Dienstag, Juli 01, 2025

Hochflüchtiger Troll, hochfliegende Geier, hochtrabender Unsinn

Lebenskrimskrams im Juni 2026


1.6.

Leichte Reparaturarbeiten an Garten und Körper.

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Wankelmütige Jedi-Ritter: Maybe the Force with you

2.6.

Jemand übergibt mir ein ziemlich dickes Manuskript, „das ist bei deinem Leseforum bestimmt gut aufgehoben“, Es sind die Vertreibungs-Memoiren einer 90-Jährigen Sudetendeutschen. 

3.6.

Weil ich dumm bin, habe ich beim Willemer-Preis den ganzen Roman eingereicht, samt Korrekturanmerkungen. Die freundlichen Damen von der Linz-Kultur weisen mich darauf hin, dass es bloß 18.000 Zeichen sein sollten. Hastig und schlampig schneide ich Passagen heraus und kränke mich dabei, wie leicht die Wörter aus dem Text fliegen. [Nachtrag Februar 2026: In ihrer „Poetikvorlesung“ schwärmt Barbi vom Streichen, am liebsten werfe sie alles raus, sie sei die Marie Kondo des Schreibens!] Ich merke selbst, dass ich mich stellenweise geplagt hatte, auf Romanlänge zu kommen. Aber so bin ich – wenn ich den Preis nicht bekomme [so ist es auch, 2026], kann ich mich vor mir selbst auf die Schlampigkeit rausreden.

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Der Nachbarbub steht vor dem verschlossenen Haus, und es wurmt mich enorm, dass mir dieses Mal kein Einbruch für den guten Zweck gelingt. 

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Ein Buntspechtpaar schmust im Kirschbaum.

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Hellwach“ im Programmkino, der Film über Bodo Hell. Ich bin extrem kurz bei seinem Auftritt beim experiment literatur zu sehen. Die Kürze kränkt mich keineswegs, aber es hätte an diesem Abend den sehr viel schöneren Dialog zwischen Julia Jost und ihm zu zeigen gegeben. Es ist immer schön, Bodo beim Leben zuzusehen. „Ein Schriftsteller ist einer, der nichts zu sagen hat, also schreibt er es auf. Der ist als Kind einmal nicht zu Wort gekommen.“

4.6. Kleiner Rinner

Vor fünf Jahren war ich um diese Zeit noch auf der Tauplitz auf Ski unterwegs, heute eröffne ich offiziell meine Sommersaison. Wahrscheinlich bin ich die erste, die heuer über das „Kaltwasser“ heraufsteigt. Ich für meinen Teil bin überhaupt zum ersten Mal hier, es ist recht wild. Oben schaue ich sehnsüchtig ins Paradies hinüber, in dem ich ja schon sitze. Noch etwas mehr als fünf Wochen bis zum Grundlsee.

Die liebevollen Verschönerungen auf den Mistkübeln am Ostufer des Offensees: „Te quiero!“

5.6.

Es sei für ihn das Schrecklichste, dass er täglich im 6:30 Uhr aufstehen müsse, sagt der Zahnarzt, „do muass i ois im Liegn mochn, s'Zähndputzn und s'Frühstück, erst zum Duschn steh i auf!“ Ohne seine Frau, die gern um 5 Uhr aufstehe, könne er nicht weiter. „I gib' ihr eh ois zruck, owa in da Fruah brauch' i's!“

6.6.

Derzeit keine größeren Probleme. Das ist derzeit auch mein größtes Problem, aber nur in neurotischer Sorge, dass ich ohne große Probleme keine große Kunst schreiben kann.

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Nur ein paar Sätze Gospodinov und ich bin schon ganz eingenommen, auch wenn es wehtut: „Der Tod und der Gärtner.“

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Langes Schnattern mit den Damen, Biertrinken mit den Herren. Es könnte alles ganz leicht sein.


7.6. Steyr

Jana Volkmann unterhält sich mit dem Star der Veranstaltung, Martina Hefter, die mir nicht nur deswegen sofort sympathisch ist. Jana ist natürlich enttäuscht, dass Fini nicht mit ist, bekommt aber einen Teil des Honorars in Walnüssen ausbezahlt, für ihre Eichkatzen in Ottakring. Eva Lugbauer erschrickt ein wenig, als ich „Kritik“ ankündige – ich täusche Fassungslosigkeit vor, dass sie „Nirvana“ im Buch als die schreckliche Bubenmusik bezeichnet.

Wie schön, Sabine Scholl kennen zu lernen. Ich möchte sofort von ihr adoptiert werden. Irgendwann veranstalte ich den Welser*innen, die es in die Literatur verschlagen hat, einen Abend, bei dem sie über ihre HAK-Traumata sprechen können, Scholl hat ja mit dem Buttinger und Günther Kaindlstorfer gemeinsam etwas zu verarbeiten. Beim Essen hängen alle an ihren Lippen. Auf Einladung Südkoreas sei sie einmal nach Nordkorea gereist, wo 100 westliche auf 100 östliche Dichter*innen treffen sollten. Unter den ersteren war etwa der Nobel-Laureat Wole Soyinka. Leider hatten die nordkoreanischen Dichter allesamt keine Zeit, da der Geburtstag Kim Jong Ills anstand und sie ihm dringend Gedichte zu schreiben hatten. Scholl sagt, es sei eine höchst bizarre Reise gewesen; kein Extra-Schritt war erlaubt, zu essen gab es Unmengen an Fleisch, während draußen eine Hungersnot herrschte. Einmal sei sie ein wenig zu spät aus dem Hotelzimmer getreten – das ganze Hotel war finster, um Strom zu sparen. „Es war streng verboten, etwas mitzunehmen, aber alle haben etwas eingesteckt, Steine, Blätter, Zweige, irgendwas.“


8.6. Meggenhofen

Weil wir faule Leut sind und es engagiert regnet, hoffen wir noch ein wenig, dass das Jazzkonzert abgesagt wird. Wie wir an diesem grauen Pfingstsamstag im grauen Kombi sitzen, richtet der Buttinger streng das Wort an mein graues Haupt: „Do spüt des Upper Austrian Jazz Orchestra, des is nämlich schon a KUNSTGENUSS!“ „Ja, Vater.“ Dann sitzen wir müde und untermotiviert in der feuchten Kälte, mit Decken über den Knien. Aber oho! Das ist wirklich ein Kunstgenuss, sogar launig-ironisch moderiert, eine erquickende Dröhnung, eine Leistungsschau des Musikstandortes Oberösterreich.

Am Nachmittag sinken wir in einen so tiefen Mittagsschlaf, dass wir kaum noch daraus zurückfinden.

9.6.

Mein Facebook regt sich ordentlich über die „Klemm-Penismuseum-Debatte“ auf. Ich bin unendlich dankbar, dass ich nichts dazu sagen muss. Es finden sich sofort so viel Klügere, am klügsten die Sargnagel, die Leykam darauf hinweist, dass sie "transfeindliche Wichser" sehr wohl im Programm halten, sind halt Männer. Klemm hat ein paar sehr rührige Feind*innen. Und die von mir geschätzte Eva Reisinger sowie Fallwickl stehen ziemlich dumm da. Ich müsste viel lesen und alle fragen, bevor ich meinen Senf anbieten möchte, wie eine Staatsanwältin.

10.6.

Der Amok in Graz beendet die Klemm-Krise – ich wünschte, wir würden weiter über literarische Kinkerlitzchen zetern können.

Mein Leben geht ohne großes Zutun immer mehr in Richtung Eskapismus, oder es fühlt sich halt alles Nicht-Kämpferische jetzt so an, konkret heute das Heckenschneiden. Immerhin loben mich alle Nachbarinnen wieder dafür.

Immerhin alle Deadlines geschafft.

Ein seltsam verhangener Abend, wie ein trockener, warmer Nebel. Später erfahren wir, dass das der Rauch von Kanadas Waldbränden ist.

11.6. Wildenkogel über das Nestlerkar

Den Eskapismus ins Aktive wenden und wieder einen Weg abhaken wollen, auf dem sich fünf neue finden. Viele Stunden gehe ich durch lichten Wald und schaue wieder sehnsüchtig in den Süden. 

12.6. Neukirchen am Großvenediger

Anfahrt über den Salzachstausee, in dem eine halbe gebratene Sau liegt, vom Hund ignoriert, weil wir einen Stecken in der Hand halten.

Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass wir ganz tief bis zu einem Talschluss dem Gebirge auf die Pelle rücken, dabei ist nur die Bahnlinie kaputt.

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Nach der Eröffnung trinken alle Bier beim Pferdestall. Der Wirt heißt Engelbert und hat wehendes Brusthaar. Ab 23 Uhr freut es ihn nicht mehr, was auch sein gutes Recht ist. 

13.6.

Wir bekommen eine Liftkarte, mit der wir gratis in die Berge gondeln dürfen. Geier kreisen über uns viel zu vielen Touris, von denen etliche auf den letzten Metern zum Wildenkogel (schon wieder!) hinauf so schwer keuchen , dass die Geier sich wohl Hoffnungen auf deren Kadaver machen.

Später wird mir ein redseliger Einheimischer sagen, „Geier?! Do? Na, des glaub i net.“

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Peter Hodina erzählt uns eine sehr gute Tapirgeschichte: Als weitum bekannter Fetischist erging an ihn die Nachricht, dass ein Theater in Göttingen seinen Fundus versteigere, darunter ein präparierter Tapir. Ob er nicht interessiert sei. War er. Allerdings erwies sich das Präparat als komplett marod, auch von Insekten befallen. „Andererseits kommt dergleichen nie auf den Markt“, weswegen Hodina sich an die hiesige Uni wandte, um auf den Zoo des Theaters hinzuweisen. Dort müssen unangenehme Menschen sitzen, denn bald sah sich Peter mit dem Vorwurf der Hehlerei konfrontiert, samt medialer Berichterstattung. Das nämlich kränkte ihn besonders, dass er nur als „ein Österreicher“ bezeichnet wurde, nicht zumindest als „österreichischer Autor“ oder gar als „Salzburger Tapirfetischist“.

Überhaupt ist das Treffen Koth Afzelius/Hodina & Buttinger/Meindl sehr erfreulich. Die Hündinnen toben miteinander, weil Chili Finis Gebitche einfach nicht ernst nimmt.

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Zum Glück bin ich nicht eifersüchtig auf meine eigenen Texte: Der über den glücklichsten Tag auf Gut Aiderbichl sticht den Roman immer komplett aus.

Florian Gantner und Martin Peichl sind überaus gute Literaturveranstalter. Auch Maria Piok ist eine super Typin. Sie stammt aus einem Dorf nahe Brixen und kann nicht skifahren – wie auch Florian nicht, obwohl sein Vater Skilehrer und Reitstallbesitzer ist (reiten kann er auch nicht).

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Abends teilt uns Marc Carnal zum Vorlesen des Hörstücks „Die Hochzeit“ ein. Fini sticht uns mit ihrem Bellen zum richtigen Zeitpunkt (Stichwort: „Opa Klaus tritt in den Hundekot des Spitzes“) komplett aus. Zum Glück bin ich nicht eifersüchtig auf meinen eigenen Hund. Mich wird der ORF Salzburg nicht nach meinem Namen fragen, sie schon. 

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Martin und Florian kosten ein wirklich widerliches Energy-Bier von „Delirium“, in das man sich vor einem zweiten Schluck gleich flüchten möchte.

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Morgen reist Anna Weidenholzer an, womit der Rekord an gleichzeitig anwesenden Gatt*innen gebrochen wird. 

14. Juni

Der Herrensteig entfaltet eine überraschende Pracht, sobald das Skigebiet aus den Augen ist. So stelle ich mir Schottland vor. Auf solchen Wegen ohne viel Steigung kommt man weit. Es gelingt ein sehr guter Mittagsschlaf auf dem Laubkogel, und zu den Lesungen komme ich nicht sehr viel zu spät. Unten im Tal ist es schon extrem heiß.

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Anna schenkt mir polnische Katzenzungen, ich revanchiere mich mit einer Pferdetragtasche.

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Maria Piok erzählt dann im Pferdestall, dass ein Kulturvermittler einmal Ljuba Arnautovic mit Julya Rabinovich verwechselt habe: „Das bin ich nicht.“ Er sagte dann tatsächlich „Doch!“

Wir essen Pommes und trinken Bier. Eine richtige Sommernacht schon. Im Gebirge blitzt es.

15.6.

Urlaubsschichtwechsel: Die Dichter*innen reisen ab, herein dröhnen die Biker. Vielleicht bringen die im Suff mehr Umsatz, angenehmer im Stadtbild werden aber wir gewesen sein.

Anna und ich zögern den Abschied lange hinaus. Sie erzählt, dass der Bub jetzt viel über den Tod sprechen wolle. Dabei sei ihm die Reihenfolge sehr wichtig. In der Nussecke des Hofers fragte er etwa: „Stirbst du früher oder der Papa?“ Im Kindergarten wurde im Übrigen kritisiert, dass er ab und zu Dialekt spreche.

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Overtourism an den Krimmler Wasserfällen. Wir zahlen 8 € fürs Parken und dann noch 9 € für uns selbst. Buttinger hat da keine Amortisierungszwänge, wir spazieren hin und dann gleich wieder zurück. Es ist auch wirklich kein großer Genuss wegen der viel zu vielen anderen. Das Warenangebot erinnert an das von Hallstatt, nur die Spazierstöcke mit geschnitzten Tierknäufen ist mir neu. Die Attraktion selbst ist wirklich attraktiv, und auch ich füttere die sozialen Medien mit Clips von Gischt und Fontänen.

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Der Kadaver liegt immer noch im Stausee vor Bad Reichenhall.

Landzeit Mondsee: Zwei kleine Eise to go um 9,20 €. 

Happy End im Singapur.


16.6. All- und Montag

Ein stark prokrastinationsanfälliger Tag, die Reise hallt innerlich immer einen Tag nach.

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In der Kletterhalle weiche ich schamvoll der Horde von 7a-Boulderern aus.

17.6.

Ein Tag, den ich ganz dem Schreiben widmen kann – und soll, drei Lesebühnentexte fehlen noch. Nach einem halben springe ich auf und renne hinaus, um den Kotoneaster zu schneiden. Sofort „springt“ die Nachbarin auf, ich ziehe sie magisch aus ihrer Küchenbeobachtungsstation. Als Beitrag zu unserem very small talk sage ich, wie schade es sei, dass ich heuer zu spät dran für den Holler gewesen sei. „Wos hedsd n gmocht midm Holler?“ „Saft.“ „Ah, do bisd zschbod drau!!!“ Es ist halt ihr Terrain, sie würde mir dafür wohl poetologisch nichts dreinreden. Sobald sie weg ist, kommt die andere daher, sie und ihr Vater scheitern mit der Anhängekupplung. Ich „repariere“ sie mit WD-40-Spray. Weitere Arbeitsschritte auf der Flucht vor der echten Arbeit: Nussgeist angesetzt. Bei Schönwetter muss ich mir wirklich jede Schreibminute einzeln abringen.

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Das einzig "Gute" an den schlechten Zeiten ist, dass Menschen jetzt öfter kleine existenzielle Sinnkrisen erleiden und dem Irrglauben unterliegen, dass ich als studierte Philosophin da helfen könne (mehr als die WD-40-Entsprechung kriege ich da aber eh nicht hin. Egal).

18.6.

In der Nacht ganz ohne Alkohol intensiv von einem Aufenthalt in einer Hütte im Pinzgau geträumt, wo im Gegensatz zum Pongau Dürre herrsche. Dort treffe ich den erstaunlich tacken Jürgen Habermas, mit dem ich dann irgendwie was habe (Details erspart mir der Traum, danke). Danach besteht er darauf, mich mehrmals in die Luft zu werfen, um mir zu beweisen, wie vital er mit seinen 90 noch sei. Am Morgen muss ich auf orf.at lesen, dass ihm im echten Leben die Gattin verstorben ist. Was ist das!?

19.6.

Über den Drei-Türme-Grat auf das Warscheneck – man versteht die Katzen, hinauf geht’s besser als hinunter.


20.6.

Die Bacher verwandelt mein Haus in einen harmonischen Co-Working-Space.

sprichcode, Leonding:  Die sehr sympathische Stefanie Altenhofer wird von mir als „Wienerin“ anmoderiert, dabei stammt sie aus Vordernebelwald (ich google nicht, ob es das wirklich gibt). Sehr guter Typ auch der Bühnenkampfdozent Martin Brunnemann. Die Siegerinnen sehen alle fantastisch aus und sprechen wie Buchpreisträgerinnen.

Danach weiter zur Lesebühne, ich bin schon halbwegs tüchtig. Und in der Nacht halbwegs müde. 

21.6.

Wallner-Deckers zur Jause. Decker über seinen Kollegen Reinhard Winkler: „Ah, der is super, der kau, wos i ned kau: Menschn!“ Nach unserer Abfahrt geht er unbemerkt durch den Garten und verwandelt meine Schlamperei hinter meinem Rücken in Kunst.

Der Tag gelingt uns ganz gut, er endet mit „5/8“ im Schl8hof. Zum Lesen kommt man halt nicht – der ZEIT-Turm für den Grundlsee wächst rapide, bald hab ich so einen Turm hinterm Kasten stehen, weibshoch. 

22.6.

Im Zug: „Die wilden Kerle san massiv underrated!“ Ich stimme den jungen Erwachsenen innerlich massiv zu.

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Ein einäugiger, walzenförmiger Hund bleibt stehen und lässt sich gnädig streicheln, am anderen Ende der Leine erblicke ich da erst ein wirklich hübsches Kind, das mir den Hund gleich schenken will.

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Insgesamt ein recht angefülltes Wochenende. Das Leben ist schön, macht aber viel Arbeit.

23.6. 

Es gibt eine Medienwissenschaftlerin namens Mercedes Bunz. Unvergessen Coalas Arbeit als Hochzeitsverkünderin in einem Mitarbeitermagazin, in dem Frau Mercedes ihren neuen Namen bekannt gab: Fenz.  

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Der Garten sieht aus wie ein Erdbeerland für Ringelblumen.

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Im Mailfach eine Anfrage aus Albanien, die ich zuerst für sehr personalisierten Scam halte, dabei werde ich wirklich von der österreichischen Botschaft gefragt, ob ich ein Monat in Tirana verbringen wolle. Ich schäme mich für meinen leicht chauvinistischen Reflex und fühle mich geehrt, aber weil ich keinen Hund mitnehmen kann, muss ich absagen. #karrierekiller #dog

24.6.

PMS + fest den Kopf anhauen = es ist schon aus geringerem Anlass ein Krieg erklärt worden! Aber immer wieder überraschend, wie ein Gang zur Donauküste die Stimmung mildert. Das Kraftwerk öffnet eine Schleuse, es spürt meine kleine innere Drangsal und macht Brandungs-Mimikry im Kies. Irgendjemand hat mit Steinen „LOVE“ auf den Strand gelegt. Wenn ich wirklich einmal das Scheißsystem anzünden soll, muss ich auf diese Selbstregulierung verzichten.

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Das Leben besteht derzeit aus Zutexten und Zugetextetwerden.

25.6. Mi

Langsam das Gefühl, dass sich schon alles irgendwie ausgehen wird, zumindest bis zum Grundlsee. Wenn nicht, scheißt der Hund drauf. Es ist aber jetzt schon zu heiß. Wie immer der Eindruck, dass Klima und Klimakterium Hand in Hand gehen in meinem Temperaturempfinden.

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Pellini beim experiment litertatur. Es muss so absurd sein, einen Spiegel-Bestseller geschrieben zu haben. Sie erzählt, dass mehr als 13 Verlage auf ihrer Dacke gestanden seien, ein richtiges Vortanzen sei das gewesen. Ich frage scherzhaft ins Publikum, ob wir schon jemals so jemanden Exotischen wie eine Alemannin zu Gast hatten, ob das unsere erste sei. „Tumiko Asawa!“, ruft Wawo, und ich: „Nein, Alemannin, nicht Ausländerin.“ „Asso.“

Beim Abhängen im Park erzählt K. später, wie sehr sie der Mercedes-Stern in Bad Aussee erschüttert habe. Sie hat jahrelang viele Jahre ihrer Jugend dort verbracht. Ein Schwarm habe in einer Mercedes-Werkstatt gelernt, weswegen er der Bande beibringen konnte, wie man am besten Sterne brockt. „Und dann das!!!“

26.6.

Max Höfler macht bei den #tddl Schönes – alleine das Video! Wie immer der innerliche Riss, ob ich dort nicht hinwollen oder panisch fortbleiben sollte. The horror, the horror.

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Beim Schreiben der X-BLATT-Geschichte „Töten im Gebirge“ gerate ich an den E-Reader für waidgerechtes Schießen. Dort gibt es Tabellen mit den Bewegungsarten der Wildarten: „hochflüchtiger Troll“.

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Die Herren bouldern im Fernsehen, ich sehe wieder mit nassen Händen zu. Mit Schwerkraft hat das schon lange nichts mehr zu tun.

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Hey, guten Morgen, wie geht es dir“: Hefter ist eine gute (SUPER!) Autorin und eine gute Person.

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In der Nacht setzt ein schwerer, willkommener Regen ein. Mir träumt es eine Action-Geschichte mit B. Cumberbatch. Es geht ein wenig ums Klettern und um einen vermeintlich verlassenen Bauernhof, auf dem wir uns versorgen. Plötzlich ist da der Vater, vergnügt sagt er, die Bäuerin sei gekommen und habe ihm gesagt, wo das Bier sei. Endlich träume ich von den Eltern nicht mehr rein neurotisch.

27.6.

Zirrhose-Wolken

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Ich hätte die Lesebrillen der Eltern doch nicht so schnell an die Dritte Welt spenden sollen.

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Besser wär's, auch beim Schreiben den Frack zu tragen, als Rüstung gegen die Selbstzweifel – oder ist das dumm? Die sind ja im Inneren des Körpers. Ich möchte so erfolgreich werden, dass die Leute diese Phantomereignisse noch lieber lesen, als ich sie schreibe.

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Unwort der Woche: „depublizieren“ – Maxim Billers Kolumne in der ZEIT wurde gecancelt (hab' aber vergessen, weswegen; irgendwas mit Israel und Nazis wohl).

28.6. Sa

Lesebühnen-Sommerschluss-Gselligkeit. Immer wieder überrascht die Lieblichkeit der Ansfeldner Aussicht auf Linz und das Mühlviertel. Monet schuftet für uns in seinem Garten, er steht in der Hitze am glühenden Pizzaofen und ernährt auch noch die Nachbarschaft. 

Totales Overeating, aber am

29.6.

vergesse ich die Wanderjause. Erstaunlich, wie weit man mit zwei Pizzen am Vorabend und einem Packerl Mannerwafferl kommt (konkret auf den Pyhrner Kampl). Bis zur Zellerhütte hinauf bin ich Teil der Ameisenstraße, ab der versteckten Abzweigung ins Loigistal hinüber, bis zum Gipfel und bis hinunter zu den Schafferteichen dafür Wildnis und Einsamkeit. Nur beim Mittagsschlaf auf dem Gipfel irritiert mich Musik, ich brauche lange, bis ich gneiße, dass die Gleitschirmflieger hoch über mir Musik hören.

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Grillen bei Freunden in Wels. Die sehr viel sportlichere A. und ich plaudern über unsere Bergtouren. Dann knickt die Arme im Garten so unglücklich in eine ganz seichte Bodenwelle, dass sie sich den Mittelfußknochen bricht (und das nüchtern!). 

30.6. Salzburg

Für originelle Gedanken ist es jetzt zu heiß.

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Es ist gerecht, dass auch in Salzburg das grobe Volk den Bahnhof säumt. Ein herrenloser Schaufensterpuppenkopf liegt im Brunnen.

Literaturhaus: Acht Lesende beschreiben vier Gewaltfantasien. Liegt das am bürgerlichen Salzburg? Dabei sind alle sehr, sehr nett im persönlichen Umgang. 

Meine vorletzte Moderation vor dem Urlaub, und ich liege um 22:15 Uhr im Bett. <

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