Lebenskrimskrams im September 2025
1.9.
Ein Vorteil des Alterns ist die aus Erfahrung gekelterte Vernunft, dass am Ende des Sommers erst eigentlich die schönste Wanderzeit beginnt und ich noch nicht traurig sein muss, dafür ist dann im November Zeit genug. (Zwischen Mitte August und 1. September die übliche Anpassungsstörung, so wie das Kindergartenkind in der Volksschule) Die Badesaison wird heuer aber als die schlechteste in meine Annalen eingehen.
Diesen Tag habe ich mir selbst gerettet, indem ich statt eines Meetings über das Sigistal auf den Grubstein gestiegen bin.
Wie lieb mich der Hund jetzt immer lobt, wenn ich an einer Stelle länger brauche.
„You do have a pleasant life“, lobt mich Elaine, als wir uns abends an der Stiege treffen.
2.9.
Hadern mit der Wiederkehr der Termine (igitt!). Alle wollen alles persönlich besprechen. Immerhin pausiert in diesen Zeiten die Neurose, ob mich die Leute eh mögen.
Und
wenigstens ist es draußen schiach, und der Installateur hat gar
nicht gebohrt (es ist eh so auch teuer genug). Während er
werkt, schimpft er „auf de Leit“. „Waun auf d'Nochd fünfe
zaumsitzn, is's ma scho zvü!“ Dann geht es mit mir durch und ich teile ihm mit, dass ich soeben den
KUNSTFÖRDERPREIS der Stadt Linz gewonnen habe. „Ma, do bin i a
Banause, i hob nua mehr s'Fischn im Schel, ois aundare intrisiert mi
nimma.“
3.9.
Katrin ohne H, die extra wegen der Ars und eines Ö-Slam-Filmchens zu mir nach OÖ kommen möchte, wird auch ganz wunderlich, als wir uns am Telefon ausmalen, wie schön es wäre, so richtig, richtig viel Geld zu verteilen. „Und die Leute kriegen Honoraaaaaare!!“ „Irre“, sage ich.
***
In
Schnarrenberg steht angeblich eine Skulptur namens „Steinerne
Vagina“, in der ein dicker amerikanischer Tourist steckengeblieben
sein soll. Vielleicht wollte er ein intensives Rebirthing
inszenieren. Während ich das lese, gibt die
Lidl-Baustelle in Wels beeindruckende
Industrial-Noise-Schnarr-Klänge von sich. Wenn man das
zusammenschneidet mit der Errichtung der Steinvulva und einer
Betonmauer, hat man einen zeitbasierten Arthouse-Hit.
4.9.
Beim Romanschreiben bin ich halbwegs im Plan (ich war sehr moderat, weniger als 2000 Zeichen pro Tag bis Weihnachten), aber es fühlt sich an wie eine prekär dahinpritschelnde Ölquelle lang nach dem Peak Oil. Immerhin ist mir bewusst geworden, dass ich zwecks Recherche ja alle meine 8000er-Bücher wieder lesen darf, nein: muss.
***
Linz ist wie jedes Jahr während des Ars Electronica Festival nicht wiederzuerkennen - im Guten. Dass Menschen aus der Ferne und aus der Zukunft zu uns kommen wollen, rührt mich alljährlich.
Heuer bin ich als „President of Austria“ involviert, ich soll die Tech-Bros rauswerfen. Es ist alles recht improvisiert, was mir recht ist. Aber ob's der Kunst und der Gesellschaft dient? (Das Foto hat der gute Andreas Kolb gemacht, größter AEC-Enthusiast der Stadt:)
Vorher werde ich für das Projekt „Digital Shadows“ aus dem Schwarm der Teilnehmenden gefischt. Meine Knie werden vermessen, dann sitze ich mir selbst gegenüber, quasi als perfect match, was aber nur befremdlich ist. Mit sich selbst als Avatar direkt ins Uncanny Valley!
***
Max Goldt immer toll, auch wenn er sich dieses Mal ein wenig zu viel und mit zu wenig Mehrwert am Zeitgeist abarbeiten will. Er hat nicht unrecht, aber gibt’s nicht viel ergiebigere Kolumnenthemen? Grasen das nicht der Liessman und der Hallervorden ab wie gierige Ziegen?
Gelernt:
„Pasquillant“, eine Unterart der Satire, die sich an einer
prominenten Person abarbeitet. Bei mir also André Heller, die
Landeshauptleute und Luis de Funès.
5.9.
Köglberger, den ich in einer ganz anderen Sache anrufen muss, dementiert, dass ich das Kunstförderstip nur bekommen habe, weil ich so nett sei („Auch, aber nicht nur“).
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Mein Drang nach öffentlicher Meinungskundgabe als Privatperson schwindet wie die Gletscher. Vielleicht liegt's an der gesellschaftlichen Klimaerhitzung. Ich kriege ja schon für meine selbstironischen Alltagspostings so viele törichte Ratschläge und Belehrungen. Als Präsidentin geht’s dann wieder, da profitiere ich von der österreichischen Hofknicks-Mentalität.
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Ich muss mehr mit den richtigen Menschen abhängen. Katrin ohne H etwa, die ganz begeistert angesichts der Skiberge im eigenen Garten ist, und später über Finis Schnaufen in meinem Ö-Slam-Regelerklärvideo.
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Dass
sich dann an diesem Tag alles ausgeht und ich um 18:30 Uhr im Zug
sitze, ist ein gnädiges Kleinwunder. Ich sitze da, regennass, nach Luft
ringend – und im Frack. Die Leute im Abteil nehmen mich gar nicht
wahr. Daheim wartet Buttinger mit Bier und Brot.
6.9.
W8-Klausur am Stoßbach. Im Waldhaus hängt ein Gewehr an der Wand, daneben auf dem Regel steht der „Ulysses“.
Auch dieser Tag verdient das Label "Mit den richtigen Leuten abhängen".
7.9.
Sämtliche Nachbarinnen sagen S., wie tüchtig sie sei, weil sie an einem Sonntag den Kirschlorbeer schneidet. Ich natürlich auch, so will's der Brauch hier. Würde ich die Beteiligten nicht kennen, ich dächte mir meinen pseudo-urbanen Teil über dieses Speckgürtelverhalten.
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In der Boulderhalle verbringe ich jetzt mehr Zeit mit den Gewichten als an den Wänden (beides insgesamt auch immer kürzer). Bald reicht mir der Haushalt als Fitnessgerät.
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W. zeigt uns, wie man auf das Flachdach kommt. Vor lauter
Aufregung übersehen wir die Mondfinsternis, die in Wels aber ohnehin nicht spektakulär ist.
8.9.
Nun bin ich also Mitglied in der Gruppe 47 [Beim Abtippen im Februar freue ich mich richtig über diese Erkenntnis, ich habe mir selbst erfolgreich eingeredet, schon im 48. zu sein].
Mit mir feiern heute zehntausende Eltern in der Osthälfte Österreichs den Schulanfang.
Man schenkt mir viel Ess- und Trinkbares, aber auch: 10 Legami-Stifte, 1 Grundlseebild, 1 Schafspelz für frierende Wölfe, 1 Gutschein fürs Restlsaufen, 1 Einhornseifenblasengerät. Fini kriegt 1 Flohhalsband, dessen Gestank sie völlig aus der Bahn wirft.
Nächstes
Jahr gehe ich am Geburtstag trotzdem wandern, alle wundern sich im
Internet, dass ich das nicht getan habe.
9.9.
Im Traum mit einer Gruppe auf einem höheren Berg, Martin Pollack war auch dabei, in einer väterlich-beruhigenden Rolle. Heute fände ein Abend zu seinen Ehren statt, den ich spritze, weil ich geistig am Everest bin und deswegen für meine Verhältnisse wild dahinschreibe. Aber sogar der literarische Besteigungsversuch fühlt sich an wie Hybris.
***
Wachsende Blödheit, eine Schwäche für alles – heute beim Sammeln an der Donau einen zweiten, weniger ansehnlichen Stein mitgenommen, weil es mir so vorkam, als gehörten die beiden Kiesel zusammen, als seien sie schon den gesamten Weg vom Tessin hierher... ach, es ist zu dumm.
Sonst
aber alles ok. Das Ausmisten wird immer mühsamer, auch wenn ich
objektiv weiß, dass das Haus noch bummvoll ist. Aktuell miste ich
den Stoß der Publikationen des „Österreichischen Buchklubs der
Jugend" aus (der im April 2026 übrigens vor dem Aus steht, Schande über die Verantwortlichen!). „Heimat und die weite Welt“, ein
Reader's Digest für die heranwachsende Nachkriegsgeneration. Auch
darin viele Tierschicksale.
11.9.
Ich schreibe den Roman wie eine old school Everest-Besteigung, im Belagerungsstil. Wieder geht es an einen Ort, an dem ich nie war und wohl auch nie hinkomme. Zu Fleiß, ich wäre dann ja Teil des Overtourisms. Ziel ist, dass man sich nach dem Lesen ein bisschen schämt, wenn man noch nach Hallstatt oder ins Basecamp reist. Das ist aber auch ein wenig gelogen, ich war ja nach Erscheinen des Buches selbst wieder in Hallstatt. Immerhin kann ich meine Neigung zum Abenteuerbuch für das eigene Schreiben nutzen.
***
Es gibt das Amt des „Grasherrn“.
***
Im Black Horse Mieze und Markus angetroffen. Nur mit sehr viel Mühe das zu vielte Bier nicht getrunken, weil's noch schön gewesen wäre.
12.9.
Neusiedl
So lange schon war ich nicht mehr im Burgenland. Es ist mir ganz recht, die ollen Erinnerungen zu überschreiben. Der See scheint aber immer noch eine gigantische Froschlacke zu sein.
Die Burgenländer an sich sind schon liebenswert. Mir ist es fast peinlich, aus einem Bundesland ohne so etwas wie „Volksgruppen“ zu kommen. Brettl spricht über rassistische Inszenierung der Roma und Sinti, Invancsics über ihren rassistischen kroatischen Onkel.
Der liebe und sehr lustige Perschy erzählt sehr lieb und lustig über allerlei Namen. Er kennt eine, die sich in den 70ern vom damals faden „Katharina“ in das angesagte „Karin“ umbenennen ließ, in den 80ern eine, die sich von „Karin“ auf „Katharina“ umentschied. Es war aber nicht dieselbe Person.
Sein
Onkel hatte einen Ged, der sich für ihn – abgeleitet vom
polnischen Nationalheiligen – den Namen „Hyazinth“ wünschte.
Da der Säugling einen eher schwächlichen Eindruck machte und die
Eltern befürchteten, dass er nicht sehr alt werde, gaben sie dem
kuriosen Wunsch nach, um dem Onkel eine Freude zu machen. Diese
währte dann recht lange. „Zintl“ wurde Leiter der Wasserwerke,
und als der zuständige Bezirksvorsteher anlässlich seiner
Pensionierung den Namen verlesen sollte, stockte er: „Perschy...
HEINRICH!“
13.9.
Wieder weiß ich in der Nacht sehr lange nicht, wo ich bin.
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Zur Tabor-Ruine. Höhenmeter machen fühlt sich im Burgenland an wie Mokka trinken in Tirol. In der Ferne glänzt die Froschlacke silbern im Schilfpelz. Ich beschließe, hinzugehen, so weit kann das ja nicht sein. 12.000 Schritte später stehe ich vor einem Gitter, das zumindest einen kleinen Blick auf den See gewährt. Kein Zentimeter Ufer ist gratis zu betreten. Leicht adriatische Ferienanmutung, dort kommt man auch nirgends einfach so an den Strand. Immerhin ist der Vogelreichtum des Háncsag zu erahnen.
***
Sanja Abramović nimmt mich sehr für sich ein, am liebsten möchte ich nur noch von ihr bei Lesungen begleitet werden. Sie habe sich beim Vorbereiten im Blog festgelesen, wobei sie beim Lesen über meine Prokrastination selbst prokrastinierte. Wie lieb ist das denn, alles erreicht!
„Welchen chinesischen Ort würdest du in Oberösterreich kopieren wollen?“ „Chengdu, das ist eh die Partnerstadt von Linz, die passt flächenmäßig exakt auf OÖ drauf.“
Sehr, sehr einnehmend auch Ana Marwan, ich verliebe mich in ihr „Sei Erich“, das absurderweise kein Bestseller ist, sondern in einer vergriffenen Mini-Auflage erschienen ist. Erich heißt in der Realität Ivo und hat honigfarbene Pfoten. Es geht in den Gedichten u.a. um das Ende einer bedingungslosen Liebe, weil der besungene Hund sich in einem verwesenden Feldhasen gewälzt hat. Später plaudere ich mit ihrem Mann, nach drei Sätzen frage ich ihn, warum er genauso klinge wie ich – weil er aus Ottensheim stammt, fast mein Jahrgang ist und alle meine Ottensheimer kennt. Wie er denn heiße? „Marwan.“ „Ja, aber dein Mädchenname.“ „Eh! Ana heißt Flay.“ Ich entwickle immer stärker einen Jugo-Akzent-Fimmel, für den ich mich nicht sehr schäme (ein bisschen schon, es ist vielleicht positiver Rassismus).
Clemens Berger hat sich in den ziemlich genau 10 Jahren, in denen ich ihn nicht gesehen habe, keinen Deut verändert, als habe er in einer Kryokammer überwintert.
Sofort möchte man von Ljuba Arnautović adoptiert werden. Sie hat soeben einen Enkelsohn bekommen, dessen Vater Italiener ist. Das Kind heißt „Rio Boschi“. Wie soll aus dem nichts werden!
14.9.
Wieder nur durch härteste Disziplin nicht ertrunken, was in Anbetracht all der offenen Weißweinflaschen wirklich eine Leistung war (für die ich eh kein Lob erwarte, ich danke es mir heute Morgen ja selbst).
Mit den extrem überfüllten ÖBB heimfahren ist ein arger Kontrast, aber egal, es kann ja nicht immer so schön weitergehen.
***
Zum
Vollständigen Niedergang schauen wir „John Wick 4“ - ein
Gemetzel, über das man schon nur noch lachen kann (wenn ich nicht
die Hälfte verschlafen würde). Als sehr schönen Kontrast zum
Morden streichelt mich der Buttinger, wahrscheinlich freut er sich,
mich wieder da zu haben (same here). Die Dialoge im Film sind in
ihrer Pathetik nur noch doof.
15.9.
Im Irrglauben eines Formtiefs 12 Stunden übers Kolmkar zum Grieskar. Wahrscheinlich wäre es über die schwach verzeichnete Abkürzung hinüber zum Rabenstein kürzer gewesen, aber heute hat mich der Mut verlassen. Das Auf- und Ab in den Latschengassen verlangt mir eine Zuversicht ab, die ich nicht immer schaffe, auch wenn genug Kraft in den Beinen ist. Es kostet geistige Spannkraft, sich auf die Markierungen der Vorgänger und die eigene Orientierungsfähigkeit zu verlassen.
Fini lobt mich heute wieder oft. Nur beim Urban-Band ins Tal hinunter mag sie nicht in meine Arme hüpfen, lieber überspringt sie es mit einem gewaltigen Satz in den prekären Schotter. Dieses Tier zeigt mir, wie man sich in den Bergen bewegen kann.
Das gellende Pfeifen der Murmeltiere, die herabschauende Gams, die Brunft der Hirsche in der Dämmerung. Es ist mulmig und schön zugleich in der Finsternis.
Ein
großer und sehr langer Tag.
16.9.
Würde
es die Immobilienkrise nicht lindern, wenn man all die musealen
Dichterwohnungen an arme, sehr ordentliche Literat*innen vermietete?
***
Eine
Krähe hoppst so nahe an das Auto heran, dass es suizidal wirkt, dann
erst gneiße ich, dass der schlaue Kollege eine Nuss exakt so
platziert hat, dass ich sie ihr mit dem Reifen knacken kann.
17.9.
Bei der kommenden Lesebühne lege ich es darauf an, einmal öffentlich hemmungslos zu heulen, also „Da Summa is ummi“ mehrstimmig, ein Nachruf auf Robert Redford am Dreibrüdersee etc. Die Ideen sind eh schon lange da, schreiben tu' ich alles natürlich schnell am letzten Vormittag. (Dabei trotzdem das Gefühl, nicht genug gearbeitet zu haben).
***
Verstärkter Bartwuchs. Will der Körper ein Mann werden oder einfach nur keine Frau mehr sein?
***
Nach meinen Beobachtungen öffnet die Nachbarin täglich zur selben Stunde ihre Haustür, um performativ zu saugen.
***
Auf
meine Anfrage, ob Kreisky nicht im Schl8hof spielen wollen, hängt
Franz das PS an, dass sie jetzt extra wegen mir „Selbe Stadt,
anderer Planet“ wieder auf die Setlist genommen haben. Das freut
mich mindestens so wie die guten Menschen nach der Waschküche mir
ungefragt die liebvoll eingepackten Restln auf den Tisch stellen.
18.9.
Heute wäre sehr viel zu schreiben und zu arbeiten und zu tun und zu besuchen, aber man ahnt schon: stattdessen Rasenmähen, Wäschewaschen, Laubrechen, Tändeln.
19.9.
Stress wegen gestern. Aber der Fasthuber schreibt aus Wien, dass er heute drei Interviews mit Leuten geführt habe, von denen zwei mich grüßen lassen (Kreisky, Waldeck – nur Mabo kennt mich noch nicht).
***
Fünfviertelstunden Fahrt nach Schärding, um vor sieben Menschen zu lesen, dann fünfviertel Stunden wieder heim, um vor 50 Leuten zu lesen. Insgesamt also gar nicht schlecht.
Während der Fahrt möchte ich mir all die schönen Ortsnamen aufschreiben, was ich hier unvollständig nachhole: Ort neben der Straß, Parz an der Ölstampf, Guselhub.
In Schärding erzähle ich ein wenig von den globalen Verwerfungen, die ein erstarkendes China mit sich bringt, gibt’s Fragen? Ja, meine Kinder waren noch so viel in der Natur, das kennen die Jungen heutzutage gar nimmer! (Kurzfassung der Ausführung).
Lesebühne mit dem fantastischen jopa jotakin:
Der Decker hat Geburtstag, schenkt uns aber was, nämlich seine Fotos und etwas für die Verlosung: „Lolita singt Kinderlieder“, ich nehme es mit nach Hause, weil ich dumm bin. Die Tombola des Grauens – das Temu von Linz! (Im Ö1-Mittagsjournal bezeichnet eine Handelsexpertin die Exportwut Chinas übrigens inhaltlich als „Gewölle“). Es ist ein absurder Anblick, wenn ich das Publikum bitte, alle Gewinne in die Höhe zu halten. Fast zu viele sind gekommen, aber die Kategorie gibt’s in der Literatur eigentlich nicht.
Wir haben alle sehr große Gefühle, ich zumindest. Immerhin ging es ja auch um Melancholie, der zwei Drittel des Ensembles viel abgewinnen können. Buttinger hingegen weint bereitwillig, wenn es sein muss, kann aber unsere gepflegte Trübsal nicht nachvollziehen. Bei mir ist's eigentlich umgekehrt.
Sehr
arge Ohrwürmer in der Nacht.
20.9.
Eine Hochzeit auf dem Lande. Nach dem Gehetze gestern ist es eh nicht unangenehm, sich ein wenig zu langweilen. (Nie vergeht die Zeit langsamer als bei großen Familienfesten).
Buttinger arbeitet daran, der weirde Onkel der Sippe zu werden. Wir sitzen in einer ehemaligen Kalkmühle und kommentieren die Trauung wie Waldorf & Stettler.
Bei „Time of my Life“ zwei Damen in die Höhe gestemmt. Es wird aber nicht leichter. „Tante Minki, jetzt hob i dei Hebebühne ned gseng!“ klagt Ch.
Rund um die finale Feierlocation leben seltene und seltsame Haustierrassen.
Rainer
erzählt, dass sie in Berlin vor einiger Zeit um kein Geld ein paar
Schienen Dias gekauft haben und mit fremden Bildern einen
Projektionsabend veranstaltet haben. „Bissl
hat mir eine Rauferei unter Freunden gefehlt“, sagt er am Ende,
leicht beschwipst.
21.9.
In der Früh tut der Hund so, als habe sie getrunken, gerauft und getanzt, ich muss sie fast aus der Wohnung tragen. Auf der Straße lahmt sie richtig, also drehe ich um und bringe das arme Tier zurück in de Wohnung, in der die Buttingerbrüder noch büseln, weil sie getrunken und getanzt haben.
Dann ins Almtal und ins Nesseltal, dort – weil ohne Hund – durch die Hundsheb. Kurz vor dem Ausstieg im Kar kommen mir Wanderer entgegen, die sagen, sie haben im Hotel übernachtet. „Hä?“ sagt mein Gesicht, und sie erklären, dass man einen schönen Lagerplatz an der Ostseite des Rosskopfs so nenne. Ich steige in die andere Richtung, hinauf zum Kleinen Woising. Es ist ziemlich sicher, dass ich das nicht mehr wiederhole, es ist aber auch deutlich, dass ich nicht die erste bin, die den sehr steilen Hang hinaufsteigt. Oben dann endlich leichteres Gelände, aber viel zu viel davon!
Auf dem Gipfel des Großen Woisings rufe ich den Buttinger an, ob sich der Hund halbwegs erholt habe. Der lacht, das Tier rase gerade in der üblichen Wildheit der Frisbee nach. Er hingegen hinke, denn er habe sich wohl beim Rock N' Roll-Tanzen einen Muskel eingerissen.
Ohne die trickreiche Tachiniererin artet mir die Tour ziemlich aus, sodass am nächsten Tag auch ich leicht hinke. Ganz allein haben die Ohrwürmer auch mehr Macht über mich. Und immer wieder schaue ich unwillkürlich, wo denn der Hund gerade sei.
Sehr
späte Ankunft am Einstieg zum Grieskar, tiefe Dunkelheit am Beginn
der Forstwege.
22.9.
Wegen
tiefer körperlicher Müdigkeit wähle ich den Mittelweg
„Admin-Scheiße“, was sich bis zum
23.9.
ziehen wird. Wieder im Irrglauben, dass ich danach ja ganz befreit in Wies zum Schreiben komme.
Immerhin ein guter Lauf bei den im Juni ausgeschickten Texten – bis auf den Willemerpreis ist alles was geworden. Bezahlt wird allerdings kaum etwas davon (Die Rampe, sfd, Kunstförderstip, OÖ-Anthologie). Der eine Text für die Rampe, an dem ich lange gearbeitet habe, ist nicht genommen worden, den „Mit 50“, in einer Stunde hingetippt, wollen sie sogar vorgelesen bekommen. Genauso hatte ich mir das in Wahrheit erhofft.
Heilige Mutter des Wortes, bitte für uns Armen in der Stunde unserer Deadline.
***
Mieze Medusa stellt sich als Stadtschreiberin ein, was alljährlich ein etwas anderes, „breiteres“ Publikum ins Boutiquehotel lockt. Markus Köhle sitzt darin, in Hörweite der rechten Kutzenberger-Adorantinnen, die verärgert aufschnattern, als wir den Bürgermeister leicht dissen.
24.9. WIES
Je weiter ich in den Süden fahre, desto schlechter wird das Wetter. In weniger als Stunden Fahrt ist man schon an der Grenze zu Slowenien (ein großer Vorteil von Wels – man ist schnell wo anders).
Eine Kette an Durchfahrtsdörfern.
Meine Unterkunft wird von einem riesigen Maremmenschutzhund bewacht, den ich nur unter Aufsicht des Halters kennenlernen darf, damit der weiße Bär meine Harmlosigkeit in seiner Schutzsoftware abspeichern kann. Übers Tor hätte ich nicht klettern dürfen, so aber wird es zur großen Liebe auf den ersten Blick.
Der gute Pollanz vertut sich mit dem Literaturstammtisch in Deutschlandsberg um eine Stunde (sehr sympathisch, das klingt eigentlich mehr nach mir), ich biete ihm an, das Wirtshaus mit der Entschuldigung zu betreten, ich sei mit der Deutschen Bahn gekommen. Und wirklich lachen die guten Menschen. Später plaudern wir über die ganzen Gegenden. Den Südsteirern ist das Salzkammergut wurscht, wir können es haben.
25.9.
Luna liegt am Morgen vor der Tür, es ist also wirklich Gegenseitigkeit in der Zuneigung. Oder sie erkennt meine fehlende innere Wehrhaftigkeit.
Im Dorfkern prangt vor der Fleischhauerei eine riesige blaue Freiheitsstatue, auf deren Tafel „Die Jugend ist unsere Zukunft! LH Waltraud Klasnic“ steht:
Früher, so Pollanz, habe es hier zwei große Diskos gegeben, im Metropol soll einmal Herbert Grönemeyer aufgetreten sein, sagt der Pollanz, und die Lüge sei so lange hartnäckig wiederholt worden, bis er schließlich wirklich gekommen sei. Und dann auch noch Roy Black und natürlich Udo Huber.
Als er noch Lehrer gewesen sei, so Pollanz, habe sich einmal eine Mutter beschwert, „dass er immer so schlecht über den Hitler rede.“ Er wisse bis heute nicht, was er darauf hätte sagen können.
Werner Herzog habe einen Film über Zwillingsbrüder drehen wollen, die IMMER synchron sprechen.
Zwischen Stainz und Preding kursiert im Sommer der „Flascherlzug“, benannt nach den Urin-Behältnissen der Opfer des Wunderdoktors Höllerhansl, der ihnen weisgemacht hatte, aus dem Lulu Krankheiten erkennen zu können.
Zu Mittag befördern mich Pollanzens ins Fresskoma. Nach einem ausgearteten Mittagschlaf noch schnell ins Auto, zur Soboth hinauf. Es ist alles leicht mystisch hier im Grenzland.
Der ebenfalls sehr freundliche Unterkunftsgeber Posch sagt, es sei hier in der Gegend alles ganz Kleine fast zu lange gefördert worden, weil der LH Krainer meinte, eine bewohnte Grenze sei eine sichere Grenze. Für unkundige Augen ist nicht erkennbar, anhand welcher Linien man sie in die Hügel geschnitten hat.
26.9.
Weitere Babysteps in Richtung spätes Erwachsenenalter: um 7 Uhr ausgeschlafen sein (Luna hat wieder gewartet). Erleichterung über das Erreichen der Zahl an Aufträgen, die das Jahr finanzieren. In der freien Zeit nach Deutschlandsberg. Beim ÖAMTC jopa jotakin lesen (maximaler Verfremdungseffekt). Für 16 € leuchtet jetzt alles, was soll, und nicht mehr, was nicht soll. Am Tresen eine Frau, die sich selbst als „Vöcklabrucker“ bezeichnet.
Lesung, super Musik, wieder die Neurose, dass doch das viel besser sei als mein bissl aus einem Buch Vorlesen. Ich werde für ein slowenisches Radio interviewt, das wird mir auch nie mehr wieder passieren.
[Während ich das am 9.4. tippe, kommt vom Pollanz die Nachricht, dass das Buch „Schwalbenkönig und Blutgrätsche“ erschienen ist, mit dem Text, den ich bei ihm noch schnell fertig heruntergeklopft habe.]
27.9.
Als ich bald in der Früh zum Auto gehe, bin ich fast erleichtert, dass Luna noch schläft, sonst wäre mir der Abschied noch mehr ans Herz gegangen.
***
Auf Ö1 erzählt Milena Michiko Flašar von den verschwundenen Menschen in Japan, den „Hakagun“, was „von Gott versteckt“ bedeutet. Erst irgendwann fällt mir ein, dass sie ja vor zwei Jahren in Wels mit Bodo Hell hätte lesen sollen.
***
Blitzbesuch bei der geliebten B., und auch eine Alterserscheinung: „Hilfe, bei mir ist nicht zusammengeräumt!“
***
Absurd, mitten Auto mitten nach Wien hineinfahren zu können, es am Stadtpark einfach stehen zu lassen, noch dazu gratis. Fast noch absurder, spätnachts damit unbehelligt querdurch heimzufahren. Bei Tag würde ich es vielleicht noch ganz gut ohne Navi schaffen, in der Nacht ein seltsames Gefühl, sich der Technologie auszuliefern.
***
Die GAV-Generalversammlung wartet mit einem historischen Entscheid auf – das PEN-Mitgliedsverbot ist abgewählt worden. Die Veteranen sind erschüttert. Bissl hätte ich erwartet, dass Josef Haslinger uns „Jungen“ nachher ein Bier zahlt, aber er verschwindet sofort nach seinem Coup.
Nach der Mittagspause frage ich alle, in welchen Abständen Regionalwahlen abzuhalten seien, worauf ich erkennen muss, seit 2021 unabsichtlich zu herrschen wie der Kim Jong Un von Linz Land.
Nach dem Abendessen gibt Christa Nebenführ mir und der sehr netten Susanne Toth Bussis, als wir ihr beide verraten, dass wir uns am Anfang ein wenig vor ihr gefürchtet haben und jetzt ihre Meinungsstärke aufrichtig schätzen.
Wohlgestimmt nach Hause – was gut ist, denn das Autofahren hängt mir schon zum Hals heraus.
Ganz
spät noch erschöpftes und glückliches Biaschtln light mit dem
Buttinger. „Loss' aussa, Meindl“, sagt er nach meinem Plädoyer
gegen Vokuhila-Kinderschänderfrisuren.
28.9.
Schwere Defizite beim Klettern, was aber auch sehr egal ist. Gut ist ja, dass ich mich noch aufgerafft habe in die Vertikale. Nach zwei Wochen in der Horizontalen kann es leicht passieren, dass man es gleich gut sein lässt (mir kommt vor, ich hätte das gerade erst schon einmal geschrieben). Noch möchte ich nicht Zeugin meines Verfalls sein (also nicht so augenfällig).
***
Der dem Buttinger als teures Souvenir mitgebrachte Schilcher schmeckt, als sei er gesund, ich muss ihn allein austrinken (was ich auch tue, weil er ja gar nicht billig war).
29.9.
Wieder im Auto. Ö1, „Vom Leben der Natur“: Fliegen erschaffen sich komplett neu aus den Stammzellen ihrer Larven, die zu einem Brei zerfallen sind. Imposant, aber auch widerlich.
In der ZEIT: Aale können beim Warten auf die Geschlechtsreife angeblich 150 Jahre alt werden (in einem schwedischen Brunnenschacht). Die Sargasso-See hat keine Küste, seine Grenzen werden durch Strömungen gebildet. Das alles habe ich eigentlich schon vor Jahren im „Evangelium der Aale“ gelesen, aber mir nichts davon gemerkt, außer dass Freud erfolglos nach den Geschlechtsteilen der Aale gesucht hat.
***
Vor lauter Freude, beim Roman den Zeitplan eingehalten zu haben, gehe ich gleich in den Garten und stutze alles. Wenn es das nächste Mal beim Schreiben hakt (UND DAS WIRD PASSIEREN), einfach mir selbst einreden, dass die Gartenarbeit jetzt absolute Priorität habe, dann treibt es mich eh automatisch wieder ins Büro, weil ich mir selbst gegenüber pubertiere. Siehe auch: Beim Rasenmähen an den Roman denken und umgekehrt.
***
Der
Hund der Hundetrainerin springt mich mit schlickigen Pfoten an, ich
mache aufrichtig kein Aufhebens, weil mich diese Disziplinlosigkeit
entlastet.
30.9.
Dank produktiv kanalisierter Prokrastination stehen auf meiner To-Do-Liste nur noch Arzttermine, und unter den Emails schauen leere Zeilen hervor. Morgen bleibt also keine Ausrede beim Schreiben (außer Meteoriteneinschlag). Der Himmel schaut heute eh schon vielversprechend in dieser Sache aus.
***
Willkommen Österreich informiert uns über die Existenz eines Herrn Heinz Scheißerle. Coala schreibt tags darauf, dass einer ihrer Flugbegleiter den Namen „Orschi“ führt.
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