Dienstag, August 10, 2021

Mein patschertes Leben im Zentralraum, mein Tod in Argentinien, mein Nirvana im inneren Salzkammergut

Phantomereignisse im Juli 2021

2.7.

Weniger mit Sorge denn Wohlwollen beobachte ich, wie die ersten von uns schrullig werden. Vielleicht kann sich die Generation X bald von den Boomern und den Snowflakes emanzipieren, die sie so hart sandwichen. Wir werden ja zerrieben zwischen alten, weißen Männern, die uns „spießig“ nennen, wenn wir nicht mit ihnen ins Bett gehen und uns davor noch ihre besten Rolling-Stones-Konzertanekdoten anhören wollen. Andererseits beschimpfen uns die woken Kids, weil wir sie mit dem Diesel zum StandUp-Yoga-Workshop chauffieren. Vielleicht hilft uns das Seltsamwerden aus dieser rush hour des Lebens.

5.7.

Um einen spontanen Akt des Erwachsenseins zu setzen, gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben zu meiner Hausärztin (ich war auch noch bei keinem Hausarzt), die ganz überrascht ist, für mich zuständig zu sein. Den Kaktusstachel in meinem Zeigefinger findet sie nicht – wie auch, es ist gar keiner drin – sie lobt mich aber, dass ich nicht weine, während sie unter meiner Haut nach dem Phantom sucht. 

9.7.

Man hat mich nach Scharnstein zum Lesen geladen, und es ist nur schön. Irgendwo hört man Kinder, die ihren ersten Tag ohne Schule feiern, daneben junge Ziegen, die ihren ersten Tag ohne Stall beklagen (sie stehen lost im hohen Gras). Grillen und Hunde tun, was sie tun. Das Thema ist „Stadt – Land – Fluss – Berg“, aber wir sind alle Team Land, und die KollegInnen haben dazu auch viel Schönes zu sagen. Als ich dann die Episode vorlese, dass jemand Derrick gebingewatched habe, halte ich inne und sage „Oh, Sie sind ja zu jung, um Derrick zu kennen!“, da ruft einer „Ich bin zu alt, um Bingewatchen zu kennen!“

10.7.

Ein Ausflug in die „exotische“ Heimat Bad Wimsbach-Neydharting. Wir bekommen etliche No-More-Bäder gezeigt, wohl eine Folge des Klimawandels. Wir unterschätzen die Kraft des Mostes und erleiden einen sehr anregenden Rausch. 

Abends wird auf dem Gelände des Marchtrenker Ural-Importeurs der mitreißende Film „972 Breakdowns“ über eine wahrlich verrückte Motorradreise von Halle nach New York gezeigt, es ist eine anregende Qual, den jungen Leuten bei ihrer Aventûre zuzusehen. „We wanted to make you feel guilty!“ wird der Este Kaupo nachher zu uns Zimmerlinden sagen, und eine, die ich sein könnte, sagt: „We are catholic here, we can deal with guilt.“  

11.7.

Eine Modetheoretikerin, die im Falter über neue BH-Trends spricht, heißt Titton.

12.7.

Mein Zahnarzt fährt einen Renault Espace. So einer kriegt weiterhin mein Geld und mein Vertrauen.

13.7.

An manchen Tagen bin ich der König Midas der dummen Arbeiten – alles, was ich anfasse, verwandelt sich in eine hunzende Fleißaufgabe.

14.7.

Die an sich ungemein freundliche Impfärztin fragt, warum ich jetzt erst komme, als habe man mich bei der Jahrgangsmusterung „1945+“ übergangen. Ich geh trotzdem nicht Haare färben, vielleicht darf ich ja bald in Pension.

15.7.

Eine Spätzin hüpft im leeren Futterhaus herum und sieht mich tadelnd an, direkt in die Augen.

Der gute Kutzenberger schreibt, dass er mich und den Buttinger in seinem nächsten Roman als argloses Touristenpaar in einem argentinischen Putsch umkommen lassen wird. Nicht die Lesung, zu der fast auch Friederike Mayröcker gekommen wäre, ist mein beruflicher Zenith, sondern dieser fiktionale Tod. <3

16.7.

„So ein Haus ist der Feind einer jeden intellektuellen Tätigkeit!“ Der weise Schwager angesichts meiner Ribiselernte. 

18.7.

Highlight der Anthologie „Schlecht gedichtet“: das Dach. Aus der Reihe „Erwachsensein ist scheiße“, Teil 4562.

Teil 4561: „Wir geben jetzt Partys, wo die Putzfrau VORHER kommt“. Highlight dieser Party: Mir wird der Erstgeborene meiner Gattin Anna vorgestellt, sie sagt: „Er hat so einen guten Appetit, man merkt, dass du einer der Väter bist!“

19.7.

„Der Himmel war ein dummes blaues Aug.“ Der „Lenz“ ist wunderbar, aber es ist schwer, ihn nicht diagnostisch zu lesen. Dann wieder: „Du weißt, ich kann es nirgends aushalten, als da herum, in der Gegend wenn ich nicht manchmal auf einen Berg könnte und die Gegend sehen könnte“, und manchmal ist es ihm nur „unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“

21.7.

Man erzählt uns von einer, die sogar noch beim NKD für eine Handvoll Bastelkram Rabatt herausgeschlagen habe, und die ganze Welser Zuhöreschaft erstarrt in Ehrfurcht.

22.7.

Ohrwurm auf dem Grat des Pyhrner Kampls: „Die Angst, die Wut, die Traurigkeit“ von der Laokoongruppe. Diese langen Wanderungen durch die wilden Loigistäler sind vielleicht der Grund, warum ich meinen extinction grief ertrage, hier ist es ja menschenleer und prachtvoll, man muss nur schnell am Windwurf an der Wildalmleiten vorbei. 

23.7.

Fragen an die Soziallandesrätin in Wels. Bürger 1: „Waun hert des auf, dass de Auslända bei die Wohnungen bevorzugt wern?!“ Bürgerin 2: „Gütt des 1-2-3-Ticket aa fia de Auslända?“ In meiner linksliberalen Schl8hof+MKH-Blase habe ich das autochthone Wels ganz vergessen.

Nach der Lesebühne (sie hat uns sehr gefreut, leset!) erklärt uns ein Boomer, er habe sich damals von einem Ex-Vietcong in echter Kampfkunst unterweisen lassen, um sich für die Revolution zu rüsten. Eine Frau, die ich gewesen sein könnte: „Lustig, du hast einen Raika-Sonnenhut auf.“

Rhetorische Kampfkunst beherrsche ich nur, nachdem ich mich beim Lesen ausgebrannt habe (keine Kraft mehr für Höflichkeit).

27.7.

Wenn ich von diesem Jahr nur einen Moment über die Demenz retten darf: Wir essen Kasnudeln im Grundlseer Staudnwirt, während im Radio leise „Smells like Teen Spirit“ läuft.

28.7.

Heute zwei sehr große Aussagen, die ich ganz ohne Ironie in mein Satzschatzkästlein lege. Der erste von unserer Kainischer Herbergsmutter: „Ois, wos vageht, is guad!“ Der zweite vom Veithwirt, eine Antwort auf die Frage des deutschen Gastes, was „Lungenstrudel“ sei: „Lunge, des is Beischl, oiso Lunge.“

29.7.

Am Ortsende von Bad Aussee liegt die Gimpelinsel, und darauf eines dieser Chinarestaurants, wie sie an jedem besseren Ortsende stehen. Ich möchte da hin.

Montag, August 09, 2021

Der Zitronengirlitz und Schrödingers Katze, Fotzenboykott und fiktionale Eigenurin-Amulette

Phantomereignisse im Juni 2021

1.6.

Nach zehn Minuten beim Welser Kebapmann ist das Auge besoffen: zwei übercoole junge Männer, die sich bezüglich ihrer schreienden Längs- bzw. Querstreifenoutfits augenscheinlich nicht abgesprochen haben. Eine Nonne geht an einer sehr jungen Frau im Debütantinnenkleiderl vorbei, die sich mit ihrer aufgeganselten Entourage mittels einer Zweiliter-Flasche Roter Eristoff das Augenlicht wegsäuft. Am schönsten der urban outdoorsman, der sich einen „Niveau Beauty for Men“-Schal unter den struppigen Graubart gewunden hat. 

2.6.

Ein Alpenspanner kriecht mir auf den Arm, der Stunden später ganz verbrannt von der Schulter baumeln wird (nicht des Falters wegen, sondern wegen schlampiger Sonnenschmierapplikation). Dazu recht ansehnliche Blasen an den Sohlen. Trotzdem ist mir jetzt leichter, ich werde loslassen können. 

 
Es geschah hier.

3.6.

Im Black Horse sitzt einer mit einem „Böhse Onkelz“-Leiberl, niemand tut ihm den Gefallen, ihm eine zu scheuern, nicht der Herr Beer im knallrosa Nick-Cave-Fantextil und auch nicht der soeben den Gastgarten im „Good Night, White Prode“-Pfoad Betretende. Hier werde ich in drei Jahren zu meiner persönlichen antifaschistischen Befreiungsfeier laden: „Hurra, die dunklen Jahre zwischen 38 und 45 sind vorbei!“ Die Wirtshauskatze liegt derweil ungerührt auf einer Dacke am Boden. Dem Vernehmen nach war sie nach dem Lockdown drei Tage in einer existenziellen Krise, weil plötzlich wieder der Pöbel in ihren Garten durfte.

5.6.

Die gute, gute Mayröcker ist gestorben, die im vergangenen Monat nicht mit mir bei der GAV-Lyrik im Mai gelesen hat, näher komme ich an das gleißende Licht des Ruhms nicht mehr heran. Ich denke an die Germanistinnen, die in den kommenden Jahrzehnten in der Zettelhöhle auf Schatzjagd gehen darf. In meiner recht gut aufgeräumten Bude wird man einmal drei buchhalterisch beschriftete Ordner Lesebühnentextis finden und hinten links auf den Dachboden des Stifterhauses stellen. Wenn es sehr hoch hergeht.

Pedanterie ist der Kobold kleiner Geister.“ Sigourney Weaver in „Copykill“

6.6.

Medienfund des Monats: Im Falter begehrt Itchy Strachy eine Gegendarstellung: Er habe „weder jemals ein Eigenurinamulett noch eine geweihte eiförmige Messingschale in seiner Unterhose zum Schutz bei Auftritten getragen“.

7.6.

V. ruft mich an, wir reden über unsere mangelnden Fortschritte bei der Einrichtung eines Lebens ganz nach unseren Vorstellungen. Ihre Mutter, erzählt sie bewundernd, habe in ihren den letzten, nicht mehr ganz klaren Wochen einmal einer treuen Freundin abgesagt, weil der Putin auf Besuch komme und V. Eierspeis mit Trüffel für die beiden koche.

Berni Wagners neues Programm ist sehr, sehr gut – voll komplexen Zeugs, man mag gar nicht zu lange lachen, um nichts zu verpassen. Aber auch mit Heulern wie dem hier: „Der Mensch ist so ein soziales Wesen, dass er überall Gesichter sieht, an Autos, in Bäumen, auf Toast, sogar an neoliberalen Politikern.“ Prompt träumte mir in der Nacht, dass der Kurz mir die Wohnung versaut hat, er leugnet trotzig, ich werde laut.

8.6.

Heute deutlich vor C. werktätig. Sie: „Man sieht, dass das Universum in Aufruhr ist!“ Dann schummelt sie mir eine Schmähbotschaft ins Vogelhaus auf dem Bürofensterbrett, „Hier, dein erster analoger Twitter-Shitstorm!“

9.6.

In Wels tun die Intellektuellen so, als seien sie ganz durchschnittliche Leute, sie prahlen damit, wie oft sie sitzen geblieben sind. In Wien tun schon Maturanten so, als wären sie Bundeskanzler.

Niemanden verachte ich mehr als die Menschen, die Anstand an die Caritas oder den Betriebsrat oder die Gattin outsourcen.

Wie sehr wir jetzt an unseren Gärten hängen, darauf hätte ich vor 25 Jahren keine 25 Schilling gewettet.

10.6.

Der wilde Steig ins Sengsengebirge ist so schön, als wolle er seine Namensgeber Lügen strafen, und klingt zugleich wie eine rustikale Bierzeltdrohung: „Du beschreitest den Weg zur Fotzenalm!“ Beim Abstieg wiedereinmal im Gekröse aufgelassener Pfade verkoffert. 

Hier lässt uns der Gamskogel in sein Loch schauen.

Nie wollte ich schreiben, dass mir etwas „aus der Seele spricht“, aber seit ich Der lebende Berg“ von Nan Shepherd lese, bin ich froh, mir die Phrase bis jetzt aufgehoben zu haben: „Oft erinnerte ich mich, zu Hause in meinem Bett, der Orte, die ich leichthin ohne jedes Angstgefühl überquert hatte, und mir wurde kalt, wenn ich nun an sie dachte. Es scheint mir dann, dass ich niemals dorthin zurückkehren könne; meine Angst raubt mir allen Mut, mein Mund ist voller Entsetzen. Doch kehre ich zurück, trägt mich der gleiche Aufschwung des Gemüts hinauf. Gott oder kein Gott, ich bin wieder entrückt.“ Wahrscheinlich gehe ich also wieder ins Turmtal, ins nördliche Wassertal, ins Finsterriegelkar. „Ich bin aus dem Körper heraus – und in die Berge eingegangen.“ Das ist nicht pathetisch, sondern erz-wahr.

12.6.

Fast habe ich einen Hund, stattdessen aber kalte Füße bekommen. Die euphorischen Mitteilungen direkt nach der Hundezusage lasse ich nach meinem Versagen aber im Notizbuch stehen, um mich daran zu erinnern, was für ein Mensch ich bin.

13.6.

Beim Betreten des Proleten-Teils der Steyrer Landesausstellung ruft mir eine freundliche Person „Oh, Frau Präsident!“ zu.

Wieder eine melodramatische Geschichte über eine gescheiterte Flucht: Einst entwich eine Pfäuin aus Schloss Amras in den Garten der Erzählerin, wo der Vogel wochenlang nicht einzufangen war. Am Ostersonntag landete das Muttertier erstmals auf dem Fensterbrett und kam in Kurzem mit einem Ei nieder, das aufgrund der Neigung der Brutstätte sofort in den Abgrund rollte und wegen der unbarmherzigen Schwerkraft zuschanden ward. Daraufhin ließ sich Frau Pfau widerstandslos festnehmen.

15.6.

Die „Rampe“ ist in der Post, darin ein Text von mir und vorher eine Besprechung von Heidi Lexe, die alles besser gelesen und verstanden hat, als ich es geschrieben hatte. Das sollte ich wahrscheinlich nicht verraten.

18.6.

Klaus Nüchtern schreibt über Mandarinenten, die im März ja auch in unserem Pool einen für sie offenbar wenig befriedigenden Zwischenstopp eingelegt hatten, dies seien „gebietsfremde Tiere, die ihre Zierexistenz abgestreift haben.“ Das klingt ganz nach einem Auftrag für uns alle.

Stempen für den U-Bahn-Bau werden „abgeteufelt“.

V. hat neue Nachbarn in ihrem Einfamilienhauskonglomerat, einer davon ist von Hobbys wegen „Mr. Fetisch 2017“ und sehr nett. Als ich ihm ein Foto von mir als Präsidentin zeige, sieht er mich anerkennend an, als wäre ich auch ein wenig divers.

20.6.

Der Welser Vogelwart begeistert die Biertischgesellschaft im Schl8hof durch die Mitteilung, auf der Tauplitz nach „Zitronengirlitzen“ gesucht zu haben. Ich werde nicht googeln, ob er die gerade erfunden hat, weil ich will, dass es sie gibt.

22.6.

Man müsste Literaturkritiken im Stil von Tourenskitests oder Autorezensionen schreiben. „Ein Roman für jedes Terrain, aber eher aufstiegsorientiert.“ „Ein Text mit gutem Preis-Leistungsverhältnis, sehr alltagstauglich.“

Der Herr (oder die zuständige Sachbearbeiterin) schenke mir die Weisheit, Faulheit von Erschöpfung unterscheiden zu können.

24.6.

An schönen Tagen ist es fast schon stressig, alle Entspannungsplätze rund um das Haus auch zu nutzen. (Nachtrag zum vorigen Eintrag: Es wird sich weiterhin um „Faulheit“ handeln, aber mit einer paradoxalen Symptomatik). 

Überfressen an schleißig zubereiteten Tiefkühlsemmelknödeln, die am 4.9.2016 abgelaufen sind. Auch das sollte ich wahrscheinlich nicht verraten, aber ich kann nicht nicht die Person sein, die ich bin.

Ein Nachbar wäscht noch schnell die Felgen seines Volvos, bevor der Regen einsetzt. Über Marchtrenk spannt sich dann ein barockes Wolkenfirmament (über Wels wird es Rokoko).

Franz Wenzl unterbricht mich: „Von Wilhering? Ich hab mir gedacht, du bist aus Schönering!“ Sehr viel mehr kann ich von meiner Karriere nicht mehr erwarten. Dann schenkt er uns die Schilderung, wie der Lelo und er auf dem Fußballplatz einmal extrem höflich gefragt worden seien, ob sie Lust hätten, an einem Raufhandel teilzunehmen. Dann verwandelt er sich in den Austrofred und macht uns mit der Lesung (u.a mit dem „Orakeltier Föttinger“) sehr glücklich, wie auch mit seiner Lösung für den Nahost-Konflikt: „De soin gscheid doa!“

25.6.

Noch während des Applauses nach dem ersten Punk-Moment meines Lebens (eine regionale Interpretation von Nirvanas „Where Did You Sleep Last Night“) schilt mich der Tontechniker live wegen das Fallenlassens des Mikrophons. Der Zauber meiner Präsidentinnen-Uniform und die Auratizität des Kunstgeschehens verlieren mit einem Schlag ihre Betörungskraft. Später wird Prof. Buttinger vom extrem unfreundlichen Wirten der Hofkneipe gefragt, ob er leicht nicht lesen könne. Sonst war's aber wieder sehr schön im Hof, und es braucht eh immer kleine Ereignisse, die einen auf dem Teppich halten. Lest's das hier! 

27.6.

Soeben mein erstes eigenes Auto ausgesucht und selbst bezahlt, aber in Zeiten wie diesen sollte man mit sowas nicht angeben, und schon gar nicht sagen, dass es ein Beitrag zur Rettung des Klimas sei, dass der neue eh 31 PS weniger als der alte Ford hat.

Freitag, Juli 02, 2021

Wortplankton im Drecksmeer des Kapitalismus. Phantomereignisse im Mai


   Kurz nach dem Nahtoderlebnis, wir lassen uns - ganz daseinsbejahend - nichts ankennen.

3.5.2021

Ein Spatz hat das Wochenende im Lampenschirm verbracht und man hat mir Hausschlapfen in grünglänzender Barschform geschenkt, quasi die Schaumkrone auf dem gekippten Weltmeeren des kapitalistischen Warenozeans. Mehr war noch nicht los, aber wir haben ja Zeit.

Bei Gelegenheit sagen: „Ich bin unterrumpelt.“ ZB wenn man ungeküsst vom Date heimkommt. Vielleicht zu gewollt: „Flaubert-Gewehr“.

Jetzt erst fällt mir ein, dass ich beim Klettern im Höllental fast von einem Stein erschlagen worden wäre, aber wegen des Fast ist im engeren Sinne eben nichts passiert. Das wiederum passt gut zum Namen der Reihe: Phantomereignisse.

4.5.

Jemand erzählt, er habe im Lockdown Derrick binge-gewatcht. Verrückt!

5.5.

Das virtuelle Dasein ist eine falsche Öffentlichkeit, die zehrt, nicht nährt: Fünf Minuten ins Leere hineingelesen und gleich erschöpft. Es war übrigens Lyrik, mit der ich sowieso fremdle (ist sicher nur eine Phase). Mit welchen Folgen? Hier meine Poesie. Aus dem Zyklus „Standortverdichtung“

Ab und an, einmal mehr

Kommt auf Augenhöhe ein

Maßnahmenpaket daher

Auf den Weg gebracht ein

Digitalisierungsschub im Endeffekt.

Alternativlos enkelfit sein:

was für ein Leuchtturmprojekt!

 

 
Symboldbild "Beine der geimpften Nachkriegsgeneration, entspannte Gen X, scheintotes Pandemieopfer"

Zum Glück sind die Boomer nun fast alle geimpft und ich bin nicht mehr allein mit meiner unangemessenen Zuversicht und meinem unsolidarischen Wohlbefinden.

Im Zug heim von Wien. Welches geheime Leben führen die Menschen, die in St. Pölten ein- und in Amstetten aussteigen?

7.5.

Lesebühnendreh im Einfamilienghetto. Die Nachbarskinder suchen ängstlich das Weite, als ich mit Frack und Schärpe segnend auf sie zugehe. Monet verwandelt Urin in Apfelsaft und Buttinger gewinnt Energie aus einem Solarzylinder. Meine geliebten zwei Deppen! 

8.5.

Eine junge Wanderin ist auf dem Parkplatz von meiner Eigenrührung über die Skitour in die Dietlhölle so mitgerissen, dass sie mir einen Psalm in die Hand drückt.

9.5.

Fellatio Rom

Nicht lesen, sondern grasen: Die Neuronen sind die Barten eines Blauwals, mit denen man Krill aus dem Buchstabenmeer seiht.

10.5.

Die Generation X wird von den präpotenten Boomern und der verwöhnten Gen Y und der woken Gen Z total gesandwitcht, aber nicht mit Liebe.

Ein Leben, in dem man ungefähr so viel Beischlaf wie Bergtouren bekommt, darf man nicht bemäkeln. 

12.5.

Der nächtliche Sturm verwandelt das Baumhaus in ein Schiff, es knarrt in den Wanten wie ein Seelenverkäufer.

Wenn ich rechtzeitig die richtige Mülltonne auf die Straße stelle, überkommt mich die Halluzination, mein Leben im Griff zu haben.

Itchy Strachy hat laut Falter ein „Eigenurinamulett“ am Hals und am Hoden eine eiförmige Messingschale getragen. Seine beratende Energetikerin ist in Wahrheit fix Satirikerin.

13.5.

„Dicht“ von Stefanie Sargnagel nüchtern bei dichtem Regen gebinge-lesen. Eine Hommage an das Dosenbier, noch viel mehr an den Menschen in all seiner Grindigkeit und Güte. Was für ein schönes, extrem unzynisches Buch!

16.5.

Ob ich für vier oder vierzig Tage packe, ist völlig egal. Ich stopfe so viel ins Auto, wie es fasst.

„Hatten wir früher auch schon so viel Giersch oder ist das mein persönliches Versagen?“

„Haha, nein, deine Mutter hat sich bis zum Schluss gefragt, was sie früher besiegt, den Erdholler, oder den Krebs.“

17.5.

In der Nationalpark-Waldeinsamkeit. Ein kleines Wunder, dass hier am Ende der Welt eine Hütte steht, zu der ein Schlüssel passt, den liebe Menschen mir gegeben haben. Nach drei Stunden ohne Empfang muss ich schon in den Kalender schauen, welcher Tag heute ist.

18.5.

Weil ich in der Küche alles ordentlich weggeräumt habe, kackt mir die nachthyperaktive Maus aus Protest aufs Schneidbrett, wie zuhause die Spatzen ins leere Futterhaus.

Ein Mauswiesel schaut mir beim Zähneputzen zu, ich sage „Hö!“, das ist mein einziges gesprochenes Wort in diesen drei Tagen.

Mir fehlt in der Natur die innere Körperspannung zum Romanschreiben.

19.5.

Im Schl8hof bekomme ich das erste frisch gezapfte Bier seit Oktober, und ich bezahle dafür, obwohl man mich einlüde, weil ich mich doch sehr freue. Mercedes Spannnagel liest, es ist sehr lustig („Wiener Ranzbezirk“). Sie erzählt später von ihren vier Geschwistern, einer heißt „Aeneas“. Tina Keller sagt verträumt „Der erste Lockdown war der schönste“.

20.5.

Ich gebe dem Firmling auf den Lebensweg mit, dass Ärztekinder das Letzte sind.

21.5.

Keine Sekunde verstummt das wütende Zetern der brütenden Kohlmeisen, während ich stundenlang Giersch ausrupfe, damit er ihnen nicht das Gras überwuchert. Man sollte der Gescheitere sein, aber ein bisschen kränkt man sich halt doch über den groben Undank.

24.5.

Ich bin ein wenig von mir selbst enttäuscht, dass mich die aufgekratzten Kleinkinder in der Kletterhalle hauptsächlich nerven, weil sie „Liam“ und „Jayden“ heißen. Apropos: Auwiesen hat wieder offen. Ab jetzt kann ich wieder jederzeit ein schlechtes Gewissen haben, dass ich nicht trainieren gehe.

„Ist das zu teuer oder will ich das erben?“ Henrik Szanto lamentiert treffend über die Suche nach Geschenken für alternde Eltern.

25.5.

Mein Konsumverhalten gleicht sich rasant jenem alternder Eltern an: Zahnpanoramaröntgen, Rasenmäherreparatur, Ford Kombi.

Im spanischen Santa Colona bemerkten ein Vater und sein Sohn beim Spielen einen seltsamen Geruch, der aus einem dort vor dem Kino werbenden Stegosaurus drang. Die Feuerwehr fand darin einen kopfüber in einem der Beine steckenden Leichnam. Die Welt trachtet dir auf so vielfältige Weise nach dem Leben.

26.5.

Das Antidepressivum Fluoxetin für Tiere heißt „Reconcile“ und hilft ihm bei der Versöhnung mit den Menschen, die es zur Schlachtbank führen.

Der Falter muss widerrufen, dass Strache ein Eigenurinamulett getragen habe. #österreich

Mir wird von einem Paar mit dem beredten Doppelnamen „Holzknecht-Holzhacker“ berichtet.

Wenn ich in einem der vielen Zoom-Meetings aufmerksam den Sprechenden zusehen soll, wird mir erst bewusst, was ich in insgesamt 17 Jahren Frontalunterricht passiv geleistet habe. Früher habe ich mir zum Zeitvertreib Löcher ins Ohr gestochen, heute reicht es mir, die Krawallspatzen auf dem Fensterbrett auszuspechteln. #progress

„Deine Abneigung gegen den Kirschlorbeer ist das Äußerste an Kritik, das du an deinem lieben Vater zustande bringst“, sagt der Buttinger zum Glück zu recht.

27.5.

Eine Kollegin schenkt mir einen großen Moment beruflichen Scheiterns. Vor Jahren habe sie für einen Wurstwettbewerb einen Marketingtext schreiben müssen, der sie sehr viel Kraft kostete und dann wegen dreier Beistrichfehler vom Fleischer abgelehnt wurde.

Khutulu, die Tochter Dschinghis Khans, soll ihre Brautwerber über Jahre erfolgreich beim entscheidenden Wrestling-Kampf besiegt haben. Wenn man sich das wie beim WWF ausmalt, hat man historische Kurzweil. 

28.5.

„Entweder – Oder“ sollte man als sehr junger Mensch lesen, sonst empfindet man es leicht als Sudern auf hohem Niveau. Andererseits: „Ein vollkommener Menschen zu sein, ist das Höchste. Nun habe ich Hühneraugen bekommen, das hilft doch immerhin schon etwas.“

„Die Zeit der Konzepte ist vorbei, jetzt braucht es Rahmenbedingungen/Planungssicherheit/Maßnahmenpakete/Steuerungsgruppen/Schulterschlüsse!“ #klimawandel

Mittwoch, Mai 05, 2021

Quellen

 So ein Blödsinn der ganze Schmarrn! 

Mehr Infos --->  https://www.youtube.com/watch?v=dQw4w9WgXcQ

 

Freitag, April 30, 2021

Bis zum Tod immerhin bemüht und gut gebumst. Phantomereignisse im April

1.4.2021

Offenbar diene ich meinem Umfeld als warnendes Beispiel, Kinder nicht „irgendwas mit Medien“ machen zu lassen, weil ich zehn Jahre gebraucht hätte, um mich von meinem zweijährigen „Praktikum“ zu erholen. Aber hier irrt das Umfeld! Ich bin schon seit 15 Jahren traumatisiert – vom Angestelltsein an sich! Zwei Jahre reichen für ein Leben und bis in die Haut hinein. Und meine Störung hat das Wesen einer Amputation; so ein Fuß wächst nicht nach, genauso wenig meine Fähigkeit, Vorgesetzte und geregelte Arbeitszeiten zu tolerieren.  

2.4.

Das mit dem Roman ist sicher nicht mein best shot in Sachen Publikumsliebe, viel besser werden die Mitteilungshefte angenommen, die Coala und ich füreinander schreiben, da wir im selben Haus einander wie Gespenster sind. Die Schriften sind aber auch wirklich schön, zwischen Zeitungsausschnitten über gerettete Küken, Welpen und Kälbchen stehen Botschaften wie „Es gibt schon wieder Schupfnudeln, aber iss sie auf!“, „Wir könnten heute die Handschuhschublade miteinander ausmisten“ und „Oh Gott, ich hab mich überfressen“ sowie „Nasse Spatzen schauen grämlich aus der Futterstelle, verwöhntes Pack!“

3.4.

Die Spatzen verweigern jedwede Domestifikation, halten aber auch alle anderen, möglicherweise weniger undankbaren Vogelsorten von der Futterstelle fern, und zetern aufgebracht, wenn sie leer ist. Wahrscheinlich halten sie mich für eine dumme, dicke Katze. 

Abb. 2: "Birbs" Das Bild ist - wie das obige - sorgfältig aus dem Internet gefladert, bitte verklagt mich nicht, ich tue es mit Liebe!

4.4.

Du bist die bestgefickte Brotspinne Mitteleuropas, was willst du!?“ Der Mann schimpft mit mir, als wäre ich ein verwöhnter Spatz, der sauer schaut, weil seine Hirse nicht bio ist, dabei habe ich ein sehr wichtiges Anliegen vorgetragen, ich kann mich nur grad nicht daran erinnern.

5.4.

Ornithologierat Haslinger erläutert mir beim Weg von der Klinserscharte zu den Dietlbüheln, dass man Zwistigkeiten zwischen Vögeln so bezeichnet: „Die Saatkrähen hassen den Rotmilan.“ Kennt man vom East-Westcoast-Zwist: They see me flyin' – they hatin'. 

 
Vogelfreier Schauplatz ornithologischer Erläuterungen

6.4.

Bei Gelegenheit etwas über hilflose Egozentrik schreiben, als Folge eines mühseligen Empathiezwangs. Erholsam sind Angelegenheiten, in denen die Spiegelneuronen mangels Kompetenz völlig ins Leere blitzen (Chemie, 12-Musik, Kochen, Überlegenheitsgefühle). Am erholsamsten das Gehen durch das Tote Gebirge, wo alles grauer Fels ist und man selbst ein wenig wie tot ist, aber fröhlich dabei. #ambivertiert

Traum von einer künstlerischen Karriere, die ohne jedes Oeuvre auskommt, wahrscheinlich sind Blogeinträge schon zu viel, am besten wäre die absolute Beschränkung auf das Moderieren von Tombolas, das dann gerne im Frack, aber sonst könnte ich mich auf reines Dasein beschränken und nachher wieder ins Privatleben zurück schlüpfen.

10.4.

Auf dem Parkplatz neben dem Offensee schlüpft einer in eine olivgrüne Bomberjacke mit dem Aufnäher „Felix Baumgartner-Red-Bull-Team“ und wundert sich, dass wir gar so schnell in die Bindung hüpfen und losstapfen. Ich bin eine treue Bergkameradin, aber Fremdscham ist mir nicht fremd. Abgesehen davon erneut ein herrlicher Ausflug mit der #mütterrunde, den besten Menschen, die zufällig auch Männer sind. 

Gute Menschen dürfen schlechte Jacken tragen. 

Eine Frau, die ich sehr gut kenne, berichtet mir von einer Sehnenscheidenentzündung, weil sie so eifrig beim Malen-nach-Zahlen war; unlängst sei sie ganz bedrückt gewesen, weil sie den ganzen Abend Felder mit opakem Schlammbraun ausfüllen hatte müssen.

13.4.

Amseln „tixen und schackern“, sie sind schüchtern, können aber bei entsprechender Aufmerksamkeit recht ausflippen. Die Brutpflege erledigen sie paritätisch. #totemtier

14.4.

Schmelzende Gletscher befinden sich in einem „schlechten Ernährungszustand“. Jargons sind die Saucen der Sprache!

Tu dir kein Leid! Denn wir sind alle noch hier.“ Apostelgeschichte 16,28

15.4.

Polnische Feuerwehrleute mussten ein Croissant aus einem Baum entfernen, das eine besorgte Krakauerin (sic) für ein lauerndes Tier gehalten hatte. Ich vermerke mir das als recht zugängliche Option, weltweit in den Medien zu landen.

16.4.

In diesem Internet, von dem man neuerdings so viel hört, schreibt einer unter den Menstruationshandschuh-Shitstorm, man könne das ja einfach „den Markt“ regeln lassen. Erlaubte mir den Hinweis, dass man mit dem gleichen Argument auch Katzenbabygift „am Markt“ positionieren könne. #pinkyglove #stinkyglove

17.4.

Mir wurde gerade empfohlen, noch eine „Wut-Milf“ in meinen Roman einzubauen.

20.4.

Unterredung im Schl8hof, was auf unseren Grabsteinen stehen möge.

Ich: „Sie hat sich bemüht!“ (Die Inschrift darf ruhig auch krakelig sein)

Thomas: „Immerhin!“

Stephan Roiss (Zombiefilmfan): „Hier ruht bis auf Widerruf Stephan Roiss.“

21.4.

Offizielle Bilanz auf dem Konto bis jetzt: rein +54,19 €; raus -13,74 €. Bald kommt die Besachwalterung. Jedenfalls bin ich nicht schuld am Kapitalismus. Zwei Stiglitze in den Wipfeln des Jasminstrauchs – das muss doch reichen!

23.4.

Jirši: „Drum hob i zum Polospün aufghert, weil do scho so vü Gsindl is.“

25.4.

Ein lustiger Mensch berichtet mir von seinem verstorbenen Großvater, der sich dreimal in seinem Stressless-Sessel wundgesessen habe – aber ohne Not, aus reiner Trägheit. Das wäre ein sehr gewagtes Stressless-Testimonial, aber man könnte es versuchen.

26.4.

Es ist mir eine rechte Freude, dass immer mehr Menschen mir ihre guten Erlebnisse zur Aufbewahrung anvertrauen; ich werde zum Schließfach für kleinen Blödsinn. Heute die schöne Eisbestellung einer älteren Dame: „Eine Kugel Malaria, bitte!“

27.4.

Meine Hand nuschelt beim Schreiben.

28.4.

Ich habe mich darüber lustig gemacht, dass die Dichtung das Leben wiederholen solle. Und doch, in dem sie es mit Liebe tut, macht sie es schön.“ Musil

 
Roßleiten braucht keine Dichtung, um schön zu sein. 

In zwei Stunden 8000 Zeichen Roman geschrieben (wieder einen neuen, den mittleren kann ich nicht hernehmen, weil schon „prämiert“) und immer noch das Gefühl, herumzutrödeln. Ich beginne, die Natur meiner Probleme zu erahnen.

29.4.

Es gibt einen Pyjamahai, die Familie der „Pieper und Stelzen“, den „maskierten Strolch“ und den „sparrigen Runzelbruder“. Der Zuständige für die Division „Paket & Logistik“ heißt Umundum.

30.4.

Wohnform der Zukunft: Seniorenresistenz Schönering