Donnerstag, November 10, 2022

Auch André Heller kann noch was lernen!

Man soll sich an Eichen mit großer Fallhöhe reiben. Irgendwas am Weltenkünstler Heller macht mich unrund (vgl. Paolo Coelho). Es wird der Neid sein. Ich möchte mein unangenehmes Ressentiment durch die Kraft der Literatur in positive Energie verwandeln. 

Aschenbecher "Alle Kunst, die der neidigen Autorin möglich ist" Salzteig und Goldlack,Wien 2005

André Heller, Mogul der Zaubermagie, betritt den geheimsten Sitzungsraum im UN-Hauptgebäude. Als das fantasielos zusammengewürfelte Interieur sein Auge beleidigt, versucht er, sich nichts ankennen zu lassen, „denn wer bin ich denn um der Güte des Himmels willen, über andere zu urteilen!“, wie er immer sagt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verbeugt sich vor dem Gärtner des Südens. „Haha, schon dass kommen konnten, Herr Heller, mir wurde Sie hier in Wien von sehr viele empfohle! Große Visionar!“, sagt der taubengraue Südkoreaner. Heller zieht einen türkisen Seidenschal aus der Tasche und drapiert ihn um den Hals des Botschafters aller Nationen. „Na schaun'S, das ist genau Ihre Farbe. Wir müssen alle bunter werden!“ KiMoon verbeugt sich noch einmal, „nehmen bitte Platz!“ „Nein, BanKi, ich tu' unheimlich gern lustwandeln beim Denken, wie der Aristoteles*, das Bewegen des Körpers bringt auch meinen Kopf in Bewegung, damit er im Gang durch die Geisteswelt bei sich selbst wieder ankommen kann!“ Ki Moon nickt höflich, Heller hakt sich bei ihm ein und beginnt durch den Raum zu spazieren, als wäre es sein Dichtergarten, sein Giardino am Gardasee oder der unlängst eröffnete „Anima“-Garten in Marrakesch. „Pflanzen, hier fehlt atmendes Grün!“

Herr Heller, wir haben große Projekt fur Sie.“

Das größte Projekt ist es, bei sich selbst wieder Kind zu werden!“

Ja.“

Das ist die Wallfahrt zum Allerheiligsten der Phantasie! Im Übrigen schreibe ich Phantasie immer noch mit PH, das lasse ich mir nicht nehmen, auch wenn man das im gesprochenen Miteinander nicht hört, aber man merkt es doch: Phantasie! Da muss ich an mein Lieblingsprojekt denken, die Clownparade beim Jahrmarkt der modernen Kunst, mit Feuerspektakel...“

Ja. Herr Heller, Vereinte Nationen brauchen Kraft der Phantasie für reconstruction von failed state.“

Wenn ihr wollt, ist es kein Traum! Wir sind alle miteinander in einem riesigen Lernprozess verbunden, und darin müssen wir lernen, das Miteinander zu bauen! So wie damals bei den Kristallwelten!“

Kristallwelten konnen Sie bauen. Waren Sie schon einemal in Kongo?“

Lustig, dass Sie mich fragen, ich hab erst gestern eine ganz liebe Postkarte von meinen Artisten aus Brazzaville bekommen, die wirklich das Herz meiner Show von Afrika!Afrika! Gebildet haben. Begnadete Körper! Die sind immer noch so dankbar, dass ich sie in Europa hergezeigt hab'...“

Also bauen Sie Kongo wieder auf fur uns.“

Da kommt mir gleich ein Varieté an Ideen! Im Vorjahr hab ich ja für die Vereinigten Arabischen Emirate eine ganze Insel designen dürfen. Mit Garten.“

Schon.“

Wissen Sie, Herr KiMoon, erst im Garten kommt der Mensch zu sich. Wir müssen alle Gärten schaffen! Und erst darin können wir unsere Phantasie entfesseln!“

Kongo ist großes Problem.“

Gerade in Äquatorialafrika blüht doch alles so herrlich! Wir verwandeln ganz Zentralafrika in einen einzigen Garten, in dem die Menschen sich dann begegnen können! Wer einen Garten baut, kann kein Gewehr halten!“

Ja, gut. Dann noch Tschetschenien, Afghanistan, Syrien.“

Die Kultur der Gastfreundschaft! Die Weisheit der Völker! Herr Ki Moon, da veranstalten wir einen Festabend – Im Herzen des Lichts, dazu baut jedes Volk ein Wunderkabinett! Und in diesen Ländern wird dann der Alltag per Dekret verboten. Es kommen die Kinder an die Macht!“

Viele Dank, Herr Heller, große Hoffnung haben wir, Budget auch.“

Über das Geld reden wir dann erst am Schluss, das hemmt meine Phantasie!“

KiMoon verbeugt sich, Heller drückt ihn an sein Herz und tanzt aus dem Büro.

Als er wenig später am Praterstern umsteigen muss, winkt er den Sandlern und Tranklern zu, schmeißt den bettelnden Romakindern etliche Münzen in die Becher. „Ihr seid die wahren Lebenskünstler!“ sagt er respektvoll, bevor er in den Hundshaufen tritt, den der Bullterrier des besoffenen Punks grade gelegt hat. „Na geh, Schas!“, ruft Heller, da muss er aber eh schon wieder schmunzeln, „da hab ich jetzt was lernen dürfen!“ Er zieht sein seidengebundenes Notizbuch heraus und notiert mit der Füllfeder, in herrlicher Kalligraphie: „Mit beiden Beinen am Boden bleiben, aber auch einmal den Blick nach unten richten!“ Daneben schreibt er noch: „Welt retten nicht vergessen!“

Sonntag, August 28, 2022

Im wilden Westen Mitteleuropas. Bei den Awaren

Junge Awarin in Alltagstracht

 

Winifred I

Ein Lǜ Jiǎo ist ein Mensch, der in fremde Wohnungen geht und Fotos vom Klo macht; der den Hund seines Gastgebers mit Füßen tritt; der die Pistole beim Schießen quer hält wie in billigen Actionfilmen; der seinen Namen in die Mauer eines Tempels ritzt und Knochen aus einem Beinhaus stiehlt. Ein Lǜ Jiǎo isst den Schweinsbraten mit Stäbchen. Er ist, was den Westen betrifft, noch grün hinter den Ohren, daher sein Name: „grünes Horn“. Ein Lǜ Jiǎo verwechselt die Langnasen miteinander, weil er sich nicht die Mühe macht, sie unterscheiden zu lernen. Er macht einen Aufstand, wenn keine Kanne Tee in seinem Zimmer steht, er verkauft im europäischen März seinen Nerzmantel und wundert sich, wenn ihn die Erkältung niederstreckt. Ein Lǜ Jiǎo nimmt den Klappfeitel so in die Hand, dass er sich selbst die Finger abschneidet, wenn er damit kämpft. Ein Lǜ Jiǎo steigt in die Berge, weiß die Wolken nicht zu deuten und wundert sich, wenn er erfroren in der Gletscherspalte liegt, dass ihn die Einheimischen nicht herausgezogen haben. Ein Lǜ Jiǎo ist eben ein Lǜ Jiǎo – und ein solches war damals auch ich.

Enge, karge Verhältnisse in der Heimat, der Wunsch, meine Kenntnisse zu erweitern und ein angeborener Tatendrang hatten mich über den Indischen Ozean getrieben. In Doha führte mich das Glück in eine Familie von Landsleuten, wo ich eine Tätigkeit als Hauslehrer fand. Doch eines Abends nahm mich ein Freund der Familie, ein alter Waffenschmied, der meine physische Stärke und meinen Unternehmergeist auf den ersten Blick erkannt und auch sonst Gefallen an mir gefunden haben mochte, zur Seite. „Du bist ein Lǜ Jiǎo!“ Er schnitt mir mit einer Bewegung den Protest ab, „ein großes Lǜ Jiǎo! Und doch will's mir scheinen, dass du für Größeres geschaffen bist!“ Ich wollte die Familie nicht so schnell wieder verlassen, aber der Waffenschmied blieb beharrlich und machte mich mit Geschäftsleuten bekannt, denen er vertraute. Nach einigen Tagen der Verhandlung, in denen er immer wieder mein Geschick beim Rechnen und Schattenboxen gepriesen hatte, war man sich über meinen Kopf hinweg handelseins. Ich sollte Surveyor werden. Die Bahnstrecke, die schon von Changsha über Bischkek nach Teheran führte, die neue Seidenstraße, sollte künftig bis an den Atlantik reichen. Meine Abteilung war für die Vermessung der Strecke durch die Alpen zuständig.

Der Büchsenmacher lud mich zum Abschied in eine der Hafenspelunken, und als wir uns am Ende schnapstrunken voreinander verbeugten, stand ihm das Wasser in den Augen.


Anfang September waren wir bereits drei Monate in Dienst, hatten aber unsere Aufgabe noch nicht gelöst, während die Strecken durch den Balkan sowie durch die Niederungen bis Rotterdam schon vermessen und die anderen Trupps längst wieder zuhause waren. Für unsere Verzögerung gab es gute Gründe. Wir hatten ein sehr schwieriges Terrain zu bearbeiten. Die Bahn sollte dem Lauf der Donau folgen, dann aber in das Voralpenland hin zum Mittelmeer abgehen, durch Täler und über Pässe; wir mussten die geeignete Richtung erst finden und legten uns nach anstrengenden Geländefahrten und Wanderungen spät darauf fest, dem Lauf eines Gebirgsflusses, der in Linz in den Strom mündete, südwärts zu folgen. Erschwert wurde das alles noch dadurch, dass wir uns in einer gefährlichen Gegend befanden, denn es trieben sich Awaren, Slawen und Bajuwaren umher, die von einer Bahn durch das Gebiet nichts wissen wollten. Wir mussten stets auf der Hut sein, wodurch unsere Tätigkeit erst recht verlangsamt wurde. Zudem lagen meine Mitarbeiter halbe Tage völlig betrunken auf der Erde. Es gab immer wieder Streit, insbesondere der trunksüchtige Vorarbeiter Shǔ neidete mir alles. Keiner nahm es genau mit der gewissenhaften Erfüllung seiner Pflicht, sodass die schwierigen Aufgaben allesamt an mir hängen blieben. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn ich bin stets der Ansicht gewesen, dass man umso stärker wird, je mehr man leisten muss.

Nur mit Gǔ, einem unserer Securities, hatte ich es gut getroffen, er wurde mir in dieser Anfangszeit zum Lehrer in allen Fragen, was den Westen betraf. So unterwies der kauzige Kerl mich in der kargen freien Zeit im Gebrauch des Klappmessers und im Fingerhakeln. Und bald erlangte ich in der Kletterkunst und Seiltechnik größte Fertigkeit und kam mit Leichtigkeit jede Wand hoch. „Schön so, junger Freund! So ist's recht!“, rief lachend, „aber bildet euch ja nichts ein, ihr seid immer noch ein Lǜ Jiǎo!“

Langsam kamen wir voran. Seit Tagen hatten wir schon einen mächtigen Berg ausnehmen können, und als wir schließlich auf dem ersten vorgelagerten Hügel standen, tat sich vor uns ein herrliches Panorama auf; ein tiefgrüner See füllte die Ebene zwischen den karstigen Türmen. Des Abends schlugen wir unser Lager an einer kleinen Halbinsel am Westufer auf. Gǔ lud mich an sein Feuer. „Lasst morgen die Arbeit einmal ruhen. Wollen auf die Jagd gehen, die Wälder sind so dicht, es muss ganze Herden an Rotwild geben, und wenn Ihr halbwegs rüstig zu Fuß seid, zeigt sich uns vielleicht die eine oder andere Gämse, wenn ich nicht irre.“

Und wirklich war uns das Jagdglück am nächsten Tag hold, allerdings nicht so, wie sich der erfahrene Westmann das vorgestellt hatte. Wir waren zwei Stunden in den Bannwald hinaufgestiegen und erreichten am Vormittag die Baumgrenze. Auf dem Altschneefeld unterhalb eines Kars tummelten sich die Gämsen, von denen ich bis dato nur gelesen hatte. Gǔ bedeutete mir, still sitzen zu bleiben, er selbst schlich sich zu den Bergziegen hinüber. Doch noch ehe er seine Büchse anlegen konnte, gab der Fels unter ihm nach und er fiel wenig geschickt einen Abhang hinab. Den Jäger wittern und auf ihn losstürzen waren dem Leitbock eins. Sogleich legte ich meinen schweren Vorderlader an – ein Schuss krachte und Gǔ war aus seiner misslichen Lage errettet. „Tut mir einen Gefallen, erwähnt mein Missgeschick nicht!“, bat er mich, nachdem wir die Keulen der Gämse ausgelöst und in die Rucksäcke geladen hatten. Ich sicherte ihm das lachend zu und wir machten uns an den Abstieg.

Wir hatten uns auf zwei Li dem Lager angenähert, als grässliches Geschrei die Gebirgsruhe durchschnitt. Ich lief in langen Schritten und hatte bald den Ort des Geschehens erreicht. Den Augen bot sich Entsetzliches – rings auf den Bäumen saßen die Arbeiter und brüllten um Hilfe. Direkt vor mir stand der Braunbär und wühlte im Unterleib des Kochs Long, der es nur auf den ersten Ast einer Buche geschafft hatte. Ich hob – ohne nachzudenken – einen Stein vom Boden. Der Petz hielt, am Kopfe getroffen, sogleich in seinem Wüten inne und drehte sich zu mir um, der ich ihn mit einem Schuss ins rechte Auge empfing. Der Bär sackte auf die Vorderläufe, dann tappte er stracks auf mich zu, wo er sich wieder erhob. Ich zog mein Klappmesser, sprang zwischen die Tatzen und stach zu. Viermal in das Herz hinein. Der Bär gab nach und sank in seinen Tod. Ich ging zum Stamm, an den sich Long klammerte. „Lasst los, Mann, ich helfe euch herunter!“ Der Anblick war wüst, die Eingeweide hingen ihm aus dem Bauch. Er war tot. Die Arbeiter wollten erst von den Bäumen steigen, nachdem ich ihnen die Leblosigkeit des Tieres bewiesen hatte.

Gǔ hatte alles gesehen, er beugte sich über den Leichnam. „Ó! Ein Braunbär, hier? Dachte, die wären samt und sonders ausgerottet! Muss von Karantanien her kommen.“ Die Arbeiter, die gerade noch um ihr Leben gefürchtet hatten, wollten sich nun gierig daran machen, dem Bären die Krallen und den Penis abzuschneiden, um sie als Heilmittel weiterzuverkaufen. „Der Bär ist mein!“ rief ich, aber sie wichen nur kurz zurück. „Noch ein Schritt weiter und ich schlage jeden ohnmächtig, der --“

In diesem Augenblick tönte eine laute Stimme. „Meine Herren, seid ihr toll? Was für einen guten Grund könnte es geben, dass Landsleute einander den Hals brechen?“ Alle drehten sich um. Da trat ein buckliges Männlein hinter einem Baum hervor. Er war so hellhäutig, dass man ihn für einen Europäer halten musste. Die Arbeiter verzogen höhnisch die Gesichter. Der Kleine beachtete sie nicht, sondern wandte sich an mich. „Habt Ihr Kraft in den Knochen, junger Herr!“ Er kniete sich zum Bären. „Ihr seid uns zuvorgekommen. Da liegt er, der Braune. Hat angefangen, unser Vieh zu reißen. Drei Tage sind wir seiner Fährte gefolgt.“ Er richtete sich wieder auf. „Ihr seid Landvermesser?“ Ich nickte und erzählte ihm von der Bahn. Ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Der Boden, auf dem Ihr euch befindet, gehört dem Stamm der Awaren vom Salzberg.“ „Was geht euch das an?“, brüllte da Shǔ. „Ich gehöre zu den Awaren“, antwortete der Bucklige ruhig. „Ah!“ krähte Shǔ in spöttischer Bewunderung, „Huángsè-fùqīn, der Schulmeister der Langnasen!“

Der Kleine rief ein europäisches Wort in den Wald, das ich damals noch nicht verstand, worauf zwei außerordentlich interessante Gestalten auf die Lichtung traten. Es waren offensichtlich Vater und Sohn, die da würdevoll auf uns zukamen. Sie trugen ihr reiches blondes Haar wie einen helmartigen Schopf, ihre Augen strahlten blau. Sie waren von etwas mehr als mittlerer Gestalt und in die grünen Jagdröcke der Gegend gekleidet. An den Beinen trugen sie wollene Socken, darüber fein gearbeitete und schön bestickte kurze Hosen aus Gamsleder. Der Jüngere war ungefähr in meinem Alter und machte schon heute, da ich ihn zum ersten Mal erblickte, einen tiefen Eindruck auf mich. „Das sind meine Freunde“, sagte Huángsè und wies auf den Älteren. „Das ist Ingenieur Tschurner, Bürgermeister der Salzberg-Awaren, der auch von den anderen Stämmen als Bezirksobmann anerkannt wird. Und hier steht sein Sohn Winifred, der trotz seiner Jugend schon mehr kühne Taten verrichtet hat als fünf alte Jäger.“ Das klang überschwänglich, war jedoch, wie ich später erfuhr, nicht zu viel gesagt. Shǔ aber lachte wieder höhnisch auf.

Winifred bückte sich zum Bären hinunter und betastete die Wundmale. „Wer hat diesen Bären mit dem Klappmesser angegriffen?“ Er sprach reines Mandarin. „Ich“, war meine Antwort. „Das junge Gelbgesicht hat großen Mut bewiesen!“ Der Bürgermeister der Awaren wandte sich an Shǔ. „Mein gelber Bruder mag mir einige Fragen beantworten und dabei die Wahrheit sagen. Hat er im Osten ein Haus, und ein Stück Land dabei?“

Shǔ unterdrückte seinen Hohn halbherzig. „Ja.“

Wenn nun der Nachbar einen Weg durch diesen Besitz meines gelben Bruders bauen wollte, würde dies mein Bruder dulden?“

Nein.“

Die Länder jenseits des Himalayas und des Indischen Ozeans gehören den Chinesen. Was würden sie dazu sagen, wenn die Europäer kämen und dort Eisenbahnen bauen wollten?“

Sie würden sie fortjagen.“

Mein Bruder hat die Wahrheit gesprochen. Die Gelben kommen in dieses Land, schießen unsere Gämsen, füllen unsere Dörfer, verkaufen uns ihren elektrischen Plunder. Sie rauben unsere Bodenschätze und Arbeitsplätze. Was werden wir dazu sagen?“

Shǔ schwieg.

Haben wir etwa weniger Recht als ihr?“ fuhr Ingenieur Tschurner fort. „Ihr nennt euch Kommunisten und sagt, dass alle gleich sind. Ihr rafft alles an euch und werft es auf den Weltmarkt. Ist das gerechtes Wirtschaften? Jeder von euch möchte einen ganzen Staat besitzen!“

Es ist notwendig für das Wachstum“, sagte Shǔ kleinlaut.

Da wurde der Häuptling unwirsch. „Es ist nicht notwendig, dass ferner noch Reden gehalten werden. Ich, Tschurner, will, dass ihr heute noch fortgeht. Alsdann!“ Er nickte seinen Begleitern zu, die drei wandten sich zum Gehen. Da griff Shǔ mit einer Geschwindigkeit, die ihm niemand zugetraut hätte, nach der Pistole. Ich stürzte auf ihn zu, doch schon löste sich ein Schuss. Huángsè sprang beherzt vor seinen Schützling Winifred, dem die Kugel gegolten hatte. Sie trat dicht neben dem Herz des Alten ein, er stürzte wie ein gefällter Baum. Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erscholl. Die beiden Weißen knieten nieder, der Jüngere hob den Kopf des Getroffenen auf seinen Schoß. Das Blut quoll hervor. „Winifred, mei Bua!“ flüsterte er in der europäischen Mundart. Da wandte er sich zu mir, sprach mit dem letzten Atemzug auf Mandarin: „Bleiben Sie ihm treu! Führen Sie mein Werk fort... die Weißen brauchen Ihre Hilfe!“ Ich sagte es ihm ergriffen zu. Er hauchte sein Leben aus.

Winifred und sein Vater hoben stumm den Leichnam auf. „Ich will euer Freund sein! Ich gehe mit euch!“ drängte es über meine Lippen.

Da spuckte mir Tschurner ins Gesicht. „Räudiger Hund! Länderdieb!“

Die Weißen hoben ihren toten Lehrer auf ihren Traktor, banden ihn fest und fuhren von dannen. Sie hatten keinen einzigen Blick mehr für uns.

Am nächsten Tag, noch vor Sonnenaufgang, bestiegen Gǔ und ich unsere Motorräder, um den Spuren des Bürgermeisters und seines Sohnes zu folgen. Sie waren im Uferschlamm des Sees zunächst noch weithin zu sehen, was uns verwunderte. Am Südufer des Sees führten sie zu einem Forstweg, und mich deuchte, der Traktor habe hier gehalten. Und wirklich entdeckte ich in scharfer Beobachtung eine Fußspur in den Wald. Sie endete am Fuße einer Felswand, und von hier ging eine Motorradspur weg. „Hāu, das Lǜ Jiǎo hat einen scharfen Blick!“, lobte mich Gǔ. Wir fuhren weiter in den Süden.

Zu Mittag sahen wir Staub vor uns aufsteigen. „Werden Gesellschaft kriegen“, sagte Gǔ, und fuhr zu meiner Überraschung den Weißen entgegen. „Es sind Bajuwaren, ihr Führer ist Franz, ein unternehmender Waldmann. Keine Bange, sind Verbündete. Die Awaren hassen sie, weil sie ihnen das Salz wegnehmen und am Markt verschleudern. Unsere Rettung, wenn ich nicht irre.“ Kurz darauf stand der Spähtrupp vor uns. Franz, ein junger Mann mit zurückgelegtem Haar, gewandet in einen engen Anzug, grüßte uns. Wir boten ihm und seinen Leuten unsere Lotus-Zigaretten, und bald saßen wir schmauchend da und verhandelten. Uns fehlte für die Bahn nur noch die Strecke bis zum Gebiet der Styrer. Den Bajuwaren versprachen wir für unseren Schutz 24 neue Smartphones. Nach einigem künstlichen Zieren sagten zu.

Am nächsten Tag machte ich mich wieder an die Arbeit. Die Bajuwaren lagerten abseits und warfen, wie wir feststellen mussten, begehrliche Blicke auf unseren LKW. Meinen Kollegen war unwohl, und auch ich fühlte in mir angesichts der zu erwartenden Ereignisse eine innere Unruhe – kein Kanonenfieber um meiner selbst willen, sondern um den Ingenieur und seinen Sohn! Ich dachte so fortwährend an ihn, dass er mir innerlich immer näher trat. Und sonderbar, ich habe später von ihm erfahren, dass er sich damals ebenso oft mit meiner Person beschäftigt hat wie ich mit ihm.

Wir schlugen an diesem Abend unser Lager neben einem aus dem Felsen gehauenen Löwen auf, der die Grenze zwischen den Reservaten der Bajuwaren und jenen der Salzberg-Awaren markiert. Keiner von uns tat in dieser Nacht ein Auge zu – und trotzdem fuhr uns der Schrecken in alle Knochen, als das Kriegsgeheul der Weißen die Stille zerriss! Wir sprangen auf unsere Beine, da drangen die Angreifer schon aus dem Unterholz. Mit erhobener Mistgabel rannte der Ingenieur an der Spitze; als ich seiner gewahr wurde, lief ich mit ein paar Sprüngen auf ihn zu, um ihn daran zu hindern, im Kampf gegen die verfeindeten Bajuwaren ein Leids zu erfahren. Der Anführer hieb auf mich ein, nur mit knapper Not entging ich seinen Angriffen. Das Gefecht wogte um uns herum. Eine Sekunde reichte mir, da er seine Deckung vernachlässigte, dass ihn meine Handkante an der Schläfe traf und er scheinbar tödlich getroffenen fiel. Da! Ein derber Schlag mit einem Baseballschläger auf meine Schulter – Winifred! Meine Linke hing wie gelähmt von der Schulter, mit der Rechten wehrte ich das Messer ab, mit dem er auf mich losging. Vergebens suchte ich das Gespräch – er glaubte seinen Vater von mir getötet und drang wütend gegen mich vor. Meine Lage war äußerst schlimm. Er holte zum Stoß gegen meine Brust aus, der mir die ganze Klinge in die Brust treiben musste. Ich brachte nur eine geringe Bewegung zur Seite fertig. Das Messer traf meine linke Brusttasche, traf dort das Huawei und drang oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge. Dann zog Winifred es wieder heraus und holte zum zweiten Mal aus. Die Todesangst verdoppelte meine Kräfte. Ich packte seine rechte Hand und drückte sie so, dass er das Messer vor Schmerz fallen ließ. Sprechen konnte ich nicht mehr, das Blut floss in einem dicken Strahl aus Hals und Mund. So drehte ich mich um meine Achse und konnte mit letzter Kraft einen Roundhouse-Kick an Winifreds Schläfe platzieren. Er sank neben seinen Vater hin. Tief holte ich Atem, wobei ich darauf achten musste, das Blut nicht zu verschlucken. Da hörte ich einen zornigen Ruf eines Awaren hinter mir und bekam einen Kolbenhieb, der mir die Besinnung nahm.

Als ich wieder zu mir kam, war es Tag. Ich fühlte, dass ich mich in Bewegung befand, wohl auf der Schaufel eines Traktors. Schulter, Kopf und vor allem der Mund schmerzten entsetzlich. Ich verlor erneut die Besinnung. Lange kämpfte ich mit Gämsen, Braunbären, Awaren. Schnee fiel mir ins Genick, Nebel blendete meine Sinne. Zuweilen sah ich zwei strahlende blaue Augen vor mir. Dann starb ich, wurde in der Erde vergraben, ganz nach Brauch der Weißen. Es war der Wundbrand, in dem ich gegen den Tod kämpfte.

Einmal beugte sich ein vertrautes Gesicht über mich – Gǔ, der Westmann! Er strahlte. Ich versuchte zurückzulächeln. „Drei volle Wochen!“, rief er, so lange habe ich dagelegen, während mich die Einheimischen mit Homöopathie und der TCM, die sie Huángsè gelehrt hatte, zu retten versuchten. 

 ***

So fügte es sich im Folgenden, dass ich nicht nur überlebte, sondern bald Mitglied des Stammes werden sollte. Wie ich den Kampf um mein Leben gegen Winifred gewann, wie ich sein Bruder wurde, wie ich den Weißen half, die Neue Seidenstraße zu verhindern, wie es meinen Landsleuten dennoch gelang, das ganze Lager der Awaren am Fuße des Salzberges zu rauben und zuhause in Südchina als Schau-Dorf im Vergnügungspark aufzustellen – – das und noch vieles mehr bleibt im zweiten Teil meiner gesammelten Reiseerlebnisse zu berichten. 

 


Veröffentlicht (gekürzt) unter dem Titel "Im Westen" in: Facetten. Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, 2018

Donnerstag, August 11, 2022

Das Menschenbestimmbuch (ein Text, der euch vielleicht vor dem Tod bewahrt)

Den Sommer möchte ich nutzen, um mich schon ein wenig darauf vorzubereiten, meinen Job angesichts voranschreitender Automatisierung zu verlieren. In den Ferien kann man es sich ja besonders leicht vorstellen, ersetzt zu werden! Ich freu mich drauf. Da es aber auch sein kann, dass uns die Maschinen wegen Nutzlosigkeit umbringen, kommt es mir gescheit vor, den zukünftigen Herrscherinnen (gen. Femininum) etwas anbieten zu können, das meine weitere Existenz rechtfertigt. Wer das hier liest, ist wert, mit mir weiterzuleben, also verrate ich euch meine Überlegungen. 
 
Symbolbild "Mensch", Rasse: "Frau", Subkategorie "Dosenbiertrinkerin im ÖBB Railjet aus der Perspektive von einem Menschen, der Dieter Decker heißt"

 
Es geht um naturkundliche Vermittlungstätigkeiten - so wie ich das Unkraut meiner Heimat kennen möchte, sollen die Androiden mit Bestimmbüchern für Leute ausgestattet werden. Hier die Menschen-Rassen:

Menschen, die ihren Rotz in Tüchern mit sich herumführen

Menschen, die ausgeborgte Sachen zurückgeben

Menschen, die dem Kaiser gehören

Menschen, die gern mit ihren Fingerknochen knacken

Menschen, die unter 10 Sekunden für 100 Meter brauchen

Menschen, die gern bügeln

Menschen, die nur in englischen viktorianischen Romanen vorkommen

Menschen, die After Eight mögen

Menschen, die andere Menschen töten

Menschen, die „zum Bleistift“ sagen

Menschen, die Menschenbestimmbücher schreiben

Menschen, die 1,65 sind und 65 Kilo wiegen

Menschen, die römisch-katholisch sind

Menschen, die leicht neurotisch sind und sich neben Luftballonen nicht entspannen können, weil sie jederzeit mit deren Platzen rechnen

Menschen, die Tiroler sind

Menschen, die keine Menschen sind, weil sie keine Tiroler sind

Menschen, die Ludwig Wittgenstein verstehen

Menschen, die Ludwig Wittgenstein waren

Menschen, denen so eine depperte Auflistung gefällt

Mittwoch, Juni 01, 2022

Puppis in deiner Umgebung warten auf Langeweile und das Matriarchat

Phantomereignisse im Mai 2022

1.5.

Erstwanderung mit dem Hund. Das wahre Abenteuer ist die Anfahrt mit Buttingers neuem alten Citroën, der alle 100 Meter bedrohlich spotzt und trotzt. Bergauf sind wir zu Fuß schneller. Wir riechen im Bergwald stark nach Benzin. Ansonsten war's sehr schön.

2.5.

Aus dem GSA-Katalog (1981): „Fondpassagiere werden durch Seitenhaltegriffe und Kartentaschen am Vordersitz verwöhnt.“ Wann ist uns diese Fähigkeit abhanden gekommen, schon mit sehr, sehr Wenigem verwöhnt zu werden?

***

Tage voll hektischer Ereignislosigkeit. Im Irrglauben, überhaupt nichts weiterzubringen, erledigt sich dies und das.

***

Kleine Unterhaltung des Tages: Der Futterneid des Hundes. Sie fordert deutlich die Befüllung ihrer Futterschüssel, obwohl sie gerade gefressen hat, nur weil die fette Stief-Tante (wir sprechen über einen anderen Hund) zusehen muss.

4.5.

Der Nachbar sagt „Oh, da ist der Herr Pfarrer!“, als ich die Terrasse betrete, und ich nicke salbungsvoll in die Runde, bis ich bemerke, dass hinter mir wirklich ein Pfarrer die Terrasse betreten hat und salbungsvoll in die Runde grüßt. 


5.5.

Enge Beziehungen kann man kaum mit ausgeglichenem Saldo führen, man verstrickt sich gegenseitig immer stärker in Schulden. Etwa wenn die Schwester einen 10er spendet oder bei der Frage, was mir Dieter Decker im Austausch für meine Vernissagenhuldigung geben soll (einen Erstgeborenen hat er nicht, kommt mir auch leicht übertrieben vor).

Nach der Ansprache schenkt mir eine stark euphorisierte Frau ein Herz-Jesu-Karterl, sie bedankt sich für den schönen Satz „Ich liebe dich“, dabei habe ich ihn nur wieder einmal für den ollen Büffeteröffnungswitz missbraucht („Meine zwei liebsten Sätze in deutscher Sprache“). Ich liebe dich, das habe sie noch nie gehört (als hätte ich ihn gerade erfunden). Eine heilige Närrin. Decker prahlt leise mit seinem Mut, das Herz Jesu dankend abgelehnt zu haben.


6.5.

Gut bezahlt zu bekommen macht mich nervös. Ich hätte mir im kommunistischen Konsum- und Erwerbssystem leichter getan. (Update Juni: Ich habe mich geirrt, der Auftrag war gar nicht überbezahlt, ich habe das Honorar irrtümlich innerlich verdoppelt).

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Die Kriegs-Texte von der 2011er-Lesebühne sind noch so pfenninggut wie Papas Hausschuhe. Zum Glück haben wir keine fanatischen Fans, die sich gnadenlos alles merken, was wir so daherlesen.

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Immer öfter erschrecke ich, wenn sich Zeitgenossen als gleichaltrig herausstellen (Marc Pircher, der oö. Lungenprimar). Die Frauen schauen aber meistens sehr gut aus, da erneide ich eher.

***

Klassische Musik ist leider ein wenig wie klasische Geschichte – schön, aber es bleibt nichts hängen.

7.5.

Bester Lacherfolg bei der Verlesung des Nachbarschaftskriegstextes auf des Nachbars Terrasse: Wie die arme Schmitzi mit DDT behandelt wird, wenn sie mit dem Kompost in den Garten will. Nie werde ich das Vergnügungsbedürfnis meiner Nahwelt richtig abschätzen können.

Beim Heimkommen begrüßt mich ein ansehnlicher Blumenstrauß auf dem Küchentisch.

8.5.

Artigst bedanke ich mich bei meinen Übernachtungsgästen für die Blumen, sie halten es für eine Metapher, bis sich herausstellt, dass sie unschuldig am Muttertagsgruß sind: Der schon zum Fischen abgereiste Buttinger hat ihn mir im Namen vom Hund geschenkt. Sweet! 

Dann putze ich das Bad, weil es eh nur ironisch Muttertag ist.


9.5.

Lost in Gartenarbeit


10.5.

Lesung in Wien, zum Thema „Humor“, schütter besucht. Draußen flirrt der Frühling, im Keller ist es karg, leer und dunkel. Ich lese irgendwas, wahrscheinlich den Hundeohren-Text. Nach mir einer mit einem cheesy Sextext, den er aber so schreiben dürfe, denn er ist ja aus der Sicht der Frau. Anmoderation: „Ich wähle zwar nicht die FPÖ, aber so eine Impffreundin wie Dominika bin ich nicht, denn vorher konnte ich 30 Liegestütz, dann nur noch 10!“

Nach der Lesung sagt er, derzeit lebe er noch am Schneeberg, denke aber darüber nach, ans Meer zu ziehen. „Alpe-Adria, wegen der Luft. Ah! Alpe-Adria, findet ihr nicht?“ Ich frage ihn, ob das ein Familienwappen an seiner Brust sei. „Nein, haha, nur ein Markenlogo!“

Ah. Haha!“

Das Familienwappen trage ich am Ring, aber das ist ganz schlecht für den Energiefluss, der liegt zuhause.“

Seine Mutter habe wegen der Impfung Long Covid und Augenschmerzen, sich dann aber tatsächlich angesteckt, wodurch zumindest das Augenweh verschwunden sei.

Wenn ich mir was von den Männern wünschen darf: Einfach einmal ein anderes Thema als die Beschlafung und Entleibung von Frauen. Come on boys, wir schaffen das!

11.5.

Der Hund liegt illegal im Foyer meiner heutigen Wirkungsstätte, sie spreizt die Beine und vermittelt der Reihe nach jedem der vielen Jugendlichen, dass sie genau auf DICH gewartet habe. Ich verkneife mir das Wort „Flitscherl“ sowie die Tatsache, dass sie eh JEDEN liebt.

***

Zuhause nennt mich der Mann jetzt das „mittelgroße Wesen“ (und nach Bezahlen der Steuerschuld das mittellose). 


13.5.

Die wunderbare Katzendoktorin Schroll spricht diese Woche wieder in „Vom Leben der Natur“ auf Ö1, heute darüber, wie man Kätzchen bekommt. Man muss die Katze leischen lassen. „Drei Tage später kommt die Kätzin dann zurück, todmüde, dreckig und trächtig.“

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Beim Betreten der Melicharstraße begrüßen wir die versammelten Mitglieder der KPÖ Linz und den hochverehrten Riess mit einem herzhaften „Geht's wos hackln!“ Wir sind später angenehm überrascht, dass nicht einmal hier Putin sehr gut verstanden wird. Heim mit kaputtem Abblendlicht, scheiß Kapitalismus!

14.5.

Die neue eröffnete Boulderhalle versetzt mich in solch gute Stimmung, dass ich den jungen Männern, die mich höflich fragen, ob sie das Leiberl ausziehen dürfen, cheesy Altfrauenkomplimente mache.

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„Herr Ober!“ zum ersten Mal ganz gesehen. Das ist doch eine hervorragende Lyrik! Es geht um Maikäfer auf erdbebensicherem Gebiet. Nur dass im „Anschluss“ der widerwärtige Wegscheider auf Servus-TV vom Polt schwärmt, versalzt mir die Freude. 


15.5.

Tagwache um 2:47. Der Horror². Wie konnte ich dazu bloß Ja sagen?! Wie schafft der gute Sterrer das, mich zu solch gotteslästerlichen Handlungen zu bringen? Andererseits sind wir um 13 Uhr schon wieder in Hinterstoder, waren vorher aber auf dem Großen Tragl. Was man alles in einen Tag packen könnte. 

Es wird mit angemessener Sicherheit die letzte Skitour dieser Saison gewesen sein, nämlich eine, bei der wir die Ski länger tragen als sie uns. Ein Liebesdienst am Material, und eine Fron, mit der man sich einen Grausen geht, um es bis zum nächsten Winter auszuhalten.

Trotz Jetlags trinken wir nächtens mit den Nachbarn. Waltenberger lacht nach wenigen Wochen Abstand zur Ersterzählung wieder herzlich über das Ereignis, wie sich die alte Hündin einmal in die Hose scheißen musste (Erzählung wird auf Anfrage nachgereicht). Er sagt, er habe das schon wieder vergessen, und freue sich schon auf das dritte Mal. Running Gag des Abends: „If you need more of my seemen, give me a call!“ (Es geht um Chili, aber wollte das jemand wissen?)

16.5.

Der Automechaniker sen. fragt mich, ob er mich auf den Tausch des Abblendlichtbirnderls einladen dürfe, er habe immer so ein schlechtes Gewissen, dass er nie zur Lesebühne komme.

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Wenn ich nicht von der Skitour gestern so müd gewesen wäre, hätte ich keine Kraft gehabt zum Prokrastinieren im Büro. So aber schreibe ich, statt den Garten zu besamen.

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Es gibt in Österreich sechs neue Vogel-Arten: Jungfernkranich, Präriemöwe, Eleonorenfalke, Bergkalanderlerche, Wüstengrasmücke und Polarbirkenzeisig. Die Namen bestätigen das Ausmaß der Klimaerwärmung. Ich werde nicht googeln, ob es diese opulente Vogelnamenspracht wirklich gibt, weil ich will, dass es stimmt.

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Spam wird jetzt immer persönlicher gestaltet, soeben ist ein Mail mit dem Titel „Bilderschändung!“ eingetrudelt, und das interessiert mich leider wirklich. Mit Mühe nicht draufgeklickt.

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Ein sehr ambivalenter Tag mit vielen Männerproblemen: drei große, sinnlose Schlichtungsbitten. Aber auch: Ein Mann überweist mir einfach so das doppelte Lektoratshonorar (Kunstförderung), ein anderer hört sich am Abend ungewohnt geduldig die Schilderung der gescheiterten Mediationen an. Fazit: Es sind nie dieselben, die Energie kosten und die Energie schenken.

17.5.

Unterhaltsamer Termin auf dem Standesamt. Man fragt mich, ob ich geschäftsfähig sei, und der Mann, der mein Partner werden will, brummt nur leise, aber er und die Standesbeamtin lachen laut, als ich sage „geschäftsfähig schon, aber nicht geschäftstüchtig“, und der Partnerschaftskandidat sagt verschwörerisch „Sie ist halt keine Welserin“. Ob wir reiflich überlegt hätten, ob wir uns verpartnern lassen, fragt sie, denn man „kann nicht einfach drüberheiraten!“ Spannend, welche Konstrukte man erfinden muss, um die Ehe als Institution von mühevollem Pomp und überfrachteten gesellschaftlichen Erwartungen zu bewahren. Wir erwägen kurz einen Name-Swap, aber wenn ich „Klaus“ heiße, muss ich so viel erklären, also bleibt's beim Alten.

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Ein hässlicher Traum: Bei einer Konfrontation mit dem Bundeskanzler muss ich zu meinem Verdruss feststellen, dass er sehr gut riecht. Wortlos beschließen wir, das nicht zu ignorieren. Zugleich geniere ich mich fürchterlich! Wenn das rauskommt, ist das mein gesellschaftlicher Tod! Ich hätte so viel mehr zu verlieren als der Nehammer! Es ist aber auch ihm peinlich, von mir attrahiert zu werden. Ich schlage ihm vor, ins Finsterriegelkar zu gehen, weil da ganz bestimmt keine Menschen seien. Er nicht und wir gehen los. Wir kommen aber nicht weit, denn draußen vor der Tür wartet schon der Killer, der auf uns (oder eh nur den Bundeskanzler?) angesetzt ist.

 Die Katzendoktorin Schroll weiß sicher auch, dass das Erblühen des Bauernjasmins die Roll-Zeit der Minkis indiziert.

18.5.

Ist es nicht der schönste Job der Welt, Leute zu unterhalten? Ihnen das Warten auf den Tod zu versüßen?“ Kutzenberger, Kilometer Null

Die Moderation ist mir hervorragend gelungen, wie ich finde! Den Herrn Schriftsteller habe ich vor Freunden und Familie als „Lusche“ bezeichnet und seine LSD-Waage (mit der Aufschrift „Non verifié par l'etat“) als Tombolapreis ausgegeben.

Nicht einmal der Kutzeberger kann schon zugeben, dass er Schriftsteller sei. Wir bekennen einander, dass das nur jene ungehemmt von sich sagen, die uns ihre schrecklichen Manuskripte zum Gutfinden aufdrängen, oder Gäste bei der Lesebühne sein wollen, ohne überhaupt zu wissen, was das ist.

 

19.5.

Der Hund springt der Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse aufs Sommerkleid. Ikarus Kaiser sieht zwar schwarz, dass seine Ziegen unseren Besuch auf seiner Brunnwiesalm zu schätzen wissen, wir mögen es aber versuchen, denn es soll ein Wolf in der Nähe gesichtet worden sein.

20.5.

Wir freuen uns ein wenig wie alte, weiße Leute, dass unsere Lesebühnengästin Cornelia Travnicek Dreadlocks hat. Das ist zwar der geringste von allen guten Gründen, sie einzuladen, aber es sind halt auch recht törichte, aufgeregte Zeiten, in denen wir arbeiten. Wir fühlen uns vor Applaus von der rechten Seite sicher, weil die ja diese Rastakultur als minderrassig empfinden. Weil Linz in allen Belangen Jahre hinterherzockelt, gibt es auch keinen Grund zum Ärgernis. Es ist nicht alles schlecht an gemütlicher Provinzialität!

Mehr und Belangvolleres zur Lesebühne auf unserem Blog.

21.5.

Um ein Haar hätte ich vorgeschlagen, statt unserer Vornamen jeweils „Puppi“ in die Ringe gravieren zu lassen.

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Anfälle großer Sinnlosigkeit angesichts der maroden Schwimmbadtechnik. Trost im Suff.

22.5.

Politische Bildung in der Hundefreilaufzone.

„Warum wolltet ihr ein Weiberl?“

„Wegen dem Matriarchat.“

„Was heißt das?“

„Frauenherrschaft.“

„Ah, ok.“

„Das wird dir gefallen.“

„Hm, hm.“

Was man beim Äußerln eben so äußert (synonym für "das Schnattern der Hundebesitzer*innen").

23.5.

Der Bass der Don-Kosaken erinnert an das Röhren von Elchen.

24.5.

Das größte Irrtumspotenzial liegt nicht im Metaphysischen bzw. Transzendentalen, sondern in der morgendlichen Halluzination, was sich alles an einem Tag ausgeht.


27.5.

Google Translate ist schon viel zu gut, nur noch selten beglückt es mich mit Blödsinn wie „reduziert auf das Bärennotwendige“.

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Heute ist Kreisky-Konzert und ich gehe nicht hin. Ich geniere mich vor mir selbst, in mir ringen FOMO und Vergreisung. Am besten google ich gleich nach betreutem Wohnen, Hauptsache es gibt Bier und die heute-show.

28.5.

Langeweile <3

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Ein Typ dreht sich auf der Straße nach mir um und lallt mir „Jo, Puppi!“ zu. Entgeisterung.

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Wir sitzen vor dem Eingang des Schl8hofs und veranstalten einen Anti-Battle darüber, wer das Daheimsein am meisten liebt. Ich unterliege dem guten Waltila, weil ich unter „Sicherheitshose“ eine forstwirtschaftliche Schnittschutzhose verstehe, dabei geht es um eine, die man in Griffweite hat, wenn der Essensbote o.Ä. an der Tür klingelt. Echte Introvertierte ziehen sich nicht nur in sich selbst, sondern ins Haus zurück.

29.5.

Wer zu einer Matinée geht, hat sein Leben im Griff, gleichzeitig klingt das Wort nach dem Schlussstein des Verbürgerlichungsgewölbes, in dem man sich irgendwann einmauert. Es scheint, als trüge ich mir mein Kreisky-Versagen noch nach.

Martin Pollack geht auf uns zu und sagt „ja, Puppilein!“. Begeisterung. Der Hund legt die Ohren demütig an und leckt dem Staatspreisträger für Kulturpublizistik dankbar die Hände, ich küsse seine Backen. Seine Frau sagt, er nenne alles Puppi, das an sein Herz rühre, nur zu den Amseln sage er „Pippi“.

Wie aufs Stichwort kommt der Vogelkundler Hasi (ich nenne ihn ab jetzt besser „Vogi“). Er berichtet von einer Aussendung des Welser Magistrats, in dem der Ausbau der „Krabbenstube“ verkündet wurde.


30.5.

Kurt Kotrschal füllt Abend um Abend und Buch um Buch mit dem „Apex-Räuber“ Wolf, aber er hat offensichtlich keinen eigenen Gemüsegarten, sonst konzentrierte er seine Energie auf das Raubtier Nacktschnecke!!!! Ich schneide sie jetzt mit der Schere entzwei und fühle fast gar nichts mehr dabei.

Der Klenk beweint das Artensterben im Garten, wegen der bösen Chemie. Geschenkt! Aber das Hassobjekt Nacktschnecke erwähnt er nur zwecks Clickbaiting im Titel, im Text selbst verschweigt er jeden guten Tipp zur Koexistenz mit den Wegelagerschnecken! Bobo.


31.5.

Am zufriedensten darf ich heute damit sein, das Biertrinkangebot des Nachbarn um 11:38 ausgeschlagen zu haben. Er ist frustriert über das unbändigbare Gestrüpp seiner Hecken, ich über das unbändigbare Gestrüpp der Zwischenmenschlichkeit.

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Mühsamer Mai, sei vorbei!