Lebenskrimskrams im August 2025
1.8.
Traum, dass der Vater dringend Hilfe beim Telefonieren braucht. Adressbuch hat er keines, weswegen er kurzerhand einem alten Mann am Ohr Blut abzapft, „weil der ist mit dem verwandt, und so finde ich ihn über die DNA.“ Meine bisherige Traum-Unfähigkeit, ein Wählscheibentelefon zu bedienen, hat einen Sprung in ie Nullerjahre gemacht: Jetzt kann ich kein altes Handy mehr bedienen.
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Das
alte Leben zieht schon an mir. Statt über den Sinn des Lebens denke
ich darüber nach, ob ich es mit den zwei letzten frischen Unterhosen bis zum Urlaubsende schaffe.
4.8. Schönering
Seelische Verkaterung nach Wiedereintritt in die Alltagsatmosphäre, wie immer glaube ich, dass die Erholung sofort verglüht. Wenigstens ist durch unsere dreiwöchige Absenz wieder kein Schaden entstanden. Nur den Spatzen werde ich gefehlt haben, als die garstige Hexe, der sie die Körner fladern. Wahrscheinlich hat sich der Garten auch ein wenig von mir erholen können, so wie ich mich von ihm. Das Wetter hat zumindest so viel Anstand, dass es immer noch scheiße bleibt.
Die
Brache des ehemaligen Schwimmbeckens hat sich in eine Ruderalfläche verwandelt,
die ich ohne Genehmigung des Naturschutzbundes wohl gar nicht mit
Rollrasen zupflastern dürfte. Jugendliche werden sich am Flieder
anketten, die Grünen gehen gestärkt aus dem Protest gegen mich
hervor. Wenn
es nicht aufhört zu regnen, kann ich den Garten gleich irgendwelchen
Urvölkern überlassen. Der Rasenmäher erstickt nach drei
Laufmetern.
5.8.
Der Hund und ich fremdeln noch mit der Stadt. Dabei ist es vorerst nur Wels.
6.8.
Heute tippe ich die Phantomereignisse vom Jänner ab. Darin schreibe ich darüber, dass ich gerade den Lebenskrimskrams vom August 2024 abtippe. Wir sind gerade vom Grundlsee heimgekommen und seelisch verkatert.
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„Mein Leben mit 300 Kilo“ geht nicht mehr, seit dort nur noch Schwarze Frauen vorgeführt werden.
Arger Kontrast: „Die Welt von Gestern“. Jetzt begreife ich erst den Sinn des Zweig-Films „Morgenröte“ – Zweig meint damit den ersten Schimmer des Weltenbrandes. Sein hoher Ton passt nicht gut für die Gegenwart, wohl aber leider die Tatsachen. Eine geschwisterlich geeinte Welt ist eine naive Illusion angesichts der Propaganda des Nationalismus...
Kurios: Zweig reist gegen 1910 nach New York und langweilt sich, weil alle so viel arbeiten und es keine Kultur gibt.
7.8.
Aktuell esse ich täglich so viele verschiedene Sorten von Obst und Gemüse, dass ich eigentlich ein besserer Mensch werden müsste.
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Ich tippe gerade ab, dass ich am 16. Februar 2024 etwas vom 18. August 2023 abgetippt habe (was ich wiederum am 25. Februar 2026 abtippe – the circle of life!). Es ist wie ein Gruß aus der Vergangenheit an mich selbst.
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Coala
kommt aus Wien, auch sie bringt Gemüse. Dazu die üblichen sinnlosen
Schokokreationen, die ihr nicht so gut geschmeckt haben. Sehr langes
Schnattern im Wintergarten, ich weiß aber schon zwei Tage später
nicht mehr, worüber (wahrscheinlich Leute, und wie sie so sind).
8.8.
Wir ermuntern uns gegenseitig zu recht eifrigem Arbeiten, trotzdem schaffe ich es nicht langer als bis 11 Uhr, nach dem Mittagessen kommen noch jämmerliche 24 Minuten drauf (eine Minute brauche ich, um das auf der Uhr zu prüfen).
Scharnstein.
Barbara Rieger moderiert mit sehr viel Fürsorge. Nach der Lesung
verstricken wir uns so innig in die Klemm-Leykam-Debatte, dass ich
ganz schön rasen muss, um Bettina Baláka rechtzeitig zum Zug zu
bringen. Sie ist nachher etwas blass um die Nase, ich tue so
landlackelmäßig, dass es eh klar war, dass wir das schaffen. Noch
ein Bier mit dem Buttinger, viel zu spät ins Bett, um am nächsten
Tag viel zu früh ins Almtal zurück zu fahren.
9.8.
Es ist ein Kampf gegen die Schwerkraft, andererseits eine große Pracht in der Hetzau. Und H. erzählt sehr lustige Sachen, etwa vom Besuch beim Urologen, was besonders eifrigen Radfahrern wegen der Prostata höchst angeraten sei. Prompt sagt der Doktor auch, „goin'S, Se san Radlfohra!“ „Huch, sehen Sie leicht was?“ „Na, nur wegen dem Sonnenstreifen auf der Haut.“
Auf dem Gipfel reicht er mir den Gucker, um den todbringenden Schnabel des Kolkrabens zu ästamieren. Die Falken fliegen tolle Manöver vor der Kulisse des Schermbergs.
Vom
Zwilling ins Auto in den Garten. Ich werde diese
Tropennächte sehr vermissen, wider jede Vernunft.
10.8.
Es ist draußen der schönste Tag, ich bleibe derweil drinnen und täusche vor, krank zu sein.
„Die Welt von Gestern“: Zweig hält sich wortreich zugute, so knapp und reduziert zu erzählen. Sehr scheiße gealtert die Passagen über die wilden 1920er, wo die „natürlichen“ Geschlechtergrenzen aus Trotz gegen die im 1. Weltkrieg geraubten Jahre missachtet wurden. Da schaut man gleich genauer, wer so etwas schreibt, und siehe da, Zweig soll laut Gerüchten Exhibitionist gewesen sein. Immerhin zeigt man dabei ja die natürliche Herrenausstattung her.
Ansonsten
alles natürlich sehr tragisch.
11.8.
Wir helfen W. beim langersehnten Umzug. Kraft meines Amtes soll ich Bücherkisten packen, lauter Ratgeber für ein starkes Ich – trotzdem mache ich die Kisten nur halb voll, damit sie nicht zu schwer werden. Es tröstet mich ein wenig, dass andere auch so viel Zeug besitzen. Zum Beispiel drei Sets Tarotkarten. Der Stapel für die Tombola wächst schnell, bis man mir lachend unterstellt, nur deswegen zu helfen.
Später treffe ich H. an der Donau und erzähle von all dem Zeug, sie ächzt – ihre
Eltern sind Messies. Die Mutter besitzt mehr als 500 Kochbücher.
12.8.
Verwunderlich,
dass es „Rümpeln“ nur negativ gibt, das Entrümpeln ist klar,
aber es kann ja nicht aus dem Nichts schöpfen; ist der Prozess des
Berümpelns zu langsam, um ihn zu benennen?
13. - 14.8. Eine Nacht im Toten Gebirge
Nach der Tunnelkette Klaus fällt mir ein, dass ich mich nicht erinnern kann, Bergschuhe in den Händen gehabt zu haben. Zu Recht. Der Auftakt einer Kette an Fehlleistungen – was aber in Kontrast zum Abenteuer und der Schönheit steht.
Oben im Kar steige ich auf den Höhenrücken zwischen Kraxen- und Mitterberg. Einen schöneren Zeltplatz habe ich wohl noch nie gefunden! Gegen den Wind baue ich emsig eine Mauer, die ganz offensichtlich nichts bringt, außer Beschäftigung und Wärme von innen. Es ist nicht kalt, aber die Hitze unten im Tal ist schnell vergessen. Ein absurd schöner Sonnenuntergang mit Blick in Richtung Grundlsee; im Cocktail-Farbverlauf mit der Sonne als kandierte Kirsche. Zum Glück verschicke ich noch ein paar Bilder davon, denn das Handy besitze ich ab jetzt nicht mehr lange.
In der Perseidennacht bringe ich alle Wünsche an und fürchte mich fast gar nicht.
***
Der Morgen erneuert das Farben-Spektakel im Osten. Das Summen der Schwebfliegen ist mir der liebste Wecker. In den ersten Sonnenstrahlen hinüber zum Hebenkas, in dessen Gipfelbuch sich seit meinem letzten Mal hier nicht viel getan hat. Ich gehe noch bis zum Brandleck weiter, und noch auf den Hochplanberg. Von der Zeit her grade so ok, es wird sich mit dem Wasser wohl ausgehen, aber Fini ist in der Zwischenzeit schon recht brav.
Just als ich im Wassertal vor der Schlüsselstelle beschließe, jetzt nicht mehr so oft aufs Handy zu schauen, stopfe ich es so schlampig in seine Halterung, dass es nicht lange drin bleibt. Ab jetzt liegt es wohl in alle Ewigkeit da und verseucht die Wildnis ein wenig. Am meisten schmerzt mich der Verlust der schönen Bilder dieser 36 Stunden – und dass sich der Buttinger wohl bald Sorgen machen wird.
Auf der Nickeralm finde ich einen Gamsschädel, den ich mir zum Trost behalte. Fini will ab hier getragen werden, was nur kurz klappt, weil ich mich im Windbruch verfranse. Eine sehr stressige halbe Stunde.
Unten auf dem Forstweg treffe ich recht bald freundliche Dolomitensteigwanderer, die mir ihr Handy leihen. Blöderweise kann ich nur Coalas Nummer auswendig. Und die hebt nicht ab, weil ihre eine unbekannte Nummer aus Deutschland im Urlaub spanisch vorkommt (was ihr nachher sehr peinlich ist).
Zuhause
esse ich vier Tage alte Pizza, was nicht einmal bei mir ein
Food-Trend wird.
15.8.
Ohne Handy stürzt man ein Stück weit in die Jungsteinzeit zurück. Ich putze am Feiertag das Haus, um mein Leben zumindest hier wieder in den Griff zu kriegen. Dabei schrotte ich den Staubsauger, weil ich vergessen habe, einen Sack hineinzuhängen. Allmählich verliere ich das Vertrauen in mich selbst. Beim Autofahren wie auf rohen Eiern.
Ohne
Smartphone hätte ich viel mehr Zeit, wenn ich nicht dauernd allen
Bescheid geben müsste (per Computer und Buttingers Handy), dass ich
nicht erreichbar bin.
16.8.
Nach Linz in den Handyshop. Die gepflegten Leute sind wohl alle noch im Urlaub. Die Menschen, die mit mir durch die Stadt wanken, sind alle nicht so richtig gewaschen und gehen etwas unsicher daher. Es kann aber auch sehr gut sein, dass ich mich erst wieder an „Urbanität“ gewöhnen muss.
***
Zuhause versuche ich, den PIN in mein altes Smartphone einzugeben. Jetzt ist auch das hin, weil ich es mangels funktionierender Home-Taste nicht wieder in Gang kriege. Das Iphone des Vaters lässt sich ohne Kennwort nicht mehr aktivieren. Das Nokia-Dumbphone ist endgültig entladen, für das ganz alte finde ich kein Ladekabel mehr. Dann verscheiße ich unfassbar viel Zeit damit, das alte TomTom zu aktualisieren und Suunto auf den PC hochzuladen.
Irgendwann wage ich es, ins Ungewisse loszufahren – die Freundinnen schlagen das Hochkar als Treffpunkt vor. Mein Vertrauen in das alte Navi wird belohnt, es lotst mich auf dem besten Weg durch das Herz der Finsternis (= das scharze NÖ).
Wir schnattern so angeregt und lange, dass es knackt in den Kiefergelenken.
17.8.
Es schifft sich so richtig ein hier im braunen Skigebiet. Hinunter muss ich vorausfahren, weil ich als Kind des Zentralraums mit blickdichtem Nebel umgehen kann.
Am Lunzer See ist es zumindest trocken, und irgendwann auch wieder warm.
B. wünscht sich von mir, unser „Dirty Dancing“ für November auch
wirklich zu üben, sie wolle sich nicht blamieren. Ich verzichte
darauf, ihr zu erklären, dass es im Wesen der Sache liegt, sich zu
blamieren.
18.8.
In der Donau gebadet, auf der Yogaplattform übernachtet, beim Romanschreiben sämtliche Prokrastinationsregister gezogen, die ich in jahrzehntelanger Praxis entwickelt habe (etwa die Garage kehren).
Die
Nacht unter dem Nussbaum war wieder so schön, dass es mir leidgetan
hat, keine Handykamera zu besitzen – bis mir einfiel, dass ich ja
etliche andere Kameras im Haus habe.
19.8.
Im Zug nach Wien. Ein in die Jahre gekommenes Boomer-Ehepaar mansplaint einander das, was sie beim Blick aus dem Fenster sehen, immer im Mitteilungston beträchtlicher Relevanz, wie etwa, „da sind jetzt die neuen Wohnanlagen!“ Der jeweils andere nickt. Im selben Ton hinterlassen sie den Kindern Sprachis: „Wir fahren über Wien Westbahnhof an die Nordsee und essen Scampi!“
***
P. sagt, er lese grundsätzlich nicht, was in seinem Verlag erscheint, „ich bin Kaufmann!“ Mich lobt er für meine einfühlsame Schilderung der Nordsee, „man kann den Schlick richtig riechen!“ Thomas Sautner habe er mit dem Titel „Peter Rosegger des Waldviertels“ ziemlich gekränkt. Ich sage, er dürfe mich „Paula Grogger des Zentralraums“ nennen. Wenn ich Mitte Februar abgebe, „schaffst du es ins Herbstprogramm. 2028!“ Haha. Den Titel suche ich dann wieder auf den letzten Drücker aus der Kreisky-Songliste. [Februar 2026: Und genauso kommt es auch.]
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Auf
dem Heldenplatz gibt es (wie zur historischen Entlastung) eine große
Hundefreilaufzone. Fini ist geflasht und für ihre Verhältnisse
höflich, vor einem frechen, schwarzen Hund kuscht sie gleich.
Das fesche Tier kommt mir bekannt vor, dann schnalle ich erst, dass es Tereza Hossa gehört. Wir schnattern zwei Stunden lang über
Kuhkastration und toxische Männlichkeit. Wie zum Beweis kommt ein
arg danebener Typ daher, der mit seinem Husky enorm auf Stress aus
ist. Hossa faked einen Polizeianruf. Dann erzählt sie mir, dass sie
irgendwo sehr gspritzte Künstlertypen neben sich sitzen hatte, „aber
dann haben sie über dich gredet, dann konnte ich sie nimmer hassen.
Der eine sagte, die hat die Figur der Kaiserin aufgebaut.“ Ich bin
mir sicher, dass sie über jemanden anderen geredet haben, freue mich
aber freilich trotzdem.
20.8.
Prokrastination, als würde man mich dafür bezahlen. Erdäpfel geerntet, in der Hoffnung, dass die Geister der Eltern gerade über mir schweben.
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In
der Nacht träumt mir, ich müsse die Kubatur von Rindenmulch
ausrechnen. Zuerst bin ich ganz zuversichtlich und sage zu mir
selbst, so bald im Schuljahr habe ich noch nie begonnen, für Maths
zu lernen. Das Unterbewusstsein ist nicht sehr subtil.
21.8.
Die Woche ohne viel Social Media endet, UPS bringt wieder Teilhabe und Unruhe ins Haus. Ich kann aber nicht noch mehr prokrastinieren, es macht keinen Unterschied.
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Fledermäuse bilden zum Einschlafen einen „Kuschelball“ (orf.at), das Forschungsteam sei überrascht gewesen, wie sanft und kooperativ die kleinen Raubtiere miteinander umgehen.
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Seit wann lese ich eigentlich an „Middlesex“ herum? Warum zieht mich das nicht so mit wie all die andere well made amerikanische Weltliteratur? Vielleicht wegen des Sommerschluss-Erlebnishamster-Drangs. Außerdem kommt die ZEIT wieder, und zwar mit drei Sondernummern pro Woche.
Dann
bouldern. Wenn ich jetzt nicht einsteige, kann ich es gleich lassen
und in vertikale Pension gehen. Nie wieder fände ich zu der Stärke,
meine Schwäche zu ertragen.
22.8.
Körperlicher Zerfall, um 22 Uhr ins Bett wollen, ausgewogene Ernährung. Nur die Handysucht verbindet mich noch mit U45-Menschen.
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Ich bin nur freundlich zu allen, damit sie mich nicht behelligen.
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Ob Besitzer*innen von Rassehunden ihre Hunde immer überall zuverlässlich wiedererkennen, in einem Rudel gleichaltriger Labradore etwa?
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Marco Wanda entwickelt sich zum André Heller seiner Generation, und damit auch zur Zielscheibe meiner billigen Abneigung. Sein Buch behandelt er im Falter-Interview, als habe es ihm ein fader Ghostwriter oder eine willfährige KI geschrieben und er noch keine Zeit gefunden, es selbst zu lesen.
Ich
stelle mir vor, wie Philipp Hochmaier, Wanda, Tobias Moretti und
Andre Heller gleichzeitig eine Veranstaltung betreten. Entweder
fangen sie sofort einen extrovertierten Raufhandel an oder es hat der
Raum ein Einsehen und explodiert von allein wegen all des Charismas.
23.8.
Mir träumt, dass Brad Pitt mitkommt zum Skifahren – George Clooney war schon einmal mit und hat mich empfohlen. Einerseits freue ich mich darauf, ihm zu zeigen, wie man ganz old school schöne Bogerl macht, andererseits wird mir bewusst, dass ich dann selbst gar nicht zum Skifahren komme vor lauter Stemmbogengeduld. Ich bleibe auf alle Fälle cool und verkneife mir ein gemeinsames Selfie, gleichzeitig male ich mir aus, was das auf FB für einen Bahö machen würde.
***
Wieder große Zufriedenheit nach Erdarbeiten (Steinplatten im Garten vergraben). Ich habe eben keinen akademischen Körper.
24.8.
Fast
übersehen, dass heute ja Sonntag ist und ich Bier trinken kann. Es
gibt außerdem etwas zu feiern, ich habe endlich „Middlesex“
geschafft. Darum liest sich jetzt alles Deutsch Geschriebene und groß
Gedruckte zack² weg. Die Anglophonen haben offensichtlich einen zu
großen Wortschatz zur Auswahl
25.8.
Einen Lesebühnentext angefangen, in dem ich „Standing Ovulations“ bekomme. Mehr als den Kalauer habe ich aber noch nicht. Naja.
***
Ein
Tag, an dessen Ende Buttingers zu trockenes Hendl vom Chinesen schon
die grüßte Unbill ist.
26.8.
Über den zu Recht nicht mehr begangenen „Steig“ entlang des Riegler Ramitsch ins Glöcklkar, über den Nordgrat aufs Warscheneck und einen nicht mehr begangenen „Steig“ vom Toten Mann zurück zur Dümler Hütte („Hättst mi gfrogt, i hätt' das gsogt“, sagt Harry Höll zu meiner doofen Unternehmung, auch Linsi hatte erst kurz zuvor wegen der App dieselbe Schnapsidee).
Das alte Paar auf dem Warscheneck trägt Rucksäcke und Windjacken aus der Zeit, als mich der Vater zum ersten Mal mit in die Berge genommen hat.
„Wos is'n des fira Rass'?“
„A Collie-Mischung.“
Sie beugt sich zu Fini und streichelt sie. „A Collie soisd du sei? Naa.“ Dann erzählt sie von ihrem eigenen Collie, den sie leider nicht abgerichtet habe, weswegen er sich selbst eine Arbeit suchte. Jeden Tag habe er streng die Kühe in den Stall getrieben – allerdings schon um 16 Uhr, das war ihm nicht mehr auszutreiben. Sperrte sie ihn ein, weinte er. Sperrte sie die Kühe ein, brüllten sie.
Am Gleinkersee esse ich bei der kleinen 60er-Feier alle Speisereste auf. I. (50 Kilo) ist melancholisch. „Wenn ich mit Leuten rede, habe ich den Eindruck, dass sie mir nicht mehr in die Augen sehen, sondern mein Winkfleisch anglotzen!“ Wir sprechen lange über unsere Gelenkschmerzen (was ich eh etwas voreilig finde, immerhin habe ich hart erkämpfte 2000 Höhenmeter in den Beinen). In unseren Schultern bilden sich große Tropfsteinhöhlen voller Kalkstalagmiten und -titen. Eine Freundin hat sich in New Orleans beim Fotografieren durch einen kleinen Sturz vom Randstein beide Beine gebrochen. H. habe sich die Schulter gebrochen, in einer Mulde auf einem präparierten Skiweg.
Ich
erzähle so ungeschickt vom seltsamen Gefühl, beim Rasenmähen
manchmal mit den Füßen des Vaters zu gehen, dass I. sagt, das
sei ja wie bei „Orlocs Hände“, wo ein Mann die übergriffigen
Arme eines Mörders transplantiert bekommt.
27.8.
Die meisten Menschen überschätzen den Unterhaltungswert ihrer Schnurren, viele aber wissen nicht, dass sie gerade ganz nebenbei etwas extrem Lustiges erzählen. So wie I. gestern, oder heute im Altstoffsammelzentrum ein alter Bergfreund: Der Malamut seines Schwiegersohnes sei x-mal auf dem Traunstein gewesen, aber nie wusste man, auf welchem Weg. Beim Miesweg sei er immer abgehauen und habe irgendwo oben auf dem Moaralmsteig gewartet.
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Chinesisches Geschirr der Mink-Dynastie aus dem Bauschutt-Container gefladert.
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A., die mittlerweile weiß, was sie mir Schönes berichtet, schickt Fotos aus London, wo sie einen Wettbewerb besucht hat, bei dem Mensch und Hund miteinander bewertet werden, in den Kategorien Ähnlichkeit (sie bebildert das schelmisch mit einem Bild von Chrisi und einem Mops), Wedel-Leistung und Gutsi-Weitwurf. Damit soll sich eine gesunde Gesellschaft beschäftigen, nicht mit Aufrüstung!
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„Herr und Hund“: So kann ich mit Thomas Mann umgehen. Am besten ist es, wenn man ihn sich mit der Stimme Loriots selbst im Kopf vorliest. Der Hühnerhund „Bauschan“ wird von den Enten am „Narrenseil seiner Passion“ gezogen. Die Phrase gefällt dem Buttinger außerordentlich, schon ist sie fester Bestandteil des Narrenseils unserer Liaison.
Auch er scheint für seinen eine eigene Nonsense-Sprache entwickelt zu haben, siehe Seite 8. Es ist das im Übrigen kein regelbasiertes Kommunikationssystem, sondern eine pfingstkirchliche Eingebungs-Glossolalie, ein hundsspezifisches Liebestourette. Eine Kette von singulären Sprechakten mit rein emotionaler Intention. Dazu bei Gelegenheit endlich die Dissertation schreiben (muss nur einen Uni-Menschen finden, der auch blöd ist bzw. einen Hund besitzt).
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Mein privater Spätsommer-Lockdown endet bald, die nächste Woche wird durch TERMINE versaut. Es ist schlimm, aber ich geniere mich nicht für meine Gefühle.
29.8.
Fini erhebt sich um 8:15 Uhr von ihrem Schlafnest, um sich auf die Couch zu legen, ohne jede Scham.
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Sehr gerne hätte ich einen kreativen Mitmenschen, der mir wöchentlich wechselnde Kappen mit Trump-Kappen-Spruch-Parodien macht. Jede Woche werden sie höher, um mehr Schmähungen unterzukriegen. Statt dem Original „Traum was right about everything all the time“ stünde auf meiner „Grau ist der Hecht / die Frau hat recht. / Der Hecht ist grau / recht hat die Frau.“ Oder: „Ich habe nicht immer Recht. Aber immer öfter.“ „I'd rather be happy than right.“ „Ich bin mir nicht sicher, aber mich das nicht menschlich und sympathisch?“
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Beim Romanschreiben denke ich ans Rasenmähen. Beim Rasenmähen denke ich ans Romanschreiben.
Unabsichtlich
beim ersten Mähen eine Vulvenform in den neuen Rollrasens geschoren.
31.8.
Nach viel zu langer Zeit sehe ich meine Tante A. wieder. Ein wenig ist sie in ihrer Demenz zu einer alten Königin in ihrem Exil geworden. Wir helfen ihr aus dem Auto, sie sieht mich wohlwollend an, „an feschn jungen Mann hamma do.“ Buttinger: „Halt dich ans jung!“ Später sieht sie mich an und sagt, „ma wiad gaunz vergessen, es is a Sind'“. Es hat aber auch ihr gefallen, zuhause habe sie auf die Frage ihrer Tochter, ob es schön gewesen sei, geantwortet: „Des woa a gaunz a internationales Treffn heit!“ Es ist eine große Erleichterung im großen Übel, dass sie so pfiffig und wohlwollend bleibt, während der Verstand geht.
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Je weniger wir essen können, desto mehr kaufen wir ein.
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Coala: „Fesches Hemd, Buttinger, Feuerwerk oder Löwenzahn?“ Buttinger: „Des san explodierende Schwoaze Lecha!“ Er habe etwas anziehen wollen, das maximalen Schaden anrichte. Sehr wirksam in Kombination mit den schwarzen Sockerl in Loafern, in Kombination mit einem Bermudabadehoserl.
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