Mittwoch, September 29, 2021

Fremddeckungen, Leuchtschleim und Spinnenpfoten. Phantomereignisse im August 2021

1.8.

Die Nachbarn ziehen ein ziemliches Sexbusiness auf, nach rassischen Kriterien. „Snowmass Diamond Mountain ist schon voll im Einsatz und hat ander Beschäftigung so richtig Spaß! Verständlich, er bekommt auch die heißesten 'Eisen' in der europäischen Alpacawelt! ACHTUNG: Es stehen nur mehr 2 Fremddeckungen für 2021 zur Verfügung. […] Jetzt reservieren und in der eigenen Zucht einen Quantensprung in der Feinheit, Dichte und Gleichmäßigkeit vornehmen!“

3.8.

Die ganzen christlichen Accessoires im Haus beginnen wie vergessene Weihnachtsdeko auszusehen.

***

Ein selten gewordener Ausflug nach Linz. Alle schauen mich an. Entweder habe ich eine Modeverschiebung verschlafen oder ich bin berühmt. Vielleicht aber auch paranoid. Später, in der Kletterhalle, schaut eine Frau, der ich sehr schwungvoll aus der Toilette entgegenkomme, irritiert an der Tür nach, ob das eh das Damenklo ist. Dabei war ich seit Monaten nicht beim Friseur und trage eine lavendle Hose.

4.8.

Weil er es so doof findet, dass der deutsche Naturbund bei den Störchen gendert, flüchtet der Schriftsteller Politycki ins „Exil“ nach Wien. Ich kaufe dem seine Sorgen für 500 €.

***

Bei Gelegenheit etwas über die allgemeine Übermüdung schreiben, die Frauen nur akzeptieren können, wenn es nichts mit einer Versagensmöglichkeit zu tun hat. Dir wird alles zu viel in der rush hour? Muss Long Covid sein. Dein Kind erschöpft dich, obwohl der Mann eh zweimal in der Woche mithilft beim Zubettbringen? Vielleicht ist es das Amalgam in den Plomben! Du willst deine Familie an die Organmafia verkaufen, weil du die einzige bist, die anderer Leute Stundenpläne, Arzttermine, Sockenaufenthaltsorte weiß? Hm, ist vielleicht Eisenmangel, geh' mal zum Energetiker, da ist wo eine Blockade im Chakrahaus, wegen der Mondphase. Die erschöpften Mütter versagen aber nur in einer Sache, dass sie nämlich nichts anzünden vor Wut, und dass sie glauben, sich selbst ändern zu müssen statt das System.

5.8.

Bin heute selbst erschöpft, aber ohne Versagen, nur wegen der Impfung.

6.8.

Die Beute lenkt den Feind mit leuchtendem Schleim ab.“ Die ZEIT

7.8.


Nach der Wanderung aufs Brandleck über das Prentnerkar ziehe ich schnell Leiberl und BH aus, woraufhin ein alter VW-Bulli wendet und auf mich zukommt. Ich schwanke zwischen Abwehr und „Schau, wie mein süßer Body wirkt“, da kommt aus dem Bus schon eine herausgestiegen, die mich erkannt hat und die ich mag.

Dann sehr schnell durch den kleinen Orkan nach Wels, ich bin viel zu spät für den „Großartigen Leseklub“, der seinen Namen zu Recht trägt, schon alleine, weil sich Frau KMT mit fordernder Sexualität auf ihr Keyboard legt. Ich habe eine Kapperlfrisur und miachtle ein wenig, trotzdem siezt mich Barbara Zeman. 

8.8.

Mittlerweile machen mich Lesungen, zu denen die Menschen ordentlich gekleidet zu früh erscheinen, sehr nervös, noch dazu, wenn ich Ernstes lesen muss. Gelesen wird im lavendel getünchten ehemaligen Gmundner Klomuseum. Später wird man mich loben, dass ich die Sachs-Gedichte so „straight“ gelesen habe, dabei konnte ich es einfach nicht besser. Eine Besucherin droht mir, als ich sage, ich sei aus dem Zentralraum: „Ned frech wern!“

9.8.

Zu viel Raum, zu wenig Zeit.

10.8.

Ich habe keinen guten Geschmack, dafür einen guten Appetit.

11.8.

In der Perseidennacht allein auf dem Gipfel des Großen Brieglersbergs. Noch vor Mitternacht gehen mir die Wünsche für all die Sternschnuppen aus. Bald treiben mich immer tiefer fliegende Fledermäuse ins Zelt hinein. Frühmorgens trudelt ein Birkhuhn neben mir herab. 

12.8.

Die Augen trinken diese Schönheit wie kaltes Bier. Das Gipfelbuch auf dem Hebenkas stammt aus dem Jahr 1981, jemand hat neben einen der ersten Namen „+1983 Pyhrner Kampl“ geschrieben. Vorne steht in Kalligraphie: „Du sollst nicht danach streben, dass es dir gut geht, sondern dass durch dich Gutes geschieht.“ 2021 ist immer noch ein Drittel unbeschrieben.

Nach 30 Stunden steige ich ab, wie immer mit dem Gefühl, hier nur einen Bruchteil der Landschaft gesehen zu haben. Nach 1000 Höhenmetern frage ich mich wie immer, wer das alles heraufgegangen sein soll, und wozu.


13.8.

Setz' „Die Bienen und das Unsichtbare“ ist ein ganz ausgezeichnetes Buch („auf Spinnenpfoten“), obwohl ich trotzdem weder Volapük noch Esperanto lernen möchte.

17.8.

Homer soll eine Gedichtparodie namens „Der Froschmäusekrieg“ geschrieben haben (gefunden bei Kierkegaard, gleich daneben das Wort „Schnurrpfeifereien“).

***

Wenn ich wirklich einmal alles lese, was ich mir in den Urlaub mitnehme, komme ich als anderer Mensch zurück.

18.8.

Ich will nicht prahlen, aber ich habe gerade das beste Kompliment des Quartals bekommen: „Fia des, dass'd recht liab bist, bist aa gaunz gescheid.“ Es war aber auch notwendig, denn die junge Friseurin hatte mich eine Stunde vorher gefragt, was denn meine ursprüngliche Haarfarbe einmal gewesen sei. Die Scham angesichts meiner „Frisur“ im Spiegel war übrigens nach einer halben Stunde intensiver Wildwuchsbändigung in papageienhafte Selbstverliebtheit umgeschlagen, ich hatte mich zusammenreißen müssen, nicht eitel zu krähen.

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Am Beispiel der „Wand“: Immer wenn die Rührung den Buttinger zu übermannen droht, lenkt er sich selbst mit extranervigen random Fragen zum Gesehenen ab („Wer ist jetzt der Luchs?“ „Der Hund, der gerade erschlagen wird.“ „Ha?“ „Bitte!!!!!“ „Wem ghert der Hund?“ „Dem Jäger.“ „Welchem Jäger?“ „Den man am Anfang gesehen hat...“ „Da hab ich nicht geschaut.“ aaaargh!!!!). Am Ende haben wir aber beide nicht geweint bei der Einstellung, in der Luchs retrospektiv über die Alm läuft.

19.8.

Armselig ist das Haus, in dem es nicht auch viele überflüssige Dinge gibt.“ Horaz war noch nie bei mir daheim.

20.8.

Ich binge „Binge Living“, es ist durchgehend lustig! „Shit, ich hab total vergessen, dass man arbeiten muss, wenn man einen Job hat.“ Oder: „Nach fünf Stunden habe ich mich ernsthaft gefragt, wozu man ganze Kontinente versklavt, wenn denn erst gebildete, mitteleuropäische Kunststudentinnen Stunden ihres kostbaren Lebens vergeuden müssen.“

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Ein Neuroleptikum für Kinder heißt „Pipamperon“.

"Analgentechnik" - nein, danke!

21.8.

Heute überhole ich beim Wandern so viele Männer, dass ich selbst schon an die Überlegenheit der weiblichen Rasse zu glauben beginne.

22.8.

Ein Falke stürzt so jäh vom Himmel auf seine Beute herab, dass es so wirkt, als sei er kaputtgegangen und 100 Kilo schwer.

***

Bei Gelegenheit etwas über die rasante Beschleunigung beim subjektiven Sommerzeitempfinden. Der Juli und der August sind mir durch die Finger geronnen wie Euromünzen auf dem Urfahraner Jahrmarkt. 2042 wird mein innerer Sommer trotz Klimawandelns nur noch drei Tage lang dauern.

23.8. Grundlsee

Ob sich der Grundlsee einen Fisch ausgedacht hat, der meinem Schatten gleicht? Ob die Kinder von Gössl sich ein Spiel ausdenken werden, dass meinen Namen trägt? Ich habe ein Appartment am Fuße des Toten Gebirges. Meine alpinistischen Erwartungen sind mittel, ich bin schon in der Minute der Anreise glücklich, und es wird noch besser, als sie diesmal beim Staudnwirt leise „Easy“ von Faith No More spielen. 


24.8.

Das Wetter ist ein wenig scheiße. Hier die schönsten Eindrücke aus dem Ausseer Kammerhofmuseum (unvollständige Aufzählung ohne Ranking):

  • Steigeisen für Kühe

  • Die Löffelkrokodile vom Fuß der Plankermira

  • Die Eiszeitmodelle von der Gegend – schneesichere Skitouren mit wenigen Höhenmetern

  • Der interaktive Pasch-Lehrgang, bei dem man von einem Einheimischen virtuell extrem ausgeschimpft wird, er spuckt sich vor Empörung über so viel rhythmische Dummheit das Kinn nass.

  • Die Kollektion der Höhlenbärenpenisknochen

  • Die Völkertafel voller verrückter ethnischer Vorurteile über die zwölf Hauptrassen Europas, samt deren jeweils bevorzugter Laster und Todesartenprognose:


Später gehen wir mit Lutz Maurer, dem Erfinder von „Land der Berge“, etwas trinken, er erzählt uns lustige Schnurren, etwa über den eitlen Klettergecken Thomas Bubendorfer* (er musste einmal vor den Augen seiner Kronenzeitungsentourage aus einem Einkaufswagen herausklettern, die vollständige Geschichte erzähle ich auf persönliche Anfrage).

25.8.

Die beiden schneeweißen Geißen auf der Pühringerhütte ersuchen dringlich um streichelnde Hände. Wenn man innehält, hakt die größere sanft ihre Hörner in den Unterarm und zieht ihn zurück auf ihre Kruppe, und wenn die Pause gar zu lang wird, treten sie so sanft mit ihren Hufen, als wären es Spinnenpfoten.

26.8.

Das Wetter ist ein bisschen scheiße, also eher lesen und Kuchen essen (wenn man den vom Vortag zum halben Preis kauft, hat man gleich die Illusion, eine gute Tat vollbracht zu haben). Lesefrüchte: Meine Branche heißt „Bewusstseinsindustrie“. Und bis weit nach 1960 wurde diskutiert, ob Frauen in Foto- und Röntgenlaboren arbeiten dürfen, da sie während ihrer Tage durch Menotoxine die Bilder beschädigen könnten. Eigentlich ist es fast schade, dass dieser bizarre Irrglaube nicht stimmt, wir könnten das gut in ein Drohszenario einbauen. Lutz Maurer hat mir ein Buch mit Kaiserin Sisis Berggedichten zukommen lassen, ich könnte es kaum besser, aber schlechter schon gar nicht: „Mein Berg, mein Felsgemahl“. Bin keine Historikerin, aber mich dünkt, ihr ist ihre Mischpoche auf den Arsch gegangen:

Doch die größte aller Wonnen,

könnte ich der Dachstein sein

Den Verwandten wär entronnen

Ich samt ihrer ganzen Pein.

Es ist ein sehr informatives Buch, sie reicht etwa in einem sehr langen Poem einem ihrer Bergführer eine Schale Milch, „die macht mir jedesmal Durchgang, Ich mag's auf keinem Falle.“ Und sie möchte ihr Leben den eigenen Haaren vererben, „an meinen Haaren möcht' ich sterben“. Crazy!


29.8.

Das Wetter ist seit drei Tagen manifest scheiße. Wir sehen aus Trotz keine Sekunde Tageslicht, liegen nur beim Essen nicht, fangen um 14:30 mit Chips und eine Stunde später mit Bier im Bett an, das volle Dekadenzprogramm für gelangweilte Proleten. Die frisch gekaufte 50er-Premium-Sonnencrème steht im Bad wie ein Mahnmal dafür, dass man das Leben nicht planen soll.

***

Kein Mensch kann zu viel Realität ertragen. Wir brauchen unsere Bücher, unsere Bastelprojekte, unsere Hunde und das Strickzeug, die Filme, Gärten und kleinen Aufgaben.“ Helen Macdonald, „Abendflüge“ (ein sehr großes Buch). Wir brauchen unsere Chips und unser Bier und unser Bettzeug und unsere Hoffnung darauf, dass dieses oasch Wetter vorbeigeht.

31.8.

Es regnet. Wichtig für die Bauern. Unabsichtlich werden wir zu Restauranttestern im Inneren Salzkammergut. Wenn meine Literatur irgendeinen Sinn gehabt haben soll, dann geht nicht in die „Blaue Traube“ in Bad Aussee.

Wohl empfehlenswert ist das Salzbergwerk in Altaussee. Der Guide erklärt, es werde so lange betrieben, wie die Menschen es sich leisten wollten, denn das überall verscherbelte Himalaya-Salz sei chemisch ident, aber konkurrenzlos billig, weil „der Mensch dort nichts wert ist“. Im Shop möchte ich dann, noch ergriffen von diesen Worten, das gute heimische Steinsalz kaufen, aber es ist wirklich ein bissi teuer (Museumsshoppreise eben). Schon will ich zum Bad Ischler „Pink Yeti“ greifen, da sehe ich erst, dass es aus Pakistan kommt. Später im Ausseer Unimarkt liegen billige Halbkilosalzsäcke herum, mit einer Importadresse auf Malta, dem Einfallstor für alle doofen Ideen der globalen Schifffahrtsmafia.


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* Zuhause lese ich in Bubendorfers herrlicher Autobiographie nach, um sicher zu gehen, ob er eh wirklich eitel ist. Ich werde nicht enttäuscht: „Ich zweifle selten; Ursula jedoch, mit einem Mann wie mir, kommen klarerweise öfter Zweifel.“

Dienstag, August 10, 2021

Mein patschertes Leben im Zentralraum, mein Tod in Argentinien, mein Nirvana im inneren Salzkammergut

Phantomereignisse im Juli 2021

2.7.

Weniger mit Sorge denn Wohlwollen beobachte ich, wie die ersten von uns schrullig werden. Vielleicht kann sich die Generation X bald von den Boomern und den Snowflakes emanzipieren, die sie so hart sandwichen. Wir werden ja zerrieben zwischen alten, weißen Männern, die uns „spießig“ nennen, wenn wir nicht mit ihnen ins Bett gehen und uns davor noch ihre besten Rolling-Stones-Konzertanekdoten anhören wollen. Andererseits beschimpfen uns die woken Kids, weil wir sie mit dem Diesel zum StandUp-Yoga-Workshop chauffieren. Vielleicht hilft uns das Seltsamwerden aus dieser rush hour des Lebens.

5.7.

Um einen spontanen Akt des Erwachsenseins zu setzen, gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben zu meiner Hausärztin (ich war auch noch bei keinem Hausarzt), die ganz überrascht ist, für mich zuständig zu sein. Den Kaktusstachel in meinem Zeigefinger findet sie nicht – wie auch, es ist gar keiner drin – sie lobt mich aber, dass ich nicht weine, während sie unter meiner Haut nach dem Phantom sucht. 

9.7.

Man hat mich nach Scharnstein zum Lesen geladen, und es ist nur schön. Irgendwo hört man Kinder, die ihren ersten Tag ohne Schule feiern, daneben junge Ziegen, die ihren ersten Tag ohne Stall beklagen (sie stehen lost im hohen Gras). Grillen und Hunde tun, was sie tun. Das Thema ist „Stadt – Land – Fluss – Berg“, aber wir sind alle Team Land, und die KollegInnen haben dazu auch viel Schönes zu sagen. Als ich dann die Episode vorlese, dass jemand Derrick gebingewatched habe, halte ich inne und sage „Oh, Sie sind ja zu jung, um Derrick zu kennen!“, da ruft einer „Ich bin zu alt, um Bingewatchen zu kennen!“

10.7.

Ein Ausflug in die „exotische“ Heimat Bad Wimsbach-Neydharting. Wir bekommen etliche No-More-Bäder gezeigt, wohl eine Folge des Klimawandels. Wir unterschätzen die Kraft des Mostes und erleiden einen sehr anregenden Rausch. 

Abends wird auf dem Gelände des Marchtrenker Ural-Importeurs der mitreißende Film „972 Breakdowns“ über eine wahrlich verrückte Motorradreise von Halle nach New York gezeigt, es ist eine anregende Qual, den jungen Leuten bei ihrer Aventûre zuzusehen. „We wanted to make you feel guilty!“ wird der Este Kaupo nachher zu uns Zimmerlinden sagen, und eine, die ich sein könnte, sagt: „We are catholic here, we can deal with guilt.“  

11.7.

Eine Modetheoretikerin, die im Falter über neue BH-Trends spricht, heißt Titton.

12.7.

Mein Zahnarzt fährt einen Renault Espace. So einer kriegt weiterhin mein Geld und mein Vertrauen.

13.7.

An manchen Tagen bin ich der König Midas der dummen Arbeiten – alles, was ich anfasse, verwandelt sich in eine hunzende Fleißaufgabe.

14.7.

Die an sich ungemein freundliche Impfärztin fragt, warum ich jetzt erst komme, als habe man mich bei der Jahrgangsmusterung „1945+“ übergangen. Ich geh trotzdem nicht Haare färben, vielleicht darf ich ja bald in Pension.

15.7.

Eine Spätzin hüpft im leeren Futterhaus herum und sieht mich tadelnd an, direkt in die Augen.

Der gute Kutzenberger schreibt, dass er mich und den Buttinger in seinem nächsten Roman als argloses Touristenpaar in einem argentinischen Putsch umkommen lassen wird. Nicht die Lesung, zu der fast auch Friederike Mayröcker gekommen wäre, ist mein beruflicher Zenith, sondern dieser fiktionale Tod. <3

16.7.

„So ein Haus ist der Feind einer jeden intellektuellen Tätigkeit!“ Der weise Schwager angesichts meiner Ribiselernte. 

18.7.

Highlight der Anthologie „Schlecht gedichtet“: das Dach. Aus der Reihe „Erwachsensein ist scheiße“, Teil 4562.

Teil 4561: „Wir geben jetzt Partys, wo die Putzfrau VORHER kommt“. Highlight dieser Party: Mir wird der Erstgeborene meiner Gattin Anna vorgestellt, sie sagt: „Er hat so einen guten Appetit, man merkt, dass du einer der Väter bist!“

19.7.

„Der Himmel war ein dummes blaues Aug.“ Der „Lenz“ ist wunderbar, aber es ist schwer, ihn nicht diagnostisch zu lesen. Dann wieder: „Du weißt, ich kann es nirgends aushalten, als da herum, in der Gegend wenn ich nicht manchmal auf einen Berg könnte und die Gegend sehen könnte“, und manchmal ist es ihm nur „unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“

21.7.

Man erzählt uns von einer, die sogar noch beim NKD für eine Handvoll Bastelkram Rabatt herausgeschlagen habe, und die ganze Welser Zuhöreschaft erstarrt in Ehrfurcht.

22.7.

Ohrwurm auf dem Grat des Pyhrner Kampls: „Die Angst, die Wut, die Traurigkeit“ von der Laokoongruppe. Diese langen Wanderungen durch die wilden Loigistäler sind vielleicht der Grund, warum ich meinen extinction grief ertrage, hier ist es ja menschenleer und prachtvoll, man muss nur schnell am Windwurf an der Wildalmleiten vorbei. 

23.7.

Fragen an die Soziallandesrätin in Wels. Bürger 1: „Waun hert des auf, dass de Auslända bei die Wohnungen bevorzugt wern?!“ Bürgerin 2: „Gütt des 1-2-3-Ticket aa fia de Auslända?“ In meiner linksliberalen Schl8hof+MKH-Blase habe ich das autochthone Wels ganz vergessen.

Nach der Lesebühne (sie hat uns sehr gefreut, leset!) erklärt uns ein Boomer, er habe sich damals von einem Ex-Vietcong in echter Kampfkunst unterweisen lassen, um sich für die Revolution zu rüsten. Eine Frau, die ich gewesen sein könnte: „Lustig, du hast einen Raika-Sonnenhut auf.“

Rhetorische Kampfkunst beherrsche ich nur, nachdem ich mich beim Lesen ausgebrannt habe (keine Kraft mehr für Höflichkeit).

27.7.

Wenn ich von diesem Jahr nur einen Moment über die Demenz retten darf: Wir essen Kasnudeln im Grundlseer Staudnwirt, während im Radio leise „Smells like Teen Spirit“ läuft.

28.7.

Heute zwei sehr große Aussagen, die ich ganz ohne Ironie in mein Satzschatzkästlein lege. Der erste von unserer Kainischer Herbergsmutter: „Ois, wos vageht, is guad!“ Der zweite vom Veithwirt, eine Antwort auf die Frage des deutschen Gastes, was „Lungenstrudel“ sei: „Lunge, des is Beischl, oiso Lunge.“

29.7.

Am Ortsende von Bad Aussee liegt die Gimpelinsel, und darauf eines dieser Chinarestaurants, wie sie an jedem besseren Ortsende stehen. Ich möchte da hin.

Montag, August 09, 2021

Der Zitronengirlitz und Schrödingers Katze, Fotzenboykott und fiktionale Eigenurin-Amulette

Phantomereignisse im Juni 2021

1.6.

Nach zehn Minuten beim Welser Kebapmann ist das Auge besoffen: zwei übercoole junge Männer, die sich bezüglich ihrer schreienden Längs- bzw. Querstreifenoutfits augenscheinlich nicht abgesprochen haben. Eine Nonne geht an einer sehr jungen Frau im Debütantinnenkleiderl vorbei, die sich mit ihrer aufgeganselten Entourage mittels einer Zweiliter-Flasche Roter Eristoff das Augenlicht wegsäuft. Am schönsten der urban outdoorsman, der sich einen „Niveau Beauty for Men“-Schal unter den struppigen Graubart gewunden hat. 

2.6.

Ein Alpenspanner kriecht mir auf den Arm, der Stunden später ganz verbrannt von der Schulter baumeln wird (nicht des Falters wegen, sondern wegen schlampiger Sonnenschmierapplikation). Dazu recht ansehnliche Blasen an den Sohlen. Trotzdem ist mir jetzt leichter, ich werde loslassen können. 

 
Es geschah hier.

3.6.

Im Black Horse sitzt einer mit einem „Böhse Onkelz“-Leiberl, niemand tut ihm den Gefallen, ihm eine zu scheuern, nicht der Herr Beer im knallrosa Nick-Cave-Fantextil und auch nicht der soeben den Gastgarten im „Good Night, White Prode“-Pfoad Betretende. Hier werde ich in drei Jahren zu meiner persönlichen antifaschistischen Befreiungsfeier laden: „Hurra, die dunklen Jahre zwischen 38 und 45 sind vorbei!“ Die Wirtshauskatze liegt derweil ungerührt auf einer Dacke am Boden. Dem Vernehmen nach war sie nach dem Lockdown drei Tage in einer existenziellen Krise, weil plötzlich wieder der Pöbel in ihren Garten durfte.

5.6.

Die gute, gute Mayröcker ist gestorben, die im vergangenen Monat nicht mit mir bei der GAV-Lyrik im Mai gelesen hat, näher komme ich an das gleißende Licht des Ruhms nicht mehr heran. Ich denke an die Germanistinnen, die in den kommenden Jahrzehnten in der Zettelhöhle auf Schatzjagd gehen darf. In meiner recht gut aufgeräumten Bude wird man einmal drei buchhalterisch beschriftete Ordner Lesebühnentextis finden und hinten links auf den Dachboden des Stifterhauses stellen. Wenn es sehr hoch hergeht.

Pedanterie ist der Kobold kleiner Geister.“ Sigourney Weaver in „Copykill“

6.6.

Medienfund des Monats: Im Falter begehrt Itchy Strachy eine Gegendarstellung: Er habe „weder jemals ein Eigenurinamulett noch eine geweihte eiförmige Messingschale in seiner Unterhose zum Schutz bei Auftritten getragen“.

7.6.

V. ruft mich an, wir reden über unsere mangelnden Fortschritte bei der Einrichtung eines Lebens ganz nach unseren Vorstellungen. Ihre Mutter, erzählt sie bewundernd, habe in ihren den letzten, nicht mehr ganz klaren Wochen einmal einer treuen Freundin abgesagt, weil der Putin auf Besuch komme und V. Eierspeis mit Trüffel für die beiden koche.

Berni Wagners neues Programm ist sehr, sehr gut – voll komplexen Zeugs, man mag gar nicht zu lange lachen, um nichts zu verpassen. Aber auch mit Heulern wie dem hier: „Der Mensch ist so ein soziales Wesen, dass er überall Gesichter sieht, an Autos, in Bäumen, auf Toast, sogar an neoliberalen Politikern.“ Prompt träumte mir in der Nacht, dass der Kurz mir die Wohnung versaut hat, er leugnet trotzig, ich werde laut.

8.6.

Heute deutlich vor C. werktätig. Sie: „Man sieht, dass das Universum in Aufruhr ist!“ Dann schummelt sie mir eine Schmähbotschaft ins Vogelhaus auf dem Bürofensterbrett, „Hier, dein erster analoger Twitter-Shitstorm!“

9.6.

In Wels tun die Intellektuellen so, als seien sie ganz durchschnittliche Leute, sie prahlen damit, wie oft sie sitzen geblieben sind. In Wien tun schon Maturanten so, als wären sie Bundeskanzler.

Niemanden verachte ich mehr als die Menschen, die Anstand an die Caritas oder den Betriebsrat oder die Gattin outsourcen.

Wie sehr wir jetzt an unseren Gärten hängen, darauf hätte ich vor 25 Jahren keine 25 Schilling gewettet.

10.6.

Der wilde Steig ins Sengsengebirge ist so schön, als wolle er seine Namensgeber Lügen strafen, und klingt zugleich wie eine rustikale Bierzeltdrohung: „Du beschreitest den Weg zur Fotzenalm!“ Beim Abstieg wiedereinmal im Gekröse aufgelassener Pfade verkoffert. 

Hier lässt uns der Gamskogel in sein Loch schauen.

Nie wollte ich schreiben, dass mir etwas „aus der Seele spricht“, aber seit ich Der lebende Berg“ von Nan Shepherd lese, bin ich froh, mir die Phrase bis jetzt aufgehoben zu haben: „Oft erinnerte ich mich, zu Hause in meinem Bett, der Orte, die ich leichthin ohne jedes Angstgefühl überquert hatte, und mir wurde kalt, wenn ich nun an sie dachte. Es scheint mir dann, dass ich niemals dorthin zurückkehren könne; meine Angst raubt mir allen Mut, mein Mund ist voller Entsetzen. Doch kehre ich zurück, trägt mich der gleiche Aufschwung des Gemüts hinauf. Gott oder kein Gott, ich bin wieder entrückt.“ Wahrscheinlich gehe ich also wieder ins Turmtal, ins nördliche Wassertal, ins Finsterriegelkar. „Ich bin aus dem Körper heraus – und in die Berge eingegangen.“ Das ist nicht pathetisch, sondern erz-wahr.

12.6.

Fast habe ich einen Hund, stattdessen aber kalte Füße bekommen. Die euphorischen Mitteilungen direkt nach der Hundezusage lasse ich nach meinem Versagen aber im Notizbuch stehen, um mich daran zu erinnern, was für ein Mensch ich bin.

13.6.

Beim Betreten des Proleten-Teils der Steyrer Landesausstellung ruft mir eine freundliche Person „Oh, Frau Präsident!“ zu.

Wieder eine melodramatische Geschichte über eine gescheiterte Flucht: Einst entwich eine Pfäuin aus Schloss Amras in den Garten der Erzählerin, wo der Vogel wochenlang nicht einzufangen war. Am Ostersonntag landete das Muttertier erstmals auf dem Fensterbrett und kam in Kurzem mit einem Ei nieder, das aufgrund der Neigung der Brutstätte sofort in den Abgrund rollte und wegen der unbarmherzigen Schwerkraft zuschanden ward. Daraufhin ließ sich Frau Pfau widerstandslos festnehmen.

15.6.

Die „Rampe“ ist in der Post, darin ein Text von mir und vorher eine Besprechung von Heidi Lexe, die alles besser gelesen und verstanden hat, als ich es geschrieben hatte. Das sollte ich wahrscheinlich nicht verraten.

18.6.

Klaus Nüchtern schreibt über Mandarinenten, die im März ja auch in unserem Pool einen für sie offenbar wenig befriedigenden Zwischenstopp eingelegt hatten, dies seien „gebietsfremde Tiere, die ihre Zierexistenz abgestreift haben.“ Das klingt ganz nach einem Auftrag für uns alle.

Stempen für den U-Bahn-Bau werden „abgeteufelt“.

V. hat neue Nachbarn in ihrem Einfamilienhauskonglomerat, einer davon ist von Hobbys wegen „Mr. Fetisch 2017“ und sehr nett. Als ich ihm ein Foto von mir als Präsidentin zeige, sieht er mich anerkennend an, als wäre ich auch ein wenig divers.

20.6.

Der Welser Vogelwart begeistert die Biertischgesellschaft im Schl8hof durch die Mitteilung, auf der Tauplitz nach „Zitronengirlitzen“ gesucht zu haben. Ich werde nicht googeln, ob er die gerade erfunden hat, weil ich will, dass es sie gibt.

22.6.

Man müsste Literaturkritiken im Stil von Tourenskitests oder Autorezensionen schreiben. „Ein Roman für jedes Terrain, aber eher aufstiegsorientiert.“ „Ein Text mit gutem Preis-Leistungsverhältnis, sehr alltagstauglich.“

Der Herr (oder die zuständige Sachbearbeiterin) schenke mir die Weisheit, Faulheit von Erschöpfung unterscheiden zu können.

24.6.

An schönen Tagen ist es fast schon stressig, alle Entspannungsplätze rund um das Haus auch zu nutzen. (Nachtrag zum vorigen Eintrag: Es wird sich weiterhin um „Faulheit“ handeln, aber mit einer paradoxalen Symptomatik). 

Überfressen an schleißig zubereiteten Tiefkühlsemmelknödeln, die am 4.9.2016 abgelaufen sind. Auch das sollte ich wahrscheinlich nicht verraten, aber ich kann nicht nicht die Person sein, die ich bin.

Ein Nachbar wäscht noch schnell die Felgen seines Volvos, bevor der Regen einsetzt. Über Marchtrenk spannt sich dann ein barockes Wolkenfirmament (über Wels wird es Rokoko).

Franz Wenzl unterbricht mich: „Von Wilhering? Ich hab mir gedacht, du bist aus Schönering!“ Sehr viel mehr kann ich von meiner Karriere nicht mehr erwarten. Dann schenkt er uns die Schilderung, wie der Lelo und er auf dem Fußballplatz einmal extrem höflich gefragt worden seien, ob sie Lust hätten, an einem Raufhandel teilzunehmen. Dann verwandelt er sich in den Austrofred und macht uns mit der Lesung (u.a mit dem „Orakeltier Föttinger“) sehr glücklich, wie auch mit seiner Lösung für den Nahost-Konflikt: „De soin gscheid doa!“

25.6.

Noch während des Applauses nach dem ersten Punk-Moment meines Lebens (eine regionale Interpretation von Nirvanas „Where Did You Sleep Last Night“) schilt mich der Tontechniker live wegen das Fallenlassens des Mikrophons. Der Zauber meiner Präsidentinnen-Uniform und die Auratizität des Kunstgeschehens verlieren mit einem Schlag ihre Betörungskraft. Später wird Prof. Buttinger vom extrem unfreundlichen Wirten der Hofkneipe gefragt, ob er leicht nicht lesen könne. Sonst war's aber wieder sehr schön im Hof, und es braucht eh immer kleine Ereignisse, die einen auf dem Teppich halten. Lest's das hier! 

27.6.

Soeben mein erstes eigenes Auto ausgesucht und selbst bezahlt, aber in Zeiten wie diesen sollte man mit sowas nicht angeben, und schon gar nicht sagen, dass es ein Beitrag zur Rettung des Klimas sei, dass der neue eh 31 PS weniger als der alte Ford hat.

Freitag, Juli 02, 2021

Wortplankton im Drecksmeer des Kapitalismus. Phantomereignisse im Mai


   Kurz nach dem Nahtoderlebnis, wir lassen uns - ganz daseinsbejahend - nichts ankennen.

3.5.2021

Ein Spatz hat das Wochenende im Lampenschirm verbracht und man hat mir Hausschlapfen in grünglänzender Barschform geschenkt, quasi die Schaumkrone auf dem gekippten Weltmeeren des kapitalistischen Warenozeans. Mehr war noch nicht los, aber wir haben ja Zeit.

Bei Gelegenheit sagen: „Ich bin unterrumpelt.“ ZB wenn man ungeküsst vom Date heimkommt. Vielleicht zu gewollt: „Flaubert-Gewehr“.

Jetzt erst fällt mir ein, dass ich beim Klettern im Höllental fast von einem Stein erschlagen worden wäre, aber wegen des Fast ist im engeren Sinne eben nichts passiert. Das wiederum passt gut zum Namen der Reihe: Phantomereignisse.

4.5.

Jemand erzählt, er habe im Lockdown Derrick binge-gewatcht. Verrückt!

5.5.

Das virtuelle Dasein ist eine falsche Öffentlichkeit, die zehrt, nicht nährt: Fünf Minuten ins Leere hineingelesen und gleich erschöpft. Es war übrigens Lyrik, mit der ich sowieso fremdle (ist sicher nur eine Phase). Mit welchen Folgen? Hier meine Poesie. Aus dem Zyklus „Standortverdichtung“

Ab und an, einmal mehr

Kommt auf Augenhöhe ein

Maßnahmenpaket daher

Auf den Weg gebracht ein

Digitalisierungsschub im Endeffekt.

Alternativlos enkelfit sein:

was für ein Leuchtturmprojekt!

 

 
Symboldbild "Beine der geimpften Nachkriegsgeneration, entspannte Gen X, scheintotes Pandemieopfer"

Zum Glück sind die Boomer nun fast alle geimpft und ich bin nicht mehr allein mit meiner unangemessenen Zuversicht und meinem unsolidarischen Wohlbefinden.

Im Zug heim von Wien. Welches geheime Leben führen die Menschen, die in St. Pölten ein- und in Amstetten aussteigen?

7.5.

Lesebühnendreh im Einfamilienghetto. Die Nachbarskinder suchen ängstlich das Weite, als ich mit Frack und Schärpe segnend auf sie zugehe. Monet verwandelt Urin in Apfelsaft und Buttinger gewinnt Energie aus einem Solarzylinder. Meine geliebten zwei Deppen! 

8.5.

Eine junge Wanderin ist auf dem Parkplatz von meiner Eigenrührung über die Skitour in die Dietlhölle so mitgerissen, dass sie mir einen Psalm in die Hand drückt.

9.5.

Fellatio Rom

Nicht lesen, sondern grasen: Die Neuronen sind die Barten eines Blauwals, mit denen man Krill aus dem Buchstabenmeer seiht.

10.5.

Die Generation X wird von den präpotenten Boomern und der verwöhnten Gen Y und der woken Gen Z total gesandwitcht, aber nicht mit Liebe.

Ein Leben, in dem man ungefähr so viel Beischlaf wie Bergtouren bekommt, darf man nicht bemäkeln. 

12.5.

Der nächtliche Sturm verwandelt das Baumhaus in ein Schiff, es knarrt in den Wanten wie ein Seelenverkäufer.

Wenn ich rechtzeitig die richtige Mülltonne auf die Straße stelle, überkommt mich die Halluzination, mein Leben im Griff zu haben.

Itchy Strachy hat laut Falter ein „Eigenurinamulett“ am Hals und am Hoden eine eiförmige Messingschale getragen. Seine beratende Energetikerin ist in Wahrheit fix Satirikerin.

13.5.

„Dicht“ von Stefanie Sargnagel nüchtern bei dichtem Regen gebinge-lesen. Eine Hommage an das Dosenbier, noch viel mehr an den Menschen in all seiner Grindigkeit und Güte. Was für ein schönes, extrem unzynisches Buch!

16.5.

Ob ich für vier oder vierzig Tage packe, ist völlig egal. Ich stopfe so viel ins Auto, wie es fasst.

„Hatten wir früher auch schon so viel Giersch oder ist das mein persönliches Versagen?“

„Haha, nein, deine Mutter hat sich bis zum Schluss gefragt, was sie früher besiegt, den Erdholler, oder den Krebs.“

17.5.

In der Nationalpark-Waldeinsamkeit. Ein kleines Wunder, dass hier am Ende der Welt eine Hütte steht, zu der ein Schlüssel passt, den liebe Menschen mir gegeben haben. Nach drei Stunden ohne Empfang muss ich schon in den Kalender schauen, welcher Tag heute ist.

18.5.

Weil ich in der Küche alles ordentlich weggeräumt habe, kackt mir die nachthyperaktive Maus aus Protest aufs Schneidbrett, wie zuhause die Spatzen ins leere Futterhaus.

Ein Mauswiesel schaut mir beim Zähneputzen zu, ich sage „Hö!“, das ist mein einziges gesprochenes Wort in diesen drei Tagen.

Mir fehlt in der Natur die innere Körperspannung zum Romanschreiben.

19.5.

Im Schl8hof bekomme ich das erste frisch gezapfte Bier seit Oktober, und ich bezahle dafür, obwohl man mich einlüde, weil ich mich doch sehr freue. Mercedes Spannnagel liest, es ist sehr lustig („Wiener Ranzbezirk“). Sie erzählt später von ihren vier Geschwistern, einer heißt „Aeneas“. Tina Keller sagt verträumt „Der erste Lockdown war der schönste“.

20.5.

Ich gebe dem Firmling auf den Lebensweg mit, dass Ärztekinder das Letzte sind.

21.5.

Keine Sekunde verstummt das wütende Zetern der brütenden Kohlmeisen, während ich stundenlang Giersch ausrupfe, damit er ihnen nicht das Gras überwuchert. Man sollte der Gescheitere sein, aber ein bisschen kränkt man sich halt doch über den groben Undank.

24.5.

Ich bin ein wenig von mir selbst enttäuscht, dass mich die aufgekratzten Kleinkinder in der Kletterhalle hauptsächlich nerven, weil sie „Liam“ und „Jayden“ heißen. Apropos: Auwiesen hat wieder offen. Ab jetzt kann ich wieder jederzeit ein schlechtes Gewissen haben, dass ich nicht trainieren gehe.

„Ist das zu teuer oder will ich das erben?“ Henrik Szanto lamentiert treffend über die Suche nach Geschenken für alternde Eltern.

25.5.

Mein Konsumverhalten gleicht sich rasant jenem alternder Eltern an: Zahnpanoramaröntgen, Rasenmäherreparatur, Ford Kombi.

Im spanischen Santa Colona bemerkten ein Vater und sein Sohn beim Spielen einen seltsamen Geruch, der aus einem dort vor dem Kino werbenden Stegosaurus drang. Die Feuerwehr fand darin einen kopfüber in einem der Beine steckenden Leichnam. Die Welt trachtet dir auf so vielfältige Weise nach dem Leben.

26.5.

Das Antidepressivum Fluoxetin für Tiere heißt „Reconcile“ und hilft ihm bei der Versöhnung mit den Menschen, die es zur Schlachtbank führen.

Der Falter muss widerrufen, dass Strache ein Eigenurinamulett getragen habe. #österreich

Mir wird von einem Paar mit dem beredten Doppelnamen „Holzknecht-Holzhacker“ berichtet.

Wenn ich in einem der vielen Zoom-Meetings aufmerksam den Sprechenden zusehen soll, wird mir erst bewusst, was ich in insgesamt 17 Jahren Frontalunterricht passiv geleistet habe. Früher habe ich mir zum Zeitvertreib Löcher ins Ohr gestochen, heute reicht es mir, die Krawallspatzen auf dem Fensterbrett auszuspechteln. #progress

„Deine Abneigung gegen den Kirschlorbeer ist das Äußerste an Kritik, das du an deinem lieben Vater zustande bringst“, sagt der Buttinger zum Glück zu recht.

27.5.

Eine Kollegin schenkt mir einen großen Moment beruflichen Scheiterns. Vor Jahren habe sie für einen Wurstwettbewerb einen Marketingtext schreiben müssen, der sie sehr viel Kraft kostete und dann wegen dreier Beistrichfehler vom Fleischer abgelehnt wurde.

Khutulu, die Tochter Dschinghis Khans, soll ihre Brautwerber über Jahre erfolgreich beim entscheidenden Wrestling-Kampf besiegt haben. Wenn man sich das wie beim WWF ausmalt, hat man historische Kurzweil. 

28.5.

„Entweder – Oder“ sollte man als sehr junger Mensch lesen, sonst empfindet man es leicht als Sudern auf hohem Niveau. Andererseits: „Ein vollkommener Menschen zu sein, ist das Höchste. Nun habe ich Hühneraugen bekommen, das hilft doch immerhin schon etwas.“

„Die Zeit der Konzepte ist vorbei, jetzt braucht es Rahmenbedingungen/Planungssicherheit/Maßnahmenpakete/Steuerungsgruppen/Schulterschlüsse!“ #klimawandel