Dienstag, August 01, 2023

Die großen Wochen des Jahres zwischen Vorhölle und Gewitterhimmel

Lebenskrimskrams im Juli 2023

1.7.

In meiner Nahwelt wird der Garten immer mehr zum Statussymbol – aber nicht wegen teurer Ausstattung, eher im Gegenteil, sondern bewertet anhand der Wuchsfreude des Gemüses. 

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Beim Welser Antifa-Sommerfest erzählt mir ein sehr lustiger Mensch von seiner eher sehr profanen Hochzeit. Da er nämlich ohnehin schon für seine Sponsion einen Anzug tragen musste, schlug er seiner Freundin vor, gleich in einem Aufwasch zu heiraten. Der überrumpelte Vater, der ihn von der Uni zum einzigen Standesamt, das in den Mittagsstunden Amtsverkehr hatte, chauffieren musste, bremste beim Holland Blumenmark und zwang den arg spontanen Sohn, wenigstens einen Brautstrauß zu kaufen. Die „feierliche“ Ansprache der Standesbeamtin war wegen ihres starken Akzents nicht zu verstehen.

Hundeskulptur in Aschach

2.7.

1000 Kilo Grünschnitt aus dem Garten gezwickt, es fehlt NICHTS.

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Ein Abend mit sehr lieben Freundinnen. Es ist unglaublich, was sich Mütter zusätzlich zum allgemeinen Existenzstress noch alles aufbürden lassen. Das schlechte Gewissen der Frauen ist der Kitt des Patriarchats.  

4.7.

Überraschend, wie gut mir Opernarien gefallen.

5.7. Experiment Literatur

Bissl frech zu dir waren's, die zwei“, befindet Hasi (im tschechischen Birnd-Nerd-Leiberl) nach der Lesung, und ich sage, dass ich eben recht antiäutoritär moderiere. In Wahrheit könnte ich niemals streng zu Leuten wie Birgit Birnbacher und Silvia Pistotnig sein. Wozu auch!?!?!

Reinhard Kaiser-Mühlecker sitzt im Publikum (ich bin nicht so eitel, zu glauben meinetwegen). Später spreche ich ihn vorsichtig auf mein Leid beim Lesen seiner Hundsmordszenen an, Fini schmiegt sich währenddessen eng an Birgit, als verstünde sie. Er erzählt, dass nach einer Lesung eine Frau auf ihn zugestürmt sei, um ihm mitzuteilen, dass sie extra gekommen sei, um ihm zu sagen, dass sie sein Buch sicher nicht kaufen werde, „damit Sie es merken! Und von diesem Krimi-Autor auch nicht, ich habe seinen Namen vergessen!“ Den „Wilderer“ hat sie aber eh auch nicht gelesen, es bleibt ein Rätsel, woraus sich ihre Empörung speist.

Warum schreibst du überhaupt?“, fragt Silvia beim Heimgehen, und sie meint es nicht uncharmant, sondern weil sie sich die Frage selbst stellt. Wir können sie eigentlich nicht beantworten. Nachdem ich sie im Hotel Hauser vorgestellt habe, rate ich ihr, sie könne ja einen Fernseher aus dem Fenster werfen, um zumindest den Eindruck eines wilden Kunstlebens zu hinterlassen.

5.7.

Wo einer recht hat, wird nicht gevögelt.“ Telefonat mit dem wie immer sehr wisen Walter Stadler.

6.7.

Emsiger Abschied vom Haus. Armer Sommerflieder, du musst heuer allein blühen.

7.7.

Hello & Goodbye, Grünspecht auf dem Kirschbaum! Die Rückeroberung der Natur hat schon begonnen.

Letzter Akt vor den Sommerferien: Ein Zwergzicklein am Sumerauerhof heißt ab jetzt "Dominika", weil Yvonne sich beim Facebook-Voting durchgesetzt hat. Ich erglühe vor Ehre! <3

8.7. GRUNDLSEE

Ab jetzt immer nur Grundlsee!“, sagt der Buttinger, vor dem ich meine nassen Augen beim Erstanblick zu verbergen versucht habe. 

Wir räumen das Appartment ein, mein Bücherturm wackelt, während der Buttinger bloß fünf(!) Bücher mitgenommen hat, die ich heimlich fotografiere und an die Schwestern schicke. „Was macht er in der nächsten Woche?!“ schreibt Dani schnell. 

Was sucht ihr mich? Wisst ihr nicht, dass ich zuhause bin?

14.7.

Die vom Herrn Monet gewünschte Wanderung gelingt nicht wie erhofft, da ihm schon nach der ersten halben Stunde hinauf zur Trisselwand die Schuhe unter den Sohlen zerbröseln. Wir tauschen, da unsere Füße fast gleich groß sind, sodass ich von nun  an dahergehe wie eine unbeschuhte Karmeliterin (das habe ich viel später ergoogelt, es gibt ja nichts, was es nicht gibt, also auch die Orden der Unbeschuhten, die Discalceaten).

15.7.

Ich lese im Bett Sibylle Berg („Danke für das schöne Leben“, gut, aber sehr arg), während wir draußen von sämtlichen Blasmusikkapellen der Bezirke BA, LI, GM und KI umzingelt werden, bei dröhnendem Spiel in der Gluthitze.

16.7.

Drei Namen, hervorgewühlt aus dem Zeitungs- und Bücherberg: Nicolaus Steno, Erfinder der Stratigraphie (wer denkt da nicht an seinen Cousin Klaus Strati, Vater der Stenographie?) + Arist von Schlipp, Notar + der tadschikische Archäologe Bobomullo Bobomulloev.

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Hoher Lese- und Wanderdruck auch heuer, zum Glück weiß ich, dass es ab der zweiten Woche leichter wird – und dann gibt es ja noch die dritte. #bliss

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Bei Gelegenheit muss ich René fragen, ob ich beschreiben darf, welchen Zugang er Bob Dylan hat, denn es hat dafür jemand sterben müssen, wie er heute auf dem Balkon erzählt. Eines Tages sei seine Mutter mit einem Plastiksack voller CDs heimgekommen, ganz aufgelöst. Sie habe als Übersetzerin helfen müssen, weil Ungarn bei einem Verkehrsunfall auf der A1 zu Tode gekommen waren. Jemand von der Feuerwehr oder der Asfinag hat ihr danach den Sack in die Hand gedrückt, als eine Art Belohnung, die CDs darin seien am Unfallort überall verstreut herumgelegen. Viele, erzählt René, seien auch kaputt gewesen, nicht aber Dylans „Greatest Hits“. Erst nach einiger Zeit, in der sie oft angehört habe, seien ihm die Flecken auf der Hülle aufgefallen; eingetrocknetes Blut.

Ich schlage ihm vor, einen Episodenroman über einen Kilometer A1 in Ansfelden zu schreiben, da fällt ihm ein, dass er mit einem Asfinag-Zuständigen für Fundsachen gesprochen habe. Einen Winter lang habe der nach einem fehlenden Bein zu suchen gehabt, das erst im Frühjahr zwischen den Leitplanken ausgeapert sei, noch im Stiefel steckend.

Meine eigenen Beine schmerzen heute mindestens lodernd, da ich recht stur auf einem in der Alpenvereins-App eingezeichneten Weg blieb, den es in der Realität definitiv nicht mehr gibt. Erst, als ich endlich einen Forstweg sah, kam ich auf die Idee, die schon ganz rotgebrannten Beine mit der Regenhose vor den Him- und Brombeeren sowie Brennnesseln zu schützen. 

17.7.

Ganz Bad Aussee ist mit Hirschen bestickt und bedruckt. Hietzinger Villen- und Ausseer Zweitwohnsitzerben sitzen im Lewandofsky und berichten einander von der Belastung, die Besitz mit sich bringt. Ein Lederhosenboomer mit dunkel gefärbtem, halblang zurückgegeltem Haar schiebt mit seinen Rauhwildlederslippern eine kaum angerauchte Zigarre durch den Kanaldeckel.

18.7.

Wiedersehensfreude mit dem Dreibrüdersee und dem Widderkar. Ein jähes Gewitter erwischt mich im Erlenkar, aber so gnädig, dass ich es leicht in einem wie dafür geschaffenen Winkel in Fels abwarten kann. 

Zu meiner sehr eigennützigen Erleichterung sind heuer nur sehr wenige Almen bestoßen, nicht einmal auf dem Aibl und der Gössler Alm sind Kühe. Im Herbst hat angeblich ein Wolf drei Schafe gerissen, direkt neben dem Stall im Gaiswinkel. Peter erzählt, dass das bei ihnen in Meißen fast schon normal sei, auch ihm sei schon einmal ein Wolf begegnet, den habe er mit „Schu! Schu!“ vertreiben können.

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Menschen, die ihren Kurzurlaub nutzen, um stundenlang rauchend auf dem Balkon alle Haberer durchzutelefonieren, weiß man da schon was?

21.7.

Buttinger ruft mich vom Auto aus an, ich laufe hinunter zum Parkplatz, damit wir gemeinsam Ö1 hören können, wo Renata Schmidtkunz gerade Erwin Riess interviewt. Er spricht so wahr und gut, dass ich in einem Reflex fast das Handy aus der Tasche ziehen möchte, um ihm das zu schreiben, aber er bleibt tot und das bleibt inakzeptabel.

22.7.

Noch eine Woche – und es ist schon lange klar, dass sich wieder nur ganz wenig ausgehen wird (fünf Touren und acht Bücher).

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Der Blick vom Balkon auf den Campingplatz beschäftigt uns auch heuer wieder, als stünden wir in einer Beobachtungsstation für exotische Lebensformen. Im Schaufenster des kleinen Ladens hängt eine Holztafel: „Das Campers Fluch / sind Regen und Besuch“. True.

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Mindest-Mindset von Losern am Loser 

23.7.

Endlich auf dem Reichenstein. Fini, um deren Trittsicherheit ich mir Sorgen gemacht habe, sieht mir im steilen Salzgraben von oben herab dabei zu, wie ich mich langsam über ein nasses Band schwindle. 

24.7.

Auf allen drei Stockwerken in der Pension halten Tücher mit rustikalen Stick-Wahrheiten Frauen zur Bravheit, Männer zur Tüchtigkeit und Häuser zur Sauberkeit an. Eines fällt aus der Reihe, ein kurzer Blick in den bäuerlichen Abgrund, es heißt sinngemäß: Oft wollte ich verzagen, sagte mir, ich schaff das nie / doch konnte ich's ertragen, frag mich nur nicht wie.

 
Sie beweist: Man kann aber auch erschöpft sein vom Nichtstun im verdreckten Heim

25.7.

Im Traum kehre ich schon heim. Haus & Garten haben sich in ein villenhaftes Chaos verwandelt, aber schlimmer ist, das Putin jetzt mein Nachbar ist. Zuerst versuche ich es mit Appeasement-Politik, dann reiche ich ihm einmal eine Handvoll meiner Chilis durch den Zaun, mit dem Hinweis, dass die aber für einen Mann wohl zu scharf sein werden. 

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Im Ausseer Billa gibt es einen Bücher-Tisch, ich kaufe einen Naipaul, aber erst daheim in Gössl fällt mir wieder ein, dass der ja ein alter Sack mit bekloppten Ansichten über Autorinnen ist, sodass mich jetzt sogar die hinausgeschmissenen 2€ reuen. Damit mir niemand mangelhaftes Trennverhalten zwischen Werk und Autor vorwerfen kann (15 Semester Studium verpflichten), lese ich ein wenig darin, aber zum Glück haut es mich auch literarisch nicht vom Hocker.

26.7.

Leider habe ich es mit den Mathematik-Matura-Träumen verschrien, vergangene Nacht habe ich einen getroffen, der behauptete, ich sei in seiner Klasse, und ob mir schon aufgefallen sei, dass wir heuer, in unserem Maturajahr, noch keine einzige Mathematik-Stunde gehabt hätten? Er kritisiere das pädagogisch schon seit Jahren, aber so sei das eben mit der Zentralmatura. Es folgt eine Episode, in der ich auf der Bühne jeden Einsatz im Stationendrama verpenne, meinen Text nicht gelernt habe und nicht einmal das Manuskript entziffern kann. Teil des Stücks ist ein Avantgarde-Konzert, das ich nach dem Erwachen noch eine Weile als lästigen Ohrwurm mit mir herumtrage.

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In der ZEIT gelesen: Auf Sylt kann man die Pizza „Tippitoppi“ um 999,99 € essen, belegt mit den gesammelten Speisedummheiten der Reichen. Ich würd' sogar ein bisschen was zahlen (ca. 9,99 €), um Trüffelcréme & Hummer NICHT essen zu müssen.

28.6. 

 Bizarre Bräuche der Mitmenschen. Die neuen Nachbarn stecken ihre Köpfe über den Sichtschutz zwischen unseren Balkonen, winken mit den Zigaretten und entbergen uns viele Details ihrer Lebensgeschichte. Dazu entzünden sie Vanille-Duftkerzen, um den Gestank der frisch gemähten Wiese und des regenfrischen Bergwaldes zu überdecken.

Lutz Maurer schaut vorbei, er schlägt mir vor, einen Wanderführer zu schreiben, da muss ich lachen, denn ich bin die Maria Callas des Verkofferns und habe mich als solche vier Stunden zuvor jämmerlich im Latschengekröse am Fuße des Feuertalberges verheddert. 


29.7. Grundlsee – Wels – Ottakring 

Tatsächlich ist das Auto noch voller als bei der Anreise, ein Raumwunder. Vielleicht habe ich Kater, wahrscheinlich ist es Abreisetrauer. Aber die Wirtsleute haben uns ganz offensichtlich den Stammgaststatus gewährt, denn beim Zahlen legen sie heuer gleich den Kalender für 2024 auf die Budel.

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In Wels lassen wir uns nichts von unserer seelischen Verkaterung nach diesen großen drei Wochen anmerken, der Buttinger stürzt sich in emsige Übersprungshandlungen (in Zeitungsbergen wühlen, an den Balkonpflanzen ziepen, hektisch durch die Bude schwarteln). Ich sitze erschüttert da und stolpere irgendwann zum Zug.

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In Wien erleide ich einen heidi-haften „Landmaus in der City“-Reizflash, aber sobald Nadja Bucher die Szene im Kongresspark betritt, leuchtet die Stadt in all ihren Farben. Wir beginnen sofort mit beruflichem trauma dumping, es ist eine einzige Freude und Entlastung, uns gegenseitig mit den blumigen Schilderungen unserer gesammelten Niederlagen zu überbieten (der inverse battle rapder Dichterinnen). Ich darf wohl nicht alles ausplaudern, aber hoffentlich andeuten, dass sie unlängst extra für eine Lesung nach Berlin reiste. Dem Veranstalter war es ein Anliegen, dass die beiden Lesenden einander kennenlernen. Nach ein paar Minuten Gespräch teilt die für eine namhafte Umwelt-NGO Arbeitende Nadja jäh mit, sich jetzt abgrenzen zu müssen, weil sie ihr zu pessimistisch in ihrer Konsumverweigerung sei. Die Lesung wird dann abgesagt, weil niemand gekommen ist. 

Unsere Lesung selbst ist eine große Freude – Nadja liest besonders juicy Sexszenen, womit sie eine Jungfamilie vertreibt, aber einen alten Mann mit Rollator in Bann schlägt. Der liebe Wakolbinger schreibt auf Facebook mit, als ich über den schönsten Tag meines Lebens auf Gut Aiderbichl berichte, aber er zitiert den Höhepunkt im Katzenhaus absichtlich falsch: „Wir hätten geweint, wäre nicht vorher alles aus uns herausgeludelt.“

Auf dem Weg zum Heurigen erzählt mir Madame Bucher von der malerischen Sparsamkeit des Betreibers einer großen Fleischerei am Yppenplatz. Aßen die Mitarbeiter ausnahmsweise gebratene Wurst, hielt er sie dazu an, nachher das Fett vom Teller zu schaben und für die Schweine zu sammeln. Die alte Pepi-Tant des Meisters ließ sich von ihnen die Jackerl durch Ottakring tragen und war berüchtigt dafür, ihren Bedürfnissen jederzeit und -orts nachzugeben, sich also mitten auf der Straße niederzuhockerln und es laufen zu lassen. „So eine Unkultur!“, habe der Neffe oft geklagt.

31.7. Schönering

Zum ersten Mal wieder im Eigenheim. Keine Wölfe im Garten, keine Zucchini in Elefantenfußformat, keine Meteoriteneinschläge. Im Email-Postfach nur 34 Mails, in der Post nur eine einzige Rechnung: ein Strafmandat aus Deutschland über 20 €; auch nichts, das mir den Individualverkehr exorziert.

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