Mittwoch, Juni 10, 2020

Sudernde Sudeten

Da sich das Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen Europas zum 75. mal jährt und in den OÖN der "Stunde null" gedacht wird, budeln sich auch die organisierten Sudetenvertreter wieder auf. Ich denke, das ist ein passender Anlass dafür, ein Kapitel aus "In der Heimat der Fußkranken" hier hereinzukopieren.

Sudernde Sudeten

Viele ältere Mühlviertler sind auf ihre Nachbarn im Norden gar nicht gut zu sprechen. »Die Tschechen tun ja grad so, als ob ihnen Gott dieses Land geschenkt hätte!«, ereiferte sich jüngst ein älterer Arnreiter, der als Sudetendeutscher nach 1945 vertrieben worden war. Als hätte Gott den Sudeten oder irgendjemand anderem Wald und Wiesen geschenkt. Als hätte Hitler nicht Krumau und Kaplitz 1939 gewaltsam an „Oberdonau“ angegliedert.
Die Sudeten – eigentlich der Name jenes Gebirgszuges, der Deutschland, Tschechien und Polen verbindet – haben aus ihrer Sicht Grund, mit den Tschechen über Kreuz zu sein. Die ersten von ihnen hatten ab dem 12. Jahrhundert die Grenzregionen Böhmen und Mährens kolonialisiert. Pest und Kriege entvölkerten das Land und lockten weitere Siedler an. Unter den Habsburgern gab bei der Volkszählung von 1910 ein Drittel der böhmischen Bevölkerung Deutsch als Umgangssprache an (2,2 von insgesamt 6,6 Millionen Menschen).
Am 1. Oktober 1938 wurden die Sudetengebiete mit ihren insgesamt 2,9 Millionen deutschsprachigen und 700.000 tschechischsprachigen Bewohnern „heim ins Reich“ geholt. Heute beraten Historikerinnen darüber, ob nicht genau hier ein guter Zeitpunkt für den Rest Europas gewesen wäre, Hitler militärisch auf die Finger zu klopfen, zumal die mit dem Sudetenland annektierten Grenzbefestigungen später von der Wehrmacht als uneinnehmbar erachtet wurden und die tschechoslowakische Armee zu diesem Zeitpunkt eine der bestausgerüsteten Mitteleuropas war.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft kamen die von der tschechoslowakischen Exilregierung in London ausgearbeiteten 143 „Dekrete des Präsidenten der Republik“ zum Tragen, nach denen 2,9 Millionen Menschen als „staatlich unzuverlässig“, ergo Staatsfeinde eingestuft wurden. In Österreich, Deutschland und Ungarn werden sie gerne „Beneš-Dekrete“ genannt, vielleicht weil die Reduzierung auf eine Person noch dämonischer wirkt. Die Dekrete betrafen auch die 2000 bis 3000 überlebenden Juden (von ursprünglich 40.000), die sich bei der Volkszählung als ›deutsch‹ deklariert hatten. Ihr zuvor „arisiertes“ Vermögen wurde nach dem Krieg als deutscher Besitz konfisziert. Trotz eines späteren Erlasses zugunsten der solcherart erneut Beraubten sahen diese ihren Besitz nie wieder – die kommunistische Partei verfolgte bekanntlich die Strategie der Verstaatlichung privaten Eigentums.
Die Tschechen waren jedenfalls durchaus gründlich bei der revanchistischen und von den Alliierten geduldeten „Ausbürgerung“, obwohl die Dekrete an sich eine derart systematische Vertreibung nicht rechtfertigten. Nach einigen öffentlichen Ansprachen von Präsident Edvard Beneš kam es im Mai 1945 zu „wilden Vertreibungen“, sprich: brutalen Massakern. Die Zahlen der Todesopfer schwanken zwischen 18.816 und 270.000.
Es verschwanden nicht nur die Menschen, sondern auch deren Häuser. Ganze Dörfer wurden bis auf den letzten Stein abgetragen. Vor einigen Jahren besuchte ich das malerische Ktiš nahe Prachatice. Dort liegen auf dem Friedhof der 1310 erbauten Kirche noch die Ahnen der Sudeten. Ansonsten ist außerhalb des Dorfes kein Stein ihrer Höfe mehr zu sehen; alte Fotos wirken angesichts der heutigen Leere wie eine Fata Morgana.
In das entvölkerte Sudetenland zogen nach dem Krieg Tschechinnen aus dem Landesinneren und dem Ausland. Viele der Vertriebenen flüchteten nach Oberösterreich. Etliche meiner Freunde haben sudetendeutsche Großeltern. Laut Erzählungen waren die Großeltern naturgemäß traumatisiert durch das erlittene Unrecht, gleichzeitig aber froh, nun auf der „richtigen“ Seite des Eisernen Vorhangs zu leben. Ihren Enkeln haben sie keine Ressentiments vererbt. Ganz im Gegenteil zu den organisierten Sudeten.
Die Vertriebenenorganisationen der Sudetendeutschen Landsmannschaften sind ein Erbe, das aus der NS-Zeit über uns gekommen ist. Nicht umsonst wird bei ihnen vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) eine Nähe zum Rechtsextremismus erkannt; politisch sind sie wie alle anderen organisierten vertriebenen „Volksdeutschen“ fest in der Hand des Dritten Lagers – auch in Oberösterreich. „Sie leben in der Vorstellung, sie seien die vergessenen Opfer, dabei wurde besonders auch in Oberösterreich jahrzehntelang ausschließlich über sie geredet, wenn es um die Opfer des Krieges ging, und nicht über 'Zigeuner' oder Juden“, sagt Josef Goldberger vom oberösterreichischen Landesarchiv. „Die Vorgeschichte der Vertreibungen und Übergriffe – die NS-Verbrechen in den jeweiligen Ländern und die Beteiligung von Volksdeutschen daran – wird weitestgehend ausgeblendet“, heißt es auch in der Stellungnahme des DÖW aus dem Jahr 2004.
Vor einigen Jahren plante der Nationalratsabgeordnete Norbert Kapeller, Wehr- und Vertriebenensprecher der ÖVP, ein Museum der deutsch-tschechischen Völkerverständigung in seinem Bauernhof in Leopoldschlag. Das Land Oberösterreich hatte dies zunächst fördern wollen. Im Jahr 2010 zog es aber auf dringliches Anraten verschiedenster Institutionen die Zusage aus politischen Gründen“ zurück, wie Kapeller sagt. Expertinnen weisen darauf hin, dass er als Vertriebenensprecher im Lauf der Jahre mehrmals durch diplomatische Grobheiten die österreichisch-tschechische Verständigung gefährdet habe. Im März 2011 trat Kapeller von all seinen politischen Ämtern zurück, nachdem sein Auto in der Kurzparkzone vor dem Linzer Bahnhof abgestellt worden war – mit dem Behindertenausweis seines vor zehn Jahren verstorbenen Schwiegervaters hinter der Windschutzscheibe.
Eine Episode zum Abschluss. Ein Freund aus Wels ist Kind von vertriebenen Banatlern, die seit Ende des 17. Jahrhunderts von den Habsburgern in den nach den Türkenkriegen verwüsteten, entvölkerten Gebieten angesiedelt worden waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie brutal aus ihrer Heimat vertrieben. Viele fanden Aufnahme rund um Wels, insbesondere in Gunskirchen oder Marchtrenk. Ihnen verdankt die Gegend kulinarische Errungenschaften wie Tomaten, Paprika und Knoblauch. In den Gärten der Exilantinnen soll es keinen Flecken gegeben haben, der nicht der Ernährung diente. Mit den alten Menschen stirbt allmählich das ganz spezielle Banater Deutsch aus. Mein Freund erzählt, dass es – nach Jahrzehnten unauffälligen Zusammenlebens – sofort nach dem Aufstieg Jörg Haiders auf dem Welser Wochenmarkt zu sehr hässlichen Szenen kam. Etliche heimatbesoffene Männer hörten Banatler sprechen und pöbelten die vermeintlichen Ausländer an, sie mögen sich aus Österreich schleichen.

Freitag, April 03, 2020

#Geköpfte Hühner #ausgewilderte Möbel #desillusionierte Frauen #Pommes mit Mao #müder Metapherngerm

Der höchstgeschätzte Kollege Herbert Christian Stöger macht drüben auf Instagram derzeit ein schönes Projekt namens #turmblau, für das er AutorInnen nach ihren Alltagsirritationen befragt. Zwecks crossmedialer Schaffensverbreitung hier bitteschön meine gesammelten Mikrotraumata. Es ist alles nicht sehr schlimm, aber ein bisschen schon. Sich die eigenen kalten Füßchen am Funzelfeuer anderer Menschen Verstimmung zu wärmen, ist "in Zeiten wie diesen" extrem legitim. In diesem Sinne: go for it.

Hühnerschlachten

Die Freunde, die zu besuchen man nach viel zu langer Zeit endlich schafft, beschließen, noch bevor man den Kaffee ausgetrunken hat, die beiden ältesten Hühner zu schlachten, damit die Gästin einmal eine „existenzielle Erfahrung“ machen könne, das sei wichtig für die Literatur. Die Tiere laufen dann auch so kopflos und vergeblich um ihr Leben, wie man sich die existenzielle Erfahrung ausgemalt hat. Notiz: Beim nächsten Schlachterlebnis mehr Abstand halten, Hühnerblut geht nur noch schwer aus den Hosenbeinen. 


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Dark Tourism
 
Das tiefe Kanaltal wirkt im diffusen Licht des Novembernachmittags noch viel weiter vom Zentralraum entfernt als die 464 Kilometer, die wir gerade gefahren sind. Der altersschwache Motor ächzt schon, als wir nach der 17. Kehre die beiden Fauteuilsessel sehen, die es sich in Ermangelung von Besitzern selbst gemütlich machen im verlassenen friulanischen Bergwald. 

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Ten Years Challenge

 
Am Ende ist man ohnehin selbst schuld, wenn man zum Beispiel zum selben Fotografen wie vor exakt zehn Jahren geht, der an diesem Morgen 2019 aber noch zu grantig für eine angenehme Ablichtungssituation ist und einem dann eben ungeschönt die Desillusionierung zeigt, die sich seit 2009 in Schichten auf das Gesicht gelegt hat.


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Keine Pommes mit Mao



Die Pommes frites schwimmen kurz auf der Oberfläche, bevor sie auf den Grund sinken, vermutlich auf einen Berg alter Pommes frites, die von den Touristen der letzten Wochen in den See geworfen wurden. Die Schwäne wenden dem unpassenden Lockangebot grämlich fauchend ihre Bürzel zu. Die enttäuschten Gäste aus Peking halten sich mit der Miete eines Tretbootes in Schwanenform schadlos. 


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Erschöpfter Teig

Am Altjahrestag überredete ich mich selbst zu einem Spaziergang durch Wels. Der Hosenbund schnitt in den Bauch. Der Kopf war noch blöde vom Vortag. Vor einer billigen Pizzeria, die ausschließlich von den HTL-Schülern gegenüber lebt, hing eine große Teigkugel blass und müde über dem Zaun, hinter dem sich träge und müde der Mühlbach in seinem Bett wälzte.

Montag, März 23, 2020

Das Decamerone von Schönering. Romanbausätze für die Quarantäne

In Bezug auf das Verfassen vollständiger, umfangreicher, zeithistorisch relevanter Romanwerke bin ich der Thomas Mann des Scheiterns, die Maria Callas des Versagens, der Mozart der Prokrastination. Hier ist alles, was ich habe - gerne könnt ihr euch das jetzt in der Quarantäne selber fertig schreiben, ihr kennt das ja von Ikea. Hier bitteschön, der Textsirup zum Aufspritzen:

Der Undank. Geträumte Autobiographie
Prof. Buttinger ist es dank seiner Medien-Beziehungen gelungen, Marcel Hirscher als nächsten Gast für die Lesebühne zu gewinnen, aber niemand von uns hat sich die Mühe gemacht, ihm was Lustiges zu schreiben, und leider ist er zwar siebenfacher Gesamtweltcupgewinner, kann jedoch überhaupt nicht improvisieren, sodass sein Auftritt vom verwöhnten Publikum mit enttäuschtem Murren quittiert wird und ich mir vornehme, mit den Mitarbeitern ein strenges Gespräch über Gäste-Qualitätskriterien zu führen. 

Abb. 1: Prophetisches Symbolbild
 

Frühwerk: „Zeugnisse der Zärtlichkeit“
Beim Renovieren des Badezimmers einen Packen Briefe finden, es sind Liebesbriefe einer bittersüßen amour fou, und zwar zwischen – Bud Spencer und Terrence Hill! Zeugnisse von Leidenschaft und Verzweiflung. Es musste schon alleine daran scheitern, dass das Schönering der frühen 1980er noch nicht so weit war. Notiz: Ein Broke-Back Mountain für sehr Arme. Plausibel machen, was die beiden Action-Klamaukhelden im Bezirk Linz-Land zu suchen hatten.

Der kurze Brief zum langen Abschied. Nach Handke
Ein junger Österreicher befindet sich in NY und erhält dort einen Brief von seiner Frau: „Ich bin in New York. Bitte such' mich nicht, es wäre nicht schön, mich zu finden“, doch er hält sich nicht dran, und während der Reise durch die USA hat er sehr viel Zeit zum Nachdenken, über sich, sein launenhaftes Weib, die Kindheit und wasnichtalles, weswegen er, nachdem er die Flüchtige am Ende gestellt hat, in die Trennung einwilligen kann, und der Autor dieser öden Geschichte sehr viel bekannter und berühmter wird als die beherzte Zusammenfasserin von Handkes Oeuvre.

Ein bisschen eine Fabel. Nach Kafka.
„Ach“, sagte die Medien-FH-Absolventin, „der Arbeitsmarkt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war er so riesig, dass ich fast Angst hatte, ich machte Auslandssemester und war glücklich, als ich endlich Optionen sah, links und rechts Praktika, aber diese Jobs kleistern mir den CV so zu, dass mir gar keine Zeit zum Geldverdienen bleibt, und jetzt bin ich Alleinerzieherin und schon bald 40, und dort steht schon die Teilzeit-Pensionsfalle, in die ich laufe.“ „Du musst dir nur ein Eigenheim anschaffen“, sagte der Kanzler und lachte.

Darwin's Nightmare
Eines Morgens überkam die bislang nicht vom Erfolg verwöhnte Hobbyliteratin Dominika Meindl die Geschäftsidee einer Hundewerkstatt analog zu all den Auto-Schraubereien, quasi Evolution Fast Forward; ein Dog-Customizing, bei dem Dackelbesitzerinnen ihre Tiere noch mehr stretchen, Retrieverinhaber ihre Allerweltshunde tieferlegen oder Sharpei-Halter die Faltenwauzis neu auffüllen lassen könnten, aber aufgebrachte Tierschützer entführten Meindl in der Nacht vor der in allen Medien angekündigten Dog-Tuning-Eröffnung und ließen sie vom radikalisierten Amtstierarzt einschläfern.

Dienstag, Februar 25, 2020

Stelzhamer + Antisemit + IG AutorInnen (Clickbait-Überschrift). Mei potschate Hoamat.

Ich habe nicht sehr viel, das Grund zum Antuschen böte, aber Hymnenentschärfung kann ich wirklich gut; noch besser als Couchliegen und Zeitunglesen (Landesmeisterin 2017). Hier zwei Vorschläge für neue oberösterreichische Landeshymnen.

Gleich die schönste – meine Meinung! – ist eine Leihgabe vom großen Hansi Orsolics, dem ich den Text seines "Potschatn Lebns" flauche. Die anrührende Schnopfhagen-Melodie darf bleiben.

Mei potschate Hoamat

Ob i wü, ob i ned wü
maunchmoi denk i an späta
und i siach durch viele Tränen
wo des Spoan uns hifüan wiad
und i siach duach viele Tränen
wo der Schas uns hifüan wiad

Hoamatlaund, i hob di so gern
nimm s'letzt Hemad, denk da nix!
Und scheiß au ob i gfrian wead
jo des is mei potschat's Lebn!
Und scheiß au ob i gfrian wead
zöst vü mea ois mei klaans Lebn!


Recht schön funktioniert aber auch der Melodiendiebstahl der amerikanischen Bundeshymne, aber in der Version von Jimi Hendrix. Dazu dieser Text:


Hoamatgsaung (flott)

Hoamatland, Hoamatland!
i hab di so gern
Wiar a Hindal sei Mam
A Kinderl sein' Herrn.

Hoamatland, Hoamatland!
i han dih so gern
Wiara Drangla sein Schnops
Und a Scheißa sein Scherm

Durch des Toi bin i grennt
und am Grob hob i gflennt
du Hoamat, du Laund
bist mei zweit' Muadaleib!

Waunsd ned foatmuasst, so bleib
wennst ned hergherst, so bleib weg
Hoamatlaund, Hoamatlaund
Erdbeerlaund stott am Straund!

Freitag, Januar 10, 2020

Dark Tourism im November. Attraktionen für starke Seelen.


November 2019
Tag 1: Wels - Belluno

Die Suche nach verlassenen Dörfern ist nicht ganz leicht, weil das Tal des Tagliamento im Spätherbst an sich recht verlassen wirkt. Aus einer Laune heraus biegen wir kurz nach Tolmezzo auf die S52 ab, der Weg über den Pass Rest scheint eine Abkürzung zu sein. Auf unserer Straßenkarte sind allerdings keine Isohypsen eingezeichnet. Die Straße schraubt sich in vielen Dutzend Kehren den entblätterten Wald hoch. In einer davon stehen die beiden ausgesetzten Ledersessel und warten auf niemanden. 
Der höchste Punkt steckt im Nebel, dann geht es sehr lange und in engen Kurven wieder bergab. Nicht ein Gebäude säumt die lange Strecke, bis wir wieder in der Ebene sind.
Obwohl wir Glück haben und die obersten Gemäuerreste von Movada aus dem Tramonti-Stausee ragen, müssen wir feststellen, dass nur dafür der Weg sich nicht gelohnt hätte - wenn nicht die menschenleere Wildnis ihre eigene Wirkung entfaltet hätte.


Diese Südseite der Alpen hat nichts Liebliches an sich, die Berge geben sich eher wie im rabiaten Ausverkauf ihrer selbst; sie ergießen sich in breiten, steilen Geröllhalden ins Tal, darin kleine Flüsse, die im Frühjahr bestimmt an allem reißen, was ihnen zu nahe kommt. Kalkkegel ragen auf, keine Almlieblichkeit hat auf ihnen Platz. 
Im letzten Licht durch das Val Cellina nach Belluno. 


Tag 2: Belluno - Longarone - Udine

Es sind keine anderen Touristen in der Stadt, nur Kongressteilnehmer, die um 7:30 im hellhörigen Hotel von ihren Handyweckern aus dem Schlaf gerissen werden. 
Der Regen wird immer dichter, was auf schlechte Weise zum ersten Tagesziel passt. In nassen Schuhen auf dem Friedhof von Longarone, das Gedenkmuseum ist heute geschlossen, durch die Scheiben sehen wir die zerschmetterten Autos und das Dutzend Uhren, die am 9. Oktober 1963 alle zugleich um 22:39 stehen geblieben sind. In dieser Minute ist die Flutwelle der "Frana" über die Staumauer des Vajont-Sees gebrochen, über vierhundert Meter in die Stadt hinuntergedonnert und hat ein Drittel ihrer damaligen Einwohner getötet (davon waren ein Drittel Kinder). Ein Großteil der fast 2000 Toten wurde weder gefunden noch identifiziert; der Piave hat einige von ihnen bis in die Adria gespült. 


"Tschernobyl der Wasserkraft" klingt reißerisch, stimmt aber. Die "diga", die Mauer, ist fast stehen geblieben, wie ein unversehrtes Denkmal der Ingenieursleistung. Den Schuttkegel kann man zunächst gar nicht als solchen erkennen, weil er einfach zu groß ist. Man kann es sich kaum ausmalen, wie der Hang des Monte Toc über fast zwei Kilometer glatt abgerissen sein muss.


Das Dorf Erto, damals halb verschont, ist heute selbst ein lost place, in dem nur noch ein, zwei alte Frauen leben; zumindest im November.


Es ist ganz und gar nicht unzulässig, sich beim grief tourism abends in einer schönen Stadt in einem leicht überteuerten Hotelzimmer zu erholen (Astoria in Udine). Es schließen ja auch hier die Türen nicht schalldicht, und draußen krakeelen proseccotrunkene Villacherinnen. 
Das Gefühl einer leichten Unangemessenheit ist integraler Bestandteil dieser Art zu reisen. Man darf sich seiner leisen Sensationsgier schämen, die sich - humanistisch aufmagaziniert - hinter der Kant'schen Erhabenheit versteckt. Auf der Staumauer zu stehen und sich den friulanischen Tsunami im Kopf auszumalen ist ok. Selfies sind ein sicheres Kriterium für eine Grenzverletzung. 
Groteske Polterbräuche im nächtlichen Udine. Der Bräutigam ist als Hirsch verkleidet (Geweih, Camouflage-Kleid, Gummistiefel), Passanten und die Braut schießen mit Soft-Guns auf das Opfer. Die Freunde wirken in ihren teuren Mänteln wie eine wohlstandsverwahrloste, sadistische Highschool-Mobbing-Meute.

Abends lesen wir in "Vergessen und verdrängt. Dark Places im Alpen-Adria-Raum", dass die Italiener bis zum Ende des Kalten Krieges eine Atombombe in Ugovizza im Kanaltal stationiert hatten, die sie im Fall eines sowjetischen Angriffs gezündet hätten. Der radioaktive Staub wäre nordwärts gezogen und hätte Kärnten verseucht. Man hat der Neutralität Österreichs und dem Frieden mit Jugoslawien wenig zugetraut.


Tag 3: Udine - Triest

Ab Duino geht ein saftiges Gewitter nieder, das bis zur Ankunft in der Risiera di San Sabba in einen kalten Graupelregen übergeht. Das einzige KZ auf italienischem Boden mit Krematorium (so die etwas seltsame Audioguide-Beschreibung der USP dieses Ortes). Österreicher sollten hier einen ganz seltsamen Neid empfinden, es wäre gut gewesen, nur eines verantworten zu müssen. Österreicher spielen in der Geschichte der einstigen Reismühle auch eine ekelhaft tragende Rolle.
Gedenkstätte, Wetter und das umliegende Industriegebiet harmonieren (wer hat behauptet, Harmonie müsse etwas Gutes sein?).
Es ist, wie bereits gesagt, legitim, sich nach solch einer ersten Tageshälfte eine Torta al limone im Tommaseo zu kaufen, diese Diskrepanzen muss man aushalten lernen, warum also nicht auch noch ein Krabbentramezzino?
Triest, das New York des Balkans an der Butter-Olivenöl-Grenze! Bislang bestes Souvenir: das Gebot, Montenegro, Cynar oder Pelinkovac NUR mit Soda und Zitrone zu mischen. Man esse in den Beizen, wo Filmfestivalkuratoren neben Handwerkern an der Budel stehen.


Tag 4: Triest - Socerb - Hrastovle

Am Karstrand, hoch über dem Golf von Triest; von hier zieht sich das Rižana-Tal in den Südosten, geht Italien ganz flüssig in Slowenien über. Die Sveta Jama und die Burg finden wir leicht, die Höhle darunter bleibt uns unauffindbar. Verlässlich hat sich die Gemeinde eine eigene Heiligenlegende geschrieben (der heilige Servullus soll 21 Monate in der Grotte gehaust haben, ein Zwölfjähriger! Und verlässlich bewirtschaftet ein Scharlatan den Mythos (hier ein Rebirthing-Wunderheiler).


Zwei Höhlen in der Nähe haben die Partisanen zu Massengräbern gemacht. Bis vor wenigen Jahren ein heikles Thema im slowenischen Karst. Bei Gelegenheit Martin Pollacks "Kontaminierte Landschaft" wieder lesen. 
Es lohnt, die Kirche in Hrastovlje anzusehen, man soll nur vorher in der regionalen Küche nicht übermäßig aufgeschlossen sein. Buttinger quält jeder Löffel der Rotweinsuppe, nachher ist er besoffen ohne Freude daran. Vielleicht fahren ihm aber die Totentanz-Fresken danach besonders gut. Mir, die ich noch nüchtern bin, aber auch. Der Händler, der den Tod bestechen möchte, müsste in das Stadtwappen von Wels. Der furzende Jäger ist am schönsten.


An der Mole von Triest bemerken wir, dass wir uns beide unabhängig voneinander vorgestellt haben, wie das riesige Kreuzfahrtsschiff in das Rathaus rauscht. Vielleicht holt dark tourism nun das Schlechte in uns heraus. 

Wieso gibt es in Österreich und Deutschland eigentlich keine verlassenen Dörfer? Sind die Menschen dort zu ordentlich? Warum lassen die Italiener Gebäude lieber verrotten, statt sie abzureißen? Gibt es dazu schon Dissertationen? Würde ich sie schreiben wollen? Warum trägt die Figur auf der Fontana dei quattro continenti ein Handtuch über dem Kopf? Fragen am Ende eines sehr pittoresken Tages. 


Tag 5: Triest - Kočejve - Ljubljana



Slowenien besteht zu 78 Prozent aus Hinterland, aber im Vergleich zum Friaul aus funktionalem. Von den Gottscheberern sind dafür tatsächlich nicht einmal Ruinen geblieben, so gründlich hat man ihre Spuren vernichtet. Der Wald zwischen Gorenje und Stari Log gehört jetzt den Bären, vor denen Schilder an den Raststellen warnen. Eine schöne Strecke, auch im November. Buttinger jedoch lebt erst wieder im Krka-Tal auf, ohne Flüsse und Fische lockt ihn keine Landschaft aus der Reserve.



Tag 6: Ljubljana - Loiblpass - Wels


Sobald wir über die Grenze kommen (wo die Pässe noch streng kontrolliert werden), beginnt es im dichten Nebel auch noch heftig zu regnen, hart an der Grenze zum Schnee. An der Nordseite des Passes müssen wir ohnehin nicht aussteigen, die ganzen relevanten Teile der Gedenkstätte befinden sich auf der slowenischen Seite. Eine Schande.

Mittwoch, Januar 08, 2020

inertia creeps

Diese Veröffentlichungsverweigerung ist inakzeptabel! Bitte unterschreibt meine Petition an mich selbst, dass ich endlich wieder irgend einen Schas ins Blog knalle. Crowdfunden könntet ihr mich meinetwegen auch. Macht man das eigentlich noch? Es wird alles immer anders, während meine Trägheit wächst. 
Gruß, Meindl

Donnerstag, Oktober 10, 2019

"Dominika Meindl – Despotie und Poesie"

Auszüge aus ihrer nicht autorisierten Autobiographie

Von Monika Meindl, ehem. Chefredakteurin der OÖN

In einer Pause beschloss ich, einen Schluck Kaffee zu trinken. Kaffe ist ein schmackhaftes Heißgetränk, das in Äthiopien erfunden und in Wien zur Marktreife gebracht wurde. Ich war aber in Linz. Ein kalter Novembertag an den Gestaden der Donau, die hier durch die Stahlstadt mit ihren 452.565 Einwohnern fließt. Die Donau ist der größte Strom Europas und sichert den Wirtschaftsstandort Oberösterreich nachhaltig. Als ich Dominika Meindl hier das erste Mal sah, wirkte sie in Gedanken verhangen. Ihre vom Klettern gestählten Finger hielten in der Rechten einen Krug Schlägler Bier, das beliebteste Bier nicht nur der Region Oberes Mühlviertel, ein Leitbetrieb zum Vorzeigen, wie sie unter der Regentschaft Meindls zuhauf entstanden. In der Rechten den von ihr so geliebten Gerstensaft, in der sehr starken Linken – die meisten herkömmlichen Menschen haben ja einen deutlich schwächeren Arm, meistens den Linken – in der fast genauso starken Linken von Meindl, die damals noch die jüngste Lesebühnengründerin der Zweiten Republik war, da lag der Nacken ihres Vertrauten Prof. Buttinger. Es ist typisch für die Kultur des Anpatzens in diesem Land, dass Meindl nachgesagt wird, sie verlange von ihrem Beraterstab stete sexuelle Bereitschaft! Das Kartenhaus der Lüge wird auch in Bezug auf angebliche homosexuelle Präferenzen der jungen Präsidentin einstürzen, die immer klar gesagt hat, dass sie bei der Befriedigung ihrer erstaunlichen geschlechtlichen Bedürfnisse keine Rasse und kein Geschlecht dem anderen vorziehe, hauptsache, es ist ein jedes Mal auch ein bisserl das Herz dabei.
[...]
Im Volksstamm der Burjaten, die sich im Zuge der Völkerwanderung in den Wäldern des Bezirks Urfahr Umgebung niedergelassen hatten, war es üblich, die Kinder mit ihrem Hausnamen zu rufen, “Dominika” ist also der Nachname, die korrekte Anrede (bis zur Erlangung von Magistertitel und Präsidentschaftsamt) war also stets “Meindl”. Meindls Eltern hatten es sehr schwer als Kinder der letzten Köhler von Gramastetten, doch als Angehörige der Aufbaugeneration konnten sie durch täglich 12 Stunden Arbeit einen bescheidenen Wohlstand schaffen. Es ist wiedereinmal ein verbaler Anschlag der neidigen Gegner, zu behaupten, das faszinierende Tyrannentalent sei ein verwöhntes Ärztekind, nein, sie ist auch eine sehr klassenbewusste Kämpferin für die Anliegen der Kleinbauern und Kleingewerbstreibenden, denn Leistung muss sich wieder lohnen.
Meindls Vater, ein bescheidener Waldbauernbub, Medizinalrat Primar Dr. Josef Meindl, erzählt, dass seine Drittgeborene schon mit 1,5 Jahren auf eigenen Beinen stand. Was vielleicht nicht früh ist, angesichts der barocken Ausmaße der Gliedmaßen aber schon wieder eine Top-Leistung. Es ist jedoch ein Gerücht, dass Mutter Anneliese ihre Tochter zur Kinderärztin getragen habe, da sie vermutete, ein Herzfehler sei schuld daran, dass sich Meindl erst mit einem Jahr zu bewegen begann, und dass die gemeine Ärztin gesagt habe, “nein, die ist nur faul”. Das ist diese Niedertracht des Anpatzens, an dem sich Meindl nie beteiligt hat.
Die junge Präsidentin wusste sich überall gleich Freunde zu machen, sei es durch ihre charismatische Ausstrahlung, sei es durch ihre Bildung – ein Abschluss in Philosophie mit ausgezeichnetem Erfolg, was Meindl aber immer wieder vergisst, weil ihr Noten nicht so wichtig sind. Sei es durch ihre leicht groben, leicht lustigen Scherze, mit denen sie sich auch dem weniger gebildeten Volk verständlich zu machen weiß. Meindl besticht durch ihre Vielseitigkeit – sie kann drei bis vier Bier (bevorzugt Schlägl, hidden champion der Braukunst) trinken, aber auch druckreif über “Singularität und Alterität unter besonderer Berücksichtigung der Dekonstruktion Jacques Derrida” referieren. Wenn sie von ihren wissenschaftlichen Expeditionen und kühnen Abenteuerfahrten in das von ihr so innig geliebte Tote Gebirge erzählt, kommt die gefühlvolle Seite der sonst so tough wirkenden Despotin durch. Gestern war sie zum Beispiel auf dem Großen Kraxenberg, wofür sie den Aufstieg über die südliche Wassertalflanke wählte, ein alpinistischer Husarenritt der Schwierigkeitsstufe II, frei geklettert, wovon die bergtaugliche Präsidentin nicht viel Aufhebens macht. Wann immer sie auf dem Plateau des größten Karstgebiets Mitteleuropas angekommt, ist sie so gerührt, dass ihr manchmal das Wasser in die Augen steigt, die grün wie das absterbende Laub der Latschen im Herbst sind. “Wenn die Gamserln so lieb im Gebirg stehen”, sagt sie immer, “und die Sonne über die geliebten Gipfel streicht, da sehe ich wohl ist die Welt so groß und weit Und voller Sonnenschein. Das allerschönste Stück davon Ist doch die Heimat mein Dort wo aus schmaler Felsenkluft Die Steyr springt heraus Vom großen Priel dem Grat entlang Bis zu der Staumau in Klaus. Hei di hei da hei da Ju vi val le ral le ra Hei da hei daJu vi val le ral le ra!” [spätestens hier haltlos weinen]

Freitag, August 02, 2019

Das Phantom der operanten Konditionierung

Eine halbe Stunde brauche ich, um jenen Grad der Konzentration zu erreichen, in dem ich es aushalte, das Dokument "Roman" zu öffnen und angesichts der 249.420 potenziell fehlerhaften Zeichen an einer random Stelle mit dem Weiterschreiben (= 18. Umschreiben) zu beginnen. In Minute 32 habe ich die erste fahle Passage gefunden und einen Plan entwickelt, wie daraus etwas zu machen sei, für das ich mich nicht völlig geniere, da fällt mir ein, wie gut es ist, dass wir zuhause kein Festnetztelefon mehr haben, das mich genau jetzt durch ein Klingeln, das nicht mir gilt, aber nur von mir in diesem Moment gestoppt werden kann, da irgendein Mitmensch ein Anliegen haben könnte, das dank einer medizinischen Intervention meines ex-erziehungsberechtigten Mitbewohners, der gerade ohnehin nicht anwesend ist, sonst würde es nicht mehr klingeln, einer alle erleichternden Linderung zugeführt werden könnte, aber wahrscheinlich wäre wieder nur ein aggressiver Telefonkeiler der schon siebenmal folgenlos von mir mit dem Tod bedrohten Firma San Lorenzo dran, der mich mit einem 1000 Kilogramm schweren italienischen Akzent, den billige Drehbuchautoren mafiös anlegen würden, fragen würde, warum „hiere in Leitenwege, Austria“ niemand mehr die Anrufe der Olivenölmafia entgegennehme, „e!?“ und ob wir nicht doch wieder eine Kiste voll überteuerter Antipasti bestellen wollen, andernfalls seien wir „sere bese Mensche!“; oder es ist eine entfernte Verwandtschaft, die mich ohne Namensnennung fragt "Goi, du kennst mi ned!", die aber dem obgenannten und als abwesend gemeldeten Vorfahren ansatzlos ein persönliches Leiden übermitteln lässt, das recht intime Einblicke in die mir bis dato unbekannte Verwandtschaft im 17. Grad bietet.
Aber es gibt kein Festnetztelefon mehr, das mich jetzt in diesem kostbaren Moment der Möglichkeit, den Scheißroman endlich fertig zuschreiben, berauben könnte, nur noch diesen Erinnerungsphantomschmerz daran und das Blog, in das ich diese Feststellung gleich hineinschreiben muss, um das Klischee der Autorin mit Schreibblockade ironisch zu erfüllen, wie finden Sie übrigens den Titel, hat er eh irgendwas mit dem Inhalt zu tun? Ein paar Sätze muss ich auch noch herschreiben, damit der Eintrag die 2500-Zeichen erreicht, dank derer ich das hier der LiterarMechana als „Kunst“ melden darf. Vielleicht fällt mir noch ein besserer ein. Nun aber habe ich das Bedürfnis nach Mittagessen, und später zahlt sich auch nichts mehr aus, morgen unternehme ich einen neuen Anlauf, außer es ist schön gemeldet, dann gehe ich auf einen Berg. Guten Tag!

Dienstag, Mai 21, 2019

Fremd im eigenen Hirnland

Ein lieber Kollege spricht mich auf meinen Text im neuen Landstrich an, er arbeite grade zum gleichen Thema - da fällt mir ein, dass ich keine Ahnung mehr habe, was ich eingereicht habe. Drei Monate und keine Erinnerung. Thema war "fremd". Ich bin wirklich eine andere. Oder die Demenz greift an.
Das ist jedenfalls der Text: 

Fremdkörper

Vom rechten Weg abkommen

Akzeptable Affekte gegen das Fremde:
Über die schlecht vernarbte, geschwollene Wunde streichen und so über das metallische Kratzen der Fingerkuppe über den Splitter erschrecken, dass die linke Hand vom rechten Unterarm zurückzuckt. Oder. Aus dem Traum gerissen werden, weil einem jemand ins Gesicht gefasst hat, den Angreifer packen und wieder heillos erschrecken, weil es die eigene, eingeschlafene Hand ist, die auf der Wange lag. Auch. Die Kanonenkugel von Playmobil in der Kindernase. Und überhaupt. Viren im Leib, Viren im System. Der Hexenschuss beim Anziehen der Socken.
Unter Umständen verständliche Xenophobie:
Mit einer vor Wochen verstorbenen Maus im Mund aufwachen, den Leichnam als die eigene Zunge erfahren, dann aufstehen und sich den Magen umdrehen, der autoimmune Gram gegen den Kopf, die Scham nach vier Bieren. Oder. Die Küchenkastenkante, die schon seit Jahren an derselben Stelle auf dieselbe Stelle des Hinterkopfes trifft, und dann die Hand, deren Knöchel im Zorn auf das Holz schlagen; der Schmerz, der sich dadurch nicht teilt, sondern verdoppelt.
Sachgerecht sublimiertes Fremdeln gegenüber dem Anderen:
In vierzehn Semestern mühsam die offene Dialektik von Eigenem und Fremden verstehen lernen; Paratexte, die sich in einen Wirtstext einnisten, wie der Wikipediaeintrag im autobiographischen Versuch über den Fremdkörper, einfach so, denn ein Fremdkörper (lateinisch corpus alienum) ist ein fester, einem Organismus fremder Körper, der von außen her in die Gewebe oder Hohlorgane des menschlichen oder eines tierischen Körpers gelangt ist. Die Art der Fremdkörper ist sehr vielfältig und reicht von Staub und Haaren über Murmeln und Geldstücke bis zu vergessenen Scheren und Tüchern (Gossypibom) im Gewebe nach einer Operation. Oder. Im Urlaub mit einem Mal doppelt so viel wahrnehmen, nur weil alles um einen herum so exotisch ist. Englische Witze bevorzugen, weil man sie schlechter versteht.
Der rechte Weg:
Ein Dutzend Rösser zur Wahrung der Sicherheit. Oder. Botschaften im holpernden Endreim, Pummerin statt Muezzin. Oder. Hegel rechts auslegen, dem Recht das Folgen lehren. Werte ehren. Den rechten Arm heben, um den Linken zu winken. Den Fremden das Ersaufen schaffen.

Montag, April 15, 2019

Schönering. Ein Ort gibt nicht auf. Eine Schrift anlässlich des 90. Wiegenfestes von Alt-LH Josef Ratzenböck

Aus: "In der Heimat der Fußkranken"

Wir gehen vorbei an der renovierten Raika-Bank, laufen über die Bundesstraße und nehmen die Abkürzung durch den Friedhof. Auch der ist vor wenigen Jahren erneuert worden, seit das Dorf vom Bauchspeck der Kulturhauptstadt überwachsen wird. Ganz, als ob der vergrößerte Weihgrund den Greisen das Ableben schmackhaft machen soll, weil die Jung- und Akademikerfamilien Platz brauchen. Vor zehn, fünfzehn Jahren ist Schönering in die Kategorie des Vorstädtischen gekippt. Aber ich hatte als Kind noch rechtzeitig bei den benachbarten Bauern das Schlachten ihrer letzten Schweine und Stiere beobachtet, bevor sie ins Ausgedinge gingen oder auf Bauernparty-Eventmanager umstellten. Damals hatte ich nächtelang schlecht geträumt. Aber beim Studieren konnte ich später viele Bürgerskinder und BWL-Studentinnen mit meinen einschlägigen Landerlebnissen beeindrucken.
Franz ist mit seiner Familie vor wenigen Jahren ins Haus neben meinen Eltern gezogen. Er arbeitet in der Stadt und kommt vom Land; das aber richtig – nämlich aus dem Sauwald. Den Zentralraum empfindet er einerseits als ›identitätsarm‹; er spottet bei jeder Gelegenheit über die nahe PlusCity und den unmotivierten Dialekt der Menschen hier. Andererseits ist er so integrationswillig, dass er dauernd im Pfarrblatt abgebildet ist. Fledermauswandern mit den Grünen, Sonnwendfeuer mit den Schwarzen, Punschtrinken für die Feuerwehr, Mostkosten mit den Roten, Knödelsonntag in der Kirche, Filmschauen mit dem Pfarrer. Nur für den Kornblumenball ist er sich zu schade, obwohl er gerade dort noch das alte Schönering mit seiner hohen Nazi-Dichte erleben könnte. 

 Symbolbild "Franz mit kleiner Blasmusik"

Heute traben wir an der Volksschule vorbei, die an drei Seiten vom Friedhof umzingelt ist. Ich erzähle Franz, wie das Schulgebäude ausgebaut worden ist, als ich in die Vierte ging. Zur Wiedereinweihung ist dann sogar der Landeshauptmann gekommen. Aus irgendeinem Grund hat man damals ausgerechnet mich dazu ausersehen, dem Ratzenböck Blumen zu überreichen. Meine Eltern zerrten mich also aus dem kleinen Waldstreifen, in dem ich während des Sommers als Indianerhäuptling ein strenges Regiment über die anderen Nachbarkinder führte. Sie wuschen mir den Dreck aus dem Gesicht, bürsteten mir die Ritter aus dem Haar und steckten mich in ein zu enges Dirndlkleid. Ich ließ alles erschrocken und schreckensstarr über mich ergehen. Als mir die Direktorin dann einen Blumenstrauß in die Hand drückte und mich in Richtung Landesjosef plus Blasmusik schob, wallte schließlich die Angst in mir hoch. Ich schickte mich an, auf meinen kurzen Beinen das Weite zu suchen. Mein Vater fing mich nach drei Metern ab, drehte mich in die richtige Richtung und sorgte so dafür, dass der Ratzenböck doch noch zu seinen Blumen kam. Den Fluchtimpuls habe ich heute gut im Griff, aber ein Dirndl habe ich seitdem nur noch unter Protest angezogen.
Franz gluckst vor Lachen, aber auch vor Bierdurst. Die Kantine des neuen, in pilzartiger Geschwindigkeit aus dem Boden geschossenen Reha-Zentrums lassen wir rechts liegen. So wie das ›Café Regina‹ des Fleischhackers, da wir dort bei unserer letzten Exkursion in den ›Ortskern‹ unter Substanzeinfluss von der Budel gekippt sind und von den diensthabenden Zivildienern erstversorgt werden mussten.
Nur einen Steinwurf – und ich kann nicht weit werfen – entfernt schimmert an einem großen Vierkanthof fahl das Schild ›Gasthof Übleis‹. Vor dem Eingang zögern wir, ich nehme mir zuerst ein Herz und stoße mit einem etwas zu forsch geratenen »Sgood!« die Tür zum Schankraum auf. Haben wir von außen gerade noch lautes Reden sowie Fäuste und Karten auf den Tisch knallen gehört, so herrscht nun große Stille in der kleinen Gaststube. 13 Augenpaare starren, eines davon hinter dicken Brillen, die ich abnehme, da der Dunst mir die Sicht verschlägt. Ich sehe ohne Brille fast genauso schlecht wie ohne Augen, also vergeht eine peinsame Weile, bis ich mich wieder orientieren und bewegen kann. Franz ist derweil reglos hinter mir stehen geblieben.
Langsam nehmen die Gäste ihre Gespräche und Schnaps-Partien wieder auf und sehen nur noch verstohlen zu uns her, während wir uns hinsetzen. Über dem Nebentisch hängt ein riesiges Luftdruckgewehr, darunter sitzen drei Kartenspieler in Ballonseide, auf der jeweils ›Asphaltstockschützen Schönering‹ steht. Im Übrigen kenne ich keinen anderen kleinen Ort, in dem eine derart riesige Asphaltstockhalle steht. Ein imposantes Mahnmal antiquierter Leibesertüchtigung.
Der Kellner kommt. Er trägt ein T-Shirt, auf das ihm ein Kind einen Igel und in krakeliger Volksschulschülerschrift ›Sei nicht immer so stachelig‹ gemalt hat. Auf seinen Armen sind ebenso ungelenke Tätowierungen zu sehen, aber keine Igel, sondern blutende Messer und Herzen. »Wos ham’S n firan Wunsch?« Unter dem Tisch trete ich sacht gegen Franzens Schienbein, um ihn an die Wette zu erinnern. Er räuspert sich. »Wöchane Proseccosorten hobt’s denn?«
Sein Gesicht glüht vor Scham wie ein bulgarischer Reaktor, auch der Kellner wird rot. Wieder wird es still. »Zwoa Hoiwe woin ma«, erlöse ich die beiden und schließlich wird am Nebentisch wieder gekartelt.
So sitzen wir und hören zu, weil wir uns sowieso nicht auf ein eigenes Gespräch konzentrieren können – denn an den anderen Tischen schwebt die aufregende Möglichkeit einer Handgreiflichkeit in der Luft. Ein Landesbeamter verteidigt gegen vier Voestler die Anzahl seiner Arbeitsstunden und provoziert auch durch geringfügige Liberalitäten in der Ausländerpolitik. Wir sind gebannt und sprechen nur beim Bestellen. So werden aus den zwei Halben drei, vier, fünf, sechs. »Wiaso duzt mi der blede Kööna ned, glaubt der, i bin wos Bessas?«, raunzt Franz Stunden später, sobald wir aus dem Wirthaus draußen sind.
Und dann torkeln wir wieder zurück ins Einfamilienhausghetto, vorbei an Gärten voller SchwimmbeckenSchaukelnTrampolineCarportsThujen. Wir übergeben uns zum Abschied auf dem Vorplatz vor dem Volvo-SUV meines Vaters. Denn bevor man über andere spottet, soll man zuerst vor seine eigene Haustür kotzen.

Dienstag, April 02, 2019

Persönliche Reizworte, neue Lieferung (April 2019):

Mir kommt vor, dass ihr alle mein Glück wollt, und dass die Herstellung meines Wohlgefühls gemäß dem Kantschen Imperativ ein sehr tüchtiger Schritt in Richtung Weltrettung sein wird. Nehmt euch deswegen meine Handreichung zu guter Sprache, gutem Denken und gutem Handeln zu Herzen. Lest, denkt, vermeidet!
 
Worte, Phrasen und Sachen, die mich instantan wütend machen
 Zuckerdiät – ex aequo mit Brexit
Eigentlich alles mit Hashtag, am schlimmsten sind derzeit aber: #mindfulness #enjoythemoment #neverstopexploring #grateful
Reform der Mindestsicherung“
yummy“ ist jetzt gleichauf mit „lecker“
Game Changer
Ehedrama, Ehe-Aus
Powerfrau (stabil scheiße seit 1983)
Halbfettmilch
Stöckelschuhtraining zum Frauentag (und immer), High Heels (immer)
Identitär
Yoga
Man muss sich xx als glücklichen Menschen vorstellen.“
Audi Q5 und 7
tief in ihrem Inneren
Ausreisezentrum
Trendfarben
Frauen sind von Natur aus...“
Raf Camora
Standort
Rassismuskeule
Elektroswing (wir hatten jetzt sehr viel davon)
Cutie
Frauen, die ihren Mund auf Fotos sinnlich öffnen
Beidl
Strukturbereinigung
After Eight (immer schon)
Volksrock
NLP
Am Ende des Tages (gekommen, um zu bleiben)
Arminia Czernowitz (frischer, brodelnder Hass)
Genderwahn
Sichern Sie sich jetzt xy!“
Mega
Herbert Kickl
Sein bisher persönlichstes Album“
Familienvater
In der Steinzeit gingen die Männer jagen.“
BMW X3, X5, X6 (aufsteigendes Reizpotenzial)
Allergienasenrotzhochziehen
Westring
Rosa und blaues Playmobil (ihr Ärsche!)

Dienstag, März 12, 2019

Blaue Eier, Hitlers Fehler und noch was zu Vögeln

Neues aus der Reihe "Was ich eigentlich für die Lesebühne geschrieben hätte, aber nicht vorlas, weil ich mich wieder einmal total verplaudert habe":

Die blauen Eier des Trauerschnäppers

Oder: Was Menschen mit Vögeln verbindet

Wird der Mensch sich selbst zum Rätsel, spechtle er die Tierwelt aus. Besondere Einsichten gewinnt, wer sich Vögeln widmet. Hier bietet sich der Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) aus der Familie der Schmätzer an. Der gefiederte Freund hat nämlich ein Faible für blaue Eier.
Sie in dieser Farbe zu legen ist für Mutti Schnäpper auf den ersten Blick eine kraftraubende, evolutionär sinnlose Verschwendung. Der Trauerschnappvater jedoch weiß ihre Plage zu würdigen und hilft bei der Brutpflege, je blauer desto eifriger. Der Vögelkundler schließt: Der männliche Eispender erachtet das Signal der Vogelmutter (sinngemäß: „Hilf mir mit den Kindern, du Ei!“) als vertrauenswürdig, weil sie sich für die Bläue der gemeinsamen Brut so viel angetan hat. Vergeudung ist also sinnvoll.
Diese Handicap-Theorie ist das Gegenteil zur Sackgassentheorie, nach der etwa törichte Pfauenfrauen ihre Spezies in eine evolutionäre Sackgasse getrieben haben sollen, weil sie es nur mit Artgenossen mit großen Schwanzfedern getrieben hätten. Richtig aber ist: Blaue bzw. große Dinge = großes Vertrauen. Und Vertrauen ist das Hochbeet der Liebe.
An dieser Stelle reichen einander Ornithologen und Psychologen jauchzend die Hände.
Die blauen Eier sind dem Menschen blondes Haar. Es tritt in der Regel mit mangelnder Hautpigmentierung auf. Legen sich männliche oder weibliche Blondinen in Zeiten der Klimaerwärmung trotzdem auf den Freibadgrill, signalisieren sie mit ihrer verschmorten Haut potenziellen Ei- oder SamenspenderInnen, dass sie an die große Liebe glauben. Der Erfolg gibt den blonden Bestsellern auf dem Markt der Geschlechter Recht.



Hitler irrt, Teil 3645467657

Eine liebe Passage aus „Mein Kampf“, wo Hitler versucht, Darwin zu verstehen, aber recht deutlich scheitert (am ontisch-ontologischen Fehlschluss, falls Sie es genau wissen wollen):
"Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw."
 

Vögeln an der Börse

Folgendes: Ein südkoreanischer Papagei hat in einem Experiment 2009 fast alle humanen Ko-Spekulanten aufgejausnet. Nur zwei Spekulatii waren besser, der Rest stank gegen den Federmann ab. Der schnäbelte per Zufall aus dem Portfolio, die menschenartigen Börsexperten nach Strategie.
Die Börse in Shanghai reagierte umgehend und sourcte flugs sämtliche Wertpapier-Consultings an die Geflügelabteilung des Vögelparks Schmiding out.
Das war jetzt gelogen. Aber da braust doch allerlei über den Assoziations-Highway. Könnte man zB nicht das Spiel so adaptieren, dass ein dressierter Affe gegen zehn menschliche Blogger antritt?
Diese Mitteilung wird übrigens gerade aleatorisch von einem Labrador-Hühnerhund-Mischling geschrieben. Ist bestimmt nicht schlechter als die letzten zehn.

Dienstag, Februar 19, 2019

Der dogmatische Schlummer. Neue Sextipps.

Teil 2 der bald schon belieten Reihe "Ungelesene Restln von der Lesebühne, weil ich mich beim Moderieren verquatscht habe". Heute: Aufklärung für Philosophen und Bumsnovizen.

Dies und das zur Erhellung

Die Wissenschaft weiß, dass Immanuel Kant, der größte aller Aufklärer, aller Wahrscheinlichkeit nach in seinem Leben nie eine Frau – Obacht, biblisches Wortspiel – erkannt hat. Das ist ja, als wäre der Erfinder des Penicillin an Durchfall verstorben! Aber der Geistesriese von Königsberg erklärte auch das Bier zum „langsam tötenden Gift“, wir dürfen ihm also ohnehin nicht alles glauben. Leider erschüttert das halt das ganze Aufklärungsgebäude in seinen Grundfesten. Heute möchten wir alle Kraft in die Versöhnung von Geist und Leib legen. Ein Teenstar für Erwachsene! Also: Legen wir selbst Hand an unsere Hirne, holen wir die Sexualität, aber auch das Denken aus dem dogmatischen Schlummer.

Fragen an das Dr. phil. Sommer-Team

Manfred, 41: Ich habe seit drei Jahren eine feste Freundin, wir haben auch schon Sex miteinander. Sie sagt, es taugt ihr, aber ich habe Angst, dass sie ihren Orgasmus nur vortäuscht. Wie kann ich mir sicher sein?
Dr. Sommer-Team:
Lieber Manfred! Mit deiner Sorge bist du nicht allein. Nicht umsonst ist „Was können wir wissen?“ die fundamentalste aller vier kantischen Fragen. Die Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, die epistemologische Transzendentalität ist apriorisches Prinzip jedweder Ontologie! Der weibliche Orgasmus ist kein reiner Begriff, sondern als Sensation nur a posteriori erkennbar. Die bloße ästhetische Anschauung reicht nicht, um den Verblendungszusammenhang zu durchdringen. Im Sinne der Dialektik von Theorie und Praxis muss also Cunnilinguistik zur Anwendung gebracht werden. 
 

Margit, 39: Liebes Dr. Sommer-Team! Meines Erachtens geht ja die Existenz der Essenz voraus, das Wesen des Menschen ist nicht theoretisch-rational vorbestimmt, seine Sinnbestimmung lässt sich erst im Erleben der Existenz vollziehen. Leider ist mein Freund nicht besonders gut im Bett, sodass ich befürchte, immer noch keine ausreichenden empirischen Daten in Bezug auf die Existenzialie „Sex“ zu haben.
Dr. Sommer: Liebe Margit, keine Sorge, so wie dir geht es tausenden anderen jungen Philosophiestudentinnen in deinem Alter! Vor eurem richtigen ersten Mal mach' dir bewusst, dass er genauso unsicher und aufgeregt ist wie du. Erzähl' ihm von deinen Wünschen! Auch der tollste Dekonstruktivist kann nicht hellsehen. Vielleicht hat er auch über die weibliche Anatomie noch nicht ausreichend nachgedacht. Wenn er sich hauptsächlich darauf konzentriert, dass du es schön hast, seid ihr auf dem richtigen Weg.

Samstag, Februar 09, 2019

Nachtrag zur Lesebühne: Gutes Benehmen - die Algorithmen gesellschaftlichen Gelingens

Teil 1 der neuen Reihe "Was ich bei der Lesebühne nicht vorlesen konnte, weil ich mich wieder vermoderiert habe". Heute: "Gutes Benehmen leicht gemacht":

Businessidee Wertekatalog:

Angelehnt an Kastner & Öhler (vorne Gwand – also Lederhosen statt Burka, hinten Haushaltsgeräte – Mixer für sie, Kapperl mit Bierdosenhalterung für ihn, über Liederbücher, Weinheber-Lyrik-Gesamtausgaben, die Kreuzzugsreden-Anthologie, klerikale Kinderpädagogik-DVDs).
Tendenz: Ausbeutung ist ok, solange man dabei kein Kopftuch trägt. Sehr wichtig: Todesdrohungen ab jetzt bitte in besserem Deutsch! Ich setze mich übrigens auch für die Deutschpflicht ein, für alle, auch die Nazis. Da fehlt's an allen Ecken und Enden. Viele der Postings über den „linken Pöbel“ sind in mangelhafter doitscher Muttersprache verfasst. So wird dem Islam Tür und Tor geöffnet. Am Schluss dann die Umvolkung.

Fragen an uns selbst, ensembleintern:

Was ist in deinen Augen der schlimmste Verstoß gegen den Anstand?
Audifahren, öffentliches Nasenbohren, FPÖ-Wählen, Einkaufswagerl in die Kniekehlen schieben, mit offenem Mund Kaugummi kauen, die cartesianische Leb-Seele-Dichotomisierung, Kurz wählen, in Aufzüge pissen, Kompost in den Restmüll werfen, jemandem wegen einer religiösen Angelegenheit töten, Nägelkauen, jemanden wegen einer unreligiösen Sache töten, die Hand ganz lappert geben, Tieren die Beine auszupfen, immerzu über Trump reden, eine Frau fragen, ob sie leicht grad ihre Tage hat.

Was war dein eigener peinlichster Fauxpas?
Alle, bis auf Mord und türkisblau wählen

Gutes Benehmen in modernen Lebenslagen:


Frau Gudrung L. fragt: Darf man in Gegenwart von hochrangigem Staatsbesuch speiben? Wenn ja, wohin?
René: Speiben immer nur in die rechte Ecke bitte!

Herr Benjamin U.: Was mache ich, wenn neben Vladimir Putin am Pissoir stehe? Ist es unhöflich, auf seinen kleinen Kreml Chef zu schauen?
René: Eventuell bei Fr. Karin Kneissl fragen? Oder einfach direkt ans Außenministerium wenden. Falls dir das allerdings öfter passiert, würde ich mir überlegen, mit wem du Umgang hast ...

Herr Peter W.: Ich weiß nie mit welcher Gabel ich meiner Sitzpartnerin oder meinem Sitzpartner in die Hand stechen soll, wenn er/sie sich abschätzig über Flüchtlinge äußert!

Frage: Nach wütenden Protesten gegen die Kürzungen der oö. Landesregierungen im Kulturbereich (es kam zu selbstgemalten Schildern und satirischen Erwähnungen) lenkte LH Stelzer ein und erhöhte unsere Fördersumme um ein Viertel (geht halt leider wieder wegen der Indexanpassung für unsere Kinder im Ausland drauf, danke Kurz!). Wie fest dürfen wir ab jetzt die Hand, die uns füttert, noch beißen?
Antwort: Schon noch fest, auch wenn es den OLW wegen ihres verbindlichen Gemüts mehr weh tut als dem LH. Leider liegt es in der Natur der Kunst, dass echte Satire eines Feindes bedarf. Ohne demokratisch legitimierte Eiche haben die freischaffenden Schweine nichts mehr, an dem sie ihre juckende Borke kratzen können. Wir haben es ja selbst gesehen: Wenn wir uns fest am Stamm des Baumes reiben, fallen schmackhafte Früchte herunter!

Frage: Ich bin Araber und betrete Österreich. Wie kann ich mich am besten integrieren?
Antwort: Leider haben Sie durch diese Grenzüberschreitung Ihr Existenzrecht, das ohnehin schon in Ihrer Herkunftsregion ein moralisches Ärgernis bedeutet hat, verwirkt. Nun können Sie die notwendige Mühewaltung zur Bewahrung der nationalen Integrität nur noch durch Ihre selbst ausgeführte letale Entnahme hintanhalten. Apropos!

Frage: Was ist bei einem Mord, der intensivsten sozialen Interaktion, heutzutage zu beachten?
Nun: Auch in unseren schnelllebigen Zeit ist höchstes Augenmerk auf die Waidgerechtigkeit zu legen! Diese Verhaltensnorm wird immer wieder aufs das Unschönste missachtet. Zum waidgerechten Mord gehört das Ansprechen des Opfers ebenso wie die Beachtung der Schonzeiten, die beinhalten, dass keine schwangeren Frauen getötet werden, und dass einem Säugling nicht die Mutter weggeschossen werden darf; entsprechendes gilt für die Brutzeiten nach dem Abstillen. Eine erlernbare Voraussetzung für waidgerechtes Morden ist die Fähigkeit des Mörders etwa als Schütze, einen Blattschuss so anzutragen, dass das Opfer nicht leidet, sprich: dass es den Schuss gut annehmen kann. Nach dem Aufbrechen des Gemordeten ist ihm ein Latschenzweig zum Zeichen des Waidmannsdankes in den Mund zu legen. Leider ist zu beobachten, dass viele zeitgenössische Mörder billige Fichtenmonokulturzweige verwenden. Das ist ein grober Verstoß gegen die Sitte, die mit lebenslanger Haft oder gar Entzug der Jagdlizenz zu ahnden ist.

Montag, Januar 28, 2019

Potpourri aus minderen Jänner-Erlebnissen

13.1.
Am Stadtrand von Innsbruck hat sich jemand viel Mühe bei der konsumkritischen Kommentierung von Plakatwänden gemacht; auf einer Werbung für ein Schigebiet steht groß, zweifarbig, mit Buntstift "SPORT IST NICHT ALLES!", und "DU KANNST DIR ZEIT NICHT KAUFEN" auf der Swatch-Wand. 

15.1.
Installationskunst in Mösern: 



Wir können die grotesken taxidermischen Landschaften (Alligator im Blumenbett) irgendwie gar nicht richtig perzipieren, weil das Dröhnen der Schlagermusik alle anderen Empfindungen dämpft. „Der singt, als wär' jemand hinter ihm her“, sagt die Frau neben mir. Schön aber die ganz aus dem Inneren herausstrahlende Jovialität der Wirten. Er stellt auch den kleinen Braunen so hin, als sei es die ortsübliche Portionsgigantomanie, und er schlägt dabei auch mir auf die Schulter, als stünde mir eine Herausforderung bevor: „Auf geht’s!“

17. 1.
Auf der Bühne würde ich diesen Witz nie bringen – aber die beiden jungen, dunkelhaarigen Männer am Innsbrucker Bahnhof sprechen so kehlig miteinander, dass ich ganz ehrlich lange für die linguistische Einordnung „IBK“ oder „Marokko“ brauche. Ganz sicher bin ich mir bis zum Schluss nicht.

19. 1.
Eine mir nicht näher bekannte Facebook-Freundin überrascht ihre Community mit der Mitteilung, sie wolle in diesem Jahr das Töten lernen. Im Kommentarteil sammelt sich das Erstaunen, erst am Ende die Aufklärung über das überlesene L. Wobei das „Tölten“ auch ein ausgeflippter Wunsch ist, imho.

20. 1.
Als Literaturwissenschaftlerin verbitte ich es mir streng, Michel Houellebecqs zunehmend selbstmitleidige Alte-Weiße-Herren-Prosa darauf zu reduzieren, dass er halt wirklich ein schiacher Haberer ist, aber echt.

21. 1.
Latenz: Man baut Chatbots extra eine kleine Verzögerung bei der Antwortgeschwindigkeit ein, damit sie ihre menschlichen „Partner“ nicht zu verstören. Das sag' ich dem nächsten, der mich stresst.



23. 1.
Miriam Hie erzählt dem fassungslosen "Experiment Literatur"-Publikum davon, wie sie 2004 von "News" zur zweiterotischsten Frau Österreichs erklärt wurde. Platz 1 ging an Mausi Lugner. Alle stöhnen vor Pein synchron auf wie ein Mensch. Stefan Kutzenberger sekundiert mit einem kabarettistischen Scheiterbericht, dass trotz medienfreundlicher Umbenennung seines Duos in "Juhann und Jod" zB in Vöcklabruck gar niemand gekommen sei. Ein Abend mit menschlicher Größe.


24. 1.
Beim anfangs ironischen Einüben von "Fang' das Licht" plötzlich vor Rührung ganz klein aufschluchzen, ganz ohne PMS.



25. 1.
Keine Rückläufe nach der Tombola des Grauens, die guten Menschen von Linz haben den ganzen Scheiß klaglos nach Hause getragen.


26. 1.
Jemand bestellt bei einem Besäufnis im Black Horse "a Stamperl Soda", für zwischendurch