Phantomereignisse
im September 2021
1.9.
Grundlsee
Ich
darf nie sterben. Wer kümmert sich denn um mein ganzes Zeug, wenn
ich einmal tot bin?
***
35 Kilometer
gegangen. Das nächste Mal nehme ich das Auto.
Ein Reh bellt
im dampfenden Wald, als würde es sich über kleine, dicke Hunde
lustig machen. Gämsen poltern in das Bärental hinauf, aber
vielleicht mache ich noch Steinböcke draus. Die nützlichste
Tiersichtung des Tages ist aber die tote Fliege im abendlichen
Beilagensalat, sie ist zwei Marillenschnäpse wert.
2.9.
Die letzten
Schritte auf den Gipfel des vorderen Bruderkogels. Bevor ich ihn
sehe, höre ich ihn: Die Beschwerdepiffe des Steinadlers wegen
Störung seiner Privatsphäre hören sich an wie das Schreien einer
sehr großen, sehr angepissten Möwe. Für seine Grämung wie für
die Schimpfbeschreibung verdiene ich einen ornithologischen
Shitstorm. Der Adler selbst schwankt auch zwischen fight
or flight,
Aus einer Mischung aus Überraschung und Ehrfurcht warte ich wehr-
und reglos auf seine Entscheidung. Sein
Flug über das Widderkar wird einer der großen Momente 2021 bleiben.
Weitere Tiersichtungen an diesem gleißenden Tag: ein Birkhuhn (tun
wir halt so); Kühe auf einer geheimen Weide am Fuß der drei
Brüderkogel; ein Reh, das mit einem Bein in den Wald steigt und mein
Näherkommen lange und relativ provokant betrachtet.
***
Bei
der Gleichstellung der Geschlechter plädiere ich dafür, die
Merowinger, Habsburger und Wittelsbacher weiter zu diskriminieren.
3.9.
Grundlsee
Deutsche
Wanderer haben die Dame im Tourismusbüro einmal aufgefordert, etwas
gegen die ungestüm balzenden Auerhähne im Henarwald zu tun.
***
Bad
Gastein
Unser
Mikro-Ausflug fühlt sich sofort an wie eine Reise ins Ausland, weil
die wenigen Bankomaten im „Zentrum“ nur gegen Gebühr arbeiten,
und natürlich, weil lauter wirklich Auswärtige um uns herum sind.
Die
hiesigen Wandernadeln kann man auch per App erlangen.
"Na, habt's schon Mittag gegessen, liebe Gasteiner?" Der Heiland i.R. im Kurbad
Am
besten gefällt uns die Ecke zwischen dem todteuren Kettenhotel (samt
Standort-Shirts) und der Passage des verfallenden Kurpark-Geländes.
Dass Beton vergehen kann! Wir drücken uns an der schwächlichen
Absperrung vorbei. Das Gebäude soll erst seit 2007 leer stehen
(googeln wir später), sieht aber aus wie seit 1986. Ein klassischer
Lost
Place,
wie sie gerade in dystopographischer Mode sind. Überall träufelt
Wasser herunter. Biologen hätten am Pionier-Ruderalbewuchs noch mehr
Freude als wir. Von oben billige Musik aus billigen Boxen, die
verstummt, sobald wir den Fuß auf die Treppe setzen. Ein
Angestellter aus den wenigen geöffneten Hotels hat sich auf dem Dach
offenbar einen Happy Place gebaut, mit altem Liegestuhl und etlichen
slowakischen Bierdosen. Sobald wir wieder hinuntersteigen, geht
geisterhaft die Musik wieder an.

Sehr
ansprechend auch das bizarrste Naturdenkmal Österreichs, das man nur
schwer findet, am ehesten, wenn man aufs Klo muss und den
Hinweistafeln in das Erdgeschoß des riesigen APCOA-Parkhauses folgt.
Auch hier rieselt und tropft es, mit voller Blase muss man sich jetzt
wirklich ranhalten. Erst nach der Erleichterung mag man einen Blick
für die hohe, moosige Bergwand haben. An deren Fuß eine bessere
Quelle, tiefgrün. Mit leichtem Schrecken erkennt die Nähertretende
darin dicht aneinandergeschmiegte Forellen. Sie sind grotesk groß,
weil man sie füttern kann, mit 20 Cent für den Automaten ist man
dabei – das billigste Vergnügen in Bad Gastein. Es werden wohl
doch viele vor uns die „Gletschermühle“ im Hinterhinterhof des
Betonklotzes entdeckt haben, steht ja auch ein Erklärschild daneben,
vor allem sind die Fische grotesk ihrer gewohnten Dimension
entwachsen. Zu keiner Jahreszeit fällt ein Lichtstrahl hier herein.

Arm
auch das feuchte, tote, gelbe Haus, das abgetrennt vom Leben oberhalb
des Wasserfalles steht wie ein kariöser Zahn, der auf sein
Ausgerissenwerden wartet.
Abends
trinken wir Dosenstieglbier auf dem Balkon, um der bürgerlichen
Prachtvergangenheit, die uns am Nachmittag bedrückt und
unterhalten hat, etwas Vitales entgegenzusetzen. Erst nach einer
Weile wird uns klar, dass hier – recht ungewohnt nach der großen
Stille am Grundlsee – kein Verkehr das Hintergrundrauschen
verursacht, sondern der Wasserfall. Anders als im Toten Gebirge hat
man in den Tauern das Gefühl, im System großer, alter Ströme zu
stehen, nicht mehr im touristischen Kehrwasser. Dabei war ja im
Salzkammergut in den beiden Seuchensommern alles ausgebucht, während
man im Gasteiner Tal aus Gästemangel mit den Zähnen knirscht.
Etwas
Neues oder gar Cooles über Bad Gastein zu schreiben hat man
eigentlich schon 2014 verpasst, aber trotzdem fotografieren wir die
ganze Zeit, überall findet sich etwas Skurriles, während im
Salzkammergut alles aus gediegenem Guss ist. Die Pseudo-Exotik speist
sich aus einer anderen Quelle als die uncanny
Hallstätter Un-Heimlichkeit. Abends lese ich zufällig den Katalog
zu „The Big Sleep“, der Ausstellung über Tierpräparate. Erst
nach einer halben Stunde gneiße ich, wie gut das passt. Und wie gut
es uns hier gefällt – schaut, wie viel ich notiert habe!
4.9.
Bad
Gastein – Korntauern
Der
echte, ganzjährig benutzbare Ort beginnt erst 300 Höhenmeter über
dem Kurhotel-Hongkong, samt Billa, sozialem Wohnbau und „Café
Gitti“ - wie ein kleines, alpines Altiplano einen Kilometer oberhalb von La Paz.
Der
Nationalpark Hohe Tauern kann nicht sehr groß sein, denn ich treffe
eine Bekannte, die zuhause nur die Donau und zwei, drei Kilometer
Luftlinie von mir trennen. Wir finden es wunderschön hier, nur das
viele Geröll erachten wir beide als etwas unordentlich, im Karst ist
es viel aufgeräumter.
Waren
wir beim Aufstieg noch die einzigen Wanderinnen, geraten wir
südseitig, oberhalb der Scharte wieder in ein Zugsystem. Die Leute
mögen Kärnten halt, es gibt ein bisschen Gletscher und eine Bahn. Gerne
wäre ich auf einen Gipfel gestiegen, im markierten Bereich ist aber
keiner zu haben, und ich kenne die geheimen Wege der Tauern nicht. So
kehre ich am Nachmittag zurück in das Sackgastein; auch nordseitig
sind die Berge elektrifiziert, hoch oben stehen noch Strommasten. Ein
Segen für Snobs wie mich, dass das Tote Gebirge für den brutalen
Tourismus in den 1970ern nicht interessant genug war.
Ein
Tourismusmann erzählt uns beim Abendessen, dass die Appartments nach
der Vermietung an Skandinavier am schlimmsten aussähen, und dass es
eine Art Darknet für Gratis-Tourismus gäbe, dank dessen Mittellose
in Leerständen schlafen und an schlecht kontrollierten Büffets
frühstücken können.
5.9.
Bad
Gastein – Sportgastein – Wels
Erst
am dritten Tag im Tal begreife ich, warum ich ständig ludeln muss,
mindestens alle halben Stunden: Es liegt an all den Bächen, Flüssen,
Quellen. Immer plätschert, gurgelt und wischerlt es irgendwo.
Die
Schafe unterhalb des Niedersachenhauses hören sich an, als seien sie
zu dumm, um mehr als „Möh!“ herauszubekommen, obwohl sie es
besser könnten. Sie klingen wie eine vielstimmige Horde erstaunter
Proleten, die Fremde mit „He! He! He!“ anschreien.
Immer
wieder verbieten Schilder „bergpolizeilich“ das Betreten der
historischen Stollenanlagen, sodass man große Lust bekommt, endlich
eine zu betreten, fände man endlich eine.
75
Höhenmeter oberhalb des Parkplatzes, von dem ich am Morgen gestartet
bin, fragt mich in der Nachmittagshitze ein oben ohne Wandernder
keuchend, ob es noch weit sei hinauf, und ich weiß nicht, wie ich
ihm seine bevorstehende Aufgabe schonend beibringen soll.
7.9.
Linz, Wels, Schönering, Irgendwo dazwischen
Die
Sitzungen sind zurück in meinem Leben, ächz.
***
Vogel
der Woche: die „Allerweltsralle“ (K. Nüchtern)
8.9.
Zum
Geburtstag bekomme ich von einer alten Schulfreundin Schnurren
geschenkt. So habe etwa im vorhergehenden Jahrtausend ein
Handelsreisender mit seinem Tripper eine erstaunliche Anzahl an
NachbarInnen in angesteckt. Zweitens habe eine ihrer Schülerin damit
geprahlt, dass ihr Vater so gerne Karl Marx lese, zur Entspannung, am
liebsten im Urlaub. Vorsichtiges Nachfragen ergab, dass „Karl May“
gemeint war. Die Lehrerin hatte laut aufgelacht, war allerdings
verstummt, als sie in eine Klasse voller junger, verwirrter Menschen
sah, denen der Proletenvereiniger genauso unbekannt war wie der
Indianerschwindler, nämlich völlig. Drittens habe die amtierende
Partei in unserer Gemeinde einen Tag lang mit „Ehrfahrung kann man
wählen“ plakatiert. Ich bin die Letzte, die darüber lacht, denn
ich habe damals 435 Exemplare der „Sau“ persönlich korrigiert
(Gewidmet meinen Vorhfahren“, das verzeihe ich den Verantwortlichen
in diesem Leben nicht mehr).
***
„Mama,
sind die Minki und ich verwandt?“
„Nein.“
„Ah,
aber sie ist meine Taufpartnerin!“
9.9.
Die
oasch Taliban haben ein Amt eingeführt, das sich anhört, als hätten
wir es für die Lesebühne erfunden: das Ministerium für „Einladung,
Führung, Laster und Tugend“. Da wär's wirklich schon wurscht,
wenn man gleich auch noch eins für „Gottgefällige IslamischeGangarten“ einrichtete.
10.9.
Kostbarer
Fund im News-Strudel: Ein spanischer Bischof gibt sein Amt auf, weil
er sich in eine Autorin satanistisch-erotischer Bücher verliebt hat.
Xavier Novell Goma war Spezialist für Teufelsaustreibung und wegen
seines Widerstandes gegen Homosexualität bekannt. Jetzt will das
Paar in die Landwirtschaft gehen. Nur falls mich wieder jemand fragt,
warum ich keine Fiktion schreibe.
***

Im
Grunde meines Herzens will ich immer nur auf der Couch liegen und
lesen, außer „Kreisky“ ist in der Stadt. Weil ich nun ein
erwachsener Mensch bin, tue ich nicht lang herum und kaufe mir vor
dem Konzert gleich den 25€-Bier-Block. Sieben Stunden später wird
davon auch nichts übrig bleiben, denn es sind liebe junge Menschen
da, die ich einlade wie eine cheesy Sugar Mummy. Irgendwann ab
Mitternacht werde ich vom beschickerten Star-Autor Elias Hirschl
erpresst; er droht, eine flapsig formulierte Korrespondenz zu
veröffentlichen – mein #metoo-Moment, ich fühle mich
geschmeichelt! Gern gebe ich den Zehner her. Der Hirschl freut sich
närrisch und läuft davon, um allen meine flapsig formulierte
Korrespondenz zu zeigen, z.B. den lieben Kreisky-Herren. Der Mitter
Klaus gießt mir, noch bevor wir uns begrüßt haben, ein
Backstage-Bier in mein Becherlein, aus dem ich an sich nicht noch
mehr trinken sollte, aber das Zipfer hat er aus dem
Tocotronic-Kühlschrank gefladert. Alle sagen, dass Dirk von Lotzow
aussieht wie der ältere Bruder von Boris Schuld, der plötzlich
wirklich dasteht und aussieht wie der jüngere Bruder von Dirk von
Lotzow. Wir haben das Gefühl, mit einem Promi zu trinken.
Hirschl
taucht wieder auf, jetzt kann auch er nichts mehr trinken, aber er
sagt, das sei der beste Zeitpunkt, um mich seiner Agentin zu
empfehlen. Tags darauf muss ich erkennen, dass er es ernst gemeint
hat.
Das
Kreisky-Konzert war mir übrigens Stunden zu kurz, aber das wird man
sich schon gedacht haben. Es ist übrigens sehr schön, von den
Menschen der Lieblingsband persönlich gekannt zu werden, in
besonders euphorischen Momenten muss man sich als Fan dann aber auch
zusammenreißen, um der Band nicht persönlich peinlich zu werden.
Dabei müssen einen die Dinge, die man von allen am meisten liebt,
gar nicht immer zurückkennen, das Ratsherrenbier, der Sonnenschein
und das Tote Gebirge wissen gar nicht, dass es mich überhaupt gibt.
Der Große Priel wird nie einen Schatten werfen, der meiner
Silhouette gleicht, und so muss das auch sein.
12.9.
Eine
neue Fieberblase neben der alten. Das Leben ist ein Hit!
***
An
den verschiedensten Stellen hinterlasse ich jetzt kleine Notizen,
damit sie in ein paar Jahren zu Grüßen aus der Vergangenheit
werden, ein freundlicher diy-Spuk irgendwann gedachter Sachen.
13.9.
Meine
Wanderbegleitung trägt als Wanderbekleidung wechselweise drei
gachgelbe Jungschar-Schönering-Leiberl, was ich als Statement gegen
den Skinfit-Ausrüstungsfetischismus lobe. Auf dem Gipfel des
Sumperecks (übrigens eine magische halbe Stunde) knurrt trotz
Brettljause ein Magen, halt!, nein, es ist ein röhrender Hirsch. Die
beiden Herren glauben, ich hielte sie zum Besten. Es stimmt, ein
röhrender Hirsch klingt wirklich so, als parodierte er einen
röhrenden Hirschen.
14.9.
Beim
gar nicht coronaadäquaten Umarmen Regina Pintars entdecke ich
Franzobel, Ramona Schnekenburger (guter Name!) und Günter
Kaindlstorfer im nächtlichen Efeu vor der Alten Welt. Letzterer
macht sich u.a. mit der Erzählung bei mir beliebt, dass er bei einem
Blind Date nachhaltig mit einer Dame verkuppelt worden sei, die eh
schon Kaindlstorfer geheißen habe, also hat wohl gar nichts mehr
gegen eine Hochzeit gesprochen.
15.9.
Ein
Specht klopft mich morgens aus dem Baumhausschlaf, er wirkt wütend,
dass er nicht an die fette Made im Inneren gelangen kann.
***
Kein
Schöpfungsdrang quält mich. Auch das selbstgemachte Gemüse ist mir
zu viel. Den ganzen Tag emsiges, uneigentliches Arbeiten.
Badeschluss. Der Herbst will sich anscheinend für sein Zufrühkommen
im August entschuldigen. Bei der nächtlichen Mordrunde an den
Nacktschnecken verschone ich die eierlegenden Paare und werfe sie
intakt in den Kompostkübel. Sentimental.
16.9.
Der
Zirkowitsch hat mir so viele lustige Sachen erzählt, aber ich habe
sie mir nicht gemerkt – wie eine Verrückte, die lauter Hunderter
auf der Straße liegen lässt.
Eine
Frau wartet vor dem Kepler-Salon-Klo, in dem ich mich umziehe. Ich
öffne ihr die Tür im Frack, sie sieht mich dementsprechend an.
Keine Ahnung, warum ich den großen, schwarzen Kleidersack hebe und
„Ich habe nur noch schnell eine Leiche beseitigt“ sage, wirklich
keine Ahnung. Die Dame sieht mich dementsprechend an. Auf der Bühne
übersehe ich, dass der Mann, den ich auf die Bühne bitten soll,
schon drauf sitzt. Das Publikum sieht mich dementsprechend an.
Nachts
radle ich im Frack durch den Regen, erhobenen Hauptes, das bin ich
der Montur schuldig. Das Volk sieht mir dementsprechend nach.
17.9.
Mit
gerunzelter Stirn kommt der junge Altenstrasser aus der Werkstatt und
drückt mir eine Stachelschweinborste in die Hand, die er gerade aus
meinem Kühler gezogen hat. Er hat Fragen, ich keine Antworten.
18.9.
Die
drei Birkhühner, die ich auf dem Weg vom Toten Mann herunter
beunruhige, wenden ihren Blick von mir, damit ich sie nicht entdecke.
Ich spiele mit.
***
Buttinger
erzählt, dass er in der zurückliegenden Segelwoche angesichts
seiner Freunde, die das von ihm liebevoll gekochte Mahl stets binnen
Minuten verschlangen, dreimal täglich meine Mutter zitierte. „Man
sieht einem Narren gleich!“
***
Kutzenberger
behauptet bei der Ansprache zu seinem 50er tatsachenwidrig, Buttinger
und ich hätten uns in seinen neuen Roman reklamiert, und nun käme
ich tatsächlich vor, aber nicht wie versprochen als ermordete
argentinische Touristin, sondern als handlungsfernes Zentrum eines
bizarren Kultes. Wie zum Beweis erklärt sich am Ende der sehr
schönen Feier seine Tochter zu meiner Vizepräsidentin, SOFORT, sagt
sie. Ich willfahre natürlich.
19.9.
Es
gibt graue Katzenpfötchen-Federmotten und vierfleckige
Storchschnabelzünsler (auf die Liste in Frage kommender
Wiedergeburtskörper?).
20.9.
Zoombie
= Mensch nach drei Stunden Online-Meeting
21.9.
Bob-Ross,
ASMR-Held
***
Es
sieht so aus, als klappe Hirschls skurrile Agentur-Empfehlung, Anna
Jung und ich schreiben einander sehr liebe Mails – aber etwas
anderes als Chilisaucen und auf den letzten Drücker hingefetzte
Lesebühnentexte kann ich ihr produktmäßig nicht anbieten.
***
Seit
längerer Zeit muss ich mich sehr dazu anhalten, zeitgenössische
Literatur zu lesen, wahrscheinlich weil ich immer vor Neid erglühe,
wenn sie gut ist. Am liebsten läse ich nur Völkerwander-Führer,
oder wie man einen Turmschädel macht. Gibt es interessantere
Informationen als jene, dass das in der Jungsteinzeit weltweit Mode
war? In Europa erreichte dieser Trend erst im 5. und 6. Jahrhundert
seinen Höhepunkt, wahrscheinlich ein Import der Hunnen.
24.9.
Heute
hat mich das Gefühl der Ausgesetztheit etwas stärker angefasst als
sonst; vor genau einem Jahr bin ich von hier aus weit hinüber zum
Hochweiß gekommen. Heute schaffe ich das nicht, bei jedem Schritt
muss ich einen winzigen Widerstand überwinden, der nichts mit
Schwerkraft und Kondition zu tun hat. Zeitlich wäre sich die
Wiederholung des wilden Marschs ausgegangen, seelisch nicht. Gleichzeitig möchte ich vor Glück aus der Haut fahren, wie immer hier heroben.
***
Die
schnelle Veränderung des Sonnenstandes fällt mir heuer erstmals
wirklich auf, wahrscheinlich weil ich das erste Jahr allein für
alles hier verantwortlich war. Vielleicht aber auch, weil ich
beginne, das Rasen der Zeit zu sehen. Die perfekte Droge für mich
wäre Anti-THC. Etwas, das mir die extra air
time
verschafft, die man in den 1990ern an Michael Jordans Flügen zum
Korb beobachten konnte.
25.9.
Kater
+ PMS = Befindlichkeit from hell
***
Die
Weihbischöfe von Köln heißen Ansgar Puff und Dominikus
Schwaderlapp. Der Kater lässt nach.
***
Ich
ziehe euch mit meinen Blicken warm an.
***
Eine
möglicherweise schmerzhafte Frage in der Ära unserer ganzen
Bullshit-Jobs: Welche Früchte deiner Arbeit würdest du bei einer
Erntedank-Prozession auf einem Wägelchen durchs Dorf ziehen? Ich:
ein paar Zettel und 23 Gläser Chilisauce.
26.9.
Ich
darf mit einer Literatur-Akkreditierung durch das Wahlabendgewimmel
im u/hof strolchen. Die ÖVP braucht irre viel Platz, weil sie sich
nicht ohne Entourage bewegt, junge Jubelperser in türkisen
Pololeiberl begleiten enthusiastisch jeden Schritt des neu-alten LH. Das
Machtgehabe inspiriert mich, ich schüttle dem Stelzer die Hand „im
Namen der Literatur“, nur ist mir das in derselben Sekunde
peinlich, während kein Gran Zweifel die anhänglichen Gemüter der
Bauernbundjugend trübt. Neid!
Vor der Damentoilette eine Delegation roter Damen, ich mache einen
Witz, ob sie der Frau Landesrätin das Klo-Spalier machten, da kommt
sie heraus und alle setzen sich mit ihr in Bewegung. Müde drängt
sich der grüne Landesrat an mit vorbei und legt mir eine Sekunde die
Hand auf die Schulter, das darf der Buttinger nicht lesen.
Die FPÖ
hat in der Zwischenzeit die Kantine leergetrunken, ich hamstere die
letzten drei Seiterl. Während ich das erste allein in einer Ecke
öffne, kommen zwei Neu-Abgeordnete der MFG in meine Richtung, ich
wende in Fremdscham den Kopf wie die drei Birkhühner am Toten Mann.
Der Trick gelingt, die zwei Impflumpis stellen sich neben mich und
beginnen keine Stunde nach ihrem Einzug in den Landtag einen festen
Disput, bei dem Pöttler den Jüngeren dafür schilt, dass er bei der
aufgelegten ORF-Frage, wie man angesichts so vieler Menschen auf den
Intensivstationen so deppert tun könne (sinngemäß), nicht die von
der MFG zurechtklabüserten Intensiv-Zahlen genannt habe, sondern die
richtigen.
In einer Mischung aus Besorgnis und Amüsement über diese
doofen Landsleute schlendere ich in den großen Mediensaal, renne
aber gleich wieder hinaus, weil darin plötzlich der Kurz vor mir
steht, Grundgütiger, muss das sein! Rüber in den Gang – aus dem
Klo kommt Werner Kogler. Ich verlasse das Geschehen und gebe einem
jungen Menschen meine Akkreditierung. Er kommt - 50 Kilo leicht, zwei
Meter groß, augenscheinlich Mann – locker als „Dominika Meindl“
wieder hinein zur Elite, aber wozu? Die FPÖ hat wirklich alles leergetrunken.
28.9.
„Es
woa sicha a Ratte, es woa nämlich a richtig dicke Maus.“ Coala
***
„Meine“
Agentin Anna Jung sagt, ein wirklich gutes Lektorat müsste bei
meinem Bergroman selbst da rauf ins Tote Gebirge, um nachzuschauen,
ob das auch alles stimmt.
29.9.
Trotz
fortwährenden Aufräumens stoße ich im Haus immer noch auf Nester
der Entropie, heute etwa im medizinischen Bereich. Über vier Zimmer
verteilt liegt, wonach sich ein Tropenspital im Kongo sehnt.
***
Gestern
und heute unabsichtlich Paläo-Diät, weil ich die Tür des
Tiefkühlschranks über Nacht offen gelassen habe. Wir hatten
wirklich viele Würste auf Vorrat.
30.9.
Die
Schlussmeldung im Ö1-Abendjournal: Ein Mitarbeiter des Weißen
Hauses sei extra dafür abgestellt gewesen, Trump bei Wutanfällen
mit seiner Lieblingsmusik zu besänftigen, etwa „Memories“ aus
„Cats“.