Dienstag, Dezember 08, 2009

Der Krampus ist ein Prolet. Oder: Der Kapitalismus hat gesiegt.

Als ich jüngst zum Volke, also zu euch, sprach "Gibt's noch irgendwelche Fragen?", da ereilte mich das Gesuch um Erhellung in Sachen Knecht Ruprecht. Gut, wenn denn eure übrigen existenziellen Probleme alle gelöst sind, widme ich mich gerne auch Brauchtumsfragen.

Abb. 1: Krampus, in manchen Teilen Oberösterreichs auch oft als "Würgengel" dargestellt

Zumal der Thematik delikate Weisheiten innewohnen. Es fällt auf, dass der zottelige Personalvertreter von unten stets mit einem gut gebürsteten von den Guten einhergeht, bekannt unter dem Namen "Nikolaus". Ihre strenge Auslegung des "Good Cop, Bad Cop"-Prinzips beruht auf der manichäischen Licht-Schatten-Dualität.
Hegel sah im dynamischen Duo den Ausgangspunkt seiner Herr-Knecht-Dialektik: Krampus und Nikolo befinden sich in einem Kausalnexus gegenseitiger Abhängigkeit. Marx übernahm von hier und erkannte den möglichen Ausbruch der finalen Revolution. Sobald nämlich der proletarische Knecht Ruprecht durch einen qualitativen Sprung zu einem kritischen Bewusstsein gelange, gelinge der Umsturz der bourgeoisen Nikoloherrschaft.

Abb. 2: Nikkolo

Mit dem Ende des real existierenden Sozialismus zerschlug sich diese Hoffnung auf eine herrschaftsfreie Adventgestaltung. Und so fungieren in Zeiten postmoderner Beliebigkeit Krampus und Nikolo nur noch als Ventil für gutmenschlich übermotivierte Erziehungsberechtigte: "Du willst nicht Geige üben? Gut, ich respektiere diesen Ausdruck deiner Individualität, aber wird der Krampus das auch so locker sehen? Und wird der Nikolo dann die neue Xbox einem kleinen Japaner schenken, der gerne übt?"
Das haben wir davon: outgesourcte Schwarz/Weiß-Pädagogik als postkapitalistische Vereinnahmung der Herr-Knecht-Dialektik.
Am Ende bleibt jetzt nur noch eine Frage ungelöst: Wo kriegt man heutzutage noch gutes Personal her? Antworten unter 1136 Wien, Kennwort "Kasperlpost" oder hierorts im Kommentarteil.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

:D
^^würde ich deine blogs nicht so sehr lieben ... dann würde ich sie nicht lesen mit meinen augen und darüber lachen mit meinem mund, also eigentlich mit meinem herzen bzw mit meiner seele oder meinen bauchmuskeln weil durch den mund kommt nur das geräusch und auch nur deswegen weil die stimmbänder dort angesiedelt sind ...
eine frage hab ich noch, wie heißt sein buch und der herr nochmal, der beim 1. text and the city aus einem kapitel seines lustigen schund-groschen-romans vorgelesen hat??
kk

Minkasia hat gesagt…

Wenn meine Worte mit anderer Leute Bauchmuskeln rezipiert werden, dann sag' ich dazu nur: Jauchz!

Meinten Herr/Frau Ano Nym etwa "Doktor Proktor" des Herrn Button?

Anonym hat gesagt…

Herrlich! Auch ich hab mir dieses Jahr gründliche Gedanken über die pädagogische Wirkung von Good/Bad Cop gemacht und nun hab ich endlich die Erleuchtung. Danke!