Mittwoch, Juli 15, 2020

Liebe im Beinhaus. Ein Leuchtturmprojekt mit Schattenseiten

 Den Beginn seiner Sommerferien hat sich der LH anders vorgestellt. Just in dem Moment, als er das Sunkist-Packerl, die Mannerschnitten und das Vogerlbestimmbuch im Rucksack verstaut, ereilt ihn der Anruf seines Büroleiters. Der Vogelpark Schmiding wird warten müssen, das Land braucht ihn.

Der Alt-LH hebt erst beim dritten Anruf ab, da ist der Nachfolger schon fast wieder in Linz. Pühringer ist grantig, vor ihm dampfen die Schöttbullar, ihm gegenüber die Gattin, die sich schon so auf den gemeinsamen Ikea-Ausflug gefreut hat. „Wos is, Thomas, a neicha Cluster, bei mia in Ansfön?“ „Na, Sepp. Wos hosd du do in Schönering augstöht!?!?!?!“ Pühringer erblasst, sagt „I kum eina“, schiebt sich vier Fleischbommel in den Mund und küsst die Gattin, die später wütend und zfleiß den Einkaufswagen mit Teelichtern, Servietten und Deko-Objekten füllen wird.

Im LH Büro auf der Promenade. „Die Nachrichten werden uns dögeln!“, jammert der LH, der Altspatz sieht fassungslos auf die Fotos, die ihm Rechnungshofpräsident Gsengteis über den Tisch schiebt und fragt „Herr Alt-LH, wie konnten sie denn so einen Schmarrn fördern?!“ Pühringer stampft wütend auf: „Eine Förderung in dieser Größenordnung mache ich doch nicht ohne Zustimmung der anderen Parteien. Für wie blöd hält man mich?“ Stelzer flüstert, „Josef, 1,8 Millionen für...“, Pühringer unterbricht ihn polternd, „der Sozi-Bürgermeister von Wilhering wollt's haben! Und das kommt vom Balkan herein!“ Der Nachfolger birgt seinen Kopf in den Händen und weint ein bisschen, „ausgerechnet über das Kulturbudget, wenn das aufkommt, kann ich wieder nicht kürzen, weil sie sich alle solidarisieren! Und ich muss es wieder ausbaden!“ „Es is halt Digitalisierung und Leuchtturmprojekt im Förderantrag gstanden“, mault Pühringer. Gsengteis schaut in seine Unterlagen. „Ok, stimmt, und do steht Standortentwicklung durch Regionalmanagment aa nu, glei neben Impulse für Tourismus.“ Stelzer zeigt auf eine Passage: „Arbeitsplätze und Glasfaserausbau hat sie auch noch reingeschrieben. Das ist so gemein! Die weiß genau, dass wir bei den Zauberworten hilflos sind wie die Katzerl im Minzrausch!“ Pühringer schaut trotzig auf die Promenade hinaus. Er ist in die Falle getappt wie ein Labrador zum Fressnapf.

Dort unten verlässt soeben ein junger Praktikant das Redaktionsgebäude, heute ist Leander Katzenschlägers dritter Tag im Linz-Land-Ressort – und er muss jetzt raus, zu den Leuten. Schwer hängen die Kameras um seinen blassen Hals, er muss gleich alle Kanäle bedienen, so crossmedial geht’s heute zu bei die Medien. Knapp erreicht er den Wiliabus, knapp bekommt er noch einen Platz. Unterwegs versucht er, den Touristen O-Ton über ihre Beweggründe abzuzapfen, damit die Geschichte menschlich wird, aber keiner spricht eine brauchbare Sprache. Inmitten des Besucherstromes wird er an sein Ziel getrieben: Hallstatt. Das hat sich Leander immer anders vorgestellt, größer und erhabener. Dieses hier sieht aus wie ein Speckgürtel-Einfamilienhaus aus den späten 70ern. Die Asiaten besteigen nun frohlockend die Feuerwehrzille, die in einem billigen Schwimmbecken treibt. Katzenschläger hat kein Reisebudget, er wählt die billige Variante und geht zu Fuß direkt auf den „Ortseingang“ zu, vorbei an einem Dixie-Klo, vor dem sich eine lange Schlange geduldig wartender Hongkonger äh... schlängelt. Der geborene Österreicher hat Berge und einen tiefgrünen See in Erinnerung, aber das hier sieht eher aus wie eine Garage mit Alpen-Fototapete, ein wenig so wie die Klos im Railjet, riecht hier auch so, nur ist alles voller Souvenirshops. Katzenschläger sichtet das Sortiment. Leih-Dirndl, aus Papier ausgeschnitten, die man auf aus der Hüfte geschossene Polaroids von einem selbst kleben kann, für zehn Euro. Daneben ein Regal voller Joghurtbecher. In einem Anfall von Investigationsjournalismus lüpft Katzenschläger einen Vorhang, dahinter ertappt er Kinder, die Salz aus Straßenmeisterei-Großgebinden in schlecht ausgewaschene PET-Behältnisse füllen und billig kopierte Sisi-Bilder draufpicken. Als er ein Beweis-Foto schießen will, spürt er eine stählerne Faust in seinem Jungmännergenicklein. „Wos is, Puppi!“ dröhnt eine Stimme, und langsam dreht er sich um. Da steht eine seltsame Frau in zu enger Lederhose vor ihm, mit unentschiedener Haarfarbe und entschlossenem Business-Blick, sie sieht mongolisch aus, aber er möchte nicht rassistisch sein. „Bist du vo da Zeitung?“ sagt die Mongoloide, er nickt schüchtern und sie schlägt ihm auf die zarte Schulter. „I hob nix zum vabergn, kum mit, i bin de Bürgermeisterin von Hallstatt™!“

Die komische Frau zieht den Praktikanten ins Innere des Hauses, das ganz und gar vor Gästen wimmelt, es ist eng wie in einer Pfingstfreikirche. „Jo, vü san's scho, owa weng da Kurtaxe samma jetzt koa Obgangsgemeinde mehr!“, sagt sie, während sie sich durch die Menge drängt. „Am Omd san's eh olle wieda weg und wir Menschen im Salzkammergut haben die herrliche Natur wieder für uns!“ Katzenschläger schaut aus einem der schlechtgeputzten Fenster hinaus auf Erdhollerwolken und Efeumetastasen. „Endlich Oarbeitsplätze in der Region!“ sagt sie, und zeigt zur Küche, in der Frauen in ärmellosen Kleiderschürzen Faschiertes und Toastbrot in Mixer stopfen, eine gießt Ansatzkorn darüber. „Des is a Schmankerl aus der Region, der Hallstatt-Smoothie! Mogst wos? Oda a vegane Bowl, gaunz gsund?“ Die Bürgermeisterin zeigt auf die Gierschplantage hinaus, „brock ma da gaunz frisch!“ Der Jungjournalist verneint, er darf sich nicht anfüttern lassen, das haben ihm die Altspatzen in der Redaktion noch eingeschärft. Er nimmt seinen Mut zusammen. „Ah, Frau...“ „Meindl!“ sagt die Komische. „Frau Meindl, das … ah … ist doch nicht das echte Hallstatt“,

Junger Mann! Die Rede von Realität, Eigentlichkeit und Authentizität ist ein phallozentristischer cisheteronormativer Essenzialismus, der angesichts der komplexen Stabilisierungen postmoderner Identitätskonstruktionen...“ Ein Wimmern. „Sonst noch Fragen?“ Nein, dem Katzenschläger rinnen schon die Tränen über die kaum beflaumten Backen. „Gut, dann zeige ich dir jetzt unsere unique selling proposition, Welterbe! Das BEINHAUS!!!“ Willenlos lässt sich der junge Mann durch die Massen des Overtourism ziehen, hinab, hinab, hinab, eine Stiege nach der anderen, vorbei an leeren Bierkisten, verstaubten Fitnessgeräten, billigen Pressspankindermöbeln. Vor einem Bunker bleiben sie stehen, der Wächter nickt der Bürgermeisterin zu und tut den beiden auf. Im modrigen Dämmer und im Funzelschein einer fettigen Lavalampe kann Katzenschläger zuerst nichts ausmachen außer einem scheißlichen Geruch, und erst als sich seine nun tränenlosen Augen an das bisschen Licht gewöhnt haben, sieht er die vielen, vielen Hundekauknochen, die sich neben Ribiselmarmeladegläsern (Jahrgang 2001, Katzenschlägers Geburtsdatum) auf den Kellerregalen türmen.

Das Beinhaus. Angesichts der Endlichkeit menschlicher Existenz überkommt hier sogar einen Tatmenschen wie mich der Vanitasgedanke“, sagt Meindl, dann schnalzt sie mit der Zunge. „Wos is jetzt mid uns zwaa?“, Katzenschläger löst die Kameras von seinem Hals, lässt sie fallen, er legt seine schlanken Finger in die ausgestreckte schwielige Rechte der Bürgermeisterin. Seiner Bürgermeisterin.

Mittwoch, Juni 10, 2020

Sudernde Sudeten

Da sich das Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen Europas zum 75. mal jährt und in den OÖN der "Stunde null" gedacht wird, budeln sich auch die organisierten Sudetenvertreter wieder auf. Ich denke, das ist ein passender Anlass dafür, ein Kapitel aus "In der Heimat der Fußkranken" hier hereinzukopieren.

Sudernde Sudeten

Viele ältere Mühlviertler sind auf ihre Nachbarn im Norden gar nicht gut zu sprechen. »Die Tschechen tun ja grad so, als ob ihnen Gott dieses Land geschenkt hätte!«, ereiferte sich jüngst ein älterer Arnreiter, der als Sudetendeutscher nach 1945 vertrieben worden war. Als hätte Gott den Sudeten oder irgendjemand anderem Wald und Wiesen geschenkt. Als hätte Hitler nicht Krumau und Kaplitz 1939 gewaltsam an „Oberdonau“ angegliedert.
Die Sudeten – eigentlich der Name jenes Gebirgszuges, der Deutschland, Tschechien und Polen verbindet – haben aus ihrer Sicht Grund, mit den Tschechen über Kreuz zu sein. Die ersten von ihnen hatten ab dem 12. Jahrhundert die Grenzregionen Böhmen und Mährens kolonialisiert. Pest und Kriege entvölkerten das Land und lockten weitere Siedler an. Unter den Habsburgern gab bei der Volkszählung von 1910 ein Drittel der böhmischen Bevölkerung Deutsch als Umgangssprache an (2,2 von insgesamt 6,6 Millionen Menschen).
Am 1. Oktober 1938 wurden die Sudetengebiete mit ihren insgesamt 2,9 Millionen deutschsprachigen und 700.000 tschechischsprachigen Bewohnern „heim ins Reich“ geholt. Heute beraten Historikerinnen darüber, ob nicht genau hier ein guter Zeitpunkt für den Rest Europas gewesen wäre, Hitler militärisch auf die Finger zu klopfen, zumal die mit dem Sudetenland annektierten Grenzbefestigungen später von der Wehrmacht als uneinnehmbar erachtet wurden und die tschechoslowakische Armee zu diesem Zeitpunkt eine der bestausgerüsteten Mitteleuropas war.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft kamen die von der tschechoslowakischen Exilregierung in London ausgearbeiteten 143 „Dekrete des Präsidenten der Republik“ zum Tragen, nach denen 2,9 Millionen Menschen als „staatlich unzuverlässig“, ergo Staatsfeinde eingestuft wurden. In Österreich, Deutschland und Ungarn werden sie gerne „Beneš-Dekrete“ genannt, vielleicht weil die Reduzierung auf eine Person noch dämonischer wirkt. Die Dekrete betrafen auch die 2000 bis 3000 überlebenden Juden (von ursprünglich 40.000), die sich bei der Volkszählung als ›deutsch‹ deklariert hatten. Ihr zuvor „arisiertes“ Vermögen wurde nach dem Krieg als deutscher Besitz konfisziert. Trotz eines späteren Erlasses zugunsten der solcherart erneut Beraubten sahen diese ihren Besitz nie wieder – die kommunistische Partei verfolgte bekanntlich die Strategie der Verstaatlichung privaten Eigentums.
Die Tschechen waren jedenfalls durchaus gründlich bei der revanchistischen und von den Alliierten geduldeten „Ausbürgerung“, obwohl die Dekrete an sich eine derart systematische Vertreibung nicht rechtfertigten. Nach einigen öffentlichen Ansprachen von Präsident Edvard Beneš kam es im Mai 1945 zu „wilden Vertreibungen“, sprich: brutalen Massakern. Die Zahlen der Todesopfer schwanken zwischen 18.816 und 270.000.
Es verschwanden nicht nur die Menschen, sondern auch deren Häuser. Ganze Dörfer wurden bis auf den letzten Stein abgetragen. Vor einigen Jahren besuchte ich das malerische Ktiš nahe Prachatice. Dort liegen auf dem Friedhof der 1310 erbauten Kirche noch die Ahnen der Sudeten. Ansonsten ist außerhalb des Dorfes kein Stein ihrer Höfe mehr zu sehen; alte Fotos wirken angesichts der heutigen Leere wie eine Fata Morgana.
In das entvölkerte Sudetenland zogen nach dem Krieg Tschechinnen aus dem Landesinneren und dem Ausland. Viele der Vertriebenen flüchteten nach Oberösterreich. Etliche meiner Freunde haben sudetendeutsche Großeltern. Laut Erzählungen waren die Großeltern naturgemäß traumatisiert durch das erlittene Unrecht, gleichzeitig aber froh, nun auf der „richtigen“ Seite des Eisernen Vorhangs zu leben. Ihren Enkeln haben sie keine Ressentiments vererbt. Ganz im Gegenteil zu den organisierten Sudeten.
Die Vertriebenenorganisationen der Sudetendeutschen Landsmannschaften sind ein Erbe, das aus der NS-Zeit über uns gekommen ist. Nicht umsonst wird bei ihnen vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) eine Nähe zum Rechtsextremismus erkannt; politisch sind sie wie alle anderen organisierten vertriebenen „Volksdeutschen“ fest in der Hand des Dritten Lagers – auch in Oberösterreich. „Sie leben in der Vorstellung, sie seien die vergessenen Opfer, dabei wurde besonders auch in Oberösterreich jahrzehntelang ausschließlich über sie geredet, wenn es um die Opfer des Krieges ging, und nicht über 'Zigeuner' oder Juden“, sagt Josef Goldberger vom oberösterreichischen Landesarchiv. „Die Vorgeschichte der Vertreibungen und Übergriffe – die NS-Verbrechen in den jeweiligen Ländern und die Beteiligung von Volksdeutschen daran – wird weitestgehend ausgeblendet“, heißt es auch in der Stellungnahme des DÖW aus dem Jahr 2004.
Vor einigen Jahren plante der Nationalratsabgeordnete Norbert Kapeller, Wehr- und Vertriebenensprecher der ÖVP, ein Museum der deutsch-tschechischen Völkerverständigung in seinem Bauernhof in Leopoldschlag. Das Land Oberösterreich hatte dies zunächst fördern wollen. Im Jahr 2010 zog es aber auf dringliches Anraten verschiedenster Institutionen die Zusage aus politischen Gründen“ zurück, wie Kapeller sagt. Expertinnen weisen darauf hin, dass er als Vertriebenensprecher im Lauf der Jahre mehrmals durch diplomatische Grobheiten die österreichisch-tschechische Verständigung gefährdet habe. Im März 2011 trat Kapeller von all seinen politischen Ämtern zurück, nachdem sein Auto in der Kurzparkzone vor dem Linzer Bahnhof abgestellt worden war – mit dem Behindertenausweis seines vor zehn Jahren verstorbenen Schwiegervaters hinter der Windschutzscheibe.
Eine Episode zum Abschluss. Ein Freund aus Wels ist Kind von vertriebenen Banatlern, die seit Ende des 17. Jahrhunderts von den Habsburgern in den nach den Türkenkriegen verwüsteten, entvölkerten Gebieten angesiedelt worden waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie brutal aus ihrer Heimat vertrieben. Viele fanden Aufnahme rund um Wels, insbesondere in Gunskirchen oder Marchtrenk. Ihnen verdankt die Gegend kulinarische Errungenschaften wie Tomaten, Paprika und Knoblauch. In den Gärten der Exilantinnen soll es keinen Flecken gegeben haben, der nicht der Ernährung diente. Mit den alten Menschen stirbt allmählich das ganz spezielle Banater Deutsch aus. Mein Freund erzählt, dass es – nach Jahrzehnten unauffälligen Zusammenlebens – sofort nach dem Aufstieg Jörg Haiders auf dem Welser Wochenmarkt zu sehr hässlichen Szenen kam. Etliche heimatbesoffene Männer hörten Banatler sprechen und pöbelten die vermeintlichen Ausländer an, sie mögen sich aus Österreich schleichen.

Freitag, April 03, 2020

#Geköpfte Hühner #ausgewilderte Möbel #desillusionierte Frauen #Pommes mit Mao #müder Metapherngerm

Der höchstgeschätzte Kollege Herbert Christian Stöger macht drüben auf Instagram derzeit ein schönes Projekt namens #turmblau, für das er AutorInnen nach ihren Alltagsirritationen befragt. Zwecks crossmedialer Schaffensverbreitung hier bitteschön meine gesammelten Mikrotraumata. Es ist alles nicht sehr schlimm, aber ein bisschen schon. Sich die eigenen kalten Füßchen am Funzelfeuer anderer Menschen Verstimmung zu wärmen, ist "in Zeiten wie diesen" extrem legitim. In diesem Sinne: go for it.

Hühnerschlachten

Die Freunde, die zu besuchen man nach viel zu langer Zeit endlich schafft, beschließen, noch bevor man den Kaffee ausgetrunken hat, die beiden ältesten Hühner zu schlachten, damit die Gästin einmal eine „existenzielle Erfahrung“ machen könne, das sei wichtig für die Literatur. Die Tiere laufen dann auch so kopflos und vergeblich um ihr Leben, wie man sich die existenzielle Erfahrung ausgemalt hat. Notiz: Beim nächsten Schlachterlebnis mehr Abstand halten, Hühnerblut geht nur noch schwer aus den Hosenbeinen. 


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Dark Tourism
 
Das tiefe Kanaltal wirkt im diffusen Licht des Novembernachmittags noch viel weiter vom Zentralraum entfernt als die 464 Kilometer, die wir gerade gefahren sind. Der altersschwache Motor ächzt schon, als wir nach der 17. Kehre die beiden Fauteuilsessel sehen, die es sich in Ermangelung von Besitzern selbst gemütlich machen im verlassenen friulanischen Bergwald. 

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Ten Years Challenge

 
Am Ende ist man ohnehin selbst schuld, wenn man zum Beispiel zum selben Fotografen wie vor exakt zehn Jahren geht, der an diesem Morgen 2019 aber noch zu grantig für eine angenehme Ablichtungssituation ist und einem dann eben ungeschönt die Desillusionierung zeigt, die sich seit 2009 in Schichten auf das Gesicht gelegt hat.


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Keine Pommes mit Mao



Die Pommes frites schwimmen kurz auf der Oberfläche, bevor sie auf den Grund sinken, vermutlich auf einen Berg alter Pommes frites, die von den Touristen der letzten Wochen in den See geworfen wurden. Die Schwäne wenden dem unpassenden Lockangebot grämlich fauchend ihre Bürzel zu. Die enttäuschten Gäste aus Peking halten sich mit der Miete eines Tretbootes in Schwanenform schadlos. 


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Erschöpfter Teig

Am Altjahrestag überredete ich mich selbst zu einem Spaziergang durch Wels. Der Hosenbund schnitt in den Bauch. Der Kopf war noch blöde vom Vortag. Vor einer billigen Pizzeria, die ausschließlich von den HTL-Schülern gegenüber lebt, hing eine große Teigkugel blass und müde über dem Zaun, hinter dem sich träge und müde der Mühlbach in seinem Bett wälzte.

Montag, März 23, 2020

Das Decamerone von Schönering. Romanbausätze für die Quarantäne

In Bezug auf das Verfassen vollständiger, umfangreicher, zeithistorisch relevanter Romanwerke bin ich der Thomas Mann des Scheiterns, die Maria Callas des Versagens, der Mozart der Prokrastination. Hier ist alles, was ich habe - gerne könnt ihr euch das jetzt in der Quarantäne selber fertig schreiben, ihr kennt das ja von Ikea. Hier bitteschön, der Textsirup zum Aufspritzen:

Der Undank. Geträumte Autobiographie
Prof. Buttinger ist es dank seiner Medien-Beziehungen gelungen, Marcel Hirscher als nächsten Gast für die Lesebühne zu gewinnen, aber niemand von uns hat sich die Mühe gemacht, ihm was Lustiges zu schreiben, und leider ist er zwar siebenfacher Gesamtweltcupgewinner, kann jedoch überhaupt nicht improvisieren, sodass sein Auftritt vom verwöhnten Publikum mit enttäuschtem Murren quittiert wird und ich mir vornehme, mit den Mitarbeitern ein strenges Gespräch über Gäste-Qualitätskriterien zu führen. 

Abb. 1: Prophetisches Symbolbild
 

Frühwerk: „Zeugnisse der Zärtlichkeit“
Beim Renovieren des Badezimmers einen Packen Briefe finden, es sind Liebesbriefe einer bittersüßen amour fou, und zwar zwischen – Bud Spencer und Terrence Hill! Zeugnisse von Leidenschaft und Verzweiflung. Es musste schon alleine daran scheitern, dass das Schönering der frühen 1980er noch nicht so weit war. Notiz: Ein Broke-Back Mountain für sehr Arme. Plausibel machen, was die beiden Action-Klamaukhelden im Bezirk Linz-Land zu suchen hatten.

Der kurze Brief zum langen Abschied. Nach Handke
Ein junger Österreicher befindet sich in NY und erhält dort einen Brief von seiner Frau: „Ich bin in New York. Bitte such' mich nicht, es wäre nicht schön, mich zu finden“, doch er hält sich nicht dran, und während der Reise durch die USA hat er sehr viel Zeit zum Nachdenken, über sich, sein launenhaftes Weib, die Kindheit und wasnichtalles, weswegen er, nachdem er die Flüchtige am Ende gestellt hat, in die Trennung einwilligen kann, und der Autor dieser öden Geschichte sehr viel bekannter und berühmter wird als die beherzte Zusammenfasserin von Handkes Oeuvre.

Ein bisschen eine Fabel. Nach Kafka.
„Ach“, sagte die Medien-FH-Absolventin, „der Arbeitsmarkt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war er so riesig, dass ich fast Angst hatte, ich machte Auslandssemester und war glücklich, als ich endlich Optionen sah, links und rechts Praktika, aber diese Jobs kleistern mir den CV so zu, dass mir gar keine Zeit zum Geldverdienen bleibt, und jetzt bin ich Alleinerzieherin und schon bald 40, und dort steht schon die Teilzeit-Pensionsfalle, in die ich laufe.“ „Du musst dir nur ein Eigenheim anschaffen“, sagte der Kanzler und lachte.

Darwin's Nightmare
Eines Morgens überkam die bislang nicht vom Erfolg verwöhnte Hobbyliteratin Dominika Meindl die Geschäftsidee einer Hundewerkstatt analog zu all den Auto-Schraubereien, quasi Evolution Fast Forward; ein Dog-Customizing, bei dem Dackelbesitzerinnen ihre Tiere noch mehr stretchen, Retrieverinhaber ihre Allerweltshunde tieferlegen oder Sharpei-Halter die Faltenwauzis neu auffüllen lassen könnten, aber aufgebrachte Tierschützer entführten Meindl in der Nacht vor der in allen Medien angekündigten Dog-Tuning-Eröffnung und ließen sie vom radikalisierten Amtstierarzt einschläfern.

Dienstag, März 10, 2020

Smoothies from Hell

Es haben sich ja zuletzt sehr viele Themen zusätzlich zu dem unseren aufgedrängt. Welchem Mitteilungsdrang gibt man nach?

Diesem Corona-Meme, das grad im Internet viral geht? Ich bin leider so gestrickt, dass ich mich so schnell langweile, nach dem achten Hamsterwitz (wo krieg ich welche her, was sind die besten Rezepte) schläft mir der Schädel ein. Im Mittelalter wäre ich wahrscheinlich an der Pest gestorben, weil ich die Verlautbarungen des Innenministeriums nicht in der Mediathek nachgeschaut hätte. Dieser Nehammer geht mir außerdem so auf den Senkel, wie er so dasteht wie ein Heiligenstädter-Billig-Chuck-Norris und den besorgten Bürgern sagt, er werde „mit voller Härte gegen das Virus vorgehen“, und zwar so, dass er nötigenfalls die Viren, die vom Ausland hereinkommen, zwischen seinen breiten Kiefern zermalmen würde. Ist der deppert oder sind wir es? Ehrliche Frage!

Oder, wie schaut's mit der Gleichstellung der Geschlechter aus? Da haben wir noch einiges zu tun, am Vorabend des Frauentages! Zum Beispiel wird viel zu wenig Rosa verwendet, um auf die Bedürfnisse der Frau hinzuweisen. Viel zu wenig! Immer noch ist alles blau in diesem Patriarchat! Der Himmel, das Meer, unfair! Meine dringende Bitte an alle Chefredakteure und Medienmacher und an die Frauen selbst: Frauentehmen immer in ROSA!!!!! Sonst kennt man sich nicht aus.

Oder soll ich was darüber schreiben, dass an der Südostgrenze der EU grade Menschenrechte mit Soldatenstiefeln und den genagelten Glanzlackschuhen der scheiß Populisten getreten werden? Das wär' halt ein bissi was Ernsteres, da müsste ich schreiben, dass wir ALLE extrem von der Globalisierung des Kapitalismus profitiert haben, und hier dulde ich keine Relativierung, kein „ja, aber wir sind ja so tüchtig, und die unten so faul“, hier kann ich nur die bedingungslose Kapitulation unter das Faktum „Wir sind reich, weil sie arm sind“ akzeptieren, und dazu die logisch daraus folgende Tatsache, dass der Kapitalismus keine Waren in Bewegung setzen kann, ohne auch Menschen in Bewegung zu setzen. Dem noch nicht genug, herrschen halt immer noch Krieg oder die Taliban, und diese Ausländer sind so komisch drauf, dass sie sich nicht gern totschießen lassen oder in erbärmlichen Zeltlagern im Dreck verhungern (IN der EU!!) wollen, obwohl sie noch nie was in unser Sozialsystem eingezahlt haben, na hallo, geht’s noch.

Dieses Kurzsche Balkanroutenschließungsphrasengedresche, die Weigerung, wenigstens ein paar Frauen und Kinder aus dem Dreck zu holen, dieses rechtspopulistische Kleingeldschlagen auf Kosten der Menschenrechte – wehe irgendjemand von Ihnen geht mir mit einer anderen Meinung heute nach Hause – daraus folgt, dass es eine gewaltige Schande für Österreich, die UNO, die USA, die EU, die arsch Türkei und das gschissene Russland ist, was sich drei Flugstunden von hier abspielt. Wir sollten über unseren Wertekollaps in Panik verfallen! I want you to panic!

Was, Damen und Herren, kann denn nun eine menschlich wertvolle, zeitgemäß-humanitäre Reaktion auf das Elend in der Welt sein? Na? Was ist die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit?

Richtig, gesunde Ernährung. Gesundheit ist so wichtig. Und es ist so wichtig besonders für uns Frauen, die wir ja schnell einmal zu blad sind. Damit sollte man sich in Zeiten wie diesen beschäftigen, denn um andere zu lieben, muss man zuerst auf sich selbst schauen.

Und weil ich IMMER eine Businessidee im Talon habe, präsentiere ich Ihnen hiermit mein Konzept des regionalen Smoothies! Smoothie, dieser groteske Kompromiss zwischen Speis und Trank, dieser Brei für Hipster und Biedermeier. Wenn man die Zutaten nicht in vollem Umfang im Haus hat, kann man ja in die Apotheke gehen und sich die Ingredienzien in homöopathischen Dosen kaufen, nur bitte Obacht, dann entfalten sie sehr starke Nebenwirkungen. Alles in die sauteure, extra zu kaufende Smoothiemaschine von Thermomix (345345€), einschalten, zermanschen, „genießen“. Spart viel Zeit!

  • "Bauer": Je 300g Schweinsbraten, Kraut, Knödel, Obstler

  • "Jaga": 2 Rehherzen und 10dl Enzian, dazu ein Ei, damit das Fell glänzt

  • "Prälat": zwei Kardinalschnitten, eine Handvoll Oblaten und ein halber Liter Messwein

  • "Ursche", inspired by Heidi Klum: eine halbe Flasche Prosecco, fünf Ritalin, eine halbe Packung Reiswaffeln und 200 g Diätgouda

  • Stelzhamer“: 300g Antisemitismus, ein halber Liter Motorradschmieröl, 30 Seiten Landesverfassungsbericht über „Linksextremismus“

Gutes Gelingen! 

Nein, so ein Scheiß. NOT IN MY NAME! NOT IN MY NAME!!!!!

Freitag, März 06, 2020

Ein Fresskünstler

In den letzten Jahren ist das Interesse an Fresskünstlern stark zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, eigene Programmschienen für Esswettbewerbe einzurichten, ist dies heute völlig unmöglich. Es ist noch nicht lang her, da beschäftigte ein Fressgenie die ganze Stadt: das schärfste Curry, der gewaltigste Schweinsbraten, der längste Apfelstrudel. Steaks, so dick, dass es eigens gezüchteter Kühe bedurfte, eine hätte nicht gereicht für den riesigen Lappen Fleisch, den der Esskünstler vor den staunenden Massen zu verschlingen gedachte. An den Wänden der Restaurants prangte sein Kopf an der Wall of Fame, „Ein ganzes Pferd an einem Abend!“, Kinder drängten sich vor der Bühne, auf der er – innert einer Woche und bewacht von streng asketischen Veganern – einen ganzen Elefanten aß. Man wollte es gar nicht glauben, wieviel der Esskünstler vertilgen konnte, man fasste ihm ungläubig an den geblähten Bauch und wich glücklich erschrocken zurück, wenn er furzend sein Verdauungswunder zum Beweis brachte. Aus all den überzähligen, zur Zucht ungeeigneten oder im Alter falb gewordenen Tieren des Stadtzoos ließ er sich sein überwältigendes Wunschmahl zusammensetzen.

Ein Höhepunkt war der Verzehr eines ganzen lebenden Panthers, den in der Manege erst zu schlachten die besondere Herausforderung darstellte. Wie er die Großkatze mit bloßen Händen niederrang, mit den Zähnen im Genick totbiss, stundenlang fachgerecht zerlegte und innerhalb dreier Tage mit Haut und Haar aufaß, das muss als der letzte große Höhepunkt für den Esskünstler gelten.

Der Umschwung kam ganz plötzlich; im Fernsehen wurde das große Fressen höchstens noch als Pausenfüller in Privatsendern gezeigt, wie etwa der Verzehr der weltlängsten Bratwurst zwischen „Jung und verdorben“ und „Reife Frauen besorgen's dir ganz in deiner Nähe“.

Der Esskünstler mochte noch so viel essen, die Quoten nahmen ab. Er nahm seine wachsende Irrelevanz gleichmütig zur Kenntnis, trotz schwindender Zuseherzahlen aß er weiter, so viel wie nie zuvor in seinem Leben. Den ganzen Butterberg der EU, verendete Eisbären, falsch gekrümmte Gurken, Darmkeimsprossen, 33% des britischen Rinderbestandes, bulgarische Zugpferde. Er arbeitete ehrlich, aber die ganze Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Eines Tages fiel einem Produktionsmanager von RTL2 der Esskünstler auf, der konturlos am Boden der Senderkantine lag und Fipronil-Legebatterieeier aß, eines nach dem anderen, dabei aber immer langsamer werdend. „Du isst noch immer?“ „Verzeiht mir alle“, hauchte der Esskünstler, „Gewiss“, log der Produzent, der seinen Zustand erkannte. „Immerfort wollte ich, dass ihr mein Fressen bewundert,“ sagte der Esskünstler, „ihr sollt es aber nicht.“ „Warum denn nicht“, fragte der Mann vom Privatsender, kaum vom Handy aufsehend. Der Hungerkünstler hob mit einer letzten Anstrengung den Kopf und kämpfte gegen das den Mund zuwuchern wollende Fett. „Weil ich essen muss, ich kann nicht anders. Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir nicht schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaub' mir, ich hätte mich daran schlank gefastet.“ Das waren die letzten Worte, die Bauchdecke des Esskünstler gab nach, mürbe geworden unter dem Druck der Jahre. Aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste Überzeugung, dass er weiteresse.

Frau Dragica, nun machen Sie aber Ordnung!“ rief der Produktionsmanager, und man übergab den Esskünstler der Tierkörperverwertung. Es war eine Erholung, an seinem früheren Sendeplatz die Diätköche zu sehen, die Reiswaffeln mit fettarmem Gouda belegten und veganen Sandkuchen mit Stevia buken. Für die Zuseher war es nicht leicht, der Askese zu genügen, aber sie umdrängten den Fernseher und wollten sich nicht fortrühren.

Dienstag, Februar 25, 2020

Stelzhamer + Antisemit + IG AutorInnen (Clickbait-Überschrift). Mei potschate Hoamat.

Ich habe nicht sehr viel, das Grund zum Antuschen böte, aber Hymnenentschärfung kann ich wirklich gut; noch besser als Couchliegen und Zeitunglesen (Landesmeisterin 2017). Hier zwei Vorschläge für neue oberösterreichische Landeshymnen.

Gleich die schönste – meine Meinung! – ist eine Leihgabe vom großen Hansi Orsolics, dem ich den Text seines "Potschatn Lebns" flauche. Die anrührende Schnopfhagen-Melodie darf bleiben.

Mei potschate Hoamat

Ob i wü, ob i ned wü
maunchmoi denk i an späta
und i siach durch viele Tränen
wo des Spoan uns hifüan wiad
und i siach duach viele Tränen
wo der Schas uns hifüan wiad

Hoamatlaund, i hob di so gern
nimm s'letzt Hemad, denk da nix!
Und scheiß au ob i gfrian wead
jo des is mei potschat's Lebn!
Und scheiß au ob i gfrian wead
zöst vü mea ois mei klaans Lebn!


Recht schön funktioniert aber auch der Melodiendiebstahl der amerikanischen Bundeshymne, aber in der Version von Jimi Hendrix. Dazu dieser Text:


Hoamatgsaung (flott)

Hoamatland, Hoamatland!
i hab di so gern
Wiar a Hindal sei Mam
A Kinderl sein' Herrn.

Hoamatland, Hoamatland!
i han dih so gern
Wiara Drangla sein Schnops
Und a Scheißa sein Scherm

Durch des Toi bin i grennt
und am Grob hob i gflennt
du Hoamat, du Laund
bist mei zweit' Muadaleib!

Waunsd ned foatmuasst, so bleib
wennst ned hergherst, so bleib weg
Hoamatlaund, Hoamatlaund
Erdbeerlaund stott am Straund!

Freitag, Januar 24, 2020

Willkommen in den goldenen 20ern!

Regierungserklärung [zu Englisch: National Womansplaining]

Liebe Österreicherinnen (die weibliche Form meint die männliche ganz herzlich mit)! Liebe Parlamentsabgeordnete!

Ich bin stolz und geehrt, dass Sie mir Ihr Vertrauen schenken und mich auf diesem neuen Weg begleiten! Ich verspreche, stets für das Wohl des Landes zu handeln, und bekenne mich zu Europa und zu einem neuen Stil. Er ist geprägt von Respekt, Anstand und auch Hausverstand. Letzterer ist der Kompass für unsere neue Politik. Wir schlagen ein neues Kapitel in der Geschichte unserer Republik auf, wir schreiben dieses unglaubliche Erfolgsprojekt weiter.

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, die Spaltung in unserer Gesellschaft zu stoppen. Deswegen ist es unerlässlich, die Schuldenquote zu steigern, denn aktuell haut man uns das Geld dermaßen nach, dass ein Kredit billiger kommt als Sparen, jede nicht-lobotomisierte Ökonomin weiß das und ich möchte unheimlich viel Knödel in Sozialarbeit, Bildung und Pflege stecken. Ich und mein Team, vor allem aber ich werde die absolute Mehrheit, mit der Sie mich und mein Team ausgestattet haben, mit bestem Wissen und Gewissen dazu nutzen, um entscheidende Maßnahmenpakete auf den Weg zu bringen, und wir zählen hier auf einen nationalen Schulterschluss mit der Opposition: Le Sozialstaat, c'est moi.

Deswegen kommt es zu Wiedereinführung der Erbschaftssteuer, vor allem für undankbare Gfraster, die mit dem Erbe ihrer Nazieltern in der sozialen Hängematte liegen und depperte Society-Sachen machen. Ausgenommen bleiben zB! bescheidene Künstlerinnen, die von ihren Eltern nicht mehr als ein ganz kleines Einfamilienhaus im infrastrukturschwachen Speckgürtel zb! Schönering erben und dafür auch wirklich aufrichtig danke sagen. Ich meine, so einen Kübel muss man ja auch erhalten können, und die Putzfrau willst du auch nicht zurück in die Ostslowakei schicken, ah, übrigens, Tombola des Grauens, Ihr Beitrag zur gerechten Umverteilung.

Grenzen und Klima schützen – das Beste aus beiden Welten! Ich stehe für einen respektvollen Umgang mit der Schöpfung: Sie werden sich wundern, was hier alles möglich ist. Reform der Landwirtschaft: Mit Freude darf ich die Einführung der Kostenwahrheit im Agrarsektor verkünden, das wird sich positiv auf die Negation des Fleischkonsums und die Gesundheitssituation auswirken. Klimaschutz ist in meinem *räusper* unserem Regierungsprogramm großgeschrieben, denn es ist nicht nur ein Hauptwort, sondern ich will ja schließlich doch wiedereinmal eine Skitour gehen und Sie mögen das Hahenkammrennen anschauen. Deswegen habe ich meine Verkehrsministerin mit einer öffentlichen Generalmobilisierung beauftragt, schaffe sie mir ein Schienennetz, so dicht, dass sogar die Zugvögel eine Bahncard kaufen!

Ich werde mit der Verantwortung, die Sie mir übertragen haben, achtsam umgehen. Aus diesem Grund – jetzt werde ich kurz global, also Englisch: I will tax the shit out of all Energiekonzerne, vor allem mit fossilen Brennstoffen. Und wenn mir wieder so ein Premiumautoprodukt aus dem Verkehrssteinzeitdeutschland arschlings auf meinem Dienstwagen draufpickt und aufblendet, dann lasse ich den Fahrer in die Mühlen meiner reformierten Justiz werfen, auf dass sie ihn zermalmen. AND you will know I am the Lord when I lay my vengeance upon you!

Mein persönliches Ziel ist der Kampf gegen die illegale Migration

des Kapitals! Die Steuerfluchtrouten schließe ich mit meinen eigenen, starken Händen! I want Google and Facebook and Amazon to PANIC! The house is on fire, steuermäßig.

Ich stehe für eine proaktive Außenpolitik, die per Pressing und Forechecking unsere Interessen national wahrt. Also Interventionen in Australien, Brasilien etc. im Sinne eines klimawahrenden Demokratieexports – wir unterstützen die Matriarchalisierung unserer Partnerinnen. In diesem Moment werden gerade in einem globalen Impeachmentverfahren die lästigsten Despoten weltweit in den Ruhestand geschickt, wie mir die Frau Außenministerin kurz zuvor berichtet hat.

Matriarchat konkret

Männer sind in der Republik besonderem Schutz unterstellt, ich stehe voll und ganz hinter ihnen. Von meiner Seite gibt es ein klares Bekenntnis zum Mann in Österreich! Wir treten für ein Miteinander der Kulturen ein. Wir sind verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen im Miteinander der Geschlechter.

Einführung einer Männerquote: Deswegen sind 30 Prozent der Sitze in meinem Parlament mit Herren besetzt, diese bilden die Opposition, die ich um ein respektvolles Miteinander bitte.

Respektvolles Miteinander heißt auch, dass ich gegen Extremismus von beiden Seiten bin, sowohl von dauerklärenden Babyboomer-Mansplainern als auch von Suderanten im Allgemeinen. Wer Hasspostings schreibt oder auch nur unaufgefordert einer Frau etwas erklärt, kriegt das Internet abgedreht. Beim Erklären gilt ab 1. Jänner 2020 für Männer verpflichtend, dass hierzu VOR dem Erklärakt das deutliche Einverständnis der Frau eingeholt werden muss.

Ein Maßnahmenpaket, auf das ich persönlich besonders stolz bin, ist die Aufhebung der binären Geschlechter-Ideologie. Seit Beginn meiner Legislaturperiode steht es jeder Bürgerin frei, sich eine Gender-Identität nach ihrem Geschmack zu wählen. It's a free cuntry, for God's sake! Wer eine Frau sein will und die entsprechenden Vorteile genießen will, wer ins feministische Sozialsystem einwandern will, muss sich integrieren und sich zur weiblichen Identität bekennen, wurscht, ob ihm Gogerl in der Hose baumeln.

Wer ein Mann bleiben will, tue das. Ich bekenne mich zum Schutz von Minderheiten, sie haben in unserer Republik nichts zu befürchten.


In diesem Sinne: Göttin schütze Österreich!

Freitag, Januar 10, 2020

Dark Tourism im November. Attraktionen für starke Seelen.


November 2019
Tag 1: Wels - Belluno

Die Suche nach verlassenen Dörfern ist nicht ganz leicht, weil das Tal des Tagliamento im Spätherbst an sich recht verlassen wirkt. Aus einer Laune heraus biegen wir kurz nach Tolmezzo auf die S52 ab, der Weg über den Pass Rest scheint eine Abkürzung zu sein. Auf unserer Straßenkarte sind allerdings keine Isohypsen eingezeichnet. Die Straße schraubt sich in vielen Dutzend Kehren den entblätterten Wald hoch. In einer davon stehen die beiden ausgesetzten Ledersessel und warten auf niemanden. 
Der höchste Punkt steckt im Nebel, dann geht es sehr lange und in engen Kurven wieder bergab. Nicht ein Gebäude säumt die lange Strecke, bis wir wieder in der Ebene sind.
Obwohl wir Glück haben und die obersten Gemäuerreste von Movada aus dem Tramonti-Stausee ragen, müssen wir feststellen, dass nur dafür der Weg sich nicht gelohnt hätte - wenn nicht die menschenleere Wildnis ihre eigene Wirkung entfaltet hätte.


Diese Südseite der Alpen hat nichts Liebliches an sich, die Berge geben sich eher wie im rabiaten Ausverkauf ihrer selbst; sie ergießen sich in breiten, steilen Geröllhalden ins Tal, darin kleine Flüsse, die im Frühjahr bestimmt an allem reißen, was ihnen zu nahe kommt. Kalkkegel ragen auf, keine Almlieblichkeit hat auf ihnen Platz. 
Im letzten Licht durch das Val Cellina nach Belluno. 


Tag 2: Belluno - Longarone - Udine

Es sind keine anderen Touristen in der Stadt, nur Kongressteilnehmer, die um 7:30 im hellhörigen Hotel von ihren Handyweckern aus dem Schlaf gerissen werden. 
Der Regen wird immer dichter, was auf schlechte Weise zum ersten Tagesziel passt. In nassen Schuhen auf dem Friedhof von Longarone, das Gedenkmuseum ist heute geschlossen, durch die Scheiben sehen wir die zerschmetterten Autos und das Dutzend Uhren, die am 9. Oktober 1963 alle zugleich um 22:39 stehen geblieben sind. In dieser Minute ist die Flutwelle der "Frana" über die Staumauer des Vajont-Sees gebrochen, über vierhundert Meter in die Stadt hinuntergedonnert und hat ein Drittel ihrer damaligen Einwohner getötet (davon waren ein Drittel Kinder). Ein Großteil der fast 2000 Toten wurde weder gefunden noch identifiziert; der Piave hat einige von ihnen bis in die Adria gespült. 


"Tschernobyl der Wasserkraft" klingt reißerisch, stimmt aber. Die "diga", die Mauer, ist fast stehen geblieben, wie ein unversehrtes Denkmal der Ingenieursleistung. Den Schuttkegel kann man zunächst gar nicht als solchen erkennen, weil er einfach zu groß ist. Man kann es sich kaum ausmalen, wie der Hang des Monte Toc über fast zwei Kilometer glatt abgerissen sein muss.


Das Dorf Erto, damals halb verschont, ist heute selbst ein lost place, in dem nur noch ein, zwei alte Frauen leben; zumindest im November.


Es ist ganz und gar nicht unzulässig, sich beim grief tourism abends in einer schönen Stadt in einem leicht überteuerten Hotelzimmer zu erholen (Astoria in Udine). Es schließen ja auch hier die Türen nicht schalldicht, und draußen krakeelen proseccotrunkene Villacherinnen. 
Das Gefühl einer leichten Unangemessenheit ist integraler Bestandteil dieser Art zu reisen. Man darf sich seiner leisen Sensationsgier schämen, die sich - humanistisch aufmagaziniert - hinter der Kant'schen Erhabenheit versteckt. Auf der Staumauer zu stehen und sich den friulanischen Tsunami im Kopf auszumalen ist ok. Selfies sind ein sicheres Kriterium für eine Grenzverletzung. 
Groteske Polterbräuche im nächtlichen Udine. Der Bräutigam ist als Hirsch verkleidet (Geweih, Camouflage-Kleid, Gummistiefel), Passanten und die Braut schießen mit Soft-Guns auf das Opfer. Die Freunde wirken in ihren teuren Mänteln wie eine wohlstandsverwahrloste, sadistische Highschool-Mobbing-Meute.

Abends lesen wir in "Vergessen und verdrängt. Dark Places im Alpen-Adria-Raum", dass die Italiener bis zum Ende des Kalten Krieges eine Atombombe in Ugovizza im Kanaltal stationiert hatten, die sie im Fall eines sowjetischen Angriffs gezündet hätten. Der radioaktive Staub wäre nordwärts gezogen und hätte Kärnten verseucht. Man hat der Neutralität Österreichs und dem Frieden mit Jugoslawien wenig zugetraut.


Tag 3: Udine - Triest

Ab Duino geht ein saftiges Gewitter nieder, das bis zur Ankunft in der Risiera di San Sabba in einen kalten Graupelregen übergeht. Das einzige KZ auf italienischem Boden mit Krematorium (so die etwas seltsame Audioguide-Beschreibung der USP dieses Ortes). Österreicher sollten hier einen ganz seltsamen Neid empfinden, es wäre gut gewesen, nur eines verantworten zu müssen. Österreicher spielen in der Geschichte der einstigen Reismühle auch eine ekelhaft tragende Rolle.
Gedenkstätte, Wetter und das umliegende Industriegebiet harmonieren (wer hat behauptet, Harmonie müsse etwas Gutes sein?).
Es ist, wie bereits gesagt, legitim, sich nach solch einer ersten Tageshälfte eine Torta al limone im Tommaseo zu kaufen, diese Diskrepanzen muss man aushalten lernen, warum also nicht auch noch ein Krabbentramezzino?
Triest, das New York des Balkans an der Butter-Olivenöl-Grenze! Bislang bestes Souvenir: das Gebot, Montenegro, Cynar oder Pelinkovac NUR mit Soda und Zitrone zu mischen. Man esse in den Beizen, wo Filmfestivalkuratoren neben Handwerkern an der Budel stehen.


Tag 4: Triest - Socerb - Hrastovle

Am Karstrand, hoch über dem Golf von Triest; von hier zieht sich das Rižana-Tal in den Südosten, geht Italien ganz flüssig in Slowenien über. Die Sveta Jama und die Burg finden wir leicht, die Höhle darunter bleibt uns unauffindbar. Verlässlich hat sich die Gemeinde eine eigene Heiligenlegende geschrieben (der heilige Servullus soll 21 Monate in der Grotte gehaust haben, ein Zwölfjähriger! Und verlässlich bewirtschaftet ein Scharlatan den Mythos (hier ein Rebirthing-Wunderheiler).


Zwei Höhlen in der Nähe haben die Partisanen zu Massengräbern gemacht. Bis vor wenigen Jahren ein heikles Thema im slowenischen Karst. Bei Gelegenheit Martin Pollacks "Kontaminierte Landschaft" wieder lesen. 
Es lohnt, die Kirche in Hrastovlje anzusehen, man soll nur vorher in der regionalen Küche nicht übermäßig aufgeschlossen sein. Buttinger quält jeder Löffel der Rotweinsuppe, nachher ist er besoffen ohne Freude daran. Vielleicht fahren ihm aber die Totentanz-Fresken danach besonders gut. Mir, die ich noch nüchtern bin, aber auch. Der Händler, der den Tod bestechen möchte, müsste in das Stadtwappen von Wels. Der furzende Jäger ist am schönsten.


An der Mole von Triest bemerken wir, dass wir uns beide unabhängig voneinander vorgestellt haben, wie das riesige Kreuzfahrtsschiff in das Rathaus rauscht. Vielleicht holt dark tourism nun das Schlechte in uns heraus. 

Wieso gibt es in Österreich und Deutschland eigentlich keine verlassenen Dörfer? Sind die Menschen dort zu ordentlich? Warum lassen die Italiener Gebäude lieber verrotten, statt sie abzureißen? Gibt es dazu schon Dissertationen? Würde ich sie schreiben wollen? Warum trägt die Figur auf der Fontana dei quattro continenti ein Handtuch über dem Kopf? Fragen am Ende eines sehr pittoresken Tages. 


Tag 5: Triest - Kočejve - Ljubljana



Slowenien besteht zu 78 Prozent aus Hinterland, aber im Vergleich zum Friaul aus funktionalem. Von den Gottscheberern sind dafür tatsächlich nicht einmal Ruinen geblieben, so gründlich hat man ihre Spuren vernichtet. Der Wald zwischen Gorenje und Stari Log gehört jetzt den Bären, vor denen Schilder an den Raststellen warnen. Eine schöne Strecke, auch im November. Buttinger jedoch lebt erst wieder im Krka-Tal auf, ohne Flüsse und Fische lockt ihn keine Landschaft aus der Reserve.



Tag 6: Ljubljana - Loiblpass - Wels


Sobald wir über die Grenze kommen (wo die Pässe noch streng kontrolliert werden), beginnt es im dichten Nebel auch noch heftig zu regnen, hart an der Grenze zum Schnee. An der Nordseite des Passes müssen wir ohnehin nicht aussteigen, die ganzen relevanten Teile der Gedenkstätte befinden sich auf der slowenischen Seite. Eine Schande.

Mittwoch, Januar 08, 2020

inertia creeps

Diese Veröffentlichungsverweigerung ist inakzeptabel! Bitte unterschreibt meine Petition an mich selbst, dass ich endlich wieder irgend einen Schas ins Blog knalle. Crowdfunden könntet ihr mich meinetwegen auch. Macht man das eigentlich noch? Es wird alles immer anders, während meine Trägheit wächst. 
Gruß, Meindl

Freitag, November 22, 2019

Das Wunder von St. Jakob

Eine Sage über das Volk von Tirol

Eine klimaneutrale Reise (weil in Gedanken) in die schönsten Teile des Landes.


Wohl ist die Welt so groß und weit / Und voller Sonnenschein
Das allerschönste Stück davon / Ist doch Tirol, das Kernland dieser seiner Kronländer amputierten ideologischen Missgeburt Österreich!
Dort wo aus schmaler Felsenkluft / Der Eisack springt heraus
Von Sigmunds Kron der Etsch entlang / Bis zur Salurner Klaus
Hei di hei da hei da, Damen und Herren,
Ju vi val le ral le ra, so ist es!
Hei da hei da, Martin, bisch a Mensch oda a Tirola!
Ju vi val le ral le ra.

Kuscheln Sie sich zusammen, es ist November, da legt sich Mutter Natur zum Winterschlaf nieder und wir wollen sie nicht stören, darum pscht! Lassen Sie sich eine alte Sage aus dem herrlichen Land Tirol erzählen, von finsteren Mächten und gleißendem Gold.

Es trug sich zu, dass in den frühen Morgenstunden eines Novembertages der Wilderer Schorsch von seiner Liebsten sich verabschiedete, eine geile Alte, aber hey, Sexismus entsteht beim Empfänger! Kreuzteufel, jetzt hat sich eine moderne Textsorte in unsere Sage intertextualisiert, jedenfalls war sein Dirndale a schians Madl, die will man sich gern im Bett vorstellen.

Der Schorsch nimmt an diesem Sonntag früh Morgens sein Stutzerl und strebt dem Gamsgebirg zu. Weil der Weg vom Dorrrrrnauer Erbhof durch finstere Räubersgegenden voller Marokkaner führt, die der Schorsch in seinem urtümlichen Empfinden als fremd äh... empfindet, lässt er den Lauf seines geladenen Geschützes dräuend aus dem Autofenster schauen. So kann er unbehelligt zu seinen Kameraden stoßen, die schon auf ihn warten. Heute soll es gegen den Feind gehen, die Braunbären, wie sie bei ihnen heißen. Sie, die Krieger der roten Falken, wissen von alter Väter Sage, dass die Braunen Hüter eines sagenhaften Schatzes sind. Vor aberdutzenden Monden sollen die Alt-Braunen das Gold uralter Recken aus den Tiefen des Toplitzsees gehoben und im Osttiroler Stammhaus versteckt haben. Diese Barren wollen die Falken heute den Braunen abjagen. Der Schorsch sieht in die Runde, man lacht in Vorfreude auf die Jagd, macht lustige Witze über das schöne Geschlecht, die Prinzessinnen der Großen Stadt und ihre vielen Namen. Er sieht einem nach dem anderen in die durchwegs blauen Augen, lässt sich vom Zirbenem nachschenken und die Gesinnungsgenossen hochleben. Tief in seinem Inneren aber quält ihn die Frage, ob er noch zu dieser linkslinken Jagdgesellschaft gehört, ob er nicht im falschen Körper gefangen ist, er sehnt sich in Wahrheit viel mehr danach, Teil eines Volkskörpers zu sein, nach echter, männlicher Gemeinschaft, nicht so schwulem Diskussionsscheiß für Bettler. Er verscheucht die verbotenen Gefühle und pascht in die Hände. „Auf geht’s Mander, s'isch Zeit!“ Die Waidmänner lassen ihre Porsches stehen und besteigen den Privathubschrauber, denn es ist weit da hinunter über den Alpenhauptkamm. Schorsch wird während des Fluges über die herrlichen, ewigen Berge immer nachdenklicher. Ja, er will das Gold, aber will er, was seine Freunde wollen? Dass die ganzen Hunnenscharen über den Brenner sich wälzen, und dass die Weiber aus der Stadt über sie, diese stolzen Steinböcke des Heiligen Landes herrschen?

Der Hubschrauber setzt an zur Landung, die Falkenkämpfer formieren sich, in einer Reihe schreiten sie in den Hohen Tann, der sich rund um die Burg der Braunen erhebt. Schorsch wartet, bis Reih und Glied stehen. Schon will er sein Jagdhorn zum Angriff blasen, da geht mit einem Mal ein strahlendes Licht in der Dunkelheit an, ein weißer Hirsch betritt die Lichtung. Auf ihm reitet, stolz und erhaben, Andreas Hofer. Die Jagdgesellschaft beugt geschlossen ihre agnostischen Knie. Der stumme Geist des Freiheitskämpfers steigt vom Hirschen, hebt grüßend die Hand zu den Falken, dann schreitet er auf die Burg der Bären zu. Schwer hallt seine knöcherne Faust am Eichenholz. Ihm wird aufgetan. Staunend stehen die Braunen Schützenverbände da, sehen verwundert zwischen dem knienden Feind und dem Geist hin und her. Und dann begreifen alle, Falken und Bären, das Wunder, erkennen, was möglich ist. Hofer nimmt die Linke Schorschs und die Rechte des braunen Führers Bertl und führt sie ineinander. Die Kraft der Einigkeit durchströmt Rot und Braun.

Von Stund an hielten sie gemeinsam zusammen gegen die Hunnen, und gemeinsam zwangen sie die Frauen und Dirndln und Prinzessinnen und Stadschulis zurück in Zucht und Ordnung.

Und aus rauen Kehlen singen sie seither zum Andenken an das Wunder von St. Jakob:

Kennst du die Perle, die Perle Tirols?
Die Burg St. Jakob, das kennst du wohl!
Umrahmt von Bergen, so friedlich und still.
Ja das Nazigold am grünen Inn,
Ja das ist Heimat am grünen Inn,
Ho - la - di - le ...
Ho - la - di - le ...
... bei uns in Tirol!

Freitag, Oktober 11, 2019

Der Pilznarr. Gerechtigkeit für Schönering


Als mich der Sprecher der Akademie an diesem viel zu warmen Oktoberdonnerstag anrief, um mir den Nobelpreis für Literatur 2021 zuzusprechen, ließ ich den Hammer fallen. Nun sind sie völlig verrückt geworden, dachte ich, damit ist der Preis endgültig ruiniert. Ich brachte nur ein wortloses Gurgeln heraus, das man in Stockholm für ein Zeichen der Rührung hielt.

Ich stieg benommen vom Dach meines Baumhauses, das in seinem siebten Jahr wieder angefangen hatte zu nässen; ein schwerer Landregen hatte meine größte Leistung in der Dichtkunst zunichte gemacht. Alles ließ ich nun liegen und stehen, die Planen, die Dachpappe, die Dichtmasse. Vor dem Gartentor hatte sich bereits eine Pressetraube gebildet, die Fotografen hielten eifrig auf meinen Hund, der schon wieder in den Vorgarten schiss, obwohl ich doch in der Früh mit ihm äußerln gewesen war. Ich hielt inne, dachte über das kostbare Wort „äußerln“ nach, ist nicht alles Sprechen ein Versuch, das Innere zu äußerln, da schrien mich die Journalisten gierig an, sie forderten Reaktionen und Reaktionen von mir, keiner von ihnen rief mir entgegen, dass er schon ein Buch von mir gelesen habe. Gut, beide sind vergriffen, aber dafür hatte das Dach drei Jahre lang dicht gehalten.

Ich bin nicht hier für des Hundes Scheißdreck!“ rief ich. Im Zustand äußerster Entfremdung lief ich ins Haus und wählte mit zitternden Fingern die Nummer des einzigen Menschen, der wusste, wie es mir jetzt ging. Doch Peter Handke hob nicht ab, typisch für diesen Bewohner des Elfenbeinturms in der Niemandsbucht! Er genoss das Exil, das ich ihm damals empfohlen hatte, zwecks Reparatur seines Images. „Zieh auch nach Schönering!“, sagte ich ihm nach seinem Auftritt als Gast bei den OLW, „zieh in mein Dorf, keine Sau interessiert sich dort für seine Dichter! Einmal im Jahr, Peter, lese ich im Pfarrheim für die Senioren, alle fünf Jahre zum Frauentag für die SPÖ-Damen, das war's! Eine heilige Ruhe!“ Tatsächlich konnte sich Handke der Öffentlichkeit hier, am Ostrand des Eferdinger Beckens, in unsere Oase der Poesielosigkeit retten. Ja, es war eine Rettung, seit zwei Jahren lebte er wunschlos glücklich in einem Vierkanter und sucht den lieben langen Tag Vogelfedern und Tintenröhrlinge im Kürnbergerwald. Wollte dem scheinbar verwirrten Großliteraten ein freundlicher Jogger den Weg zurück durch die Borkenkäferschneisen zeigen, sagte Handke „Ich komme Edramsberg her, von Schönering, von Wilhering“, und alles war gut.

Verlassen wie ein Kind im Grenzland lief ich durchs Haus, und leider, leider verfiel ich auf die Idee, ins Internet zu schauen. Keine Stunde war mein Nobelpreis bekannt, schon wurde meine gesamte Vita an die Öffentlichkeit gezerrt wie eine Picknickdecke, an der ein Rudel Paviane reißt. Mein Deutschlehrer erzählte lachend von meinem Faible für Guns N' Roses samt Fransenlederjacke; meine Schwester gab bei Barbara Stöckl preis, dass ich mir als Kind über Nacht ein Plastikdraculagebiss um 5 Schilling in den Mund gesteckt habe, um meinen Überbiss zu korrigieren. Auf ORF 3 machten sich Daniela Strigl und Klaus Nüchtern über die Rechtschreibfehler in der „Sau“ lustig, Nüchtern erzählte, dass ich zur Not auch Stiegl trinke. Und in der Mittags-ZiB plauderte Christian Wehrschütz über meine Freundschaft mit Kim Jong Un, Fotos von einem Begräbnis wurden eingeblendet. Ich geriet in Zorn, die Verwandtschaft kann man sich halt nicht aussuchen!

Da läutete es Sturm an der Tür, ich riss sie auf und sah LH Stelzer auf der Dacke, neben ihm strahlte Bürgermeister Mario Mühlböck. Sie klopften mir links und rechts auf die Schulter, der Ortskaiser überreichte mir ein Bild vom Stift Wilhering, der Landesvater eine Pfeffermühle aus Leondinger Fichtenholz. Da senkte sich mein Blutdruck, und ich richtete das Wort an die beiden. „Ich fühle mich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich!“ Wir umarmten einander. So sah ich nicht, wie die Pressetraube heranwanzte. Jemand tippte mir auf die Schulter. Armin Wolf! „Frau Meindl, Peter Handke sagt über Sie, dass zwar ihre Literatur großartig sei, aber Ihre Dichtkunst nicht, denn es regne schon wieder in Ihr Baumhaus!“ Ich war wie vom Blitz getroffen. „Verschwinden Sie!“, schrie ich, „und stellen Sie mir nicht solche Fragen! Ich stamme von Handwerkern ab, von Wegmachern, von Schneidern her! Von keinem Menschen hör' ich, dass er sagt, der Rasen ist aber schön geschnitten, und wie der Zuckerhut in Ihrem Hochbeet gedeiht, alle fragen nur wie Sie!“

Ich schlug, das muss ich zugeben, dem frechen Wolf mit der Pfeffermühle ein bisschen auf den Kopf, dann zog ich Stelzer und Mühlböck in mein Haus und sperrte die Weltpresse aus. Um unsere Stimmung zu reparieren, bot ich den Gästen selbstgebackene Hanfkekse an. Bald lagen wir kichernd auf der Soff, der Hund eingerollt und furzend zu unseren Füßen, und am Ende wurde es doch noch ein gemütlicher Nachmittag. Dem Handke, diesem geschwätzigen Arschloch, habe ich seither nie mehr beim Winterreifenwechseln geholfen.

Donnerstag, Oktober 10, 2019

"Dominika Meindl – Despotie und Poesie"

Auszüge aus ihrer nicht autorisierten Autobiographie

Von Monika Meindl, ehem. Chefredakteurin der OÖN

In einer Pause beschloss ich, einen Schluck Kaffee zu trinken. Kaffe ist ein schmackhaftes Heißgetränk, das in Äthiopien erfunden und in Wien zur Marktreife gebracht wurde. Ich war aber in Linz. Ein kalter Novembertag an den Gestaden der Donau, die hier durch die Stahlstadt mit ihren 452.565 Einwohnern fließt. Die Donau ist der größte Strom Europas und sichert den Wirtschaftsstandort Oberösterreich nachhaltig. Als ich Dominika Meindl hier das erste Mal sah, wirkte sie in Gedanken verhangen. Ihre vom Klettern gestählten Finger hielten in der Rechten einen Krug Schlägler Bier, das beliebteste Bier nicht nur der Region Oberes Mühlviertel, ein Leitbetrieb zum Vorzeigen, wie sie unter der Regentschaft Meindls zuhauf entstanden. In der Rechten den von ihr so geliebten Gerstensaft, in der sehr starken Linken – die meisten herkömmlichen Menschen haben ja einen deutlich schwächeren Arm, meistens den Linken – in der fast genauso starken Linken von Meindl, die damals noch die jüngste Lesebühnengründerin der Zweiten Republik war, da lag der Nacken ihres Vertrauten Prof. Buttinger. Es ist typisch für die Kultur des Anpatzens in diesem Land, dass Meindl nachgesagt wird, sie verlange von ihrem Beraterstab stete sexuelle Bereitschaft! Das Kartenhaus der Lüge wird auch in Bezug auf angebliche homosexuelle Präferenzen der jungen Präsidentin einstürzen, die immer klar gesagt hat, dass sie bei der Befriedigung ihrer erstaunlichen geschlechtlichen Bedürfnisse keine Rasse und kein Geschlecht dem anderen vorziehe, hauptsache, es ist ein jedes Mal auch ein bisserl das Herz dabei.
[...]
Im Volksstamm der Burjaten, die sich im Zuge der Völkerwanderung in den Wäldern des Bezirks Urfahr Umgebung niedergelassen hatten, war es üblich, die Kinder mit ihrem Hausnamen zu rufen, “Dominika” ist also der Nachname, die korrekte Anrede (bis zur Erlangung von Magistertitel und Präsidentschaftsamt) war also stets “Meindl”. Meindls Eltern hatten es sehr schwer als Kinder der letzten Köhler von Gramastetten, doch als Angehörige der Aufbaugeneration konnten sie durch täglich 12 Stunden Arbeit einen bescheidenen Wohlstand schaffen. Es ist wiedereinmal ein verbaler Anschlag der neidigen Gegner, zu behaupten, das faszinierende Tyrannentalent sei ein verwöhntes Ärztekind, nein, sie ist auch eine sehr klassenbewusste Kämpferin für die Anliegen der Kleinbauern und Kleingewerbstreibenden, denn Leistung muss sich wieder lohnen.
Meindls Vater, ein bescheidener Waldbauernbub, Medizinalrat Primar Dr. Josef Meindl, erzählt, dass seine Drittgeborene schon mit 1,5 Jahren auf eigenen Beinen stand. Was vielleicht nicht früh ist, angesichts der barocken Ausmaße der Gliedmaßen aber schon wieder eine Top-Leistung. Es ist jedoch ein Gerücht, dass Mutter Anneliese ihre Tochter zur Kinderärztin getragen habe, da sie vermutete, ein Herzfehler sei schuld daran, dass sich Meindl erst mit einem Jahr zu bewegen begann, und dass die gemeine Ärztin gesagt habe, “nein, die ist nur faul”. Das ist diese Niedertracht des Anpatzens, an dem sich Meindl nie beteiligt hat.
Die junge Präsidentin wusste sich überall gleich Freunde zu machen, sei es durch ihre charismatische Ausstrahlung, sei es durch ihre Bildung – ein Abschluss in Philosophie mit ausgezeichnetem Erfolg, was Meindl aber immer wieder vergisst, weil ihr Noten nicht so wichtig sind. Sei es durch ihre leicht groben, leicht lustigen Scherze, mit denen sie sich auch dem weniger gebildeten Volk verständlich zu machen weiß. Meindl besticht durch ihre Vielseitigkeit – sie kann drei bis vier Bier (bevorzugt Schlägl, hidden champion der Braukunst) trinken, aber auch druckreif über “Singularität und Alterität unter besonderer Berücksichtigung der Dekonstruktion Jacques Derrida” referieren. Wenn sie von ihren wissenschaftlichen Expeditionen und kühnen Abenteuerfahrten in das von ihr so innig geliebte Tote Gebirge erzählt, kommt die gefühlvolle Seite der sonst so tough wirkenden Despotin durch. Gestern war sie zum Beispiel auf dem Großen Kraxenberg, wofür sie den Aufstieg über die südliche Wassertalflanke wählte, ein alpinistischer Husarenritt der Schwierigkeitsstufe II, frei geklettert, wovon die bergtaugliche Präsidentin nicht viel Aufhebens macht. Wann immer sie auf dem Plateau des größten Karstgebiets Mitteleuropas angekommt, ist sie so gerührt, dass ihr manchmal das Wasser in die Augen steigt, die grün wie das absterbende Laub der Latschen im Herbst sind. “Wenn die Gamserln so lieb im Gebirg stehen”, sagt sie immer, “und die Sonne über die geliebten Gipfel streicht, da sehe ich wohl ist die Welt so groß und weit Und voller Sonnenschein. Das allerschönste Stück davon Ist doch die Heimat mein Dort wo aus schmaler Felsenkluft Die Steyr springt heraus Vom großen Priel dem Grat entlang Bis zu der Staumau in Klaus. Hei di hei da hei da Ju vi val le ral le ra Hei da hei daJu vi val le ral le ra!” [spätestens hier haltlos weinen]

Freitag, August 02, 2019

Das Phantom der operanten Konditionierung

Eine halbe Stunde brauche ich, um jenen Grad der Konzentration zu erreichen, in dem ich es aushalte, das Dokument "Roman" zu öffnen und angesichts der 249.420 potenziell fehlerhaften Zeichen an einer random Stelle mit dem Weiterschreiben (= 18. Umschreiben) zu beginnen. In Minute 32 habe ich die erste fahle Passage gefunden und einen Plan entwickelt, wie daraus etwas zu machen sei, für das ich mich nicht völlig geniere, da fällt mir ein, wie gut es ist, dass wir zuhause kein Festnetztelefon mehr haben, das mich genau jetzt durch ein Klingeln, das nicht mir gilt, aber nur von mir in diesem Moment gestoppt werden kann, da irgendein Mitmensch ein Anliegen haben könnte, das dank einer medizinischen Intervention meines ex-erziehungsberechtigten Mitbewohners, der gerade ohnehin nicht anwesend ist, sonst würde es nicht mehr klingeln, einer alle erleichternden Linderung zugeführt werden könnte, aber wahrscheinlich wäre wieder nur ein aggressiver Telefonkeiler der schon siebenmal folgenlos von mir mit dem Tod bedrohten Firma San Lorenzo dran, der mich mit einem 1000 Kilogramm schweren italienischen Akzent, den billige Drehbuchautoren mafiös anlegen würden, fragen würde, warum „hiere in Leitenwege, Austria“ niemand mehr die Anrufe der Olivenölmafia entgegennehme, „e!?“ und ob wir nicht doch wieder eine Kiste voll überteuerter Antipasti bestellen wollen, andernfalls seien wir „sere bese Mensche!“; oder es ist eine entfernte Verwandtschaft, die mich ohne Namensnennung fragt "Goi, du kennst mi ned!", die aber dem obgenannten und als abwesend gemeldeten Vorfahren ansatzlos ein persönliches Leiden übermitteln lässt, das recht intime Einblicke in die mir bis dato unbekannte Verwandtschaft im 17. Grad bietet.
Aber es gibt kein Festnetztelefon mehr, das mich jetzt in diesem kostbaren Moment der Möglichkeit, den Scheißroman endlich fertig zuschreiben, berauben könnte, nur noch diesen Erinnerungsphantomschmerz daran und das Blog, in das ich diese Feststellung gleich hineinschreiben muss, um das Klischee der Autorin mit Schreibblockade ironisch zu erfüllen, wie finden Sie übrigens den Titel, hat er eh irgendwas mit dem Inhalt zu tun? Ein paar Sätze muss ich auch noch herschreiben, damit der Eintrag die 2500-Zeichen erreicht, dank derer ich das hier der LiterarMechana als „Kunst“ melden darf. Vielleicht fällt mir noch ein besserer ein. Nun aber habe ich das Bedürfnis nach Mittagessen, und später zahlt sich auch nichts mehr aus, morgen unternehme ich einen neuen Anlauf, außer es ist schön gemeldet, dann gehe ich auf einen Berg. Guten Tag!