Lebenskrimskrams
im Dezember 2025
1.12. Wien
Eine Jurysitzung. Zwanghaft schlüpfe ich wieder in die Rolle der unseriösen Tante, bald sagt die Vorsitzende freundlich, sie schreibe jetzt meine Vorschläge nicht mehr mit („Keine Prämie für Leute, die in Dubai Urlaub machen!“). Eigentlich hätte ich noch zum Trinken mitgehen und die lieben Leute von den Literaturhäusern viel mehr ausfratscheln sollen. So erfahre ich zumindest, dass Franzobel zu Lesungen immer sein eigenes Bier mitnimmt, weil es sonst ja nur Wasser gibt.
Nachts löse ich den Hund aus. L. eröffnet mir, dass mein
Godnkind seit Neuestem angesichts von Kraken total ausflippe, mit
knapper Not hatten sie den Riesenkalmar an der Decke des Hauses der
Natur vor ihm verheimlichen können. Eigentlich möchte ich mir ja schon lange einen riesigen Kraken über die Schulter tätowieren lassen... Dann reden wir sehr lange über die viele heiße Luft in unseren Businesses bzw. unser Imposter-Syndrom.
2.12.
Mache ich lieber mein Erbe oder meine Zeit zu Geld? Ich versuch's mal mit Bookbot.
***
Wenn
die ZEIT doch nicht ewig diese feisten Beilagen schickte! Man kommt mit
dem normalen Papierwahnsinn schon nicht durch! Heute: 100 Bücher des
Jahres, von denen ich nur vier gelesen habe, weil ich ja immer nur die
ZEIT lesen muss statt Büchern.
3.12.
300 Höhenmeter über dem Büro herrscht Winterwonderland, dafür habe ich ab Donnerstag keine Termine mehr, also drinbleiben im Sud.
***
„Schande“ beim experiment literatur. Vienna Rest in Peace geht alle Instrumente durch (Ralf: „Und d'Saugeign is d'Saugeign.“ Alle: „Ja.“) Ob sich denn so ein gewissenhafter Soundcheck für die Welser denn auszahle, frage ich den Ostermayer – zu meiner Schande, denn das Haus ist voll, alle glücklich, nachher leeren sie den Merch-Gabentisch. Ostermayer ergreift das Heft der Handlung und kündigt sich einfach selbst an, verbunden mit dem Versprechen, sich heute den Schwanz NICHT zu panieren. Ich könnte jeden seiner folgenden Sätze mitschreiben, ich habe fast durchgehend gelacht. Nur beim Text über das Muttersterben nicht, wo Faschingskrapfenmarmelade aufs schüttere Schamhaar tropft bei der Verkündigung, dass er mit 67 jetzt Vollwaise sei. Wahrscheinlich finde ich ihn so großartig, weil er (neben allen anderen Fähigkeiten) alle so nahe an sich heranlässt. Besonders schön seine Liste aller, die sich was schämen sollten, weil sie Bücher, Filme, Songs mit dem Titel „Ich bereue nicht“ veröffentlicht haben.
Autofiktion: Ein bescheidener Einbrecher ertappt den Erzähler beim Wichsen, woraufhin sich die beiden höflich miteinander zu unterhalten beginnen. „Nicht einmal einen abgeschnittenen Fingernagel gönne ich der Kunst!“ sagt der Onanist etwa.
Schließlich der großartige Schlusssong:
„Schande über die Konzeptkunst
und ihre Klugscheißerei
Schande über alles Schöne
und das Schiache sowieso“
***
Ganz am Ende ihrer Dienstzeit treffe ich Mieze dann doch noch in Wels. Sie müsse sich jetzt auf die neue Generation einstellen (wo sind wir grade, bei Alpha?), und erzählt von einem Kreativschreib-Lehrgang, bei dem manche der Teilnehmer*innen zum ersten Mal mit dem verrückten Konzept „Lesung“ konfrontiert werden. Mieze: „Wir performen, ihr hört zu.“ „Darf man da auch andere mitnehmen, zum Beispiel Mütter?“
(Das
erzähle ich später Coala, und die weiß von A., dass eine junge
Frau beim Bewerbungsgespräch fragte, ob sie ihre Mutter mitnehmen
dürfe. Eine andere fand die Firma nicht und sagte den Termin
ennerviert ab.
4.12.
Was machen die Menschen eigentlich, denen man nie ein Mikro in die Hand drückt, in das sie ranten dürfen? Mir ist nach der Stunde im dorfTV (Es geht um imho doofe OÖ Hausordnung) schon ein bisschen leichter – gleichzeitig habe ich danach wie immer die Angst, jemanden verletzt zu haben. Anstrengend. Fatih sagt alles, was ich eigentlich sagen wollte, nur ein wenig präziser. Ein Guter. Mir bleibt die Forderung nach mehr Mehrheitenrechten (also Matriarchat). Wir sehen die Sendung dann ein paar Tage später zufällig beim Zappen. Buttinger schaut eine Weile zu. „Vo dir mecht ma echt ka Watschn kriang. I geh jetzt ins Bett, bevorst wos auzindst.“
***
In der Kletterhalle schaffe ich eine Schwamberger-7a am Automaten beim ersten Versuch bis zum viertletzten Zug, das möchte ich auch einmal festhalten!
***
Wie
schnell und wie langsam zugleich so ein Tag vergeht.
6.12.
Weißwein ist mein psychoaktiver Scheiß. Zuerst träumte mir von einem gewaltigen Waldbrand im Toten Gebirge. Dann will ein Mann zum Buttinger und mir ins Schlafzimmer dringen, nur ich kann ihn sehen, habe aber natürlich Schlafparalyse und schaffe nicht mehr als ein jämmerliches Maunzen. Buttinger sagt, er habe zuerst geglaubt, der Hund fiepe, die auch gleich ihre Schnauze besorgt neben mein Gesicht legt. Im zweiten Traumteil findet – fast noch ärger! – das Festival der Regionen bei mir statt, im Haus. Ich habe keine Zeit für das Ganze, was die Veranstaltenden sehr traurig macht.
***
T. rät mir im Thalia, eines meiner Ohren als Reliquie dem Schlachthof zu vermachen.
***
Hundemesse in Wels, die Stadt ist voll davon. <3
***
Intensives
Liegen und Lesen. Es ist ein wenig so, als würde die seelische Ernte
des Wandersommers reif geworden. Die Sommerstunden auf der Weißen Wand
kommen mir vor wie edles Seelen-Kimchi, die Hetzkogelumrundung wie
Nussgeist.
8.12.
Feichto-Schinden. In 1,5 Stunden ist immerhin die ganze GAV-Lesebühne fertig geschrieben.
***
K.s juristisches Roman-Konsilium ist ein Traum! Aus meinem „sie sah mich ratlos an“ macht sie „sofort ernsthaft überlegend“, die ganze Passage klingt jetzt exakt nach ihr, wofür sie sich innigst und wiederholt entschuldigt, sie mag es mir nicht glauben, dass mir das sehr gefällt. „Aber einer Schriftstellerin redet man nicht drein in ihr Werk!“ Wie herrlich, hätte sie recht. Aber gar nicht erstrebenswert. Man braucht viel Hilfe in der Kunst.
***
Das
Glück des Möbelumstellens. Buttinger hilft mir kopfschüttelnd,
dann trollt er sich und röstet mir Knödel (Glück 2).
9.12.
Fini entdeckt ihr Weihnachtsgeschenk und ist menschlich von mir enttäuscht, dass sie es nicht behalten darf.
***
Insgesamt
neblige Tage, in vielerlei Sinn. War der Dezember meteorologisch
immer schon so scheiße oder ist das der Klimawandel? Dank des
gschissenen Internets wissen wir unfreiwilligen Vampire, dass außerhalb des
Zentralraums ein Leben an der Sonne möglich wäre.
11.12. Eferding 3x3
Ein
Abend wie eine menschliche Schatzkammer. Karin Peschka kniet sich zum
Hund auf den Boden, hinter ihr nähert sich Ana Drezga fast in einer Verbeugung an und sagt,
„darf ich auch Hallo sagen?“ Sie meint nicht mich, sondern den
Hund. Sofortige Sympathie! Elif sowieso Beste: OMG, „Amerika ist
jetzt wieder mit ihrem Ex zusammen!“ Fini furzt aber aus Furcht,
weil Sticker & Prosser so anrauchen, dabei kennt sie das doch schon vom
November. Danach viele gute Worte mit vielen guten Leuten.
12.12.
Unfassbar peinlich, wie zufrieden mich das Umfüllen von Zeug in bessere Behältnisse macht. Es ist reine Ergotherapie ohne jeden weiteren Zweck. Nur halb so zufrieden macht das Ausmisten des Admin-Augias-Stall (ist binnen einer Stunde ja wieder vollgemistet). Dreiviertelzufrieden mit dem Brunnen. Alles wird irgendwie, braucht aber 17 Anläufe.
***
Über
das allmähliche Versagen der Gedanken beim Anblick dieses Nebels.
13.12.
Ohne viel Genierer eine Handvoll Socken für die nächsten Angehörigen gekauft, mit lauter pfiffigen Tiermotiven drauf, das Meiste kaufe ich im Advent eh immer für mich.
***
Im
„Singapur“ sitzt ein oller FPÖler am Nebentisch und erklärt seiner Begleitung allerhand FPÖ-Sachen. Mit was für
Leuten man den Happy Place teilen muss, und das Leben insgesamt.
14.12. Sengsen
SONNE. Man kann nur unterschätzen, wie ekelhaft die vergangenen Wochen waren. Was für eine Leistung von uns allen im Zentralraum, nicht völlig auszuflippen! Gleichzeitig schicken Dani und ich Fotos an die Whatsapp-SChwesterngruppe, ich eins von der Sonne im Bergwald und Dani eins vom Bodensee, Coala antwortet mit grauer Wiener Tristesse und der Feststellung „Euer Himmel sieht komisch aus.“
Auf
dem Schillereck halten Fini und ich ein kleines Schläfchen, ich mit dem
Hundehintern im Gesicht, aber da bin ich hart im Nehmen bei so einem
Glück.
15.12.
Zurück im fucking fog hasse ich schon wieder alle, vor allem Leute im Hofer, die mich nicht einmal anschauen, wenn ich ihnen ausweiche. Es wird Zeit für menschenferne Tage.
Ein Tag auf der Flucht vor dem Roman. Ich taumle durch meine Aufgaben wie die Trottel im Hofer. Die Prioritäten rutschen wie ein Schweizer Gebirgshang. Am Ende versuche ich auch noch, die leidige E-Rechnung für die Sitzung am 1. zu stellen, wofür ich so lange brauche, dass damit allein schon das Honorar vertan ist. Der Staat tut hier sein Mögliches, um Geld von den Kunstschaffenden geschenkt zu bekommen.
***
Kraut,
Schnaps und Keks bei der Godn.
16.12.
BLAUE HIMMELSFETZEN!!!! Als habe die schlechte Tagespresse („0 Stunden Sonne – Linz Top-Urlaubsdestination für Vampire“) den Nebel zur Einsicht gebracht. Die 10 Minuten sind natürlich ein Pflanz. Immerhin keine Hautalterung im Dezember.
***
Wegen Erledigungsdrucks Steuerbelege der Jahre 2008 bis 2017 ausgemistet (wenigstens wirklich ins Altpapier, nicht auf einen Stapel, damit ich die leeren Rückseiten auch noch bekritzle in meiner zwänglerischen Sparsamkeit).
***
Weiterführung der Fotoserie „Wohnsitze in Schönering“, der Fund heute ist besonders schön – ein Gardenasessel als Ansitz vor einem Dachsbau.
***
„Homo
Tapir“ ist eine seltene und beneidenswerte Mischung aus
hochtrabendem Geistesblitzen und fortwährendem Alltagszumutungen,
dazu sogar ein wenig nature
writing.
Hodina kommt relativ schlecht und gleichzeitig sehr gut weg. „Mir
ist egal, was du über mich schreibst, Hauptsache es geht um mich.“ Sehr, sehr lustig!
17.12.
An Miezes Vermutung, dass wir aus dem Slam-Milieu allesamt ein wenig ein ADHS-Ding laufen haben, könnte etwas dran sein. Weiter skurriler Tätigkeitsdrang statt Schaffenswut. Es ist aber auch die mühsame Phase der Entscheidungsnotwendigkeit beim Romanschreiben angebrochen. Ab jetzt pickt, was liegt.
Extremstes
Symptom: Geschirrspülerreinigen, ein Magentraining um 22:39 Uhr. Ich
bin schon wo angrennt.
18.12.
Wieder Sonne! Wieder wie ein kleiner Gruß aus der Küche, in 20 Minuten ist der schöne Spuk wieder vorbei.
***
Heute ist der letzte nüchterne Abend.
***
In
zehn Minuten beantrage ich ein Arbeitsstipendium (für den Roman, an
dem ich seit 2019 arbeite), dann staube ich 60 Minuten das Esszimmer
ab. #priorities
19.12.
Ist es uncool, wenn man sich selbst Tradwive wird?
***
Sleep Roulette: Vor dem Schlafengehen einfach das Handy ganz abdrehen und schauen, wann ich munter werde, weil's wurscht ist, wenn ich erst um 9 Uhr aufwache. Stattdessen ist es dann 6:23 Uhr. Mit der Arbeit fange ich trotzdem erst drei Stunden später an.
***
Heute die Erstfassung des Romans fertig gebracht [Im Nachhinein ist nicht mehr zu erahnen, wie ich das angesichts der ganzen Prokrastination gemacht habe – heimlich an mir selbst vorbei?!].
***
Das gar nicht so kleine Glück: Der Fährmann hebt extra für mich noch einmal die Schranken. Das ist mein letzter Arbeitseinsatz in diesem Jahr, und dann ist es auch noch eine Präsidentschaftssache in Ottensheim. Ich soll eine Kunstverlosung zugunsten des Bauhofs moderieren, darunter ziemliche Kapazunder. Das Objekt, das am dummen Kunstmarkt wohl am wertvollsten ist, schaut zugleich am schiachsten aus – die Schenkung vom Attersee. Mehrmals rufe ich weibliche Namen auf, woraufhin Männer zu mir auf die Bühne kommen, beim dritten sage ich dann, „ihr in Ottensheim seid eindeutig progressiver drauf als wir drüben in Wilhering.“
Danach
stehen wir recht glücklich am Weihnachtsmarkt. N., der jünger ist
als ich, sei nun der älteste MINT-Lehrer reihum. Wir trinken ein
wenig, die Fahrzeuge vom Bauhof machen was mit Glitzer und
Beleuchtung. Zum ersten Mal höre ich „Last Christmas“ und bin
ganz ohne Sarkasmus ziemlich glücklich dabei.
21.12. Sengsen
Eineinhalb Stunden auf den warmen Holzbrettern der Bärenriedlau gelegen. <3
***
Wie
immer small und deep talk bei der nachbarschaftlichen Geselligkeit. Wie immer
mag ich zuerst nicht hin und dann nimmer heim.
22.12.
Einmal im Jahr gehe ich zum Fleischhacker Moser, um meinen Menschen meine Liebe zu beweisen. Und weil es in Schönering kein netteres Shopping-Erlebnis gibt. Dort werde ich zum Dr. promoviert, weil der Rabatt-Eintrag vererbt wird. Der Hund kriegt wieder ein halbes Kilo Putenbrust und kriegt sich darüber nicht mehr ein.
Irgendwie
geht sich wieder alles aus.
23.12.
In
der letztmöglichen Stunde für lange Zeit im Lagerhaus eine neue
Tauchpumpe besorgt und in den Brunnen gehängt. Wie gesagt: Besitz
besetzt. Dann trinken wir Freistädter und Karamelllikör, damit wir es besinnlich haben.
24.12.
Ganz wie erhofft bilden die Hunde im Engelskostüm das Highlight der Heiligen-Nacht-Show. Seil sind die leicht zu Unterhaltenden! Alles, was wir einander schenken und geschenkt bekommen, entspricht der Kategorie „Genau das hat noch gefehlt!“
Fini rührt in der Heiligen Stunde kein Ohrwaschel, es wird ihr also alles recht sein.
Kein
Gin Tonic am 24., kein Cry am
25.12.
Stattdessen
zwei Stunden Mittagsschlaf und sonst nicht viel! So einen schönen
Christtag hatte ich wohl schon lange nicht mehr.
26.12.
Ein
Flötenwahnsinn ohne Drama, beinahe zu früh wieder zuhause. Eh gut,
wenn es am 10. Todestag der Mutter ein wenig gut ist.
27.12.
Ca.
1300 Höhenmeter beim Einräumen des Kellers. Irre: Ich habe jetzt zu
viel Platz! Nein, es gibt da kein Zuviel.
28.12.
Traum,
dass man den Everest von Hartheim aus sehen kann („Man vergisst,
wie riesig dieser Berg ist!“) An seinem Fuß allerhand Skilifte und
Alpinschulen. Wir lassen uns den Besteigungsversuch vom Land OÖ.
fördern, als Lesebühnenausflug. Ja, ich habe Weißwein getrunken.
29.12. Sengsen
Wieder
einmal deppert durchs Unterholz, aber auch wieder sehr tief auf der
Bärenriedlau geschlafen.
2026
– an mir soll's nicht scheitern.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen