Montag, Dezember 01, 2025

Wieder nicht enttäuscht. Trippen nach herrlicher Gewalt, die gute Sterbstunde und schüchterne Nudisten.

Lebenskrimskrams im November 2025

1.11. Angerkogel

Das neue Kreisky-Album bei der Pyhrnpassüberquerung gehört und wieder nicht enttäuscht. Das letzte Licht über der Hinteregger Alm gesehen und wieder nicht enttäuscht. Der vielleicht letzte und überraschend tiefe Mittagsschlaf kurz vor dem Nazogl wieder nicht enttäuscht, auch wenn diese Aktion jetzt eher schon ein wenig in Survival-Training übergeht. Wenn der Südföhn nicht bliese, wär's T-Shirt-Wetter. Angenehm, aber leicht beunruhigend.

Es sind fast nur Paare unterwegs, und immer geht der Mann voran. Ganz, wie ihr es wollt, liebe Damen.

2.11.

In der Oxytocinruhe den Nachbarn beim Streiten zugehört. Ganz, wie ihr es wollt, ihr Leute da oben.

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Kurz Arbeit. Mail an Prosser, welches Thema er sich denn wünsche. Er schreibt zurück, „Bin in den Bergen, ich überleg' mir was bis morgen!“ Ich antworte: „Gekauft!“

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Schrittbilanz gestern: ca. 26.3454. Heute: 13 <3

3.11.

Die ganzen Kästen voller Gewand, das mir nicht mehr passt, weil es nie gepasst hat, das mich zu einer anderen Person hätte machen sollen, das ich zu oft oder nie angezogen habe, das mir andere geschenkt haben und das ich zu teuer gekauft habe, oder zu billig. Aber alles kann ich jeweils nur schwer hergeben.

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Kitschigen Schluss für den Roman geschrieben, den komischen habe ich gestrichen und bin recht zufrieden damit. 


5.11.

Der Dermatologe sagt mir für 111 €, dass ich eine gute Haut bin.

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Bei der Fahrt nach Linz die angenehme Ahnung, dass meine vermeintliche Ambitionslosigkeit, der fehlende Biss bei der „Karriere“ (Uni, Stifterhaus, OÖN) kein Versagen, sondern die unbewusste Entscheidung für mich selbst gewesen sein könnte. Im Nachhinein gibt es sehr viel weniger zu bereuen, als mir mein dummes, sorgenfixiertes gegenwärtiges Ich andauernd vermittelt. 

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Innige Minuten mit dem eingeschmuggelten Hund auf der winzigen Couch im Landesbüro.

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Ein Vollmond, so wertvoll wie eine kleine Sonne.

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Stifterhaus. Das Vorlesen von „Mit 50“ rührt mich selbst, überraschend. Es ist doch mehr Liebe eingeflossen als gedacht.

Die 16-jährige Oana-Sofia macht mir wertvolle Komplimente (ein junger Mensch!!!), sie kenne das Szenario von Familienfeiern.

Buttinger plaudert mit Wall, ich begrüße sie mit „Na, ihr zwei Linken?“, als wären sie eine rare Spezies (sie sind eine rare Spezies).

Gregor Hofer rät mir, alle meine Emails auszudrucken, für den Vorlass. Da wird sich die Nachwelt freuen über all die Admin-Scheiße. Es habe, erzählt er auch, im Jahr 1976 einen „Riesenskandal“ gegeben, weil Reinhard Aumaier den Titel seines „Scheißgedichts“ nicht ändern wollte, zu Gertrud Fusseneggers Empörung. Sehr schön!

5.11.

Im Traum halte ich einen edlen Bildband in Händen, der Mieze Medusa zum 50. Geburtstag zugedacht wurde. „Das ist ja wohl nicht zu übertreffen!“, sage ich, und die Gewürdigte sieht mich über das Coffeetable-Ding resigniert an.

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Meine halbharte Warnung vor der KI lief gestern auf LT1, aber niemand hat's gesehen, ich auch nicht. Beim Nachsehen die Feststellung, dass früher die Kameras 10 Kilo draufgeschummelt haben, heute zaubern sie dir jedes Farbpigment aus dem Haar.

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Hundert Meter über mir hätte heute immerhin acht Stunden lang die Sonne geschienen. Egal. Dafür dann:

6.11. Bärenriedlau

Zum ersten Mal am tageswärmsten Ort des Landes. Das mit dem Nebel ist natürlich nicht egal, weiß ich in der Sonne. Fürs Wandern müsste es kein Grad wärmer sein. Heute bin ich mit meiner Lebensführung wieder sehr versöhnt. Beim Abstieg ein absurd schönes Licht in den glühenden Lärchen. 

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Kleine Hitzeaufwallungen, die angesichts meines sklerotischen Heizsystems im Haus eh willkommen sein werden, aber bedenklich stimmen in Zeiten der Klimaerwärmung – und des Verrinnens der eigenen Existenz. Es wird so sein, dass ich mich diffus auf Wechsel und Pension freue, gleichzeitig aber genau weiß, dass es nicht so klasse wird, weil man ja jetzt schon ein wenig alt ist und dann nur noch die finale Phase kommt. Naja, „egal“.

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Schallplattenanhören als „Erledigung“ - ein Symptom der Dingneurose. Ich soll die Sachen meiner Eltern weggeben und schaffe es nicht einmal bei meinem Glumpert (und umgekehrt). Zwar kann ich vier Südtirol-Bücher weggeben, nicht aber Dieter Deckers scherzhafte Tombola-Gabe „Lolita – liebe Kinder, ich sing' euch was!“ Ächz.

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Ein Erbe des Vaters ist es, nachts das Buch nicht rechtzeitig wegzulegen und mitten in der Nacht damit aufzuwachen.

7.11.

Das letzte Blatt am Nussbaum winkt mir im Nebel zu.

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Völlig variable Größe der Sorgen je nach Tageszeit.

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Kleine Freuden: Scarpa hat meine zertretenen Wanderschuhe verschmissen, also kriege ich um den Preis des Neubesohlens gleich neue – so wenig braucht's, um mich an so einem meteorologisch minderwertigen Tag zu erfreuen. Sonne wäre mir lieber gewesen.

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Marlies Auer fragt mich, ob ich das 40er-Fest der Kupf moderieren wolle. „Aber nur, wenn der LH aus der Torte hüpft.“

8.11. 

Ein Typ schreit vom grauen Himmel herab aus dem obersten Stockwerk des Marriott Hotels. „He! Du! Ja, du bist der Auserwählte! Tobias!“ „Ich heiße aber nicht Tobias.“ Hinter mir lacht ein Tobias, der auf leisen Sohlen gegangen ist.

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Mit den richtigen Menschen gerate ich jetzt immer gleich in deep talk, was ja gar kein Fehler ist. Immer sofort auch Gespräche über Menopause. „Ich will keine Hormone nehmen, ich will da durch und ein Mann werden, dem andere wurscht sind!“

Beim Heimfahren im Zug dann das Gegenteil zur tiefen Sinnsuche (von uns Endvierzigerinnen, aber auch der beiden allzu losten, woken 25-Jährigen beim Herfahren). Rund um mich Teenies, die alle 15 Sekunden ruckartig IRGENDWAS auf Tiktok schauen, es ist alles reine, doofe Oberfläche. Alle drei Minuten rufen sie einen Freund an, dem sie dann immer denselben Satz sagen, als sei er grenzdebil, oder ein minderbegabter Hund, „geh Parkdeck, Deniz, geh Parkdeck!“ Sie können aber nicht herausfinden, ob das der Zug nach Wels ist und müssen mich fragen. Es fühlt sich übertrieben distinguiert an, neben ihnen die ZEIT zu lesen. Irgendwie haben sie ja recht, die Jungen, es steht nur Deprimierendes drin.

Zuhause beim Buttinger penne ich dann bei „Bladerunner 2049“ ein, den kann ich also beim nächsten Mal gleich wieder anschauen.

Ich brauche unbedingt einen Filter, der sofort sämtliche Bücher und Filme ausblendet, in denen Hunde zu Schaden kommen (was sie immer tun, eigentlich). Als ich das ins Facebook schreibe, schenken mir Jana Volkmann und Katharina Seidl den Hinweis auf „doesthedogdie-com“. Merci, merci!

9.11. 

Wie gut ist Ringsgwandls „Hühnerarsch, gib' acht!“, ein herrliches Klangstück!

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Wäre ich ein redseliger, einsamer, lästiger Mensch, ich ginge auf all die Gutmenschenmessen und kaute den armen, wehrlosen Aussteller*innen ein Ohr ab. Als ich das denke, sehe ich B. bei exakt dieser Tätigkeit. Wahrscheinlich erzählt sie den Upcyclern, das sie das damals in Berlin auch schon gemacht haben etc.

 

10.11.

Die Krähen ernten den Nussbaum ab, als hätte ich sie damit beauftragt. 

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Folgende Namen haben Coala und ich einander an diesem Wochenende gefunden: Folko Balfanz, Borbala Foris und Bastian Krautwald. Man stelle sich vor, die drei unternähmen etwas miteinander! 

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Keine Deadlines, keine Arbeitstermine diese Woche, ich bin gespannt, was ich erfinde, um das Notwendige nicht zusammenzubringen. Die Mikrowelle ist schon einmal abgestaubt. Und jetzt kommt auch noch die Sonne heraus – ein mittlerweile sehr rares Naturschauspiel. Aber auch dafür, mich einfach mit einem Buch dem Phänomen auszusetzen, bin ich zu fahrig. 

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Smalltalk mit Menschen, während sich unsere Hunde an der Leine anhassen.

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Sturm kommt auf“ kann ich wirklich nur an einem Tag wie heute schauen, mit unbehelligter Arbeit, Buttinger und Sonne, dann Kachelofen. Der Film radikalisiert mich extrem gegen Faschismus, ich möchte persönlich einem Neonazi die Nase brechen. Tod den Schmerzbefreiten! [Hader wird am 25. März erzählen, dass grad der Schauspieler, der den Obernazi gespielt habe, der Allernetteste gewesen sei.] Der Hund überlebt.

11.11.

Im Traum wird mir mit gewaltigem Aufwand gezeigt, was für eine aufregend tolle Schule Wilhering jetzt geworden sei, mit Stadionrockklassen in der Stiftskirche und dergleichen.

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Heute Ausmisten in der gerade richtigen Dosis: das alte Telefonkastl. Beim Blättern in des Vaters Kalendern der Jahre 2015, 2018 und 2019 hätte ich nur beim Schauen fast ein Burnout erlitten vor lauter Tarock, Konzerten unter Platanen und PGR-Sitzungen. In zwei Jahren kann ich dann alles restlos dem Altpapier übergeben, dann gibt es in ganz Wilhering keinen Festnetzanschluss mehr.

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Den Buttinger mit Dosenananas „verwöhnt“, die nicht einmal mir noch geschmeckt haben. „Gaunz frisch san de owa nimma“, sagt er, „Iwo“ ich. Heimlich linse ich aufs MHD: 2020. Aber niemand hat gespieben. (Ich sollte das eigentlich nicht veröffentlichen)

12.11.

Seltsamer Traum von einem großen Bierzelt irgendwo im Toten Gebirge, in dem man wie auf einem Campingplatz in kleinen Stallboxen sein Zelt aufstellen kann. Die Farce eines Basecamps.

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Der Digital-Uni-„Transform Fut“-Bildausschnitt in den OÖN unterhält uns peinlich gut. Soll man dem Weibold Absicht zutrauen?

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Die Spezies der Kurzkopfgleitbeutler klingt wie eine Satire auf den blödesten Bundeskanzler, den wir jemals hatten. 

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Die X-Blatt-Präsentation ist ein bisschen eine geschlossene Veranstaltung, was aber nicht schlimm ist. Dem Einzinger würde ich wirklich einmal gerne beim Denken und Schreiben zusehen, wie einem gläsernen Ideenwurlitzer. Erich Wimmer schenkt mir – als erahnte er die Meindl-Love-Language des Pebblings – einfach so ein Überraschungsei. 

13.11. Hochsengs

Ich nenne es jetzt nicht mehr Wandern, sondern „Zeitausgleich“. Es entschädigt mich nicht nur für die Arbeit an Wochenende und Abend, sondern für das Vegetieren in der Nebelsuppe. Bis Klaus war's noch ekelhaft, dann gaben sich lüpfende Wolken Anlass zur Hoffnung, bei der Teufelskirche schon beträchtliche Vorfreude. Dani ist am wolkenlosen Bodensee, ich sitze bei 19° in der Sonne. „Eure Himmel sehen komisch aus“, schreibt Cordi aus dem grauen Wien.

Der Vulvenbaum auf der Fotzenalm. <3

Der Jäger, den ich auf der neuen Lackerbodenhütte beim Abstieg treffe, sagt, er sei schon seit sechs Jahren Nationalparkförster und kenne auch noch nicht alle Wege hier. 

14.11.

Fast alles Vorgenommene geschafft, einschließlich der Dirty-Dancing-Choreographie-Übersetzung für Tanzblinde wie mich („Birgit wild drehen“). Weil ich trotzdem den Eindruck habe, unter meinen Möglichkeiten geblieben zu sein, weiß ich nun fix, dass ich diesbezüglich nicht ernst zu nehmen bin. 

Unruhiges Herumwetzen – Heizung kontrollieren, Brunnen, Kellerfußboden, irgendwas. Im Grunde besteht mein waches Leben nur noch daraus, Wasser von A nach B bringen zu wollen (überall ist zu viel oder zu wenig davon). Alleine der Selbst- und Pflanzenhydrierungsstress! (Auch hier scheine ich nicht ernst zu nehmen sein.)

15.11. Neunkirchen

K. posiert auf der BuchWien neben meinem Buch, im Hintergrund sieht man Stermann mit dem Verleger schnattern. Ich bitte K., die Lektorin lieb zu grüßen, mit der Nachricht „280.000 Z“. „Ist das eh kein Code für Kriminelles?“, antwortet sie, und gleich darauf übermittelt sie mir die Botschaft, dass die Zeichenanzahl für den Roman eh schon reichte, wenn es nach ihr ginge.

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E. ist so etwas wie mein Pendant im Westen, sie erkennt mich nicht nur nach 20 Jahren sofort wieder, sondern ist gleich so lieb zu mir, dass ich davon ausgehen darf, dass B. von mir genauso liebevoll spricht wie sie mir von E. erzählt. Ihre Zuneigung bestrahlt und bindet uns seit Jahrzehnten.

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Süß, dass B. beim gemeinsamen „Üben“ der Mitternachtseinlage Sachen sagt wie „Kannst du da mit dem linken Fuß beginnen?“, wenn sie erstens selbst den rechten meint, wenn sie zweitens vergisst, dass ich schon nüchtern links und rechts kaum unterscheiden kann, wenn sie drittens glaubt, dass ich ein Hirn besitze, dass in irgendeiner Weise Tanzchoreographien abrufen kann. Es wird dann auch so kommen, dass wir um Mitternacht betrunken vor einem betrunkenen Publikum irgendwas um die signature moves herum zaubern und einander dabei verknallt anschauen. Die Übung kann gar nicht misslingen, wegen all der hermeneutischen Benevolenz um uns herum – alle wollen, dass es gut ist.

Auf dem Damenklo hängen die Buben aus dem „Girl“, mit Festnetztelefonnummer, Adresse und Bildtext: „Eigentlich bin ich keiner, der Mädchen einfach abschleppt. Ich bin schüchtern!“, sagt ein nackter Thomas aus Baden bei Wien im Jahr 1993.

16.11.

Aufgewacht mit dem zu erwartenden Kater. Die Knie zerschunden vom Luftgitarrespielen, der Rücken von der Hexe getroffen beim Springen zu „Jump around“, die Kehle zerschlissen beim Karaoke („I did it my way“ zum Schluss): Die Ehre Oberösterreichs ist verteidigt. Ich habe alles gegeben. Verrücktestes Detail: Lob für meinen irischen Squaredance. Gerade würde ich aber auf die Frage nach meinem Alter „78“ sagen und nicht das Geburtsjahr meinen. 

17.11.

Bei strömendem Regen mit Hexenschuss in den Brunnen steigen. #besitzbesitzt Wenigstens bleibt der Kellerfußboden jetzt trocken.

18.11.

Mieze klagt an, dass der Literaturpreis der Stadt Linz meine Arbeitsmoral senke und deswegen abgeschafft werden sollte. Sie ahnt nicht, dass ich heute schon ihren Roman für den Falter rezensiert habe.

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Die 692,73 € fürs Auto zahle ich dem Mechaniker am Ende des teuersten Jahres meiner Lebensgeschichte schon fast ganz schmerzbefreit.

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Buttinger schaltet entnervt um auf Universum, weil Österreich gegen Bosnien 0:1 zurückliegt. In der Doku dann auch lauter bange Vorgänge, nur eben im Tierreich. Coala und ich machen Meindl-Yoga, der Hund ist glücklich. Später vertrocknet Coala am Kachelofen. So geht Spätherbst.


19.11.

Wir sind peinlich früh bei der Preisverleihung, aber ich bin ja auch ein altes Talent, und wenn's wirklich wichtig ist, die Tochter meiner Mutter, die stundenlang nervös vor einem Ereignis war.

Ich nutze die Zeit und stelle dem Team der LinzKultur das soeben von Olaf Schulz gehörte Attraktivierungskonzept der Bundeswehr vor (Unterhipster, Oberbastard und Haupthurensohn). Markus Reindl möchte ab jetzt den Dienstgrad „Obermotz“ einnehmen.

Während meiner Lesung fällt mir selbst auf, dass viermal „Scheiße“ vorkommt. Das einzig Gute, dass die Mutter das heute nicht mehr erleben kann (=muss). In der ersten Reihe sitzt Ute Klitsch und hört sich ohne Zeichen innerer Bewegtheit meine Fantasie an, wie Kickl beim Klettern umgebracht wird.

Für die Laudatio war ich gebeten worden, meinen Lebenslauf einzuschicken, plus ein paar Worte zum Kunstwollen, und ich habe mich dabei so bemüht, dass mir weite Teile der Lobrede extrem bekannt vorkommen. Da sie aber der Bürgermeister spricht, freue ich mich, als hätte er sich selbst lange Gedanken über mich gemacht. Dazu werden meine eingeschickten Bilder eingeblendet, ich bin trotz aller Vorhersehbarkeit stark gerührt. Zuerst mit Goldhaube, dann die OLW mit Stelzer und als beklopptes germanisches Göttertrio. Es wird gelacht, Prammer dreht sich zur Leinwand um, „ich gehe davon aus, dass Sie wegen der Bilder lachen und nicht wegen meiner Vortragsweise!“ Beim Schlussbild, dem Selfie von mir mit Fini auf dem vorgelagerten Mitterberg, bekomme ich selbst nasse Augen.

Die Preisträgerin Marion Reisinger hält eine sehr schöne Dankesrede in unserem Namen, darin sagt sie auch, dass die Selbstzweifel am Büffet Pause machen. Ebendort komme ich so spät an, dass der Zander schon geplündert ist, schon kommen die Selbstzweifel über mein Timing, aber der Obermotz überlässt mir den letzten Fisch. Ich komme auch nicht zum Tschechern, weil ich der LinzKultur noch mein Konzept des Big-Lebowski-Cocoonings in Schönering erläutern möchte (die armen Unterhipster!).

Die Meindl- und die Reisinger-Schwestern stehen danach noch lange im Foyer, wenn uns jemand hier etwas zum Tschechern heruntergetragen hätte, stünden wir heute noch da und besprächen Vor- und Nachteile einer mehrfachen Schwesternschaft.

Stattdessen gehen wir auseinander. Damit der Fall in den Alltag nicht zu tief geht, trage ich einen Teil meines Preisgeldes ins Bergwerk und kauf' mir IRGENDWAS. 

Dann jage ich den Hund zur Donau, esse irgendwelche Reste, prahle in den sozialen Medien mit meinem Tag, höre Äffchen & Craigs, freue mich lange und gehe früh schlafen.

Versuch über den geglückten Tag.

20.11.

Der erste Schnee im Jahr würde mich mehr freuen, hätten die Winterreifen schon ihren Weg ans Auto gefunden. Man muss den Kindern das noch viel stärker verdeutlichen, dass sie sich an ihren Pipifaxsorgen erfreuen und sich nichts scheißen sollen, bis sie den ganzen Alltagsbums selbst managen müssen.

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Je näher das Lesebühnenthema am echten Leben und den echten Leidenschaften („Bis morgen überleg' ich mir was“), desto zäher die Ideenfindung.

Und dann wird eh wieder alles in einer Viertelstunde heruntergeklopft.

21.11.

Feministische Perspektiven“ im Central. Barbara Hinterleitner macht sich bei mir gleich beliebt, weil sie sich beim Hund gleich beliebt macht mit stinkenden Sprotten. 

Nach der ganzen Hermoderation ist Buttinger merkwürdig ungeduldig am Telefon, dabei könnte er ja in Ruhe mit Johnnys Festgemeinde schnattern, aber nein, ich solle weitertun. Während der Fahrt bin ich leicht genervt, aber als ich – der Bequemlichkeit halber noch im Frack – den Schl8hof betrete, rufen alle zugleich „Frau Präsidentin!“ und der Babler schaut auf. Er hat zu Recht einmal nur Augen für den Hund. Später, endlich mit einem Bier in der Hand: „I bin die Meindl.“ „Des waaß i eh.“ Er muss sich sichtlich zusammennehmen, Fini nicht zu küssen.

Draußen sitzt sein Fahrer im riesigen Dienstaudi, seit vielen Stunden. Ein neuer Eintrag in der langen Liste der Jobs, die ich nicht machen möchte.

22.11.

Der Architektenfreund übergibt mir seine vollständige Pollack-Sammlung, wie ein geliebtes Haustier, um das er sich nicht mehr gut genug kümmern kann. In den Regalen stehen nur noch Bücher, die er noch nicht gelesen hat, den Rest hat er in gute Hände vermittelt oder um gar nicht schlechtes Geld auf Bookbot verklopft. „Do kriagt ma doch a Göd, voa oim, wenn Büda drin san.“ Während ich einen starken Schnupfen entwickle, den ich ihm hoffentlich nicht zum Dank dalasse, erzählt er, dass er einmal in der Altstadt fast vom Alt-LH Ratzenböck totgefahren worden sei.

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Die Lesebühne schaffe ich mit dem Reservetank, „La Montanara“ hört sich mit Schnupfen an, als ob ich weinte, was ja auch passt. Danach verliere ich mit einem Schlag meinen Geschmacksinn, lasse aber nicht nach beim Biertrinken. Unser Stammgast Hopferwimmer, ein Riese mit Patriarchenbart, erklärt nicht ohne Stolz, „i hob nu nie wem a Watschn gem!“ Gemeinsam überlegen wir eine Weile, wem wir unsere Premieren angedeihen lassen würden.

23.11.

Ich genehmige mir selbst Krankenstand und sage soziale Tätigkeiten im Privatbereich ab, aber weil ich ohnehin hier immer weniger trenne, fühlt es sich wie freihaben an. Eine License to Read ohne Fear of Missing out, ohne dass es fad wird.

Das Blödeste ist, dass ich nicht einmal beim Chinesen anderes schmecke als salzig und scharf, immerhin spüre ich die kalte Funktion des Bieres.

24.11.

Meine Arbeitsumgebung zwingt mich zum Micromanaging, sie fordert es richtig ein, ohne dafür zu bezahlen. Eigentlich hätte ich ja Krankenstand. 

25.11.

Gut aufgelegt, weil keine Termine und leichter Schneefall (obwohl ich immer noch keine Winterreifen am Auto habe, aber das ist egal, weil eben keine Termine und das Auto in der Garage). Ein kleines, billiges Glück. Der Geschmackssinn kehrt auch langsam wieder. 

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Im Grunde habe ich keine speziellen Wünsche und Träume mehr, nichts Abgehobenes, nur noch fortwährend Sehnsucht nach meinem eigenen Leben im Sommer – und in Wahrheit nach diesem einen Tag mit Zelt im Toten Gebirge. Dabei weiß ich ja, dass ich mich am realen Zelttag immer schon auf die Rückkehr ins Tal freue. Was immerhin jedes Jahr weniger wird – daran lohnt es sich zu arbeiten, im Sinne einer Ausdehnung meiner Komfortzone: Das Tote Gebirge in mein Wohnzimmer verwandeln (nein, das ist vermessen gedacht, es muss mir wild bleiben).

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Frauen in der katholischen Kirche – das ist schon ein bisschen so wie die Ausländer, die FPÖ wählen.

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Dem Rat des Architektenfreundes folgend schreite ich die Buchzeilen ab. Im Grunde könnte ALLES zu Bookbot. Ich muss das ausblenden beim eigenen Schreiben. „Selbe Stadt“ kriegt man übrigens um 5,63 €. Es ist ein schmaler Grat zwischen Unsentimentalität und Buch-Messieanismus. Immerhin habe ich wohl schon eine Tonne Bücher aus dem Haus getragen.

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Buttinger findet auf etsy den Bausatz des havarierten Tschernobyl inkl. Raucheffekt, um 96,50 €. Dieses System muss untergehen.

26.11.

Heute beende ich meinen kleinen Privatlockdown und fahre nach Wels, damit ich nicht komisch werde. Überhaupt – was ich nicht alles aus Furcht mache, komisch zu werden.

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Ich kann mich an der Stille im Haus nicht satthören. Ein wenig Angst ab und zu, dass mit einem lauten Knall, Krach oder Spotzen etwas kaputt geht, dessen Reparatur ich mir nicht leisten kann.

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Je mehr ich über Nepal lese, desto mehr möchte ich wieder hin. Es wird Zeit, dass ich mit dem Manuskript fertig werde.

27.11.

Wieder Übersprungs-Smalltalk mit dem Frauenarzt. Er lernt nicht mein bestes Ich kennen. 

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Mir ist eine neue Variante des Rassismus eingefallen, die viel besser an die Realität angepasst ist, denn das mit den Hautfarben ist ja wirklich bekloppt, die kann ja niemand ändern (außer Michael Jackson). Weniger oberflächlich wäre die Diskriminierung von Haltungen, die man nicht einzunehmen gezwungen ist. Ich will z.B. „Signas“ abwerten, Audifahrer, Ramstein-Fans, Rehkitzzermäher, Genderkritiker, Bodypainter, Rasenrobotermäherigelmörder, Teslafahrer und ganz besonders Tesla-Cybertruckfahrer. Für sie alle kann man ein fein abgestuftes Apartheid-System erfinden, wie es sich für echten Rassismus gehört. Auf der untersten Rassismusstufe stehen natürlich Rassisten. Und Menscheneinstufer. Ich könnte daraus eine Beschreibung der 37 Kreise meiner privaten Höllenvision anfertigen.

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Berni Wagner im Schl8hof. Vor Beginn suche ich ihn noch heim. Wenn wir ihn nerven, lässt sich der Gute nichts anmerken. Er sagt, er hätte auch schon gern graues Haar, weil ihm das Jungsein nicht liege. Ich sage, dass ich schon so lange keine Großeltern mehr habe, dass ich mit mir selbst liebevolles Mitleid bekomme, wenn ich im Spiegel sehe, wie grau ich schon geworden bin.

Monster“ habe ich im März schon gesehen, doch es ist eine der Freuden des Alters, dass ich wieder sehr viel zu lachen habe, weil ich in der Zwischenzeit fast alles vergessen habe. „Ob mei Hirn aa üba mi so vü nochdenkt wia i üba mei Hirn?“

28.11.

Der Raureif macht auch Wels hübsch. Dann muss ich zur Mammographie, an die ich versucht hatte, nicht zu denken. Als die Sonne herauskommt und ich direkt vor der Tür einen Parkplatz finde (Spießerfreude), weiß ich schon, dass nichts droht. Ich kehre binnen Minuten mit unauffälligen Brüsten zurück. Coala: „Good adulting!“

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In der Kletterhalle brennen binnen Minuten die Pfoten. Ich habe zwar stark nachgelassen, aber Nazis sollten mir immer noch nicht in die Finger geraten.

Dann moderiere ich mich ein letztes Mal in diesem Jahr um Kopf und Kragen. Der Frauenministerin will ich einreden, bitte auch noch Bürgermeisterin von Wels zu werden, das sei auch schon wurscht. Und ich bespreche den Formenreichtum der Gewalt gegen Frauen als die einzige Artenvielfalt, die dem Klimawandel zum Opfer fallen dürfe.

Die lustige C. K. schenkt den Beteiligten kleine, selbstgemalte Bilder, mir drückt sie es in die Hand und sagt, „D'Foab gheat außen, goi!“

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Dann fahre ich mit dem seelischen Reservetank nach Wels, wo das „Schlimmste“ des Tages passiert, als der Buttinger mir udaungs ein alkoholfreies Bier bringt, mit dem ich ihn gleich wieder wegschicke.

29.11. 

Im Traum streicht mir Robert Palfrader den Keller, das mache er als zweites Standbein, er verlangt dafür von mir nichts anderes als Südtiroler Kaspressknödel und einen Ride zum Bahnhof. Leider ist aber mein Auto total voll und dreckig, ich geniere mich.

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Wien. Die Bahnfahrt wird K. und mir zu kurz, obwohl sie dank einer Bombendrohung (der allerblödeste Trend gerade!) eh verlängert wird. Wir mäandern zwischen small und deep talk.

Die Stadt ist an diesem ersten Adventwochenende übervölkert wie Bangladesh. Wir laufen eine Weile mit dem Strom, bis uns die soziale Energie ausgeht (mir zuerst). Dann essen wir ein letztes Mal im MaschuMaschu – hier habe ich ein Leben mit Falafel gelernt.

Am schönsten der arme, gewaltige Bernhardiner im Weihnachtspullover, mit dem ich ein wenig schmuse. Artgerecht ist das nicht, der Halter hantiert mit seinem Akkordeon, als spielte er im Pataphysischen Orchester.

Weil ich dann noch schnell meine Buchprämienjuryvorbewertung korrigieren muss (alles eine sehr aufwändige Sache), kippt die Stimmung leicht, aber nur so lange, bis mir Coala ein 16er-Blech auf den Schreibtisch stellt, „daun geht’s schnölla“. Siehe Leistungsboykott.

Dann vertrockne ich auf der Couch wie in meiner imaginierten guten Sterbstunde – zum Plaudern der beiden anderen, ohne Zähneputzen, in dicke bunte Decken gehüllt.

30.11. Wien

Nach der Massage im Kang Mei trippe ich ein wenig – welche Meridiane wurden mir da mit herrlicher Gewalt wieder freigelegt? Welche Dämonen wurden aus meinen hölzernen Faszien exorziert? 

Dann geht der Tag gut gelaunt weiter, eins fügt sich ins andere, sodass Coala einmal zu K. den Satz des Wochenendes (nein, des Lebens) spricht: „Aber lass' dich von uns nicht ins gute Leben einetheatern!“

Schwere Erschöpfung in Gelb auf Coalas Couch.

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