Mittwoch, November 06, 2024

Vergrabt euer Anliegen an der Biegung des Flusses

Völlig verrückt, historisch gesehen, wie gern die Menschen in den 1980ern noch telefoniert haben, mit sieben Meter langen Kabeln durch drei Meter lange Kinderzimmer, völlig irre!

Bitte ruft mich nicht an! Schreibt mir lieber ein SMS, wenn's dringend ist, aber lieber wäre mir, wenn ihr es nicht so weit kommen lasst, dass es dringend ist, dann reicht ein Email, aber ich komme grad nicht zum Antworten. Whatsapp bitte nicht unbedingt, das ist mir zu privat – und SMS bitte nicht mehr ab 18:30. Signal geht immer, aber das hab' ich auf lautlos. Ruft mich nicht an, ich melde mich. Per Telepathie, lest meine Antwort am Flug der Saatkrähen ab, die Borkenkäfer nagen mein Feedback unter die Rinde der Fichte, die in der letzten Serpentine vor der Hintersteineralm liegt. 

Mit freundlichen Grüßen

die Generation X

Freitag, November 01, 2024

Anton Bruckner würde mich heiraten, Michael Köhlmeier eher nicht

Lebenskrimskrams im Oktober 2024

1.10. Unter St. Veit

Eine junge Frau schläft trotzig über drei Sitze gestreckt, die andere rotzelt, als wolle sie mich konfrontationstherapeutisch von meiner Misophonie heilen. Im Bus von Hütteldorf ins dörfliche Wien sitzen nur Pensis, dementsprechend laut sind die Haltestellendurchsagen. 

Das ist mein Tag als angestellte ORF-Mitarbeiterin: endlich wirklich Staatskünstlerin! Trawöger begeistert mit einer Glam-Rock-Frisur, Franz sieht genauso aus wie sein Vorname. Die Inhaberin des geliehenen Modegeschäfts stammt aus Obertraun, sie hat einen Labrador.

Mein Text besteht unter anderem aus „Mei Cousin' hod noch Heagschroa gheirat!“ Zum Glück ist ein gewisses Maß an Löwingerei erwünscht. Am schönsten die Miniszene, in der sich Bruckner in der Umkleide leise beschwert: „Jetzt hod ma da Heagott koa frische Untahosn midgem.“ Ich lege meine Rolle sehr an Maria Hofstätter an, was zumindest dialektal nahe liegt. Am Ende bekomme ich einen Heiratsantrag, obwohl ich frisch geschoren und im Frackhemd eher aussehe, als wäre ich ein schwuler Cousin meiner selbst.

Trotz Bombenalarms gelingt die Heimfahrt, es tut mir nur leid, dass niemand kommt und sagt, „ma, in wos firana klassn Gsöschofd sitznd du do!“ Ab Wels fahre ich müde und allein weiter, neben mich setzt sich ein junger, grauer Angestellter, der aus meinen Augenwinkeln heraus zu stricken scheint, dabei fingert er nur bis Marchtrenk an seinen rettungslos verhedderten Kopfhörerkabeln herum.

Buttinger schickt fassungslos die neue Werbekampagne von Wels: "Sogar mit dem Tod kann man in Wels besser als in anderen Städten, weil man  ein Mensch und keine Nummer ist." Muss man hirntot sein, um sowas zu schreiben? 

2.10. Langenlois

Immer glaube ich, zu wenig zum Lesen vorbereitet zu haben, immer stimmt das Gegenteil. Am schönsten ist, dass Mieze und Markus besser als ich selbst die Liebe im Buch erkennen, und es ist die lautere Wahrheit, dass ich über Arschlöcher im Grunde gar nicht schreiben könnte.

Die „Piefke-Saga“ wird noch einmal lustiger, wenn man dabei neben einem Tiroler sitzt. „Nur der Not keinen Schwung lassen. Ex!“

3.10. Langenlois – St. Pölten – Winkeln

Wir reden über Persons of Colour in Österreich (worüber genau, hab ich vergessen, aber wir prangern Alltagsrassismus an). Wenige Minuten später schaut Mieze Medusa aus dem Fenster und sagt versonnen: „Jaja, die Schwarzen, das ist schon ein fröhliches Volk, das liegt in ihrer Natur!“ Ich sehe verdattert vom Eidotter hoch, dann höre ich innerlich nach und stelle fest, dass sie ganz zutreffend über die SPATZEN gesprochen hat, die draußen im Hof ihr Ding machen. Weil ich so dumm schaue, fragt sie nach, dann lachen wir sehr lange. Sie ist erleichtert, dass mich der Satz irritiert und dass ich ihn aus ihrem Mund nicht erwarte.

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Weil Zeit bleibt, mache ich vor dem Umsteigen einen kleinen Gang durch das Innere St. Pölten, das mir exotischeres Neuland als Kathmandu oder Asmara ist. St. Pölten Central ist überraschend lieb, in der zweiten Reihe gibt's sogar überall bildende Kunst im öffentlichen Raum.

4.10.

Welttierschmutztag

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Bei Hunden ist der Wesenstest doch extrem einfach, es reicht eine mündliche Erhebung ihres Aufenthaltsortes, um zu erkennen, ob sie Wert auf fremde Zuneigung legen: „Jo, wo bist denn du?“ 

Sie ist hier

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A. erzählt, dass ihr kleiner Sohn (4) sie jetzt immer fragt, „ist das gut und richtig so?“ Und dass sich unlängst junge Mitarbeiterinnen in der Post darüber amüsiert haben, dass heutzutage noch jemand „Kuverts“ kaufe. 

6.10.

Es gibt eine Produktgruppe namens „Halbzeug“ (was so klingt wie alles, das ich schreibe). 

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In der Nacht geträumt, dass ich als neue VOEST-Generalmanagerin vorgeschlagen werde, was mich zwar wegen der vielen Arbeit besorgt, mehr aber noch, weil ich dafür nichts Ordentliches anzuziehen habe.

7.10. Kühfeld

Einer der eigentlichen Tage dieses Jahres, mit einem Mittagsschlaf, der locker Platz 3 der heurigen Bergruhen belegt. 

Wir kreuzen Wolfsspuren, und nachher sagt eine Frau auf FB, dass sie offenbar unseren Spuren gefolgt sei. Und hoffentlich folgt auch der Geist des Vaters unseren Spuren, ich hege den Wunsch, ihn hier vor drei Jahren freigelassen zu haben, als die Lärchen gelb im Oktoberlicht brannten.

8.10.

Eine ältere Frau möchte mir zusehen, wie der ÖBB-Ticketautomat zu bedienen sei. Ich sage, gern, aber das ist kein normaler Vorgang, ich kaufe nur ein Ticket für den Hund. Sie geht schweigend um mich herum, dann legt sie den Kopf schief und sieht mich mit offener Verwunderung an: „Aber wo ist denn Ihr Hund?!“ Ich lache sehr, zeige auf den Buttinger und das Tier, da lacht sie auch. „Haben Sie geglaubt, ich würde für meinen unsichtbaren Freund zahlen? Das wäre ja vielleicht doof!" Sie sagt nur, sehr wahrheitsgemäß: "Ois gibt's."

9.10.

Österreichs Reaktion auf den internationalen brat summer ist ein nationaler rat autumn, mit einem „Volkskanzler“ der etwas von einem Nagetier hat, aber keines, das man sich freiwillig ins Haus tun will. Und dafür möchte ich mich gleich wieder bei allen Nagetieren entschuldigen.

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Buttinger erzählt beim Frühstück von seinen zwei dümmsten Newsletter-Versendern. Das „byzantinisch-katholische Büro des Patriarchats“ sieht im Papst einen Häretiker, der das Kirchenrecht breche, weil er sich in Kanada bei den Heiden entschuldigt habe. Der andere Typ fordert seine Anerkennung als legitimer Kaiser von Österreich, da die Habsburger nachweislich Betrüger seien – sein eigener Adelsname nimmt eine ganze Bildschirmseite im Email ein.

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Dem unartigen Hund drohen, beim nächsten Mal den Zecken zu behalten und nicht ihn. Das ist aber nur eine gedankliche Intrusion, in Wahrheit kann man sie nicht mehr herschenken. Ein Bekannter im Wasserwald sagt, er verbringe mehr Zeit als notwendig mit seiner Labradorin – woher will er wissen, wie viel notwendig ist? Der Welttag des Hundes fällt wohlbegründet mit dem Welttag der psychischen Gesundheit zusammen.

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Mein Grünkohl ist zum Insektenhotel geworden. Whatever works.

11.10.

Der Zug ist bummvoll, wir stehen dicht an dicht im Gang, aber die Leute neben mir erkennen mich, weil ich dem Vater so ähnlich sehe. 

Abb. 7.: Wean is a Stod und Linz is a Stadl / in Wean essn's Salod und in Linz essns Bradl

Coala und ich haben 16 Stunden, um eine Art Urlaub zu verbringen, und wir machen das Beste draus: Elefantenmanschettenknopfkauf, MaschuMaschu, zwei Staro und dann 30 Rock (mein Valium). #bliss

12.10.

Geduscht und mit frisch geputzten Zähnen im strahlenden Oktobermorgen – wandern wäre logisch, aber die GAV-GV profitiert auch von den Umständen. Hier lässt sich der sehr liebe jopa dazu hinreißen, mein beim ersten Bier ausgegebenes Motto darzustellen: "Literatur muss jede Hand beißen, die sie füttert."

Es ist so weit gekommen, dass ich diese Woche zu keinem einzigen Mittagsschlaf gekommen bin!“, sagt Martin Fritz entgeistert – und ich war mir selbst nicht sicher, ob mein Bericht vom Almschlaf auf der Angeralm nicht doch zu privat sei. Man muss beim Erzählen was riskieren, damit Nähe entstehen kann. Martin ist im Übrigen der Meinung, ich sei jetzt „keine mehr von uns“, wegen des Romans. Ich versuche mich mit dem Hinweis zurück „zu euch“ zu reklamieren, dass der zweite Roman der schwerste sei und da schon wieder überhaupt nichts weitergehe.

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Im Zug nach Hause, milde betrunken, Eugenie Kain gelesen. Wie gut sie war und wie gut sie schrieb. Wie Riess einfach eine moralische Instanz, beide hinterlassen riesige Lücken.

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Vor Freude über meine Heimkehr verpasst mir Fini einen irischen Kuss.

13.10. So

Wahnsinnig wenig los, bis auf einen sehr guten Spaziergang im Föhnsturm. Ausschreiten zu können wird zur wachsenden Freude hier im mittleren Alter. 

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Ransmayr, „Vom Töten“: Er kommt schon manchmal ein wenig ins Pathetische (Inzest, Femizid, drunter tut er's nicht), aber man muss wohl was riskieren, damit ein Epos entstehen kann.

14.10.

Ein junger Turmfalke (ich glaube, eine Fälkin, aber Hasi warnt vor Internetgenderbestimmungen) krallt sich kurz an den Fensterrahmen und schaut tadelnd zu mir herein, die ich gerade meine Zeit auf Facebook vertändle, wo ich mein Erlebnis auch gleich quasi live mitteile. Woraufhin der Schrenk kommentiert, dass die Greifvögel gerade Stress haben, ihre Jungtiere satt zu bekommen, weil die vielen Mäuse vom Frühjahr im Septemberregen ertrunken sind.

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Mit Dani zur Freinbergkapelle. Das Christentum an solchen Kleingedenkstätten ist schon sehr exotisch! Hier wird der Gnadenmutter von Schönstatt gehuldigt, mit Kärtchen, darauf Amphoren, auf denen „Sie haben keinen Wein mehr“ steht. „NICHTS OHNE DICH – NICHTS OHNE UNS“. Mann kann um etwas bitten, darunter ist auszufüllen „Das schenke ich dir“.

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Erleichterung, dass der wie immer extrem freundliche Misik keine Trolle in den Kepler Salon gelockt hat. Vielleicht ein Marienwunder!

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B. schickt mir per Whatsapp eine Nachprüfungsantwort, obwohl die nicht eben für ihren Unterricht spreche, wie sie sagt: „Konstantin Opel und sein Elefant Hanibal überquerten die Alpen.“

Was gibt's hier umsonst? Nichts? Unkraut? Raum für eigene Gedanken? Hat Linz überhaupt was zu verschenken?

15.10.

Eine späte literarische Karriere hätte auch den Vorteil, dass ich mein Zeug zumindest in Teilen als würdigungswerten Vorlass ins Stifterhaus rümpeln könnte.

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Bizarre Ausstattungsmöglichkeiten im Alp & Jagdkatalog von Kettner. Klar, warum nicht mit Glock und Maschinengewehr der Hege und Pflege nachgehen!

16.10.

Beim Verräumen von Gartenliegen und Kugelgrill kann ich es immer noch nicht fassen, dass der eh extrem lange Sommer vorbei ist.

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René schickt den traurigsten Lesungsbericht der Welt, gefunden in irgendeinem Lokalblatt: „Kein einziger Besucher kam“ als Titel, darunter ein von der missachteten Autorin selbst hochgeladenes Lese-Selfie. „Da kein einziger Gast zu ihr kam, möchte sie trotzdem ihr Foto hier einstellen. Dazu sagt sie: 'Dies ist ein Beschäftigungsbuch mit `sich selbst`.“ 

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Eva Reisinger und Barbara Rieger erörtern die Vorteile des Matriarchats, das Publikum nickt bestätigend, es ist sehr schön. Hier ist die Welt schon gerettet, wir müssen die Revolution nur noch aus dem Welser Schlachthof rausbringen. 


T. bringt der Klasse ihrer Tochter gerade bei, wie man am Handy was nachschlagen kann, etwa „Nathan der Weise“. What? Vielleicht ist was dran am Pessimismus angesichts der Jugendverdummung.

17.10.

Gestresste Mittvierziger sollten sich auf Rezept, als Burnoutprophylaxe einmal im Monat freinehmen dürfen, um an einem Wochentagsvormittag mit den Pensionisten einkaufen zu gehen. Man wird lieb angelächelt, verwegene Senioren zwinkern womöglich. Danach fühlt man sich flott und wertgeschätzt. #mentalhealth

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Mein viel zu serviceorientiertes Arbeitsleben wäre um einen Zacken einfacher, wenn per Dekret alle Meiers dieser Welt zu einer einheitlichen Schreibweise ihres Namens gezwungen wären.

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In der Nacht träumte mir, dass der Schwarzenegger sich als mein Vater outet. Er umarmt mich lieb und ich denke, „das glaubt mir wieder keiner!“ Dann wandere ich mit Josef Hader durch Wilhering, bis mich die App udaungs ins Schweizer Hochgebirge führt. Peinlich. 

18.10.

Wenn das Alter sich so gestaltet wie dieser Altweibersommer, freue ich mich schon. Mit dem Knoblauchmesser das Müsliapferl schneiden: ein großer Tag steht mir bevor, wenn das schon der Tiefpunkt gewesen ist.

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Am Nachmittag feiere ich meine Premiere als Trauende (hier bloß kein R reintippen) - beim Eingehen einer Ehe gilt besonders: Wenn alle dran glauben, gelingt's!  Ich meine: Ist das lieb oder ist das lieb!?!?!?

Foto: Kevin Greslehner

Dann schnell nach Hause, von der Garage aus grüße ich im Frack die Nachbarn mit „I bin's, eicha Präsidentin!“ Der gebildete J. erklärt seinem Sohn, das habe einmal einer zu jemandem gesagt, der aus dem Gefängnis ausgebrochen sei.

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Lia Sudermann trägt eine zehn Meter ausstrahlende Sympathie-Aura vor sich her, wir bussen uns gleich, und sie kniet sich zur Begrüßung vor den Hund. Doppelt lustig, dass sie dann Hass-DJ spielt. Stammgast H. retourniert nach der Tombola ein selbstgezeichnetes, antikes Häschenlesezeichen, das aus der nun ihm gehörenden „Katholischen Sittenlehre für den privaten Gebrauch“ gefallen ist. Was für ein schöner Treffer da dem Zufall gelungen ist, hat die Bibliothek seines Großvaters geerbt, der Theologieprofessor war. 

Es ist der überdurchschnittlichen Geschmeidigkeit des Tages zu verdanken, dass wir die Stunde nach Mitternacht so gut vertragen – ein Auto ist unmittelbar vor uns in Brand geraten, ein enervierendes, lang anhaltendes Spektakel.

19.10.

Am Abend „Tchernobyl“ - die Erschießung der Tiere erregt mich mehr als der schlimmste Gruselsplatter, ich kann wirklich nicht hinschauen (obwohl man ja gar nicht sieht, wie die Hundemutter und ihre Welpen abgeknallt werden). Wie habe ich das beim ersten Mal ausgehalten? Da hat der Vater noch gelebt, ich hatte kein PMS und vor allem selbst noch keinen Hund. Man wird immer weicher statt härter.

20.10. Hintersteiner Alm – Eisernes Bergl

Ab jetzt bei der Tourenwahl nur noch süd- und westseitig, aber heute war's noch einmal großartig. Erstaunlich viel Schnee ist seit September wieder geschmolzen. Es ward mir der edelste Mittagsschlaf auf der Angeralm gewährt, obwohl Fini ihre Kruppe in mein Gesicht drängte und wohl etwas furzte (wahrscheinlich daher der tiefe Schlaf). Das „Schlimmste“ ist das fortwährende Schergeln der Tannenhäher, und das übliche Gefühl, dass ich noch viel weiter gehen sollte, bin ich nicht noch vor einem Jahr die ganz große Runde gegangen?! Wenn nur die Tage ab jetzt nicht so rasant kürzer würden! Jedes Jahr um diese Zeit sagt der Vater in mir maioresque cadunt umbrae.

21.10.

Zum Glück hatte ich heute noch keine Lust, um halb 8 aufzustehen, denn in der gegönnten Stunde träumte mir, dass ich mich mit der Mutter über irgend etwas sehr amüsiere. 

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Mindboggling beim Schreiben der Lesebühnen-Zukunfts-Nachlese: Man kann die Veröffentlichung eines bereits veröffentlichten Beitrags nicht in die Zukunft datieren, umgekehrt aber schon. 

22.10.

Ein mit Baumleichen belegter zerrütteter Hügel aus Liasmergeln“ - beim F.-Kain-Lesen gleite ich in die regionale Geologie ab, mit diesem fast lyrischen Ergebnis (es geht um den Felssturz am Sandling).

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Der Tennisarm hat sich zurückgezogen (ich weiß, dass er nur Winterschlaf bis zum Frühling hält), ich darf wieder die Halluzination pflegen, eh ganz tack zu sein, auch wenn die Physiotherapeutin am Ende sagt, das sei wahrscheinlich eh kein langer Abschied, „irngdwos hod's in dem Oita amoi wieda.“

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Das Konzept der Melanzani erschließt sich mir nicht, zumindest was die Zubereitung durch meine Person betrifft.

23.10.

W. ruft an, um mich fröhlich für die große US-Wahlnacht seines Senders als Präsidentin zu engagieren, selbstverständlich gratis. Als ich ihn auf das extreme Euphoriegefälle (was bitte, wenn's der Trump wird?! + alle anderen Gründe) hinweise, glaubt er mir entgegenzukommen, indem er nur den Slot um 00:30 Uhr haben will, den um 02:30 eh nicht. Ich bin an diesem Tag um 7 Uhr erwacht, mir entringen sich nur Neinneinnein-Laute.

24.10.

Ich arbeite in der Geisteswirtschaft.

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Die Raika bietet mir einen Handyvertrag an, die Handyfirma einen Stromvertrag. Ihr macht mich fertig.

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Die Freuden des Alterns: Der Prinzensteig ist wieder ein Hit! Beim antiken Turm finde ich einen Parasol, und sobald ich einen zweiten für eine vollständige Mahlzeit suche, sehe ich sie überall. Ich trage eine große Handvoll aus dem Kürnbergwald. In der Nacht poste ich Bilder davon auf FB. Jemand schreibt drunter, das seien keine Parasole, und steigt auch nicht davon herunter, als ich feststelle, dass ich jetzt schon tot wäre, wenn es so wäre. Woher nehmen die Menschen ihre Sicherheit? Ich google dann nämlich trotzdem „Vergiftungstod Knollenblätterpilz“.

25.10. Bad Aussee, Wasnerin

Auf dem Pötschenpass werden alle unruhig, Hund und Mensch. Der Nebel hat es spannend gemacht und noch bis Ischl gehalten, hier ist der schönste Spätsommer. Wir treten zwei Tage weit oberhalb unseres Status an, nehmen die Herausforderung aber tapfer an. 

In der Begrüßungskarte heißt es, „unser Haus inspiriert seit Jahrhunderten Persönlichkeiten mit dem Feinsinn für die Energie, die unser geomantischer Kraftplatz abgibt.“ Ich gebe auch Energie ab. Wir liegen wie Frankfurter im Würstlwasser.

26.10.

Köhlmeiers Matinee wird kurzfristig ins Programm genommen, und ich dränge mich ihm mit dem Scherzi auf, dass er quasi meine Vorband sei. Er ist nicht begeistert, was auch daran liegen kann, dass er gleich auf die Bühne muss.

Oder eher nicht: Er kommt zwar tatsächlich am Abend zur Lesung und setzt sich in die erste Reihe, aber mit einem unbegeisterten Antlitz, wie zum Beweis, dass das resting bitch face kein Monopol der Frauen ist. Seine Unterwältigung durch mein Junstwollen ist echt, denn mit überraschender Behändig- und Geschwindigkeit springt er am Ende auf, noch bevor das erste Händepaar sich zum Klatschen trifft. Mein Karrierehighlight! Ich muss nur die Erzählung gleich nach „Der Köhlmeier ist einmal bei einer Lesung von mir gewesen“ abbrechen.

27.10.

Am Fuß der Trisselwand. Ein Tag von größtmöglicher Witterungsschönheit. Aufheulen im Auto bei der Fahrt vom Tressensattel herunter, als wir den Grundlsee sehen. Seit vorgestern beglückt und plagt mich der Blick auf die Weiße Wand, beim Frühstück der hinüber zum Dachstein. Ein starkes Gefühl, dass das eigentliche Leben dort oben stattfinde, nicht hier herunten am Kuchenbüffet (wogegen aber auch nichts zu sagen ist).

Wir heulen bei Vorchdorf noch einmal auf, als uns der Nebel schluckt wie ein Staubsauger.

28.10.

Wie oft kann man den Sonnenuntergang am Donaustrand fotografieren?

29.10. Petergupf

Eine etwas schmerzhafte Umkehr dort, wo's am schönsten zu werden verspricht. Fini gibt ihr Bestes, es ist ihr sichtlich peinlich, dass sie die kurze Klettersteigpassage nicht schafft, aber in den Rucksack gestopft zu werden, liegt ebenso außerhalb ihrer Fähigkeiten. Stattdessen Almruhe und der Versuch, stolz auf das Umkehrenkönnen zu werden. 

30.10.

Heute der Versuch, tapfer im Nebel zu sitzen, als schiene nicht 300 Meter über mir dieselbe Sonne wie gestern. Wie schaffen es die ganz normal arbeitenden Menschen, in ihren Büros nicht auszuflippen? Wie verwöhnt bin ich bitte, dass ich nach so einem Herbst mit der Kürze der schönen Tage hadere?

31.10.

Bei Gelegenheit darüber nachdenken, was ich hier eigentlich festhalten will – bzw. dass ich hier alles festhalten muss. Diese Woche tippe ich die „Erlebnisse“ des Aprils ab und staune, was ich in diesem halben Jahr schon wieder alles vergessen habe. (Das hier tippe ich am 12. März ab, es hat sich nichts geändert). Zum Glück vergesse ich genauso das Doofe, wenn auch viel langsamer. Aber wenn ich mir das Gute nicht aufschreibe, merke ich es mir? 

Nie würde ich wirklich Tagebuch schreiben wollen, weder um die kleinen Alltagsbedrängnisse zu verewigen, noch meine „Bedeutung“ in der Welt. Ego-Kaiser wie Thomas Mann werden mir ein ewiges Rätsel bleiben, auch wenn es extrem amüsant ist, dass sie jeden Schmarrn aufgeschrieben haben. 


Dienstag, Oktober 01, 2024

Hochwasser im Verbrennerland. Dreiste Witze der Realität. Emotional Support Animals

Lebenskrimskrams im September 2024

2.9.

Besprechung im Silicon Valley von Linz. Maximal kompliziert zu öffnende Fenster und eine kreativitätsfördernde die Rutsche im Foyer, aber wenn man zur Tür hinaus in die heiße Sommernacht steigt, riecht es nach Ådl und es fällt einem wieder ein, dass man hier trotz allem im Mühlviertel steht.

3.9. Rauris, Ritterkopf

Galoppierende Verblödung, ich lasse Handy UND Geld im Bus liegen wie ein Kind, das wegen des Ausflugs zu aufgeregt fürs Denken ist. Nahe des Talschlusses gibt’s auch keinen Empfang mehr. Wir stapfen los, es soll nicht auch noch die Tour Schaden nehmen. Leider“ müssen wir oft stehen bleiben, um Vögel zu spechteln – H.s Hauptzweck der Reise erfüllt sich bald, wir sehen Mönchs- und Bartgeier, zum Drüberstreuen Falken und Schneesperlinge. Der Hund lässt sich von den Murmeltieren foppen.  

Der Steig wird immer steiler und immer weniger Steig, es wird immer kälter. Wie schnell man auf langsamen Beinen die Klimazonen wechseln kann, es wundert mich immer noch. Allmählich mache ich mir ein wenig Sorgen über den Zeltplatz, bis jetzt waren nur schiefe Mulden im Angebot. Schließlich wird es so richtig steil, keine Ahnung, ob wir ins richtige Tal geschlüpft sind. Ein kalter Wind bringt Regen aus dem Süden, es ist kalt. Endlich erreichen wir eine Geländekante, und da steht eine Hütte auf ebener Fläche, daneben ein plätschernder Brunnen. H. macht Kaffee, und als wir ihn getrunken haben, reißt es wieder auf. Wir beschließen, Richtung Gipfel zu wandern, damit uns warm wird (so schnell vergisst der Körper die Hitze). Oben am Grat plötzlich Empfang. Der Busfahrer ist an meinem Telefon, er werde meine Sachen beim Gasthaus abgeben, wo wir morgen zusteigen. Mir wär's natürlich lieber gewesen, meine sieben Sachen beinander gehalten zu haben, aber nun sind wir fast euphorisch. 

H. erzählt vom Delphin-Experiment auf den Virgin Islands, in dem Margaret Lovatt und das pubertierende Jungtier Peter sich ineinander verlieben. Eigentlich hätte er Englisch lernen sollen, zeigte aber wenig Bemühen (stattdessen musste er oft sexuell befriedigt werden). Es wurde auch die Wirkung von LSD untersucht, auch erfolglos, da Delphine regelmäßig Kugelfische fressen und davon high werden. NASA und Navy stoppten das Experiment, Delphine seien offensichtlich nicht in der Lage, zwischen Aliens und Menschen zu vermitteln. Nach der Trennung von Lovatt und der Umsiedlung in ein umgebautes Bankgebäude in Miami beging Peter Selbstmord, indem er aufhörte, zu atmen. Himmel, diese Kalte-Kriegs-Wissenschaft!

Es ist ziemlich kalt in der Nacht, ich würde dieses Gefühl gerne konservieren, denn unten glüht immer noch alles.

4.9.

Ein Tag, der sich in seiner strahlenden Schönheit gleich von Beginn an für die persönliche Ewigkeit anbietet.

Alles ist von Murmeltieren unterwandert, sie foppen den Hund mit Lust. 

Das Geld ist da und gleich wieder weg, weil ich zum Dank für die gute Betreuung meiner dummen Person Kuchen ausgebe.

5.9. Church of Ignorance, DH5

Begeisterung für Linsey McGoey, die durch das Trump-Land gereist ist, ohne Auto, manchmal auf Pferden. Am Ende ihres Vortrags verfällt sie, extrem zum Setting passend, in ein zuversichtliches Predigen. (Nachtrag 21.2.2025: Ich würde sie gerne fragen, wie es ihr jetzt im Trump-Land geht). Während der Prozession von Lydia Haider erkläre ich den McGoeys das pseudokatholische Geschehen, als seien es exotische Schamanenrituale, und während ich das mache, erkenne ich, dass das ja wirklich exotische Schamanenrituale sind, was wir Fronleichnamsprozession etc. nennen.  

Es folgt ein recht ekstatischer Abriss von Fuckhead. Allgemeine Euphorie. 

6.9.

Bei der Orchesterprobe entscheidet die vife Dirigentin Kefer, das Violinsolo von „Wiener Blut“ lieber singen zu lassen. Sie fragt mich, ob ich auf gut Glück spiele, und ich freue mich, dass sie überhaupt fragt.  

Im Frack nach Urfahr radeln und alle Blicke freundlich erwidern, als wäre ich das emotional support animal für Linz. 

Beim KI-Gstanzl-Singen im AEC versingt sich keine der sehr, sehr guten Damen, ich mich natürlich schon. 

Ungeniert wanze ich mich an Doris Schmidauer heran, und zeige ihr unaufgefordert Hundefotos, weil Fini aussehe wie Juli. Sie lässt es sich wehrlos gefallen, weil sie sehr freundlich ist, den Hund schon irgendwo gesehen hat und vor allem mein Buch schon gelesen hat. Kann ich jetzt in Pension gehen? 

Das Glück steigert sich noch beim Konzert des Pataphysischen Orchesters, ich bin ganz fertig vor emsigem Bemühen und Lachen, hätte trotzdem noch sieben Stunden weitermachen können.Später fragt mich einer, ob ich wirklich Geige spielen könne oder nur sehr eifrig vorgetäuscht habe, in dem Pandämonium habe man ja keine einzelnen Instrumente ausnehmen können.  

Vielleicht der zarteste Moment dieser menschlich ergiebigen Tage: Ich knie mich zu einer Hündin herab, die mir huldvoll ihren Bauch darbietet. Während ich streichle, streichelt mir Th. in einer Übersprungshandlung die Schulter, um den Kreis zu schließen. Wir beschließen, das Symposium im kommenden Jahr unter das Motto „Tenderness pays off“ zu stellen. Man könnte T-Shirts mit dem Spruch drauf tragen, darunter ein Klingelbeutel.

Es gibt einen zweiten digitalen Beichtstuhl hier, den ich mit dem Satz „Sündige tapfer“ von Augustinus konfrontiere. „Ein Gleichgewicht zwischen Mut und Sünde ist wie ein Mann ohne Augenlicht, der den Weg zum Glauben nicht sieht. Du hast dich in das Dunkel gestürzt! Bewertung: 8/10“, meint die KI.

7.9.

Das DH5 ist schon einer der besten Orte von Linz. Sehr gute, sehr liebe Menschen. Im Büro steht ein Kanister mit Kunstblut, im Veranstaltungs"saal" hängt das:

Im Hof spielen sich die Herren von „Gruppensex“ die Seele aus den jungen Leibern. Auf den ersten Blick sehen sie ein wenig toxisch aus, aber mit jedem Zentimeter, den man sich nähert, wird es erfreulicher: Sie tragen transparente Bluserl, Tüllröcke und viel Lidschatten. In meiner Begeisterung pfriemle ich einem jungen Zuhörer das Wäschemarkerl zurück unter den Kragen, wir lächeln einander lieb an. Mein Glaube an die Jugend ist gestärkt aus diesen Tagen hervorgegangen, eine richtige Firmung. In einem Anfall von Glück gehe ich heim, herrlich hallt der Punk ins bürgerliche Innenstadtlinz mit mir hinaus in die letzte Tropennacht dieses sehr gut laufenden Jahres.

Mit knapper Not erlebe ich den Anbruch meines Geburtstags bei lebendigem Leib auf der Couch.

8.9.

Das beste Geschenk: der zweite Schlaf nach dem Frühstück. Ein bisschen bin ich immer noch enttäuscht, dass mir niemand mehr Geld schenkt.

Immer wieder freue ich mich, diese Tage geschafft zu haben, bevor der Winter kommt, und das ist gar nicht übertrieben, es fällt das Wort „Schneefallgrenze“ im Wetterbericht.

Es wird gut sein, nichts zu trinken, aber mit Champagner in der Birne fühle ich diese Wahrheit noch nicht.

9.9.

Willkommene Ereignisarmut mit leichter Tendenz zum Einwintern. Am Donaustrand in Wilhering haben wir alle zu viel an, weil es „nur noch“ 25° hat.

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Mieze hält in „Archive des Schreibens“ mein Buch in den ORF. Beste!

11.9.

Leichte Unruhe in Erwartung des Starkregens. Grade war ich doch noch im Wildensee. Die Gemeinden räumen alle Zuleitungen und Gräben, die Kraftwerke öffnen die Schleusen. Und ich dichte das Baumhausdach, wie früher.

***

Es ist eine sehr zugewandte Publikumsmischung nach Wilhering gekommen, sogar drei Männer. Am besten gefallen die Nachbarschaftsindiskretionen, nur G. steht empört auf, als ich sage, dass Nr. 5 zu meiner eigenen Überraschung nicht vorkomme. 

***

Schon seit Jahren lese ich Köcks „Entgleisungen“. Er kann nicht mehr, ich auch nicht. Bin ich blöd, so halbwegs glücklich durchs Leben zu gehen, oder privilegiert? (Nachtrag: Es ist eine Mischung, und das eigene Glück hat gar nicht so viel mit der politischen Lage zu tun, wie man befürchtet).

***

Um Mitternacht setzt der Regen ein, noch fühlt sich das angenehm an.

12.9.

Nach der langen Dürre fühlt wirkt der Regentag wie ein Mini-Lockdown, inklusive Vogelbeobachtung. Fini geht kurz raus, kommt nass herein und legt sich bis weit in den Nachmittag hinein in ihr Nest. 

Im Regenteppich grüßen wir Hundehalter*innen einander wie Motorradfahrer.

***

Kurz „Mein Leben mit 300 Kilo“ angeschaut, dieses Mal ging's wegen Einsicht gut aus. Die Algorithmen zeigen mir immer öfter Hunderettungsvideos. Aus welch grausam unendlicher Quelle speist sich das? Gibt es dafür eigene Produktionsfirmen? Gut, angesichts von unglaublichen einer weltweiten Milliarde Hunden ist das Feld der Vernachlässigungsmöglichkeiten weit.

13.9.

Es hat sich wie prophezeit eingeschifft. Der Hund bleibt gleich liegen, obwohl wir acht Stunden durchgepfiffen haben.

Peinlicher Stolz, seit Sonntag nichts getrunken zu haben. Aber dann ist Lesebühne und es fließt wie der Regen. 

Die blöde Schlafmeditation kommt überraschend gut beim Publikum an, obwohl ich ihm unterbewusst dabei Schuldgefühle einreden möchte. Die Leute atmen wirklich gerne nach Anleitung ein und wieder aus. („Nun ist es wirklich an der Zeit, endlich einzuschlafen. Vergessen Sie ihren zermalmenden Alltag, in dem sie mit roten Augen eine Zumutung nach der anderen erfahren müssen, wollten Sie nicht etwas Besonderes aus Ihrem Leben machen, ein bunter Schmetterling werden?“). So war das übrigens insgesamt (s. Blog).

14.9. Wien

Der blödeste und stimmigste Tag zugleich, um das Klimaticket zu kaufen. Es regnet wie eine Milliarde pissender Kühe. Ich fahre nach Wien, um das Matriarchat im Verbrennerland auszurufen.

Am Wiener Bahnhof zeigt sich das Spektrum der Bekleidungsvorlieben in voller Breite: Ich bin wasserdicht in sauteure Funktionskleidung eingeschweißt, andere ziehen gleich gar nichts an, das nass werden kann.

Deutlich erschwerte Arbeitsbedingungen im Mariahilfer Amtshaus, in dem sich alles drängt wie auf einem Grasbüschel im steigenden Bach. Ich predige im Stiegenhaus bzw. zum Chor, die armen Verlagsmenschen sind an ihre Tische gefesselt und können mir nicht aus, also nicken sie ergeben zu „Männerquote“ und „Existenzmaximum“.

Martin Peichl wählt Katrin ohne H und mich zu seinen emotional support animals, weil wir uns stundenlang innig schnatternd nicht vom Fleck rühren. Dann zur Lesung vom Setz, der wunderbar ist, und dem ich nachher meine schreibkraft-Rede über seine Rede in die Hand drücke, die ich vor einem Jahr nicht gehalten hatte, weil ich lieber mit den Zwergeseln Karotten knusperte.

15.9. Gestrandet in Wien.

Wir schaffen es zum Westbahnhof, aber nur um zu erkennen, dass nichts geht, weil es die Weststrecke nicht mehr gibt. Und die Südstrecke. In den Norden geht nichts und in den Osten strömt die Donau. Die Westbahn halst ihren Mitarbeiter*innen extrem unnötige Mühen auf, weil sie bei der Fahrplananzeige nicht den Mut aufbringt, die Realität zu verkünden. Menschen strömen auf den Bahnsteig, es staut sich, es ist alles deppert. Wir kaufen ein 6er-Tragerl Ottakringer und kehren um. Ich vergifte den nervenschwachen Buttinger temporär mit Rum, in den ich ein Stamperl Tee gieße. Coala kommt und sieht uns, das Strandgut auf ihrer Couch, schlafend unter bunten Decken.  

Es hat alles die Anmutung eines Lockdowns. Leider schaue ich sehr viel ins Internet und muss dort sehen, dass zuhause erste Skitouren gegangen werden – bizarr, man fährt mit Sommerreifen auf die Höss.

Draußen verhungern die Schwalben, die wegen der Hitzewelle zu spät in den Süden gezogen sind.

Irgendwann heben wir irritiert die Köpfe vom doom scrolling, der Wind hat ein kleines Loch in die Wolken gerissen, bald regnet es wieder. Der Hund zeigt 0 Interesse an Spaziertätigkeiten.

Aus leichter Panik essen wir viel zu viel (hamstern vor dem Winterschlaf).

Eigentlich habe ich keine Eile, nach Hause zu kommen, ich will gar nicht wissen, wie es zuhause im Keller aussieht. 

16.9.

Am Morgen meldet sich C., er könne uns nach Linz mitnehmen. Er erzählt, dass unser Fluchtauto beinahe im Keller abgesoffen wäre, wie alle anderen Autos der Hausbewohner, denn in der Tiefgarage stehe das Wasser bis zur Decke. Nur weil sein Bruder zufällig direkt vor der Tür parken hatte können, fahren wir jetzt unbehelligt auf der Autobahn nach Linz. Außer uns sind nur Taxis unterwegs, die in rasender Fahrt die Geschäfte ihres Lebens machen.

Zuhause ist alles in völliger Ordnung, nur saukalt. Emotionaler Jetlag.

Hoffentlich hat diese Katastrophe wenigstens den einen Vorteil, dass niemand mehr jemals das Wort „Klimahysterie“ ernsthaft in den Mund nimmt und vor allem die dazu passenden bescheuerten Parteien NICHT mehr wählt. #verbrennergipfel. Und das schreibe ich trotz unserer „Rettung“ durch den fossilen Individualverkehr. (Nachtrag 2025: Natürlich war's den Trottelmenschen original genau völlig wurscht. Grüne am 29.9.: 8,2%.)

17.9.

Irre. Sonne. Als könnte sie kein Wässerchen trüben. Wieder atlantische Gebarung der Donau. Hektisches Radfahren und Freizeitsportallerlei seitens der Lokalbevölkerung.


18.9.

Ich bin die Königin Midas des Kletterns: Was ich angreife, verwandelt sich in eine 5c (das Leichte wie das Schwere).

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Wachsende Wandersehnsucht, es fühlt sich an wie Frühlingsungeduld, und so ist es auch – unten alles grün und warm, oben verrückt viel Schnee. Das Tief „Anett“ hat mich aus der schönsten Saison gerissen.

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Ich bin der Wald, in den ihr ruft.

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Die Jahrgangskolleg*innen machen miteinander alle Entwicklungsstufen durch – die Einjährigen zahnen miteinander, dann laufen sie, bekommen Pickel und Menstruation, Kinder, Gleitsichtbrillen und aktuell mit 45+ allesamt Tennisarme (als fünfte Gliedmaße eigentlich praktisch).

19.9.

Es gibt kleine Aale, die nach dem Gefressenwerden wieder aus Magen, Speiseröhren und Kiemen der Fressfeinde schlüpfen können. Totemtiere der Resilienz.

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Ich bin jetzt ungefähr so alt wie der Jahreskreislauf, so Mitte September. Bissl was geht noch,

  • aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

  • aber man darf keine große Hitze mehr erwarten

  • aber man darf nichts ganz Großes mehr erwarten

  • aber es wäre auch Zeit, die Ernte einzubringen

20.9. Attnang-Puchheim

Leerstand und viele Wettcafés. Zur Lesung kommen nicht viele, aber nette, darunter zwei ehemalige Gramastettner. 

P. erzählt von einer Tante bei den eingesperrten Clarissen, die erst in den 1980ern befreit wurde. Bei den seltenen Besuchen habe er seine Hand durch die doppelten Gitter zu ihr strecken müssen, nur er sei dünn genug dafür gewesen. Sie habe sie dann kaum mehr auslassen wollen, so groß war die Sehnsucht, ein anderes Lebewesen zu berühren. Einmal am Tag bekam sie das Essen vor die Klause gestellt, einmal im Jahr war ihr eine Ganzkörperwaschung erlaubt. Nach ihrer Befreiung sei sie den Rest ihres Lebens wie erlöst gewesen, 90 Jahre alt geworden und habe eine unwirklich schöne Haut gehabt.

22.9. Hinterstoder

Es gibt immer noch so viele unbekannte Wege hier. Wobei „Wege“ heute wieder besonders relativ war. Die Spintriegelalm ist wohl außer Poppenalm die einzige, auf der wirklich noch Kühe gehalten werden, den Rest haben die depperten Adeligen aufgekauft und zur Bejagung stillgelegt. Viele der riesigen Trittspuren stammen aber wohl vom Hirschen, den ich im Kar über mir röhren gehört habe. Ein Steinadler kreist über uns, nur ganz kurz aus der Schneise sichtbar.


23.9. Wien – Stadt Haag

In die Bundeshauptstadt, um mit dem guten Jürgen Berlakovich in der schule für dichtung über das Dichten zu reden und ein neues Frackhemd zu kaufen. Mein Leben wäre besser gelungen, hätte ich mich früher zur sfd getraut. 

Zuerst geht noch alles glatt auf der alten Weststrecke. Zurück totale Verspekulation.

I hob eh Zeit fia eich, es Drecksäui!“ Viel zu gut gelaunte junge Damen im Zug. „I woa scho vü auf Reisn!“ „Jo, in Owaöstarreich!“ Sie nennen sich gegenseitig „Bruda“.

Ich steige in St. Pölten in den Zug und steige in Amstetten aus – karma is a bitch, darüber hatte ich noch vor ein paar Jahren gespottet.

Der Versuch, das Klimaticket zu amortisieren, ist derzeit eine Liebesmühe.

Am Bahnhof in Haag steht einer, der Thomas Köck sein könnte, aber er telefoniert so intensiv, dass er nicht herschaut und auch zum Glück nicht bemerkt, dass Fini seinen Hund anfletscht. Weil das Karma eine Hündin ist, springt Fini wenige Minuten später in einen Garten, springt sofort wieder panisch zurück, weil die dort verbellte Katze sofort eine Gegenoffensive startet. Als schlechte Hundemutter muss ich leider lachen.

Köcks Dackelmischkulanz heißt „Herkules“. Anders als unter den Tieren zeigt sich unter uns Menschen gleich Zuneigung – Eva Reisinger mag ich ja schon wohlbegründet länger, Köck und das ent-Team kommen gleich dazu. Eva hat in der Zwischenzeit den Jagdschein geschafft und geht jetzt bewaffnet mit Männern auf die Pirsch, die vielleicht nicht wissen, dass sie ein sehr erfolgreiches Buch mit dem Titel „Männer töten“ geschrieben hat. Sie interessiert sich sehr für die Falkenjagd und erzählt von einem edlen Tier aus Dubai, das bei seinem Gastspiel in Österreich sofort davonflog, weil ihm die Luft so taugte. Gefunden wurde der Falke erst, als er sich auf den Dackel einer Pensionistin stürzte, die nicht nur fix genug war, den Hund zu beschützen, sondern auch den Predator dingfest zu machen und in ihr Auto zu sperren. 

Es entspinnt sich eine gute Diskussion, die nur leicht getrübt wird, als ein älterer Mansplainer Köck angeht, sinngemäß: Er kenne sich als Deutscher ja nicht aus, was predige er denn hier herum. Bei der Ankündigung hatte ich wohl erwähnt, dass Köck aus Wolfern stamme (aus der LH-Gemeinde), aber egal, vo de Piefke loss ma se nix vazöhn.

Wegen Klimaticket viel zu früh weg, ich weiß noch nicht, ob sich das durchsetzt (und dann erst extrem lang warten in Linz auf den Anschluss. 

24.9.

Hoffentlich verwählt sich das zuletzt nicht sehr zuverlässige Volk am Sonntag nicht, ich möchte nicht wieder demonstrieren gehen, da ich meine kontemplativen Donnerstage nur noch ungern hergebe.

Ob sich die „Rechten“ auch so intensiv ihre ausgerasteten Köpfe zerbrechen, wie sie uns „Linke“ wieder ins gemeinsame Boot holen können? Und wie sie ihre Diksurse und Narrative so gestalten, dass wir sie verstehen und der Riss in der Gesellschaft nicht vertieft wird? #rhetorischefrage

27.9. Bad Wimsbach-Neydharting

Eintritt nur mit Lichtbildausweis“, klebt an der Schultür, ich brauche einige Sekungen, bis mir einfällt, dass in zwei Tagen hier ja gewählt wird.

Der Hund schmiegt sich so intensiv an eine Fremde, als wäre sie ihre verschollene Tante. Es ist ein gutes, liebes Publikum gekommen. Eine Lesung wie früher, im guten Sinn, mit Musikumrahmung, die mir in Wahrheit und in Kombination mit dem zu mir auf die Bühne drängenden Hund total die Show stiehlt. Nachher stellen wir uns für Fotos auf, zum Dank für Raika und Sparkasse. <3

28.9. Wels

Beim Verzetteln finde ich in Tex Rubinowitz meinen Meister. Bei seiner Stadtschreiber-Antrittslesung im Hauser entschuldigt er sich für die keuchhustengeschwächte Stimme und seine Fokusproblematik, er lese deswegen ungern. Er ist wirklich der Border Collie des Literaturbetriebs (working line). Dann steht auch noch ein Typ auf und sagt „wos is denn des fira Schaß“, er ist (wie ich später erfahre) der komische Maler, der in der OÖN-Werbung ein T-Shirt mit sich selbst drauf trägt (so wie die Gattin daneben). 

Tex ringt um Fassung. Das Publikum kennt die „Temptations“ nicht, „was ist denn das für ein Sauhaufen!“ Er sieht zu mir herüber, „schreiben Sie das jetzt alles mit!?“ Wieder zum Publikum: „Ich möchte Ihnen ganz kurz erklären: Ich nehme keine Drogen!“ Dann berichtet er, dass die Illuminaten die geklärte Butter erfunden haben. Und: „Ein totes Bein kommt ja letzten Endes auch nicht voran.“ Sehr wahr: „Die dreistesten Witze macht die Realität!“ Es ist alles extrem lustig. 

Später, nach dem zweiten Bier versuchen wir es mit dem Du, es fällt ihm aber nicht leicht, vielleicht habe ich es mit dem Fangirl-Bericht über die damals selbstgenähte Sockenpapsttiara übertrieben.

Angeblich gibt es eine japanische Raubkopie von Hertogenbosch, für das lauter Fachwerkhäuser aus ganz Mitteleuropa zusammengekauft und als Dorf konstruiert wurden, in dem Miet-Russen Käselaibe durch die Kulisse tragen.

29.9. Wahl- und Zahltag

Vier Schwäne plagen sich trötend über den Welser Himmel, eine Radfahrerin und ich schauen ihnen nach. „Bitte, wann kommt nächste Schwan?“, sagt sie und fährt davon, gar nicht erst auf meinen Applaus für die gute Anekdotensituation wartend.

In Schönering tragen alle Dirndl, aus der Betonröhre der Fußgängerunterführung tritt eine Goldhaubenträgerin. Auch F. trägt Tracht. Wir plauschen ein wenig, bis sie und ihre Töchter mich zur Wahl anhalten, „hoff' ma's, dass wos bringt!“ Sie amüsieren sich, dass ich extra mit dem Auto hergefahren bin, um hier die Grünen zu wählen. Ein haarloser, nicht sehr links anmutender Ausdauersportler hat uns zugehört und sagt im Davonjoggen „Eicha Woat in Gottes Ohr! Ob des gengan Kickl hüft?“ Ich bin vorsichtig optimistisch – zu Unrecht, wie sich bei der ersten Hochrechnung zeigt. An Schönering wär's wenigstens nicht gescheitert.

Es soll als Selbstanerkennung meiner Leistung hier vermerkt sein, dass ich mich am Abend nicht völlig ansaufe. Ein Kater brächte mich ja um die Trosthandlung am

30.9. Tauplitz

Wieder mit dem Benziner drei Stunden durch die Landschaft glühen, um wandernd blau zu machen. Die fünf fremden Menschen, die ich heute sehe, stehen leider unter Fascho-Wähl-Generalverdacht, ich versuche natürlich, mir nichts anmerken zu lassen. Es fühlt sich fast so an wie am Tag nach der eingeschlagenen Autoscheibe und gestohlenen Handtasche vor einem Jahr. Das Grundvertrauen ist perdu. 

Ansonsten gelingt die Wanderung, ich erlebe ein Mikro-Abenteuer beim barfüßigen Durchwaten der Grimming, weil das Hochwasser die Brücke weggerissen hat. Schon beim zweiten Schritt tun die Füße so weh, als sei ich die kleine Meerjungfrau beim ersten Landgang.