Freitag, November 30, 2018
Virtuelle Fehlprägungen
Donnerstag, November 22, 2018
Gutes Benehmen in allen Lagen
Bezugnehmend auf das Erscheinungsjahr des „Guten Tons“ - 1951: Da war der Krieg ja schon wieder lange Vergangenheit, eine neue Zeit! Alle Nazis sitzen im Gefängnis und büßen! Alle Deserteure rehabilitiert, alle KZ-Überlebenden zu Ehrenbürgern ernannt, alle Schreibtischtäter täglich hergewatscht, glatt und verkehrt.
Hahaha.
Hier also ein Roman über das gute Benehmen in allen Lebenslagen.
Ostfront im Herbst 1942. Schon lange bevor wir mit dem Gebirgs-Jäger-Regiment 144 die Kleinstadt Millerewo in Weißrussland erreichten, eilte uns jungen Kameraden der Ruf von Generalfeldmarschall Melzer entgegen. Die Veteranen warnten uns, er dulde nicht die kleinste Nachlässigkeit in Betragen und Adjustierung, es ging das Gerücht, er habe einen Ruthenen an Ort und Stelle richten lassen, der es wagte, seinen Schäferhund zu züchtigen.
Tags darauf rückten wir im größten deutschen Nachschublager für die 6. Armee in Stalingrad ein. Unser Postenkommandant ließ uns erst die Baracken beziehen, als wir unsere Stiefel blitzblank vom russischen Dreck der Straßen blankgewichst hatten. Das korrekte Grüßen und Salutieren hatten wir in den Ausbildungswochen zuvor mühevoll lernen müssen, sodass ich mich jetzt freute, mein neu erworbenes Wissen zum Gelingen der Eroberung Stalingrads einbringen zu können.
Angesichts all dessen hätte es mich nicht unvorbereitet treffen sollen, nein: es hätte mir nicht passieren sollen! dass ich an einem überraschend warmen Herbsttage in loser Stimmung mit meinen Landserkameraden aus dem Verpflegungszelt purzelte – und vor uns eine Frau, eine richtige Dame stand, keine schmutzige Kosakin aus den Dörfern, die uns die Latrinen putzten, nein, es musste eine DEUTSCHE Frau sein, der wir uns gegenüberfanden. „Heil Hitler!“ riefen wir fröhlich durcheinander – da schrillte es gellend aus einer Pfeife. Samt Kommandostab stand wie aus dem Nichts der Generalfeldmarschall vor uns.
„SOLDATEN! Was ist das für ein Benehmen! Was für eine unglaubliche Saubande!“ Brüllend hielt er Strafgericht: Strecha hatte die Mütze nicht abgenommen, Viliamsky hatte sich viel zu tief, nachgerade ironisch verbeugt und ich – der Jüngste, offensichtlich! – hatte gar der Dame – die sich als die GATTIN des Generalfeldmarschalls erwies – die Hand entgegengestreckt. „Wie ein jüdischer Gassenjunge!“
Geknickt ertrugen wir die Kannonade unseres Feldmarschalls. Als wir schon fürchteten, dem Standrechte überantwortet zu werden, zügelte er seine Stimme. „Schützen! Das gute Betragen, der gute Ton, das ist der gemeinsame Gleichklang, der das Miteinander zu einer Symphonie werden lässt. Wenn wir darauf nicht achten, sind wir nicht mehr als Tiere, merkt euch das für den Rest eures Lebens!“ Wir beugten unsere Häupter, merkten, dass der Erzürnte nun sanft wurde. „Soldaten, versteht einer von Ihnen etwas von Musik? Kennt er die herrliche Musik eines Bach, eines Mozart?“ Ich schlug die Hacken zusammen, „melde gehorsamst, habe sieben Jahre Ausbildung am Klaviere genossen!“ rief ich, und der Feldmarschall trat an mich heran. Er sah mir mit eisblauen Augen freundlich in die meinen. „Dann haben Sie schon sehr viel von de Kultur erfahren dürfen, die ganz zuvörderst eine Lebenskultur ist.“ Er wandte sich an alle: „Beherzigen Sie meine Unterweisungen, auch wenn Sie in die Schlacht ziehen!“
Als uns in der Kesselschlacht drei Tage später die Granaten um die Ohren pfiffen, als die Schrapnellsplitter der Katjuschas die Krume und die Eingeweide der Gefallenen zerwühlte, dachte ich noch an die erbaulichen Worte. Ganz ruhig wurde ich, nahm das Gewehr an die Wange und spielte im Geiste die Fuge, als ich kraft der Besinnung auf unsere geistigen Schöpfungsakte einen Iwan nach dem anderen zurück in seinen Schützengraben knallte.
Dienstag, Oktober 30, 2018
Geld und Kult: spirituelles Blockchaining
Montag, Oktober 08, 2018
Neue Verbote 1
Samstag, Oktober 06, 2018
Der Jahrmarkt der Religionen
Ein Vorschlag zur Güte
Am Urfahraner Jahrmarktgelände findet jeweils im Mai und im Oktober eine bunte Leistungsschau der sieben beliebtesten etablierten Religionen statt, samt ihrer tollsten Innovationen. Schon klar, dass Katholizismus und Hinduismus die größten Attraktionen bieten, hier glaubt das Auge mit.
Die Moslems haben die Rolle als Gruselanbieter akzeptiert und sind nun Marktführer bei Geisterbahnen. Die Leute kommen heraus und lachen vor Angstlust. „Hast den Ayatollah gesehen? Der hat voll echt ausgeschaut!“ „Ja, arg, wie auf einmal diese Disconebelexplosion war, huch!“
Im großen Zelt der Juden finden die Eröffnung und die Ansprachen statt, passt ja, wegen der Anbetung des Wortes.
Die Buddhisten verkaufen den Tineff aus China, Burma und Vietnam: Käsehobel, Hornhauthobel, falsche Kragenzobel; Lebkuchenherzen mit chinesischen Schriftzeichen, die „Zicke“, „Mein Süßer“ oder „Lauser“ bedeuten.
Die Katholiken veranstalten Misswahlen (Frauen und Kinder instrumentalisieren geht gut, gleich bei den Toilettanlagen stehen auch sieben Beichtstühle von Dixie), sowie Schaukämpfe (ein Mix aus Kreuzzügen und Wrestling: da kämpft zB das Team Bernhard von Clairvaux gegen die Sarazenen, ich übernehme gerne die Moderation, ich leg's irgendwie zwischen Peter Alexander und Hansjoachim Kulenkampff an).
Daneben eine Innovationsschau der spirituellen Start-Ups: Zb. ein Apple-Store, in dem Nerds vor einer großen Papp-Figur von Steve Jobs niederknien. Die Gläubigen übernachten vor dem iPhone-Stand. Auf großen Bühnen zeigen Youtuberinnen, wie man junge Mädchen durch mehrstündige tägliche Schminkregimes von der Revolution fernhält. Dazu überall Super-Food-Stände, sie verkaufen vegane Schaumrollen und Langos aus Chia-Samen mit fair getradetem Knoblauch aus Kolumbien.
Man kauft sich was oder nicht, schaut sich den bunten Trubel an und vergisst für einen Moment den aufgeklärten Alltag in Mitteleuropa.
Dann ist aber wieder ein halbes Jahr Ruh' mit dem Trallala!
Freitag, Oktober 05, 2018
Das Inferno von Urfahr
So spät noch Walken zu gehen war keine gute Idee gewesen, die Finsternis kam über mich wie ein Ausschlag. Wo war bloß mein Auto! Weil ich mich so maßlos über das teure Extra „Carfinder“ ärgerte, das uns der Mercedeshändler aufgeschwatzt hatte – es funktioniert halt nicht, wenn der iPhone-Akku leer ist! – bemerkte ich erst spät, dass es immerzu bergab ging, wie in einen gewaltigen Trichter, so hoch ist doch der Pöstlingberg gar nicht! Da steht vor mir plötzlich, geisterhaft illuminiert, ein Mann. Und er spricht mich an! „Grüß Gott, gnä' Frau, ich bin der Dichter Musil, und sie sind vom guten Weg abgekommen, ich muss Sie jetzt in das Inferno begleiten!“ Musil, wer? Hä? Inferno! Er nimmt mich an der Hand, ich lasse es geschehen, vielleicht findet der Verrückte ja meinen SUV. „Schauen Sie!“, sagt er nach einigen Minuten stillen Schreitens. Vor uns ein Torbogen, bunt und billig gemalt: „Lasst, die ihr hier eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Ein scheußlicher Duft nach Schwefel, Langos und Lulu weht mich an. „Herr Musil, wie ist mir! Was mache ich an diesem gräuslich Ort?!“ Er sieht mich ernst an. „Du bist vom rechten Weg abgekommen.“ „Mah!“, sag' ich, „ich spend' für die Tiere und bei den Soroptimistinnen tun wir ganz viel Charity...“ Musil bedeutet mir zu schweigen. Er geht mir voran durch das Tor, meine Füße folgen ihm von allein.
Es kommt uns eine Horde sehr junger Menschen entgegen, die Burschen in engen Hosen und mit dem Gang verkürzter Achillessehnen, die Mädchen in schiachen 90er-Jahre-Jeans, stark geschminkt. Sie grölen alle „Bella Ciao!“ in der DJ-Ötzi-Version und schwenken Corona-Flaschen. „Herr Musil“, sage ich, „das sind doch noch Teenies!“ „Ja“, antwortet er, „aber jung genug, um den Hofer gewählt zu haben!“ Ich will mich über diese illiberale Sichtweise echauffieren, aber fährt fort. „Die sind nur die lauen Seelen, sie haben es nicht besser gewusst, weil sie außer Kiffen und Gamen nichts im Schädel haben.“ Ich stimme ihm innerlich zu, wir waren alßer Junge noch aktiver, ich war ja sogar Schulsprecherin bei der AHS, und beim Jus-Studium... Musil reißt mich aus den Erinnerungen, er zieht mich tiefer in das bunte, beängstigende Geschehen. Da höre ich die spitzen Schreie der Gemarterten! Wie wellen, Iiiiiiii! und Aaaaiiiiiiiiii! „Herr Musil, hier werden Andersdenkende gepeinigt!“ Er schüttelt, den Kopf. „Das sind die herzensträgen Männer, die das Frauenvolksbegehren nicht unterschrieben haben, weil ihnen ein, zwei Punkte nicht so taugen und weil...“ Aber ich hab's auch nicht unterschrieben, fällt mir in Panik ein, weil eine tüchtige Frau setzt sich auch ohne sowas durch, oder sie kann ja auch daheim bleiben... Der Musil scheint meine Gedanken gelesen zu haben, denn er schiebt mich in ein Bierzelt hinein. Igitt! Sowas ist echt eine Zumutung für uns bildungsnahe Schichten! Auf der Bühne steht – Jörg Haider! Er versucht, die Massen zu begeistern, aber sie schauen nur auf das Autodromauto, das über seinem Haupte schwebt. Und KRAWWUMMS! fällt es auf ihn drauf, ich erkenne jetzt, dass es ein kleiner VW Phaeton ist, der ihn zermerschert. „Das passiert den Heuchlern und Lügnern im vierten Kreis der Hölle täglich“, erklärt der Dichter. Er hält mir einen Bierkrug hin und gibt erst Ruhe, als ich ihn unter Protest ausgetrunken habe, dabei trinke ich lieber Prosecco. Dann zieht er mich weiter, in das nächste Bierzelt, dort wird gesungen, ohweh! „Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ „HölleHölleHölle!!!“ schreit die Masse. „Grundgütiger, Musil, was haben diese Menschen verbrochen?“ „Das sind die elitären Bildungsbürger, die 14 Semester Philosophie geschenkt bekommen haben und beim Ö1-Hören die Ö3-Proleten verachten!“ Mir setzte das Herz aus. Der Wolfgang-Petry-Hit verklingt, fängt aber gleich wieder von vorne an. Zwischen den gegen ihren Willen grölenden Theaterabonnenten huschen Sünder mit Wischmopps herum, die allerlei Organisches wegputzen müssen. „Internettrolle“, sagt Musil streng. Mir rinnen die Tränen aus den Augen, erleichtert atme ich auf, als wir weiterziehen. Wir halten vor dem Autodrom. Hier werden heulende, hinkende Männer übers Parkett gejagt, von Frauen in Micra Mouses und Ford Mondeos, sie blenden die Scheinwerfer auf, beschleunigen und zerschmettern den Gejagten Fersen und Knie. „Das ist der siebte Kreis der Hölle, hier büßen die Audifahrer. Schau nun, der vorletzte Kreis der Hölle!“ sagt er und zeigt mir das Ponykarrussel. Darin ist nur ein einziges, kleines Pferd, es keucht, dicke Kinder stehen Schlange und greinen, weil sie auch endlich darauf reiten wollen. Aber nein, das ist kein Pferd, das ist ein kleiner, grauer Mensch, der unter Marie-Chiaras 67 Kilos barmt, das ist – Herbert Kickl! „Eine Hetzjagd“, wispere ich. Musil wiegt sein Haupt. „Siehe nun den neunten, den innersten Kreis der Hölle!“ Die Folterapparatur erinnert mich an die Petersburger Schlittenfahrt. Die Passagiere sitzen noch ruhig da, aber sie müssen Unmengen an Zuckerwatte und Schaumrollen in sich hineinstopfen, manche sind schon grün im Antlitz. Es sind fast nur Männer, alle tragen enge Anzüge, das Haar glatt zurückgegelt. Einer brüllt verzweifelt „Den Urfahraner Jahrmarkt wollte ich so gern wegrationalisieren, gehen eh nur die Migranten hin!“, wie auf ein Kommando geht das Fahrgeschäft los. Musil mahnt: „Sieh gut zu, was mit den Neoliberalen passiert!“ Da klaffen die Kulissen auseinander, es tun sich die drei schrecklichen Mäuler Luzifers auf, der erste der smarten jungen Herren wird hineingeschleudert, seine großen Ohren können nichts bremsen. Ein Effizienzsteigerer nach dem anderen wird zermalmt. Ein schreckliches Heulen und Zähneknirschen!
Wir stehen voreinander, ich bin ins Mark hinein erschüttert. „Und welche Pein ist für mich ausersehen? Ich weiß, ich habe gesündigt.“ Musil sieht mich ernst an. „Für dich steht nun das Fegefeuer bereit. Du kannst das Heil erwirken, aber du musst aufrichtige Umkehr leisten.“ „Ich will ein besserer Mensch werden!“, weine ich. „Nun denn, so trage fürderhin einen neuen Namen, der die Zugehörigkeit zum Herrn bezeichnet: Dominika! Und du musst auch wieder arbeiten gehen, und zwar im Schweiße deines Angesichts!“ Dann verschwand er, ich fand mich auf dem Parkplatz wieder. Mein herrlicher Mercedes hatte sich in einen andersfarben Ford Mondeo Kombi verwandelt.
Damen und Herren, Sie sind in diesem Augenblick Zeugen meiner Läuterung.
Freitag, September 14, 2018
Wirtschaft ist schön, aber kann man davon leben?
Während der Busfahrt zum Kongresshaus lese ich die Nachrichten, meine Filterbubble ist voller Protest gegen den geplanten 12-Stunden-Tag, es soll eine riesige Demo gegen diese Ausbeutung geben, organisiert von der Industriellenvereinigung. Träumt weiter, denke ich, aber sie tun mir leid, die Unternehmensführer leiden am meisten unter dem Zeitgeist. Da sind wir Start-Up-Comediens noch halbwegs fein raus. Ok, wir verdienen scheiße, und wir arbeiten 24 Stunden täglich an unseren Selbstzweifeln. Aber wenigstens sind wir EPUs nicht ganz so dem Gespött der Künstler ausgeliefert. Ich mein', kein Konzernchef darf sich beklagen, hätten sie halt was Gscheites gelernt. Weiß man ja seit Jahrzehnten, dass diese Orchideenfächer nur was für Idealisten sind. Für solche wie mich.
Was haben meine Eltern getobt, wie ich ihnen erklärt hab, ich wolle unbedingt IBWL studieren. Die Mutter hat geschrien, wer soll dann ihr feministisches Hackerspace übernehmen, der Vater hat nur still geweint. Ich sehe mich noch mit dem Fuß aufstampfen, voll jugendlicher Restrenitenz, wer so ein Studium wirklich will, findet später auch einen Job in der Wirtschaft, und wenn das nicht klappt, kann ich immer noch die Mutter um ihre Netzwerke anbetteln. Der Vater hat mit roten Augen gefragt, ob ich nicht untertags was Solides machen könne, experimentelle Gestaltung etwa, und die Wirtschaft als Hobby? Nein, nein, nein! Damit war die Diskussion beendet. Die Eltern haben mich dann beim Studieren schon unterstützt, ich musste mir aber durch Romanschreiben was dazuverdienen.
Ich gehe jetzt mein Programm noch einmal durch, obwohl mir beim Lesen im Bus immer schlecht wird. Von diesem Abend erwarte ich mir viel, die Diskurstanzinnung zahlt nicht besonders, aber man hat mir gesagt, ich könne mich auf dieser Plattform toll präsentieren. Immer lasse ich mich runterhandeln! Die scheiß Künstler glauben, dass wir Wirtschaftler alles aus Liebe machen. Stimmt ja auch, ich will aber trotzdem davon leben!!! Wenigstens wird’s diesmal nicht so wie bei den Naturlyrikerinnen letzte Woche, die haben drauf bestanden, mir das Honorar scheinchenweise in den Hemdkragen zu stopfen. Ich bin ein Mann mit Gefühlen, verdammt! Oft habe ich Angst, mich zu prostituieren, wenn ich das wirtschaftliche Begleitprogramm für die ganzen Kunstbonzen mache. Mir graust schon vor mir selbst.
Ohne Geld kann ich nie ein eigenes Unternehmen gründen! Ich weiß, das ist naiv – wer liest in unserer schnelllebigen Zeit noch Bilanzen? Aber ich finde, der Handel ist ein zutiefst menschlicher Zug! Man darf einfach nicht alles nach seinem Beitrag zum Schönen bewerten, Zahlen sind auch ein Teil der Existenz!
Der Bus hält, ich muss im Regen zum Kongresszentrum laufen. Meine schönen Lackschuhe, mein Slimfitanzug! Ich nehme den Hintereingang, vorne steigen die ersten Choreographinnen aus repräsentablen Volvo-Vintage-Limousinen. Mit meinem Business-Look komme ich mir unter den vielen mächtigen Frauen mit Filzschmuck und postmenopausalen Biobaumwollyogatuniken total schäbig und fehl am Platz vor, aber hey! Ich bin ein Rebell, ich bin anders, ich halte euch bornierten Dekonstruktivistinnen mitteleuropäischer Tanzkunst den Spiegel vor! Ihr seid zu satt geworden!
„Herr Morgan Sachs?“ Jemand tippt mir auf die Schulter. Ein älterer Herr, seine Füße stecken in ausgehöhlten Weißbroten, er trägt ein Beo-Zwillingspaar im Nest auf seinem Kopf, gekleidet ist er nur in Alufolie. Der Veranstalter. Ich schlucke meinen Ingrimm hinunter. „Herr Sachs, das Headset ist leider kaputt, wir geben Ihnen eine Handgurke, Sie haben eh eine laute Stimme?“ Ich nicke. „Wir sind schon gespannt auf Ihre Impulse, was genau haben Sie da für ein Programm?“ Ich räuspere mich. „In meiner Powerpointpräsentation...“ Schallendes Gelächter unterbricht mich, „hahaha, der war gut! Bravo!“ und ich setze fort „präsentiere ich die Benefits der trickle down welfare politics in internationalen Handelsströmen“, der Mann im Brot kichert die ganze Zeit, „unter besonderer Berücksichtigung der Effekte auf lokale Märkte. Und im zweiten Teil geht es um Hedgefonds und automatisierten Derivathandel...“ „Ok, ok“, der Veranstalter wiehert wie ein Pferd auf Hanf, „das wird so lustig! Ich seh' schon, warum die Lyriker Sie so empfohlen haben, hilariös!“ Ich versuche, mein Gesicht nicht zu verziehen. Hier soll ein Mensch gedemütigt werden, darum nehme ich meinen ganzen Mut zusammen. „Leider muss ich mein Honorar aufgrund von Entwicklungen auf dem Weltmarkt indexangleichen...“ Der Veranstalter hört abrupt auf zu lachen. „Darüber sprechen wir nach Ihrer Darbietung!“, dann lacht er doch wieder und sagt im Davongehen noch, wie erfrischend er den merkantilen Zugang von uns Wirtschaftlern immer finde.
Da es keinen Backstagebereich gibt, warte ich vor den Toiletten auf meinen Auftritt. Immer wieder kommen Tänzerinnen in fair getradeter Jute an mir vorbei und machen anzügliche Bemerkungen, die meisten haben mindestens gekifft, wenigstens vier Gläser Weißwein intus. Endlich werde ich in den Saal gerufen. Die Bühne ist winzig und schlecht ausgeleuchtet, die Tänzerinnen haben ihre Weinflaschen draufgestellt und johlen, als sie mich sehen. Ich habe den Slot vor der Büffeteröffnung, ich weiß, dass ich jetzt wirklich meine Leistung abrufen muss, sonst wird das nichts. Mit dem klassischen Elan der New Economy springe ich auf die Bühne und verwende meine disruptiven Keywords, um das Unternehmensnarrativ zu etablieren. Die ersten Lacher. Als das Diagramm erscheint, das mich beim Triathlon zeigt, mit der Überschrift „Markenkern Ich-AG dank Performance“, schreit der Saal auf vor Lachen. Scheiße, sie sind alle voll druff. Ich habe noch gar nicht „Business-Opportunity“ gesagt, und „low hanging fruits“, da schreit die erste „Ausziehn, Puppi!“ Es ist immer das Gleiche. Zwei schwule Ausdruckstänzer beginnen, meinen Text synchron in die Sprache des modernen Diskurstanzes zu übersetzen, und als ich „Leistung muss sich wieder lohnen!“ sage, zeigen sie mir ihre enthaarten nackten Hintern, Künstler halt. Aber mittlerweile habe ich ja schon Erfahrung, das Beste kommt noch. Als ich „geht's der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“ skandiere, fliegen Bongs und Veltlinerflaschen auf die Bühne, etliche Damen zeigen mir ihre vom professionellen Nackttanz enthemmten Leiber, sie stürmen die Bühne und ich gebe auf.
Der Veranstalter nimmt mir das Mikro ab. „Na, das war doch lustig, oder? Uns von der Diskurstanzinnung ist das Mäzenatentum ein großes Anliegen! Wirtschaft macht das Leben auch schöner! Bitte noch einen großen Applaus für den talentierten Nachwuchsunternehmer Morgan Sachs!“ Er droppt das Mic, sofort wird die Bühne gestürmt, Körper verfallen in wilde Zuckungen. Ich ertappe mich beim Neid auf die Tänzerinnen, sie haben keine Ahnung, wie der Markt funktioniert. Über Geld spricht man nicht, Geld hat man. Der Veranstalter tippt mir auf die Schulter, er drückt mir 150 Euro in die Hand. „Sie haben ja nur zwei Drittel vom Programm gebracht, da muss ich entsprechend abziehen.“ Einer der Beos hackt nach meinen Augen. „Lieb gemacht, sehr lustig!“, sagt der Mann und lässt mich stehen. Schnell gehe ich, damit niemand meine Tränen sieht. Weil kein Bus mehr fährt, muss ich die Hälfte des Honorars fürs Taxi ausgeben.
Endlich Bürgermeister!
Dank an die Bildstellen: Ronald "Minki" Brutter, Coala "Cleopatra" Meindl und Sebastian "Putin" Fasthuber.
Donnerstag, September 13, 2018
Im Satirekombinat der „Original Linzer Worte“
Manche Landsleute haben sich von meiner zeitweiligen Verfügung in Hitler-Kostüme blenden lassen: In Wahrheit bin ich recht links und lege mein Präsidentschaftsamt hochgradig antifaschistisch und antiautoritär an.
Die Befreiung meiner Brüder Monet und Buttinger aus der kapitalistischen Verwertungslogik war mir eine Herzens- und Nierenangelenheit. Deswegen habe ich auch den volkseigenen Satirebetrieb „Original Linzer Worte“ gegründet. Motor meines revolutionsorientierten Wirtschaftens ist der Kampf gegen neoliberale Vernutzungssysteme und ausbeuterische Rationalisierungsstrategien.
Die Arbeit in meinem Kombinat beruht auf Selbstverpflichtung, Selbstführung und Einsicht in die Vorteile der literarisch-kollektivierten Zentralwirtschaft. Unsere Produktion ist auch wegen des Verzichts auf Urheberrecht und Privateigentum jener des kapitalistischen Auslandes (vgl. Coehlo, Rowling, Brown) weltanschaulich überlegen.
Wir sind vorerst nur zu dritt, und einer muss eben die Nomenklatur bilden. Da die Genossen Buttinger und Monet erstens einen geringeren Bildungsabschluss haben sowie im Sinne der antiphallozentristischen Emanzipationsdoktrin nicht über einer Frau arbeiten sollen, blieb mir nichts anderes übrig, als auch hier die Funktion des Zentralkommittees zu übernehmen. Ich darf dazu den Komsomolzen Mandlbauer („Prawda OÖ“) zitieren: „Die Führung darf nicht übersehen, dass das Volk geführt werden will.“ In diesem Sinne habe ich, das ZK, meine Angst vor Autorität überwinden müssen. Obwohl mir das mehr weh tut als euch.
So kaufte ich also eine Immobilie in der Innenstadt, damit die Produktionsmittel in unseren Händen bleiben. Von außen mag das Büro eher wie ein alter Baucontainer aussehen, der einfach in einer NachtundNebelaktion in den Landhauspark gestellt wurde, aber das ist wieder nur eine Verblendung des imperialen Blicks. Uns bzw. den Schreibgenossen ist es der Arbeiterhimmel. Da sitzen Monet und Buttinger nun täglich elf Stunden und dichten. Abends übernehmen sie verkleidet Lesungen.
Ich gab ihnen folgende Planaufgabe: Täglich zehn Manuskriptseiten Text, einen Roman pro Quartal, nach Möglichkeit einen Bestseller im Semester. Vorgeschriebenes jährliches Wachstum acht Prozent. Im Fünfjahresplan ist mindestens ein Literaturnobelpreis vorgesehen. Bei Verfehlen des Plansolls folgen Selbstkritik und Kritik durch das Feuilleton. Dazu die Beschlagnahmung von Kraftfahrzeugen, Nylonstrümpfen und Südfrüchten.
Nun! Was für ein schöner Start, als Monet nicht nur unter dem Synonym Robert Menasse und Michael Köhlmeier veröffentlichte wie eine Stalinorgel, sondern 2004 mit „Die Klavierspielerin“ gleich den Nobel-Plan erfüllte. Genial auch seine Taktik, die Rolle als Jelinek scheu und zurückgezogen anzulegen, so fiel seine eher unglaubwürdige Verkleidung als Frau nicht weiter auf.
Selbstverständlich war der Buttinger schnell neidig, er durfte sich zwar über internationale ökonomische Erfolge seiner fingierten Schriftstellerinnen (Donna Leon, Paulo Coelho, Rosamunde Pilcher) freuen, die im Plansoll geforderte avantgardistisch-künstlerische nationale Anerkennung blieb aber aus.
Intensiv arbeitete er am Gegenschlag. Bis Buttinger schließlich im Oktober 2007 in einer einzigen Schicht „Gut gegen Nordwind“ zutage förderte. So ernannte ich den eifrigen Mehrleister zum Stachanow des Monats und versprach, zur Belohnung seine Heimatstadt Wels nach ihm umzubenennen. Als kurz darauf schon alles umgeschrieben, alle Amtsschreiben angepasst waren, musste ich zu meinem beträchtlichen Missfallen erkennen, dass es das Städtchen „Klaus“ bereits gibt. Ich seah mich gezwungen, das alte Klaus durch Sprengung der Staumauer fluten zu lassen. Die Motivation meiner Mitarbeiter ist mir nun einmal unendlich wichtig.
Monet aber schimpft und grummelt seither, er nennt Buttinger oft einen „Normbrecher“ und Schleimer, er leiste des Abends sexuelle Hilfsdienste für das ZK. So trug ich unlängst dem aufmüpfigen Monet die Leistung der Königsübung, pardon: Arbeiterführerübung auf: Verfasse dem ZK einen dermaßen tollen Text für die Europawahlkampflesebühne, dass es die Volksmassen beim Zuhören aus dem Drillich wirft.
[René von der Seite anschauen:] Ich bin mir nicht sicher, ob dir der Auftrag gelungen ist.
Montag, Juli 02, 2018
Liederliche Schmuckeremiten grölen demonstrative Brandreden. Warum ich meinen Beruf liebe.
Geliebtes Volk!
Freitag, Juni 15, 2018
Götterdämmerung. In zeitgemäßer Bearbeitung für den oö. Kultursommer
Die Aufführung des Dramas ist der Tips-Arena zugedacht, alle anderen Theater vermöchten ihm nicht standzuhalten. Ein tropischer Sommerabend in Linz. Geschampertes Premierenvolk, viel Wichtelstuben-Tracht, aber auch Abendkleidung von Fussl.
LH Stelzer beugt sich hinüber zu Vizelandeshauptmann Haimbuchner: Des wird jetzt a Leistungsschau vom oberösterreichischen Kulturstandort!
Haimbuchner: I gangad nia ins Theata, owa des schaut supa aus!
Stelzer: Goi? Voi! Und waaßt wos: Kimmt da des Bühnenbüd bekaunt voa?
Haimbuchner: Scho a weng! Maanst du des große Porträtbüüd in da Mittn?
Stelzer: Naa, des kenn i goa ned.
Haimbuchner: Ned?! Des is da Anton Rheinthaller, unsa ersta Bundesparteiobmann.
Stelzer: Ah. Woa des ned der SS-Brigadeführer?
Haimbuchner: Jetzt faung du ned aa mid da Nazikeule au! Der hod in Glosnboch eh gelitten! Ein Ehrenmann! Der hod des Laund wieda aufbaut!
Stelzer: I hob eh nur gaunz wertfrei gfrogt. Owa jetzt sog, des Bühnenbüüd! Wos glaubst?
Haimbuchner, schaut, staunt: Naaaa!
Stelzer: Joooo!
Haimbuchner: Des is jo de Eirichtung vom Musikantnstodl!
Stelzer: Jawoi! Hamma von Willhaben. Gscheid büli.Des Beste is – de Kritika wern song, des is ironisch.
Haimbuchner: Klass! Is si des midm Büdsché ausdagaunga? Is da Gabalier a bissl owagaunga? I maan, bei 150.000 fia des Libretto hod's mi schau a weng grissn.
Stelzer: Jo, mia ham oafoch des Literaturbüdsché hergnumma.
Haimbuchner: Du Fuchs!
Die Musik hebt an, ein melodiöser Kompromiss aus „Peter und der Wolf“ und der Landeshymne.
Vorspiel
Ein Wohnzimmer in altdeutscher Eiche, drei alte Frauen vorm Röhrenfernseher.
Erste: Wos isn leicht heid im Programm?
Zweite: Bundesland heute. De Westring-Eröffnung.
Dritte: Ah schau, da Kaunzla!
Die drei schnattern erregt: Fesch! Fesch! Ma! So jung! Gschickt!
Die Bühne dreht sich, das Publikum quittiert den special effect mit einem ersten Zwischenapplaus. Wir sehen nun Brunis Schlafzimmer (gesponsort vom XXXLutz).
Erster Aufzug
Bruni: Ma, gehst scho wieda?
Sigi, sich die Lederhose wieder anziehend: Jo... woaßt eh. Mia miassn Maibaam stöhn in Sicking drüm.
Bruni: Schee woas!
Sigi: Jo. Voi klass!
Bruni: Mogst mi eh?
Sigi: Waaßt das eh!
Bruni: Geh weida, bleib nu.
Sigi: Naa, da Hacki und da Günni woatn scho.
Bruni: Maaa.
Sigi: He, kaunst du ma auf wos aufpassn? Is owa geheim!
Bruni: Jo! Jo! Wos isn des, a Schlissl?
Sigi: Des is ned nua a Schlissl, des is da Universalschlissl zum Westring! Do kaunst üwaroi eini damit! In gaunzn Tundl kinntast odrahn, vastehst?
Bruni: Wo hosdn den her?
Sigi: Vom Papa vom Hacki. Der sitzt do im Übawochungsbüro, des is da Sicherheitschef von dem Gaunzn. Mia ham erm den gfladert... des woa a Mutprobe.
Bruni: Spinnst?!
Sigi: Des woa im Hacki sei Idee! Passt ma auf drauf? Ned dass in valia jetzt.
Bruni: Dafia muassd ma sogn, dass d mi mogst.
Sigi: Jo.
Bruni: Sog's!
Sigi: I tua's eh. He, kau i dei Auto hom?
Bruni: Sog's!!!
Sigi: Du bist supa, danke!
Das Bühnenbild dreht sich wieder. Wir sehen Günni und Hacki vor dem Feuerwehrhaus. Spotlight auf das Zipfer Dosenbier.
Zweiter Aufzug
Hacki: Bist du eigentlich schwul, Hawara?
Günni: Wo is mid dia!
Hacki: I maan nua. Weil mid de Hosn is ned vü los bei dia.
Günni: Bisd augrennt? I hob scho voi oft mid aaana!
Hacki: Fesche madl brauchn flotte buam hollero
zum zuwadruckn liabm und zum gspiarn
wei ma euch bussl wenns es brauchts vom kopf bis zu di fiaß
jo mei gott seids es feschn madln siaß
Zwischenapplaus des Publikums, es hat das Gabalier-Zitat sofort erkannt. Hacki: I glaub, dir taugt die Bruni vom Sigi.
Günni: Oida! Na!
Hacki: I siach jo, wiasd as oiwei auschaust.
Günni: Loss mi in Ruah, Typ!
Hacki: I glaub, du bist wirklich schwul. De Bruni is voi schoaf.
Günni: Voi.
Hacki: Wüüst as? I wissat wia.
Günni: Naaa...
Hacki: Schwucht.
Günni: Hawara! Ok. Wos soid i tuan?
Hacki: Pass' auf...
Sigi: TSCHAAAAA!
Hacki und Günni: Oida! Ma host du uns gschreckt! Herst!
Hacki: Heil! Siegfried, teurer Held!
Günni: Derf ma des wieda sogn?
Hacki: Is ja nua a Zitat.
Sigi: Seid's deppert, es Nazi?
Günni und Hacki: He! He! Bisd wo augrennt? Wüsd Schläg'?
Sigi: Wisst's gaunz genau, dass i a Roda bin, weil ich wüü amoi an Postn!
Stelzer und Haimbuchner raunen, das Publikum auch.
Sigi: I respektier' eich eh, die FPÖ kau ma wirklich jetzt wöhn... Steigt's ei, i hob des Auto vo da Bruni!
Spotlight auf die finstere Bühne – ein polierter 3er-BMW erglänzt, „Ooooh“ staunt das Publikum. Die drei Burschen steigen in das getunte Auto, Stelzer flüstert „made in Steyr, de ham aa einzoid!“ Sigi dreht den Radio auf, kurz hört man Zitherklänge von „Gsunga und gspüht“, dann legt Sigi eine neue CD ein.
Günni: De echte Voiksmusik is owa irgendwie aa schee.
Als das Publikum „Kleine heile steile Welt“ von Gabalier hört, juchzt es:
"I glaub an mei Land und die ewige Liab
Nix is mehr Daham als ein Schnitzel aus der Pfann
Tradition leben, mit der Zeit gehen
So wie's früher in der Milka-Tender-Werbung war
I glaub an Leut, die sich geben wie sie sind
In einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand ...
I glaub an den Petrus an der Himmelstür
Der sagt, komm her zu mir, Bua i muss reden mit dir
Vaterunser beten, Holzscheitelknien
Nach einem Zeltfest im Rausch am Heuboden die Unschuld riskieren...“
Das Publikum poscht rhythmisch mit. Es wird dunkel auf der Bühne.
PAUSE.
Dritter Aufzug.
Szene: Einfamilienhaus, die Morgenvögel zwitschern, Hacki torkelt daher, bleibt stehen und öffnet den Lederhosenstall, brunzt in festem Strahl gegen die elterliche Thujenhecke. Lacherfolg beim Publikum. Als der junge Mann, vergeblich versucht, das Schlüsselloch zu treffen, reißt sein Vater Albert die Tür auf.
Vater: Gfrast!
Hacki: Hö!
Vater: Bsuff!
Hacki: Ma, Papa...
Vater: Mia zwaa ham wos zan redn!
Hacki: Papa ned!
Vater: Wo is mei Schlissl!
Hacki: Wöchana?
Vater: Na wöchana! Der vo da Hockn! Mei Westring-Schlissl! I hob nan gestan in Herrgottswünkö glegt! Du hosd as genau gseng! I hob dia und da Mama vazöht, dass ma den ned auglenga derft's!
Hacki: Ah... i woaß nix.
Der Vater reißt ihm ansatzlos eine. Haimbuchner pufft Stelzer in die Seite und grinst, „so geht des mid da Pädagogik!“
Vater: Amoi nu: Wo is mei Schlissl!
Hacki heult: Nimma haun!
Vater reißt ihm zur Sicherheit noch eine. Haimbuchner gluckst.
Hacki: Den hod da Sigi seina Oidn gebm! Er is schuid, i hob nan nua herzaagt!
Vater: Du Klachö! Waaßt, wos passiert, wenn der Schlissl in de foischn Händ kimmt? Der gaunze Wirtschoftsstaundort sandlt owe, waun da Vakehr steht!
Hacki: Da Sigi woas! Er hod mi zwunga! Er woit de Bruni beeindruckn! Der ghert ins Häfn! Er ist a gaunz a Linka! Er wü zum Islam üwatretn!
Der Vater zieht den Sohn am Genick ins Haus. Na woat, den Terroristen kauf i ma! Und du hüfst ma!
Letzter Aufzug
Das Licht geht an, die Bühne dreht sich. Das Publikum staunt über die lebensechten Kulissen des herrlichen Salzkammerguts. Es erklingt die Melodie des „Wildschütz“. Sigi stapft einher, er trägt eine abgesägte Schrotflinte und einen zünftigen Rucksack. Sein Handy klingelt.
Sigi: Günni! Wos is? I geh auf a Gams. Wos? Nu amoi. Ha? Wieso soid mi da Hacki vapfiffn hobn?! Des is mir doch wurscht, wos sei Oida sogt, der ozwickte Meterpriagl! Jetzt sei ned so a Pussy, i bring eam den Schlissl eh wieda zruck. Wiasd maanst, foahr zur Bruni, mir wurscht. Sie soi dan gebn, waun da leichta is.
Er legt auf und will weitergehen, da teilt sich das Latschenmeer und Hacki tritt vor ihn.
Sigi: Hötaus! Gibt's des?
Hacki: I hob gheat, du gehst auf a Gams.
Sigi: Wer hod da des gsogt? Wos schausdn so?
Hacki: Sitz her. Trinkma an Obstler.
Er hält Sigi den Flachmann hin, der macht eine ablehnende Geste.
Sigi: I mog ned. I soid nimma so vü tringa.
Hacki: Hä? Owa a Bral isst scho? Is vo da Mama, hausgschlocht.
Sigi: I reiß mi ned um a Saufleisch.
Aus dem Gebüsch bricht jetzt mit einem Schrei Vater Albert: Volksverräter!
Hacki reißt die Schrotflinte aus Sigis Rucksack, der versucht zu fliehen.
Vater: Tua's!
Hacki schießt ihn in den Rücken.
Vater: Es muass sei. Gib' her die Krochn, de hauma in d'Klamm. Mir song, es woa a Bandenkrieg. Da Sigi hod si radikalisiert.
Hacki: Schwul woa ra aa.
Vater: Es is bessa so.
Hacki: Jo, Voda.
Vater: Weil ois, wos is, muass endn.
Nachspiel
Ein letztes Mal dreht sich die Bühne, wir sehen Sigi vor der Himmelstür. Er klopft, es wird ihm aufgetan. Gleißendes Licht dringt aus der Pforte, dann erkennt das Publikum Petrus. Er hält ein Holzscheit in der Hand.
Petrus: Bua, i muass redn mid dia.
Sigi: Vater unser!
Petrus legt ihm das Scheit hin, Sigi kniet sich drauf, er schluchzt ein wenig. Da tritt eine Lichtgestalt neben Petrus hin. Das Publikum schreit auf, als die ersten erkennen, dass es Bundeskanzler Sebastian ist, der die Star-Rolle des Messias übernommen hat. Er breitet die Arme segnend aus. Stelzer und Haimbuchner stehen auf, das Volk folgt.
Da verfinstert sich der Himmel. Ein gewaltiger Hintern breitet sich über die Tips-Arena und bedeckt das ganze gottlose Treiben mit einem großen, großen Haufen Gotteskot.
Ein Hoch auf die Macht der Literatur!















