Sonntag, Februar 28, 2021

Koks, Despoten, Buserl, Lulu. Phantomereignisse 2

3.2.2021

Nach ein paar Tagen engagierten Bemühens muss ich Savianos an sich hervorragendes „Zero Zero Zero“ über diese schiache, durchkokste Welt wieder zur Seite legen. Mein Spatzenhirn will sich südamerikanische Drogenkartelle genauso wenig merken wie europäische Adelsdynastien.

4.2.

Wir sollten die „Proud Girls“ gründen, um zu zeigen, dass das Matriarchat gekommen ist, um zu bleiben.

5.2.

Jedes einzelne Mal, wenn ich vom Toten Gebirge heimfahre, dauern mich die armen Reh-Herden, die da in Thalheim neben der B138 eingepfercht werden wie in einem schlammigen Kriegsgefangenenlager. Heute sehe ich zum ersten Mal ein Tier, das es hinausgeschafft hat. Aber nur für Sekunden, denn es liegt tot im Graben, daneben zwei junge Soldaten und ihr Auto, mit dem sie den Ausbrecher in seinem Sprung in Freiheit erwischt haben.

7.2.

Wie ich an das 35-jährige Playboyhefterl geraten bin, verrate ich in diesem indiskreten Internet nicht, wohl aber, dass es seither vielen Menschen viel Freude bereitet hat. Und das nicht nur wegen der naturbelassenen Buserl, den kleinen Bauchansätzen der „Mannequins“ und ihrem im Wind wehenden Schamhaar, sondern wegen der lustigen Werbung für 244er-Volvos, hochmoderne Videorekorder, würzig-milde Zigaretten und die höchsten Audiotürme Mitteleuropas. Historisch reizvoll auch eine Bildstrecke über Alessandra Mussolini, die Despotenenkelin im Negligée. Dazu prophetische Aussagen über die Zukunft: „Im Internet wird man sich irgendwann unter einem Decknamen heiße Flirts ausmachen können!“

8.2.

Bücher mit religiösen Inhalten kann ich besonders schlecht ausmisten. Ich lagere sie im Vorraum wie im Fegefeuer, bevor sie, von ihrem Irdendasein erlöst, im Altpapier ruhen können.

Im Altstoffsammelzentrum gibt es bereits einen eigenen Container für Flachbildfernseher (wahrscheinlich eh schon seit Jahren). 

9.2.

Fürderhin gehe ich nicht mehr allein auf Skitour. Erster Begleiter ist der Nachbar, der vor Abmarsch freudig bekundet, mir mit der Kraft des kindlichen Urvertrauens nachzudackeln. Nach sicherer Wiederkehr bekundet er mit der Freude der Zufriedenheit, dass er meinen „Altherrenschritt“ als sehr meditativ empfunden habe und wohl keinen Muskelkater zu befürchten habe.

10.2.

Coalas Schlagobersgesicht, nachdem sie in ihre Malakofftorte einfach mitten hineingebissen hat, ist noch schöner anzusehen als ein Hund, der sich in einer Blumenwiese wälzt.

13.2.

Krise in der wilden Ehe, nachdem ich feststellen muss, dass die Dinkelmilch für meinen Kaffee ernst gemeint ist. „Ich will dich moralisch weiterbringen, so geht das nicht weiter“, sagt er und beißt in sein Camembertbrot. Wäre ich eine Katze, ich würde wortlos aufstehen und ihm in die neuen Maßschuhe ludeln, auf die er monatelang gespart hat. 

Symbolbild "Sehr, sehr unzufriedene Katze"

Eine weitere Einsicht im Genre „Allmähliche Verbürgerlichung“: Champagner ist das Koks der Klugen.

15.2.

Nach Tagen der Ereignislosigkeit türmt sich heute ein Abenteuer auf das andere – Sonne, Sturm, Bruchharsch, brüllende Schönheit, die längste (und unnötigste Abfahrt) der Nation! Das alles und noch viel mehr passiert, wenn man mit der Mütterrunde bei Niederschnee die Rumplerrunde geht. 

16.2.

Beim Berger, der besten Bäckerei von Linz-Land: „Vier Krapfen, bitte.“ „Ich geb' ihnen sechs, weil das die kleinen sind, da kann man gleich zwei essen.“

Der malaiische Diener beobachtete den Stirnkuss mit verdrehten Tieraugen, sodass das Weiße darin sichtbar war.“ Kein Klassiker altert ohne Schaden, auch der „Zauberberg“ nicht. Überhaupt kann man als Frau sehr, sehr vieles von der To-Read-List streichen. Sobald im literarischen Kanon das Wort „Frau“ vorkommt, kann man den Jahrhundertroman eigentlich gleich wieder weglegen.

17.2.

In der Nacht erschrocken aufgewacht, weil ein Kind „Mama, Mama“ rief, leise und regelmäßig. Lange bange Sekunden verstreichen, bis ich gneiße, dass es die Lungen im Nebenbett sind, die klagen.

18.2.

Die Tätigkeiten im Jahreskreis des Hauses ziehen mich immer tiefer in das Leben meiner Eltern. Wenn ich jetzt nicht aufpasse, gibt es demnächst einen Skandal, weil ich den Nachbarskindern die Mandeln operiere. 

Symbolbild "Erschöpfende Tätigkeiten im Jahreskreis / Der Krieg gegen den oasch Kirschlorbeer" 

21.2.

Mit der Mütterrunde von den Schafferteichen hinüber zur Wurzeralm. Ein Kollateralschaden der Seuche ist die Après-Ski-Fehlentwicklung im bislang distinguierten Tourenskisektor: rauchende, johlende Holländer mit nacktem, pickeligem Oberkörper in der Zwischenwändscharte. Wir halten dagegen, indem wir von der schattigen Seite gegen den Mainstream heraufstapfen und einen Ornithologen im Team haben, der Sätze sagt wie „Das ist schwer zu erkennen, weil der Fichtenkreuzschnabel sein Prachtkleid noch nicht trägt.“ 

22.2.

Wir wollen in der Schöneringer Nachbarschaft auch den Vögeln mehr Beachtung schenken, scheitern aber schon im Ansatz. "Das ist wahrscheinlich einmal nur ein Spatz." "Ja, aber warum piepst er so regelmäßig?" "Hm." "Ah, das ist meine Tiefkühltruhe!" 

Coala hat die despektierliche Beschreibung meiner Haarfarbe durch den Buttinger („Butter und Mohn“ statt des korrekten „Salt and Pepper“) Appetit gemacht, sodass sie mir Mohnnudeln kocht. Ich trage eben mein Prachtkleid auch noch nicht. (Graues Haar = Altersmauser)

24.2.

Beim Autowaschen an der Tanke groove ich mich in den Lebensrhythmus der Wilheringer Pensionisten ein.

Für Zoom-Meetings richte ich mir den Bildschirm so aus, dass ich in Wahrheit die Spatzen beobachten kann. Das nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil ich mich nicht stundenlang selbst anschauen möchte – bei aller Liebe.

Dass mir die Tage zwischen den Fingern zerrinnen, ist ein Mirakel. Wahrscheinlich treibt mich die Flucht vor dem Romanschreiben durch die Woche. Hilfreich ist nur die Alkoholkarenz von Montag bis Donnerstag. Die ungeduldige Vorfreude auf das erste Bier dämpft dieses lodernde Feuer, in dem wir verbrennen.

26.2.

Hier eine verruchte Drogeneskapade aus meinem Künstlerleben! Während der Fahrt nach Wels ein Seiterl Bier getrunken. (Es ist nämlich Freitag, s.o.).

28.2.

Am Ende landen wir immer öfter bei den „Golden Girls“, und es ist mir nicht einmal mehr peinlich. Ich verfalle immer stärker in ein unironisches Betty-White-Fangirling.

Sonntag, Januar 31, 2021

Kackende Spatzen, Wasserklotzkatzen, hauchende Glasaugen und Multipla-Orgasmen. Neues aus der Reihe „Phantomereignisse“

1.1.2021

Das System ist nicht mehr relevant (alternativ statt „System“ z.B. einfügen: Patriarchat, Kapitalismus oder After 8: „The After-8ful-Hate!“)

5.1.

Der Buttinger wird immer tiefer in den Strudel seines neuen Hobbywahnsinns gezogen; er sieht keine Welt mehr, sondern nur noch Fliegenbindematerial. Er rupft Filzengel, seinen Schnurrbart, das Haupthaar der Tochter, die Wamme des Hundes, um daraus Insektenattrappen zu basteln, um damit Forellen in den Tod zu locken. 

Medienfund des Tages: Kaiserschnurrbarttamarinendrillingein Schönbrunn geboren. orf.at

6.1.

Wäre der grundliederlichen Gesellschaft nicht gedient, nach Yakuza-Art zu entsühnen, sich also zB ein Fingerglied abzuhacken, wenn man beim Fremdgehen erwischt worden ist?

12.1.

"Haha, der Gaisch muss sich jetzt um Flüchtlinge kümmern!"

"Whoever that is."

"Na, der sich so aufgepudelt hat, dass man ihn nicht kennt!"

Medienfund des Tages: „Erst Glasaugen hauchen Präparaten Leben ein.“ Oö. Kulturbericht

13.1.

Den letzten Weihnachtsschoko vom Baum grasen = Osternestsuchen für Arme

Profi-Tipp für schwächelnde Egos: alte Appläuse umjubelter Symphonien auf Youtube anhören, aus der Ferne klingt das auch angenehm nach warmem Regen.

15.1.

Hohe Schimpfbereitschaft in der Bevölkerung.

Die Spatzen hassen es offensichtlich, wenn ich ihnen beim Esse zusehe. Sobald ich wegsehe, stürzen sie sich auf meine teure Bio-Hirse, sie setzen sich in spätrömischer Dekadenz mitten ins Futter, manchmal gacken sie auch aus Protest hinein, wenn ich zu offensichtlich spechtle.

Medienfund des Tages: „Das Leben bietet so viel mehr als Brüste!“ „Body Shockers“, Sixx

Der Wahnsinn des Fliegenbindens greift auf andere Bereiche über. Buttinger zeigt mir die scheußlichsten Tuning-Varianten des Fiat Multipla, des ab Werk schon inakzeptabelsten Autodesigns der Welt. „Schau, das gediegene Plastik-Interieur!“ Grundgütiger. Ob es diese Woche noch zum Beischlaf kommen kann? Mit dieser Einstellung nicht. 


16.1.

Sehr viele Träume zuletzt, alle dumm: In der Nacht kommen wir zufällig bei einem chinesischen Skigebiet vorbei. Ich möchte gern auf die Piste, kann aber nicht, weil alles vollautomatisiert ist. Buttinger fordert mich auf, bei der Suche nach dem Liftkartenverkaufspersonal die Leute auch gleich darauf hinzuweisen, dass ich einen Roman hätte, der auch in China verlegt werden sollte. Meine schwächlichen Einwände, dass es hier mit dem Urheberrecht nicht weit her sei, machen ihn ungehalten.

Im echten Leben macht er mir aber milde gelaunt Frühstück und dreht dazu Ö1 auf. Das Gesprochene kommt mir im Halbschlaf bekannt vor. Es spricht nicht für Zugewandtheit zu den eigenen Hervorbringungen, wenn man erst googeln muss, um draufzukommen, dass man das selbst geschrieben hat. 

Rationalrat

17.1.

Der Manufactum-Katalog und „Die moderne Hausfrau“ kommen gleichzeitig mit der Post, und ich bin jetzt so weit, dass mir die offene Biederkeit der Hausfrau beim Arsch lieber ist als der versnobbte Nachhaltigkeitselitarismus samt selbstbetörter Anpreisungsprosa. Produktvorschlag: ein Vibrator aus malayischem Bio-Kautschuk mit verzinkter Handkurbel. 

Medienfund des Tages: „Der Biber ist nicht umsonst als der Helmut Berger des Tierreichs bekannt.“ Martin Fritz, „Die Vorbereitung der Tiere“

18.1.

Heute per Videokonferenz Aerobic unter Anleitung Martin Fritzens getanzt – wenn ein Ereignis aus diesem Text für die Germanistik der Zukunft erhalten bleiben soll, dann schlage ich dieses vor.

19.1.

Im Traum war ich heute mit Clint Eastwood zusammen, dem ich beim Kampf gegen seinen Erzfeind helfen soll, aber keine große Hilfe bin, weil ich davon abgelenkt bin, dass ich mir immer vorstelle, was für ein Hallo die Neuigkeit auf Facebook geben wird: „He, die Meindl Mink ist jetzt mitm Eastwood Clint zaum!“ 

Medienfundstück des Tages, Thema "Gerechte Strafe", OÖN

20.1.

Der Siphon leckt. Die unbeschreiblichen Reste der einst schmackhaften Speisen, derer man beim Reparaturversuch ansichtig wird, stimmen nachdenklich (Vanitasgedanken für Doofe). Das Dichten misslingt mir heute nicht bloß literarisch.

21.1.

Mit PMS ausmisten ist noch schwerer, da schauen einen die Dinge so traurig an, wenn sie in die Mistmulde fallen. Dennoch darf ich nicht lockerlassen. In einem Kastenwinkel ist heute eine Mappe mit handgeschriebenen Maths-Matura-Aufgaben aufgetaucht. ES IST NOCH GAR NICHTS GESCHAFFT UND ICH BIN SO SCHWACH!!!!! Mit knapper Not konnten mich die ASZ-Damen davon abhalten, ein braunes Eierhälftenservierkeramikteller mit nach Hause zu nehmen. 

Symbolbild für den sinnlosen Kampf gegen die Materie im Eigenheim

22.1.

Mit dem Nachbarn (Jg. 1972) heute besprochen, dass wir beide eben Spätzünder seien und unsere große Zeit noch komme. Sobald ich einmal weiß, was ich beruflich mache, geht’s los.

Ich verkehre übrigens jetzt in extrem klugen Kreisen, in denen man mich fragt, „aber du bist schon auch zumindest einmal sitzen geblieben?“ und dann ehrlich entsetzt ist, wenn ich verneine.

23.1.

Allem Anschein nach gibt es den Trend, Hausmüll zu tragen. Ist das Upcycling oder ein zynischer Scherz? Im Internet gibt es hunderte Bastelanleitungen für Ohrringe aus Nespressokapseln, Gummiringerlhalsketten (als Kinder hätte man uns dafür ausgeschimpft!), Sukkulenten in ollen Schuhen. Was kommt als nächstes? Plastiksackerl über dem Kopf, Barockperücken aus Klopapierrollen, Lampenschirme aus Joghurtbechern? Ist das ein Symptom einer volkstümlichen Wohlstandsverblödung? Steht ein Salzteig-Revival bevor?!

24.1.

Medienfund des Tages: „In Kyoto bin ich, doch beim Schrei des Kuckucks sehn ich mich nach Kyoto.“ Gstrein, aber eigentlich Bashô, eigentlich Matsuo Munefusa. Wer auch immer: Er hat genau erfasst, wie es mir im Toten Gebirge geht. 

 
Hier bin ich an einem der Orte, an denen ich mich danach sehne, an Orten wie diesen zu sein

28.1.

Heute zum ersten Mal in meinem Leben den IBAN auswendig richtig hingeschrieben. Kommt jetzt schon die große Zeit?!

31.1.

Hyperactive Wear

Sollte ich wirklich eine Fortsetzung der „Heimat der Fußkranken“ schreiben, muss ein quotenträchtiges Kapitel über das rote Katzerl am Hengstpass hinein. Es steigt nicht nur bereitwillig auf die Schultern der Wandernden, sondern legt sich in den frisch ausgeschaufelten Schneeschichtabstich der Lawinenprüfer oder stakst auch selbst ab und zu auf den Wasserklotz, dann lässt es sich schnurrend wieder heruntertragen wie eine Madame in der bestellten Sänfte. 

Freitag, Januar 29, 2021

Reiseführer in meine Innere Mongolei

  Symbolbild "Reisen 2020/2021 - Disappointment Island"


Im siebten Lockdown im Jänner 2023 trat das Ereignis ein, vor dem mich meine Schwestern immer gewarnt hatten, und zwar nur oberflächlich scherzhaft, dass ich nämlich in ein schwarzes Loch stürze, sobald ich unser Elternhaus einmal vollends entrümpelt und zusammengeräumt hätte. Wir hatten gelacht, zu gewaltig schien die Aufgabe, eine reine Beschäftigungstherapie für mich, das geliebte, dumme Sorgenkind, die intellektuelle Hausdeppin, als hätte man mir erfolgreich eingeredet, das Schwarze Meer mit einem Kokslöffelchen leer zu schöpfen.

Als ich aber an diesem nasstrüben Wintertag durch die Räume ging, und mir kein einziges Zimmer einen kleinen Auftrag zuflüstern wollte, überkam mich die Einsicht, dass ich nun also wirklich den scheiß Roman schreiben müsse, wie ein Abschiebebefehl Nehammers. Ich hatte ALLES erledigt, die Doktorate in Meeresbiologie an der Uni Bratislava, den Master in akademischem Qualitätsmanagement an der FH Wiener Neustadt. Alle Klimmzüge waren gemacht, die Bücher nach dem Sternzeichen ihres Erscheinungsdatums sortiert (samt Aszendent). Alles Bisherige war ja nur eine einzige gigantische Ablenkleistung von der Literatur gewesen, mein Leben, ein einziger Verschubverband, stand auf Grund gelaufen vor mir.

Aus meiner Panik flüchtete ich in ein Mittagsschläfchen, das leider recht ausartete, weil es mir geträumte, dass ich im Keller noch eine heimliche Tür finde, hinter der sich Folgendes verbarg: das ganze Playmobil, das ich verloren glaubte + die Ritterburg, sämtliche Jahrgänge der Spazenpost und das Bernsteinzimmer. Zernepft und dehydriert erwachte ich, torkelte in mein altes Kinderzimmer, das jetzt ein Meditationsraum sein sollte. Ich sank auf die Andachtscouch und – tatsächlich! – ein Wunder! Zum ersten Mal in meinem Leben durfte ich erfahren, wie es sich anfühlt, sich zu konzentrieren!

Zuerst war es herrlich. Es fühlte sich an, als ob mein Körper durch die Augen sich langsam in sein Inneres stülpe, ich schien keine Oberfläche mehr zu haben. Diese Phase mutete wie das Eintreten über einen Windfang an, mein Blick fiel auf etwas unmodische Bilder von Katzen und Hunden: das Erdgeschoß meiner selbst. Auf den ersten Blick war alles an seinem Platz. Ich war aufgeräumt. Nicht besonders geschmackvoll eingerichtet, aber die Turnschuhe meiner Seele standen in Reih und Glied, in der Küche nur drei leere Bierflaschen, auf ihre Verpfändung wartend. Der Kühlschrank leer, bis auf ein halbes Glas Chilisauce, die andere Hälfte des Biertragerls – ja, das war ich! Den seltsamen Körperverlust auslotend strich ich durch die Räume, ich hatte sie noch nie gesehen, fühlte mich aber angeheimelt. Ich schaute ins Schlafzimmer, an der Wand ein sehr liebes Bildnis des Buttingers, und als kleines Zugeständnis an die Wildheit meiner Restsexualität, mit Tixo im Eck ein Zeitungsausschnitt von diesem süßen Landesrat, hihi, meditierte ich, wenn das der Buttinger wüsste! Insgesamt also hui, so eine Reise in sich selbst hinein, das erleichtert den Lockdown schon!

Nun wandte ich mich zum Arbeitszimmer – und es riss mich sehr, als ich erkannte, dass es ein exaktes Ebenbild meines real existierenden Büros war! Sogar der Computer lief, und auf dem geöffneten Dokument stand „Im siebten Lockdown im Jänner 2023 trat das Ereignis ein, vor dem mich meine Schwestern immer gewarnt hatten“! Whoa, Inception! Gibt es denn kein Entfliehen!? Ich versuchte, den Ausflug in meine Seelenlandschaft abzubrechen, jetzt ärgerte ich mich auch, dass da keine Berge drin standen, ich sah aus mir selbst heraus aus den gleichen blinden, ungeputzten Fenstern wie draußen. Ich rannte die Treppe hinab, auf der Suche nach der Haustür, landete aber im Keller. Da stand die modrige Freud-Gesamtausgabe, ungelesen, ach, was für ein überdeutliches Zeichen, billig! An den Wänden Plakate von Roxette, Kevin Costner und David Hasselhoff, es rumorte in meinem Unterleib huijuijui, das war ein anderes Begehren als das legitime nach meinem Buttinger, ich würde die Herren Costner und Hasselhoff an Ort und Stelle schänden, das fühlte ich jetzt! Ich taumelte gegen eine Tür, darin lagen die Leichen meiner politischen Gegner, sehrsehr peinlich, ich möchte nicht darüber reden, lauter Kinderabschieber und Pussygrabber, naja.

Wie eine Katze aus dem Ofenloch stob ich die Treppe empor, ins Erdgeschoß, noch weiter hinauf ins Juchée, uff! Da stand ein Vintage-Ohresessel, darein ich mich bettete. Hier waren nur Bücher, meine Augen wanderten zuerst rastlos, dann ratlos ihre Reihen ab. Auch hier eine Freud-Ausgabe, die mit historisch-kritischen Anmerkungen. Dazu ein Regal voll Geistlichem, ein Katechismus aus dem Jahr 1933, eine Ratzinger-Biographie, eine Luther-Inkunabel, Wow!, die nahm ich in die Hand, und es offenbarte sich mir Gottes Wort: Mose 20, 6-18 „Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt, und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden.“ Oh Gott, lauter Altes-Weißes-Männerzeug, die einzige Frau war ich in meinem Über-Ich, und ein Porträt meiner Oma, darauf eine Sprechblase „Das Geschlechtliche hebt's euch auf bis ganz z'letzt!“ Daneben die Bildergalerie sämtlicher Bundespräsidenten, Kanzler und Landeshauptmänner aus der Legislaturperiode meines Lebens, sie sahen so begütigend tadelnd auf mich herab wie während der 100.000 Jahre meiner Schulzeit.

Ich schrie! Hooooooaaaarrrrrrr! Aaaaaargh! Wie im Traum stürzte ich aus meiner Oberstube, ins Erdgeschoß, und von da quoll ich mir endlich wieder selbst aus Stirn und Augen, zurück in dieses seltsame Gleichgewicht zwischen Innen- und Außengefühl, das wir im Idealfall gar nicht spüren, und das ich in meinem Leben nie wieder verlieren möchte. Den Lockdown saß ich auf einer Backe ab, den Roman hab ich noch einmal von durchkorrigiert, weil ich mittlerweile erkannt habe, dass nur im Windschatten seines Aufschubs mein Leben halbwegs gelingen kann.


Donnerstag, Januar 28, 2021

Vom Ende des Skinationalismus

 


Betrifft Geschichte:

Die Geschichtswissenschaft soll, wenn sich der Staub der Revolte auf Akten und Glatzen und Tweedsakkos der Historiker legt, darüber richten, ob es klug war, als einen der ersten Kraftakte nach der Machtergreifung die Skilifte stillzulegen. Es war ohnehin schon eine gewisse Unruhe entstanden, nachdem die War-Lady Dominika „Dschinghis“ Meindl, Abkömmlin einer Mühlviertlerin und einer Mongolin, mit ihrer goldenen Damenhorde das Parlament gestürmt hatte.

Unvergessen die Bilder, wie die Freiheitskämpferinnen in die Kameras juchzen, angetan in bequeme Bio-Hoodies, ungeschminkt und mit schlampig geschnittenen grauen Haaren, jeden heteronormativen Patriarchen in Mark und Bein erschreckend! Der Heermeisterin ist es vorbehalten, dem „Gegner“ Kurz die Insignien seiner Macht zu nehmen, sie fährt ihm mit starkem Arm in die dumme Frisur und verwurschtelt sie so, dass es echt deppert aussieht, Meindl zieht ihm auch noch den Hosenbund hoch, höhnisches Gelächter lässt das Hohe Haus erbeben! Der Gesundheitsminister entkommt rustikaler Strafmaßnahmen, da er sich gleich entschuldigt und seinen niedlichen Retriever als Schutzschild missbraucht. „Geh hoam, goi!“ schreit die große Tierfreundin Meindl, und Anschober willfährt. Da alle unfähigen Verantwortungsträger verjagt sind, hebt ein großes Plündern an, hauptsächlich in der Parlamentskantine. Schnell richtet sich das Amazonenheer in den Büros ein, Raiffeisenkalender, Slimfitanzüge, Attersee-Porträts fliegen auf die Straße.

Mag sein, dass die Historiker von den Wirren einer Völkerwanderung sprechen werden, da Meindl ziemliche Schlitzaugen hat und aus dem Westen gegen Wien rannte, man darf allerdings die Vorgänge nicht nur als ethnologische Migrationsbewegungen deuten, sondern vielmehr als Genderwanderung, als Sturm auf die Bastille des Patriarchats. So erklärt sich klar, warum der geschasste Männerbündler Kurz ausgerechnet den Stamm der ÖSVauler um Entsatz gegen die ungepflegten Emanzen in der Bundeshauptstadt bittet. Der Inntaler War-Lord Peter Schröcksnadel I. ließ denn auch sofort zur Reconquista der Machtzentrale rüsten, freilich mit dem Hintergedanken, den Sitz der Macht nach Ischgl zu verlegen. Der alternde Pistentyrann musste selbst um sein Lebenswerk fürchten, Meindl war als vehemente Hasserin des Après-Ski-Unwesens bekannt, Zitat „das einzige, was ich noch mehr hasse als After-Eight und Nazis“.

So werfen die Tiroler Heimatschützer ihre Ski in die Ratracs. Schröcksnadels Strategie sieht vor, die Wiener Innenstadt mit Schneekanonen einzukesseln und das Wasser der Donau in einen gewaltigen Eisberg über dem gottlosen Treiben der Weiber aufzutürmen. Auf dem Marsch gegen Wien treibt die Propaganda-Abteilung die Skilehrer mit Parolen an, aus ihren Megophonen brüllt es „Denen ghert aane aufglegt!“ „A Frau mit am Dopplnaumen werd von uns nit quöt!“ „Des isch a widerwärtiges Luader!“

Doch die gewiefte Taktikerin Meindl lässt den gegenreformatorischen Angriff der Ski-Funktionäre ruhig heranziehen. Sie sieht dem bunten Treiben der Männer in mit Werbebannern beklebten Funktionsjacken so gelassen zu, dass das eben befreit aufatmende Stadtvolk murrt. „Na heast, ich kann ur nicht schifahren, die soll was machen!“ so ein Tondokument André Hellers auf Radio Wien.

Schließlich steht die Tiroler Front geschlossen da, alles wartet auf Schröcksnadels Kommando. „Mir sein a Skination auf ewig! Ski Heil! Ski Heil!“ schreit er, dann gibt er das Zeichen, die Schneehaubitzen springen an. Doch was ist das?! Es wischerlt nur trüber Nebel aus ihnen heraus! Was der alpine Patriarch nicht bedacht hat: Der Winter ist in Wien ein Lärcherlschas. Und da öffnen sich die Tore des Parlaments, die Horde des goldenen Matriarchats burrt heraus – panisch fliehen die Verbände, die Skispringer, die Technikspezialisten, die Speed-Herren, die Nordischen Kombinierer. Die Biathleten versuchen, die wütenden Damen mit ihren Luftdruckgewehren aufzuhalten, treffen aber nicht und laufen, fatale Gewohnheit, zwei Strafrunden um das Regierungsgebäude. Die geschlagenen Gotteskrieger suchen ihr Heil in ungeordneter Flucht, aber sobald sie in ihre Skibindungen steigen wollen, müssen sie erkennen, dass man die Beläge ihrer Latten mit Seepocken besetzt hat, das Werk der listenreichen Meindl! Sie kommen auf ihrem Rückzug kaum von der Stelle. Und bei Purkersdorf setzt der Frühling mit aller Macht ein, die Wintersportler sind mangelhaft ausgerüstet, die Anoraks und Hauben können sie wegen der Sponsorverträge nicht ausziehen. Eine humanitäre Katastrophe droht.

Da zeigt sich, dass die Matriarchin gekommen ist, um die Nation zu heilen. Sie lässt sich den Fliehenden hinterherchauffieren. Schröcksnadel muss kapitulieren, er wird in die Hungerburg verbannt, Meindl spricht ihm eine Pension von 500 € zu. Damit beginnt der große Rückbau, die Fläche der liftbetriebenen Skigebiete wird – denken wir an den Vertrag von Versailles! – auf einen Schrumpfstaat reduziert. Der ORF überträgt nur noch Damenbewerbe. DJ darf nur noch in seinem Hobbykeller auftreten. Die Stadt „Imst“ wird in „Impfst“ umbenannt.

Demokratiepolitisch kann die Machtübernahme Meindls nicht als lupenrein beurteilt werden, aber die extrem strengen Umverteilungsreformen, Umweltschutzmaßnahmen, die Ausrottung des Coronavirus binnen dreier Tage und! die Ächtung von After Eight sind die Säulen einer Republik, die heute als Ausgangspunkt einer umfassenden Weltrettung gilt.

Montag, Januar 11, 2021

Die Raumforderung. Auszug

Als ich vor einigen Jahren den Körper meines Bruders abholen musste, kümmerte sich sein Bruder mehr als drei Jahre lang um mich. Ich erkannte die Zeitungsarchive, die seine vielen Bände sortiert hatten. Ein Buch mit ein paar Kilogramm in Dekorpapier eingewickelten Bildern, ein Schrank voller Heiligtümer aus der Römerzeit, Barockalben oder zwei Gartenbücher und ein verblassendes Magazin "My Beautiful Garden" spiegeln das Leben in der Realität wider. Noch vor dem Tod seines Bruders schluckte er vergeblich alle Steinblumen, Unkräuter, Beete, Himbeeren und jungen Bäume.

Vielleicht, daher“, dachte ich, „ist es seltsam, dass, wenn es irgendeine Phase, die garantiert wird, um mich auf den Weg, es ist, wenn jemand zu mir sagt: 'Okay, fein. Du bist der Chef!", so kam es mir vor. Und dann: "Was mich ärgert ist, dass in 90 Prozent der Fälle, wie, was diese Person wirklich sagen will, ist: 'Okay, dann glaube ich nicht mit Ihnen einverstanden, aber ich werde rollen und tun es weil sie sagen mir zu. Aber wenn es nicht klappt werde ich der Erste sein, der daran erinnert, dass es nicht meine Idee!" 

 

Dominika Meindl, "Die Raumforderung". Auszug aus ihrem mit dem Adalbert-Stifter-Stipendium des Landes Oberösterreich prämierten Roman. Derzeit wird das Manuskript an der Uni Bratislava für den Druck vorbereitet. 

Mittwoch, Dezember 30, 2020

Sinnlos hungernde Sperlinge, eingeschläferte Tapire und andere 492 Haustiere. Rest-"Ereignisse" 2020 (alles muss raus)

19.11.

Die schwäbische Nachbarin (69): „I woiß ned, di Junge, ollerweil am Fortgehe, des hen mir do friha ned gmochet, do sei ma doch au ned so viel fort! I bloib de ganze Tag zhaus, des is mia am liwwa!“ (Ich hoffe, mein Schwäbischversuch fällt nicht unter #kulturelleaneignung)


20.11.

Um 14 Uhr von der Pyjama- in die Jogginghose. Hoffentlich hat mein angenehmes Leben irgendetwas damit zu tun, dass ich ein guter Mensch bin.

* * *

Ein Paar nennt sein Kind Blendi Kastrati, eine Frau heiratet so, dass sie Mercedes Fenz heißt, und dann gibt es noch Tamino Grampelhuber. Vielleicht lösche ich diese Aufzählung später wieder, ich möchte noch ein wenig über das Verbot von Namenswitzen nachdenken, aber auch mein Bedürfnis, mich mit prekär getauften Menschen zu befreunden, um sie gegen Spott zu verteidigen.

* * *

Die Wiener Gärtnerei, die schon mit dem frechen Nepp „Damenerde“ ungut auf sich aufmerksam gemacht hat (weniger Inhalt, damit die Frauen nicht so schwer tragen müssen, kostet aber mehr als „Männererde“), bewirbt jetzt „Tannenzapfen gefrostet“ (=lieblos mit Spray geweißt) unter dem Namen „Minki“.



24. November

Schlechtes Gewissen, weil ich den Spatzen den abgelaufenen Bio-Quinoa wegesse (war zu faul, um rechtzeitig frische Lebensmittel ins Haus zu tun).


25. November

orf.at informiert über eine Omanerin, die 480 Katzen und 12 Hunde zuhause hat, weil die Tiere „treuer als Menschen“ seien, die ja wirklich untreue Luder sind und neben dir noch 491 andere haben.

* * *

Eine Freundin erzählt vom Versuch, das Haar im Londoner „Toni & Guy“ geschnitten zu bekommen. Die Coiffeuse schaut grämlich darauf, schneidet zweimal hinein und sagt, die Freundin müsse sich eine andere Stylistin suchen, man passe nicht zusammen.


27. November

Coala schaut meinen Instagram-Account an und sagt, da sehe es so aus, als führe ich das schönste Leben. „Ah, da! Hautkrankheiten sind eh auch dabei.“

* * *

Aus „Falke“, von Helen Macdonald: Der Name bezieht sich immer auf das Weibchen, das stets um ein Drittel kleinere Männchen trägt den Zusatztitel „Tercel“. Falkner bringen diese durch artige Verbeugungen und Futtergaben dazu, sich in sie zu verlieben. Ziel der Übung ist, dass der Tercel einen speziellen Spermienauffanghut begattet. Deswegen sprechen Falkner auf Parties nicht gerne ausführlich über ihren Beruf.


29. November

Seit ich graue Haare habe, kann ich zu Männern, meinem verbindlichen Naturell entsprechend, freundlich sein, ohne dass sie dadurch anlassig werden.


3. Dezember

Die Landeszuständige für Literaturförderung fragt mich am Telefon, ob sie mich gerade störe, bevor sie mir eröffnet, dass mir soeben das Stifterstipendium zuerteilt ward; ich halte dabei einen gelben Sack in der Hand, der deutlich nach schlecht abgewaschenen Joghurtbechern riecht. Diese Information darf nie in die Finger der späteren Germanistik geraten, sonst geht die Aura meiner Kunstwerke flöten.

* * *

Das Knallen der Glocks im Hip Hop ist die Zithermusik der Servus-TV-Heimatleuchten-Dokus.

* * *

In einer Zoosendung wird über eine Flamingodame berichtet, die mit 57 noch ein Küken bekommen hat, ich will nicht googeln, ob das möglich ist, um das Staunen nicht zu verlernen. Dann muss die 24-jährige Tapirin „Jenny“ im Kreis ihrer Lieben euthanasiert werden. Geweint.


4. Dezember

Auf Zoom sollte ich heute etwas Seriöses moderieren und brauchte drei Minuten, um den Hintergrund zu ändern, während derer von mir nur die Entschuldigungen murmelnden Lippen im weißen Torso eines Pinguins zu sehen waren.

* * *

Namibia verkauft insgesamt 170 Elefanten, aber nur in Herden. Hoffentlich kommt es jetzt zu Weihnachten nicht zu unüberlegten Tiergeschenken.


5. Dezember

Besprechung für die große Glitzershow im Medienkulturhaus, Boris schlägt vor, einen bunten Abend zu gestalten, in dem wir alle zeigen, was wir können. Wir sagen „Super!“, dann schweigen wir, weil niemand etwas kann. „Ich kann den Trick mit der Nase, wo man so knackt, als sei sie gebrochen“, sagt Boris schließlich – eine Sekunde vor mir, denn das ist auch mein Pony-Trick.


6. Dezember

Deutlichster Beweis, dass man erwachsen geworden ist: nicht mehr jedes Bier trinken, das man gratis angeboten bekommt.

* * *

Michel Houellebecqs überraschende Hommage an das weibliche Geschlecht. #whenyouseeit #zeit






10. Dezember

Mit dem neuen Haar schnüre ich jetzt wieder so fresh durch Linz wie ein geiler koreanischer Profikiller.


13. Dezember

  • Eine Sprache mit Zahlen von 1 bis 4, alles weitere ist „viele“

  • Eine Sprache, in der alle größeren Tiere nur mit Gebärden bezeichnet werden dürfen

  • Eine Gebärdensprache nur für trauernde Schwiegermütter

  • Eine reine Schriftsprache zum Trost für soeben verheiratete Frauen

  • Eine Sprache, in der Menschen und Elefanten sich ein Geschlecht teilen, kleine Tiere, Flüssigkeiten und Mengen gehören zu den anderen vier

  • Eine Sprache ohne ichbezogene Raumwörter, das entsprechend stehende Bein ist z.B. das „südliche“.

Aus: „Atlas der verlorenen Sprachen“.


15. Dezember

Ich schmücke das Haus nur weihnachtlich, damit die Alten eine Freude haben.

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Dem Mann, den ich sehr gut kenne, kaufe ich ein Fliegenbinde-Einstiegsset voll buntem Krimskrams – Hasenohren, Leuchtfäden, Goldperlchen, Neonfarben – , das den Eindruck erweckt, als sei die Unterwasserwelt eine glamouröse Transen-Bar für nicht heterosexuell liebende Fische wäre.


16. Dezember

Mein Bankberater fragt mich, „was ich eigentlich beruflich mache“, dann schaut er sich mein Konto an. Eine unbehagliche halbe Stunde.


18. Dezember

Der schönste Anblick im tobenden Einkaufs-Irrsinn ist der junge, sehr große Hund, der sich raumgreifend am Boden des Thalia wälzt, die Besitzerin rollt resignierend ihre Augen.


22. Dezember

In Nieselregen und PMS sinnlos auf der Piste die Wurzeralm hinauf, dafür muss ich auch noch depperte 10 € bezahlen, wäre ich nur daheim geblieben. Ich überhole zwei Frauen, die mich anhalten und bitten, ein Foto von ihnen zu machen. Es sind Mutter und Tochter, sie gehen gerade die erste Skitour seit der Krebserkrankung der Tochter. Sie strahlen statt der Sonne, und ich bedanke mich, das Foto machen zu dürfen.


24. Dezember

Vor der Bescherung warten alle geduldig und gemeinsam auf das Ergebnis des Covid-Tests. So können auch die Herren ein Einblick in die Schwangerschaftstestangst gewinnen.

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Eine meiner allerliebsten Freundinnen stellt das Bild ihres Weihnachtsbaumes in eine Whatsappgruppe, er ist unglaublich hässlich, rotes und blaues Lametta liegt so ungestalt auf dem krummen Gewächs, das es aussieht wie das Modell eines krankhaft missbildeter Herzkranzgefäße. Vergebens suche ich nach Anzeichen von Ironie und verzichte mit viel Disziplin auf Spott. Auch den anderen muss es so gehen, unkommentiert bleibt der Unbaum im Chat stehen wie ein weißer Elefant.


27. Dezember

Symbolbild "Urlaubsdestination 2020" (when you see it)


28. Dezember

Martin Fritz: „There's no business like no business!“


29. Dezember

Ich bin die Frau, die 2020 unfallfrei klettert, Holz hackt, über scharfe Felsen stapft, virenfrei bleibt, aber sich beim Geschirrtuchzusammenlegen grad noch fest ins Aug gehaut hat. Prosit 2021.