Dienstag, März 31, 2026

Despotenkot und Frühlingslob. Marianengräben des Alltags: Alles so ambivalent hier

Lebenskrimskrams im März 2026

 

1.3.

Nie versiegende Freude über Terminlosigkeit. (Termine – Termiten im Holz des Lebensbaums).

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Das Stifterhaus zeigt auf Instagram einen Fund im Literaturarchiv: Handke hat Hans Eichhorn einen getrockneten Steinpilz geschickt, „in dem sich bei der Aufarbeitung des Nachlasses noch ein Wurm befand“, der im Archiv „Benutzer:innen, per Anmeldung, während der Öffnungszeiten zur Verfügung“ stehe.

2.3.

Der Tag rauscht vorbei wie ein Schwarm Spatzen. Immer mehr Amseln im Garten, das wird vielleicht ein gutes Vogeljahr.

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Im Hemd mit dem Hund raus, Frisbee in den Sonnenuntergang geschmissen, der heute sogar den Zentralraum hübsch aussehen lässt.

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Andrea lässt sich scheiden“: Der Mehrwert der Melancholie erschließt sich mir nicht, dabei wäre ich wild entschlossen gewesen, den Film gut zu finden. 

3.3.

Traum von einem Kulturausflug, an dessen Ende sehr viel aufzuräumen ist. Der LH kommt und hebt mich zum Abschied in die Höhe. Hilfe! Ich darf auf keinen Fall noch tiefer in dieses Kulturland-OÖ-Gewebe eingeflochten werden.

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Die Zahl der Sitzungen in meinem Leben nimmt ein unangenehmes Ausmaß an (eigentlich wird’s mir ab der ersten pro Monat unangenehm). „Was machen die armen Leute, die keine eigene Sitzung haben?“, sage ich zum Buttinger, mit dem ich am Morgen eine Stunde früher raus muss wegen einer Sitzung.

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maschek: Auf einmal taucht am Ende der Sendung Herbert Haupt auf und redet den tollsten Scheiß über Tiere, zu den Schafen sagt er etwa, „so jetzt werdet's beschlagen, ihr Afferl!“

4.3.

Traum von einer Gerichtsverhandlung als Ausflugsziel. Es wird in allen Reihen warm gejausnet, während die eher unseriös wirkende Richterin entgleisende Gardinenpredigten hält. 

5.3. Hahnbaum

Beim Gehen dauerndes Schwanken zwischen Unlust (schwere Beine) und Glück, weil es so schön ist schon im März. Ich muss mir Mühe geben, nicht bei jedem Schritt Schneerosen zu zertreten. Zu Mittag ruhen Fini und ich auf einem Bett aus Erika. Saharastaub am Nachmittag, milder Sonnenbrand. 

6.3.

Im Irrglauben, dass sich die fehlenden Lesebühnentexte bis zum Abend nicht mehr ausgehen werden, lege ich eine extra Trödelsession ein, um den Panikmodus zu aktivieren, auf dass ich dann binnen einer Stunde die Texte aus mir herauspresse. Ein Manifest des „Wird schon reichen, ist ja eigentlich nicht bezahlt.“ Es ist völlig egal, ob ich 300 oder 3 Tage Zeit habe (bei drei Stunden wird’s knapp, aber gegen Geld würde ich's versuchen).

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Es ist schon fast wieder zu heiß. Leichte Freitags- und Frühlingsmanie.

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Michi K. lädt mich zwecks Frauentagsansprache ins FRO-Studio, wo ich 20' lang Sachen sage wie: Eine Frau müsse auch nach einem anstrengenden Tag im Büro sich trotzdem die Zeit nehmen, um dem Mann zuzuhören, wenn er von seiner Hausarbeit und den Kindern berichtet. Anteil nehmen, nachfragen. Hat nicht eines unserer Kinder irgendwann Geburtstag, was, übermorgen? Ich rede daher wie eine regionale Billigkopie von Olaf Schubert.

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Die Herren haben sich vom „Omi“-Thema zu Beiträgen über das Altern und Pensionsversicherungsproblematiken inspirieren lassen, ich zum Omatriarchat. Tamara Stocker entzückt das Publikum wenig überraschend, auch wenn es (und wir) im Gegensatz zu ihr dem Wechsel näher sind als dem von ihr beklagten Danaergeschenk der Fruchtbarkeit.

Wir gehen heim mit Monets üblem Ohrwurm „Iss dein Brei!" Mehr zur "Omatriarchat"-Lesebühne ("Auf ins Goldene Omatriarchat") gleich nebenan bzw. hier die Nachlese im OLW-Blog

7.3.

Elaine (59): „I seriously have to go back to my childhood. I have no clue how all this works!“

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Soziales Versagen am gesamten Wochenende.

8.3.

In der Hoffnung, dass dem Feminismus auch mit solidarischer Faulheit gedient ist, trinke ich Bier im Wintergarten, während der Buttinger in der Küche werkt. Er hat am Nachmittag zwei Stunden lang irgendwas im Garten geschnitten, ich sehe zwar Wolken von Grünschnitt, jedoch keine Ergebnisse, natürlich lobe ich ihn trotzdem, denn so ist es nicht nur im Garten, sondern im Leben.

9.3.

Heute soll ich mich für einen neuen Romantitel entscheiden, weil weder „Die Raumforderung“ noch „Der Mensch gehört nicht in die Wildnis“ beim Verlag reüssiert haben. Leider zu recht. Derzeit zumindest bei mir ganz vorne im Rennen: „Mehr Himmel, als gut für uns ist“.

Update: beim Verlag auch!

Finale: Franz W. gibt mir seinen Segen. Er habe selbst gerade beim Wisser den EWHO-Songtitel „I am the Wallraff“ erbeten, wenn der jetzt wiederum etwas von mir fladere, sei die kulturelle Kreislaufwirtschaft in Gang gebracht (meinerseits ist es eine lineare Kreiskywirtschaft).

Abends dann, zur Belohnung und Behaglichkeitsherstellung langes Kramen und Bilderaufhängen.

10.3.

Internationaler Wahnsinn, in der tatsächlichen Gegenwart allgemeines Ringen um unerschütterte Zivilität. Immerhin blüht die Forsythie. Jedes Jahr ein leichtes Versagensgefühl, weil ich keine Schneeglöckchen habe, alle anderen schon. Im Mai dasselbe dann in Grün (Margeriten).

Mit dem Hund in die Au und zur KUPF, wo mir mitgeteilt wird, dass ich nur wegen Fini in den Vorstand gewählt worden bin. Völlig akzeptabel und nachvollziehbar für mich. 

11.3.

Ein kleiner Flash auf dem Weg durch Linz, vor exakt 20 Jahren ging das los. Da kommen mir L. und T. entgegen, in fast französischer Urlaubsaufgekratztheit, weil sie gerade so gute Croissants gegessen haben. Im Grunde ist alles besser geworden in diesen Jahren (im Privaten fix). 

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experiment literatur. Einzinger wie immer einzigartig. Wieder ist er ganz beglückt über seinen Schaffensdrang, die Zweifelscheißer Peter Clar und ich bewundern ihn dafür aufrichtig. „Seid's ihr zwei zu faul zum Romanschreiben, oder was?“, frage ich nach dem Wert der Lyrik. Einzinger gibt zu, selbst fast keine Lyrik zu lesen, wofür er sich sehr schämt. Jemand habe ihm einmal gesagt, dass er „Von Dschallalabad nach Bad Schallerbach“ fünfmal gelesen habe, das habe ihn fast befremdet. 

Später schicke ich die Fotos des Abends, Peter Clar richtet mir aus, dass seine Frau gemeint habe, er sehe darauf aus wie ein gediegener älterer Herr. „Wir sind gediegene ältere Herren!“ schreibe ich ihm in freudiger Überzeugung. 

12.3.

orf.at: „Eiermarkt angespannt“

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Potyka schickt ein Mail mit dem Betreff „Cover“, mein Herzschlag wird spürbar. Ich öffne es, sehe den Betreff und schon geht wieder alles seinen Gang, denn der Entwurf ist schön geworden.

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Beim Aufhängen dreier Sonderangebots-Nistkästen (viel zu spät) geht ganz dramatisch die Sonne unter. Dann während einer dramatischen Fukushima-Jahrestags-Doku gemütliches Möbelumstellen, immer diese seltsame Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. 

13.3.

Sengsen. Vertrödelt und verkalkuliert, zu spät weg, noch zu viel Schnee, zu faul zum Stapfen. Immerhin am Aussichtsplatz auf dem Weg zum Anderle-Biwak gejausnet und gerastet. Grantig abgestiegen und aus einer Laune heraus einem neuen schmalen Weg gefolgt, der sich als beglückend erweist.

Es ist schon wieder zu warm. In zwei Monaten kann man hier wohl schon wieder nicht mehr gehen, ohne drei Liter Wasser zu schleppen.

Fini rennt einer angespeistes Gams nach, die noch nicht weiß, dass sie nur die Laufrichtung ändern müsste.

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Im Zug nach der GAV-Lesung ("Zur Lage", unser Versuch, die Welt doch irgendwie zu retten, würden nur die Trottel kommen und zuhören.) Ein paar Reihen weiter nennen Burschen einander Schwuchtel und Hurensohn, sie sind sehr enttäuscht, dass es heute zu keiner Schlägerei gekommen sei (weil so wenig Hartberg-Fans im Stadion gewesen seien). „Owa beim Voiksfest wird scho gschlägat, fix!“ 

14.3.

Ein sicheres Haus“ - ich möchte das nicht lesen, das ist was für Männer, die noch keine Ahnung haben, wie gschissn Ihresgleichen oder gar sie selbst sein können. Man müsste den Toxischen unter ihnen die Beziehungslizenz entziehen, wie Hundehaltern nach einem Beißvorfall. Unwillkürlich summe ich „Gut, dass du kein Callgirl bist!“

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In der Kletterhalle hängen sich die Burschen für die Klimmzüge 30-Kilo-Scheiben zwischen die Beine, sie nennen einander in jedem Satz Digga. Auch die Schwabo-Buben reden diesen seltsamen Influencer-Sozio-Ethnolekt, einer kann ihn noch nicht gut, er ist wohl aus dem höheren Mühlviertel.

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Die ganze KI ist ein einziger, riesiger Scam. „Hallo, ich bin wie ein Mensch, gib' mir was, aber leider können wir uns nicht treffen, trotzdem liebe ich dich und ich weiß genau, was du brauchst, rede weiter!“

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Irre, das „Quiet Quality“ auch schon wieder 20 Jahre alt ist, da war die Prokrastination noch die neue Sau im Diskursdorf.

15.3.

Wels, Waschaecht-Generalversammlung: Die einzigen CEOs, die ankündigen, sich kurz zu halten und sich dann KURZ HALTEN!!!1!! Und man soll während der kurzen Berichte schon tüchtig jausnen. Ohne Genierer packe ich später die Reste in extra mitgebrachte Tupperdosen.

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Coala und ich tauschen die Früchte unseres Ausmistens bzw. unterschlagener Tombolaspenden, es herrscht steter Glumpertfluss zwischen uns Meindlfrauen. Bald sind wir vier Frauen und reden über Sex und Mord (in Literatur und Beruf). Alles andere ist Mumpitz. 

 

16.3.

Coala erzählt, dass der Bürohund Pommi eine Therapie bekommen habe, um zur Ruhe zu kommen. Die Halter sollen mit Düften und Klängen arbeiten – und zwar immer dieselben. Schon jetzt hassen sie den Nussknacker, der sie nun bis ans Lebensende des Hündchens begleiten wird.

17.3. Linz – Graz

An einem Frühlingsmorgen mit Muße und Hund Freundlichkeiten ernten. Dann mit dem InterRegio direkt, aber extrem langsam von Österreichs Stadt Nr. 3 in Stadt Nr. 2 tschuggeln. Wie bei der Wasserscheide am Pyhrnpass sind die Züge nur zwischen Linz und Neuhofen gefüllt, sodann herrscht Stille und Leere, ab Leoben steigen dann wieder die Massen zu. Dazwischen verkehrt diese Linie nur aus Gefälligkeit für sieben Reisende.

Zwei Lehrerinnen legen saure Zuckerpfirsiche auf den Tisch, übermächtig ist mein Impuls, einfach zuzugreifen. Sie reden über Kinder, die jede Aufgabe verweigern, etwa kein Wort in das Schularbeitenheft schreiben. Deren Zahl scheint überraschend hoch.

Auf dem Weg ins Hotel höchste Bereitschaft, alles mit einem absurd exotischen Blick zu sehen. Ah, die südlichen Fensterläden! Alle Frauen halten Märzenbecher in der Hand!

Im Fitnessraum des Hotels komme ich mir vor wie ein Mensch, der sein Leben fest im Griff hat.

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Während der Literarischen Soiree dreht sich mein Imposter-Syndrom in sein wahres Gegenteil, ich BIN eine Hochstaplerin, und ich muss mich jetzt wirklich bemühen, zwischen den zwei Bachmann-Vorsitzenden endlich irgendwas zu sagen. Ich starte mit etwas Landschaftlich-Derbem und sage, das bitte wieder rausschneiden, sonst könne man's nicht auf Ö1 senden. Wir sind uns aber bei den Büchern überraschend einig, besonders beim Enthusiasmus für Gardi. Nur beim „Sicheren Haus“ gehen Männer und Frauen ein wenig auseinander, für uns Letztere ist das keine Bedienungsanleitung, die nicht in falsche Hände soll.

Kastberger versucht als gebürtiger Gmundner, mir die Nebel-Credibility abzugraben, aber da kenne ich nichts. Linz – Mekka der Vampire. 

Beim Essen allerhand lustiger Gossip aus dem Betrieb, den ich mir nicht zu verraten traue. (Andererseits, wer liest mein Zeug hier?!) Nur so viel: Insa Wilcke ist ausnehmend freundlich und beschämt uns ein wenig mit ihrer sehr korrekten Compliance beim Rezensieren etc. „Wie macht ihr das?“ „Wir lügen viel.“ Wir wetteifern ihr gegenüber im Vernadern Österreichs und hoffen, dass sie sich das Land trotzdem nicht madig machen lässt.

Und diese Indiskretion geht auch: Kastberger hat eine sehr gute Pilar-Geschichte. Er habe mit detektivischem Eifer beobachtet, wer wann mit wem in Jurys sitze, um ihnen dann gezielt und vereinzelt aufzulauern und sie für ihr Missachtungswerk an seiner Person zu beschimpfen, warum er schon wieder diesen Preis und dieses Stipendium nicht bekommen habe.

18.3. Graz

Beim Frühstück fragt Wilcke, ob bei uns auch die Stimmung so schlecht sei, das Gefühl so stark, dass alles den Bach runter gehe? Andreas Jungwirth: „Ja, aber mit dem Unterschied, dass es bei euch in Deutschland ja stimmt.“ Wir einigen uns bei der Frage, wie man das alles gerade aushalte, auf das Vertrauen ins Funktionieren des Alltags. 

Beim Heimfahren im Zug gutes Plaudern mit Jungwirth, weil er auch ein guter Typ ist. Ein paar Tage später schickt er mir „Alle meine Namen“, das mir sehr gefällt.

Weiter durch die Infrastrukturbrache. In Roßleithen steigt eine Mutter mit ihrem etwa zehnjährigen Sohn ein. „Woat, Mama, i red glei mid dir.“ Sie scheinen oft miteinander unterwegs zu sein, sie sind auffallend freundlich und verbunden miteinander.

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Starker Vogelsang in Wilhering. Fini darf zum ersten Mal in die Donau, sie ist ganz klar. Emsiges Herumräumen im Haus, zwecks innerer Ordnung.

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Primo Levis Beschreibung seines Freundes Sandro, einen leidenschaftlichen Bergsteiger, den am Ende die Faschisten erschießen – groß.

19.3.

Thomas Anders heißt jetzt anders.

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Das Haus so herrichten, dass man beim Heimkehren reinschlüpft wie in ordentlich hingestellte Schlapfen. (Eine Neurose, die sich mit dem Alter vertieft.)

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Am Donaustrand ein Sonnenuntergang wie ein die Jahre gekommener Ehemann, der sich extrem bemüht um seine Frau, die sich für ein Abenteuer rüstet.

 

20.3. Tirol – Winnebachseehütte – Riml-Spitz

Drei Stunden fröhliches Schnattern mit den beiden männlichen Hausfrauen und Müttern im Zug, aber der Wortfluss gerät abrupt ins Stocken, sobald wir ins Auto unseres Osttiroler Bergführers geschlichtet sind. Mittlerweile gehen wir davon aus, dass er uns auch mag (im dritten Jahr gemeinsamer Touren).

Er erzählt dann doch etwas, dass er mit irgendwelchen Wienern am Großvenediger gewesen sei und unter ihrer Divenhaftigkeit gelitten habe. Das Essen nicht gut genug, die Tour zu anstrengend, die Hütte zu unbequem. 

Seine Umsicht bei der Tour macht mich im Nachhinein etwas betroffen in Bezug auf meine eigene Unbedarftheit am Anfang meiner Ski-Zeit – was ich da alleine angestellt habe in den Stodertälern... das ist nicht schneidig, sondern bissl deppert.

Immer wieder dieser seltsame Kontrast zwischen der Weite der Welt da draußen und der Enge drinnen. C. und ich teilen uns ein Zimmer, das keinen Quadratzentimeter kleiner sein dürfte, sonst überkäme mich die Platzangst. Aber wir sind sehr geschickt im Platzmachen, die meiste Zeit liegen wir eh und lesen emsig. Das Hüttenleben werde ich nicht mehr lieben lernen, das damit einhergehende Nichtstunmüssen hingegen schon. Der ganze Bewegungsdrang kanalisiert ins Tagesprogramm vor der Tür.

21.3. Winnebacher Weißkogel

Bevor wir in einen strahlenden Tag losstapfen, bricht es aus der Osttiroler Kruste richtig heraus: Er genieße es sehr, mit uns unterwegs zu sein! Wir OÖ. Schnatterer schweigen ergriffen.

Es liegt so viel Schnee, dass ich den Glauben zurückgewinne, doch Skifahren zu können. Die Temperaturen fühlen sich an wie Grüße aus den Wechseljahren.

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Starkes Hineinkippen in Hustvedts „What I Loved“. Es wird schon an sich gut sein, wie immer macht aber die Möglichkeit, überhaupt ins deep reading hineinzukippen, den Unterschied. C. sputet sich, um mir Melandris „Kalte Füße“ mitgeben zu können (dabei ist der alte Rucksack eh schon so voll, dass die Nähte platzen).

22.3. Kühlehnkarschneid

Seit Tagen sind wir im Funkloch, was natürlich sehr gut ist, aber auch irritierend. Oben in der Scharte ist Empfang, wir heben die Köpfe zur Landschaft und senken sie über die Bildschirme, im Wechsel, wie ganz langsames Nicken.

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Ich werfe die Nerven weg und kaufe mir ein Duschmarkerl. Das Wasser von der ersten bis zur dritten Minute eisig. Ich frage, ob das eh so gehöre und bekomme ein sehr schlichtes „Ja“ zur Antwort, als hätten nur verwöhnte Diven anderes erwartet. Mein Beitrag zum Energiesparen. Notiz an mich selbst: ab jetzt tapfer münkeln. 

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Freude an der brüderlich-väterlichen Integrität der drei Männer, das ist nicht einfach ein erholsamer Kontrast zur ganzen toxischen Männlichkeit da draußen, sondern im Grunde eh genau der Alltag, an den man glauben kann.

23.3. Breiter Grieskogel – Ötztal – Wels 

Eine große Tour. Wir sind nun alleine unterwegs und freuen uns doppelt über das Gelingen. 

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Über kurz oder lang wird allen Hütten hier das Wasser ausgehen. Sämtliche Karten veralten rasant mit dem Rückzug der Gletscher. Ich wiederhole: nicht mehr duschen ab jetzt. 

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Im Ötztal unten wie immer der Clash mit Landschaften und Temperaturen.

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Mit der letzten Kraft heim. Mir stehen die Haare zu Berge, bis zur divenhaft heißen Dusche.

24.3.

Immer sollte man nie weg gewesen sein, wenn es nach den Bedürfnissen der anderen geht. Es sollte mich immer weniger Energie kosten, sie abzuweisen.

Den Tomatenpflanzen bin ich nicht abgegangen, aber Fini liebt mich heute besonders.

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D. schaut vorbei. „Hast du gegessen?“ „Ist das ein exotischer Gruß, oder hast du wirklich was für mich?“

25.3.

Immer noch im Bann von „What I Loved“ und etwas nostalgisch nach einer Zeit, in der man noch in New York leben wollte, und dort etwas Großes werden.

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Josef Hader nähert sich dem Stadttheater mit der geübten Unauffälligkeit des Stars, der er ist, mit einem Shoppingsackerl voll Apothekenware. Alle sind bemüht, sich nichts ankennen zu lassen, aber die Luft knistert vor Zuneigung. Bei mir besonders, weil ihm Fini so gut gefällt, dass er auf den meisten der Fotos zu ihr und nicht in die Kamera schaut. Die Foto-Olympiade für die "Freunde des Schlachthofs" ist notwendig, weil alle vier Jahre mein Haar so viel Farbe lässt, dass man mich auf den alten Fotos nicht mehr erkennt. 

Hader on Ice“ ist noch einmal so viel besser als am Anfang, was bestimmt auch daran liegt, dass ich das Programm nicht im unbequemen Zirkusgestühl mit Maske im Gesicht anschauen musste. 

27.3.

Zur Weltlage fällt mir immer weniger ein. Die Spalttiefe zwischen Alltag und Welt gerät allmählich in die Kategorie „Marianengraben“.

Ein Bundesheerhubschrauber direkt über meinem Luftraum, müssen die mich nicht wegen einer Überflugsgenehmigung fragen?! Ich google die Kubikmeter meines Himmelsbesitzes nach oben hin und ob eh kein Krieg ausgebrochen ist.

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Der Tag zerrinnt zwischen den Fingern ohne nennenswerte Resultate, aber das ist keine Beschwerde. Auch das oben beschriebene Auseinanderklaffen nicht, aus schierer Egozentrik. Zufriedene Apathie, besonders am Abend.

28.3. Zwettl

A.s Apotheker hat es zu „Willkommen Österreich“ geschafft, wegen seiner sagenhaften Unfreundlichkeit. Da seien schon reihenweise alte Damen mit verheulten Augen herausgekommen. Der hätte vielleicht auch den Hader angeblafft, was er so viel kaufe?! Auch der Kollege in Schönering ist eher unangenehm – gehört das zur Job-Description, um Hypochondrie im Zaum zu halten?

A. schaut versonnen auf das liebe, zahlreiche und grauhaarige Publikum. „Frogst du di aa so oft, wo unsa Publikum in 20 Joa sei wiad?“ Wir sollten uns allmählich etwas einfallen lassen – leichter, als Jüngere zum Lesen und vor allem braven Zuhören zu bringen, wird’s wohl, gezielte Longevity-Maßnahmen für unsere lieben Boomer zu ersinnen. Außerdem weiß ich nicht, was die Jungen lustig finden, in Zwettl funktioniert der Gut-Aiderbichl-Text recht gut.

Wir tragen unsere Gage gleich hinüber in den Feinkost-Automaten. Die Bobo-Preise (8,61 € für einen schmalen Keil Schafskäse) beunruhigen mich – ist das die Kostenwahrheit, wenn wir ehrlich mit Mensch und Tier wären? Ächz.

29.3. So

Am Tag der Sommerzeitumstellung den Kachelofen einheizen (Ende Oktober wird’s dann wohl zum Schwitzen). In diesem Frühling fühlt sich jedes neue Tief wie ein persönlicher Affront an, ein Schlechtwetteraffront!

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Primo Levi ist wie ein Ausflug in die eigene Lesevergangenheit der späten 1990er, auch wenn mich das soziale Leben der Elemente (= Chemie) immer noch nicht zu faszinieren weiß. Wer mit wem, das ist mir doch egal!

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Fini streckt sich und ächzt dabei, als arbeite sie sehr hart daran, auch noch die allerletzten Prozent bis zur Erlangung des vollkommenen Wohlgefühls zu schaffen.

30.3.

Mini-Jetlag + Mini-Kater

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Putin ist so paranoid, dass seine Exkremente nicht einfach so in den Kanal dürfen. Irgend ein armer Knecht muss den Despotenkot sammeln und – ja, was? Im geheimen Mausoleum vorbestatten, weil schon alles von Putin Kommende göttlicher Natur ist? Im Kack-Reaktor verglüht werden? Man denkt an Kapuścińskys Schilderungen des Ras oder Schahs, wo es eigene Zuständige für Hundehinterlassenschaften gab.

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Mein „Oeuvre“ braucht einen zweiten Regal-Halbmeter – nach sehr großzügiger Auslegung des Werk-Begriffs. Zufrieden bin ich immerhin mit den albernen Titeln, die ich den seriösen Institutionen bislang unterjubeln konnte: „Der Tagatha-Panther“, „In Schwanenform Ryan Reynolds gebumst“, „Innere Mongolei“, „Semtext oder wie wir versucht haben, etwas für die Rampe zu schreiben und dabei irrtümlich Linz in die Luft gejagt haben.“

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Bei Gelegenheit weiter über die Kluft zwischen E und U in der erlebten Praxis nachdenken: Die vielen Klagen der Kolleg*innenschaft über die scheußliche Lage der Welt und die Verdummung der Leut' haben schon ihre Gründe und Anlässe, lesen möchte ich sie aber lieber nicht. Mir ist wohl aktive statt passive Aggression gerade lieber. Nein: positive Aggression. Jammern und Satire richten beide gleich wenig gegen Rechtsruck und Tech-Faschisten aus, aber man kann es in der Apokalypse wenigstens noch ein wenig lustig haben. Es wächst auch meine Unlust, mich durch Kunst und Kultur traumatisieren zu lassen, dass also immer ein Hund sterben muss, um Dringlichkeit zu vermitteln.

Am Nachmittag gehe ich dann in den Garten und verübe mit der kleinen Kettensäge ein kleines Massaker am Flieder.

Buttinger lacht, als ich ihm eröffne, heute in Schönering bleiben zu wollen. „Eh klar, wenn man dir einen Tag anbietet, nimmst du ihn!“ Wir alle sollten so handeln, immerhin ist die Zahl der Tage, die uns das Leben anbietet, begrenzt! Andererseits behalte ich das lieber für mich, ich bin wirtschaftlich extrem angewiesen auf Leute, die am Abend gern ausgehen und sich was vorlesen lassen. Eine neue Folge aus der unendlichen Reihe „Gut, dass nicht alle so sind wie ich“.

Nachts läuft eine arte-Doku über Terrence Malick – so kann ich die Kunst und das Ernste nehmen, wegen des Naturschönen. Der Wind, das Gras, die Blicke, das ist schon groß.

31.3.

Intensiver Traum, als habe sich erst in dieser Nacht der eingelagerte Weißwein aus irgendwelchen Depots gelöst: Ich lasse das Auto irgendwo stehen in einer Parkgebührenzone, ich muss nachts aber mit dem Rad und später barfuß von Linz nach Schönering, auf halbem Weg drehe ich um und muss Menschen bitten, mir beim Wiederfinden des Autos zu helfen. Nirgends ist es zu finden, kein Licht blinkt, da kann ich noch so oft auf den Schlüssel drücken. Jemand sagt mir, dass graue Kombis gerne gestohlen werden (spätestens da hätte ich erkennen müssen, dass ich träume!). Da steht der Vater vor mir und sagt, wenn das so sei, müsse ich mir halt endlich einmal ein eigenes Auto kaufen, von meinem Geld. Möge das wache Leben weiter besser bleiben als mein geträumtes.

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