwimmen kurz auf der Oberfläche, bevor sie auf den Grund sinken, vermutlich auf einen Berg alter Pommes frites, die von den Touristen der letzten Wochen in den See geworfen wurden. Die Schwäne wenden dem unpassenden Lockangebot grämlich fauchend ihre Bürzel zu. Die enttäuschten Gäste aus Peking halten sich mit der Miete eines Tretbootes in Schwanenform schadlos. 


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Erschöpfter Teig

Am Altjahrestag überredete ich mich selbst zu einem Spaziergang durch Wels. Der Hosenbund schnitt in den Bauch. Der Kopf war noch blöde vom Vortag. Vor einer billigen Pizzeria, die ausschließlich von den HTL-Schülern gegenüber lebt, hing eine große Teigkugel blass und müde über dem Zaun, hinter dem sich träge und müde der Mühlbach in seinem Bett wälzte.

Montag, März 23, 2020

Das Decamerone von Schönering. Romanbausätze für die Quarantäne

In Bezug auf das Verfassen vollständiger, umfangreicher, zeithistorisch relevanter Romanwerke bin ich der Thomas Mann des Scheiterns, die Maria Callas des Versagens, der Mozart der Prokrastination. Hier ist alles, was ich habe - gerne könnt ihr euch das jetzt in der Quarantäne selber fertig schreiben, ihr kennt das ja von Ikea. Hier bitteschön, der Textsirup zum Aufspritzen:

Der Undank. Geträumte Autobiographie
Prof. Buttinger ist es dank seiner Medien-Beziehungen gelungen, Marcel Hirscher als nächsten Gast für die Lesebühne zu gewinnen, aber niemand von uns hat sich die Mühe gemacht, ihm was Lustiges zu schreiben, und leider ist er zwar siebenfacher Gesamtweltcupgewinner, kann jedoch überhaupt nicht improvisieren, sodass sein Auftritt vom verwöhnten Publikum mit enttäuschtem Murren quittiert wird und ich mir vornehme, mit den Mitarbeitern ein strenges Gespräch über Gäste-Qualitätskriterien zu führen. 

Abb. 1: Prophetisches Symbolbild
 

Frühwerk: „Zeugnisse der Zärtlichkeit“
Beim Renovieren des Badezimmers einen Packen Briefe finden, es sind Liebesbriefe einer bittersüßen amour fou, und zwar zwischen – Bud Spencer und Terrence Hill! Zeugnisse von Leidenschaft und Verzweiflung. Es musste schon alleine daran scheitern, dass das Schönering der frühen 1980er noch nicht so weit war. Notiz: Ein Broke-Back Mountain für sehr Arme. Plausibel machen, was die beiden Action-Klamaukhelden im Bezirk Linz-Land zu suchen hatten.

Der kurze Brief zum langen Abschied. Nach Handke
Ein junger Österreicher befindet sich in NY und erhält dort einen Brief von seiner Frau: „Ich bin in New York. Bitte such' mich nicht, es wäre nicht schön, mich zu finden“, doch er hält sich nicht dran, und während der Reise durch die USA hat er sehr viel Zeit zum Nachdenken, über sich, sein launenhaftes Weib, die Kindheit und wasnichtalles, weswegen er, nachdem er die Flüchtige am Ende gestellt hat, in die Trennung einwilligen kann, und der Autor dieser öden Geschichte sehr viel bekannter und berühmter wird als die beherzte Zusammenfasserin von Handkes Oeuvre.

Ein bisschen eine Fabel. Nach Kafka.
„Ach“, sagte die Medien-FH-Absolventin, „der Arbeitsmarkt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war er so riesig, dass ich fast Angst hatte, ich machte Auslandssemester und war glücklich, als ich endlich Optionen sah, links und rechts Praktika, aber diese Jobs kleistern mir den CV so zu, dass mir gar keine Zeit zum Geldverdienen bleibt, und jetzt bin ich Alleinerzieherin und schon bald 40, und dort steht schon die Teilzeit-Pensionsfalle, in die ich laufe.“ „Du musst dir nur ein Eigenheim anschaffen“, sagte der Kanzler und lachte.

Darwin's Nightmare
Eines Morgens überkam die bislang nicht vom Erfolg verwöhnte Hobbyliteratin Dominika Meindl die Geschäftsidee einer Hundewerkstatt analog zu all den Auto-Schraubereien, quasi Evolution Fast Forward; ein Dog-Customizing, bei dem Dackelbesitzerinnen ihre Tiere noch mehr stretchen, Retrieverinhaber ihre Allerweltshunde tieferlegen oder Sharpei-Halter die Faltenwauzis neu auffüllen lassen könnten, aber aufgebrachte Tierschützer entführten Meindl in der Nacht vor der in allen Medien angekündigten Dog-Tuning-Eröffnung und ließen sie vom radikalisierten Amtstierarzt einschläfern.

Dienstag, März 10, 2020

Smoothies from Hell

Es haben sich ja zuletzt sehr viele Themen zusätzlich zu dem unseren aufgedrängt. Welchem Mitteilungsdrang gibt man nach?

Diesem Corona-Meme, das grad im Internet viral geht? Ich bin leider so gestrickt, dass ich mich so schnell langweile, nach dem achten Hamsterwitz (wo krieg ich welche her, was sind die besten Rezepte) schläft mir der Schädel ein. Im Mittelalter wäre ich wahrscheinlich an der Pest gestorben, weil ich die Verlautbarungen des Innenministeriums nicht in der Mediathek nachgeschaut hätte. Dieser Nehammer geht mir außerdem so auf den Senkel, wie er so dasteht wie ein Heiligenstädter-Billig-Chuck-Norris und den besorgten Bürgern sagt, er werde „mit voller Härte gegen das Virus vorgehen“, und zwar so, dass er nötigenfalls die Viren, die vom Ausland hereinkommen, zwischen seinen breiten Kiefern zermalmen würde. Ist der deppert oder sind wir es? Ehrliche Frage!

Oder, wie schaut's mit der Gleichstellung der Geschlechter aus? Da haben wir noch einiges zu tun, am Vorabend des Frauentages! Zum Beispiel wird viel zu wenig Rosa verwendet, um auf die Bedürfnisse der Frau hinzuweisen. Viel zu wenig! Immer noch ist alles blau in diesem Patriarchat! Der Himmel, das Meer, unfair! Meine dringende Bitte an alle Chefredakteure und Medienmacher und an die Frauen selbst: Frauentehmen immer in ROSA!!!!! Sonst kennt man sich nicht aus.

Oder soll ich was darüber schreiben, dass an der Südostgrenze der EU grade Menschenrechte mit Soldatenstiefeln und den genagelten Glanzlackschuhen der scheiß Populisten getreten werden? Das wär' halt ein bissi was Ernsteres, da müsste ich schreiben, dass wir ALLE extrem von der Globalisierung des Kapitalismus profitiert haben, und hier dulde ich keine Relativierung, kein „ja, aber wir sind ja so tüchtig, und die unten so faul“, hier kann ich nur die bedingungslose Kapitulation unter das Faktum „Wir sind reich, weil sie arm sind“ akzeptieren, und dazu die logisch daraus folgende Tatsache, dass der Kapitalismus keine Waren in Bewegung setzen kann, ohne auch Menschen in Bewegung zu setzen. Dem noch nicht genug, herrschen halt immer noch Krieg oder die Taliban, und diese Ausländer sind so komisch drauf, dass sie sich nicht gern totschießen lassen oder in erbärmlichen Zeltlagern im Dreck verhungern (IN der EU!!) wollen, obwohl sie noch nie was in unser Sozialsystem eingezahlt haben, na hallo, geht’s noch.

Dieses Kurzsche Balkanroutenschließungsphrasengedresche, die Weigerung, wenigstens ein paar Frauen und Kinder aus dem Dreck zu holen, dieses rechtspopulistische Kleingeldschlagen auf Kosten der Menschenrechte – wehe irgendjemand von Ihnen geht mir mit einer anderen Meinung heute nach Hause – daraus folgt, dass es eine gewaltige Schande für Österreich, die UNO, die USA, die EU, die arsch Türkei und das gschissene Russland ist, was sich drei Flugstunden von hier abspielt. Wir sollten über unseren Wertekollaps in Panik verfallen! I want you to panic!

Was, Damen und Herren, kann denn nun eine menschlich wertvolle, zeitgemäß-humanitäre Reaktion auf das Elend in der Welt sein? Na? Was ist die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit?

Richtig, gesunde Ernährung. Gesundheit ist so wichtig. Und es ist so wichtig besonders für uns Frauen, die wir ja schnell einmal zu blad sind. Damit sollte man sich in Zeiten wie diesen beschäftigen, denn um andere zu lieben, muss man zuerst auf sich selbst schauen.

Und weil ich IMMER eine Businessidee im Talon habe, präsentiere ich Ihnen hiermit mein Konzept des regionalen Smoothies! Smoothie, dieser groteske Kompromiss zwischen Speis und Trank, dieser Brei für Hipster und Biedermeier. Wenn man die Zutaten nicht in vollem Umfang im Haus hat, kann man ja in die Apotheke gehen und sich die Ingredienzien in homöopathischen Dosen kaufen, nur bitte Obacht, dann entfalten sie sehr starke Nebenwirkungen. Alles in die sauteure, extra zu kaufende Smoothiemaschine von Thermomix (345345€), einschalten, zermanschen, „genießen“. Spart viel Zeit!

  • "Bauer": Je 300g Schweinsbraten, Kraut, Knödel, Obstler

  • "Jaga": 2 Rehherzen und 10dl Enzian, dazu ein Ei, damit das Fell glänzt

  • "Prälat": zwei Kardinalschnitten, eine Handvoll Oblaten und ein halber Liter Messwein

  • "Ursche", inspired by Heidi Klum: eine halbe Flasche Prosecco, fünf Ritalin, eine halbe Packung Reiswaffeln und 200 g Diätgouda

  • Stelzhamer“: 300g Antisemitismus, ein halber Liter Motorradschmieröl, 30 Seiten Landesverfassungsbericht über „Linksextremismus“

Gutes Gelingen! 

Nein, so ein Scheiß. NOT IN MY NAME! NOT IN MY NAME!!!!!