Donnerstag, Juni 01, 2023

Schnitzelzwang, Daydrinking und Pudelbabys

Lebenskrimskrams im Mai 2023

1.5.

Kindheitsflashback: Am Feiertagvormittag mit der Fähre ins Mühlviertel. Wir rasen auf dem Hochwasser dahin, was zur immer stärker werdenden Wahrnehmung der Lebensverraschung passt. Dem Hund das Fährenfahren zeigen wie einem Kind. Der Fährmann bringt den winzigen Ticketstreifen zurück, den ich übereifrig für das Tierkind gelöst habe.

Der Onkel geht über Stunden immer wieder in den Garten, um nachzuschauen, ob der Maibaum drüben in Gramastetten schon steht. So kann man wohl eine Staustufe im Verrinnen der Zeit einbauen.

Der Hund wutzelt mit Absicht und Ausdauer eine stummelbeinige Mini-Ausgabe ihrer selbst die Ottensheimer Dammböschung herunter. An der ordentlich verbreiterten Mündung des Bleicherbaches sitzen vier junge Männer mit Dosenbier und spielen Schach, sie grüßen mich höflichst, als sei ich einmal ihre Volksschuldirektorin gewesen. 

Wenn man selbst keine Kinder hat, ist es vielleicht etwas einfacher, sich einzureden, dass man eh noch nicht so alt sei, ein wenig so wie man glaubt, die Umwelt zu retten, wenn man sich noch nie ein eigenes oder ein neues Auto gekauft hat.

2.5.

Stimmungsabfall aufgrund von Erwerbsarbeit (ohne Erwerb) + Regen. #banal

***

Wegen massiver Verplauschung begehe ich den Tatbestand der Parkzeitüberschreitung. In meiner Hilflosigkeit entfährt mir der existenziell depperte Klagsruf an die Parkraumbewirtschafterin „I bin eh do!“ „I hob's scho eigem!“ sagt sie fast so klagend wie ich. „Fini, fass die Frau!“ sage ich, der Hund schmiegt sich herzlich an deren Unterschenkel. Ich gebe sinnlose Heullaute von mir, die Frau sagt „mei“, ich heule, sie sagt "mei!", so geht es weiter, bis sie sagt, es tue ihr leid, „grad bei wem so Liabn!“ Ich sage irgendwas Einsichtiges, schließlich verabschiedet sie sich mit „Gsund bleibn!“ 

4.5.

Entspannungsmusik wirkt bei mir paradox.

5.5.

Den Decker an seiner Arbeitsstelle abgeholt, die er sich hauptsächlich wegen eines Wortwitzes im Slogan ausgesucht habe, wie er behauptet. Er arbeitet wirklich mit Schweißgeräten, nun ist es kein Mythos mehr.

Auf den Straßen von Wien werden wir trotz LL-Kennzeichens kein einziges Mal angehupt oder geschnitten. Das ist nicht mehr mein Wien. Decker steigt in Ottakring aus dem Auto und ist sofort entfacht, mit dem Fotoapparat verwandelt er einen Stapel Sommerreifen und einen Turm Bettzeug in poetische Frühlingsillustrationen.

GAV-Vollversammlung. In der Kulturtankstelle geht es um einen „antihegemonial erweiterten Literaturbegriff“, „Präsenztauglichkeit“, dicke Gegenwartsromane und die Verrücktheit, unsere Branche auszuüben (Ilse Kilic, meine Präsidentin <3). „was man nicht sagen kann, muss man sich selber holen“ steht auf einer Karte von Herbert J. Wimmer („wittgenstein im haushalt“). Piringer über soziale Medien und ihren Stromhunger: TikTok hat einen norwegischen Rüstungskonzern beim Bieten um eine Stromzuteilung ausgestochen. Es fällt der gute, leider sehr treffende Begriff „Rezensionsrezession“. Martin Fritz hört zu, dabei kritzelt er sehr hübsche Pläne mittelalterlicher Städte auf seine Unterlagen. Ich kritzle diese Notizen hier; wie erwartet kann ich sie später kaum noch entziffern (irgendwas mit „Bei Gelegenheit KI mit der schlechten Unendlichkeit von Hegel assoziieren“).

Martin Wimmer referiert: „Bummeln, träumen, leben, lieben“ – und sein kulturpolitisches Programm: Jeder Mensch soll in der Lage sein, ein Buch zu verfassen. In der schiachen Realität wäre man schon froh, wenn jeder eins lesen könnte. Im schönen Teil der Realität gibt es die GAV. 

***

Eine junge Frau flaniert durch den 7. Bezirk und erkennt sich selbst auf einem Porträt in einer kleinen Galerie – diese Geschichte glaube ich mir selbst fast nicht, obwohl ich dabei war; ich hatte es für übertrieben gehalten, dass Markus Lehner gar nicht mehr weiß, wessen Gesichter er da aus Filmen und Serien herauslöse. Ich kenne nicht einmal die Sendung, mit der die Frau bekannt geworden ist („Dark“), aber ich würde wohl nicht einmal mein eigenes Gesicht auf einem Bild wiedererkennen. 

Foto: Decker oder Minniberger? 

Eine sehr schöne Vernissage. Die Bescheidenheit der beiden Herren Lehner und Decker steht in sehr sympathischem Kontrast zum Ego einiger VernissagenbesucherInnen. Eine Frau erzählt mir, sie habe den Kurzhaarschnitt erfunden, vom Gatten einen Keller für eine Galerie geschenkt bekommen und dort schon so manchen jungen Literaten bei Lesungen vor bis zu 20 handverlesenen Gästen groß herausgebracht. Ein Typ, der nackte Damen mit Bodypainting fotografiert, gibt dem Decker „wertvolle Tipps“ für den Erfolg am Kunstmarkt. Andererseits ist auch ein wirklich sehr lieber ehemaliger Palliativsachbuchautor anwesend. Er habe einige Jahre lang als „Senior Content Manager“ eines internationalen Konzerns extrem gut verdient, aber doch wieder gekündigt, weil er sein Hochstapler-Syndrom nicht in den Griff gekriegt habe. So, wie mir der Decker am nächsten Tag erzählen wird, dass er täglich mit der Sorge zur Arbeit fahre, ob er das Aufgetragene eh hinkriege. Wir müssen wirklich bald so etwas wie den „Empower-Hof“ gründen, in dem wir den unnötig von Selbstzweifeln blockierten guten Menschen gut zureden (also wir einander). 

Mitteilung in der Wiener Parkraumbewirtschaftungszone

6.5.

Coala erzählt mir von einer Deutschen, deren Nachbarn über Jahrzehnte zweimal jährlich den Maschendrahtzaun mit Seife und Bürsten gewaschen hatten (und einmal im Jahr das Dach). Als sie zu alt für diesen Unsinn wurden, überkam sie große Unruhe, bis ihnen der Sohn den Zaun kurzerhand entfernte, da er glaubhaft vermittelte, nicht mehr unachtsam aus dem Garten auf die Straße zu rennen.

7.5.

Der Garten explodiert. <3

8.5.

Die Pool-Wärmepumpe erweist sich als Willhaben-Hüter – aber nicht wegen der Vernunft der Leute, sondern weil ich den sinnlosen Stromfresser noch nicht billig genug verramsche für die gierige Konsumbrut.

9.5.

Top-Tag: Auto gesaugt + 50 Jahre GAV im Stifterhaus halbwegs hingekriegt. Am schönsten vielleicht, dass Anna Weidenholzer sich über meine frisch gemachten Pudelbabyfotos mehr freut als über ihr Honorar (war auch nicht hoch).

Alle sollt ihr euch freuen, gratis

10.5.

Peinliche, aber beträchtliche Freude über die elektrische Fensterputz-Ente in gelber Enterprise-Form: mein Drecksproblem ist gelöst! Jetzt brauche ich nur noch eine Admin-KI („Wie hoch ist das Honorar?“) und einen Außentermin-Feminoiden.

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In der Kletterhalle spiegelt sich mein ganzes Leben. Kraft der Routine nudle ich das Meiste ganz ok herunter, aber stellt mich bitte nicht in einen Überhang.

11.5.

Ein älterer Kollege mailt gesammelte Klagen (Frauenüberhang auf den Bühnen, von den Institutsleiterinnen wurde er nicht ordentlich gegrüßt, er sei auf weniger Fotos zu sehen als andere). Boomer und die Generation Y + Z sind offensichtlich Konkurrenten auf dem Aufmerksamkeitsmarkt.

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Das Tosen des Wassers, das über die Schleusenwand donnert. Die Welt könnte ertrinken, der Hund würde immer noch Stöckchen aus der Donau holen wollen. 

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Kaktus-Award im Schloss. Großer Zuspruch für das Matriarchat von den anwesenden Damen, bei den Herren muss immer noch Vermittlungsarbeit geleistet werden („Wäre es nicht schön, mehr Freizeit zu haben?“). Ein Immobiliensachverständiger sagt nach der Preisverleihung, seine Frau sei stur, ich sage, sie hat einfach recht, er solle seinen Widerstand zu seinen eigenen Gunsten aufgeben, dann werde alles gut. Unnötig hinzuzufügen, dass mein Ego sich aus Frack und Junghopfenpilsrausch speist. 

Insgesamt ein prächtiges Ereignis, etwa weil Haderer sen. gleich seine Kooperationspartner mit einem ordentlichen Anwaltswitz begrüßt: „Olle Aunwälte san Oarschlecha!“ „Tschuldigen, das ist eine totale Verallgemeinerung, außerdem ist das eine Beleidigung für die Oaschlecha.“ Bei der Preisverleihung werde ich zum glühenden Til-Mette-Fan. Später lege ich dem sehr freundlichen Hauptpreisträger meine rassetheoretischen Überlegungen ("genetisches Medley") dar, während er versucht, aufgrund der Junghopfenpilse nicht im Stehen zu stolpern.

12.5.

Dani bringt Süßkram aus dem Ostblock-Markt, der in Öd dem Billa nachgefolgt ist. Das usbekische Karakum-Stollwerk ist ok, rechtfertigt seinen Import über die Seidenstraße aber kaum. Das kalmückische Wafferl überzeugt mehr durch Exotik als durch Geschmack. Sobald die Menschen aus dem Osten z.B. ein Mignon-Wafferl zu kosten bekommen, kollabiert die russische Schokoindustrie und sie können nur noch Gas am Markt positionieren.

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Lesebühne im Ottensheimer Bauhof. Das Publikum kommt eher vom Jazz, also viel zu spät, weil sonst nie was vor Mitternacht anfängt. Deswegen bin ich von Beginn an nicht mehr nüchtern im engeren Sinn, aber auch das scheint zum subkulturellen Zugang zu passen. Das Prinzip „Tombola des Grauens“ wurde von den Einheimischen insofern missverstanden, als recht viel Brauchbares gespendet wurde (Wachsmalmäuse, Storm-Novellen, Saatgut, geschnitzte Fische), sodass ich wegen Unterschlagung fast mehr mit nach Hause genommen habe, als ich hergeschafft hatte. Bester Witz des Abends: Renés „Polka-Geister“. Noch mehr zum guten Ereignis für Lese-Junkies und Wort-Messies hier im Lesebühnenblog.

13.5.

Heute war nichts los <3

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Selbst wenn Böhmermann & Schulz den Songcontest moderieren, zündet nichts. Jede Ironie prallt am bunten Rausch der Belanglosigkeit an. Von nun an wieder ohne mich. Bzw. glaube ich allmählich, dass Böhmermann doch nicht lustig ist.

14.5.

Die eigene Leistungsfähigkeit tiefer zu stapeln ist der Gruß der in die Jahre gekommenen Boulderin. Übrigens gehe ich seit 2001 bouldern und schreibe seit 2004 Blog – reicht das nicht allmählich für den Status „Pionierin/Urgestein“ oder zumindest eine Landeskulturmedaille in Weißblech?

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Finis empörter Blick, immer wenn ich sie wieder aus der Fressnapfbudel hervorzerre, weg von den bereitwillig fütternden Händen der Kassadamen, denen ich dann ein Vermögen für das Insektenhundemüsli zahle. 

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Margaritenneid. Bei mir wächst nur, was eh schon immer gewachsen ist (Giersch und Löwenzahn).

Symbolbild "Der Neid ist schiach"

16.5.

Die vor drei Tagen verstorbene Sibylle Lewitscharoff hat zwischen 12 und 16 immer wieder LSD probiert. Ihr inniglicher Wunsch fürs jetzt hoffentlich eintretende Paradies war, sich mit Tieren unterhalten zu können.

17.5.

Mein Leben wird mir als ziemlich ok vorkommen, wenn ich mich später wirklich nur noch an das erinnere, was ich fotografiert und aufgeschrieben habe: Eigenzensur im Sinne einer geglückten Schlussbilanz. Alle müssen wir hoffen, dass uns die Demenz am Ende nicht bloß den Schas übrig lässt, wie auf dem Grabbeltisch nach dem Schlussverkauf im Nicht-so-Supermarkt.

Eine schöne Erinnerung wäre etwa, dass Ljuba Arnautovic und ich einmal gleichzeitig das Aufenthaltsstipendium in der Villa Bielka am Grundlsee bekommen haben und erst am Ende der vierzehn Tage eine halbe Stunde miteinander geplaudert haben (ich für meinen Teil habe meine Leutscheu dabei ab Minute 1 bereut). Beim Bericht, dass ich wegen guter Führung dann noch zweimal hindurfte (wahrscheinlich weil ich die Bibliothek sortiert hatte), rede ich mir selbst die Augerl nass. So wie ich zehn Jahre nach diesem Experiment-Literatur-Abend nasse Augerl bekommen möchte, wenn ich an Arnautovic und Peschka denke. Nur noch Leute einzuladen, bei denen ich nicht zwischen Werk und Autorin unterscheiden muss, ist eine meiner besseren Lebensentscheidungen. 

Meine Leutscheu wurde zum einen natürlich durch die Hundehaltung überwunden, zum anderen aber, weil ich mich heute dem Mitmenschen zwischendurch so vollständig entziehen darf.

18.5

Putzen am Feiertag – aber was soll ich tun, die Putzente ist voll der Bringer (und ich werde verbrieft grad schrullig)

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Spektakuläres Scheitern beim Ausmisten, weil ich gleich beim ersten ollen Tierbildband über den Geranienwagerl-Neufundländer in Verzückung gerate:

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In jedem Berg suche ich auf den ersten Blick einen Gipfel des Toten Gebirges. Ich muss dringend wieder wandern, mir träumt schon wieder recht bedrängend.

19.5.

Ausnehmend ereignisarmer Tag, ausuferndes Rasenmähen. Mein Mitleid ufert jetzt allmählich auf Pflanzen aus, nur die wirklich expansiven Beikräuter hasse ich.

20.5.

Hoch im Norden bei einer 80er-Feier. Der Jubilar ist ein dezenter und hervorragender Entertainer. Er begrüßt den Abt als „Emeritus, i sog des, weil's Lateinisch ist, und weil i's woaß.“ Einer sei nicht gekommen, weil er „haudi“ sei, was man als „temporär gebrechlich“ übersetzen kann. Etliche der Anwesenden fragen mich, ob ich noch bei „die Nochrichtn“ oder beim „Laund, bam Kuituabericht“ sei, denn im Mühlviertel steht die Zeit still.

Katholiken fällt es leicht, sich mit 80 glücklich auf der Zielgeraden zu sehen. Der Abt entschuldigt sich, er käme am Nachmittag nicht mit, „weil ma wer gstoam is.“ Das Geburtstagskind erzählt von seinem Großvater, dem gleich drei Ehefrauen gestorben sind. Er habe sich eine Fotomontage anfertigen lassen, die ihn inmitten der drei zeigt, darüber stand: „Die ewig Fromme, die ewig Tüchtige, die ewig Fröhliche“. (Siehe dazu das vorige Posting über die Phänomenologie des rustikalen Totenbildes.)

Es ist sehr, sehr schön im Oberen Mühlviertel, aber die Hügel verstellen die Sicht auf die Berge.

21.5.

Endlich wieder zuhause oben im Toten Gebirge. Es war bis heute keine große Skitourensaison, aber nach dem gemeinsamen Mittagsschläfchen auf der Sigistalhöhe auch menschlich ein schöner Abschluss. 

Die ungläubigen Blicke der leicht Bekleideten unten in der frühsommerlichen Baumschlagerreith, als wir das Skizeug in den Kofferraum schlichten.

23.5.

Fund in der ZEIT: Totenkopfäffchen mögen Menschen nicht besonders und lassen sich nie ganz zähmen. Während der Dreharbeiten zu Pippi Langstrumpf wurden die Darstellerinnen von Herrn Nilsson laufend gebissen, angepinkelt und angeschissen. Viele Menschen gehen mit dieser Attitüde in die Arbeit und sollten eigentlich allein im Wald leben dürfen.

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Die SPÖ sollte in drei gleich große Teile zerfallen wie ein mürber Keks. In der Nacht träumte mir, ich hätte was mit dem Babler, war aber auch erleichtert, dass der nun wohl sehr viel unterwegs sein werde, sodass ich einfach gemütlich mit dem Buttinger zusammenbleiben kann.

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Gestern nach monatelangem Herumgefröstel gleich wieder zu heiß – sowie ich das feststelle, wird mir bewusst, dass ich das in meiner Jugend als sicheres Symptom für „ab jetzt alt“ festgelegt habe.

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Wenn ich ehrlich bin, hätte ich auch ohne Arbeit genug zu tun.

24.5.

Porzellan kommt vom Italienischen „porcella“, also „kleines Schweinchenartiges“. Und das englische „ferret“ stammt vom Lateinischen „fur / furritus“ ab, also der „kleine Dieb“. Eine Gruppe englischer Frettchen wird „business“ genannt. Zwei Krähen als "conspiracy", eine Gruppe als "murder". 

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Der neue junge Mann aus der Gen Z am Anfang seiner Berufslaufbahn heißt „Valentin“ oder „Tassilo“. (Eine Gruppe der jungen Männer heißt „bubble“).

25.5.

Pfingsten ist die Oberösterreichische Verballhornung von „die Fingisten“, vom Lateinischen „fingis“, also „du erfindest“. Heute ist somit der Gedenktag für Literatur und Staatsanwaltschaft.

26.5.

Es gibt das Stück „Ein musikalischer Witz“ von Mozart, in dem er sich über schlechte Komponisten lustig macht. Meinen dummen Ohren fallen nur die derfäulten Waldhörner auf. Bei Gelegenheit auch die „Spatzenmesse“ anhören.

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In der „Standard“-Berichterstattung über die Weigerung der WKO & Gastro, vegane Kochlehren zu erlauben, kommt das Wort „Schnitzelzwang“ vor. Willkommen Österreich.

27.5. KRUMAU

Der Grenzstreifen ist schon ziemlich durchgentrifiziert, jetzt müssen sogar schon die billigen Casinos und Outletcenter renoviert werden. Die Gartenzwerg-Vietnamesen sind in andere Branchen migriert (High End Crystal Meth?) oder verkaufen hölzerne Windmühlen in Gartendeko-Shops. Nur die Roma von Vetrinj hausen nach wie vor in vernachlässigten „Sozial“-Bauten. In der overtouristischen Altstadt werden Chinesen derzeit von Koreanern vertreten (erkennbar an den Wimpeln ihrer Reiseführerinnen). Eine Dame fragt, ob sie Daeny streicheln dürfe, weil sie ihren Hund zuhause in Kalifornien so vermisse. 

Geglückte Stunden beim Daydrinking mit dem guten Krumlov-Bier in einem Hipster-Gartenbüdchen. Bene geht Zahnpasta-Shoppen. Dani erzählt, dass ein automatisches Übersetzungsprogramm unlängst die Genderkategorie „divers“ mit „Taucher“ übersetzt habe.

Die Braunbären im Burggraben werden immer noch nicht artgerecht gehalten, fressen aber immerhin vom veganen Büffet, dazu gibt’s zum Spielen ein Bierfass (Lokalkolorit).

Wir stellen eine gemeinsame Abneigung gegen barocke Gartengestaltung und Poltergruppen fest. Es ist angenehm, dass wir alle schon oft in Krumau gewesen sind, so können wir auf das Sightseeing völlig verzichten und uns aufs Trinken und Lästern konzentrieren: Die Menschen in den Schlauchbooten müssen jetzt Helm und Schwimmweste tragen, oder sie sitzen statisch auf einem Pensionistenfloß, das langsamer als die Moldau dahindümpelt, während ihnen von hinten und vorne von Männern in pseudobäuerlichen Leinenhemden die Landeskunde gemansplaint wird.

Auf der Heimfahrt halten wir beim jüdischen Friedhof nahe Rožmberk. Mittlerweile stehen etliche philanthropische Sponsoren auf dem Schild an der Mauer, aber das Gras steht so hoch wie in den frühen 1990ern. Wir klauben kleine Kiesel aus den riesigen Maulwurfshügeln zwischen den Gräbern und legen sie auf die Grabsteine.

Langsame Heimfahrt über Langzwettl, es wird ein Freiwilliges Feuersportwehrfest gefeiert, alle haben rote Backen von Bier und Sonnenbrand. Weiter nach Wels, es wird das Schl8hof-Voixfest gefeiert, alle haben rote Backen von Bier und Sonnenbrand. 

 

28.5.

Die Eröffnung der Sommersaison im Sengsengebirge artet ziemlich aus, aber der Drang ist stärker als die Vernunft. Ich treffe mindestens sechs falsche Entscheidungen und sieben richtige. Gerade in der anstrengendsten Stunde des Herumkofferns auf der Koppenalm dackelt mir der Hund am ergebensten nach. Wieder neue Wege und verlassene Almen gefunden. Wie es hier vor hundert Jahren ausgesehen haben mag? Der Nationalpark verwandelt den Bergstock außerhalb der markierten Wege in einen Lost Place. Auf dem Weg zum Rohrauer Größtenberg ein Paar, das sich auch verkoffert hat, ich kann nicht einmal mit meiner Karte auf dem Handy behilflich sein, weil der Mann (natürlich der Wegfinder) seine Lesebrille nicht mitgenommen hat. Stunden später Verwünschungen gegen mich selbst, aber ich weiß da schon, dass ich gleich wieder hinauf will, sobald der Muskelkater abgeklungen ist.

29.5.

Enttäuschendste Hunderasse: der Disappointer

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Schlagzeile des Tages: „Mutmaßlicher Spionagewal verlässt Norwegen in Richtung Süden“. Vor vier Jahren war der zahme und neugierige Belugawal vor der Küste Finnmarks gefunden worden; er trug einen Gurt mit Kamerahalterung. Drei Jahre trödelte „Hvaldimir“ nahe Norwegen herum, jetzt schwimmt er davon, aus Einsamkeit oder wegen der Hormone, glauben Meeresbiologen.

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Statt „sick kids“ lese ich „side kicks“. Die Lesebrille wird wohl auch mir bald zuteil werden.

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Eigentlich ein Traum, der es nicht in die Zukunft schaffen muss, aber es war einer der wenigen, in denen mir der Vater erschienen ist. Es war seine Aufgabe, mich mit Barbituraten zu euthanasieren, da ein Tumor schon meine Schädeldecke absorbiert hat. Im Traum ermahne ich mich, bloß nicht hinzugreifen, wäh. Ob das wirklich sein müsse, die Sterbehilfe?, frage ich den Vater traurig, er sagt traurig ja, es gehe sonst sehr schlimm aus, es sei besser, wir brächten das gleich hinter uns. Daraufhin ordne ich Spar- und Notizbücher, lege Dokumente heraus und gerate in Unmut, weil es mich gerade überhaupt nicht sterben freut. Ich lasse meinen Ärger am Vater aus, der sich in meiner Sterbstunde mit irgend einem zufällig getroffenen Bekannten vertratscht.

30.5.

Irgendwo in den USA ist die kaum verweste Leiche einer Nonne exhumiert worden. Unter der schützenden Schimmelschicht schaut sie tatsächlich ganz propper aus (das gönne ich auch Tina Turner). Fassungslos Gläubige pilgern herbei, um ihre Hände auf die Schimmelschicht zu legen. Es handle sich im Übrigen um die erste Mumie einer afroamerikanischen Frau.

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Interview mit einem 97-jährigen Komponisten in der ZEIT.

„Wie geht es Ihnen?“

„Es geht mir irgendwie.“

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Ein Herr „Walzer“ (=Walter) entschuldigt sich in einer Willhaben-Nachricht für seine Rechtschreibung: „händitastatur dicke finger“

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Mit solidarischem Wohlwollen schaue ich der Nachbarin dabei zu, wie sie mit großer Geschwindigkeit Cola und Wurstsemmi inhaliert, bevor sie ins Haus geht und für vier Kinder + Gatten etwas Gescheites kocht.

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Das jämmerliche Heulen einer Alarmanlage irgendeiner Firma irgendwo.


31.5.

Auf orf.at: Ein Skriptum aus dem 15. Jahrhundert ist „entdeckt“ worden, in dem sich ein Stand-Up-Comedian seine drei besten Nummern aufgeschrieben hat, zum Beispiel die satirische Hasenjagd, bei der die Killerkarnickel den Jägern die Kehlköpfe herausreißen.

Mittwoch, Mai 24, 2023

Ländliche Phänomenologie des Totenbildes

Unlängst hat einer meiner Ersatzväter eine Geschichte erzählt: Seinem Großvater seien innerhalb weniger Jahre der Reihe nach die Ehefrauen verstorben. In seiner Trauer habe er sich eine Fotomontage anfertigen lassen, die ihn zusammen mit den drei Gattinnen selig zeigt. Darunter die Namen mit den drei charakteristischen Ergänzungen. "Die ewig Fromme", "die ewig Tüchtige" sowie "die ewig Fröhliche". Nach der fröhlichen Frau verließ ihn der Mut, noch einmal zu heiraten, er blieb die letzten 18 Lebensjahre allein. 

 Mitteilung an die Erbinnengemeinschaft in der Verlassenschaftssache Meindl Dominika: Bitte auf keinen Fall dieses Porträt für die Parte nehmen, ihr Verrückten!

Die Nachbarn meiner Großeltern baten Anfang der 1950er, sich deren Erstgeborenen für das Totenbild des eigenen Sohnes ausborgen zu dürfen, der in den Strom gegriffen hatte. Er war erst vier, und die Eltern hatten ihn nie fotografiert. 

Die Großeltern eines Freundes zogen eines Werktags das Feiertagsgewand an, kämmten sich sorgfältiger als sonst und fuhren mit dem Postbus nach Schärding, um sich beim Fotografen für die eigenen Parten porträtieren zu lassen. 

Mit dem Bild, das unsere Mutter für ihre Parte vorbereitet hatte, waren wir nicht sehr glücklich, sie sah darauf zu streng aus. Wir hätten viel lieber jenes genommen, in dem sie freudestrahlend den Welpen an sich drückt, den wir soeben ins Haus geholt haben, aber wir wagten nicht, ihr den Wunsch abzuschlagen.

Sonntag, April 30, 2023

Besitz belastet, brennt aber gut. Wie man sich selbst zum Orakeltier wird

Lebenskrimskrams im April 2023

1.4.

Mit den einzigen beiden Malaiinnen von Wels im Restaurant „Singapur“ – eine Stimmigkeit, die einem die Halluzination anbietet, sein Leben ordnen zu können.

2.4.

Zum Glück ist das Wetter zu schlecht für eine Skitour, sonst wäre ich diese Woche mit der ZEIT nicht fertig geworden (ich brauche dringend Hilfe!).

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In samsing kämpfe ich beim Bouldern mit seit Monaten nicht neu geschraubten Probleme („mir ist fad, drum fehlt die Motivation“), in Wahrheit herrscht Flut in den Jahresgezeiten der Leibesfülle (Gravitation, Geisel der Menschheit = Gewichtstsunami).

3.4.

In einer Stunde einen Förderantrag für das „Welterste pataphysische Kolloquium in Linz“ zusammenklabüsert. Walter Stadler habe ich noch angerufen, ob es ihm eh recht sei, das im DH5 abzuhalten, Raphi Edelbauer noch nicht, hoffentlich vergesse ich nicht (mir ist alles zuzutrauen). Es wird wohl nicht glücken, denn dieses Mal war ich beim Selbstboykott wirklich gründlich – ein paar Minuten vor Abgabeschluss habe ich das Ding irgendwie hochgeladen. Aber wenn das Trigger-Wort „Digitalisierung“ in der Projektbeschreibung steht, könnte es trotzdem klappen (ich hab' jetzt schon wieder vergessen, was ich hektisch hineingetippt habe).

4.4.

Das Haus flüstert mir den ganzen Tag Umräumvorschläge ins Innenohr, und allmählich erhebt auch der Garten immer stärker seine Einladungen zur Prokrastination. Wenigstens deprimiert er mich nicht mehr durch åfarbene Nicht-Vegetation. (Ich muss mir das für die zweite Lebenshälfte endlich merken, dass vom März pflanzlich noch überhaupt nichts erwartet werden kann). Am Nachmittag gebe ich dem Drängen nach und schneide draußen irgendetwas ab. Ein Kontrast zu meinem schlecht gemanagten Haupthaar. Aber die fast siebzigjährige Nachbarin kommt vorbei und fragt mich, zu welchem Friseur ich gehe, sie wolle auch so viel Volumen haben.

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Der Hund wälzt sich im Donaudreck wie ein Huhn mit Veitstanz. 

5.4.

Die Kohlmeisen besichtigen meine alten Vogelhäuser wie verwöhnte Schwaben eine Bude am Prenzlauer Berg.

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Meine ungünstige Meinung über Rennradfahrer verhärtet sich.

6.4.

Soll ich mein berufliches Fortkommen weiterhin boykottieren, indem ich Bürozimmer tausche? Stillstand garantiert für weitere drei Wochen.

7.4.

Träume, inspiriert vom aktuellen, erbärmlichen Quartalsumsatz: Buttinger vermittelt mich an meine neue Arbeitsstelle im noch nicht gentrifizierten Norden Wiens, bei einem Anlagevermögensberater namens „Reich & Wohlhabend“. Es ist kein edles Geschäftslokal, hat aber höchste Ansprüche an das subalterne Personal. Ich muss eine anachronistische Dienstmädchenuniform anziehen und werde laufend zu Sauberkeit und Pünktlichkeit angehalten, ohne dass mir jemand sagen würde, was eigentlich mein Tätigkeitsfeld von täglich 8 bis 17 Uhr sei. Dafür muss ich mich schnellstmöglich im Gedärm des mehrere hundert Meter schmal nach hinten führenden Gebäudes orientieren lernen. Es ist alles sehr vollgerümpelt. Nach Dienstschluss zeigen mir die Kolleginnen die wahre Attraktion des Jobs – sie haben eine eigene U-Bahn, den „Gipsy Train“. Wir sitzen auf einem offenen Wagen und rasen durchs Dunkel. Zuerst gefällt mir das noch, aber die Fahrt geht lang, viel zu lang, sie endet erst an einem stillgelegten Bahnhof im Süden, schon mitten in der burgenländischen Pampa. Die Kolleginnen sehen mein Entsetzen, sie sagen, natürlich müsse ich hier herziehen, damit ich den Vorteil auch ausnützen könne, dann verschwinden sie im Ruderalwald. Da erst fällt mir ein, dass niemand über mein Gehalt gesprochen hat.

Gnädiges Erwachen. Ich will weiter recht tüchtig sein in meinem schlechtbezahlten Home-Office-Paradies!

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Die jungen Nachbarburschen, die sich für die Sportvereins-Haussammlung die Jovialität der Väter angezogen haben wie zu große Fußballleiberl.

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Der Kampf gegen den Giersch ist verloren, bevor er begonnen hat.

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Es gibt wirklich ein Instrument namens „Kernspaltflöte“, und es stammt auch aus dem Osten.

9.4.

Altern bedeutet, dass man das gesamte Osterwochenende überfressen ist, obwohl man nur noch ein Drittel des früher Üblichen geschafft hat. (Man verträgt aber mehr Alkohol, peinlich).

10.4.

Immer sehr viel zu kurz auf dem Plateau des Toten Gebirges, aber diese zwei Stunden wie heute etwa, die strahlen für dreißig Jahre. Die Strahlungsmetapher passt vielleicht wegen des Tschernobyl-Fallouts hier oben doppelt gut.


11.4.

Mitten im Alltagsvollzug wundert man sich, wie schnell es dann gegangen ist, dass wir uns auf einmal mit den Kindern unterhalten, als wären sie alte Freunde – es ist nur noch interessanter, weil sie so enthusiastisch sind. N. hat heute die zeitgenössische Erscheinung männlicher Midlife-Crisis so trefflich kommentiert, als sei sie die 44-Jährige von uns beiden, und nicht exakt halb so alt wie ich. Sie und E. haben sogar glaubhaft widersprochen, als wir ihnen einzureden versuchten, sie gar nicht nach unserem Vorbild erziehen gewollt zu haben. 

 

12.4.

Das Aufschlagen der herrenlos gewordenen Dinge bei der Sammlung für den Flohmarkt der Pfarre Vogelweide: arme Leute, die das Gewand der Mütter und die Bücher der Väter nicht in den Container werfen können (ich rede über mich).

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Meine Spatzen stehen dank der sauteuren Biohirse gut im Futter. Vergangene Woche ein Stiglitz auf dem bemoosten, allen Erntebemühungen entwachsenen Kirschbaum. Auch diese kleine Schönheit strahlt noch nach.

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Coala und ich lasten es unserem Kindheitsenglisch an, dass wir den Text von „Blue“ nie verstanden haben, also googeln wir ihn und sind erstaunt, wie maximal simpel er ist, er besteht ausschließlich aus „Dabadi dabadi“. Was man uns alles andrehen hat können. 

 

13.4.

Zu Gast bei einer Veranstaltung zum Thema Medien. Fritz Hausjell berichtet lange und besorgniserregend über die heimische Misere. Die Luft brummt vor lauter Bemühen der pensionierten Journalisten im Publikum, schweigend zu warten, bis der „Frage“teil beginnt. Einem namhaften Herausgeber wird das Wort erteilt, er beginnt mit dem Gruß des Ko-Referenten: „Ich will kein Ko-Referat halten!“ Nach länglichen Ausführungen („Österreich ist wie ein gut geführter Kommunismus!“) leitet er den Schlussappell mit einer Kunstpause ein, dann sagt er „meine Herren!“ Von mehrere Seiten ertönt ein „...und Damen“, was ihn zu einem Sekundär-Ko-Referat veranlasst. „Wissen Sie, warum meine Redaktion nicht gendert? Ich habe ihnen erklärt, dass sie zehn bis fünfzehn Prozent mehr Platz brauchen, wenn sie schreiben 'Männer und Männinnen', haha, oder, ich weiß nicht, 'Wassergläser und Wassergläserinnen'.“ Der ORF sei da ganz schlimm, denn was sei denn mit den Ministern, wenn die nur die Ministerinnen ansprechen? Die Luft um mich herum brummt vor Bemühen, nichts zu sagen, aber es bricht dann doch die Bitte aus mir heraus, bittebitte das Thema zu wechseln. Schade, dass ich mir diesen Unfug ewig merken werde und nicht Hausjells Vorschläge für eine Reform der Presseförderung.

Dann meldet sich eine Dame mit dem Hinweis zu Wort, dass der Redebeitrag der Frauen bislang zu kurz gekommen sei. Sodann hebt sie mit einer Suada gegen den „Erziehungsjournalismus“ an, eine mit viel Mühe kaschierte Querdenkerei voller Buzzwords der diskursgestählten Verschwörer*innen: „Damit wird die Gesellschaft gespalten! Andersdenkende bei den Themen Klima, Corona, Ukraine werden nicht gehört!“ Hier brummt keine Luft, niemand hat Lust, zu widersprechen, bis auf eine andere Dame, die es – durchaus realistisch – bald wieder sein lässt, weil deutlich wird, wie sich die mit allen trübenden Wassern gewaschene, sehr eskalationsfreudig wirkende Antipädagogin an den Widerworten auflädt. 


14.4.

Es gibt eine Krankheit namens „Birnenverfall“. (Schlecht für den Birnenbinnenmarkt)

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Diffèrance: Ski vs. Schi

15.4.

Sehr lustige Lesebühne! Sehr lustiger Gast! Xaver Schumacher analysiert die „Libretti“ der gängigsten Ski-Hits. (An „Blue“ bisse aber sogar er sich die psychoanalytischen Zähne aus, wegen zu dumm). Eine Nachlese gäb's hier im Lesebühnenblog.


16.4.

Es bricht eine Zeit rasant galoppierender Verdummung an, ich kippe aus der Gegenwart wie eine ältere Frau, die nicht weiß, wie man mit dem Handy Bilder verschickt. Heute musste ich bei der Registrierung in der Boulderbar ein Profilbild aufnehmen, und ich habe wirklich zur Seite geblickt. Hoffentlich liest das hier nie jemand. Irgendwann hab ich doch einmal Philosophie studiert und erklären können, was die „diffèrance“ bedeuten will!

Auch der Spalt im window meiner sportlichen opportunities wird immer schmaler: alles unter 6a zu leicht, alles über 6a+ zu schwer. 

 Auch beim Selfiemachen manifestiert sich der altersbedingte Kompetenzverlust


18.4.

Ein Radiokolleg über die Sprachpolizei: Der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ war den Nazis zu unmodern, weswegen er sich 1943 auflöste. 1997 wurde der „Verein Deutsche Sprache“ gegründet, es ist ein wenig so wie NsDAP und FPÖ.

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Beim Lesen von Pollacks „Kontaminierte Landschaften“: Vielleicht ist im Gegensatz dazu die Betrachtung der „Wildnis“ so erholsam, weil sie kaum vom Eingriff gezeichnet ist, was natürlich an keinem Ort insbesondere in Österreich mehr tatsächlich der Fall ist. Kondensstreifen und Steinmänner im Toten Gebirge, Tote in den Dolinen, Nazi-Größen, die sich auf der Wildensee-Alm verstecken...

Das Lesen über die menschliche Mordlust macht es mir derzeit übrigens auch unmöglich, gegen die Ameisen im Büro vorzugehen. Hoffentlich kann ich das zumindest einmal literarisch verwerten.

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Starker Regen und starkes Umräumen im Haus. Gibt es eine Droge, die ähnlich wirkt wie das Umstellen von Möbeln (bei mir zumindest)? Die Energie brauche ich auch, um die Furcht vor Gottesstrafen zu ertragen, wenn ich das große Kruzifix abhänge oder Pilgerweg-Bücher zum Pfarrflohmarkt bringe. Am meisten Kraft brauche ich, mir nicht die traurigen Augen der toten Eltern angesichts meines Umgangs mit ihren Schätzen vorzustellen. Immerhin hat das abgenommene Kreuz seine Form auf der von der Sonne gebleichten Holzwand hinterlassen. In hoc signo non vinces. Am Abend fährt mir der Schmerz ins Kreuz, ganz nach katholischem Brauch. 


19.4.

Immer wollte ich einen Hund besitzen, den ich in Liebe auf Menschen hetzen kann, die mir lieb sind – und wirklich stürmt Fini auf Martin Pollack hin, sobald ich „Fass!“ rufe. Wir tun so, als hätten wir einander grade erst gesehen. Es wachse schon alles in seinem Garten, ich prüfe meine zehn Lieblingsgemüse ab, er sagt zu jedem „ja freilich“ oder „das wuchert heuer“ oder „ernte ich schon“. Ich erglühe vor Neid, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen. 

 
Im Schl8hof finden wir beide zuerst, dass die guten Menschen zu optimistisch bestuhlt haben, aber das Volk wird unseren Zweckpessimismus enttäuschen. Es ist eine Gnade, dass ich hier ganz nach Sympathie walten darf. Für brillante, aber zwidere Autoren müsste man mir das Honorar auch erhöhen. Zum Glück muss ich auch keine kritische Distanz zu Tanja Maljartschuk erzwingen, die mich vollends für sich einnimmt, als sie darüber nachdenkt, dass die Emanzipation der Frauen irgendwann auch das Kriegsunwesen betreffen müsste; derzeit könne man sich Saddam Hussein in Stöckelschuhen oder Hitler mit Busen noch nicht vorstellen, „aber auch sie werden einmal die Welt zerstören dürfen.“

Den russophilen „Friedens“-Aktivisten widmet sie einen Text über das vordergründige Idyll am Bauernhof, in dem sie als Kind lernte, dass jedem Tier die Zeit seines Todes ermessen werde: die Schweine im Herbst, jeden zweiten Sonntag ein Huhn, die Lämmer zu Ostern. Eine solcherart strukturierte Gewalt sei also der Frieden.

Martin und Tanja gehen hoffentlich weiterhin achtsam mit ihren Worten um, weil ich ihnen jedes einzelne bedingungslos glaube. 

 

20.4.

Ob ich jemals etwas lieber machen werde, als zu essen? Manchmal ahne ich etwas. Beim Büroeinräumen wird mir der Hunger lästig, während ich beim Schreiben dauernd in meinen Magen hineinhöre, ob es nicht schon Zeit wäre und ich einen guten Vorwand für eine Pause finde.

Entgegen eigener Überzeugung bin ich nicht ungeschickt, ich muss nur immer daran denken, mich nicht schnell zu bewegen. Adieu, geliebte Dackeltasse! Aber besser du als irgendein Bleikristall-Erbe, das ich in noch härteren Zeiten einmal auf willhaben verklopfen kann.

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Ohne jede Absicht antworte ich auf die Smalltalk-Frage nach Kinder-Lieblingsessen „Eiernockerl“, das Unterbewusstsein ist ein Hund (gelogen war's nicht).

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Abends dem Buttinger geschergt, dass der Hund ab jetzt die gesamte Zeit alleine im Garten sein will, er empört sich: „Dafür wird sie nicht bezahlt!!!!“

21.4.

Aktuelles Leiden an Mozarts Klarinettenkonzerten (in ihrer Einspielung als Ohrwurm).

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Man wird sich selbst zum Orakeltier. Ohne den Grund genau zu kennen, schreibt man jahrelang über das Ausmisten (am meisten, bevor die echte, mühsame Arbeit überhaupt beginnt). Dann über Prokrastination (darüber ist alles gesagt, trotzdem). Allmählich kommt die „Inspiration“ aus aktuell Geschehendem, konkret aus den Ameisen, die ich vergrämen soll.

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„Gestankskombinat“ (Max Goldt, „Gattin aus Holzabfällen“, wieder sehr gelacht)

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Nach den „Frauenstimmen“ im Strandgut versoffen, nur mit eisernster Disziplin gelöst und nach Wels gefahren, um mich dort auf der Couch zu versaufen (es ist Freitag, ihr Apostel).

22.4.

Auf dem Weg zum Bruderkogel erzählt mir Linsi eine heitere Tiergeschichte: Die Katze hat eine Maus gebracht, die sich als scheintot erweist und nach ihrer Wiederauferstehung flugs im Haus verloren geht (vielleicht ein Wunder?). Die Mieze fühlt sich indoor nicht mehr zuständig. Wochen nach der möglichen Himmelsfahrt hebt er – ganz anderes suchend – den Polster der Couch und findet darunter die flachgesessene Maus, nun wirklich tot. Keiner will es gewesen sein, der sich auf den Willi gesetzt hat. 

Bei der nächsten Skitour befestigen wir alle unsere Tracking-Devices an der Hündin und geben nachher auf Komoot mit unseren 2342 Höhenmetern ohne nennenswerten Puls an. Bei der Abfahrt jagt uns Fini wie scheintote Mäuse.

Gute Bettschwere nach nur zwei Bieren.

23.4.

Mein Büro ist so schön geworden, dass ich es nicht mit Erwerbsarbeit besudeln möchte. Hoffentlich hemmt es meine Prokrastinationshyperaktivität, dass ich jetzt im obersten Stockwerk sitze (Nachtrag Mai: kaum).

24.4.

Bei der Einkommenssteuererklärung absichtlich weniger absetzen als möglich, damit ich dem Finanzamt gegenüber nicht als das völlige Ei gegenüberstehe, das ich bin. Wahrscheinlich schreibe ich das schon seit 2009 in jedes meiner Notizbücher und vergesse es wieder, damit ich seelisch-wirtschaftlich übers Jahr komme. Wann verwandelt sich meine Furcht vor der Besachwalterung in Einsicht? Wahrscheinlich so lange nicht, wie ich mir einreden kann, dass von meinem Steuergeld wenigstens keine FPÖ-Parteienförderung bezahlt werden kann.

25.4.

Im stockenden Morgenverkehr (Klimakleber an der Ausfahrt Wiener Straße) angesichts meines Ärgers über die Wartezeit der intensive Gedanke, dass uns allen nicht mehr zu helfen ist.

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Sehr guter Fund im Internet: Es sind nicht die Oppussums, die sich tot stellen, es sind die Menschen, die so tun, als würden sie leben. 

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Kiste 11, 12 und 13 zum Pfarrflohmarkt chauffiert (die Federn ächzen). Im Haus fehlt nichts, alle Regale sind noch voll, dafür mein Herz voll Gram, wenn ich an die Eltern denke, wie sie mir vom Himmel aus dabei zusehen, wie ich „Kulturwanderungen in Südtirol“ hinaustrage, oder „Die stolzen Städte der Toskana“. Wenigstens sind die Schachteln, die ich mir beim Interspar erbettelt habe, für Biobananen.

26.4.

Ich bin im Besitz einer CD (Best of Mozart + Schubert), „gewidmet von den Betriebswirten und Wirtschaftsinformatiker der Johannes Kepler Universität Linz ihren Gästen“. Sie steht jetzt neben der LP des Chores.

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Am Vormittag gehören sämtliche DM-Filialen ausschließlich den Frauen, die Lagerhäuser den Männern. Ich störe mit meinem queeren Einkaufsverhalten (Hautcrème und Heckenschere) die göttliche Ordnung.

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In der Nacht träumte mir, dass mich die OÖN zu Nadja Kayali als Israel-Korrespondentin schicken, die mir beibringen soll (ganz nebenbei), wie man sich pelzdicke falsche Wimpern aufklebt (warum nicht den Gebrauch von Kajal, war meinem Unterbewusstsein der Witz zu seicht?). Dann werden mir bionische Elemente in den Leib operiert, woraufhin ich recht gut fliegen kann (eine Kooperation mit dem AEC, um sich die Kosten für die Flugtickets zu sparen?)

27.4.

Ich werde für Radio Oberösterreich interviewt, das dauert ca. sieben Minuten, den Rest verplaudern wir. Sieben Minuten länger und ich hätte Katharina Maurer vorgeschlagen, dass wir am hellichten Tag miteinander auf ein Bier gehen.

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Es ist übrigens ein im Verkehrsgeschehen nicht vorgesehener Irrsinn, das Viertel zwischen RLB, Designcenter und ORF zu Fuß betreten zu wollen.

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Rudi-Klein-Vernissage im MKH, mit dem großartigen Titel „Der Künstler ist zu müde für Erläuterungen“ – er ist aber freundlich anwesend und trägt Kapitänsstreifen am Sakko. Sehr langer Abschiedsapplaus für Günter Mayer (jetzt werden die Pensionisten immer jünger). Am schönsten die Reihe „Geschenke der Straße“, Porträts aus Zeug, das dort herumlag.

28.4.

Mit leichtem Kater entlassen in eine kurze Sturmfreiheit, in der ich ganz meinen Neurosen leben darf.

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Das Problem an der Figur der Präsidentin ist, dass sie nach den Gesetzen des guten Humors nach oben schlagen muss, aber da ist niemand mehr, denn it's lonely on the top. 

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Die evolutionäre Liebe zwischen Mensch und Hund ist tief, aber wenn ich aufs Klo gehe, legt sich Fini auf meinen angewärmten Sofaplatz und lässt sich auch mit den gelinden Mitteln mütterlicher passiver Aggression ("Rutscht a bissi, Puppi? Bitte?") nicht mehr vertreiben. Wärme ich eben die andere Soff, man hat ja geerbt und kann den Verteilungskämpfen des Spätkapitalismus aus dem Weg gehen. 

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ALLE sind auf der Leipziger Buchmesse, nur ich sortiere die Bücher im Haus, irgendwer muss das ja auch machen.

29.4.

Der angehende Pathologe in der Kletterhalle erzählt aus dem Blauen heraus schüchtern Chinesenwitze („Hing am Hang“).

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Lyrik von jenseits des Nachbarzauns, nicht ganz aus dem Blauen heraus: „Die Ehe ist ein Übel / ein bittersüßes Joch / sie ist wie eine Zwiebel / man weint und isst sie doch“. G. sagt stolz, das könne er, weckte man in nachts um drei in mit drei Promille, auch noch tadellos aufsagen.

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Kiesel in Flusskolken „schnattern“. (Quelle?)

30.4.

Diese urtümliche Kinderfreude, Sachen in Flammen aufgehen zu lassen (noch stärker als jene, Haustiere mit dem Gartenschlauch anzuspritzen, und die ist STARK). Das ist mir den versengten Flieder wert. 

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Man könnte das Land für den Rest unser aller Leben in einen Lockdown sperren, ich hätte trotzdem genug für alle zu lesen daheim, für alle Gesellschaftsschichten. Top-Auswahl: „Das Liebesleben der Tiere“, „Topf-Gucken mit Karl Moik“, „Schatzkästlein der Jungfräulichkeit“.

Mein selbstgebastelter Lockdown in diesen Tagen gelingt mir hervorragend, denn dieses Mal habe ich sogar ein Haustier, mit dem ich Zwiesprache halte, um nicht das Gefühl zu haben, komisch zu werden (was allerdings demonstrandum war). 

Komische Wesen sehen dich an

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Die Philosophiebücher stehen jetzt zumindest so, dass ich sehen kann, was ich wissen sollte. Aber mehr als dass Marx nicht mit Geld umgehen konnte und Derrida verstört über seine Beschneidung war, habe ich mir in Wahrheit nicht gemerkt. Vielleicht kontaminiert man sich ja über die reine Anschauung der Buchrücken mit den gelehrten Inhalten.