Dienstag, März 12, 2019
Blaue Eier, Hitlers Fehler und noch was zu Vögeln
Dienstag, Februar 19, 2019
Der dogmatische Schlummer. Neue Sextipps.
Dies und das zur Erhellung
Samstag, Februar 09, 2019
Nachtrag zur Lesebühne: Gutes Benehmen - die Algorithmen gesellschaftlichen Gelingens
Businessidee Wertekatalog:
Fragen an uns selbst, ensembleintern:
Gutes Benehmen in modernen Lebenslagen:
Montag, Januar 28, 2019
Potpourri aus minderen Jänner-Erlebnissen
Sonntag, Januar 27, 2019
Robin Kreuzpointner
Von Daniela Doofie
In einer sturmumtosten Nacht – Robin hat im Gramastettner Pub „Nordlicht“ zu viel Sturm getrunken – will der junge Narr noch mit dem Auto zum Granitfestival in Neufelden fahren. Obendrein mit dem Brathuhnanhänger seines Vaters. Udaungs göht er in der Reib' ab, stürzt in die hochwasserführende Rodl und wird fortgespült, während das gebratene Federvieh den Weg in die Volksfestbäuche verfehlt.
Der Vater hatte Robin noch mit eindringlichen und liebevollen Worten beschworen, sich nicht in Abenteuer und Elend zu stürzen. „Waust wida bsoffn foast, hau i da's Kreiz o!“ Schon ein Jahr zuvor war der törichte Sohn durch sein ungestümes Fortdrängen zum Urfahraner Jahrmarkt in Sklaverei geraten; nur durch das Glück der Wirtschaftskrise entließ man ihn von der Hochofenfron in der Voest.
Nun aber schwemmt es ihn durch die finstere Nacht wie eine Häusltschick, bei Ottensheim in die Donau hinein, in rasendem Sog durch Linz, Wien, Bratislava – und, als er schon fast meint, sein junges, dummes Leben aushauchen zu müssen, aufs offene Meer hinaus. Stundenlang treibt er dahin, Szenen fundamentaler Verlassenheit bieten sich dem inneren Auge.
Doch schließlich: Zerfetzt und zerrissen, getauft wie eine Maus schleppt sich Robin an den Strand. Als er sich umsieht, bemerkt er, dass er auf einer Insel gelandet ist, mit nichts als drei angeschnäuzten Taschentüchern, einer Packung Extasy, sieben Marlboro und den Hühnerleichen im Anhänger.
Den zieht er mit der Kraft der Verzweiflung und der Pillen an Land. Weil er schon so im Hackeln ist, baut er sich ein schönes Einfamilienhaus drumherum, typisch Mühlviertler halt; mit Infrarotkabine und Carport. Da sitzt er und ritzt jeden Tag einen Strich an die Küchenwand. Es sind viele, leider vertut er sich immer wieder beim Umrechnen der Striche in Zeit, deswegen helfe ich, die auktoriale Erzählerin: Schon sieben Jahre sitzt er auf der Insel fest. Aber nicht untätig. Mit großem Geschick baut er den Hühnergrill in ein Landgasthaus mit Hergottswinkel und Kegelbahn um. Und weil Routine alles ist, umgibt er den Dschungel, seinen Rohstofflieferanten, mit einem Lagerhaus, in dem er wochentags von 9 bis 18 Uhr einkaufen kann.
Freilich baut er auch ein Steinmarterl an seiner Landungsstelle, dort, wo er den endgültigen Tod seiner Hühnchen festgestellt hat. Mit der Zeit baut er aus dem Marterl eine Kapelle, dann eine Kirche, schließlich schnitzt er eine Kopie des Kefermarkter Flügelaltars hinein.
Und doch ist Robin traurig und einsam. Trotz großer Mühen mit der Brauerei kriegt er kein gutes Freistädter Ratsherrenbier hin. Das schlägt ihm aufs Gemüt. Inzwischen summieren sich seine Striche in der Küche schon auf 23 Jahre. „Wa i do nua dahoam, do kinnt' i in Pfrühpension geh!“, weint er innerlich. Da! Ein Laut vom Strand, der so klingt wie Robins Seele klagen würde, wäre sie nicht in so einem knorrigen Leib drin.
Robin eilt hin, dort liegt, von der Gischt angespült, ein Wilder; Robin schüttelt und spricht ihn sachte an: „Hötaus! Wo hodsn di heagschwoabt?“ Als der wilde Rumänenbub endlich die Sprache wiederfindet (er kann relativ gut Deutsch, das können dort unten alle, weil sie ja nur darauf warten, das Werkl im Westen zu übernehmen), da erzählt Montag, so nennt ihn Robin, dass er vor seinem bösen Volk flieht, das wolle ihn zwingen, Mitglied einer Ostblockbande zu werden.
Robin nimmt Montag unter seine Fittiche, das ist die Ablenkung, auf die er so gewartet hat. Er lehrt ihn das Kegelscheiben, das Bratl mit Kruste, das Tarockieren und das Brennen des Sauhäuternen. Montag wiederum bekehrt den Ungläubigen Robin zum Atheismus. Und dann kam auch noch die Liebe dazu, es war sehr schön für die beiden; wer hätte das gedacht, dass der Robin vom anderen Ufer ist.
Und so waren sie lange fröhlich, bis es ihnen zuviel wurde und sie nach Gramastetten heimkehrten. Dort wurden sie zwar wegen der Homosexualität gehänselt, sie trösteten sich aber mit Gramastettner Krapferl, Schlägl Kristall und den Annehmlichkeiten des Sozialstaates, dank dessen sie zuerst eine neue, sauteure Keramikhüfte bekamen und schließlich friedlich im Bezirksaltersheim entschlafen durften.
Samstag, Januar 26, 2019
Gundulas Reisen
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Die Reise zu den Zwergen
Mein Vater besaß ein Landgut nahe der jakutischen Grenze, und ich war unter seinen vierzehn Töchtern die vierte. Als ich 16 war, schickte er mich in die Hauptstadt in ein Reisebüro. Ich will dem lieben Vater keine Widerworte in sein kühles Grab nachschicken, aber wie blöd war das denn in Zeiten des Internets, da hätte er mich gleich in der Videothek arbeiten oder Philosophie studieren lassen. Da ich aber die Welt, die ich vergeblich zu verkaufen suchte, mit eigenen Augen sehen wollte, machte ich mich auf in den Westen und heuerte auf der MS Bulguri an, als Kinderkreuzfahrtsanimateurin auf dem Schwarzen Meer. Ich will ich nicht unsere Dramen aufzählen, von Lactoseintoleranz bis Hochbegabung, sondern nur berichten, dass sich am 26. Jänner 2032, just in dem Moment, als wir vom Donaudelta in Richtung Goldküste ablegen wollten, eine gewaltige Naturkatastrophe zutrug: Das Magnetfeld der Erde drehte sich, Nord- und Südpol tauschten Platz, in logischer Folge wechselten auch alle Flüsse ihre Richtung.
[WHAT! Buttinger, das ist MEINE Geschichte! Fuck Naturwissenschaft!]
Obwohl die Heizer unseren Maschinen alles abverlangten, konnten wir es nicht verhindern, die Donau hinabgesaugt zu werden. Hinein in das dunkle Herz Europas! Niemand war mehr dort gewesen, seit die Balkanroute von innen geschlossen ward. Das Schiff versank in Panik. Am Donauknie zerschellte es, bis Bratislava konnte ich mich an der Hüpfburg festhalten, dann schwanden mir die Sinne.
Im Morgengrauen erwachte ich. Grundgütiger!, erschrak ich, die Havarie hat mir das Rückgrat zerschmettert!, da ich meine Extremitäten nicht zu bewegen vermochte. Es dauerte, bis ich erkannte, dass man versucht hatte, Arme und Beine mit filigranen Kabelbindern zu knebeln. Ich hörte ein verworrenes Getöse um mich, und als ich die lächerlichen Bande gesprengt und mir den Sand aus den Augen gerieben hatte, erkannte ich eine Horde kleiner, aufgebrachter Männer rund um mich toben. Bald verstand ich auch, was sie in Chören schrien: „Pro Border! Abschieben! Abschieben!“
Es war so erschreckend wie amüsant, ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Da trat einer an mich heran, ein ganz besonders zarter, grauer Mann. Sieh an, dachte ich, im Inneren dieser Wilden muss es eine verborgene Zartheit geben, machen sie doch den geringsten unter ihnen zum Anführer. Der richtete das Wort an mich. „Ich bin der Meinung, dass sich das Fremdenrecht dem Volkswillen beugen muss!“ Da wurde ein Glockenton hörbar, der Liliputaner führte seine Hand ans Ohr. „Ok, Kanzler, dann halt nicht so scharf, mir ist's wurscht“. Dann wandte der Zwerg sich wieder zu mir: „Wir prüfen deinen Fall! Bis dahin wirst du konzentriert angehalten. Fang' bloß keine Lehre an in der Zwischenzeit!“ Das Heer der winzigen Uniformierten fiel wieder in seine dumpfen Gesänge.
Es wurde Mittag, endlich labte man mich mit einem würzigen Brei, den man in Kanonen zubereitete. Meinen Durst löschte ich mit dem brackigen Donauwasser. Als ich meinen Kopf hob, stand ein etwas größerer Winzling vor mir, der – meine Annahme einer besonderen Rücksichtnahme Versehrter gegenüber bestärkend – sich auf einen Stock stützte. „Na da schau her, Besuch!“ sagte er, in weitaus milderem Ton. „Ich hab Besuch so gern!“ „Nicht so lieb sein,“ kläffte der kleinere Kleine, aber der Größere plauderte munter mit mir weiter, erzählte mir allerhand über die Sitten des Landes, dass man etwa jahrelang Raketen in die Luft geschossen habe, da die garstigen Nachbarn mittels Flugzeugen versucht hätten, das Volk der Kurzen mit Autismus und Unfruchtbarkeit zu infizieren. Dass man in der Isolation sehr glücklich sei, keine Fremden könnten ihre Messer mehr in die Leiber der Frauen stechen, freilich sei das kurze Volk nun mit dem einen Nachteil geschlagen, dass die Körpergröße der Neugeborenen zuletzt rapide abgenommen habe. Der redselige Stockträger berichtete mir auch vom Brauch, die Toten in der Erde zu vergraben, damit sie daraus wieder hervorwachsen könnte, sobald der große Zauberer das Zeichen für das Ende gibt, die Umkehr der Flussrichtung sei ein sicheres Zeichen dafür. Das alles faszinierte mich, und doch war mir nicht behaglich.
Plötzlich stand ein Männlein vor mir, in ein ganz enges Wams geschlagen, das Haar von zwei Ohren gebändigt, und es erhob eine unschöne Stimme. „Es kann nicht sein, dass hier in Wien die Fremden den ganzen Tag am Strand liegen, während wir unsere Leistung erbringen...“ „Geh waaßt wos, geh scheißn“, sagte ich, erhob mich und machte mich zurück auf meinen langen Weg in die Zivilisation.
Freitag, Januar 25, 2019
HEROIN FÜR ALLE!
Zum aufgeklärten Neo-Absolutismus
Die Bundespräsidentin empfängt im Smaragdsaal der Gugl. Wo vor ihrer Ära Nazirocker die Massen verführten, finden heute jeden Sonntag die Offenbarungsdienste der Sonnenkönigin statt, die in alle Welt ausgestrahlt werden. Meindl, gesundheitsbewusst wie immer, lässt sich einen Becher Schlägl Kristall reichen, bevor sie sich dem Interview anlässlich ihres 90. Geburtstags stellt.
Spatzenpost: Frau Präsidentin, überrascht es Sie, längstdienende Despotin der Weltgeschichte zu sein?
Nein, denn meine gemäßigte Diktatur ist getragen vom Willen des Volkes und Gottes Gnaden. Da tritt man nicht gleich wieder ab, weil die Work-Life-Balance nicht stimmt.
Ihre Amtsübernahme ist Schulstoff, aber was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an den Herbst 2018?
Nie werde ich den Anruf Matteo Salvinis vergessen, in dem er mir den Krieg canceln wollte. Er sagte, sein Berufsheer sei nicht feldtauglich, weil alle entweder auf Sabbatical oder im Burnout seien. Die ganze Frecce tricolore habe Bandscheibenvorfall. Du Stronzo, schreie ich, wie stellst du dir das vor, ich will einen Meereszugang! Dabei war ich selbst froh, mein eigenes Heer war auch in einem verheerenden Zustand: Ständig die Anrufe der Mütter, ob der Gefreite Finn Leander eh glutenfreien Zwieback im Tornister habe. Ob Yannick-Homers starke Ragweed-Allergie beim Feldzug berücksichtigt werde. Furchtbar.
Wie ist Ihnen dann der erste von vielen erfolgreichen Feldzügen gelungen?
Pass' auf, sage ich zum depperten Italiener, wir sind beide Oberhäupter unserer Streitkräfte, also ziehen wir auch selbst in den Krieg! So kam es zum Kampf am Brenner. Der Faschist war ja auf dem rechten Auge blind, weswegen ihn meine linke Grade getroffen hat wie ein Eisenbahnunglück. So ist das dann dahingegangen, Staat für Staat. Ich war damals wirklich ziemlich fit. Drum müsst ihr Jungen jetzt in Geographie keine Länder mehr lernen.
Ihre erste Amtshandlung war aber nicht beliebt.
Stimmt, weder die Prügelstrafe für das Aussprechen von „im Endeffekt“ oder „lecker“, noch die Sprengung sämtlicher BMW X6. Weiß heute keiner mehr, wie die schiachen Trümmer aussahen. Mich haben die schon vom Draufschauen aggro gemacht! Als ich dem Volk nur 30 Minuten Handyzeit pro Tag erlaubte, dachte ich, ui, jetzt werden sie mir rebellisch! Dann die Erlösung: Grundeinkommen für alle, Existenzmaximum für die Gstopften.
Was eine Kapitalflucht zur Folge hatte.
Ja, aber nur kurz. Ich bin dem Geld mit der eigenen Faust nachgelaufen. Die USA hab' ich mir absichtlich bis zum Schluss aufgehoben. Weil mir hat der Hansi Orsolics, bei dem ich das Boxen gelernt habe, gesagt: Pass' auf, der Trump nimmt in der zweiten Runde die Deckung runter. Wie dann das ganze Beutegeld sich in die USA geflüchtet hat wie Flöhe auf die Schnauze eines badenden Hundes...
Ein liebes Bild, Frau Präsidentin!
Goi? Kaum ist der Gong verhallt, senkt der Ami-Dickbär seine Fäuste und hat – zack! – meinen Jab im Guck. Wie er aufwacht, hat er reklamiert, das ist unfair! Es hat noch gar nicht gegolten! Aber der Ban-Ki-Moon, der Referee, sagt: Doch, das gilt, ich bin World-Champion. So war das.
Wieso haben Sie dann ausgerechnet Linz als Regierungssitz ausgesucht? Das war doch 2019 ein verträumtes Fischerdorf!
Gute Frage. Mir war Berlin zu hip, Paris zu gspritzt, Wien zu gebacken, Kuala Lumpur zu schwül. Linz war aber wirklich fad, so um 2020. Die Bevölkerung ist mit Lederhosen oder um den Hals geschlungenen Pastellpullis herumgelaufen. Unvorstellbar! Keine Geisteswissenschaftliche Uni, kein Boxstadion, nicht einmal eine Quantenschleuder. Aber ich habe die Herausforderung erkannt!
Nächste Woche werden Sie 90, freuen Sie sich schon?
Ohja. Endlich in den Genuss meiner liebsten Reform zu kommen – Fairtrade-Heroin für alle, die es bis zum 90er schaffen – das war mir wirklich Anreiz zur Langlebigkeit!
Wir danken für das Gespräch!
Samstag, Januar 19, 2019
Kanäle für die Pein. Quick Wins im neoliberalen Bullshit Bingo
Donnerstag, Januar 10, 2019
Bronchialhumor
Mittwoch, Dezember 05, 2018
Die Stalin-Orgel der Geschäftsideen: Dekonstruierte Medien und Körper (+Katzen kurz vor der Detonation)
Freitag, November 30, 2018
Virtuelle Fehlprägungen
Donnerstag, November 22, 2018
Gutes Benehmen in allen Lagen
Bezugnehmend auf das Erscheinungsjahr des „Guten Tons“ - 1951: Da war der Krieg ja schon wieder lange Vergangenheit, eine neue Zeit! Alle Nazis sitzen im Gefängnis und büßen! Alle Deserteure rehabilitiert, alle KZ-Überlebenden zu Ehrenbürgern ernannt, alle Schreibtischtäter täglich hergewatscht, glatt und verkehrt.
Hahaha.
Hier also ein Roman über das gute Benehmen in allen Lebenslagen.
Ostfront im Herbst 1942. Schon lange bevor wir mit dem Gebirgs-Jäger-Regiment 144 die Kleinstadt Millerewo in Weißrussland erreichten, eilte uns jungen Kameraden der Ruf von Generalfeldmarschall Melzer entgegen. Die Veteranen warnten uns, er dulde nicht die kleinste Nachlässigkeit in Betragen und Adjustierung, es ging das Gerücht, er habe einen Ruthenen an Ort und Stelle richten lassen, der es wagte, seinen Schäferhund zu züchtigen.
Tags darauf rückten wir im größten deutschen Nachschublager für die 6. Armee in Stalingrad ein. Unser Postenkommandant ließ uns erst die Baracken beziehen, als wir unsere Stiefel blitzblank vom russischen Dreck der Straßen blankgewichst hatten. Das korrekte Grüßen und Salutieren hatten wir in den Ausbildungswochen zuvor mühevoll lernen müssen, sodass ich mich jetzt freute, mein neu erworbenes Wissen zum Gelingen der Eroberung Stalingrads einbringen zu können.
Angesichts all dessen hätte es mich nicht unvorbereitet treffen sollen, nein: es hätte mir nicht passieren sollen! dass ich an einem überraschend warmen Herbsttage in loser Stimmung mit meinen Landserkameraden aus dem Verpflegungszelt purzelte – und vor uns eine Frau, eine richtige Dame stand, keine schmutzige Kosakin aus den Dörfern, die uns die Latrinen putzten, nein, es musste eine DEUTSCHE Frau sein, der wir uns gegenüberfanden. „Heil Hitler!“ riefen wir fröhlich durcheinander – da schrillte es gellend aus einer Pfeife. Samt Kommandostab stand wie aus dem Nichts der Generalfeldmarschall vor uns.
„SOLDATEN! Was ist das für ein Benehmen! Was für eine unglaubliche Saubande!“ Brüllend hielt er Strafgericht: Strecha hatte die Mütze nicht abgenommen, Viliamsky hatte sich viel zu tief, nachgerade ironisch verbeugt und ich – der Jüngste, offensichtlich! – hatte gar der Dame – die sich als die GATTIN des Generalfeldmarschalls erwies – die Hand entgegengestreckt. „Wie ein jüdischer Gassenjunge!“
Geknickt ertrugen wir die Kannonade unseres Feldmarschalls. Als wir schon fürchteten, dem Standrechte überantwortet zu werden, zügelte er seine Stimme. „Schützen! Das gute Betragen, der gute Ton, das ist der gemeinsame Gleichklang, der das Miteinander zu einer Symphonie werden lässt. Wenn wir darauf nicht achten, sind wir nicht mehr als Tiere, merkt euch das für den Rest eures Lebens!“ Wir beugten unsere Häupter, merkten, dass der Erzürnte nun sanft wurde. „Soldaten, versteht einer von Ihnen etwas von Musik? Kennt er die herrliche Musik eines Bach, eines Mozart?“ Ich schlug die Hacken zusammen, „melde gehorsamst, habe sieben Jahre Ausbildung am Klaviere genossen!“ rief ich, und der Feldmarschall trat an mich heran. Er sah mir mit eisblauen Augen freundlich in die meinen. „Dann haben Sie schon sehr viel von de Kultur erfahren dürfen, die ganz zuvörderst eine Lebenskultur ist.“ Er wandte sich an alle: „Beherzigen Sie meine Unterweisungen, auch wenn Sie in die Schlacht ziehen!“
Als uns in der Kesselschlacht drei Tage später die Granaten um die Ohren pfiffen, als die Schrapnellsplitter der Katjuschas die Krume und die Eingeweide der Gefallenen zerwühlte, dachte ich noch an die erbaulichen Worte. Ganz ruhig wurde ich, nahm das Gewehr an die Wange und spielte im Geiste die Fuge, als ich kraft der Besinnung auf unsere geistigen Schöpfungsakte einen Iwan nach dem anderen zurück in seinen Schützengraben knallte.
Dienstag, Oktober 30, 2018
Geld und Kult: spirituelles Blockchaining
Montag, Oktober 08, 2018
Neue Verbote 1
Samstag, Oktober 06, 2018
Der Jahrmarkt der Religionen
Ein Vorschlag zur Güte
Am Urfahraner Jahrmarktgelände findet jeweils im Mai und im Oktober eine bunte Leistungsschau der sieben beliebtesten etablierten Religionen statt, samt ihrer tollsten Innovationen. Schon klar, dass Katholizismus und Hinduismus die größten Attraktionen bieten, hier glaubt das Auge mit.
Die Moslems haben die Rolle als Gruselanbieter akzeptiert und sind nun Marktführer bei Geisterbahnen. Die Leute kommen heraus und lachen vor Angstlust. „Hast den Ayatollah gesehen? Der hat voll echt ausgeschaut!“ „Ja, arg, wie auf einmal diese Disconebelexplosion war, huch!“
Im großen Zelt der Juden finden die Eröffnung und die Ansprachen statt, passt ja, wegen der Anbetung des Wortes.
Die Buddhisten verkaufen den Tineff aus China, Burma und Vietnam: Käsehobel, Hornhauthobel, falsche Kragenzobel; Lebkuchenherzen mit chinesischen Schriftzeichen, die „Zicke“, „Mein Süßer“ oder „Lauser“ bedeuten.
Die Katholiken veranstalten Misswahlen (Frauen und Kinder instrumentalisieren geht gut, gleich bei den Toilettanlagen stehen auch sieben Beichtstühle von Dixie), sowie Schaukämpfe (ein Mix aus Kreuzzügen und Wrestling: da kämpft zB das Team Bernhard von Clairvaux gegen die Sarazenen, ich übernehme gerne die Moderation, ich leg's irgendwie zwischen Peter Alexander und Hansjoachim Kulenkampff an).
Daneben eine Innovationsschau der spirituellen Start-Ups: Zb. ein Apple-Store, in dem Nerds vor einer großen Papp-Figur von Steve Jobs niederknien. Die Gläubigen übernachten vor dem iPhone-Stand. Auf großen Bühnen zeigen Youtuberinnen, wie man junge Mädchen durch mehrstündige tägliche Schminkregimes von der Revolution fernhält. Dazu überall Super-Food-Stände, sie verkaufen vegane Schaumrollen und Langos aus Chia-Samen mit fair getradetem Knoblauch aus Kolumbien.
Man kauft sich was oder nicht, schaut sich den bunten Trubel an und vergisst für einen Moment den aufgeklärten Alltag in Mitteleuropa.
Dann ist aber wieder ein halbes Jahr Ruh' mit dem Trallala!
Freitag, Oktober 05, 2018
Das Inferno von Urfahr
So spät noch Walken zu gehen war keine gute Idee gewesen, die Finsternis kam über mich wie ein Ausschlag. Wo war bloß mein Auto! Weil ich mich so maßlos über das teure Extra „Carfinder“ ärgerte, das uns der Mercedeshändler aufgeschwatzt hatte – es funktioniert halt nicht, wenn der iPhone-Akku leer ist! – bemerkte ich erst spät, dass es immerzu bergab ging, wie in einen gewaltigen Trichter, so hoch ist doch der Pöstlingberg gar nicht! Da steht vor mir plötzlich, geisterhaft illuminiert, ein Mann. Und er spricht mich an! „Grüß Gott, gnä' Frau, ich bin der Dichter Musil, und sie sind vom guten Weg abgekommen, ich muss Sie jetzt in das Inferno begleiten!“ Musil, wer? Hä? Inferno! Er nimmt mich an der Hand, ich lasse es geschehen, vielleicht findet der Verrückte ja meinen SUV. „Schauen Sie!“, sagt er nach einigen Minuten stillen Schreitens. Vor uns ein Torbogen, bunt und billig gemalt: „Lasst, die ihr hier eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Ein scheußlicher Duft nach Schwefel, Langos und Lulu weht mich an. „Herr Musil, wie ist mir! Was mache ich an diesem gräuslich Ort?!“ Er sieht mich ernst an. „Du bist vom rechten Weg abgekommen.“ „Mah!“, sag' ich, „ich spend' für die Tiere und bei den Soroptimistinnen tun wir ganz viel Charity...“ Musil bedeutet mir zu schweigen. Er geht mir voran durch das Tor, meine Füße folgen ihm von allein.
Es kommt uns eine Horde sehr junger Menschen entgegen, die Burschen in engen Hosen und mit dem Gang verkürzter Achillessehnen, die Mädchen in schiachen 90er-Jahre-Jeans, stark geschminkt. Sie grölen alle „Bella Ciao!“ in der DJ-Ötzi-Version und schwenken Corona-Flaschen. „Herr Musil“, sage ich, „das sind doch noch Teenies!“ „Ja“, antwortet er, „aber jung genug, um den Hofer gewählt zu haben!“ Ich will mich über diese illiberale Sichtweise echauffieren, aber fährt fort. „Die sind nur die lauen Seelen, sie haben es nicht besser gewusst, weil sie außer Kiffen und Gamen nichts im Schädel haben.“ Ich stimme ihm innerlich zu, wir waren alßer Junge noch aktiver, ich war ja sogar Schulsprecherin bei der AHS, und beim Jus-Studium... Musil reißt mich aus den Erinnerungen, er zieht mich tiefer in das bunte, beängstigende Geschehen. Da höre ich die spitzen Schreie der Gemarterten! Wie wellen, Iiiiiiii! und Aaaaiiiiiiiiii! „Herr Musil, hier werden Andersdenkende gepeinigt!“ Er schüttelt, den Kopf. „Das sind die herzensträgen Männer, die das Frauenvolksbegehren nicht unterschrieben haben, weil ihnen ein, zwei Punkte nicht so taugen und weil...“ Aber ich hab's auch nicht unterschrieben, fällt mir in Panik ein, weil eine tüchtige Frau setzt sich auch ohne sowas durch, oder sie kann ja auch daheim bleiben... Der Musil scheint meine Gedanken gelesen zu haben, denn er schiebt mich in ein Bierzelt hinein. Igitt! Sowas ist echt eine Zumutung für uns bildungsnahe Schichten! Auf der Bühne steht – Jörg Haider! Er versucht, die Massen zu begeistern, aber sie schauen nur auf das Autodromauto, das über seinem Haupte schwebt. Und KRAWWUMMS! fällt es auf ihn drauf, ich erkenne jetzt, dass es ein kleiner VW Phaeton ist, der ihn zermerschert. „Das passiert den Heuchlern und Lügnern im vierten Kreis der Hölle täglich“, erklärt der Dichter. Er hält mir einen Bierkrug hin und gibt erst Ruhe, als ich ihn unter Protest ausgetrunken habe, dabei trinke ich lieber Prosecco. Dann zieht er mich weiter, in das nächste Bierzelt, dort wird gesungen, ohweh! „Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ „HölleHölleHölle!!!“ schreit die Masse. „Grundgütiger, Musil, was haben diese Menschen verbrochen?“ „Das sind die elitären Bildungsbürger, die 14 Semester Philosophie geschenkt bekommen haben und beim Ö1-Hören die Ö3-Proleten verachten!“ Mir setzte das Herz aus. Der Wolfgang-Petry-Hit verklingt, fängt aber gleich wieder von vorne an. Zwischen den gegen ihren Willen grölenden Theaterabonnenten huschen Sünder mit Wischmopps herum, die allerlei Organisches wegputzen müssen. „Internettrolle“, sagt Musil streng. Mir rinnen die Tränen aus den Augen, erleichtert atme ich auf, als wir weiterziehen. Wir halten vor dem Autodrom. Hier werden heulende, hinkende Männer übers Parkett gejagt, von Frauen in Micra Mouses und Ford Mondeos, sie blenden die Scheinwerfer auf, beschleunigen und zerschmettern den Gejagten Fersen und Knie. „Das ist der siebte Kreis der Hölle, hier büßen die Audifahrer. Schau nun, der vorletzte Kreis der Hölle!“ sagt er und zeigt mir das Ponykarrussel. Darin ist nur ein einziges, kleines Pferd, es keucht, dicke Kinder stehen Schlange und greinen, weil sie auch endlich darauf reiten wollen. Aber nein, das ist kein Pferd, das ist ein kleiner, grauer Mensch, der unter Marie-Chiaras 67 Kilos barmt, das ist – Herbert Kickl! „Eine Hetzjagd“, wispere ich. Musil wiegt sein Haupt. „Siehe nun den neunten, den innersten Kreis der Hölle!“ Die Folterapparatur erinnert mich an die Petersburger Schlittenfahrt. Die Passagiere sitzen noch ruhig da, aber sie müssen Unmengen an Zuckerwatte und Schaumrollen in sich hineinstopfen, manche sind schon grün im Antlitz. Es sind fast nur Männer, alle tragen enge Anzüge, das Haar glatt zurückgegelt. Einer brüllt verzweifelt „Den Urfahraner Jahrmarkt wollte ich so gern wegrationalisieren, gehen eh nur die Migranten hin!“, wie auf ein Kommando geht das Fahrgeschäft los. Musil mahnt: „Sieh gut zu, was mit den Neoliberalen passiert!“ Da klaffen die Kulissen auseinander, es tun sich die drei schrecklichen Mäuler Luzifers auf, der erste der smarten jungen Herren wird hineingeschleudert, seine großen Ohren können nichts bremsen. Ein Effizienzsteigerer nach dem anderen wird zermalmt. Ein schreckliches Heulen und Zähneknirschen!
Wir stehen voreinander, ich bin ins Mark hinein erschüttert. „Und welche Pein ist für mich ausersehen? Ich weiß, ich habe gesündigt.“ Musil sieht mich ernst an. „Für dich steht nun das Fegefeuer bereit. Du kannst das Heil erwirken, aber du musst aufrichtige Umkehr leisten.“ „Ich will ein besserer Mensch werden!“, weine ich. „Nun denn, so trage fürderhin einen neuen Namen, der die Zugehörigkeit zum Herrn bezeichnet: Dominika! Und du musst auch wieder arbeiten gehen, und zwar im Schweiße deines Angesichts!“ Dann verschwand er, ich fand mich auf dem Parkplatz wieder. Mein herrlicher Mercedes hatte sich in einen andersfarben Ford Mondeo Kombi verwandelt.
Damen und Herren, Sie sind in diesem Augenblick Zeugen meiner Läuterung.
Freitag, September 14, 2018
Wirtschaft ist schön, aber kann man davon leben?
Während der Busfahrt zum Kongresshaus lese ich die Nachrichten, meine Filterbubble ist voller Protest gegen den geplanten 12-Stunden-Tag, es soll eine riesige Demo gegen diese Ausbeutung geben, organisiert von der Industriellenvereinigung. Träumt weiter, denke ich, aber sie tun mir leid, die Unternehmensführer leiden am meisten unter dem Zeitgeist. Da sind wir Start-Up-Comediens noch halbwegs fein raus. Ok, wir verdienen scheiße, und wir arbeiten 24 Stunden täglich an unseren Selbstzweifeln. Aber wenigstens sind wir EPUs nicht ganz so dem Gespött der Künstler ausgeliefert. Ich mein', kein Konzernchef darf sich beklagen, hätten sie halt was Gscheites gelernt. Weiß man ja seit Jahrzehnten, dass diese Orchideenfächer nur was für Idealisten sind. Für solche wie mich.
Was haben meine Eltern getobt, wie ich ihnen erklärt hab, ich wolle unbedingt IBWL studieren. Die Mutter hat geschrien, wer soll dann ihr feministisches Hackerspace übernehmen, der Vater hat nur still geweint. Ich sehe mich noch mit dem Fuß aufstampfen, voll jugendlicher Restrenitenz, wer so ein Studium wirklich will, findet später auch einen Job in der Wirtschaft, und wenn das nicht klappt, kann ich immer noch die Mutter um ihre Netzwerke anbetteln. Der Vater hat mit roten Augen gefragt, ob ich nicht untertags was Solides machen könne, experimentelle Gestaltung etwa, und die Wirtschaft als Hobby? Nein, nein, nein! Damit war die Diskussion beendet. Die Eltern haben mich dann beim Studieren schon unterstützt, ich musste mir aber durch Romanschreiben was dazuverdienen.
Ich gehe jetzt mein Programm noch einmal durch, obwohl mir beim Lesen im Bus immer schlecht wird. Von diesem Abend erwarte ich mir viel, die Diskurstanzinnung zahlt nicht besonders, aber man hat mir gesagt, ich könne mich auf dieser Plattform toll präsentieren. Immer lasse ich mich runterhandeln! Die scheiß Künstler glauben, dass wir Wirtschaftler alles aus Liebe machen. Stimmt ja auch, ich will aber trotzdem davon leben!!! Wenigstens wird’s diesmal nicht so wie bei den Naturlyrikerinnen letzte Woche, die haben drauf bestanden, mir das Honorar scheinchenweise in den Hemdkragen zu stopfen. Ich bin ein Mann mit Gefühlen, verdammt! Oft habe ich Angst, mich zu prostituieren, wenn ich das wirtschaftliche Begleitprogramm für die ganzen Kunstbonzen mache. Mir graust schon vor mir selbst.
Ohne Geld kann ich nie ein eigenes Unternehmen gründen! Ich weiß, das ist naiv – wer liest in unserer schnelllebigen Zeit noch Bilanzen? Aber ich finde, der Handel ist ein zutiefst menschlicher Zug! Man darf einfach nicht alles nach seinem Beitrag zum Schönen bewerten, Zahlen sind auch ein Teil der Existenz!
Der Bus hält, ich muss im Regen zum Kongresszentrum laufen. Meine schönen Lackschuhe, mein Slimfitanzug! Ich nehme den Hintereingang, vorne steigen die ersten Choreographinnen aus repräsentablen Volvo-Vintage-Limousinen. Mit meinem Business-Look komme ich mir unter den vielen mächtigen Frauen mit Filzschmuck und postmenopausalen Biobaumwollyogatuniken total schäbig und fehl am Platz vor, aber hey! Ich bin ein Rebell, ich bin anders, ich halte euch bornierten Dekonstruktivistinnen mitteleuropäischer Tanzkunst den Spiegel vor! Ihr seid zu satt geworden!
„Herr Morgan Sachs?“ Jemand tippt mir auf die Schulter. Ein älterer Herr, seine Füße stecken in ausgehöhlten Weißbroten, er trägt ein Beo-Zwillingspaar im Nest auf seinem Kopf, gekleidet ist er nur in Alufolie. Der Veranstalter. Ich schlucke meinen Ingrimm hinunter. „Herr Sachs, das Headset ist leider kaputt, wir geben Ihnen eine Handgurke, Sie haben eh eine laute Stimme?“ Ich nicke. „Wir sind schon gespannt auf Ihre Impulse, was genau haben Sie da für ein Programm?“ Ich räuspere mich. „In meiner Powerpointpräsentation...“ Schallendes Gelächter unterbricht mich, „hahaha, der war gut! Bravo!“ und ich setze fort „präsentiere ich die Benefits der trickle down welfare politics in internationalen Handelsströmen“, der Mann im Brot kichert die ganze Zeit, „unter besonderer Berücksichtigung der Effekte auf lokale Märkte. Und im zweiten Teil geht es um Hedgefonds und automatisierten Derivathandel...“ „Ok, ok“, der Veranstalter wiehert wie ein Pferd auf Hanf, „das wird so lustig! Ich seh' schon, warum die Lyriker Sie so empfohlen haben, hilariös!“ Ich versuche, mein Gesicht nicht zu verziehen. Hier soll ein Mensch gedemütigt werden, darum nehme ich meinen ganzen Mut zusammen. „Leider muss ich mein Honorar aufgrund von Entwicklungen auf dem Weltmarkt indexangleichen...“ Der Veranstalter hört abrupt auf zu lachen. „Darüber sprechen wir nach Ihrer Darbietung!“, dann lacht er doch wieder und sagt im Davongehen noch, wie erfrischend er den merkantilen Zugang von uns Wirtschaftlern immer finde.
Da es keinen Backstagebereich gibt, warte ich vor den Toiletten auf meinen Auftritt. Immer wieder kommen Tänzerinnen in fair getradeter Jute an mir vorbei und machen anzügliche Bemerkungen, die meisten haben mindestens gekifft, wenigstens vier Gläser Weißwein intus. Endlich werde ich in den Saal gerufen. Die Bühne ist winzig und schlecht ausgeleuchtet, die Tänzerinnen haben ihre Weinflaschen draufgestellt und johlen, als sie mich sehen. Ich habe den Slot vor der Büffeteröffnung, ich weiß, dass ich jetzt wirklich meine Leistung abrufen muss, sonst wird das nichts. Mit dem klassischen Elan der New Economy springe ich auf die Bühne und verwende meine disruptiven Keywords, um das Unternehmensnarrativ zu etablieren. Die ersten Lacher. Als das Diagramm erscheint, das mich beim Triathlon zeigt, mit der Überschrift „Markenkern Ich-AG dank Performance“, schreit der Saal auf vor Lachen. Scheiße, sie sind alle voll druff. Ich habe noch gar nicht „Business-Opportunity“ gesagt, und „low hanging fruits“, da schreit die erste „Ausziehn, Puppi!“ Es ist immer das Gleiche. Zwei schwule Ausdruckstänzer beginnen, meinen Text synchron in die Sprache des modernen Diskurstanzes zu übersetzen, und als ich „Leistung muss sich wieder lohnen!“ sage, zeigen sie mir ihre enthaarten nackten Hintern, Künstler halt. Aber mittlerweile habe ich ja schon Erfahrung, das Beste kommt noch. Als ich „geht's der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“ skandiere, fliegen Bongs und Veltlinerflaschen auf die Bühne, etliche Damen zeigen mir ihre vom professionellen Nackttanz enthemmten Leiber, sie stürmen die Bühne und ich gebe auf.
Der Veranstalter nimmt mir das Mikro ab. „Na, das war doch lustig, oder? Uns von der Diskurstanzinnung ist das Mäzenatentum ein großes Anliegen! Wirtschaft macht das Leben auch schöner! Bitte noch einen großen Applaus für den talentierten Nachwuchsunternehmer Morgan Sachs!“ Er droppt das Mic, sofort wird die Bühne gestürmt, Körper verfallen in wilde Zuckungen. Ich ertappe mich beim Neid auf die Tänzerinnen, sie haben keine Ahnung, wie der Markt funktioniert. Über Geld spricht man nicht, Geld hat man. Der Veranstalter tippt mir auf die Schulter, er drückt mir 150 Euro in die Hand. „Sie haben ja nur zwei Drittel vom Programm gebracht, da muss ich entsprechend abziehen.“ Einer der Beos hackt nach meinen Augen. „Lieb gemacht, sehr lustig!“, sagt der Mann und lässt mich stehen. Schnell gehe ich, damit niemand meine Tränen sieht. Weil kein Bus mehr fährt, muss ich die Hälfte des Honorars fürs Taxi ausgeben.
Endlich Bürgermeister!
Dank an die Bildstellen: Ronald "Minki" Brutter, Coala "Cleopatra" Meindl und Sebastian "Putin" Fasthuber.
Donnerstag, September 13, 2018
Im Satirekombinat der „Original Linzer Worte“
Manche Landsleute haben sich von meiner zeitweiligen Verfügung in Hitler-Kostüme blenden lassen: In Wahrheit bin ich recht links und lege mein Präsidentschaftsamt hochgradig antifaschistisch und antiautoritär an.
Die Befreiung meiner Brüder Monet und Buttinger aus der kapitalistischen Verwertungslogik war mir eine Herzens- und Nierenangelenheit. Deswegen habe ich auch den volkseigenen Satirebetrieb „Original Linzer Worte“ gegründet. Motor meines revolutionsorientierten Wirtschaftens ist der Kampf gegen neoliberale Vernutzungssysteme und ausbeuterische Rationalisierungsstrategien.
Die Arbeit in meinem Kombinat beruht auf Selbstverpflichtung, Selbstführung und Einsicht in die Vorteile der literarisch-kollektivierten Zentralwirtschaft. Unsere Produktion ist auch wegen des Verzichts auf Urheberrecht und Privateigentum jener des kapitalistischen Auslandes (vgl. Coehlo, Rowling, Brown) weltanschaulich überlegen.
Wir sind vorerst nur zu dritt, und einer muss eben die Nomenklatur bilden. Da die Genossen Buttinger und Monet erstens einen geringeren Bildungsabschluss haben sowie im Sinne der antiphallozentristischen Emanzipationsdoktrin nicht über einer Frau arbeiten sollen, blieb mir nichts anderes übrig, als auch hier die Funktion des Zentralkommittees zu übernehmen. Ich darf dazu den Komsomolzen Mandlbauer („Prawda OÖ“) zitieren: „Die Führung darf nicht übersehen, dass das Volk geführt werden will.“ In diesem Sinne habe ich, das ZK, meine Angst vor Autorität überwinden müssen. Obwohl mir das mehr weh tut als euch.
So kaufte ich also eine Immobilie in der Innenstadt, damit die Produktionsmittel in unseren Händen bleiben. Von außen mag das Büro eher wie ein alter Baucontainer aussehen, der einfach in einer NachtundNebelaktion in den Landhauspark gestellt wurde, aber das ist wieder nur eine Verblendung des imperialen Blicks. Uns bzw. den Schreibgenossen ist es der Arbeiterhimmel. Da sitzen Monet und Buttinger nun täglich elf Stunden und dichten. Abends übernehmen sie verkleidet Lesungen.
Ich gab ihnen folgende Planaufgabe: Täglich zehn Manuskriptseiten Text, einen Roman pro Quartal, nach Möglichkeit einen Bestseller im Semester. Vorgeschriebenes jährliches Wachstum acht Prozent. Im Fünfjahresplan ist mindestens ein Literaturnobelpreis vorgesehen. Bei Verfehlen des Plansolls folgen Selbstkritik und Kritik durch das Feuilleton. Dazu die Beschlagnahmung von Kraftfahrzeugen, Nylonstrümpfen und Südfrüchten.
Nun! Was für ein schöner Start, als Monet nicht nur unter dem Synonym Robert Menasse und Michael Köhlmeier veröffentlichte wie eine Stalinorgel, sondern 2004 mit „Die Klavierspielerin“ gleich den Nobel-Plan erfüllte. Genial auch seine Taktik, die Rolle als Jelinek scheu und zurückgezogen anzulegen, so fiel seine eher unglaubwürdige Verkleidung als Frau nicht weiter auf.
Selbstverständlich war der Buttinger schnell neidig, er durfte sich zwar über internationale ökonomische Erfolge seiner fingierten Schriftstellerinnen (Donna Leon, Paulo Coelho, Rosamunde Pilcher) freuen, die im Plansoll geforderte avantgardistisch-künstlerische nationale Anerkennung blieb aber aus.
Intensiv arbeitete er am Gegenschlag. Bis Buttinger schließlich im Oktober 2007 in einer einzigen Schicht „Gut gegen Nordwind“ zutage förderte. So ernannte ich den eifrigen Mehrleister zum Stachanow des Monats und versprach, zur Belohnung seine Heimatstadt Wels nach ihm umzubenennen. Als kurz darauf schon alles umgeschrieben, alle Amtsschreiben angepasst waren, musste ich zu meinem beträchtlichen Missfallen erkennen, dass es das Städtchen „Klaus“ bereits gibt. Ich seah mich gezwungen, das alte Klaus durch Sprengung der Staumauer fluten zu lassen. Die Motivation meiner Mitarbeiter ist mir nun einmal unendlich wichtig.
Monet aber schimpft und grummelt seither, er nennt Buttinger oft einen „Normbrecher“ und Schleimer, er leiste des Abends sexuelle Hilfsdienste für das ZK. So trug ich unlängst dem aufmüpfigen Monet die Leistung der Königsübung, pardon: Arbeiterführerübung auf: Verfasse dem ZK einen dermaßen tollen Text für die Europawahlkampflesebühne, dass es die Volksmassen beim Zuhören aus dem Drillich wirft.
[René von der Seite anschauen:] Ich bin mir nicht sicher, ob dir der Auftrag gelungen ist.
Montag, Juli 02, 2018
Liederliche Schmuckeremiten grölen demonstrative Brandreden. Warum ich meinen Beruf liebe.
Geliebtes Volk!


















