Dienstag, Dezember 14, 2021

Eine Ehrenmaus, pinkelnde Eulen, eine knusprige Frau und 4 Bomben

Phantomereignisse im November 2021


2.11.

Viel tut sich nicht, außer dass es jetzt ein Wesen gibt, das durch sein Verhalten mein ganzes Sein kommentiert. Das Trällern, das bislang noch an kein anderes Trommelfell als das meine gedrungen ist, erschreckt das Tier. Ö1 geht grundsätzlich, vor allem, wenn Günter Kaindlstorfer moderiert, evangelikale Hassprediger lehnt der Hund jedoch schroff ab (not at all listening to that master's voice).

Die Signation „Vom Leben der Natur“ taugt ihr. Darin geht es diese Woche um ein Tier namens „Ehrenmaus“, wahrscheinlich schreibt man es aber mit Ä (falls ich einmal ein Beispiel für die diffèrance brauche).

3.11.

Erwin Einzingers lautere, kindliche Freude über den eigenen Text, den er gerade vorliest, wärmt den ganzen Raum. „Die Eule und das Kätzchen: Beide pinkeln also gern ins Gebüsch … I find des guat!“ frohlockt er, und bei jedem anderen wäre das mindestens kokett, aber wir freuen uns alle mit ihm. (Zweitbester Satz.)

***

Eine liebe Kollegin erzählt mir, dass ihr Hund in ihrem Haar nächtigt, später liest sie den schönsten Satz des Abends vor: „In ihrem zerwanderten Körper schläft das Herz einer Bärin.“ Der drittbeste kommt von Richard Wall: „Der Wald ist alles, was der Fall ist.“

***

Nach der Sitzung gibt es recht unernst gemeinte Beschwerden, dass dabei Bier getrunken werde. „Das ist halt jetzt der neue Stil“, sagt eine Frau, die ich sein könnte.

5.11.

Über die Regressionsdisko habe ich an anderer Stelle literarisch Rechenschaft abgeliefert (hier bitte). Wiederholen möchte ich nur, dass es herzerfüllend schön war. Und diesen Gesprächsschnipsel zum Thema „Crescendo der Überforderungen“:

Meindl d.Ä.: Ich hab jetzt einen Hund, daran muss ich mich erst gewöhnen, dass da ein Wesen immer da ist und mich braucht.

L.: Wie muss das erst mit einem Kind sein!

Hirschl: Mich setzen lebende Pflanzen schon unter Druck.

Meindl d.J.: Mich stressen die Bedürfnisse meines Autos.


6.11.

Hohe Durchschimpfungsbereitschaft


7.11.

Dieses große Glück beim Finden verlassener Almen.


8.11.

Das Nachruf-Wichteln – eines der besten Projekte 2021. Ich muss es Coala schnell stehlen und marktreif machen. Die Idee geht so, dass man z.B. zu Weihnachten einen Namen aus Freundeskreis und Familie zieht und diesem Menschen eine einfühlsame Totenrede zu Lebzeiten verfassen + vortragen muss. So spüren wir wieder besser, dass wir eh alle unser aller Herzikratzis und Fleischhackerhundsis sind, alle hochbegabt und alle ganz etwas Besonderes!


11.11.

Clemens Setz' Rede zum Büchnerpreis ist erschütternd gut. Die liebevoll trainierten Pferde, die sich Menschen verbal(!) verständlich machen konnten, enden in der Knochenmühle des Ersten Weltkriegs, wo "die Pferde jetzt durch die Menschen in Unglück gekommen sind" (Kraus). Setz sagt: „Den Zählpferden erklären, was Krieg ist. Das ist für mich das geheime Herz aller Erzählkunst.“ Von diesem Wissen kann man sich nicht mehr erholen, und das ist richtig so.  

 

12.11.

Eine hörbar junge Frau ruft mich im Auftrag des United States Holocaust Memorial Museum in Washington an, ob ich in der Suche nach Hartheim-Zeitzeuginnen helfen könne. Es sei ihr sehr peinlich, aber sie habe außer meiner Nummer nur noch die Information, dass ich mit „Minki“ anzusprechen sei.

***

Mir träumte wieder einmal von einer miserabel vorbereiteten Lesebühne, dieses Mal zum Thema „Berg“, leider auch irgendwo auf einem Berg. Großspurig führe ich das Ensemble dorthin, zu Gast ist Martin Fritz, doch wir verplaudern uns und ich habe auch nie wirklich gewusst, auf welcher Alm wir lesen sollen. Es wird nichts.

 

13.11.

Der Zugbegleiter raunt mir wegen meiner noch nicht gültigen Vorteilscard zu, ich sei ein „Schlingel“.

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Auf einer Geburtstagsfeier lernen wir den enorm sympathischen ZiB-Moderator Jürgen Pettinger kennen. Coala verwickelt ihn ohne Umschweife in abstruse Romanprojekte, beide kommen überein, dass ich die dann eh „nua mehr owaschreim“ müsse. Eines davon: „Schweine sterben leise im Schnee“, irgendwas über Lawinenexperimente in Tirol.

 

14.11.

Coala: „Ich möchte eine Person öffentlichen Desinteresses sein.“


15.11.

Eine Auswahl an Likören ins GAV-Büro getragen, im Sinne des „neuen Stils“.

 

16.11.

Der ORF ruft an, weil ihnen noch eine Frau fehlt, die über OÖ mault. Es wird explizit gewünscht, im Frack zu erscheinen. Bald stellt sich heraus, dass es in Wahrheit nur um den Hund geht, der die Quote in die Höhe treiben soll! Selbstverständlich sage ich zu, das Tier soll an meiner statt erfolgreich werden.

18.11.

Beim Sichten des Erbes taucht die Rechnung für meine Taufe wieder auf. 14 Halbe Bier, „4 Bomben“, aber nur vier Tassen Kaffee. Kurios – es wurde mehr gegessen als getrunken! So war das nach dem Krieg, da haben alle noch ein bisschen gehungert.

19.11.

Es tut ein wenig weh, beim Notar den verbleibenden persönlichen Besitz des Vaters als „alt, abgetragen und wertlos“ einschätzen zu lassen. Deswegen trage ich jetzt seine Hosen und Winterjacken auf. Das wird der erste Winter, in dem ich nicht friere.

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MÜNCHEN! Konkret Trudering – der unexotischste Ort der Welt.

Birgit hat mir eine Karte für das neue Hader-Programm geschenkt. In Österreich bestand keine Chance, also sind wir nun im Zirkus Krone, unter tausenden anderen, die alle den Schmäh am Anfang der zweiten Hälfte checken, nur wir nicht, weil wir uns vertrödelt haben. „Hader on Ice“ ist natürlich großartig, man kriegt nur einen schiachen Neid auf den Protagonisten, der die ganze Zeit edlen Ausländer-Rum säuft, während man mit angewinkelten Knien auf Kinderbestuhlung im Trockenen hockt. Am ergreifendsten ist die Schilderung des Weinviertler Winterwaldes, in dem es bei jedem Schritt knistert, wenn man über die Körper erfrorener Tiere geht. Gut beobachtet auch die Freuden des Alterns: „I kann jetzt wieda so liab waana!“  

20.11.

München: sehr wohlhabend, sehr bürgerlich – ein hypertrophes Wels. Aber wen das überrascht, der bleibt auch im Dezember mit Sommerreifen am Brenner hängen. Reini, der schon seit 17 Jahren hier lebt, gestaltet uns eine nach persönlichen Erlebnissen strukturierte, sehr emotionale Stadtführung („Do hob i amoi mit aana Brasilianerin taunzt!“, „Des is a supa Sauna!“,“Herst! Wo is des Lokal hinkumma!?“). Die Öffi-Takte animieren zum Erwerb eines regional produzierten PKWs. Wir rasten in einem zuckerfreien shabby-chic-Laden, in dem man sich gegen Aufpreis CBD-Toppings auf die gerecht zubereiteten Kaffee-Spezialitäten träufeln lassen kann. Ein Karfiolkopf kostet am Viktualienmarkt 7,95 €, vielleicht probiere ich es im Gartenjahr 2022 doch noch einmal mit dieser wertvollen Feldfrucht. Verrückt: Das erste Bier trinken wir nach 18 Uhr. IN MÜNCHEN! Ich kaufe zwei sehr überteuerte glitzy Souvenirs, denn ich will auch ein bisschen bürgerlich und wohlhabend sein.

Es ist insgesamt sehr schön in München, vor allem ist es schön, mit genau diesen Menschen durch die Stadt zu strolchen. (Mit ihnen legte sich auch ein goldener Glanz über Grosny.)

21.11.

Letzter Abend vor dem Lockdown, also noch schnell zum Chinarestaurant Singapur. Alles entspannt mich hier immer. Die Chefin gratuliert dem Buttinger zu mir, denn ich sei eine „knusprige Jungfrau“.

23.11.

Das Rot des Buntspechts wirkt wie eine kostbare Verschwendung im Novemberbraun meines müden Gartens.

25.11.

Ein wenig schade ist es, dass Fini nicht live beim ORF-Dreh in den Schl8hof-Skaterpark gegackt hat, aber sie hat ihre schauspielerische Leistung voll abgerufen und wird mich an die von der Stadtjugend vollgesprayte Wand spielen. Zum Glück sehe ich im Frack schweinsgut aus, das muss reichen. Angeblich sei eine fette Ratte hinter mir durch das Bild gelaufen, während ich mich in historischen Erörterungen über mein störrisches Heimatland erging. Wehe, die wird rausgeschnitten! Ich meine die Ratte.


27.11. SCHÄRDING

Clemens entschuldigt sich, dass er dieses Jahr mit dem Schlachten der Haushühner nicht auf mich gewartet hat. Es sei aber wieder ein sehr existenzielles Spektakel gewesen, samt spritzendem Blut und einem Torso, der beinahe noch bis in den kleinen See geflattert wäre.

Iris erzählt, dass ebendort im Sommer einer der gigantischen Welse bauchoben getrieben sei. Die Entsorgung in die Tonne der Tierkörperverwertung habe sich insbesondere für die Jugend traumatisierend gestaltet – und leider noch zweimal wiederholt. Am Land erlebt man noch was! Starke Gefühle, auch wenn's die falschen sind! Es muss aber schon unheimlich sein, sich die Liegenschaft mit solchen verborgenen Monstern zu teilen.


29.11.

Ein einziger Satz aus einer Stunde Drehzeit schafft es in den Beitrag im ORF-Kulturmontag. Das OÖ-Bashing fällt sehr sanft aus, das übernehmen die Herren (wie eigentlich alles). Die Ratte hat es nicht hineingeschafft, dafür ein großer Penis, den jemand auf die Rampe hinter mir gesprayt hat. Aber der Hund läuft wie ein Model und ich sehe schweinsgut aus. Tatsächlich bin ich überhaupt nicht unzufrieden, so bleiben mir weiter die Mühen einer mittleren Karriere erspart. Mimi Hie bezeichnet ihre Mama übrigens als „Integrationsterroristin“, was mich sehr erheitert (und was mir meine Steyrer-Verwandtschaft später bestätigen wird. Mama Hie ist der Star der Siedlung in Christkindl). 

Montag, November 01, 2021

Über das wahre Leben schreibe ich hier nicht

Phantomereignisse im Oktober 2021

1.10.

Um 10:06 auf dem Bahnsteig, um den Zug um 10:16 rechtzeitig zu erwischen. Allmählich ähnle ich meiner Mutter, die stundenlang vor jedem Aufbruch nervös wurde, ganz egal, ob es ein Zahnarzttermin oder etwas Besseres war. Die Aufbruchsunruhe, und die Hände, und das recht gern Zuhausebleiben.

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Wegen der verreckten message control reden die Politiker schon so uneigentlich, dass man bald Auguren braucht, die aus ihren Handbewegungen und Slimfit-Nuancen Orakelsprüche herauslesen wie aus dem Vogelflug. Wenn das so weitergeht, muss man den Ministern den Bauch aufschneiden, um aus ihren Eingeweiden zu erkennen, was sie mit uns und der Zukunft vorhaben.

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Wien ist überall Stadt, egal wo man aus der Straßenbahn aussteigt. Ich will Urlaub in der Quellenstraße machen.

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Vielleicht gründe ich die GAV Schönering, aber bei der Vorstandssitzung hat man mir ohnehin schon gesagt, dass ich in OÖ eine „unbegrenzte Obmannschaft“ innehielte, das stillt meine despotischen Bedürfnisse im Keim, denn es klingt wie „gemäßigte Diktatur“.

2.10.

Von der Arzlochscharte hinüber zur Kirtagsmauer, eine Bergtour wie in einem Franzobel-Roman. Gegen meinen Willen treibe ich die armen Gämsen vor mir her wie eine durchgeknallte Hirtin, vergebens schlage ich eine andere Richtung ein, sobald ich sie siehe, nach der nächsten Geländekante stehen sie wieder da und schauen mich böse an. Beim Abstieg überrasche ich eine beim Pinkeln, ihr Blick gleicht dem des Steinadlers, den ich unabsichtlich vom Gipfel des Bruderkogels vergrämt habe.

3.10.

SUVs verstopfen die Grazer Innenstadt, in den Gunstlagen der Repräsentationsbauten Raiffeisenfilialen, Red-Bull-Stores, Salewa-Outlets. Die Steiermark liebt die Privatwirtschaft wirklich. Da könnte die kommunistische Kaar dreinfahren wie Jesus unter die Tempelhändler.

Warum Graz der Seehunde gedenkt, erschließt sich auf den ersten Blick nicht, aber es ist eine liebe Geste gegenüber der Fauna.

4.10.

Alex hat einen Bekannten, der sich im Zoo zu fürwitzig über das Vogelgehege gebeugt hat und von einem Pelikan ins Gesicht gebissen wurde, es passte ganz in den gezähnten Schnabel. Der bemerkenswerte Unfall kam wegen der feingezackten, langen Bissspur auf.

8.10.

Es ist ein Irrglaube, dass ich hier über die wahren Dinge des Lebens schreibe.

14.10.

Wie zur Belohnung nach dem Unterleibs-Service manifestiert sich der von Coala und mir stark, aber ehrsam verehrte Foto-Graf Dieter Decker auf und tut so, als sei das nichts weiter. Er berichtet über 19 schöne Sachen, die ich mir fast alle nicht merke, weil ich ein wenig dumm bin und diesen Eintrag auf seinen Wunsch auch erst nachträglich einfüge (aus übertriebenem Datenschutz!). An eine Geschichte erinnere ich mich, nämlich an den Sturz eines Tirolers aus allen Wolken, als ihm die Tochter einen "Preußen" als Schwiegersohn andrehen wollte.


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Bei den ersten zaghaften Versuchen, den Nachlass zu ordnen, tauchen unter einem Wust an Rechnungen, Befunden, Urlaubsgrüßen, Priestermangel-Zeitungsartikeln vier Fotos von einem offensichtlich toten Menschen auf, es dauert, bis ich meinen Großvater darin erkenne.

15.10.

Der Pfarrer nach dem Begräbnis: „Ich hätte eigentlich ein Mädchen werden sollen, nach lauter Brüdern, aber leider war es mir nicht vergönnt, diese höhere Daseinsform im Anthropozän zu erreichen.“

16.10.

In Gugging lebte ein Künstler, der eine der besten Wahnvorstellungen hatte, nämlich jene, unfassbar reich zu sein.  

17.10.

Das kaltherzige Frankreich unterteilte den Tschad glatt in der Mitte, in „tchad utile“ und „tchad inutile“. Falls noch jemand Wut-Gründe gegen die Kolonialzeit braucht.

18.10.

Goldene Wandertage. An Schönheit nicht zu überbieten, man möchte zur Naturlyrikerin werden.

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Aichinger-Ausstellung im Stifterhaus. Es gibt einen Teppich, der mit einem ihrer Texte bedruckt ist. Irgendwann möchte ich etwas schreiben, das so etwas wert ist.

Idee einer Ausstellungs-Lotterie, analog zur Impf-Lotterie: Per Los wird einem Zufallsmensch aus der Bevölkerung eine wunderbare, persönliche Lebensausstellung gestaltet, mit Textteppich und Exponaten aus der Jugend. Mir die meine vorzustellen wird meine happy-place-Fantasie bei den nächsten faden Sitzungen.

Rudi Habringer liest eine Passage aus seinem Roman vor, in dem das Wort „minkeln“ abgehandelt wird, beim Schlussapplaus schaut er provokant grinsend in meine Richtung.

In der Pause erzählt mir Pauli von ihrer Zeit bei Radio Arabella, in der sie sämtliche B- und C-Promis durchinterviewen musste, an deren „Spitze“ Albano Carisi. Sie beleidigte ihn schwer, als er sich über ihre Fragen nach den großen Erfolgszeiten beschwerte, er wolle über „my new work!“ sprechen. Pauli musste ihm vermitteln, dass sich keine Sau dafür interessiere, was er ohne Romina anstelle.

19.10.

Andere Leute haben schwerere Erbschaften zu bewältigen – eine Bekannte fand im Nachlass der Mutter einen Elefantenstoßzahn. Mehr verrate ich dazu nicht, lediglich, dass sich am Ende die weltweit notleidenden Tiere über eine schöne Spendensumme aus dem illegalen Verkauf freuen durften.

20.10.

Coala und ich schildern Alex, wie unzufrieden wir damit seien, wie die jeweils andere die Zeitung in der Früh lese. Er: „Ob der großen Liebe entbrennen Scheingefechte.“

22.10.

Es war Lesebühne, darin hatte ein erfundener Mensch Geschlechtsverkehr mit Celine Dion, in einem Piratenschiff auf dem Hallstätter See, aber das schreibe ich hier jetzt nicht noch einmal, es steht ja eh schon an anderer Stelle.

25.10.

Meindl, was würdest du ohne mich machen?!“

Irgendwas anderes.“


26.10.

Die neugierigste aller neugierigen Nachbarinnen dieser Welt rät mir, die Sträucher zur Straße hin radikal umzuschneiden, dann käme viel mehr Licht in den Garten (und darauf säßen ihre Blicke wie optische Milben). Dann erzählt sie mir, wie leicht ihr die Lockdowns fallen, nur manchmal gehe es ihr ab, durch eine nächtlich beleuchtete Stadt zu gehen, so wie damals als Kind nach der Klavierstunde. Das habe sie immer genossen und seither nie wieder gemacht.

Es sind im Grunde diese mysteriösen Existenzen, die auf völlig andere Weise 20 Meter neben deiner eigenen geschehen. Das ist radikale Diversität. Über solche Lebensentscheidungen müsste sich die Literatur doch den Kopf zerbrechen, nicht immer nur Krieg und Hallodrisachen. Diese Frau ist 20 Minuten Busfahrt von ihrem Ziel entfernt. Dass einen Menschen nicht mehr als 100 Meter bis zur Wilia-Bushaltestelle, 1,20 € Fahrtgeld, ein mauliger Mann (der sich das Abendessen erstmals in diesem Jahrtausend selbst auf den Tisch stellen müsste) von der Erfüllung seiner Träume abhält – so wenig und zugleich ALLES – , das fasziniert und gruselt mich, und ich meine das ohne jeden Zynismus.

27.10.

Bei der Lesung für die Grünen Frauen behaupte ich, dass ich mit Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer auf den Schock hinauf, dass ich den Literaturnobelpreis bekomme, Hanfkekse genascht hätte. Der Applaus des türkisen Gemeindekulturreferenten gefällt mir sehr gut.

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Es ist ein steter Quell der sprachlichen Freude, mit einer Staatsanwältin befreundet zu sein. Deswegen weiß ich jetzt, dass Juristinnen Querulanten als „Menschen mit verdichtetem Rechtsbewusstsein“ bezeichnen. 

29.10. 

Vor der Lesung in Eferding kommt es sehr schnell zum branchenüblichen, extrem freundlichen Negativ-Battle, wer jemals die wenigsten Menschen bei einer Lesung gehabt habe. Es gewinnt Gertraud Klemm (quasi "keiner, und der ist mittendrin gegangen"). Es ist sehr, sehr schön im Gastzimmer, so überhaupt kein Abend für literarisches Understatement. Marianne Jungmaier fragt mich nach Kulturpolitik, und ich sage, man möge mich erschlagen, wenn ich behaupte, es ginge mir nicht sehr gut dank meiner ganzen Privilegien. Talking of which: Nach der Lesung in Eferding bewirtet uns Karin Peschka mit Crémant, den sie von der befreundeten Feinkosthändlerin gegenüber kaufe. Außerdem ist der neue Bürgermeister freundlich, schwul und geht zu Lesungen. Vielleicht ist Eferding das neue Hipsterhausen von Oberösterreich geworden, ohne dass wir es bemerkt hätten. 

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 Über das wahre Leben schreibe ich hier nicht, außer ich tue mir einen Hund ins Haus: 

Freitag, Oktober 01, 2021

Bad Habits, Bad Gastein, Bad eschluss

Phantomereignisse im September 2021

1.9. Grundlsee

Ich darf nie sterben. Wer kümmert sich denn um mein ganzes Zeug, wenn ich einmal tot bin?

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35 Kilometer gegangen. Das nächste Mal nehme ich das Auto.

Ein Reh bellt im dampfenden Wald, als würde es sich über kleine, dicke Hunde lustig machen. Gämsen poltern in das Bärental hinauf, aber vielleicht mache ich noch Steinböcke draus. Die nützlichste Tiersichtung des Tages ist aber die tote Fliege im abendlichen Beilagensalat, sie ist zwei Marillenschnäpse wert.

2.9.

Die letzten Schritte auf den Gipfel des vorderen Bruderkogels. Bevor ich ihn sehe, höre ich ihn: Die Beschwerdepiffe des Steinadlers wegen Störung seiner Privatsphäre hören sich an wie das Schreien einer sehr großen, sehr angepissten Möwe. Für seine Grämung wie für die Schimpfbeschreibung verdiene ich einen ornithologischen Shitstorm. Der Adler selbst schwankt auch zwischen fight or flight, Aus einer Mischung aus Überraschung und Ehrfurcht warte ich wehr- und reglos auf seine Entscheidung. Sein Flug über das Widderkar wird einer der großen Momente 2021 bleiben. Weitere Tiersichtungen an diesem gleißenden Tag: ein Birkhuhn (tun wir halt so); Kühe auf einer geheimen Weide am Fuß der drei Brüderkogel; ein Reh, das mit einem Bein in den Wald steigt und mein Näherkommen lange und relativ provokant betrachtet.

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Bei der Gleichstellung der Geschlechter plädiere ich dafür, die Merowinger, Habsburger und Wittelsbacher weiter zu diskriminieren.

3.9. Grundlsee

Deutsche Wanderer haben die Dame im Tourismusbüro einmal aufgefordert, etwas gegen die ungestüm balzenden Auerhähne im Henarwald zu tun.

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Bad Gastein

Unser Mikro-Ausflug fühlt sich sofort an wie eine Reise ins Ausland, weil die wenigen Bankomaten im „Zentrum“ nur gegen Gebühr arbeiten, und natürlich, weil lauter wirklich Auswärtige um uns herum sind.

Die hiesigen Wandernadeln kann man auch per App erlangen. 

"Na, habt's schon Mittag gegessen, liebe Gasteiner?" Der Heiland i.R. im Kurbad

Am besten gefällt uns die Ecke zwischen dem todteuren Kettenhotel (samt Standort-Shirts) und der Passage des verfallenden Kurpark-Geländes. Dass Beton vergehen kann! Wir drücken uns an der schwächlichen Absperrung vorbei. Das Gebäude soll erst seit 2007 leer stehen (googeln wir später), sieht aber aus wie seit 1986. Ein klassischer Lost Place, wie sie gerade in dystopographischer Mode sind. Überall träufelt Wasser herunter. Biologen hätten am Pionier-Ruderalbewuchs noch mehr Freude als wir. Von oben billige Musik aus billigen Boxen, die verstummt, sobald wir den Fuß auf die Treppe setzen. Ein Angestellter aus den wenigen geöffneten Hotels hat sich auf dem Dach offenbar einen Happy Place gebaut, mit altem Liegestuhl und etlichen slowakischen Bierdosen. Sobald wir wieder hinuntersteigen, geht geisterhaft die Musik wieder an. 

Sehr ansprechend auch das bizarrste Naturdenkmal Österreichs, das man nur schwer findet, am ehesten, wenn man aufs Klo muss und den Hinweistafeln in das Erdgeschoß des riesigen APCOA-Parkhauses folgt. Auch hier rieselt und tropft es, mit voller Blase muss man sich jetzt wirklich ranhalten. Erst nach der Erleichterung mag man einen Blick für die hohe, moosige Bergwand haben. An deren Fuß eine bessere Quelle, tiefgrün. Mit leichtem Schrecken erkennt die Nähertretende darin dicht aneinandergeschmiegte Forellen. Sie sind grotesk groß, weil man sie füttern kann, mit 20 Cent für den Automaten ist man dabei – das billigste Vergnügen in Bad Gastein. Es werden wohl doch viele vor uns die „Gletschermühle“ im Hinterhinterhof des Betonklotzes entdeckt haben, steht ja auch ein Erklärschild daneben, vor allem sind die Fische grotesk ihrer gewohnten Dimension entwachsen. Zu keiner Jahreszeit fällt ein Lichtstrahl hier herein.

 

Arm auch das feuchte, tote, gelbe Haus, das abgetrennt vom Leben oberhalb des Wasserfalles steht wie ein kariöser Zahn, der auf sein Ausgerissenwerden wartet.

Abends trinken wir Dosenstieglbier auf dem Balkon, um der bürgerlichen Prachtvergangenheit, die uns am Nachmittag bedrückt und unterhalten hat, etwas Vitales entgegenzusetzen. Erst nach einer Weile wird uns klar, dass hier – recht ungewohnt nach der großen Stille am Grundlsee – kein Verkehr das Hintergrundrauschen verursacht, sondern der Wasserfall. Anders als im Toten Gebirge hat man in den Tauern das Gefühl, im System großer, alter Ströme zu stehen, nicht mehr im touristischen Kehrwasser. Dabei war ja im Salzkammergut in den beiden Seuchensommern alles ausgebucht, während man im Gasteiner Tal aus Gästemangel mit den Zähnen knirscht.

Etwas Neues oder gar Cooles über Bad Gastein zu schreiben hat man eigentlich schon 2014 verpasst, aber trotzdem fotografieren wir die ganze Zeit, überall findet sich etwas Skurriles, während im Salzkammergut alles aus gediegenem Guss ist. Die Pseudo-Exotik speist sich aus einer anderen Quelle als die uncanny Hallstätter Un-Heimlichkeit. Abends lese ich zufällig den Katalog zu „The Big Sleep“, der Ausstellung über Tierpräparate. Erst nach einer halben Stunde gneiße ich, wie gut das passt. Und wie gut es uns hier gefällt – schaut, wie viel ich notiert habe!

4.9. Bad Gastein – Korntauern

Der echte, ganzjährig benutzbare Ort beginnt erst 300 Höhenmeter über dem Kurhotel-Hongkong, samt Billa, sozialem Wohnbau und „Café Gitti“ - wie ein kleines, alpines Altiplano einen Kilometer oberhalb von La Paz.

Der Nationalpark Hohe Tauern kann nicht sehr groß sein, denn ich treffe eine Bekannte, die zuhause nur die Donau und zwei, drei Kilometer Luftlinie von mir trennen. Wir finden es wunderschön hier, nur das viele Geröll erachten wir beide als etwas unordentlich, im Karst ist es viel aufgeräumter. 

Waren wir beim Aufstieg noch die einzigen Wanderinnen, geraten wir südseitig, oberhalb der Scharte wieder in ein Zugsystem. Die Leute mögen Kärnten halt, es gibt ein bisschen Gletscher und eine Bahn. Gerne wäre ich auf einen Gipfel gestiegen, im markierten Bereich ist aber keiner zu haben, und ich kenne die geheimen Wege der Tauern nicht. So kehre ich am Nachmittag zurück in das Sackgastein; auch nordseitig sind die Berge elektrifiziert, hoch oben stehen noch Strommasten. Ein Segen für Snobs wie mich, dass das Tote Gebirge für den brutalen Tourismus in den 1970ern nicht interessant genug war.

Ein Tourismusmann erzählt uns beim Abendessen, dass die Appartments nach der Vermietung an Skandinavier am schlimmsten aussähen, und dass es eine Art Darknet für Gratis-Tourismus gäbe, dank dessen Mittellose in Leerständen schlafen und an schlecht kontrollierten Büffets frühstücken können.

5.9. Bad Gastein – Sportgastein – Wels

Erst am dritten Tag im Tal begreife ich, warum ich ständig ludeln muss, mindestens alle halben Stunden: Es liegt an all den Bächen, Flüssen, Quellen. Immer plätschert, gurgelt und wischerlt es irgendwo. 

Die Schafe unterhalb des Niedersachenhauses hören sich an, als seien sie zu dumm, um mehr als „Möh!“ herauszubekommen, obwohl sie es besser könnten. Sie klingen wie eine vielstimmige Horde erstaunter Proleten, die Fremde mit „He! He! He!“ anschreien.

Immer wieder verbieten Schilder „bergpolizeilich“ das Betreten der historischen Stollenanlagen, sodass man große Lust bekommt, endlich eine zu betreten, fände man endlich eine.

75 Höhenmeter oberhalb des Parkplatzes, von dem ich am Morgen gestartet bin, fragt mich in der Nachmittagshitze ein oben ohne Wandernder keuchend, ob es noch weit sei hinauf, und ich weiß nicht, wie ich ihm seine bevorstehende Aufgabe schonend beibringen soll. 

 

7.9. Linz, Wels, Schönering, Irgendwo dazwischen

Die Sitzungen sind zurück in meinem Leben, ächz.

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Vogel der Woche: die „Allerweltsralle“ (K. Nüchtern)

8.9.

Zum Geburtstag bekomme ich von einer alten Schulfreundin Schnurren geschenkt. So habe etwa im vorhergehenden Jahrtausend ein Handelsreisender mit seinem Tripper eine erstaunliche Anzahl an NachbarInnen in angesteckt. Zweitens habe eine ihrer Schülerin damit geprahlt, dass ihr Vater so gerne Karl Marx lese, zur Entspannung, am liebsten im Urlaub. Vorsichtiges Nachfragen ergab, dass „Karl May“ gemeint war. Die Lehrerin hatte laut aufgelacht, war allerdings verstummt, als sie in eine Klasse voller junger, verwirrter Menschen sah, denen der Proletenvereiniger genauso unbekannt war wie der Indianerschwindler, nämlich völlig. Drittens habe die amtierende Partei in unserer Gemeinde einen Tag lang mit „Ehrfahrung kann man wählen“ plakatiert. Ich bin die Letzte, die darüber lacht, denn ich habe damals 435 Exemplare der „Sau“ persönlich korrigiert (Gewidmet meinen Vorhfahren“, das verzeihe ich den Verantwortlichen in diesem Leben nicht mehr).

***

Mama, sind die Minki und ich verwandt?“

Nein.“

Ah, aber sie ist meine Taufpartnerin!“

9.9.

Die oasch Taliban haben ein Amt eingeführt, das sich anhört, als hätten wir es für die Lesebühne erfunden: das Ministerium für „Einladung, Führung, Laster und Tugend“. Da wär's wirklich schon wurscht, wenn man gleich auch noch eins für „Gottgefällige IslamischeGangarten“ einrichtete.

10.9.

Kostbarer Fund im News-Strudel: Ein spanischer Bischof gibt sein Amt auf, weil er sich in eine Autorin satanistisch-erotischer Bücher verliebt hat. Xavier Novell Goma war Spezialist für Teufelsaustreibung und wegen seines Widerstandes gegen Homosexualität bekannt. Jetzt will das Paar in die Landwirtschaft gehen. Nur falls mich wieder jemand fragt, warum ich keine Fiktion schreibe.

***

Im Grunde meines Herzens will ich immer nur auf der Couch liegen und lesen, außer „Kreisky“ ist in der Stadt. Weil ich nun ein erwachsener Mensch bin, tue ich nicht lang herum und kaufe mir vor dem Konzert gleich den 25€-Bier-Block. Sieben Stunden später wird davon auch nichts übrig bleiben, denn es sind liebe junge Menschen da, die ich einlade wie eine cheesy Sugar Mummy. Irgendwann ab Mitternacht werde ich vom beschickerten Star-Autor Elias Hirschl erpresst; er droht, eine flapsig formulierte Korrespondenz zu veröffentlichen – mein #metoo-Moment, ich fühle mich geschmeichelt! Gern gebe ich den Zehner her. Der Hirschl freut sich närrisch und läuft davon, um allen meine flapsig formulierte Korrespondenz zu zeigen, z.B. den lieben Kreisky-Herren. Der Mitter Klaus gießt mir, noch bevor wir uns begrüßt haben, ein Backstage-Bier in mein Becherlein, aus dem ich an sich nicht noch mehr trinken sollte, aber das Zipfer hat er aus dem Tocotronic-Kühlschrank gefladert. Alle sagen, dass Dirk von Lotzow aussieht wie der ältere Bruder von Boris Schuld, der plötzlich wirklich dasteht und aussieht wie der jüngere Bruder von Dirk von Lotzow. Wir haben das Gefühl, mit einem Promi zu trinken.

Hirschl taucht wieder auf, jetzt kann auch er nichts mehr trinken, aber er sagt, das sei der beste Zeitpunkt, um mich seiner Agentin zu empfehlen. Tags darauf muss ich erkennen, dass er es ernst gemeint hat.

Das Kreisky-Konzert war mir übrigens Stunden zu kurz, aber das wird man sich schon gedacht haben. Es ist übrigens sehr schön, von den Menschen der Lieblingsband persönlich gekannt zu werden, in besonders euphorischen Momenten muss man sich als Fan dann aber auch zusammenreißen, um der Band nicht persönlich peinlich zu werden. 

Dabei müssen einen die Dinge, die man von allen am meisten liebt, gar nicht immer zurückkennen, das Ratsherrenbier, der Sonnenschein und das Tote Gebirge wissen gar nicht, dass es mich überhaupt gibt. Der Große Priel wird nie einen Schatten werfen, der meiner Silhouette gleicht, und so muss das auch sein.

12.9.

Eine neue Fieberblase neben der alten. Das Leben ist ein Hit!

***

An den verschiedensten Stellen hinterlasse ich jetzt kleine Notizen, damit sie in ein paar Jahren zu Grüßen aus der Vergangenheit werden, ein freundlicher diy-Spuk irgendwann gedachter Sachen.

13.9.

Meine Wanderbegleitung trägt als Wanderbekleidung wechselweise drei gachgelbe Jungschar-Schönering-Leiberl, was ich als Statement gegen den Skinfit-Ausrüstungsfetischismus lobe. Auf dem Gipfel des Sumperecks (übrigens eine magische halbe Stunde) knurrt trotz Brettljause ein Magen, halt!, nein, es ist ein röhrender Hirsch. Die beiden Herren glauben, ich hielte sie zum Besten. Es stimmt, ein röhrender Hirsch klingt wirklich so, als parodierte er einen röhrenden Hirschen.

14.9.

Beim gar nicht coronaadäquaten Umarmen Regina Pintars entdecke ich Franzobel, Ramona Schnekenburger (guter Name!) und Günter Kaindlstorfer im nächtlichen Efeu vor der Alten Welt. Letzterer macht sich u.a. mit der Erzählung bei mir beliebt, dass er bei einem Blind Date nachhaltig mit einer Dame verkuppelt worden sei, die eh schon Kaindlstorfer geheißen habe, also hat wohl gar nichts mehr gegen eine Hochzeit gesprochen.

15.9.

Ein Specht klopft mich morgens aus dem Baumhausschlaf, er wirkt wütend, dass er nicht an die fette Made im Inneren gelangen kann.

***

Kein Schöpfungsdrang quält mich. Auch das selbstgemachte Gemüse ist mir zu viel. Den ganzen Tag emsiges, uneigentliches Arbeiten. Badeschluss. Der Herbst will sich anscheinend für sein Zufrühkommen im August entschuldigen. Bei der nächtlichen Mordrunde an den Nacktschnecken verschone ich die eierlegenden Paare und werfe sie intakt in den Kompostkübel. Sentimental.

16.9.

Der Zirkowitsch hat mir so viele lustige Sachen erzählt, aber ich habe sie mir nicht gemerkt – wie eine Verrückte, die lauter Hunderter auf der Straße liegen lässt.

Eine Frau wartet vor dem Kepler-Salon-Klo, in dem ich mich umziehe. Ich öffne ihr die Tür im Frack, sie sieht mich dementsprechend an. Keine Ahnung, warum ich den großen, schwarzen Kleidersack hebe und „Ich habe nur noch schnell eine Leiche beseitigt“ sage, wirklich keine Ahnung. Die Dame sieht mich dementsprechend an. Auf der Bühne übersehe ich, dass der Mann, den ich auf die Bühne bitten soll, schon drauf sitzt. Das Publikum sieht mich dementsprechend an.

Nachts radle ich im Frack durch den Regen, erhobenen Hauptes, das bin ich der Montur schuldig. Das Volk sieht mir dementsprechend nach.

17.9.

Mit gerunzelter Stirn kommt der junge Altenstrasser aus der Werkstatt und drückt mir eine Stachelschweinborste in die Hand, die er gerade aus meinem Kühler gezogen hat. Er hat Fragen, ich keine Antworten.

18.9.

Die drei Birkhühner, die ich auf dem Weg vom Toten Mann herunter beunruhige, wenden ihren Blick von mir, damit ich sie nicht entdecke. Ich spiele mit.

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Buttinger erzählt, dass er in der zurückliegenden Segelwoche angesichts seiner Freunde, die das von ihm liebevoll gekochte Mahl stets binnen Minuten verschlangen, dreimal täglich meine Mutter zitierte. „Man sieht einem Narren gleich!“

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Kutzenberger behauptet bei der Ansprache zu seinem 50er tatsachenwidrig, Buttinger und ich hätten uns in seinen neuen Roman reklamiert, und nun käme ich tatsächlich vor, aber nicht wie versprochen als ermordete argentinische Touristin, sondern als handlungsfernes Zentrum eines bizarren Kultes. Wie zum Beweis erklärt sich am Ende der sehr schönen Feier seine Tochter zu meiner Vizepräsidentin, SOFORT, sagt sie. Ich willfahre natürlich.

19.9.

Es gibt graue Katzenpfötchen-Federmotten und vierfleckige Storchschnabelzünsler (auf die Liste in Frage kommender Wiedergeburtskörper?).

20.9.

Zoombie = Mensch nach drei Stunden Online-Meeting

21.9.

Bob-Ross, ASMR-Held

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Es sieht so aus, als klappe Hirschls skurrile Agentur-Empfehlung, Anna Jung und ich schreiben einander sehr liebe Mails – aber etwas anderes als Chilisaucen und auf den letzten Drücker hingefetzte Lesebühnentexte kann ich ihr produktmäßig nicht anbieten. 

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Seit längerer Zeit muss ich mich sehr dazu anhalten, zeitgenössische Literatur zu lesen, wahrscheinlich weil ich immer vor Neid erglühe, wenn sie gut ist. Am liebsten läse ich nur Völkerwander-Führer, oder wie man einen Turmschädel macht. Gibt es interessantere Informationen als jene, dass das in der Jungsteinzeit weltweit Mode war? In Europa erreichte dieser Trend erst im 5. und 6. Jahrhundert seinen Höhepunkt, wahrscheinlich ein Import der Hunnen.

24.9.

Heute hat mich das Gefühl der Ausgesetztheit etwas stärker angefasst als sonst; vor genau einem Jahr bin ich von hier aus weit hinüber zum Hochweiß gekommen. Heute schaffe ich das nicht, bei jedem Schritt muss ich einen winzigen Widerstand überwinden, der nichts mit Schwerkraft und Kondition zu tun hat. Zeitlich wäre sich die Wiederholung des wilden Marschs ausgegangen, seelisch nicht. Gleichzeitig möchte ich vor Glück aus der Haut fahren, wie immer hier heroben.

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Die schnelle Veränderung des Sonnenstandes fällt mir heuer erstmals wirklich auf, wahrscheinlich weil ich das erste Jahr allein für alles hier verantwortlich war. Vielleicht aber auch, weil ich beginne, das Rasen der Zeit zu sehen. Die perfekte Droge für mich wäre Anti-THC. Etwas, das mir die extra air time verschafft, die man in den 1990ern an Michael Jordans Flügen zum Korb beobachten konnte.

25.9.

Kater + PMS = Befindlichkeit from hell

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Die Weihbischöfe von Köln heißen Ansgar Puff und Dominikus Schwaderlapp. Der Kater lässt nach.

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Ich ziehe euch mit meinen Blicken warm an.

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Eine möglicherweise schmerzhafte Frage in der Ära unserer ganzen Bullshit-Jobs: Welche Früchte deiner Arbeit würdest du bei einer Erntedank-Prozession auf einem Wägelchen durchs Dorf ziehen? Ich: ein paar Zettel und 23 Gläser Chilisauce.

26.9.

Ich darf mit einer Literatur-Akkreditierung durch das Wahlabendgewimmel im u/hof strolchen. Die ÖVP braucht irre viel Platz, weil sie sich nicht ohne Entourage bewegt, junge Jubelperser in türkisen Pololeiberl begleiten enthusiastisch jeden Schritt des neu-alten LH. Das Machtgehabe inspiriert mich, ich schüttle dem Stelzer die Hand „im Namen der Literatur“, nur ist mir das in derselben Sekunde peinlich, während kein Gran Zweifel die anhänglichen Gemüter der Bauernbundjugend trübt. Neid! 

Vor der Damentoilette eine Delegation roter Damen, ich mache einen Witz, ob sie der Frau Landesrätin das Klo-Spalier machten, da kommt sie heraus und alle setzen sich mit ihr in Bewegung. Müde drängt sich der grüne Landesrat an mit vorbei und legt mir eine Sekunde die Hand auf die Schulter, das darf der Buttinger nicht lesen. 

Die FPÖ hat in der Zwischenzeit die Kantine leergetrunken, ich hamstere die letzten drei Seiterl. Während ich das erste allein in einer Ecke öffne, kommen zwei Neu-Abgeordnete der MFG in meine Richtung, ich wende in Fremdscham den Kopf wie die drei Birkhühner am Toten Mann. Der Trick gelingt, die zwei Impflumpis stellen sich neben mich und beginnen keine Stunde nach ihrem Einzug in den Landtag einen festen Disput, bei dem Pöttler den Jüngeren dafür schilt, dass er bei der aufgelegten ORF-Frage, wie man angesichts so vieler Menschen auf den Intensivstationen so deppert tun könne (sinngemäß), nicht die von der MFG zurechtklabüserten Intensiv-Zahlen genannt habe, sondern die richtigen. 

In einer Mischung aus Besorgnis und Amüsement über diese doofen Landsleute schlendere ich in den großen Mediensaal, renne aber gleich wieder hinaus, weil darin plötzlich der Kurz vor mir steht, Grundgütiger, muss das sein! Rüber in den Gang – aus dem Klo kommt Werner Kogler. Ich verlasse das Geschehen und gebe einem jungen Menschen meine Akkreditierung. Er kommt - 50 Kilo leicht, zwei Meter groß, augenscheinlich Mann – locker als „Dominika Meindl“ wieder hinein zur Elite, aber wozu? Die FPÖ hat wirklich alles leergetrunken.

28.9.

Es woa sicha a Ratte, es woa nämlich a richtig dicke Maus.“ Coala

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Meine“ Agentin Anna Jung sagt, ein wirklich gutes Lektorat müsste bei meinem Bergroman selbst da rauf ins Tote Gebirge, um nachzuschauen, ob das auch alles stimmt.


29.9.

Trotz fortwährenden Aufräumens stoße ich im Haus immer noch auf Nester der Entropie, heute etwa im medizinischen Bereich. Über vier Zimmer verteilt liegt, wonach sich ein Tropenspital im Kongo sehnt.

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Gestern und heute unabsichtlich Paläo-Diät, weil ich die Tür des Tiefkühlschranks über Nacht offen gelassen habe. Wir hatten wirklich viele Würste auf Vorrat.

30.9.

Die Schlussmeldung im Ö1-Abendjournal: Ein Mitarbeiter des Weißen Hauses sei extra dafür abgestellt gewesen, Trump bei Wutanfällen mit seiner Lieblingsmusik zu besänftigen, etwa „Memories“ aus „Cats“.