Junge Awarin in Alltagstracht
Winifred I
Ein
Lǜ Jiǎo ist ein
Mensch, der in fremde Wohnungen geht und Fotos vom Klo macht; der den
Hund seines Gastgebers mit Füßen tritt; der die Pistole beim
Schießen quer hält wie in billigen Actionfilmen; der seinen Namen
in die Mauer eines Tempels ritzt und Knochen aus einem Beinhaus
stiehlt. Ein Lǜ Jiǎo isst den Schweinsbraten mit Stäbchen. Er ist,
was den Westen betrifft, noch grün hinter den Ohren, daher sein
Name: „grünes Horn“. Ein Lǜ Jiǎo verwechselt die Langnasen
miteinander, weil er sich nicht die Mühe macht, sie unterscheiden zu
lernen. Er macht einen Aufstand, wenn keine Kanne Tee in seinem
Zimmer steht, er verkauft im europäischen März seinen Nerzmantel
und wundert sich, wenn ihn die Erkältung niederstreckt. Ein Lǜ Jiǎo
nimmt den Klappfeitel so in die Hand, dass er sich selbst die Finger
abschneidet, wenn er damit kämpft. Ein Lǜ Jiǎo steigt in die
Berge, weiß die Wolken nicht zu deuten und wundert sich, wenn er
erfroren in der Gletscherspalte liegt, dass ihn die Einheimischen
nicht herausgezogen haben. Ein Lǜ Jiǎo ist eben ein Lǜ Jiǎo –
und ein solches war damals auch ich.
Enge,
karge Verhältnisse in der Heimat, der Wunsch, meine Kenntnisse zu
erweitern und ein angeborener Tatendrang hatten mich über den
Indischen Ozean getrieben. In Doha führte mich das Glück in eine
Familie von Landsleuten, wo ich eine Tätigkeit als Hauslehrer fand.
Doch eines Abends nahm mich ein Freund der Familie, ein alter
Waffenschmied, der meine physische Stärke und meinen
Unternehmergeist auf den ersten Blick erkannt und auch sonst Gefallen
an mir gefunden haben mochte, zur Seite. „Du bist ein Lǜ Jiǎo!“
Er schnitt mir mit einer Bewegung den Protest ab, „ein großes Lǜ
Jiǎo! Und doch will's mir scheinen, dass du für Größeres
geschaffen bist!“ Ich wollte die Familie nicht so schnell wieder
verlassen, aber der Waffenschmied blieb beharrlich und machte mich
mit Geschäftsleuten bekannt, denen er vertraute. Nach einigen Tagen
der Verhandlung, in denen er immer wieder mein Geschick beim Rechnen
und Schattenboxen gepriesen hatte, war man sich über meinen Kopf
hinweg handelseins. Ich sollte Surveyor werden. Die Bahnstrecke, die
schon von Changsha über Bischkek nach Teheran führte, die neue
Seidenstraße, sollte künftig bis an den Atlantik reichen. Meine
Abteilung war für die Vermessung der Strecke durch die Alpen
zuständig.
Der
Büchsenmacher lud mich zum Abschied in eine der Hafenspelunken, und
als wir uns am Ende schnapstrunken voreinander verbeugten, stand ihm
das Wasser in den Augen.
Anfang
September waren wir bereits drei Monate in Dienst, hatten aber unsere
Aufgabe noch nicht gelöst, während die Strecken durch den Balkan
sowie durch die Niederungen bis Rotterdam schon vermessen und die
anderen Trupps längst wieder zuhause waren. Für unsere Verzögerung
gab es gute Gründe. Wir hatten ein sehr schwieriges Terrain zu
bearbeiten. Die Bahn sollte dem Lauf der Donau folgen, dann aber in
das Voralpenland hin zum Mittelmeer abgehen, durch Täler und über
Pässe; wir mussten die geeignete Richtung erst finden und legten uns
nach anstrengenden Geländefahrten und Wanderungen spät darauf fest,
dem Lauf eines Gebirgsflusses, der in Linz in den Strom mündete,
südwärts zu folgen. Erschwert wurde das alles noch dadurch, dass
wir uns in einer gefährlichen Gegend befanden, denn es trieben sich
Awaren, Slawen und Bajuwaren umher, die von einer Bahn durch das
Gebiet nichts wissen wollten. Wir mussten stets auf der Hut sein,
wodurch unsere Tätigkeit erst recht verlangsamt wurde. Zudem lagen
meine Mitarbeiter halbe Tage völlig betrunken auf der Erde. Es gab
immer wieder Streit, insbesondere der trunksüchtige Vorarbeiter
Shǔ neidete mir alles. Keiner
nahm es genau mit der gewissenhaften Erfüllung seiner Pflicht,
sodass die schwierigen Aufgaben allesamt an mir hängen blieben.
Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn ich bin stets der Ansicht
gewesen, dass man umso stärker wird, je mehr man leisten muss.
Nur
mit Gǔ,
einem unserer Securities, hatte
ich es gut getroffen, er wurde mir in dieser Anfangszeit zum Lehrer
in allen Fragen, was den Westen betraf. So unterwies der kauzige Kerl
mich in der kargen freien Zeit im Gebrauch des Klappmessers und im
Fingerhakeln. Und bald erlangte ich in der Kletterkunst und
Seiltechnik größte Fertigkeit und kam mit Leichtigkeit jede Wand
hoch. „Schön so, junger Freund! So ist's recht!“, rief Gǔ
lachend, „aber bildet euch ja nichts ein, ihr seid immer noch ein
Lǜ Jiǎo!“
Langsam
kamen wir voran. Seit Tagen hatten wir schon einen mächtigen Berg
ausnehmen können, und als wir schließlich auf dem ersten
vorgelagerten Hügel standen, tat sich vor uns ein herrliches
Panorama auf; ein tiefgrüner See füllte die Ebene zwischen den
karstigen Türmen. Des Abends schlugen wir unser Lager an einer
kleinen Halbinsel am Westufer auf. Gǔ
lud mich an sein Feuer. „Lasst morgen die Arbeit einmal ruhen.
Wollen auf die Jagd gehen, die Wälder sind so dicht, es muss ganze
Herden an Rotwild geben, und wenn Ihr halbwegs rüstig zu Fuß seid,
zeigt sich uns vielleicht die eine oder andere Gämse, wenn ich nicht
irre.“
Und
wirklich war uns das Jagdglück am nächsten Tag hold, allerdings
nicht so, wie sich der erfahrene Westmann das vorgestellt hatte. Wir
waren zwei Stunden in den Bannwald hinaufgestiegen und erreichten am
Vormittag die Baumgrenze. Auf dem Altschneefeld unterhalb eines Kars
tummelten sich die Gämsen, von denen ich bis dato nur gelesen hatte.
Gǔ bedeutete mir, still sitzen zu bleiben, er selbst schlich sich zu
den Bergziegen hinüber. Doch noch ehe er seine Büchse anlegen
konnte, gab der Fels unter ihm nach und er fiel wenig geschickt einen
Abhang hinab. Den Jäger wittern und auf ihn losstürzen waren dem
Leitbock eins. Sogleich legte ich meinen schweren Vorderlader an –
ein Schuss krachte und Gǔ war aus seiner misslichen Lage errettet.
„Tut mir einen Gefallen, erwähnt mein Missgeschick nicht!“, bat
er mich, nachdem wir die Keulen der Gämse ausgelöst und in die
Rucksäcke geladen hatten. Ich sicherte ihm das lachend zu und wir
machten uns an den Abstieg.
Wir
hatten uns auf zwei Li dem Lager angenähert, als grässliches
Geschrei die Gebirgsruhe durchschnitt. Ich lief in langen Schritten
und hatte bald den Ort des Geschehens erreicht. Den Augen bot sich
Entsetzliches – rings auf den Bäumen saßen die Arbeiter und
brüllten um Hilfe. Direkt vor mir stand der Braunbär und wühlte im
Unterleib des Kochs Long, der es nur auf den ersten Ast einer Buche
geschafft hatte. Ich hob – ohne nachzudenken – einen Stein vom
Boden. Der Petz hielt, am Kopfe getroffen, sogleich in seinem Wüten
inne und drehte sich zu mir um, der ich ihn mit einem Schuss ins
rechte Auge empfing. Der Bär sackte auf die Vorderläufe, dann
tappte er stracks auf mich zu, wo er sich wieder erhob. Ich zog mein
Klappmesser, sprang zwischen die Tatzen und stach zu. Viermal in das
Herz hinein. Der Bär gab nach und sank in seinen Tod. Ich ging zum
Stamm, an den sich Long klammerte. „Lasst los, Mann, ich helfe euch
herunter!“ Der Anblick war wüst, die Eingeweide hingen ihm aus dem
Bauch. Er war tot. Die Arbeiter wollten erst von den Bäumen steigen,
nachdem ich ihnen die Leblosigkeit des Tieres bewiesen hatte.
Gǔ
hatte alles gesehen, er beugte sich über den Leichnam. „Ó! Ein
Braunbär, hier? Dachte, die wären samt und sonders ausgerottet!
Muss von Karantanien her kommen.“ Die Arbeiter, die gerade noch um
ihr Leben gefürchtet hatten, wollten sich nun gierig daran machen,
dem Bären die Krallen und den Penis abzuschneiden, um sie als
Heilmittel weiterzuverkaufen. „Der Bär ist mein!“ rief ich, aber
sie wichen nur kurz zurück. „Noch ein Schritt weiter und ich
schlage jeden ohnmächtig, der --“
In
diesem Augenblick tönte eine laute Stimme. „Meine Herren, seid ihr
toll? Was für einen guten Grund könnte es geben, dass Landsleute
einander den Hals brechen?“ Alle drehten sich um. Da trat ein
buckliges Männlein hinter einem Baum hervor. Er war so hellhäutig,
dass man ihn für einen Europäer halten musste. Die Arbeiter
verzogen höhnisch die Gesichter. Der Kleine beachtete sie nicht,
sondern wandte sich an mich. „Habt Ihr Kraft in den Knochen, junger
Herr!“ Er kniete sich zum Bären. „Ihr seid uns zuvorgekommen. Da
liegt er, der Braune. Hat angefangen, unser Vieh zu reißen. Drei
Tage sind wir seiner Fährte gefolgt.“ Er richtete sich wieder auf.
„Ihr seid Landvermesser?“ Ich nickte und erzählte ihm von der
Bahn. Ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Der Boden, auf dem Ihr
euch befindet, gehört dem Stamm der Awaren vom Salzberg.“ „Was
geht euch das an?“, brüllte da Shǔ. „Ich gehöre zu den
Awaren“, antwortete der Bucklige ruhig. „Ah!“ krähte Shǔ in
spöttischer Bewunderung, „Huángsè-fùqīn, der Schulmeister der
Langnasen!“
Der
Kleine rief ein europäisches Wort in den Wald, das ich damals noch
nicht verstand, worauf zwei außerordentlich interessante Gestalten
auf die Lichtung traten. Es waren offensichtlich Vater und Sohn, die
da würdevoll auf uns zukamen. Sie trugen ihr reiches blondes Haar
wie einen helmartigen Schopf, ihre Augen strahlten blau. Sie waren
von etwas mehr als mittlerer Gestalt und in die grünen Jagdröcke
der Gegend gekleidet. An den Beinen trugen sie wollene Socken,
darüber fein gearbeitete und schön bestickte kurze Hosen aus
Gamsleder. Der Jüngere war ungefähr in meinem Alter und machte
schon heute, da ich ihn zum ersten Mal erblickte, einen tiefen
Eindruck auf mich. „Das sind meine Freunde“, sagte Huángsè und
wies auf den Älteren. „Das ist Ingenieur Tschurner, Bürgermeister
der Salzberg-Awaren, der auch von den anderen Stämmen als
Bezirksobmann anerkannt wird. Und hier steht sein Sohn Winifred, der
trotz seiner Jugend schon mehr kühne Taten verrichtet hat als fünf
alte Jäger.“ Das klang überschwänglich, war jedoch, wie ich
später erfuhr, nicht zu viel gesagt. Shǔ aber lachte wieder
höhnisch auf.
Winifred
bückte sich zum Bären hinunter und betastete die Wundmale. „Wer
hat diesen Bären mit dem Klappmesser angegriffen?“ Er sprach
reines Mandarin. „Ich“, war meine Antwort. „Das junge
Gelbgesicht hat großen Mut bewiesen!“ Der Bürgermeister der
Awaren wandte sich an Shǔ. „Mein gelber Bruder mag mir einige
Fragen beantworten und dabei die Wahrheit sagen. Hat er im Osten ein
Haus, und ein Stück Land dabei?“
Shǔ
unterdrückte seinen Hohn halbherzig. „Ja.“
„Wenn
nun der Nachbar einen Weg durch diesen Besitz meines gelben Bruders
bauen wollte, würde dies mein Bruder dulden?“
„Nein.“
„Die
Länder jenseits des Himalayas und des Indischen Ozeans gehören den
Chinesen. Was würden sie dazu sagen, wenn die Europäer kämen und
dort Eisenbahnen bauen wollten?“
„Sie
würden sie fortjagen.“
„Mein
Bruder hat die Wahrheit gesprochen. Die Gelben kommen in dieses Land,
schießen unsere Gämsen, füllen unsere Dörfer, verkaufen uns ihren
elektrischen Plunder. Sie rauben unsere Bodenschätze und
Arbeitsplätze. Was werden wir dazu sagen?“
Shǔ
schwieg.
„Haben
wir etwa weniger Recht als ihr?“ fuhr Ingenieur Tschurner fort.
„Ihr nennt euch Kommunisten und sagt, dass alle gleich sind. Ihr
rafft alles an euch und werft es auf den Weltmarkt. Ist das gerechtes
Wirtschaften? Jeder von euch möchte einen ganzen Staat besitzen!“
„Es
ist notwendig für das Wachstum“, sagte Shǔ kleinlaut.
Da
wurde der Häuptling unwirsch. „Es ist nicht notwendig, dass ferner
noch Reden gehalten werden. Ich, Tschurner, will, dass ihr heute noch
fortgeht. Alsdann!“ Er nickte seinen Begleitern zu, die drei
wandten sich zum Gehen. Da griff Shǔ mit einer Geschwindigkeit, die
ihm niemand zugetraut hätte, nach der Pistole. Ich stürzte auf ihn
zu, doch schon löste sich ein Schuss. Huángsè sprang beherzt vor
seinen Schützling Winifred, dem die Kugel gegolten hatte. Sie trat
dicht neben dem Herz des Alten ein, er stürzte wie ein gefällter
Baum. Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erscholl. Die beiden
Weißen knieten nieder, der Jüngere hob den Kopf des Getroffenen auf
seinen Schoß. Das Blut quoll hervor. „Winifred, mei Bua!“
flüsterte er in der europäischen Mundart. Da wandte er sich zu mir,
sprach mit dem letzten Atemzug auf Mandarin: „Bleiben Sie ihm treu!
Führen Sie mein Werk fort... die Weißen brauchen Ihre Hilfe!“ Ich
sagte es ihm ergriffen zu. Er hauchte sein Leben aus.
Winifred
und sein Vater hoben stumm den Leichnam auf. „Ich will euer Freund
sein! Ich gehe mit euch!“ drängte es über meine Lippen.
Da
spuckte mir Tschurner ins Gesicht. „Räudiger Hund! Länderdieb!“
Die
Weißen hoben ihren toten Lehrer auf ihren Traktor, banden ihn fest
und fuhren von dannen. Sie hatten keinen einzigen Blick mehr für
uns.
Am
nächsten Tag, noch vor Sonnenaufgang, bestiegen Gǔ und ich unsere
Motorräder, um den Spuren des Bürgermeisters und seines Sohnes zu
folgen. Sie waren im Uferschlamm des Sees zunächst noch weithin zu
sehen, was uns verwunderte. Am Südufer des Sees führten sie zu
einem Forstweg, und mich deuchte, der Traktor habe hier gehalten. Und
wirklich entdeckte ich in scharfer Beobachtung eine Fußspur in den
Wald. Sie endete am Fuße einer Felswand, und von hier ging eine
Motorradspur weg. „Hāu,
das Lǜ Jiǎo hat einen scharfen Blick!“, lobte mich Gǔ. Wir
fuhren weiter in den Süden.
Zu
Mittag sahen wir Staub vor uns aufsteigen. „Werden Gesellschaft
kriegen“, sagte Gǔ, und fuhr zu meiner Überraschung den Weißen
entgegen. „Es sind Bajuwaren, ihr Führer ist Franz, ein
unternehmender Waldmann. Keine Bange, sind Verbündete. Die Awaren
hassen sie, weil sie ihnen das Salz wegnehmen und am Markt
verschleudern. Unsere Rettung, wenn ich nicht irre.“ Kurz darauf
stand der Spähtrupp vor uns. Franz, ein junger Mann mit
zurückgelegtem Haar, gewandet in einen engen Anzug, grüßte uns.
Wir boten ihm und seinen Leuten unsere Lotus-Zigaretten, und bald
saßen wir schmauchend da und verhandelten. Uns fehlte für die Bahn
nur noch die Strecke bis zum Gebiet der Styrer. Den Bajuwaren
versprachen wir für unseren Schutz 24 neue Smartphones. Nach einigem
künstlichen Zieren sagten zu.
Am
nächsten Tag machte ich mich wieder an die Arbeit. Die Bajuwaren
lagerten abseits und warfen, wie wir feststellen mussten, begehrliche
Blicke auf unseren LKW. Meinen Kollegen war unwohl, und auch ich
fühlte in mir angesichts der zu erwartenden Ereignisse eine innere
Unruhe – kein Kanonenfieber um meiner selbst willen, sondern um den
Ingenieur und seinen Sohn! Ich dachte so fortwährend an ihn, dass er
mir innerlich immer näher trat. Und sonderbar, ich habe später von
ihm erfahren, dass er sich damals ebenso oft mit meiner Person
beschäftigt hat wie ich mit ihm.
Wir
schlugen an diesem Abend unser Lager neben einem aus dem Felsen
gehauenen Löwen auf, der die Grenze zwischen den Reservaten der
Bajuwaren und jenen der Salzberg-Awaren markiert. Keiner von uns tat
in dieser Nacht ein Auge zu – und trotzdem fuhr uns der Schrecken
in alle Knochen, als das Kriegsgeheul der Weißen die Stille zerriss!
Wir sprangen auf unsere Beine, da drangen die Angreifer schon aus dem
Unterholz. Mit erhobener Mistgabel rannte der Ingenieur an der
Spitze; als ich seiner gewahr wurde, lief ich mit ein paar Sprüngen
auf ihn zu, um ihn daran zu hindern, im Kampf gegen die verfeindeten
Bajuwaren ein Leids zu erfahren. Der Anführer hieb auf mich ein, nur
mit knapper Not entging ich seinen Angriffen. Das Gefecht wogte um
uns herum. Eine Sekunde reichte mir, da er seine Deckung
vernachlässigte, dass ihn meine Handkante an der Schläfe traf und
er scheinbar tödlich getroffenen fiel. Da! Ein derber Schlag mit
einem Baseballschläger auf meine Schulter – Winifred! Meine Linke
hing wie gelähmt von der Schulter, mit der Rechten wehrte ich das
Messer ab, mit dem er auf mich losging. Vergebens suchte ich das
Gespräch – er glaubte seinen Vater von mir getötet und drang
wütend gegen mich vor. Meine Lage war äußerst schlimm. Er holte
zum Stoß gegen meine Brust aus, der mir die ganze Klinge in die
Brust treiben musste. Ich brachte nur eine geringe Bewegung zur Seite
fertig. Das Messer traf meine linke Brusttasche, traf dort das Huawei
und drang oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund
und durch die Zunge. Dann zog Winifred es wieder heraus und holte zum
zweiten Mal aus. Die Todesangst verdoppelte meine Kräfte. Ich packte
seine rechte Hand und drückte sie so, dass er das Messer vor Schmerz
fallen ließ. Sprechen konnte ich nicht mehr, das Blut floss in einem
dicken Strahl aus Hals und Mund. So drehte ich mich um meine Achse
und konnte mit letzter Kraft einen Roundhouse-Kick an Winifreds
Schläfe platzieren. Er sank neben seinen Vater hin. Tief holte ich
Atem, wobei ich darauf achten musste, das Blut nicht zu verschlucken.
Da hörte ich einen zornigen Ruf eines Awaren hinter mir und bekam
einen Kolbenhieb, der mir die Besinnung nahm.
Als
ich wieder zu mir kam, war es Tag. Ich fühlte, dass ich mich in
Bewegung befand, wohl auf der Schaufel eines Traktors. Schulter, Kopf
und vor allem der Mund schmerzten entsetzlich. Ich verlor erneut die
Besinnung. Lange kämpfte ich mit Gämsen, Braunbären, Awaren.
Schnee fiel mir ins Genick, Nebel blendete meine Sinne. Zuweilen sah
ich zwei strahlende blaue Augen vor mir. Dann starb ich, wurde in der
Erde vergraben, ganz nach Brauch der Weißen. Es war der Wundbrand,
in dem ich gegen den Tod kämpfte.
Einmal
beugte sich ein vertrautes Gesicht über mich – Gǔ, der Westmann!
Er strahlte. Ich versuchte zurückzulächeln. „Drei volle Wochen!“,
rief er, so lange habe ich dagelegen, während mich die Einheimischen
mit Homöopathie und der TCM, die sie Huángsè gelehrt hatte, zu
retten versuchten.
***
So
fügte es sich im Folgenden, dass ich nicht nur überlebte, sondern
bald Mitglied des Stammes werden sollte. Wie ich den Kampf um mein
Leben gegen Winifred gewann, wie ich sein Bruder wurde, wie ich den
Weißen half, die Neue Seidenstraße zu verhindern, wie es meinen
Landsleuten dennoch gelang, das ganze Lager der Awaren am Fuße des
Salzberges zu rauben und zuhause in Südchina als
Schau-Dorf im Vergnügungspark aufzustellen – – das und noch
vieles mehr bleibt im zweiten Teil meiner gesammelten Reiseerlebnisse
zu berichten.
Veröffentlicht (gekürzt) unter dem Titel "Im Westen" in: Facetten. Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz, 2018